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                <title>Der Untertan</title>
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                <publisher>Project Gutenberg</publisher>
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                  You may copy it, give it away or re-use it under
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                <resp>Produced by <name>Jana Srna</name>, <name>Jens Sadowski</name>
                    and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net</resp>
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<docImprint><publisher>Kurt Wolff Verlag</publisher>
<lb/><pubPlace>Leipzig-Wien</pubPlace></docImprint>    
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<pb/><anchor id='Pgf0002'/>        
        <p rend="margin-top:3">Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914</p>
        
        <p rend="margin-top: 3">Vierundfünfzigstes bis zweiundachtzigstes Tausend</p>
        
        <p rend="margin-top: 1">Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig<lb/>
            Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1918</p>
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<index index="pdf" level1="I"/>
<pb n='5'/><anchor id='Pgp0005'/>

<head>I.</head>

<p>
Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten
träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den
Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die warme Stube,
im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen
der Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und
Fliederbäumen das hölzerne Fachwerk der alten Häuser
stand. Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem geliebten
Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben
ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen,
halb so groß wie er selbst! Oder an der Mauer dort drüben
stak bis zum Bauch in der Erde ein Gnom und schielte her!
</p>

<p>
Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater,
und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte
ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich
so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult
umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock
von der Wand nahm. Jede nicht herausgekommene Untat
mischte in Diederichs Ergebenheit und Vertrauen
einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden
Bein die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn
wie toll in die Hände – worauf er weglief.
</p>

<p>
Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht
und unter Geheul an der Werkstätte vorbei, dann lachten
die Arbeiter. Sofort aber streckte Diederich nach ihnen
die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewußt: „Ich
habe Prügel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr
wäret froh, wenn ihr auch Prügel von ihm bekommen
könntet. Aber dafür seid ihr viel zu wenig.“
</p>

<pb n='6'/><anchor id='Pgp0006'/>

<p>
Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein launenhafter
Pascha; drohte ihnen bald, es dem Vater zu melden, daß
sie sich Bier holten, und bald ließ er kokett aus sich die
Stunde herausschmeicheln, zu der Herr Heßling zurückkehren
sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal:
er kannte sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Büttenschöpfer
gewesen in den alten Mühlen, wo jeder Bogen
mit der Hand geformt ward; hatte dazwischen alle Kriege
mitgemacht und nach dem letzten, als jeder Geld fand,
eine Papiermaschine kaufen können. Ein Holländer und
eine Schneidemaschine vervollständigten die Einrichtung.
Er selbst zählte die Bogen nach. Die von den Lumpen
abgetrennten Knöpfe durften ihm nicht entgehen. Sein
kleiner Sohn ließ sich oft von den Frauen welche zustecken,
dafür, daß er die nicht angab, die einige mitnahmen.
Eines Tages hatte er so viele beisammen, daß ihm der
Gedanke kam, sie beim Krämer gegen Bonbons umzutauschen.
Es gelang – aber am Abend kniete Diederich,
indes er den letzten Malzzucker zerlutscht, sich ins
Bett und betete, angstgeschüttelt, zu dem schrecklichen
lieben Gott, er möge das Verbrechen unentdeckt lassen.
Er brachte es dennoch an den Tag. Dem Vater, der
immer nur methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf
dem verwitterten Unteroffiziersgesicht, den Stock geführt
hatte, zuckte diesmal die Hand, und in die eine Bürste
seines silberigen Kaiserbartes lief, über die Runzeln hüpfend,
eine Träne. „Mein Sohn hat gestohlen“, sagte er
außer Atem, mit dumpfer Stimme, und sah sich das
Kind an wie einen verdächtigen Eindringling. „Du betrügst
und stiehlst. Du brauchst nur noch einen Menschen
totzuschlagen.“
</p>

<p>
Frau Heßling wollte Diederich nötigen, vor dem Vater
<pb n='7'/><anchor id='Pgp0007'/>hinzufallen und ihn um Verzeihung zu bitten, weil der
Vater seinetwegen geweint habe! Aber Diederichs Instinkt
sagte ihm, daß dies den Vater nur noch mehr erbost
haben würde. Mit der gefühlsseligen Art seiner Frau
war Heßling durchaus nicht einverstanden. Sie verdarb
das Kind fürs Leben. Übrigens ertappte er sie geradeso
auf Lügen wie den Diedel. Kein Wunder, da sie Romane
las! Am Sonnabendabend war nicht immer die
Wochenarbeit getan, die ihr aufgegeben war. Sie klatschte,
anstatt sich zu rühren, mit dem Dienstmädchen ... Und
Heßling wußte noch nicht einmal, daß seine Frau auch
naschte, gerade wie das Kind. Bei Tisch wagte sie sich
nicht satt zu essen und schlich nachträglich an den Schrank.
Hätte sie sich in die Werkstatt getraut, würde sie auch
Knöpfe gestohlen haben.
</p>

<p>
Sie betete mit dem Kind „aus dem Herzen“, nicht nach
Formeln, und bekam dabei gerötete Wangenknochen.
Sie schlug es auch, aber Hals über Kopf und verzerrt von
Rachsucht. Oft war sie dabei im Unrecht. Dann drohte
Diederich, sie beim Vater zu verklagen; tat so, als ginge
er ins Kontor, und freute sich irgendwo hinter einer Mauer,
daß sie nun Angst hatte. Ihre zärtlichen Stunden nützte
er aus; aber er fühlte gar keine Achtung vor seiner Mutter.
Ihre Ähnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm. Denn er
achtete sich selbst nicht, dafür ging er mit einem zu schlechten
Gewissen durch sein Leben, das vor den Augen des
Herrn nicht hätte bestehen können.
</p>

<p>
Dennoch hatten die beiden von Gemüt überfließende
Dämmerstunden. Aus den Festen preßten sie gemeinsam
vermittels Gesang, Klavierspiel und Märchenerzählen
den letzten Tropfen Stimmung heraus. Als Diederich
am Christkind zu zweifeln anfing, ließ er sich von der
<pb n='8'/><anchor id='Pgp0008'/>Mutter bewegen, noch ein Weilchen zu glauben, und er
fühlte sich dadurch erleichtert, treu und gut. Auch an ein
Gespenst, droben auf der Burg, glaubte er hartnäckig,
und der Vater, der hiervon nichts hören wollte, schien zu
stolz, beinahe strafwürdig. Die Mutter nährte ihn mit
Märchen. Sie teilte ihm ihre Angst mit vor den neuen,
belebten Straßen und der Pferdebahn, die hindurchfuhr,
und führte ihn über den Wall nach der Burg. Dort genossen
sie das wohlige Grausen.
</p>

<p>
Ecke der Meisestraße hinwieder mußte man an einem
Polizisten vorüber, der, wen er wollte, ins Gefängnis
abführen konnte! Diederichs Herz klopfte beweglich; wie
gern hätte er einen weiten Bogen gemacht! Aber dann
würde der Polizist sein schlechtes Gewissen erkannt und
ihn aufgegriffen haben. Es war vielmehr geboten, zu
beweisen, daß man sich rein und ohne Schuld fühlte –
und mit zitternder Stimme fragte Diederich den Schutzmann
nach der Uhr.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen
war, nach den Märchenkröten, dem Vater, dem
lieben Gott, dem Burggespenst und der Polizei, nach dem
Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot
schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war,
und dem Doktor, der einen im Hals pinseln durfte und
schütteln, wenn man schrie – nach allen diesen Gewalten
geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den
Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule.
Diederich betrat sie heulend, und auch die Antworten,
die er wußte, konnte er nicht geben, weil er heulen mußte.
Allmählich lernte er den Drang zum Weinen gerade dann
auszunutzen, wenn er nicht gelernt hatte – denn alle
<pb n='9'/><anchor id='Pgp0009'/>Angst machte ihn nicht fleißiger oder weniger träumerisch
– und vermied so, bis die Lehrer sein System durchschaut
hatten, manche üblen Folgen. Dem ersten, der es durchschaute,
schenkte er seine ganze Achtung; er war plötzlich
still und sah ihn, über den gekrümmten und vors Gesicht
gehaltenen Arm hinweg voll scheuer Hingabe an. Immer
blieb er den scharfen Lehrern ergeben und willfährig.
Den gutmütigen spielte er kleine, schwer nachweisbare
Streiche, deren er sich nicht rühmte. Mit viel größerer
Genugtuung sprach er von einer Verheerung in den
Zeugnissen, von einem riesigen Strafgericht. Bei Tisch
berichtete er: „Heute hat Herr Behnke wieder drei durchgehauen.“
Und wenn gefragt ward, wen?
</p>

<p>
„Einer war ich.“
</p>

<p>
Denn Diederich war so beschaffen, daß die Zugehörigkeit
zu seinem unpersönlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen,
menschenverachtenden, maschinellen Organismus,
der das Gymnasium war, ihn beglückte, daß die
Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur
leidend, teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des
Ordinarius bekränzte man Katheder und Tafel. Diederich
umwand sogar den Rohrstock.
</p>

<p>
Im Lauf der Jahre berührten zwei über Machthaber
hereingebrochene Katastrophen ihn mit heiligem und
süßem Schauder. Ein Hilfslehrer ward vor der Klasse
vom Direktor heruntergemacht und entlassen. Ein Oberlehrer
ward wahnsinnig. Noch höhere Gewalten, der
Direktor und das Irrenhaus, waren hier gräßlich mit
denen abgefahren, die bis eben so hohe Gewalt hatten.
Von unten, klein aber unversehrt, durfte man die Leichen
betrachten und aus ihnen eine die eigene Lage mildernde
Lehre ziehen.
</p>

<pb n='10'/><anchor id='Pgp0010'/>

<p>
Die Macht, die ihn in ihrem Räderwerk hatte, vor seinen
jüngeren Schwestern vertrat Diederich sie. Sie mußten
nach seinem Diktat schreiben und künstlich noch mehr
Fehler machen, als ihnen von selbst gelangen, damit er
mit roter Tinte wüten und Strafen austeilen konnte.
Sie waren grausam. Die Kleinen schrien – und dann
war es an Diederich, sich zu demütigen, um nicht verraten
zu werden.
</p>

<p>
Er hatte, den Machthabern nachzuahmen, keinen Menschen
nötig; ihm genügten Tiere, sogar Dinge. Er stand
am Rande des Holländers und sah die Trommel die
Lumpen ausschlagen. „Den hast du weg! Untersteht euch
noch mal! Infame Bande!“ murmelte Diederich, und in
seinen blassen Augen glomm es. Plötzlich duckte er sich;
fast fiel er in das Chlorbad. Der Schritt eines Arbeiters
hatte ihn aufgestört aus seinem lästerlichen Genuß.
</p>

<p>
Denn recht geheuer und seiner Sache gewiß fühlte
er sich nur, wenn er selbst die Prügel bekam. Kaum je
widerstand er dem Übel. Höchstens bat er den Kameraden:
„Nicht auf den Rücken, das ist ungesund.“
</p>

<p>
Nicht daß es ihm am Sinn für sein Recht und an Liebe
zum eigenen Vorteil fehlte. Aber Diederich hielt dafür,
daß Prügel, die er bekam, dem Schlagenden keinen praktischen
Gewinn, ihm selbst keinen reellen Verlust zufügten.
Ernster als diese bloß idealen Werte nahm er die Schaumrolle,
die der Oberkellner vom „Netziger Hof“ ihm schon
längst versprochen hatte und mit der er nie herausrückte.
Diederich machte unzählige Male ernsten Schrittes den
Geschäftsweg die Meisestraße hinauf zum Markt, um
seinen befrackten Freund zu mahnen. Als der aber eines
Tages von seiner Verpflichtung überhaupt nichts mehr
wissen wollte, erklärte Diederich und stampfte ehrlich
ent<pb n='11'/><anchor id='Pgp0011'/>rüstet auf: „Jetzt wird mir’s doch zu bunt! Wenn Sie
nun nicht gleich herausrücken, sag’ ich’s Ihrem Herrn!“
Darauf lachte Schorsch und brachte die Schaumrolle.
</p>

<p>
Das war ein greifbarer Erfolg. Leider konnte Diederich
ihn nur hastig und in Sorge genießen, denn es war zu
fürchten, daß Wolfgang Buck, der draußen wartete, darüber
zukam und den Anteil verlangte, der ihm versprochen
war. Indes fand er Zeit, sich sauber den Mund zu wischen,
und vor der Tür brach er in heftige Schimpfreden auf
Schorsch aus, der ein Schwindler sei und gar keine Schaumrolle
habe. Diederichs Gerechtigkeitsgefühl, das sich zu
seinen Gunsten noch eben so kräftig geäußert hatte,
schwieg vor den Ansprüchen des anderen – die man freilich
nicht einfach außer acht lassen durfte, dafür war Wolfgangs
Vater eine viel zu achtunggebietende Persönlichkeit.
Der alte Herr Buck trug keinen steifen Kragen, sondern
eine weißseidene Halsbinde und darüber einen
großen weißen Knebelbart. Wie langsam und majestätisch
er seinen oben goldenen Stock aufs Pflaster setzte! Und
er hatte einen Zylinder auf, und unter seinem Überzieher
sahen häufig Frackschöße hervor, mitten am Tage! Denn
er ging in Versammlungen, er bekümmerte sich um die
ganze Stadt. Von der Badeanstalt, vom Gefängnis, von
allem, was öffentlich war, dachte Diederich: „Das gehört
dem Herrn Buck.“ Er mußte ungeheuer reich und mächtig
sein. Alle, auch Herr Heßling, entblößten vor ihm lange
den Kopf. Seinem Sohn mit Gewalt etwas abzunehmen,
wäre eine Tat voll unabsehbarer Gefahren gewesen. Um
von den großen Mächten, die er so sehr verehrte, nicht
ganz erdrückt zu werden, mußte Diederich leise und listig
zu Werk gehen.
</p>

<p>
Einmal nur, in Untertertia, geschah es, daß Diederich
<pb n='12'/><anchor id='Pgp0012'/>jede Rücksicht vergaß, sich blindlings betätigte und zum
siegestrunkenen Unterdrücker ward. Er hatte, wie es
üblich und geboten war, den einzigen Juden seiner Klasse
gehänselt, nun aber schritt er zu einer ungewöhnlichen
Kundgebung. Aus Klötzen, die zum Zeichnen dienten,
erbaute er auf dem Katheder ein Kreuz und drückte den
Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz allem
Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte,
war der Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus
Arme ihm halfen, die überwältigende Mehrheit drinnen
und draußen. Denn durch ihn handelte die Christenheit
von Netzig. Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit
und einem Schuldbewußtsein, das kollektiv
war!
</p>

<p>
Nach dem Verrauchen des Rausches stellte wohl leichtes
Bangen sich ein, aber das erste Lehrergesicht, dem Diederich
begegnete, gab ihm allen Mut zurück; es war voll
verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen
ihre Zustimmung. Diederich lächelte mit demütigem Einverständnis
zu ihnen auf. Er bekam es leichter seitdem.
Die Klasse konnte die Ehrung dem nicht versagen, der
die Gunst des neuen Ordinarius besaß. Unter ihm brachte
Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher.
Wenigstens die zweite dieser Ehrenstellen behauptete er
auch später. Er war gut Freund mit allen, lachte, wenn
sie ihre Streiche ausplauderten, ein ungetrübtes, aber
herzliches Lachen, als ernster junger Mensch, der Nachsicht
hat mit dem Leichtsinn – und dann in der Pause,
wenn er dem Professor das Klassenbuch vorlegte, berichtete
er. Auch hinterbrachte er die Spitznamen der
Lehrer und die aufrührerischen Reden, die gegen sie geführt
worden waren. In seiner Stimme bebte, nun er
<pb n='13'/><anchor id='Pgp0013'/>sie wiederholte, noch etwas von dem wollüstigen Erschrecken,
womit er sie, hinter gesenkten Lidern, angehört
hatte. Denn er spürte, ward irgendwie an den Herrschenden
gerüttelt, eine gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas
ganz unter sich Bewegendes, fast wie ein Haß, der zu seiner
Sättigung rasch und verstohlen ein paar Bissen nahm.
Durch die Anzeige der anderen sühnte er die eigene sündhafte
Regung.
</p>

<p>
Andererseits empfand er gegen die Mitschüler, deren
Fortkommen seine Tätigkeit in Frage stellte, zumeist keine
persönliche Abneigung. Er benahm sich als pflichtmäßiger
Vollstrecker einer harten Notwendigkeit. Nachher konnte
er zu dem Getroffenen hintreten und ihn, fast ganz aufrichtig,
beklagen. Einst ward mit seiner Hilfe einer gefaßt,
der schon längst verdächtig war, alles abzuschreiben. Diederich
überließ ihm, mit Wissen des Lehrers, eine mathematische
Aufgabe, die in der Mitte absichtlich gefälscht
und deren Endergebnis dennoch richtig war. Am Abend
nach dem Zusammenbruch des Betrügers saßen einige
Primaner vor dem Tor in einer Gartenwirtschaft, was
zum Schluß der Turnspiele erlaubt war, und sangen. Diederich
hatte den Platz neben seinem Opfer gesucht. Einmal,
als ausgetrunken war, ließ er die Rechte vom Krug
herab auf die des anderen gleiten, sah ihm treu in die
Augen und stimmte in Baßtönen, die von Gemüt schleppten,
ganz allein an:
</p>

<lg rend="margin-left: 2">
<l>„Ich hatt’ einen Kameraden,</l>
<l>Einen bessern findst du nit ...“</l>
</lg>

<p>
Übrigens genügte er bei zunehmender Schulpraxis in
allen Fächern, ohne in einem das Maß des Geforderten
zu überschreiten, oder auf der Welt irgend etwas zu wissen,
was nicht im Pensum vorkam. Der deutsche Aufsatz war
<pb n='14'/><anchor id='Pgp0014'/>ihm das Fremdeste, und wer sich darin auszeichnete,
gab ihm ein ungeklärtes Mißtrauen ein.
</p>

<p>
Seit seiner Versetzung nach Prima galt seine Gymnasialkarriere
für gesichert, und bei Lehrern und Vater drang
der Gedanke durch, er solle studieren. Der alte Heßling,
der 66 und 71 durch das Brandenburger Tor eingezogen
war, schickte Diederich nach Berlin.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Weil er sich aus der Nähe der Friedrichstraße nicht fortgetraute,
mietete er sein Zimmer droben in der Tieckstraße.
Jetzt hatte er nur in gerader Linie hinunterzugehen
und konnte die Universität nicht verfehlen. Er besuchte
sie, da er nichts anderes vorhatte, täglich zweimal,
und in der Zwischenzeit weinte er oft vor Heimweh. Er
schrieb einen Brief an Vater und Mutter und dankte ihnen
für seine glückliche Kindheit. Ohne Not ging er nur selten
aus. Kaum, daß er zu essen wagte; er fürchtete, sein Geld
vor dem Ende des Monats auszugeben. Und immerfort
mußte er nach der Tasche fassen, ob es noch da sei.
</p>

<p>
So verlassen ihm um das Herz war, ging er doch noch
immer nicht mit dem Brief des Vaters in die Blücherstraße
zu Herrn Göppel, dem Zellulosefabrikanten, der aus Netzig
war und auch an Heßling lieferte. Am vierten Sonntag
besiegte er seine Scheu – und kaum watschelte der gedrungene,
gerötete Mann, den er schon so oft beim Vater
im Kontor gesehen hatte, auf ihn zu, da wunderte Diederich
sich schon, daß er nicht früher gekommen sei. Herr
Göppel fragte gleich nach ganz Netzig und vor allem nach
dem alten Buck. Denn obwohl sein Kinnbart nun auch
ergraut war, hatte er doch, wie Diederich, nur, wie es
schien, aus anderen Gründen, schon als Knabe den alten
Buck verehrt. Das war ein Mann: Hut ab! Einer von
<pb n='15'/><anchor id='Pgp0015'/>denen, die das deutsche Volk hochhalten sollte, höher als
gewisse Leute, die immer alles mit Blut und Eisen kurieren
wollten und dafür der Nation riesige Rechnungen
schrieben. Der alte Buck war schon achtundvierzig dabei
gewesen, er war sogar zum Tode verurteilt worden.
„Ja, daß wir hier als freie Männer sitzen können,“ sagte
Herr Göppel, „das verdanken wir solchen Leuten wie
dem alten Buck.“ Und er öffnete noch eine Flasche Bier.
„Heute sollen wir uns mit Kürassierstiefeln treten
lassen ...“
</p>

<p>
Herr Göppel bekannte sich als freisinniger Gegner Bismarcks.
Diederich bestätigte alles, was Göppel wollte;
er hatte über den Kanzler, die Freiheit, den jungen Kaiser
keinerlei Meinung. Da aber ward er peinlich berührt,
denn ein junges Mädchen war eingetreten, das ihm auf
den ersten Blick durch Schönheit und Eleganz gleich furchtbar
erschien.
</p>

<p>
„Meine Tochter Agnes“, sagte Herr Göppel.
</p>

<p>
Diederich stand da, in seinem faltenreichen Gehrock, als
magerer Kadett, und war rosig überzogen. Das junge
Mädchen gab ihm die Hand. Sie wollte wohl nett sein,
aber was war mit ihr anzufangen? Diederich antwortete
ja, als sie fragte, ob Berlin ihm gefalle; und als sie fragte,
ob er schon im Theater gewesen sei, antwortete er nein.
Er fühlte sich feucht vor Ungemütlichkeit und war fest
überzeugt, sein Aufbruch sei das einzige, womit er das
junge Mädchen interessieren könne. Aber wie war von
hier fortzukommen? Zum Glück stellte ein anderer sich
ein, ein breiter Mensch, namens Mahlmann, der mit ungeheurer
Stimme Mecklenburgisch sprach, <hi rend="antiqua">stud. ing.</hi> zu
sein schien und bei Göppels Zimmerherr sein sollte. Er
erinnerte Fräulein Agnes an einen Spaziergang, den
<pb n='16'/><anchor id='Pgp0016'/>sie verabredet hätten. Diederich ward aufgefordert, mitzukommen.
Entsetzt schützte er einen Bekannten vor, der
draußen auf ihn warte, und machte sich sofort davon.
„Gott sei Dank,“ dachte er, während es ihm einen Stich
gab, „sie hat schon einen.“
</p>

<p>
Herr Göppel öffnete ihm im Dunkeln die Flurtür und
fragte, ob sein Freund auch Berlin kenne. Diederich log,
der Freund sei Berliner. „Denn wenn Sie es beide nicht
kennen, kommen Sie noch in den falschen Omnibus. Sie
haben sich gewiß schon mal verirrt in Berlin.“ Und als
Diederich es zugab, zeigte Herr Göppel sich befriedigt.
„Das ist nicht wie in Netzig. Hier laufen Sie gleich halbe
Tage. Was glauben Sie wohl, wenn Sie von Ihrer Tieckstraße
bis hierher zum Halleschen Tor gehen, dann sind Sie
ja schon dreimal durch ganz Netzig gestiegen ... Na, nächsten
Sonntag kommen Sie nun aber zum Mittagessen!“
</p>

<p>
Diederich versprach es. Als es so weit war, hätte er
lieber abgesagt; nur aus Furcht vor seinem Vater ging
er hin. Diesmal galt es sogar ein Alleinsein mit dem
Fräulein zu bestehen. Diederich tat geschäftig und als
sei er nicht aufgelegt, sich mit ihr zu befassen. Sie wollte
wieder vom Theater anfangen, aber er schnitt mit rauher
Stimme ab: er habe für so etwas keine Zeit. Ach ja, ihr
Papa habe ihr gesagt, Herr Heßling studiere Chemie?
</p>

<p>
„Ja. Das ist überhaupt die einzige Wissenschaft, die
Berechtigung hat“, behauptete Diederich, ohne zu wissen,
wie er dazu kam.
</p>

<p>
Fräulein Göppel ließ ihren Beutel fallen; er bückte
sich so nachlässig, daß sie ihn wieder hatte, bevor er zur
Stelle war. Trotzdem sagte sie danke, ganz weich, fast
beschämt – was Diederich ärgerte. „Kokette Weiber sind
etwas Gräßliches“, dachte er. Sie suchte in ihrem Beutel.
</p>

<pb n='17'/><anchor id='Pgp0017'/>

<p>
„Jetzt hab’ ich es doch verloren. Mein englisches Pflaster
nämlich. Es blutet wieder.“
</p>

<p>
Sie wickelte ihren Finger aus dem Taschentuch. Er hatte
so sehr die Weiße des Schnees, daß Diederich der Gedanke
kam, das Blut, das darauf lag, müsse hineinsickern.
</p>

<p>
„Ich habe welches“, sagte er, mit einem Ruck.
</p>

<p>
Er ergriff ihren Finger, und bevor sie das Blut wegwischen
konnte, hatte er es abgeleckt.
</p>

<p>
„Was machen Sie denn?“
</p>

<p>
Er war selbst erschrocken. Er sagte mit streng gefalteten
Brauen: „O, ich als Chemiker probiere noch ganz andere
Sachen.“
</p>

<p>
Sie lächelte. „Ach ja, Sie sind eine Art Doktor ...
Wie gut Sie das können“, bemerkte sie und sah ihm beim
Aufkleben des Pflasters zu.
</p>

<p>
„So“, machte er ablehnend, und trat zurück. Ihm war
es schwül geworden, er dachte: „Wenn man nur nicht
immer ihre Haut anfassen müßte! Sie ist widerlich weich.“
Agnes sah an ihm vorbei. Nach einer Pause versuchte sie:
„Haben wir nicht eigentlich in Netzig gemeinschaftliche
Verwandte?“ Und sie nötigte ihn, mit ihr ein paar Familien
durchzugehen. Es stellte sich Vetternschaft heraus.
</p>

<p>
„Sie haben auch noch Ihre Mutter, nicht? Dann können
Sie sich freuen. Meine ist längst tot. Ich werde wohl auch
nicht lange leben. Man hat so Ahnungen“ – und sie
lächelte wehmütig und entschuldigend.
</p>

<p>
Diederich beschloß schweigend, diese Sentimentalität
albern zu finden. Noch eine Pause – und wie sie beide
eilig zum Sprechen ansetzten, kam der Mecklenburger dazwischen.
Die Hand Diederichs drückte er so kraftvoll,
daß Diederichs Gesicht sich verzerrte, und zugleich lächelte
er ihm sieghaft in die Augen. Ohne weiteres zog er einen
<pb n='18'/><anchor id='Pgp0018'/>Stuhl bis vor Agnes’ Knie und fragte heiter und mit
Autorität nach allem Möglichen, was nur sie beide anging.
Diederich war sich selbst überlassen und entdeckte,
daß Agnes, so in Ruhe betrachtet, viel von ihren Schrecken
verlor. Eigentlich war sie nicht hübsch. Sie hatte eine
zu kleine, nach innen gebogene Nase, auf deren freilich
sehr schmalem Rücken Sommersprossen saßen. Ihre gelbbraunen
Augen lagen zu nahe beieinander und zuckten,
wenn sie einen ansah. Die Lippen waren zu schmal, das
ganze Gesicht war zu schmal. „Wenn sie nicht so viel
braunrotes Haar über der Stirn hätte und dazu den
weißen Teint ...“ Auch bereitete es ihm Genugtuung,
daß der Nagel des Fingers, den er beleckt hatte, nicht
ganz sauber gewesen war.
</p>

<p>
Herr Göppel kam mit seinen drei Schwestern. Eine von
ihnen hatte Mann und Kinder mit. Der Vater und die
Tanten umarmten und küßten Agnes. Sie taten es mit
dringlicher Innigkeit und hatten dabei behutsame Mienen.
Das junge Mädchen war schlanker und größer als sie alle
und blickte ein wenig zerstreut auf sie hinab, die eben an
ihren schmächtigen Schultern hing. Nur ihrem Vater erwiderte
sie langsam und ernst seinen Kuß. Diederich sah
dem zu und sah in der Sonne die hellblauen Adern,
überzogen von roten Haaren, ihre Schläfe kreuzen.
</p>

<p>
Er mußte eine der Tanten ins Eßzimmer führen. Der
Mecklenburger hatte Agnes’ Arm in den seinen gehängt.
Um den langen Familientisch raschelten die seidenen
Sonntagskleider. Die Gehröcke wurden über den Knien
zusammengelegt. Man räusperte sich, die Herren rieben
die Hände. Dann kam die Suppe.
</p>

<p>
Diederich saß von Agnes weit weg und konnte sie nicht
sehen, wenn er sich nicht vorbeugte – was er sorgfältig
<pb n='19'/><anchor id='Pgp0019'/>vermied. Da seine Nachbarin ihn in Ruhe ließ, aß er
große Mengen Kalbsbraten und Blumenkohl. Er hörte
ausführlich das Essen besprechen und mußte bestätigen,
daß es schön schmecke. Agnes ward vor dem Salat gewarnt,
ihr ward zu Rotwein geraten, und sie sollte Auskunft
geben, ob sie heute morgen Gummischuhe angehabt
habe. Herr Göppel erzählte, Diederich zugewandt, daß
er und seine Schwestern vorhin in der Friedrichstraße,
weiß Gott, auseinander gekommen seien und sich erst im
Omnibus wiedergefunden hätten. „So etwas kann Ihnen
in Netzig auch nicht passieren“, rief er voll Stolz über den
Tisch. Mahlmann und Agnes sprachen von einem Konzert.
Sie wollte bestimmt hin, ihr Papa werde es schon
erlauben. Herr Göppel machte zärtliche Einwände, und
der Chor der Tanten begleitete sie. Agnes müsse früh
schlafen gehen und bald in gute Luft hinaus; sie habe sich
im Winter überanstrengt. Sie bestritt es. „Ihr laßt mich
niemals aus dem Hause. Ihr seid schrecklich.“
</p>

<p>
Diederich nahm innerlich Partei für sie. Er hatte eine
Wallung von Heldentum: er hätte machen wollen, daß
sie alles dürfte, daß sie glücklich war und es ihm dankte ...
Da fragte Herr Göppel ihn, ob er in das Konzert wolle,
„Ich weiß nicht“, sagte er verächtlich und sah Agnes an,
die sich vorbeugte. „Was ist das für eins? Ich gehe nur
in Konzerte, wo ich Bier trinken kann.“
</p>

<p>
„Sehr vernünftig“, sagte der Schwager des Herrn
Göppel.
</p>

<p>
Agnes hatte sich zurückgezogen und, Diederich bereute
seinen Ausspruch.
</p>

<p>
Aber die Creme, auf die alle gespannt waren, blieb aus.
Herr Göppel riet seiner Tochter, einmal nachzusehen. Bevor
sie ihren Kompotteller hingesetzt hatte, war Diederich
<pb n='20'/><anchor id='Pgp0020'/>aufgesprungen – sein Stuhl flog an die Wand – und
festen Schritts zur Tür geeilt. „Marie! Der Krehm!“
rief er hinaus. Rot und ohne jemand anzusehen, ging er
wieder an seinen Platz. Aber er merkte ganz gut, sie
blinzelten sich zu. Mahlmann stieß sogar höhnisch den Atem
aus. Der Schwager äußerte mit künstlicher Harmlosigkeit:
„Immer galant! So soll es sein.“ Herr Göppel lächelte
zärtlich zu Agnes hin, die nicht von ihrem Kompott aufsah.
Diederich stemmte das Knie gegen die Tischplatte,
daß sie anfing sich zu heben. Er dachte: „Gott, o Gott,
hätte ich nur das nicht getan!“
</p>

<p>
Beim Mahlzeitsagen gab er allen die Hand, nur um
Agnes drückte er sich herum. Im Berliner Zimmer beim
Kaffee wählte er seinen Sitz mit Sorgfalt dort, wo Mahlmanns
breiter Rücken sie ihm verdeckte. Eine der Tanten
wollte sich seiner annehmen.
</p>

<p>
„Was studieren Sie denn, junger Mann?“ fragte sie.
</p>

<p>
„Chemie.“
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<p>
„Ach so, Physik?“
</p>

<p>
„Nein, Chemie.“
</p>

<p>
„Ach so.“
</p>

<p>
Und so imposant sie angefangen hatte, hierüber kam sie
nicht hinweg. Diederich nannte sie im stillen eine dumme
Gans. Die ganze Gesellschaft paßte ihm nicht. Von
feindseliger Schwermut erfüllt, sah er darein, bis die letzten
Verwandten aufgebrochen waren. Agnes und ihr
Vater hatten sie hinausbegleitet. Herr Göppel kehrte
zurück, erstaunt, den jungen Mann allein noch im Zimmer
zu finden. Er schwieg forschend, einmal faßte er in die
Tasche. Als Diederich unvermittelt, ohne um Geld gebeten
zu haben, Abschied nahm, bekundete Göppel große
Herzlichkeit. „Meine Tochter werd’ ich von Ihnen
<pb n='21'/><anchor id='Pgp0021'/>grüßen“, sagte er sogar, und an der Tür, nachdem er ein
wenig überlegt hatte: „Kommen Sie doch nächsten Sonntag
wieder!“
</p>

<p>
Diederich war fest entschlossen, das Haus nicht mehr zu
betreten. Dennoch ließ er tags darauf alles stehen und
liegen, um sich durch die Stadt bis zu einem Geschäft zu
fragen, wo er für Agnes das Konzertbillett kaufen konnte.
Vorher mußte er auf den Zetteln, die dort hingen, den
Namen des Virtuosen herausfinden, den Agnes erwähnt
hatte. War es der? Hatte er so geklungen? Diederich entschloß
sich. Als er dann erfuhr, es koste vier Mark fünfzig,
riß er vor Schrecken die Augen weit auf. So viel Geld,
um einen zu sehen, der Musik machte! Wenn man nur
einfach wieder fortgekonnt hätte! Als er bezahlt hatte
und draußen war, entrüstete er sich zunächst über den
Schwindel. Dann bedachte er, daß es für Agnes geschehen
sei, und ward von sich selbst erschüttert. Immer
weicher und glücklicher ging er durch das Gewühl. Es
war das erste Geld, das er für einen anderen Menschen
ausgegeben hatte.
</p>

<p>
Er legte das Billett in einen Umschlag, in den er nichts
weiter legte, und schrieb die Adresse, um sich nicht zu verraten,
mit Schönschrift. Wie er dann am Briefkasten
stand, kam Mahlmann daher und lachte höhnisch. Diederich
fühlte sich durchschaut; er besah die Hand, die er
aus dem Kasten zurückgezogen hatte. Aber Mahlmann
bekundete nur die Absicht, sich Diederichs Bude anzusehen.
Er fand, es sähe drinnen aus wie bei einer älteren Dame.
Sogar die Kaffeekanne hatte Diederich von zu Hause mitgebracht!
Diederich schämte sich heiß. Als Mahlmann die
Chemiebücher verächtlich auf- und zuklappte, schämte
Diederich sich seines Faches. Der Mecklenburger wälzte
<pb n='22'/><anchor id='Pgp0022'/>sich ins Sofa und fragte: „Wie gefällt Ihnen denn die
Göppel? Netter Käfer, was? Nun wird er wieder rot!
Poussieren Sie doch! Ich trete zurück, wenn Sie Wert
darauf legen. Ich habe Aussicht bei fünfzehn verschiedenen.“
</p>

<p>
Da Diederich nachlässig abwehrte:
</p>

<p>
„Sie, da ist nämlich was zu machen. Ich müßte gar
nichts von Weibern verstehen. Die roten Haare! – und
haben Sie nicht gemerkt, wie sie einen ansieht, wenn sie
meint, man weiß es nicht?“
</p>

<p>
„Mich nicht“, sagte Diederich noch geringschätziger. „Ich
pfeife auch darauf.“
</p>

<p>
„Ihr Schade!“ Mahlmann lachte tobend – worauf er
vorschlug, einen Bummel zu machen. Daraus ward eine
Bierreise. Die ersten Gaslichter sahen sie beide betrunken.
Etwas später, in der Leipziger Straße, bekam Diederich
ohne Anlaß von Mahlmann eine mächtige Ohrfeige. Er
sagte: „Au! Das ist aber doch eine –“ Vor dem Wort
„Frechheit“ schrak er zurück. Der Mecklenburger klopfte
ihm auf die Schulter. „Recht freundlich, Kleiner! Alles
bloß Freundschaft!“ – und überdies nahm er Diederich
die letzten zehn Mark ab ... Vier Tage später fand er
ihn schwach vor Hunger und teilte ihm von dem, was er
inzwischen anderswo gepumpt hatte, großmütig drei
Mark mit. Am Sonntag bei Göppels – mit weniger
leerem Magen wäre Diederich vielleicht nicht hingegangen
– erzählte Mahlmann, daß Heßling all sein Geld
verlumpt habe und sich heute mal satt essen müsse. Herr
Göppel und sein Schwager lachten verständnisvoll, aber
Diederich hätte lieber nie geboren sein wollen, als von
Agnes so traurig prüfend angesehen werden. Sie verachtete
ihn! Verzweifelt tröstete er sich. „Es ist alles
<pb n='23'/><anchor id='Pgp0023'/>eins, sie hat es schon immer getan!“ Da fragte sie, ob
das Konzertbillett vielleicht von ihm gewesen sei. Alle
wandten sich ihm zu.
</p>

<p>
„Unsinn! Wie sollte ich dazu wohl kommen“, entgegnete
er so unliebenswürdig, daß sie ihm glaubten. Agnes
zögerte ein wenig, bevor sie wegsah. Mahlmann bot den
Damen Pralinees an und stellte die übrigen vor Agnes
hin. Diederich kümmerte sich nicht um sie. Er aß noch
mehr als das vorige Mal. Da doch alle meinten, er sei
nur deswegen da! Als es hieß, der Kaffee solle im Grunewald
getrunken werden, erfand Diederich sofort eine Verabredung.
Er setzte sogar hinzu: „Mit jemand, den ich
unmöglich warten lassen kann.“ Herr Göppel legte ihm
seine gedrungene Hand auf die Schulter, blinzelte ihn
aus gesenktem Kopf an und sagte halblaut: „Keine Angst,
Sie sind natürlich eingeladen.“ Aber Diederich beteuerte
entrüstet, daß es nicht daran liege. „Na, wenigstens
kommen Sie wieder, sobald Sie Lust haben“, schloß
Göppel, und Agnes nickte dazu. Sie schien sogar etwas
sagen zu wollen, aber Diederich wartete es nicht ab. Er
ging den Rest des Tages in selbstzufriedener Trauer
umher, wie nach Vollziehung eines großen Opfers. Am
Abend in einem überfüllten Bierlokal saß er den Kopf
aufgestützt und nickte von Zeit zu Zeit auf sein einsames
Glas hinab, als verstehe er jetzt das Schicksal.
</p>

<p>
Was war zu machen gegen die gewalttätige Art, in der
Mahlmann seine Anleihen aufnahm? Am Sonntag hatte
dann der Mecklenburger einen Blumenstrauß für Agnes,
und Diederich, der mit leeren Händen kam, hätte sagen
können: „Der ist eigentlich von mir, Fräulein.“ Indessen
schwieg er, mit noch mehr Groll gegen Agnes als gegen
Mahlmann. Denn Mahlmann forderte zur Bewunderung
<pb n='24'/><anchor id='Pgp0024'/>heraus, wenn er des Nachts einem Unbekannten nachlief,
um ihm den Zylinder einzuschlagen – obwohl Diederich
keineswegs die Warnung verkannte, die solch ein Vorgang
für ihn selbst enthielt.
</p>

<p>
Ende des Monats, zu seinem Geburtstag, bekam er eine
unvorhergesehene Summe, die seine Mutter ihm erspart
hatte, und erschien bei Göppels mit einem Bukett, keinem
zu großen, um sich nicht bloßzustellen, und auch, um Mahlmann
nicht herauszufordern. Das junge Mädchen hatte,
wie sie es nahm, ein ergriffenes Gesicht, und Diederich
lächelte herablassend und verlegen zugleich. Dieser Sonntag
deuchte ihm unerhört festlich; er war nicht überrascht,
als man in den Zoologischen Garten gehen wollte.
</p>

<p>
Die Gesellschaft rückte aus, nachdem Mahlmann sie
abgezählt hatte: elf Personen. Alle Frauen unterwegs
waren, wie Göppels Schwestern, vollständig anders angezogen
als in der Woche: als seien sie heute von einer
höheren Klasse oder hätten geerbt. Die Männer trugen
Gehröcke: nur wenige in Verbindung mit schwarzen
Hosen, wie Diederich, aber viele mit Strohhüten. Kam
man durch eine Seitenstraße, war sie breit, gleichförmig
und leer, ohne einen Menschen, ohne einen Pferdeapfel.
Einmal doch tanzte ein Kreis kleiner Mädchen in weißen
Kleidern, schwarzen Strümpfen und ganz behangen mit
Schleifen, schrill singend, einen Ringelreihen. Gleich
darauf, in der Verkehrsader, stürmten schwitzende Matronen
einen Omnibus; und die Gesichter der Kommis,
die unnachsichtlich mit ihnen um die Plätze rangen, sahen
neben ihren heftig roten zum Umfallen blaß aus. Alles
drängte vorwärts, alles stürzte einem Ziel zu, wo endlich
das Vergnügen anfangen sollte. Alle Mienen sagten
hart: „Nu los, gearbeitet haben wir genug!“
</p>

<pb n='25'/><anchor id='Pgp0025'/>

<p>
Diederich kehrte vor den Damen den Berliner heraus.
In der Stadtbahn eroberte er ihnen mehrere Sitze. Einen
Herrn, der im Begriff stand, einen wegzunehmen, hinderte
er daran, indem er ihn heftig auf den Fuß trat. Der
Herr schrie: „Flegel!“ Diederich antwortete ihm im
selben Sinn. Da zeigte es sich, daß Herr Göppel ihn
kannte, und kaum einander vorgestellt, bekundeten Diederich
und der andere die ritterlichsten Sitten. Keiner
wollte sitzen, um den anderen nicht stehen zu lassen.
</p>

<p>
Am Tisch im Zoologischen Garten geriet Diederich
neben Agnes – warum ging heute alles glücklich? –, und
als sie gleich nach dem Kaffee zu den Tieren wollte, unterstützte
er sie stürmisch. Er war voll Unternehmungslust.
Vor dem engen Gang zwischen den Raubtierkäfigen kehrten
die Damen um. Diederich trug Agnes seine Begleitung
an. „Da nehmen Sie doch lieber mich mit hinein“,
sagte Mahlmann. „Wenn wirklich eine Stange losgehen
sollte –“
</p>

<p>
„Dann machen Sie sie auch nicht wieder fest“, entgegnete
Agnes und trat ein, während Mahlmann sein Gelächter
<anchor id="corr025"/><corr sic="aufschlug">aufschlug.</corr> Diederich blieb hinter ihr. Ihm war
bange: vor den Bestien, die von rechts und links auf ihn
zustürzten, ohne anderen Laut als den des Atems, den
sie über ihn hinstießen – und vor dem jungen Mädchen,
dessen Blumenduft ihm voranzog. Ganz hinten wandte
sie sich um und sagte:
</p>

<p>
„Ich mag das Renommieren nicht!“
</p>

<p>
„Wirklich?“ fragte Diederich, vor Freude gerührt.
</p>

<p>
„Heute sind Sie mal nett“, sagte Agnes; und er:
</p>

<p>
„Ich möchte es eigentlich immer sein.“
</p>

<p>
„Wirklich?“ – Und jetzt war es an ihrer Stimme, ein
wenig zu schwanken. Sie sahen einander an, jeder mit
<pb n='26'/><anchor id='Pgp0026'/>einer Miene, als verdiente er das alles nicht. Das junge
Mädchen sagte klagend:
</p>

<p>
„Die Tiere riechen aber furchtbar.“
</p>

<p>
Und sie gingen zurück.
</p>

<p>
Mahlmann empfing sie. „Ich wollte nur sehen, ob Sie
nicht ausreißen würden.“ Dann nahm er Diederich beiseite.
„Na? Was macht die Kleine? Geht es bei Ihnen
auch? Ich habe es gleich gesagt, daß es keine Kunst ist.“
</p>

<p>
Da Diederich stumm blieb:
</p>

<p>
„Sie sind wohl scharf ins Zeug gegangen? Wissen Sie
was? Ich bin nur noch ein Semester in Berlin: dann
können Sie mich beerben. Aber so lange warten Sie gefälligst –“
Auf seinem ungeheuren Rumpf ward sein
kleiner Kopf plötzlich tückisch anzusehen. „– Freundchen!“
</p>

<p>
Und Diederich war entlassen. Er hatte einen heftigen
Schrecken bekommen und wagte sich gar nicht mehr in
Agnes’ Nähe. Sie hörte nicht sehr aufmerksam auf Mahlmann,
sie rief rückwärts: „Papa! Heute ist es schön, heute
geht es mir aber wirklich gut.“
</p>

<p>
Herr Göppel nahm ihren Arm zwischen seine beiden
Hände und tat, als wollte er fest zudrücken, aber er berührte
sie kaum. Seine blanken Augen lachten und waren
feucht. Als die Familie Abschied genommen hatte, versammelte
er seine Tochter und die beiden jungen Leute
um sich und erklärte ihnen, der Tag müsse gefeiert werden;
sie wollten die Linden entlang gehen und nachher irgendwo
essen.
</p>

<p>
„Papa wird leichtsinnig!“ rief Agnes und sah sich nach
Diederich um. Aber er hielt die Augen gesenkt. In der
Stadtbahn benahm er sich so ungeschickt, daß er weit von
den anderen getrennt ward; und im Gedränge der Friedrichsstadt
blieb er mit Herrn Göppel allein zurück.
Plötz<pb n='27'/><anchor id='Pgp0027'/>lich hielt Göppel an, tastete verstört auf seinem Magen
umher und fragte:
</p>

<p>
„Wo ist meine Uhr?“
</p>

<p>
Sie war fort mitsamt der Kette. Mahlmann sagte:
</p>

<p>
„Wie lange sind Sie schon in Berlin, Herr Göppel?“
</p>

<p>
„Jawohl!“ – und Göppel wendete sich an Diederich.
„Dreißig Jahre bin ich hier, aber das ist mir denn doch noch
nicht passiert.“ Und stolz trotz allem: „Sehen Sie, das
gibt’s in Netzig überhaupt nicht!“
</p>

<p>
Nun mußte man, statt zu essen, auf das Polizeirevier
und ein Verhör bestehen. Und Agnes hustete. Göppel
zuckte zusammen. „Wir wären jetzt doch zu müde“, murmelte
er. Mit künstlicher Jovialität verabschiedete er Diederich,
der Agnes’ Hand übersah und linkisch den Hut zog.
Auf einmal, mit überraschender Geschicklichkeit und ehe
Mahlmann begriff, was vorging, schwang er sich auf einen
vorbeifahrenden Omnibus. Er war entkommen! Und
jetzt fingen die Ferien an! Er war alles los! Zu Hause
freilich warf er die schwersten seiner Chemiebände mit
Krachen auf den Boden. Er hielt sogar schon die Kaffeekanne
in der Hand. Aber bei dem Geräusch einer Tür begann
er sofort, alles wieder aufzulesen. Dann setzte er sich
still in die Sofaecke, stützte den Kopf und weinte. Wäre
es nicht vorher so schön gewesen! Er war ihr auf den Leim
gegangen. So machten es die Mädchen: daß sie manchmal
mit einem so taten, und dabei wollten sie einen nur
mit einem Kerl auslachen. Diederich war sich tief bewußt,
daß er es mit so einem Kerl nicht aufnehmen könne. Er
sah sich neben Mahlmann und würde es nicht begriffen
haben, hätte eine sich für ihn entschieden. „Was hab’ ich
mir nur eingebildet?“ dachte er. „Eine, die sich in mich
verliebt, muß wirklich dumm sein.“ Er litt große Angst,
<pb n='28'/><anchor id='Pgp0028'/>der Mecklenburger könne kommen und ihn noch ärger bedrohen.
„Ich will sie gar nicht mehr. Wäre ich nur schon
fort!“ Die nächsten Tage saß er in tödlicher Spannung
bei verschlossener Tür. Kaum war sein Geld da, reiste er.
</p>

<p>
Seine Mutter fragte, befremdet und eifersüchtig, was
er habe. Nach so kurzer Zeit sei er kein Junge mehr. „Ja,
das Berliner Pflaster!“
</p>

<p>
Diederich griff zu, als sie verlangte, er solle an eine
kleine Universität, nicht wieder nach Berlin. Der Vater
fand, daß es ein Für und ein Wider gäbe. Diederich
mußte ihm viel von Göppels berichten. Ob er die Fabrik
gesehen habe. Und war er bei den anderen Geschäftsfreunden
gewesen? Herr Heßling wünschte, daß Diederich
die Ferien benutze, um in der väterlichen Werkstätte den
Gang der Papierverfertigung kennenzulernen. „Ich
bin nicht mehr der Jüngste, und mein Granatsplitter hat
mich auch schon lange nicht so gekitzelt.“
</p>

<p>
Diederich entwischte, sobald er konnte, um im Wald von
Gäbbelchen oder längs des Ruggebaches bei Gohse spazierenzugehen
und sich mit der Natur eins zu fühlen.
Denn das konnte er jetzt. Zum erstenmal fiel es ihm auf,
daß die Hügel dahinten traurig oder wie eine große Sehnsucht
aussahen, und was als Sonne oder Regen vom
Himmel fiel, waren Diederichs heiße Liebe und seine
Tränen. Denn er weinte viel. Er versuchte sogar zu
dichten.
</p>

<p>
Als er einmal die Löwenapotheke betrat, stand hinter
dem Ladentisch sein Schulkamerad Gottlieb Hornung.
„Ja, ich spiel’ hier den Sommer über ’n bißchen Apotheker“,
erklärte er. Er hatte sich sogar schon aus Versehen
vergiftet und sich dabei nach hinten zusammengerollt wie
ein Aal. Die ganze Stadt hatte davon gesprochen! Aber
<pb n='29'/><anchor id='Pgp0029'/>zum Herbst ging er nun nach Berlin, um die Sache wissenschaftlich
anzufassen. Ob denn in Berlin was los sei. Hocherfreut
über den Besitz seiner Überlegenheit fing Diederich
an, mit seinen Berliner Erlebnissen zu prahlen. Der Apotheker
verhieß: „Wir beide zusammen stellen Berlin auf
den Kopf.“
</p>

<p>
Und Diederich war schwach genug, zuzusagen. Die
kleine Universität ward verworfen. Am Ende des Sommers
– Hornung hatte noch einige Tage zu praktizieren
– kehrte Diederich nach Berlin zurück. Er mied das
Zimmer in der Tieckstraße. Vor Mahlmann und den
Göppels flüchtete er bis nach Gesundbrunnen hinaus.
Dort wartete er auf Hornung. Aber Hornung, der seine
Abreise gemeldet hatte, blieb aus; und als er endlich kam,
trug er eine grüngelbrote Mütze. Er war sofort von einem
Kollegen für eine Verbindung gekeilt worden. Auch Diederich
sollte ihr beitreten; es waren die Neuteutonen, eine
hochfeine Korporation, sagte Hornung; allein sechs Pharmazeuten
waren dabei. Diederich verbarg seinen Schrecken
unter der Maske der Geringschätzung, aber es half
nichts. Er solle Hornung nicht blamieren, der von ihm
gesprochen habe; einen Besuch wenigstens müsse er
machen.
</p>

<p>
„Aber nur einen“, sagte er fest.
</p>

<p>
Der eine dauerte, bis Diederich unter dem Tisch lag
und sie ihn fortschafften. Als er ausgeschlafen hatte, holten
sie ihn zum Frühschoppen; Diederich war Konkneipant
geworden.
</p>

<p>
Und für diesen Posten fühlte er sich bestimmt. Er sah
sich in einen großen Kreis von Menschen versetzt, deren
keiner ihm etwas tat oder etwas anderes von ihm verlangte,
als daß er trinke. Voll Dankbarkeit und
Wohl<pb n='30'/><anchor id='Pgp0030'/>wollen erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein
Glas. Das Trinken und Nichttrinken, das Sitzen, Stehen,
Sprechen oder Singen hing meistens nicht von ihm selbst
ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es
richtig befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden.
Als Diederich beim Salamander zum ersten Male
nicht nachklappte, lächelte er in die Runde, beinahe verschämt
durch die eigene Vollkommenheit!
</p>

<p>
Und das war noch nichts gegen seine Sicherheit im
Gesang! Diederich hatte in der Schule zu den besten Sängern
gehört und schon in seinem ersten Liederheft die
Seitenzahlen auswendig gewußt, wo jedes Lied zu finden
war. Jetzt brauchte er in das Kommersbuch, das auf
großen Nägeln in der Lache von Bier lag, nur den Finger
zu schieben, und traf vor allen anderen die Nummer, die
gesungen werden sollte. Oft hing er den ganzen Abend
mit Ehrerbietung am Munde des Präses: ob vielleicht
sein Lieblingsstück daran käme. Dann dröhnte er tapfer:
„Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt“, hörte neben
sich den dicken Delitzsch brummen und fühlte sich wohlig
geborgen in dem Halbdunkel des niedrigen altdeutschen
Lokals, mit den Mützen an der Wand, angesichts des
Kranzes geöffneter Münder, die alle dasselbe tranken und
sangen, bei dem Geruch des Bieres und der Körper, die
es in der Wärme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn
es spät ward, als schwitze er mit ihnen allen aus demselben
Körper. Er war untergegangen in der Korporation, die
für ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann, durfte
sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazu
gehörte! Ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben,
das konnte keiner! Mahlmann hätte sich einmal herwagen
und es versuchen sollen: zwanzig Mann wären statt
Die<pb n='31'/><anchor id='Pgp0031'/>derichs gegen ihn aufgestanden! Diederich wünschte ihn
geradezu herbei, so furchtlos war er. Womöglich sollte
er mit Göppel kommen, dann mochten sie sehen, was aus
Diederich geworden war, dann war er gerächt!
</p>

<p>
Gleichwohl gab ihm die meiste Sympathie der Harmloseste
von allen ein, sein Nachbar, der dicke Delitzsch.
Etwas tief Beruhigendes, Vertrauengestattendes wohnte
in dieser glatten, weißen und humorvollen Speckmasse,
die unten breit über die Stuhlränder quoll, in mehreren
Wülsten die Tischhöhe erreichte und dort, als sei nun das
Äußerste getan, aufgestützt blieb, ohne eine andere Bewegung
als das Heben und Hinstellen des Bierglases.
Delitzsch war, wie niemand sonst, an seinem Platz; wer
ihn dasitzen sah, vergaß, daß er ihn je auf den Beinen erblickt
hatte. Er war ausschließlich zum Sitzen am Biertisch
eingerichtet. Sein Hosenboden, der in jedem anderen
Zustand tief und melancholisch herabhing, fand nun
seine wahre Gestalt und blähte sich machtvoll. Erst mit
Delitzsch’ hinterem Gesicht blühte auch sein vorderes auf.
Lebensfreude überglänzte es, und er ward witzig.
</p>

<p>
Ein Drama entstand, wenn ein junger Fuchs sich den
Scherz machte, ihm das Bierglas wegzunehmen. Delitzsch
rührte kein Glied, aber seine Miene, die dem geraubten
Glase überall hin folgte, enthielt plötzlich den ganzen,
stürmisch bewegten Ernst des Daseins, und er rief in sächsischem
Schreitenor: „Junge, daß du mir nischt verschüttest!
Was entziehst de mir überhaupt mein’ Läbensunterhalt!
Das ist ’ne ganz gemeine, böswilliche Existenzschädichung,
und ich kann dich glatt verklaachen!“
</p>

<p>
Dauerte der Spaß zu lange, senkten sich Delitzsch’ weiße
Fettwangen, und er bat, er machte sich klein. Sobald er
aber das Bier zurück hatte: welche allumfassende
Aus<pb n='32'/><anchor id='Pgp0032'/>söhnung in seinem Lächeln, welche Verklärung! Er sagte:
„Du bist doch ä gutes Luder, du sollst läm, prost!“ – trank
aus und klopfte mit dem Deckel nach dem Korpsdiener:
„Herr Oberkörper!“
</p>

<p>
Nach einigen Stunden geschah es wohl, daß sein Stuhl
sich mit ihm umdrehte und Delitzsch den Kopf über das
Becken der Wasserleitung hielt. Das Wasser plätscherte,
Delitzsch gurgelte erstickt, und ein paar andere stürzten,
durch seine Laute angeregt, in die Toilette. Noch ein
wenig sauer von Gesicht, aber schon mit frischer Schelmerei,
rückte Delitzsch an den Tisch zurück.
</p>

<p>
„Na, nu geht’s ja wieder“, sagte er; und: „Wovon habt ’r
denn geredt, während ich anderweitig beschäftigt war?
Wißt ihr denn egal nischt wie Weibergeschichten? Was
koof’ ich mir für die Weiber?“ Immer lauter: „Nich mal
ä sauern Schoppen kann ’ch mir dafür koofen. Sie, Herr
Oberkörper!“
</p>

<p>
Diederich gab ihm recht. Er hatte die Weiber kennengelernt,
er war mit ihnen fertig. Unvergleichlich idealere
Werte enthielt das Bier.
</p>

<p>
Das Bier! Der Alkohol! Da saß man und konnte
immer noch mehr davon haben, das Bier war nicht wie
kokette Weiber, sondern treu und gemütlich. Beim Bier
brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu
erreichen, wie bei den Weibern. Alles kam von selbst.
Man schluckte: und da hatte man es schon zu etwas gebracht,
fühlte sich auf die Höhen des Lebens befördert
und war ein freier Mann, innerlich frei. Das Lokal hätte
von Polizisten umstellt sein dürfen: das Bier, das man
schluckte, verwandelte sich in innere Freiheit. Und man
hatte sein Examen so gut wie bestanden. Man war „fertig“,
war Doktor! Man füllte im bürgerlichen Leben eine
<pb n='33'/><anchor id='Pgp0033'/>Stellung aus, war reich und von Wichtigkeit: Chef einer
mächtigen Fabrik von Ansichtskarten oder Toilettenpapier.
Was man mit seiner Lebensarbeit schuf, war in
tausend Händen. Man breitete sich, vom Biertisch her,
über die Welt aus, ahnte große Zusammenhänge, ward
eins mit dem Weltgeist. Ja, das Bier erhob einen so sehr
über das Selbst, daß man Gott fand!
</p>

<p>
Gern hätte er es jahrelang so weitergetrieben. Aber
die Neuteutonen ließen ihn nicht. Fast vom ersten Tage an
hatten sie ihm den moralischen und materiellen Wert einer
völligen Zugehörigkeit zur Verbindung geschildert; allmählich
aber gingen sie immer unverblümter darauf aus,
ihn zu keilen. Vergebens berief sich Diederich auf seine
anerkannte Stellung als Konkneipant, in die er sich eingelebt
habe und die ihn befriedige. Sie entgegneten, daß
der Zweck des studentischen Zusammenschlusses, nämlich
die Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus,
durch das Kneipen allein, soviel es auch beitrage, noch
nicht ganz erfüllt werde. Diederich zitterte; nur zu gut
erkannte er, worauf dieses hinauslief. Er sollte pauken!
Schon immer hatte es ihn unheimlich angeweht, wenn sie
mit ihren Stöcken in der Luft ihm die Schläge vorgeführt
hatten, die sie einander beigebracht haben wollten; oder
wenn einer von ihnen eine schwarze Mütze um den Kopf
hatte und nach Jodoform roch. Jetzt dachte er gepreßt:
„Warum bin ich dabei geblieben und Konkneipant geworden!
Nun muß ich ’ran.“
</p>

<p>
Er mußte. Aber gleich die ersten Erfahrungen beruhigten
ihn. Er war so sorgsam eingewickelt, behelmt und
bebrillt worden, daß ihm unmöglich viel geschehen konnte.
Da er keinen Grund hatte, den Kommandos nicht gerade
so willig und gelehrig nachzukommen wie in der Kneipe,
<pb n='34'/><anchor id='Pgp0034'/>lernte er fechten, schneller als andere. Beim ersten Durchzieher
ward ihm schwach: über die Wange fühlte er es
rinnen. Als er dann genäht war, hätte er am liebsten getanzt
vor Glück. Er warf es sich vor, daß er diesen gutmütigen
Menschen gefährliche Absichten zugetraut hatte.
Gerade der, den er am meisten gefürchtet hatte, nahm ihn
unter seinen Schutz und ward ihm ein wohlgesinnter Erzieher.
</p>

<p>
Wiebel war Jurist, was ihm allein schon Diederichs
Unterordnung gesichert hätte. Nicht ohne Selbstzerknirschung
sah er die englischen Stoffe an, in die Wiebel sich
kleidete, und die farbigen Hemden, von denen er immer
mehrere abwechselnd trug, bis sie alle in die Wäsche
mußten. Das Beklemmendste aber waren Wiebels Manieren.
Wenn er mit leichter eleganter Verbeugung Diederich
zutrank, klappte Diederich – und seine Miene war
leidend vor Anstrengung – tief zusammen, verschüttete die
eine Hälfte und verschluckte sich mit der anderen. Wiebel
sprach mit leiser, arroganter Feudalstimme.
</p>

<p>
„Man kann sagen, was man will,“ bemerkte er gern,
„Formen sind kein leerer Wahn.“
</p>

<p>
Für das F in „Formen“ machte er seinen Mund zu
einem kleinen schwarzen Mausloch und stieß es langsam
geschwellt heraus. Diederich unterlag jedesmal wieder
dem Schauer von so viel Vornehmheit. Alles an Wiebel
dünkte ihm erlesen: daß die rötlichen Barthaare ganz oben
auf der Lippe wuchsen und seine langen, gekrümmten
Nägel nach unten gekrümmt, nicht, wie bei Diederich,
nach oben; der starke männliche Duft, der von Wiebel ausging,
auch seine abstehenden Ohren, die die Wirkung des
durchgezogenen Scheitels erhöhten, und die katerhaft in
Schläfenwulste gebetteten Augen. Diederich hatte das
<pb n='35'/><anchor id='Pgp0035'/>alles immer nur im unbedingten Gefühl des eigenen Unwertes
mit angesehen. Seit aber Wiebel ihn anredete
und sich sogar zu seinem Gönner machte, war es Diederich,
als sei ihm erst jetzt das Recht auf Dasein bestätigt. Er
hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete sich
vor glücklicher Bewunderung. Wenn seine Wünsche sich
so hoch hinausgewagt hätten, auch er hätte gern solchen
roten Hals gehabt und immer geschwitzt. Welch ein
Traum, säuseln zu können wie Wiebel!
</p>

<p>
Und nun durfte Diederich ihm dienen, er war sein Leibfuchs!
Stets wohnte er Wiebels Erwachen bei, suchte ihm
seine Sachen zusammen – und da Wiebel infolge unregelmäßiger
Bezahlung mit der Wirtin schlecht stand,
besorgte Diederich ihm den Kaffee und reinigte ihm die
Schuhe. Dafür durfte er mitgehen auf allen Wegen.
Wenn Wiebel ein Bedürfnis verrichtete, hielt Diederich
draußen Wache, und er wünschte sich nur, seinen Schläger
da zu haben, um ihn schultern zu können.
</p>

<p>
Wiebel hätte es verdient. Die Ehre der Korporation,
in der auch Diederichs Ehre und sein ganzes Schuldbewußtsein
wurzelten, am glänzendsten vertrat Wiebel sie.
Er schlug sich, mit wem man wollte, für die Neuteutonia.
Er hatte das Ansehen der Verbindung erhöht, denn er
sollte einst einen Vindoborussen koramiert haben! Auch
hatte er einen Verwandten beim Zweiten Garde-Grenadierregiment
Kaiser Franz Joseph; und so oft Wiebel
seinen Vetter von Klappke erwähnte, machte die ganze
Neuteutonia eine geschmeichelte Verbeugung. Diederich
suchte sich einen Wiebel in der Uniform eines Gardeoffiziers
vorzustellen; aber so viel Vornehmheit war nicht
auszudenken. Eines Tages dann, wie er mit Gottlieb Hornung,
weithin duftend, vom täglichen Frisieren kam, stand
<pb n='36'/><anchor id='Pgp0036'/>an einer Straßenecke Wiebel mit einem Zahlmeister. Kein
Irrtum: es war ein Zahlmeister – und als Wiebel ihr
Kommen bemerkte, drehte er ihnen den Rücken. Auch sie
wendeten und machten sich stumm und stramm davon,
ohne einander anzusehen und ohne eine Bemerkung.
Jeder vermutete, daß auch der andere die Ähnlichkeit des
Zahlmeisters mit Wiebel festgestellt habe. Und vielleicht
kannten die übrigen schon längst den wahren Sachverhalt?
Aber allen stand die Ehre der Neuteutonia hoch genug, um
zu schweigen, ja, um das Erblickte zu vergessen. Als
Wiebel das nächste Mal „mein Vetter von Klappke“ sagte,
verbeugten Diederich und Hornung sich mit den anderen,
geschmeichelt wie je.
</p>

<p>
Schon hatte Diederich Selbstbeherrschung gelernt, Beobachtung
der Formen, Korpsgeist, Eifer für das Höhere.
Nur mit Mitleid und Widerwillen dachte er an das elende
Dasein des schweifenden Wilden, das früher das seine gewesen
war. Jetzt war Ordnung und Pflicht in sein Leben
gebracht. Zu genau eingehaltenen Stunden erschien er
auf Wiebels Bude, im Fechtsaal, beim Friseur und zum
Frühschoppen. Der Nachmittagsbummel leitete zur
Kneipe über; und jeder Schritt geschah in Korporation,
unter Aufsicht und mit Wahrung peinlicher Formen und
gegenseitiger Ehrerbietung, die gemütvolle Derbheit nicht
ausschloß. Ein Kommilitone, mit dem Diederich bisher
nur offiziellen Verkehr unterhalten hatte, stieß einst mit
ihm vor der Toilette zusammen, und obwohl sie beide
kaum noch gerade stehen konnten, wollte keiner den Vortritt
annehmen. Lange komplimentierten sie sich – bis sie plötzlich,
im gleichen Augenblick vom Drang überwältigt, wie
zwei zusammenprallende Eber durch die Tür brachen, daß
ihnen die Schulterknochen knackten. Das war der Beginn
<pb n='37'/><anchor id='Pgp0037'/>einer Freundschaft. In menschlicher Lage einander näher
gekommen, rückten sie nachher auch am offiziellen Kneiptisch
zusammen, tranken Schmollis und nannten sich
„Schweinehund“ und „Nilpferd“.
</p>

<p>
Nicht immer zeigte das Verbindungsleben seine heitere
Seite. Es forderte Opfer; es übte im männlichen Ertragen
des Schmerzes. Delitzsch selbst, der Quell so mancher
Heiterkeit, verbreitete Trauer in der Neuteutonia.
Eines Vormittags, wie Wiebel und Diederich ihn abzuholen
kamen: er stand am Waschtisch und sagte noch: „Na
da. Habt ’r heit aach so ä Durscht?“ – plötzlich, ehe sie
zugreifen konnten, fiel er hin, mitsamt dem Waschgeschirr.
Wiebel befühlte ihn: Delitzsch regte sich nicht mehr.
</p>

<p>
„Herzklaps“, sagte Wiebel kurz. Er ging stramm zur
Klingel. Diederich hob die Scherben auf und trocknete
den Boden. Dann trugen sie Delitzsch auf das Bett. Dem
formlosen Gejammer der Wirtin gegenüber verharrten
beide in streng kommentmäßiger Haltung. Unterwegs
zur Erledigung des weiteren – sie marschierten im Takt
nebeneinander – sagte Wiebel mit straffer Todesverachtung:
</p>

<p>
„So was kann jedem von uns passieren. Kneipen ist
kein Spaß. Das kann sich jeder gesagt sein lassen.“
</p>

<p>
Und mit allen anderen fühlte Diederich sich gehoben
durch Delitzsch’ treue Pflichterfüllung, durch seinen Tod
auf dem Felde der Ehre. Mit Stolz folgten sie dem Sarge;
„Neuteutonia sei’s Panier“, stand in jeder Miene. Auf
dem Friedhof, die umflorten Schläger gesenkt, hatten alle
das in sich vertiefte Gesicht des Kriegers, den die nächste
Schlacht dahinraffen kann, wie die vorigen den Kameraden;
und was der erste Chargierte von dem Geschiedenen
rühmte: er habe in der Schule der Mannhaftigkeit
<pb n='38'/><anchor id='Pgp0038'/>und des Idealismus den höchsten Preis errungen, das
erschütterte jeden, als gälte es ihm selbst.
</p>

<p>
Hiermit ging Diederichs Lehrzeit zu Ende, denn Wiebel
trat aus, um sich auf den Referendar vorzubereiten; und
fortan hatte Diederich die von ihm übernommenen Grundsätze
selbständig zu vertreten und sie den Jüngeren einzupflanzen.
Er tat es im Gefühl hoher Verantwortlichkeit
und mit Strenge. Wehe dem Fuchs, der es verdient hatte,
in die Kanne zu steigen. Keine fünf Minuten vergingen,
und er mußte sich an den Wänden hinaustasten. Das
Schreckliche geschah, daß einer vor Diederich aus der Tür
ging. Seine Buße waren acht Tage Bierverschiß. Nicht
Stolz oder Eigenliebe leiteten Diederich: einzig sein hoher
Begriff von der Ehre der Korporation. Er selbst war nur
ein Mensch, also nichts; jedes Recht, sein ganzes Ansehen
und Gewicht kamen ihm von ihr. Auch körperlich verdankte
er ihr alles: die Breite seines weißen Gesichts,
seinen Bauch, der ihn den Füchsen ehrwürdig machte, und
das Privileg, bei festlichen Anlässen in hohen Stiefeln mit
Band und Mütze aufzutreten, den Genuß der Uniform!
Wohl hatte er noch immer einem Leutnant Platz zu
machen, denn die Körperschaft, der der Leutnant angehörte,
war offenbar die höhere; aber wenigstens mit
einem Trambahnschaffner konnte er furchtlos verkehren,
ohne Gefahr, von ihm angeschnauzt zu werden. Seine
Männlichkeit stand ihm mit Schmissen, die das Kinn spalteten,
rissig durch die Wangen fuhren und in den kurz geschorenen
Schädel hackten, drohend auf dem Gesicht geschrieben
– und welche Genugtuung, sie täglich und nach
Belieben einem jeden beweisen zu können! Einmal bot
sich eine unerwartet glänzende Gelegenheit. Zu dritt,
mit Gottlieb Hornung und dem Dienstmädchen ihrer
Wir<pb n='39'/><anchor id='Pgp0039'/>tin, waren sie beim Tanz in Halensee. Seit einigen Monaten
teilten die Freunde sich eine Wohnung, mit der
ein ziemlich hübsches Dienstmädchen verbunden war,
machten ihr beide kleine Geschenke und gingen des Sonntags
gemeinsam mit ihr aus. Ob Hornung es so weit bei
ihr gebracht hatte wie er selbst, darüber hatte Diederich
seine privaten Vermutungen. Offiziell und von Verbindungs
wegen war es ihm unbekannt.
</p>

<p>
Rosa war nicht übel angezogen, auf dem Ball fand sie
Bewerber. Damit Diederich noch eine Polka bekam, war
er genötigt, sie daran zu erinnern, daß er ihr die Handschuhe
gekauft habe. Schon machte er zur Einleitung des
Tanzes seine korrekte Verbeugung, da drängte sich unversehens
ein anderer dazwischen und polkte mit Rosa von
dannen. Betreten sah Diederich ihnen nach, im dunklen
Gefühl, daß er hier werde einschreiten müssen. Bevor
er sich aber regte, war ein Mädchen durch die tanzenden
Paare gestürzt, hatte Rosa geohrfeigt und sie in
unzarter Weise von ihrem Partner getrennt. Dies sehen
und auf Rosas Räuber losmarschieren, war für Diederich
eins.
</p>

<p>
„Mein Herr,“ sagte er und sah ihm fest in die Augen,
„Ihr Benehmen ist unqualifizierbar.“
</p>

<p>
Der andere erwiderte:
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<p>
„Wennschon.“
</p>

<p>
Überrascht von dieser ungewöhnlichen Wendung eines
offiziellen Gesprächs, stammelte Diederich:
</p>

<p>
„Knote.“
</p>

<p>
Der andere erwiderte prompt:
</p>

<p>
„Schote“ – und lachte dabei. Durch so viel Formlosigkeit
vollends aus der Fassung gebracht, wollte Diederich
sich schon verbeugen und abtreten; aber der andere
<pb n='40'/><anchor id='Pgp0040'/>stieß ihn plötzlich vor den Bauch – und gleich darauf
wälzten sie sich zusammen am Boden. Umringt von Gekreisch
und anfeuernden Zurufen kämpften sie, bis man
sie trennte. Gottlieb Hornung, der Diederichs Klemmer
suchen half, rief: „Da reißt er aus“ – und war schon hinterher.
Diederich folgte. Sie sahen den anderen mit einem
Begleiter gerade noch in eine Droschke steigen und nahmen
die nächste. Hornung behauptete, die Verbindung dürfe
das nicht auf sich sitzen lassen. „So was kneift und bekümmert
sich nicht mal mehr um die Dame.“ Diederich erklärte:
</p>

<p>
„Was Rosa betrifft, die ist für mich erledigt.“
</p>

<p>
„Für mich auch.“
</p>

<p>
Die Fahrt war aufregend. „Ob wir nachkommen? Wir
haben einen lahmen Gaul.“ „Wenn der Prolet nun nicht
satisfaktionsfähig ist?“ Man entschied: „Dann hat die
Sache offiziell nicht stattgefunden.“
</p>

<p>
Der erste Wagen hielt im Westen vor einem anständigen
Haus. Diederich und Hornung trafen ein, wie das Tor
zugeschlagen ward. Entschlossen postierten sie sich davor.
Es ward kühl, sie marschierten hin und her vor dem Hause,
zwanzig Schritte nach links, zwanzig Schritte nach rechts,
behielten immer die Tür im Auge und wiederholten
immer dieselben ernsten und weittragenden Reden. Nur
Pistolen kamen hier in Frage! Diesmal war die Ehre
der Neuteutonia teuer zu bezahlen! Wenn es nur kein
Prolet war!
</p>

<p>
Endlich kam der Portier zum Vorschein, und sie nahmen
ihn ins Verhör. Sie suchten ihm die Herren zu beschreiben,
fanden aber, daß die beiden keine besonderen Kennzeichen
hatten. Hornung, noch leidenschaftlicher als Diederich,
blieb dabei, daß man warten müsse, und noch zwei
Stun<pb n='41'/><anchor id='Pgp0041'/>den lang marschierten sie hin und her, dann bogen aus dem
Hause zwei Offiziere. Diederich und Hornung rissen
die Augen auf, ungewiß, ob hier nicht ein Irrtum vorlag.
Die Offiziere stutzten. Einer schien sogar zu erbleichen.
Da entschloß Diederich sich. Er trat vor den Erbleichten
hin.
</p>

<p>
„Mein Herr –“
</p>

<p>
Die Stimme versagte ihm. Der Leutnant sagte, verlegen:
„Sie irren sich wohl.“
</p>

<p>
Diederich brachte hervor:
</p>

<p>
„Durchaus nicht. Ich muß Genugtuung fordern. Sie
haben sich –“
</p>

<p>
„Ich kenne Sie ja gar nicht“, stammelte der Leutnant.
Aber sein Kamerad flüsterte ihm etwas zu: „So geht das
nicht“ – er ließ sich von dem anderen die Karte geben,
legte seine eigene dazu und überreichte sie Diederich. Diederich
gab die seine her; dann las er: „Albrecht Graf Tauern-Bärenheim“.
Da nahm er sich nicht mehr die Zeit,
auch die andere zu lesen, sondern begann kleine, eifrige
Verbeugungen zu vollführen. Der zweite Offizier wandte
sich inzwischen an Gottlieb Hornung.
</p>

<p>
„Mein Freund hat den Scherz natürlich ganz harmlos
gemeint. Er wäre selbstverständlich zu jeder Genugtuung
bereit; ich will nur feststellen, daß eine beleidigende
Absicht nicht vorliegt.“
</p>

<p>
Der andere, den er dabei ansah, hob die Schultern. Diederich
stammelte: „O danke sehr.“
</p>

<p>
„Damit ist die Sache wohl erledigt“, sagte der Freund;
und die beiden Herren entfernten sich.
</p>

<p>
Diederich stand noch da, die Stirn feucht und mit befangenen
Sinnen. Plötzlich seufzte er tief auf und lächelte
langsam.
</p>

<pb n='42'/><anchor id='Pgp0042'/>

<p>
Nachher auf der Kneipe war die Rede nur von diesem
Vorfall. Diederich rühmte den Kommilitonen das wahrhaft
ritterliche Verhalten des Grafen.
</p>

<p>
„Ein wirklicher Edelmann verleugnet sich doch nie.“
</p>

<p>
Er machte den Mund klein wie ein Mausloch und stieß
in langsamer Schwellung die Worte hervor:
</p>

<p>
„F – formen sind doch kein leerer Wahn.“
</p>

<p>
Immer wieder rief er Gottlieb Hornung als Zeugen
seines großen Augenblickes auf.
</p>

<p>
„So gar nichts Steifes, wie? Oh! Auf einen doch immerhin
gewagten Scherz kommt es solchem Herrn nicht an.
Eine Haltung dabei: t–hadellos, kann ich euch sagen. Die
Erklärungen Seiner Erlaucht waren so durchaus befriedigend,
daß ich meinerseits unmöglich –: Ihr begreift,
man ist kein Rauhbein.“
</p>

<p>
Alle begriffen es und bestätigten Diederich, daß die Neuteutonia
in dieser Sache durchaus anständig abgeschnitten
habe. Die Karten der beiden Edelleute wurden bei den
Füchsen umhergereicht und zwischen den gekreuzten Schlägern
am Kaiserbild befestigt. Kein Neuteutone, der sich
heute nicht betrank.
</p>

<p>
Damit endete das Semester; aber Diederich und Hornung
hatten für die Heimreise kein Geld. Das Geld fehlte
ihnen schon längst für fast alles. Mit Rücksicht auf die
Pflichten des Verbindungslebens war Diederichs Wechsel
auf zweihundertfünfzig Mark erhöht worden; und doch
übermannten ihn die Schulden. Alle Quellen schienen
ausgepumpt, nur dürres Land sah man, verschmachtend,
sich dahindehnen – und endlich mußte man wohl, so
wenig dies Rittern angestanden hätte, über die Zurückforderung
dessen beraten, was sie selbst im Lauf der Zeiten
an Kommilitonen verliehen hatten. Gewiß war mancher
<pb n='43'/><anchor id='Pgp0043'/>alte Herr inzwischen zu großen Geldern gelangt. Hornung
fand keinen; Diederich verfiel auf Mahlmann.
</p>

<p>
„Bei dem geht es“, erklärte er. „Der war bei gar keiner
Verbindung: ein ganz gemeiner Ruppsack. Dem werd’
ich mal auf die Bude steigen.“
</p>

<p>
Aber als Mahlmann ihn erblickte, brach er ohne weiteres
in sein riesenhaftes Lachen aus, daß Diederich fast vergessen
hatte und das ihn sofort unwiderstehlich herabstimmte.
Mahlmann war taktlos! Er hätte doch fühlen
sollen, daß hier in seinem Patentbureau mit Diederich
die ganze Neuteutonia moralisch zugegen war, und hätte
Diederich um ihretwillen Achtung erweisen sollen. Diederich
hatte den Eindruck, als sei er aus der kraftspendenden
Gesamtheit jäh herausgerissen und stehe hier als einzelner
Mensch vor einem anderen. Eine nicht vorhergesehene,
unliebsame Lage! Um so unbefangener trug
er seine Sache vor. Oh! Er wolle kein Geld zurück, das
würde er einem Kameraden niemals zugemutet haben!
Mahlmann möge nur so gefällig sein, ihm für einen
Wechsel zu bürgen. Mahlmann lehnte sich in seinen
Schreibsessel zurück und sagte breit und selbstverständlich:
</p>

<p>
„Nein.“
</p>

<p>
Diederich, betroffen:
</p>

<p>
„Wieso, nein?“
</p>

<p>
„Bürgen ist gegen meine Prinzipien“, erklärte Mahlmann.
</p>

<p>
Diederich errötete vor Entrüstung. „Aber ich habe
doch auch für Sie gebürgt, und dann ist der Wechsel an
mich gekommen, und ich mußte für Sie hundert Mark
blechen. Sie haben sich gehütet!“
</p>

<p>
„Sehen Sie wohl? Und wenn ich jetzt für Sie bürgen
wollte, würden Sie auch nicht bezahlen.“
</p>

<pb n='44'/><anchor id='Pgp0044'/>

<p>
Diederich riß nur noch die Augen auf.
</p>

<p>
„Nein, Freundchen,“ schloß Mahlmann; „wenn ich
Selbstmord begehen will, brauch’ ich Sie nicht dazu.“
</p>

<p>
Diederich faßte sich, er sagte herausfordernd:
</p>

<p>
„Sie haben wohl keinen Komment, mein Herr.“
</p>

<p>
„Nein“, wiederholte Mahlmann und lachte ungeheuerlich.
</p>

<p>
Mit äußerstem Nachdruck stellte Diederich fest: „Dann
scheinen Sie überhaupt ein Schwindler zu sein. Es soll
ja gewisse Patentschwindler geben.“
</p>

<p>
Mahlmann lachte nicht mehr; die Augen in seinem
kleinen Kopf waren tückisch geworden, und er stand auf.
„Nun müssen Sie ’rausgehen“, sagte er, ohne Erregung.
„Unter uns wäre es wohl Wurst, aber nebenan sitzen
meine Angestellten, die dürfen so was nicht hören.“
</p>

<p>
Er packte Diederich an den Schultern, drehte ihn herum
und schob ihn vor sich her. Für jeden Versuch, sich loszumachen,
bekam Diederich einen mächtigen Knuff.
</p>

<p>
„Ich fordere Genugtuung“, schrie er, „Sie müssen sich
mit mir schlagen!“
</p>

<p>
„Ich bin schon dabei. Merken Sie es nicht? Dann will
ich noch einen rufen.“ Er öffnete die Tür. „Friedrich!“
Und Diederich ward einem Packer überliefert, der ihn die
Treppe hinabbeförderte. Mahlmann rief ihm nach:
</p>

<p>
„Nichts für ungut, Freundchen. Wenn Sie ein andermal
was auf dem Herzen haben, kommen Sie ruhig
wieder!“
</p>

<p>
Diederich brachte sich in Ordnung und verließ das Haus
in guter Haltung. Um so schlimmer für Mahlmann, wenn
er sich so aufführte! Diederich hatte sich nichts vorzuwerfen;
vor einem Ehrengericht wäre er glänzend dagestanden.
Etwas höchst Anstößiges blieb es, daß ein
ein<pb n='45'/><anchor id='Pgp0045'/>zelner sich so viel erlauben konnte; Diederich war gekränkt
im Namen sämtlicher Korporationen. Andererseits war
es nicht zu leugnen, daß Mahlmann Diederichs alte Hochachtung
wieder beträchtlich aufgefrischt hatte. „Ein ganz
gemeiner Hund“, dachte Diederich. „Aber so muß man
sein ...“
</p>

<p>
Zu Hause lag ein eingeschriebener Brief.
</p>

<p>
„Nun können wir fortmachen“, sagte Hornung.
</p>

<p>
„Wieso wir? Ich brauch’ mein Geld selbst.“
</p>

<p>
„Du machst wohl Spaß. Ich kann hier doch nicht allein
sitzenbleiben.“
</p>

<p>
„Dann such’ dir Gesellschaft!“
</p>

<p>
Diederich schlug ein solches Gelächter auf, daß Hornung
ihn für verrückt hielt. Darauf reiste er wirklich.
</p>

<p>
Unterwegs sah er erst, daß der Brief von seiner Mutter
adressiert war. Das war ungewöhnlich ... Seit ihrer
letzten Karte, sagte sie, sei es mit seinem Vater noch viel
schlimmer geworden. Warum Diederich nicht gekommen sei.
</p>

<p>
„Wir müssen uns auf das Entsetzlichste gefaßt machen.
Wenn Du unseren innigst geliebten Papa noch einmal sehen
willst, o dann säume nicht länger, mein Sohn!“
</p>

<p>
Bei dieser Ausdrucksweise ward es Diederich ungemütlich.
Er entschloß sich, seiner Mutter einfach nicht zu
glauben. „Weibern glaub’ ich überhaupt nichts, und mit
Mama ist es nun mal nicht richtig.“
</p>

<p>
Trotzdem tat Herr Heßling bei Diederichs Ankunft
gerade die letzten Atemzüge.
</p>

<p>
Von dem Anblick überwältigt, brach Diederich gleich auf
der Schwelle in ein ganz formloses Geheul aus. Er stolperte
zum Bett, sein Gesicht war im Augenblick naß wie
beim Waschen; und mit den Armen tat er lauter kurze
Flügelschläge und ließ sie machtlos gegen die Hüften
<pb n='46'/><anchor id='Pgp0046'/>klappen. Plötzlich erkannte er auf der Decke des Vaters
rechte Hand, kniete hin und küßte sie. Frau Heßling, ganz
still und klein selbst noch bei den letzten Atemzügen ihres
Herrn, tat drüben dasselbe mit der linken. Diederich
dachte daran, wie dieser verkümmerte schwarze Fingernagel
auf seine Wange zugeflogen war, wenn der Vater
ihn ohrfeigte; und er weinte laut. Die Prügel gar, als er
von den Lumpen die Knöpfe gestohlen hatte! Diese Hand
war schrecklich gewesen; Diederichs Herz krampfte sich, nun
er sie verlieren sollte. Er fühlte, daß seine Mutter das gleiche
im Sinn hatte, und sie ahnte seine Gedanken. Auf einmal
sanken sie einander, über das Bett hinweg, in die Arme.
</p>

<p>
Bei den Kondolenzbesuchen hatte Diederich sich zurück.
Er vertrat vor ganz Netzig, stramm und formensicher, die
Neuteutonia, sah sich angestaunt und vergaß darüber fast,
daß er trauerte. Dem alten Herrn Buck ging er bis zur
äußeren Tür entgegen. Die Beleibtheit des großen Mannes
von Netzig ward majestätisch in seinem glänzenden
Gehrock. Würdevoll trug der den umgewendeten Zylinderhut
vor sich her; und die andere, vom schwarzen Handschuh
entblößte Hand, die er Diederich reichte, fühlte sich
überraschend zartfleischig an. Seine blauen Augen drangen
warm in Diederich ein, und er sagte:
</p>

<p>
„Ihr Vater war ein guter Bürger. Junger Mann,
werden Sie auch einer! Haben Sie immer Achtung vor
den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen
Ihre eigene Menschenwürde. Ich hoffe, wir werden hier
in unserer Stadt noch zusammen für das Gemeinwohl
arbeiten. Sie werden jetzt wohl fertig studieren?“
</p>

<p>
Diederich konnte kaum das Ja herausbringen, so sehr
verstörte ihn die Ehrfurcht. Der alte Buck fragte in leichterem
Ton:
</p>

<pb n='47'/><anchor id='Pgp0047'/>

<p>
„Hat mein Jüngster Sie in Berlin schon aufgesucht?
Nein? O, das soll er tun. Er studiert jetzt auch dort. Wird
aber wohl bald sein Jahr abdienen. Haben Sie das schon
hinter sich?“
</p>

<p>
„Nein“ – und Diederich ward sehr rot. Er stammelte
Entschuldigungen. Es sei ihm bisher ganz unmöglich gewesen,
das Studium zu unterbrechen. Aber der alte Buck
zuckte die Achseln, als sei der Gegenstand unerheblich.
</p>

<p>
Durch das Testament des Vaters war Diederich neben
dem alten Buchhalter Sötbier zum Vormund seiner beiden
Schwestern bestimmt. Sötbier belehrte ihn, daß ein Kapital
von siebzigtausend Mark da sei, das als Mitgift der
Mädchen dienen solle. Nicht einmal die Zinsen durften
angegriffen werden. Der Reingewinn aus der Fabrik
hatte in den letzten Jahren durchschnittlich neuntausend
Mark betragen. „Mehr nicht?“ fragte Diederich. Sötbier
sah ihn an, zuerst entsetzt, dann vorwurfsvoll. Wenn der
junge Herr sich vorstellen könnte, wie sein seliger Vater
und Sötbier das Geschäft heraufgearbeitet hätten! Gewiß
war es ja noch ausdehnungsfähig ...
</p>

<p>
„Na, is jut“, sagte Diederich. Er sah, daß hier vieles
geändert werden müsse. Von einem Viertel von neuntausend
Mark sollte er leben? Diese Zumutung des Verstorbenen
empörte ihn. Als seine Mutter behauptete, der
Selige habe auf dem Sterbebette die Zuversicht geäußert,
in seinem Sohn Diederich werde er fortleben, und Diederich
werde sich niemals verheiraten, um immer für die
Seinen zu sorgen, da brach Diederich aus. „Vater war
nicht so krankhaft sentimental wie du,“ schrie er, „und er
log auch nicht.“ Frau Heßling glaubte den Seligen zu
hören und duckte sich. Dies benutzte Diederich, um seinen
Monatswechsel um fünfzig Mark erhöhen zu lassen.
</p>

<pb n='48'/><anchor id='Pgp0048'/>

<p>
„Zunächst“, sagte er rauh, „hab’ ich mein Jahr abzudienen.
Das kostet, was es kostet. Mit euren kleinlichen
Geldgeschichten könnt ihr mir später kommen.“
</p>

<p>
Er bestand sogar darauf, in Berlin einzutreten. Der
Tod des Vaters hatte ihm wilde Freiheitsgefühle gegeben.
Nachts freilich träumte er, der alte Herr trete aus
dem Kontor, mit dem ergrauten Gesicht, das er als Leiche
gehabt hatte – und schwitzend erwachte Diederich.
</p>

<p>
Er reiste, versehen mit dem Segen der Mutter. Gottlieb
Hornung und ihre gemeinsame Rosa konnte er fortan
nicht brauchen und zog um. Den Neuteutonen zeigte er
in angemessener Form seine veränderten Lebensumstände
an. Die Burschenherrlichkeit war vorüber. Der Abschiedskommers!
Trauersalamander wurden gerieben, die für
Diederichs alten Herrn bestimmt waren, aber die auch ihm
und seiner schönsten Blütezeit gelten konnten. Vor lauter
Hingabe gelangte er unter den Tisch, wie am Abend seiner
Aufnahme als Konkneipant; und war nun alter Herr.
</p>

<p>
Arg verkatert stand er tags darauf, inmitten anderer
jungen Leute, die alle, wie er selbst, ganz nackt ausgezogen
waren, vor dem Stabsarzt. Dieser Herr sah angewidert
über all das männliche Fleisch hin, das ihm unterbreitet
war; an Diederichs Bauch aber ward sein Blick höhnisch.
Sofort grinsten alle ringsum, und Diederich blieb nichts
übrig, als auch seinerseits die Augen auf seinen Bauch
zu senken, der errötet war ... Der Stabsarzt hatte
seinen vollen Ernst zurück. Einem, der nicht so scharf
hörte, wie es Vorschrift war, erging es schlecht, denn man
kannte die Simulanten! Ein anderer, der noch dazu
Levysohn hieß, bekam die Lehre: „Wenn Sie mich wieder
mal hier belästigen, dann waschen Sie sich wenigstens!“
Bei Diederich hieß es:
</p>

<pb n='49'/><anchor id='Pgp0049'/>

<p>
„Ihnen wollen wir das Fett schon wegkurieren. Vier
Wochen Dienst, und ich garantiere Ihnen, daß Sie aussehen
wie ein Christenmensch.“
</p>

<p>
Damit war er angenommen. Die Ausgemusterten
fuhren so schnell in ihre Kleider, als brennte die Kaserne.
Die für tauglich Befundenen sahen einander prüfend von
der Seite an und entfernten sich zaudernd, als erwarteten
sie, daß eine schwere Hand sich ihnen auf die Schultern
lege. Einer, ein Schauspieler mit einem Gesicht, als sei
ihm alles eins, kehrte um, stellte sich nochmals vor den
Stabsarzt hin und sagte laut, mit sorgfältiger Aussprache:
„Ich möchte noch hinzufügen, daß ich homosexuell bin.“
</p>

<p>
Der Stabsarzt wich zurück, er war ganz rot. Stimmlos
sagte er: „Solche Schweine können wir allerdings
nicht brauchen.“
</p>

<p>
Diederich drückte den künftigen Kameraden seine Entrüstung
aus über ein so schamloses Verfahren. Dann
sprach er noch den Unteroffizier an, der vorher an der
Wand seine Körperlänge gemessen hatte, und beteuerte
ihm, daß er froh sei. Trotzdem schrieb er nach Netzig an
den praktischen Arzt Dr. Heuteufel, der ihn als Jungen
im Hals gepinselt hatte: ob der Doktor ihm nicht bescheinigen
wolle, daß er skrofulös und rachitisch sei. Er könne
sich doch nicht ruinieren lassen mit der Schinderei. Aber
die Antwort lautete, er solle nur nicht kneifen, das Dienen
werde ihm trefflich bekommen. So gab Diederich denn
sein Zimmer wieder auf und fuhr mit seinem Handkoffer
in die Kaserne. Wenn man schon vierzehn Tage dort
wohnen mußte, konnte man so lange die Miete sparen.
</p>

<p>
Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen
atemraubenden Dingen an. Kompagnieweise ward man
in den Korridoren, die „Rayons“ hießen, „abgerichtet“.
<pb n='50'/><anchor id='Pgp0050'/>Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochnäsigkeit
zur Schau, die Einjährigen betrachtete er nie
anders als mit einem zugekniffenen Auge. Plötzlich schrie
er: „Abrichter!“ und gab den Unteroffizieren eine Instruktion,
worauf er sich verachtungsvoll abwandte. Beim
Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen
und Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt,
als die „Kerls“ umherzuhetzen. Ja, Diederich
fühlte wohl, daß alles hier, die Behandlung, die geläufigen
Ausdrücke, die ganze militärische Tätigkeit vor
allem darauf hinzielte, die persönliche Würde auf ein
Mindestmaß herabzusetzen. Und das imponierte ihm;
es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade dann,
eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmörderische
Begeisterung. Prinzip und Ideal war ersichtlich das
gleiche wie bei den Neuteutonen, nur ward es grausamer
durchgeführt. Die Pausen der Gemütlichkeit, in denen
man sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen
fort. Jäh und unabänderlich sank man zur Laus herab,
zum Bestandteil, zum Rohstoff, an dem ein unermeßlicher
Wille knetete. Wahnsinn und Verderben wäre es
gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen.
Höchstens konnte man, gegen die eigene Überzeugung,
sich manchmal drücken. Diederich war beim Laufen gefallen,
der Fuß tat ihm weh. Nicht, daß er gerade hätte
hinken müssen, aber er hinkte und durfte, wie die Kompagnie
„ins Gelände“ marschierte, zurückbleiben. Um
dies zu erreichen, war er zunächst an den Hauptmann
selbst herangetreten. „Herr Hauptmann, bitte –“
Welche Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit
vorwitzig das Wort an eine Macht gerichtet, von der
man stumm und auf den Knien des Geistes Befehle
ent<pb n='51'/><anchor id='Pgp0051'/>gegenzunehmen hatte! Der man sich nur „vorführen“
lassen konnte! Der Hauptmann donnerte, daß die Unteroffiziere
zusammenliefen, mit Mienen, in denen das Entsetzen
vor einer Lästerung stand. Die Folge war, daß
Diederich stärker hinkte und einen Tag länger vom Dienst
befreit werden mußte.
</p>

<p>
Unteroffizier Vanselow, der für die Untat seines Einjährigen
verantwortlich war, sagte zu Diederich nur:
„Das will ein gebildeter Mensch sein!“ Er war es gewohnt,
daß alles Unheil von den Einjährigen kam.
Vanselow schlief in ihrem Mannschaftszimmer hinter
einem Verschlag. Nach dem Lichtlöschen zoteten sie, bis
der Unteroffizier empört dazwischenschrie: „Das wollen
gebildete Leute sein!“ Trotz seiner langen Erfahrung
erwartete er immer noch von den Einjährigen mehr
Geist und gute Haltung als von den anderen Leuten
und war immer neu enttäuscht. In Diederich sah er
keineswegs den Schlimmsten. Das Bier, das einer
zahlte, entschied nicht allein über Vanselows Meinung.
Noch mehr sah Vanselow auf den soldatischen Geist
freudiger Unterwerfung, und den hatte Diederich. In
der Instruktionsstunde konnte man ihn den anderen als
Muster vorhalten. Diederich zeigte sich ganz erfüllt von
den militärischen Idealen der Tapferkeit und der Ehrliebe.
Was die Abzeichen und die Rangordnung betraf,
so schien der Sinn dafür ihm angeboren. Vanselow sagte:
„Jetzt bin ich der Herr Kommandierende General“, und
auf der Stelle benahm Diederich sich, als glaubte er es.
Wenn es aber hieß: „Jetzt bin ich ein Mitglied der königlichen
Familie“, dann war Diederichs Verhalten so, daß es
dem Unteroffizier ein Lächeln des Größenwahns abnötigte.
</p>

<p>
Im Privatgespräch in der Kantine eröffnete Diederich
<pb n='52'/><anchor id='Pgp0052'/>seinem Vorgesetzten, daß er vom Soldatenleben begeistert
sei. „Das Aufgehen im großen Ganzen!“ sagte er.
Er wünsche sich nichts auf der Welt, als ganz dabei zu
bleiben. Und er war aufrichtig – was aber nicht hinderte,
daß er am Nachmittag, bei den Übungen „im Gelände“,
keinen anderen Wunsch mehr kannte, als sich in
den Graben zu legen und nicht mehr vorhanden zu sein.
Die Uniform, die ohnedies, aus Rücksichten der Strammheit,
zu eng geschnitten war, ward nach dem Essen zum
Marterwerkzeug. Was half es, daß der Hauptmann, bei
seinen Kommandos, sich unsäglich kühn und kriegerisch
auf dem Pferd herumsetzte, wenn man selbst, rennend
und schnaufend, die Suppe unverdaut im Magen schlenkern
fühlte. Die sachliche Begeisterung, zu der Diederich völlig
bereit war, mußte zurücktreten hinter der persönlichen Not.
Der Fuß schmerzte wieder; und Diederich lauschte auf
den Schmerz, in der angstvollen, mit Selbstverachtung
verbundenen Hoffnung, es möchte schlimmer werden, so
schlimm, daß er nicht wieder „ins Gelände“ hinaus mußte,
daß er vielleicht nicht einmal mehr im Kasernenhof
üben konnte und daß man genötigt war, ihn zu entlassen!
</p>

<p>
Es kam dahin, daß er am Sonntag den alten Herrn eines
Korpsbruders aufsuchte, der Geheimer Sanitätsrat war.
Er müsse ihn um seinen Beistand bitten, sagte Diederich,
rot vor Scham. Er sei begeistert für die Armee, für das
große Ganze und wäre am liebsten ganz dabei geblieben.
Man sei da in einem großartigen Betrieb, ein Teil der
Macht sozusagen und wisse immer, was man zu tun
habe: das sei ein herrliches Gefühl. Aber der Fuß tue
nun einmal weh. „Man darf es doch nicht so weit kommen
lassen, daß er unbrauchbar wird. Schließlich habe
ich Mutter und Geschwister zu ernähren.“ Der
Geheim<pb n='53'/><anchor id='Pgp0053'/>rat untersuchte ihn. „Neuteutonia sei’s Panier“, sagte
er. „Ich kenne zufällig Ihren Oberstabsarzt.“ Hiervon
war Diederich durch seinen Korpsbruder unterrichtet.
Er empfahl sich, voll banger Hoffnung.
</p>

<p>
Die Hoffnung bewirkte, daß er am nächsten Morgen
kaum noch auftreten konnte. Er meldete sich krank. „Wer
sind Sie, was belästigen Sie mich?“ – und der Stabsarzt
maß ihn. „Sie sehen aus wie das Leben, Ihr Bauch
ist auch schon kleiner.“ Aber Diederich stand stramm
und blieb krank; der Vorgesetzte mußte sich zu einer Untersuchung
herbeilassen. Als er den Fuß zu Gesicht bekam,
erklärte er, wenn er sich nicht eine Zigarre anzünde,
werde ihm unwohl werden. Trotzdem war nichts zu
finden an dem Fuß. Der Stabsarzt stieß ihn entrüstet
vom Stuhl. „Macht Dienst, Schluß, abtreten“ – und
Diederich war erledigt. Mitten im Exerzieren aber schrie
er plötzlich auf und fiel um. Er ward ins „Revier“ gebracht,
den Aufenthalt der Leichterkrankten, wo es nach
Volk roch und nichts zu essen gab. Denn die Selbstbeköstigung,
die den Einjährigen zustand, war hier nur
schwer zu bewerkstelligen, und von den Rationen der
anderen bekam er nichts. Vor Hunger meldete er sich
gesund. Abgeschnitten von menschlichem Schutz, von
allen sittlichen Rechten der bürgerlichen Welt, trug er
sein düsteres Geschick; eines Morgens aber, als alle Hoffnung
schon dahin war, holte man ihn vom Exerzieren
weg auf das Zimmer des Oberstabsarztes. Dieser hohe
Vorgesetzte wünschte ihn zu untersuchen. Er hatte einen
verlegen menschlichen Ton und schlug dann wieder in
militärische Schroffheit um, die gleichfalls nicht unbefangen
wirkte. Auch er schien nichts Rechtes zu finden,
das Ergebnis seines Eingreifens aber klang trotzdem anders.
<pb n='54'/><anchor id='Pgp0054'/>Diederich sollte nur „vorläufig“ weiter Dienst machen, das
weitere werde sich schon ergeben. „Bei <hi rend='gesperrt'>dem Fuß</hi> ...“
</p>

<p>
Einige Tage später trat ein „Revier“gehilfe an Diederich
heran und fertigte auf geschwärztem Papier einen
Abdruck des verhängnisvollen Fußes. Diederich ward genötigt,
im Revierzimmer zu warten. Der Stabsarzt ging
eben umher und nahm Gelegenheit, ihm seine volle Verachtung
auszudrücken. „Nicht mal Plattfuß! Stinkt vor
Faulheit!“ Da aber ward die Tür aufgestoßen, und der
Oberstabsarzt, die Mütze auf dem Kopf, hielt seinen Einzug.
Sein Schritt war fester und zielbewußter als sonst,
er sah nicht rechts noch links, wortlos stellte er sich vor
seinem Untergebenen auf, den Blick finster und streng
auf dessen Mütze. Der Stabsarzt stutzte, er mußte sich
in eine Lage finden, die ersichtlich die gewohnte Kollegialität
nicht mehr zuließ. Nun hatte er sie erfaßt, nahm die
Mütze herunter und stand stramm. Darauf zeigte der
Vorgesetzte ihm das Papier mit dem Fuß, sprach leise
und mit einer Betonung, die ihm befahl, etwas zu sehen,
was nicht da war. Der Stabsarzt blinzelte abwechselnd
den Vorgesetzten, Diederich und das Papier an. Dann zog
er die Absätze zusammen: er hatte das Befohlene gesehen.
</p>

<p>
Als der Oberstabsarzt fort war, näherte der Stabsarzt
sich Diederich. Höflich, mit einem leisen Lächeln des
Einverständnisses, sagte er:
</p>

<p>
„Der Fall war natürlich von Anfang an klar. Man
mußte nur der Leute wegen –. Sie verstehen, die
Disziplin –.“
</p>

<p>
Diederich bekundete durch Strammstehen, daß er alles
verstehe.
</p>

<p>
„Aber“, wiederholte der Stabsarzt, „ich habe natürlich
gewußt, wie Ihr Fall lag.“
</p>

<pb n='55'/><anchor id='Pgp0055'/>

<p>
Diederich dachte: „Wenn du es nicht gewußt hast, jetzt
weißt du es.“ Laut sagte er:
</p>

<p>
„Gestatte mir gehorsamst zu fragen, Herr Stabsarzt:
Ich werde doch weiterdienen dürfen?“
</p>

<p>
„Dafür kann ich Ihnen nicht garantieren“, sagte der
Stabsarzt und machte kehrt.
</p>

<p>
Von schwerem Dienst war Diederich fortan befreit,
das „Gelände“ sah ihn nicht mehr. Um so williger und
freudiger war sein Verhalten in der Kaserne. Wenn des
Abends beim Appell der Hauptmann, die Zigarre im
Munde und leicht angetrunken, aus dem Kasino kam,
um für Stiefel, die nicht geschmiert, sondern gewichst
waren, Mittelarrest zu verhängen: an Diederich fand
er nichts auszusetzen. Um so unerbittlicher übte er seine
gerechte Strenge an einem Einjährigen, der nun schon im
dritten Monat strafweise im Mannschaftszimmer schlafen
mußte, weil er einst, während der ersten vierzehn Tage,
nicht dort, sondern zu Hause geschlafen hatte. Er hatte
damals vierzig Grad Fieber gehabt und wäre, wenn er
seine Pflicht getan hätte, vielleicht gestorben. Dann wäre
er eben gestorben! Der Hauptmann hatte, sooft er diesen
Einjährigen ansah, ein Gesicht voll stolzer Genugtuung.
Diederich dahinten, klein und unversehrt, dachte: „Siehst
du wohl? Die Neuteutonia und ein Geheimer Sanitätsrat
sind mehr wert als vierzig Grad Fieber ...“ Was Diederich
betraf, so waren die amtlichen Formalitäten eines Tages
glücklich erfüllt, und der Unteroffizier Vanselow verkündete
ihm seine Entlassung. Diederich hatte sofort die
Augen voll Tränen; er drückte Vanselow warm die Hand.
</p>

<p>
„Gerade muß mir das passieren, und ich hatte doch“ –
er schluchzte – „so viel Freudigkeit.“
</p>

<p>
Und dann war er „draußen“.
</p>

<pb n='56'/><anchor id='Pgp0056'/>

<p>
Vier Wochen lang blieb er zu Hause und büffelte.
Wenn er zum Essen ging, sah er sich um, ob ein Bekannter
ihn bemerkte. Endlich mußte er sich den Neuteutonen
wohl zeigen. Er trat herausfordernd auf.
</p>

<p>
„Wer von euch noch nicht dabei war, hat keine Ahnung.
Ich sage euch, da sieht man die Welt von einem anderen
Standpunkt. Ich wäre überhaupt dabei geblieben, meine
Vorgesetzten rieten es mir, ich sei hervorragend qualifiziert.
Na und da –“
</p>

<p>
Er starrte schmerzlich vor sich hin.
</p>

<p>
„Das Unglück mit dem Gaul. Das kommt davon,
wenn man ein zu guter Soldat ist. Der Hauptmann
läßt einen in seinem Dogcart fahren, damit der Gaul
mal bewegt wird, und da ist das Unglück passiert. Natürlich
habe ich den Fuß nicht geschont und zu früh wieder
Dienst gemacht. Die Sache verschlimmerte sich erheblich,
der Stabsarzt gab mir anheim, für jede Eventualität
meine Angehörigen zu benachrichtigen.“
</p>

<p>
Dies sagte er knapp und männlich.
</p>

<p>
„Da hättet ihr nun den Hauptmann sehen sollen. Täglich
kam er selbst, nach den größten Märschen, mit bestaubter
Uniform, wie er war. So was gibt es auch nur
beim Militär. Wir sind in den bösen Tagen wahre
Kameraden geworden. Hier die Zigarre ist noch von
ihm. Und als er mir dann eingestehen mußte, der Stabsarzt
wolle mich fortschicken, ich kann euch versichern, das
war einer der Augenblicke im Leben, die man nicht vergißt.
Der Hauptmann und ich, wir kriegten beide gleichzeitig
feuchte Augen.“
</p>

<p>
Alle waren erschüttert. Diederich sah tapfer um sich.
</p>

<p>
„Na, jetzt soll man sich also wieder in das bürgerliche
Leben hineinfinden. Prost.“
</p>

<pb n='57'/><anchor id='Pgp0057'/>

<p>
Er büffelte weiter; und am Sonnabend kneipte er mit
den Neuteutonen. Auch Wiebel erschien wieder. Er war
Assessor, auf dem Wege zum Staatsanwalt und sprach
nur noch von „subversiven Tendenzen“, „Vaterlandsfeinden“
und auch vom „christlich-sozialen Gedanken“.
Er erklärte den Füchsen, es sei an der Zeit, sich mit
Politik zu beschäftigen. Er wisse wohl, daß es nicht für
vornehm gelte, aber die Gegner zwängen einen dazu.
Hochfeudale Herren, wie sein Freund, der Assessor von
Barnim, seien in der Bewegung. Herr von Barnim
werde demnächst den Neuteutonen die Ehre geben.
</p>

<p>
Er kam, und er gewann alle Herzen, denn er benahm
sich wie gleich zu gleich. Er hatte dunkles, glatt gescheiteltes
Haar, das Wesen eines pflichteifrigen Beamten,
sprach sachlich – aber am Schluß seines Vortrages bekam
er Schwärmeraugen und verabschiedete sich rasch,
mit warmen Händedrücken. Die Neuteutonen stimmten
nach seinem Besuch alle darin überein, daß der jüdische
Liberalismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie sei
und daß die christlichen Deutschen sich um den Hofprediger
Stöcker zu scharen hätten. Diederich verband, wie die
anderen, mit dem Wort „Vorfrucht“ keinen deutlichen
Sinn und verstand unter „Sozialdemokratie“ nur eine
allgemeine Teilerei. Das genügte ihm auch. Aber Herr
von Barnim hatte jeden, der nähere Aufklärung wünschte,
zu sich eingeladen, und Diederich würde es sich nicht verziehen
haben, wenn er eine so schmeichelhafte Gelegenheit
versäumt hätte.
</p>

<p>
In seiner kalten, altmodischen Junggesellenwohnung
hielt Herr von Barnim ihm ein Privatissimum. Sein
politisches Ziel war eine ständische Volksvertretung, wie
im glücklichen Mittelalter: Ritter, Geistliche,
Gewerbe<pb n='58'/><anchor id='Pgp0058'/>treibende, Handwerker. Das Handwerk mußte, der
Kaiser hatte es mit Recht gefordert, wieder auf die Höhe
kommen, wie vor dem Dreißigjährigen Krieg. Die Innungen
hatten Gottesfurcht und Sittlichkeit zu pflegen.
Diederich äußerte sein wärmstes Einverständnis. Es
entsprach seinen Trieben, als eingetragenes Mitglied
eines Standes, einer Berufsklasse, nicht persönlich, sondern
korporativ im Leben Fuß zu fassen. Er sah sich schon
als Abgeordneter der Papierbranche. Die jüdischen
Mitbürger freilich schloß Herr von Barnim von seiner
Ordnung der Dinge aus; waren sie doch das Prinzip
der Unordnung und Auflösung, des Durcheinanderwerfens,
der Respektlosigkeit: das Prinzip des Bösen
selbst. Sein frommes Gesicht zog sich zusammen vom
Haß, und Diederich fühlte ihn mit.
</p>

<p>
„Schließlich“, meinte er, „haben wir doch die Gewalt
und können sie hinauswerfen. Das deutsche Heer –“
</p>

<p>
„Das ist es eben“, stieß Herr von Barnim aus, der
durch das Zimmer lief. „Haben wir darum den ruhmreichen
Krieg geführt, daß mein väterliches Gut an einen
Herrn Frankfurter verkauft wird?“
</p>

<p>
Während Diederich noch erschüttert schwieg, klingelte
es, und Herr von Barnim sagte:
</p>

<p>
„Es ist mein Barbier, den will ich mir auch mal vornehmen.“
</p>

<p>
Er bemerkte Diederichs Enttäuschung und setzte hinzu:
</p>

<p>
„Natürlich rede ich mit solch einem Manne anders. Aber
jeder von uns muß an seinem Teil der Sozialdemokratie
Abbruch tun und die kleinen Leute in das Lager unseres
christlichen Kaisers hinüberziehen. Tun auch Sie das Ihre!“
</p>

<p>
Damit war Diederich entlassen. Er hörte den Barbier
noch sagen:
</p>

<pb n='59'/><anchor id='Pgp0059'/>

<p>
„Schon wieder ein alter Kunde, Herr Assessor, der zu
Liebling hinübergeht, bloß weil Liebling jetzt Marmor
hat.“
</p>

<p>
Wiebel sagte, als Diederich ihm berichtete:
</p>

<p>
„Das ist alles schön und gut, und ich habe eine ganz
bedeutende Verehrung für die ideale Gesinnung meines
Freundes von Barnim, aber auf die Dauer kommen wir
damit nicht mehr weiter. Sehen Sie mal, auch Stöcker
hat im Eispalast seine verdammten Erfahrungen gemacht
mit der Demokratie, ob sie sich nun christlich nennt oder
unchristlich. Die Dinge sind zu weit gediehen. Heute heißt
es bloß noch: losschlagen, solange wir die Macht haben.“
</p>

<p>
Und Diederich stimmte erleichtert bei. Herumgehen
und Christen werben, war ihm gleich ein wenig peinlich
erschienen.
</p>

<p>
„Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser
gesagt.“ Wiebels Augen drohten katerhaft. „Nun, was
wollen Sie mehr? Das Militär ist darüber instruiert, es
könne vorkommen, daß es auf die lieben Verwandten
schießen muß. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein
Lieber, wir stehen am Vorabend großer Ereignisse.“
</p>

<p>
Da Diederich erregte Neugier zeigte:
</p>

<p>
„Was ich durch meinen Vetter von Klappke –.“
</p>

<p>
Wiebel machte eine Pause. Diederich zog die Absätze
zusammen:
</p>

<p>
„– in Erfahrung gebracht habe, ist noch nicht für die
Öffentlichkeit reif. Ich will nur bemerken, daß der gestrige
Ausspruch Seiner Majestät, die Nörgler möchten gefälligst
den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schütteln,
eine verteufelt ernst zu nehmende Warnung war.“
</p>

<p>
„Tatsächlich? Sie glauben?“ sagte Diederich. „Dann
ist mein Pech wirklich skandalös, daß ich gerade jetzt aus
<pb n='60'/><anchor id='Pgp0060'/>dem Dienst Seiner Majestät scheiden mußte. Ich darf
sagen, daß ich gegen den inneren Feind meine volle
Pflicht getan haben würde. Auf die Armee, so viel weiß
ich, kann der Kaiser sich verlassen.“
</p>

<p>
Er war in diesen naßkalten Februartagen des Jahres
1892 viel auf der Straße, in der Erwartung großer
Ereignisse. Unter den Linden hatte sich etwas verändert,
man sah noch nicht, was. Berittene Schutzleute hielten
an den Mündungen der Straßen und warteten auch. Die
Passanten zeigten einander das Aufgebot der Macht.
„Die Arbeitslosen!“ Man blieb stehen, um sie ankommen
zu sehen. Sie kamen vom Norden her, in kleinen
Abteilungen und im langsamen Marschschritt. Unter den
Linden zögerten sie, wie verwirrt, berieten sich mit den
Blicken und lenkten nach dem Schloß ein. Dort standen
sie, stumm, die Hände in den Taschen, ließen sich von
den Rädern der Wagen mit Schlamm bespritzen und
zogen die Schultern hoch unter dem Regen, der auf ihre
entfärbten Überzieher fiel. Manche von ihnen wandten
die Köpfe nach vorübergehenden Offizieren, nach den
Damen in ihren Wagen, nach den langen Pelzen der
Herren, die von der Burgstraße her schlenderten; und ihre
Mienen waren ohne Ausdruck, nicht drohend und nicht
einmal neugierig, nicht, als wollten sie sehen, sondern als
zeigten sie sich. Andere aber ließen kein Auge von den
Fenstern des Schlosses. Das Wasser lief über ihre hinaufgewendeten
Gesichter. Ein Pferd mit einem schreienden
Schutzmann trieb sie weiter, hinüber oder bis zur nächsten
Ecke – aber schon standen sie wieder, und die Welt
schien versunken zwischen diesen breiten hohlen Gesichtern,
die fahler Abend beschien, und der starren Mauer
dort hinten, auf der es dunkelte.
</p>

<pb n='61'/><anchor id='Pgp0061'/>

<p>
„Ich begreife nicht,“ sagte Diederich, „daß die Polizei
nicht energischer vorgeht. Das ist doch eine unbotmäßige
Bande.“
</p>

<p>
„Lassen Sie’s gut sein“, erwiderte Wiebel. „Die
Schutzleute sind genau instruiert. Die Herren da oben
haben ihre wohlüberlegten Absichten, das können Sie
mir glauben. Es ist nämlich gar nicht immer zu wünschen,
daß derartige Fäulniserscheinungen am Staatskörper
gleich anfangs unterdrückt werden. Man läßt
sie ausreifen, dann macht man ganze Arbeit!“
</p>

<p>
Die Reife, die Wiebel meinte, kam täglich näher, am
sechsundzwanzigsten schien sie da. Die Demonstrationen
der Arbeitslosen sahen zielbewußter aus. In eine der
nördlichen Straßen zurückgetrieben, quollen sie aus der
nächsten, bevor man ihnen den Weg abschneiden konnte,
verstärkt wieder hervor. Unter den Linden vereinigten
sich ihre Züge, rannen, sooft sie getrennt wurden, wieder
zusammen, erreichten das Schloß, wichen zurück und erreichten
es noch einmal, stumm und unaufhaltsam wie
übergetretenes Wasser. Der Wagenverkehr stockte, die
Fußgänger stauten sich, mit hineingezogen in die langsame
Überschwemmung, worin der Platz ertrank, in dies
trübe und mißfarbene Meer der Armen, das zäh dahinrollte,
dumpfe Laute heraufwälzte und wie Maste untergegangener
Schiffe die Stangen mit den Bannern hinaufreckte:
„Brot! Arbeit!“ Ein deutlicheres Grollen, ausbrechend
aus der Tiefe, jetzt drüben, jetzt hier: „Brot! Arbeit!“
Anschwellend über die Menge hinrollend, wie aus
einer Gewitterwolke: „Brot! Arbeit!“ Eine Attacke der Berittenen,
ein Aufschäumen, Zurückfließen, und Weiberstimmen
im Lärm, schrill, gleich Signalen: „Brot! Arbeit!“
</p>

<p>
Man wird überrannt, vom Friedrichdenkmal fegt es die
<pb n='62'/><anchor id='Pgp0062'/>Neugierigen hinunter. Aber sie haben aufgerissene Münder;
aus kleinen Beamten, denen der Weg ins Amt versperrt
ist, fliegt Staub auf, als würden sie geklopft. Ein
verzerrtes Gesicht, das Diederich nicht kennt, schreit ihm
zu: „Es kommt anders! Jetzt geht es gegen die Juden!“
– und ist untergegangen, bevor ihm einfällt, es war
Herr von Barnim. Er will ihm nach, wird in einem
großen Schub weit hinübergeworfen, bis vor das Fenster
eines Cafés, hört das Klirren der eingedrückten Scheibe,
einen Arbeiter, der schreit: „Da haben se mich neulich
’rausgesetzt for meine dreißig Fennje, weil ich keinen
Zylinderhut hatte“ – und dringt mit ein durch das
Fenster, zwischen die umgeworfenen Tische, auf den
Boden, wo man über Scherben fällt, einander die Bäuche
einstößt und laut zetert. „Niemand mehr ’rein! Wir
kriegen keine Luft!“ Aber immer mehr steigen ein. „Die
Polizei drängelt!“ Und die Mitte der Straße sieht man
frei liegen, gesäubert, wie für einen Triumphzug. Da
sagt jemand: „Das ist doch Wilhelm!“
</p>

<p>
Und Diederich war wieder draußen. Niemand wußte,
wie es kam, daß man auf einmal marschieren konnte, in
gedrängter Masse, auf der ganzen Breite der Straße
und zu beiden Seiten bis an die Flanken des Pferdes,
worauf der Kaiser saß: er selbst. Man sah ihn an und
ging mit. Knäuel von Schreienden wurden aufgelöst
und mitgerissen. Alle sahen ihn an. Dunkles Geschiebe,
ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darüber ein
junger Herr im Helm, der Kaiser. Sie sahen: sie hatten
ihn heruntergeholt aus dem Schloß. Sie hatten: „Brot!
Arbeit!“ geschrien, bis er gekommen war. Nichts hatte
sich geändert, als daß er da war – und schon marschierten
sie, als gehe es auf das Tempelhofer Feld.
</p>

<pb n='63'/><anchor id='Pgp0063'/>

<p>
Seitwärts, wo die Reihen dünner waren, sagten
bürgerlich Gekleidete zu einander: „Na, Gott sei Dank,
er weiß, was er will!“
</p>

<p>
„Was will er denn?“
</p>

<p>
„Der Bande zeigen, wer die Macht hat! Im guten hat
er es mit ihnen versucht. Er ist sogar zu weit gegangen
in den Erlassen vor zwei Jahren. Sie sind frech geworden.“
</p>

<p>
„Angst kennt er nicht, das muß man sagen. Kinder,
dies ist ein historischer Moment!“
</p>

<p>
Diederich hörte es und erschauderte. Der alte Herr,
der gesprochen hatte, wandte sich auch an ihn. Er hatte
weiße Bartkoteletts und das Eiserne Kreuz.
</p>

<p>
„Junger Mann,“ sagte er, „was unser herrlicher junger
Kaiser da macht, das werden die Kinder mal aus den
Schulbüchern lernen. Passen Sie auf!“
</p>

<p>
Viele hatten gehobene Brüste und feierliche Mienen.
Die Herren, die dem Kaiser folgten, blickten mit äußerster
Entschlossenheit darein, ihre Pferde aber lenkten sie durch
das Volk, als seien alle die Leute zum Statieren bei einer
Allerhöchsten Aufführung befohlen; und manchmal schielten
sie seitwärts, nach dem Eindruck im Publikum. Er
selbst, der Kaiser, sah nur sich und seine Leistung. Tiefer
Ernst versteinte seine Züge, sein Auge blitzte hin über
die Tausende der von ihm Gebannten. Er maß sich mit
ihnen, der von Gott gesetzte Herr mit den empörerischen
Knechten! Allein und ungeschützt hatte er sich mitten
unter sie gewagt, stark nur durch seine Sendung. Sie
konnten sich an ihm vergreifen, wenn es im Plan des
Höchsten lag; er brachte seiner heiligen Sache sich selbst
zum Opfer. War Gott mit ihm, dann sollten sie es sehen!
Dann bewahrten sie für immer das Gepräge seiner Tat
und die Erinnerung an ihre Ohnmacht!
</p>

<pb n='64'/><anchor id='Pgp0064'/>

<p>
Ein junger Mensch mit einem Künstlerhut ging neben
Diederich, er sagte: „Kennen wir. Napoleon in Moskau,
wie er sich solo unter die Bevölkerung mischt.“
</p>

<p>
„Das ist doch großartig!“ behauptete Diederich, und
die Stimme versagte ihm. Der andere zuckte die Achseln.
</p>

<p>
„Theater, und nicht mal gut.“
</p>

<p>
Diederich sah ihn an, er versuchte zu blitzen wie der Kaiser.
</p>

<p>
„Sie sind wohl auch so einer.“
</p>

<p>
Er hätte nicht sagen können was für einer. Er fühlte
nur, daß er hier, zum erstenmal im Leben, die gute Sache
zu vertreten habe gegen feindliche Bemängelungen. Trotz
seiner Aufregung sah er sich noch die Schultern des Menschen
an: sie waren nicht breit. Auch äußerte die Umgebung
sich mißbilligend. Da ging Diederich vor. Mit seinem
Bauch drängte er den Feind gegen die Mauer und schlug
auf den Künstlerhut ein. Andere knufften mit. Der Hut
lag schon am Boden und bald auch der Mensch. Im
Weitergehen bemerkte Diederich zu seinen Mitkämpfern:
</p>

<p>
„Der hat sicher nicht gedient! Schmisse hat er auch keine!“
</p>

<p>
Der alte Herr mit Bartkoteletts und Eisernem Kreuz
war auch wieder da, er drückte Diederich die Hand.
</p>

<p>
„Brav, junger Mann, brav!“
</p>

<p>
„Soll man da nicht wütend werden?“ erklärte Diederich,
noch keuchend. „Wenn der Mensch uns den historischen
Moment verekeln will?“
</p>

<p>
„Sie haben gedient?“ fragte der alte Herr.
</p>

<p>
„Ich wäre am liebsten ganz dabei geblieben“, sagte
Diederich.
</p>

<p>
„Na ja, Sedan ist nicht alle Tage“ – der alte Herr
betupfte sein Eisernes Kreuz. „Das waren wir!“
</p>

<p>
Diederich reckte sich, er zeigte auf das bezwungene Volk
und den Kaiser.
</p>

<pb n='65'/><anchor id='Pgp0065'/>

<p>
„Das ist doch gerade so gut wie Sedan!“
</p>

<p>
„Na ja“, sagte der alte Herr.
</p>

<p>
„Gestatten Sie mal, sehr geehrter Herr“, rief jemand
und schwenkte sein Notizbuch. „Wir müssen das bringen.
Stimmungsbild, verstehnse? Sie haben wohl einen Genossen
verwalkt?“
</p>

<p>
„Kleinigkeit“ – Diederich keuchte noch immer.
„Meinetwegen könnt’ es jetzt gleich losgehen gegen den
inneren Feind. Unseren Kaiser haben wir mit.“
</p>

<p>
„Fein“, sagte der Reporter und schrieb. „In der wildbewegten
Menge hört man Leute aller Stände der treuesten
Anhänglichkeit und dem unerschütterlichen Vertrauen
zu der Allerhöchsten Person Ausdruck geben.“
</p>

<p>
„Hurra!“ schrie Diederich, denn alle schrien es; und
inmitten eines mächtigen Stoßes von Menschen, der
schrie, gelangte er jäh bis unter das Brandenburger Tor.
Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch. Diederich
konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst
und das Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen,
so sehr schrie er. Ein Rausch, höher und herrlicher als
der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf die Fußspitzen,
trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch
über allen Köpfen, in einer Sphäre der begeisterten
Raserei, durch einen Himmel, wo unsere äußersten Gefühle
kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem Tor der
siegreichen Einmärsche und mit Zügen steinern und
blitzend ritt die Macht! Die Macht, die über
uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Die
über Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen
die wir nichts können, weil wir alle sie lieben!
Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung
darin haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein
<pb n='66'/><anchor id='Pgp0066'/>verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt
hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in gegliederten
Massen als Neuteutonen, als Militär, Beamtentum,
Kirche und Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und
Machtverbände kegelförmig hinan, bis dort oben, wo
sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in ihr, haben
teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind,
und triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert:
denn so rechtfertigt sie unsere Liebe!
</p>

<p>
... Einer der Schutzleute, deren Kette das Tor absperrte,
stieß Diederich vor die Brust, daß ihm der Atem
ausblieb; er aber hatte die Augen so voll Siegestaumel,
als reite er selbst über alle diese Elenden hinweg, die gebändigt
ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem
Kaiser nach! Alle fühlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette
war zu schwach gegen so viel Gefühl; man
durchbrach sie. Drüben stand eine zweite. Man mußte
abbiegen, auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen
Durchschlupf finden. Wenige fanden ihn; Diederich war
allein, als er auf den Reitweg hinausstürzte, dem Kaiser
entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gefährlichsten
Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen,
mit Augen wie ein Wilder: der Kaiser vom Pferd herunter,
blitzte ihn an, er durchbohrte ihn. Diederich riß
den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei
kam nicht. Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und
setzte sich mit Wucht in einen Tümpel, die Beine in die
Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da lachte der Kaiser.
Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan!
Der Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug
sich auf den Schenkel und lachte. Diederich aus seinem
Tümpel sah ihm nach, den Mund noch offen.
</p>

</div><div rend="page-break-before: always">
<pb n='67'/><anchor id='Pgp0067'/>
<index index="toc" level1="II"/>
<index index="pdf" level1="II"/>
<head>II.</head>

<p>
Er reinigte sich notdürftig und kehrte um. Auf einer
Bank saß eine Dame; Diederich ging ungern vorüber.
Noch dazu starrte sie ihm entgegen. „Gans“,
dachte er zornig. Da sah er, daß sie ein tief erschrockenes
Gesicht hatte, und dann erkannte er Agnes Göppel.
</p>

<p>
„Eben bin ich dem Kaiser begegnet“, sagte er sofort.
</p>

<p>
„Dem Kaiser?“ fragte sie, wie aus einer anderen Welt.
Er begann, unter großen, ungewohnten Gesten herauszujagen,
was ihn erstickte. Unser herrlicher junger Kaiser,
ganz allein unter rasenden Aufrührern! Ein Café hatten
sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter
den Linden hatte er blutige Kämpfe bestanden für seinen
Kaiser! Kanonen sollte man auffahren!
</p>

<p>
„Die Leute hungern wohl“, sagte Agnes schüchtern.
„Es sind ja auch Menschen.“
</p>

<p>
„Menschen?“ Diederich rollte die Augen. „Der innere
Feind sind sie!“
</p>

<p>
Da er Agnes wieder erschrecken sah, beruhigte er sich
etwas.
</p>

<p>
„Wenn es Ihnen Vergnügen macht, daß wegen des
Packs alle Straßen abgesperrt werden müssen.“
</p>

<p>
Nein, das kam Agnes sehr ungelegen. Sie hatte in der
Stadt Besorgungen gehabt, und wie sie zurück nach der
Blücherstraße wollte, ging kein Omnibus mehr, und
nirgends kam man durch. Sie war zurückgedrängt worden
bis hierher. Es war kalt und naß, ihr Vater würde
sich ängstigen; was sollte sie tun? Diederich verhieß ihr,
er werde es schon machen. Sie gingen zusammen weiter.
<pb n='68'/><anchor id='Pgp0068'/>Er wußte auf einmal nichts mehr zu sagen und wendete
den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren
allein zwischen kahlen Bäumen und nassem alten Laub.
Wo waren die männlichen Hochgefühle von vorhin?
Diederich empfand Beklommenheit, wie auf seinem letzten
Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann gewarnt,
auf einen Omnibus sprang, ausriß und verschwand. Gerade
sagte Agnes: „Sie haben sich aber sehr, sehr lange nicht
bei uns sehen lassen. Papa hat Ihnen doch geschrieben?“
</p>

<p>
Sein eigener Vater sei gestorben, sagte Diederich, betreten.
Jetzt mußte Agnes zuerst ihr Beileid ausdrücken,
dann fragte sie weiter: warum er damals plötzlich fortgeblieben
sei, vor drei Jahren.
</p>

<p>
„Nicht wahr? Es sind schon fast drei Jahre.“
</p>

<p>
Diederich bekam Festigkeit. Das Verbindungsleben
habe ihn völlig in Anspruch genommen. Dort herrsche
nämlich eine verdammt strenge Zucht. „Und dann habe
ich meiner Wehrpflicht genügt.“
</p>

<p>
„Oh!“ – Agnes sah ihn an, „was aus Ihnen alles geworden
ist! Und jetzt sind Sie wohl schon Doktor?“
</p>

<p>
„Das soll jetzt kommen.“
</p>

<p>
Er sah unzufrieden geradeaus. Seine Schmisse, seine
stattliche Breite, alle seine wohlerworbene Männlichkeit:
für sie war das nichts? Sie bemerkte es gar nicht?
</p>

<p>
„Aber Sie“, sagte er plump. In ihr blasses, so schmales
Gesicht stieg eine ganz dünne Röte, bis auf den Sattel
der kleinen eingedrückten Nase mit den Sommersprossen.
</p>

<p>
„Ja. Mir geht es manchmal nicht gut, aber es wird
schon wieder besser werden.“
</p>

<p>
Diederich bereute.
</p>

<p>
„Ich meinte doch natürlich, daß Sie noch hübscher geworden
sind“ – und er betrachtete ihr rotes Haar, das
<pb n='69'/><anchor id='Pgp0069'/>unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als früher, weil
ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er
sich seiner Demütigungen von damals und wie anders
die Dinge jetzt lagen. Herausfordernd sagte er:
</p>

<p>
„Wie geht es denn Herrn Mahlmann?“
</p>

<p>
Agnes bekam eine wegwerfende Miene.
</p>

<p>
„Denken Sie an den noch? Wenn ich den mal wiedersähe,
wär’s mir gleich.“
</p>

<p>
„So? Aber er hat ein Patentbureau und könnte ganz
gut heiraten.“
</p>

<p>
„Wennschon.“
</p>

<p>
„Früher interessierten Sie sich doch für ihn.“
</p>

<p>
„Woraus schließen Sie das?“
</p>

<p>
„Er schenkte Ihnen immer etwas.“
</p>

<p>
„Ich hätte es lieber nicht angenommen; aber dann –“
sie sah auf den Weg, auf das nasse Laub vom Vorjahr, „dann
hätte ich auch Ihre Geschenke nicht annehmen dürfen.“
</p>

<p>
Darauf schwieg sie erschrocken. Diederich fühlte, daß
etwas Schweres geschehen war, und schwieg auch.
</p>

<p>
„Das war doch nicht der Rede wert,“ stieß er endlich
heraus, „ein paar Blumen.“ Und mit wiedergekehrter
Entrüstung: „Mahlmann hat Ihnen sogar ein Armband
geschenkt.“
</p>

<p>
„Ich trage es niemals“, sagte Agnes. Er hatte auf einmal
Herzklopfen, er brachte hervor: „Und wenn es von
mir gewesen wäre?“
</p>

<p>
Stille; er hielt den Atem an. Ganz leise kam es von
ihr her:
</p>

<p>
„Dann ja.“
</p>

<p>
Darauf gingen sie plötzlich rascher und ohne mehr zu
sprechen. Sie kamen vor das Brandenburger Tor, sahen
die Linden bedrohlich von Polizei erfüllt, eilten vorbei und
<pb n='70'/><anchor id='Pgp0070'/>bogen in die Dorotheenstraße. Hier war es wenig belebt,
Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu lachen.
</p>

<p>
„Das ist eigentlich hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen
nämlich schenkte, war mit meinem Geld bezahlt. Er nahm
mir ja alles ab, ich war noch ein ganz grüner Junge.“
</p>

<p>
Sie blieb stehen. „Oh!“ – und sie sah ihn an, ihre
goldbraunen Augen zitterten. „Das ist schrecklich. Können
Sie mir das verzeihen?“
</p>

<p>
Er lächelte überlegen. Das seien alte Geschichten,
Jugendtorheiten.
</p>

<p>
„Nein, nein“, sagte sie verstört.
</p>

<p>
Die Hauptsache, meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause
komme. Hier ging es schon wieder nicht weiter. Omnibusse
waren auch nicht zu sehen. „Es tut mir leid, aber
Sie werden sich meine Gesellschaft noch länger gefallen
lassen müssen. Übrigens wohne ich gleich hier. Sie
könnten mit hinaufkommen, da wären Sie wenigstens im
Trockenen. Aber natürlich, eine junge Dame darf das nicht.“
</p>

<p>
Sie hatte noch immer diesen flehenden Blick.
</p>

<p>
„Sie sind so gut“, sagte sie, stärker atmend. „Sie sind
so edel.“ Und da sie schon das Haus betraten: „Zu Ihnen
kann ich doch Vertrauen haben?“
</p>

<p>
„Ich weiß, was ich der Ehre meiner Korporation
schulde“, erklärte Diederich.
</p>

<p>
Sie mußten an der Küche vorbei, aber es war niemand
darin. „Legen Sie doch so lange ab“, sagte Diederich
gnädig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen, und trat,
während sie den Hut abnahm, von einem Fuß auf den
anderen.
</p>

<p>
„Ich muß die Wirtin suchen, damit sie Tee macht.“ Er
wandte sich schon nach der Tür, zuckte aber zurück: Agnes
hatte seine Hand ergriffen und küßte sie! „Aber Fräulein
<pb n='71'/><anchor id='Pgp0071'/>Agnes“, murmelte er, furchtbar erschrocken, und legte ihr,
wie tröstend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen
die seine. Er drückte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich
tief, weil er sich dazu verpflichtet fühlte. Unter seinem
Druck bebte und flog ihr Körper, als würde er geschlagen.
Er fühlte sich in der dünnen Bluse lau und feucht an.
Diederich ward es heiß, er küßte Agnes auf den Hals. Und
plötzlich kam ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem Mund,
halbgeschlossenen Augen und mit einem Ausdruck, den
er nie gesehen hatte und der ihm schwindlig machte.
„Agnes! Agnes, ich liebe dich“, sagte er wie aus tiefer
Not. Sie antwortete nicht, aus ihrem offenen Mund
kamen kleine warme Atemstöße, und er fühlte sie fallen,
er trug sie, die zu zerfließen schien.
</p>

<p>
Dann saß sie auf dem Diwan und weinte. „Sei mir
nicht bös, Agnes“, bat Diederich. Sie sah ihn an mit
ihren nassen Augen.
</p>

<p>
„Ich weine doch vor Glück“, sagte sie. „Ich hab’ so
lange auf dich gewartet.“
</p>

<p>
„Warum?“ fragte sie, da er ihre Bluse schließen wollte.
„Warum deckst du es schon zu? Findest du es schon
nicht mehr schön?“
</p>

<p>
Er verwahrte sich. „Ich bin mir der übernommenen
Verantwortung vollkommen bewußt.“
</p>

<p>
„Verantwortung?“ sagte Agnes. „Wer hat die? Ich
habe dich drei Jahre lang geliebt. Du wußtest es ja nicht.
Es war wohl das Schicksal!“
</p>

<p>
Diederich, die Hände in den Taschen, bedachte, daß dies
das Schicksal der leichtsinnigen Mädchen sei. Andererseits
empfand er das Bedürfnis, sich ihre Versicherungen
wiederholen zu lassen. „Also wirklich mich, nur mich hast
du geliebt?“
</p>

<pb n='72'/><anchor id='Pgp0072'/>

<p>
„Ich sah, daß du mir nicht glaubtest. Es war schrecklich,
als ich merkte, du kamst nicht mehr, und es war aus. Es
war ganz schrecklich. Ich wollte dir schreiben, ich wollte
zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut, weil du mich
doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, daß Papa
eine Reise mit mir machen mußte.“
</p>

<p>
„Wohin denn?“ fragte Diederich. Aber Agnes antwortete
nicht, sie zog ihn wieder an sich.
</p>

<p>
„Sei lieb mit mir! Ich hab’ nur dich!“
</p>

<p>
Diederich dachte verlegen: „Dann hast du nicht viel.“
Agnes schien ihm verkleinert und sehr im Wert gesunken,
seit er den Beweis hatte, daß sie ihn liebte. Auch sagte
er sich, einem Mädchen, das so etwas tat, dürfe man nicht
alles glauben.
</p>

<p>
„Und Mahlmann?“ fragte er höhnisch. „Ein bißchen
war doch wohl los mit ihm.“ – „Na laß nur“, sagte er,
da sie sich mit starrem Entsetzen aufrichtete. Er suchte
gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen von
seinem Glück.
</p>

<p>
Sehr langsam zog sie sich an. „Dein Vater wird aber
gar nicht wissen, was los ist“, meinte Diederich. Sie hob
nur die Schultern. Als sie fertig war und er schon die
Tür geöffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in das
Zimmer zurück, mit einem langen, angstvollen Blick.
</p>

<p>
„Vielleicht“, sagte sie, wie zu sich selbst, „komme ich nie
wieder. Mir ist, als sollte ich heute nacht sterben.“
</p>

<p>
„Wieso denn?“ sagte Diederich, peinlich berührt. Statt
einer Antwort ließ sie sich noch einmal an ihn hinsinken,
den Mund auf seinem, die Brust auf seiner und von den
Hüften zu den Füßen wie mit ihm verwachsen. Diederich
wartete geduldig. Dann löste sie sich, öffnete die Augen
und sagte:
</p>

<pb n='73'/><anchor id='Pgp0073'/>

<p>
„Du mußt nicht denken, daß ich etwas von dir verlange.
Ich hab’ dich geliebt, nun ist alles gleich.“
</p>

<p>
Er bot ihr einen Wagen an, aber sie wollte gehen.
Unterwegs fragte er nach ihrer Familie und nach anderen
Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz ward er unruhig,
und etwas heiser brachte er hervor:
</p>

<p>
„Natürlich denke ich nicht daran, mich meinen Verpflichtungen
dir gegenüber zu entziehen. Nur vorläufig:
du verstehst, ich verdiene noch nichts, ich muß erst fertig
sein und zu Hause mich in den Betrieb einleben ...“
</p>

<p>
Agnes erwiderte dankbar und ruhig, als habe man ihr
ein Kompliment gemacht:
</p>

<p>
„Es wäre schön, wenn ich später einmal deine Frau
werden könnte.“
</p>

<p>
Da sie in die Blücherstraße einbogen, blieb er stehen.
Unsicher meinte er, es sei jetzt wohl besser, wenn er umkehre.
Sie sagte:
</p>

<p>
„Weil uns jemand sehen könnte? Das würde gar nichts
machen, denn ich muß zu Hause doch erzählen, daß ich
dir begegnet bin und daß wir im Café zusammen gewartet
haben, bis die Straßen wieder frei waren.“
</p>

<p>
„Na, die kann lügen“, dachte Diederich. Sie setzte hinzu:
</p>

<p>
„Für Sonntag bist du zu Mittag geladen, du mußt
bestimmt kommen.“
</p>

<p>
Diesmal war es ihm zuviel, er fuhr auf. „Ich soll –?
Bei euch soll ich –?“
</p>

<p>
Sie lächelte sanft und schlau. „Es geht doch nicht anders.
Wenn man uns einmal sähe –: willst du denn nicht, daß
ich wiederkomme?“
</p>

<p>
O ja, das wollte er. Trotzdem mußte sie ihm zureden,
bis er sein Erscheinen versprach. Vor ihrem Hause verabschiedete
er sich mit einer formellen Verbeugung, kehrte
<pb n='74'/><anchor id='Pgp0074'/>rasch um und dachte: „So ein Weib ist scheußlich raffiniert.
Lange tu’ ich da nicht mit.“ Indes bemerkte er mit Unlust,
daß es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es verlangte
ihn nach Hause, er wußte nicht, warum. Als er
dann die Tür seines Zimmers hinter sich zugezogen hatte,
blieb er davor stehen und starrte in die Dunkelheit. Plötzlich
reckte er die Arme in die Höhe, wandte das Gesicht
nach oben und sagte in einem langen Aufatmen:
</p>

<p>
„Agnes!“
</p>

<p>
Er fühlte sich verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben.
„Ich bin ganz furchtbar glücklich“, dachte er, und:
„So schön kommt es im ganzen Leben nicht wieder!“
Er hatte die Gewißheit, daß er bis jetzt, bis zu dieser Minute,
alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte.
Dort hinten kneipten sie nun und machten sich wichtig.
Juden oder Arbeitslose, was gingen einen die an, warum
sollte man sie hassen? Diederich fühlte sich bereit, sie zu
lieben! Hatte er denn wirklich, er selbst, den Tag in
einem Gewühl von Menschen verbracht, die er für Feinde
gehalten hatte? Sie waren Menschen: Agnes hatte recht!
War er selbst es, der jemand um einiger Worte willen
geschlagen hatte, geprahlt, gelogen, sich töricht abgearbeitet
und endlich, zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz
geworfen hatte vor einem Herrn zu Pferd, dem Kaiser,
der ihn auslachte? Er erkannte, daß er, bis Agnes kam,
ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben geführt
habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefühle,
die ihn beschämten, und niemand, den er liebte – bis
Agnes kam! „Agnes! Süße Agnes, du weißt ja gar
nicht, wie ich dich liebhabe!“ Aber sie sollte es wissen.
Er fühlte, daß er es nie wieder so werde sagen können
wie in dieser Stunde, und er schrieb einen Brief. Er
<pb n='75'/><anchor id='Pgp0075'/>schrieb, daß auch er diese drei Jahre immer auf sie gewartet
habe, und daß er keine Hoffnung gehabt habe,
weil sie zu schön für ihn sei, zu fein und zu gut; daß er
sich das mit Mahlmann nur eingeredet habe aus Feigheit
und aus Trotz; daß sie eine Heilige sei, und nun sie zu
ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Füßen. „Hebe mich
auf, Agnes, ich kann stark sein, ich fühle es, und ich will
Dir mein ganzes Leben weihen!“ – Er weinte, drückte
das Gesicht in das Diwankissen, worin er ihren Duft noch
spürte, und unter Schluchzen, wie als Kind, schlief er ein.
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<p>
Am Morgen freilich war er erstaunt und befremdet, sich
nicht im Bett zu finden. Sein großes Erlebnis fiel ihm ein,
ein süßer Stoß ging durch sein Blut, bis zum Herzen. Aber
auch der Verdacht kam ihm, daß er sich peinliche Übertreibungen
habe zuschulden kommen lassen. Er las den
Brief wieder durch: das war alles recht schön, und es konnte
einen auch wirklich aus der Fassung bringen, wenn man
auf einmal mit so einem großartigen Mädel ein Verhältnis
hatte. Wäre sie jetzt nur dagewesen, er hätte zärtlich sein
wollen! Aber den Brief schickte man doch besser nicht ab.
Es war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am Ende fing
Vater Göppel ihn ab ... Diederich verschloß den Brief im
Schreibtisch. „An das Essen hab’ ich gestern überhaupt nicht
gedacht!“ Er ließ sich ein ausgiebiges Frühstück bringen.
„Und rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge.
Das ist doch Blödsinn. So darf man nicht sein.“
Er zündete eine Zigarre an und ging ins Laboratorium.
Was er auf dem Herzen hatte, beschloß er statt in Worte
– denn so hohe Worte waren unmännlich und unbequem
– lieber in Musik auszuströmen. Er mietete ein Klavier
und versuchte sich plötzlich mit viel mehr Glück als in der
Klavierstunde an Schubert und Beethoven.
</p>

<pb n='76'/><anchor id='Pgp0076'/>

<p>
Am Sonntag, wie er bei Göppels klingelte, machte
Agnes selbst ihm auf. „Das Mädchen kann nicht vom
Herd fort“, sagte sie; aber den wahren Grund sagte ihr
Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf
das silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er
hinsehen.
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„Kennst du es nicht?“ flüsterte Agnes. Er ward rot.
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„Das von Mahlmann?“
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„Das von dir! Ich trag’ es zum erstenmal.“
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Rasch und heiß drückte sie ihm die Hand, dann ging
die Tür zum Berliner Zimmer auf. Herr Göppel wandte
sich um. „Na, da ist wohl unser Ausreißer?“ Aber kaum
erblickte er Diederich, änderte sich seine Miene, er bereute
seine Vertraulichkeit.
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<p>
„Ich hätte Sie, weiß Gott, nicht wiedererkannt, Herr
Heßling!“
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Diederich sah zu Agnes hinüber, wie um ihr zu sagen:
„Siehst du? Der merkt es, daß ich kein dummer Junge
mehr bin.“
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<p>
„Bei Ihnen ist ja alles unverändert“, stellte Diederich
fest und begrüßte Herrn Göppels Schwestern und
Schwager. In Wahrheit aber fand er alle beträchtlich
gealtert, besonders Herrn Göppel, der sich weniger munter
benahm und dem ein kummervolles Fett von den
Wangen hing. Die Kinder waren nun größer, und irgendwo
im Zimmer schien eine Person zu fehlen.
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<p>
„Ja, ja,“ so schloß Herr Göppel die einleitende Unterhaltung,
„die Zeit vergeht, aber gute Freunde finden sich
immer wieder.“
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„Wenn du wüßtest, wie“, dachte Diederich verlegen
und mit Geringschätzung, indes man zu Tisch ging. Beim
Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals ihm
gegen<pb n='77'/><anchor id='Pgp0077'/>über gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so hochtrabend
gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht
gewußt hatte, daß Chemie etwas anderes war als Physik.
Agnes, die er zu seiner Rechten hatte, erklärte ihm, daß
diese Tante schon seit zwei Jahren tot sei. Diederich
murmelte sein Beileid, im stillen aber sagte er sich: „Die
quatscht also auch nicht mehr.“ Ihm kam es vor, als ob
hier alle bestraft und niedergedrückt seien, ihn selbst nur
hatte das Schicksal, seinem Wert entsprechend, erhöht.
Und er streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick des
Besitzers.
</p>

<p>
Die süße Speise ließ auf sich warten, gerade wie damals.
Agnes wandte unruhig den Kopf nach der Tür, Diederich
sah ihre schönen blonden Augen verdunkelt, als sei etwas
Ernstes geschehen. Er hatte plötzlich tiefes Mitgefühl mit ihr,
eine große Zärtlichkeit. Er stand auf und rief aus der Tür:
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<p>
„Marie! Der Krehm!“
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<p>
Wie er zurückkam, trank Herr Göppel ihm zu. „Das
haben Sie früher auch schon gemacht. Sie sind doch hier
wie’s Kind im Hause. Nicht, Agnes?“ Agnes dankte
Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufrührte.
Er mußte sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen
zu bekommen. Wie wohlwollend die Verwandten ihm
zulächelten! Der Schwager stieß mit ihm an. Was für
gute Menschen! Und Agnes, die süße Agnes, liebte ihn!
Er verdiente so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut,
er nahm sich dunkel vor, nachher mit Herrn Göppel zu
sprechen.
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<p>
Leider fing Herr Göppel nach dem Essen wieder von
den Krawallen an. Wenn wir endlich den Druck der Bismarckschen
Kürassierstiefel los waren, brauchte man die
Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der
<pb n='78'/><anchor id='Pgp0078'/>junge Mann (so nannte Herr Göppel den Kaiser!) redet
uns noch die Revolution an den Hals ... Diederich sah
sich veranlaßt, im Namen der Jugend, die fest und treu
zu ihrem herrlichen jungen Kaiser stehe, solche Nörgeleien
auf das schärfste zurückzuweisen. Seine Majestät hatten
es selbst gesagt: „Diejenigen, welche mir behilflich sein
wollen, herzlich willkommen. Die sich mir entgegenstellen,
zerschmettere ich.“ Dabei versuchte Diederich zu
blitzen. Herr Göppel erklärte, er warte es ab.
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„In dieser harten Zeit“, fügte Diederich hinzu, „muß
jeder seinen Mann stehen.“ Und er setzte sich in Positur
vor Agnes, die ihn bewunderte.
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<p>
„Wieso harte Zeit?“ sagte Herr Göppel. „Sie ist doch
nur hart, wenn wir uns gegenseitig das Leben schwer
machen. Ich hab’ mich mit meinen Arbeitern noch immer
vertragen.“
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<p>
Diederich zeigte sich entschlossen, daheim in seinem Betrieb
eine ganz andere Zucht einzuführen. Sozialdemokraten
wurden nicht mehr geduldet, und Sonntags gingen
die Leute zur Kirche! – Das auch noch? meinte Herr
Göppel. Das könne er von seinen Leuten nicht verlangen,
wenn er selbst doch bloß am Karfreitag gehe. „Soll ich
sie beschwindeln? Christentum ist gut; aber was der
Pastor alles redet, glaubt doch kein Mensch mehr.“ Da
sah man Diederichs Miene hoch überlegen werden.
</p>

<p>
„Mein lieber Herr Göppel, ich kann Ihnen nur sagen:
Was die Herren da oben und besonders mein verehrter
Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben für richtig
halten, das glaub’ ich auch – unbesehen. Das kann ich
Ihnen nur sagen.“
</p>

<p>
Der Schwager, der Beamter war, schlug sich plötzlich
auf Diederichs Seite. Herr Göppel hatte schon einen
<pb n='79'/><anchor id='Pgp0079'/>roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee dazwischen. „Na,
schmecken Ihnen meine Zigarren?“ Herr Göppel klopfte
Diederich aufs Knie. „Sehen Sie wohl, im Menschlichen
sind wir einig.“
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<p>
Diederich dachte: „Da ich sozusagen zur Familie gehöre.“
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<p>
Er ließ von seiner strammen Haltung einiges nach, es
war noch sehr gemütlich. Herr Göppel wollte wissen,
wann Diederich „fertig“ werde und Doktor sei, er begriff
nicht, daß eine chemische Arbeit zwei Jahre und länger
brauche. Diederich verbreitete sich in Ausdrücken, die niemand
verstand, über die Schwierigkeiten, zu einer Lösung
zu gelangen. Er hatte die Empfindung, Herr Göppel warte
zu einem bestimmten Zweck auf seine Promovierung.
Auch Agnes schien es zu fühlen, denn sie griff ein und
lenkte das Gespräch ab. Als Diederich sich verabschiedet
hatte, ging sie mit hinaus und flüsterte ihm zu:
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<p>
„Morgen um drei bei dir.“
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<p>
Vor jäher Freude griff er nach ihr und küßte sie, zwischen
den Türen, während gleich daneben das Mädchen mit
dem Geschirr rasselte. Sie fragte traurig: „Denkst du
denn gar nicht daran, was mir passiert, wenn jetzt jemand
kommt?“ Er war betroffen und verlangte als Zeichen
ihrer Verzeihung noch einen Kuß. Sie gab ihn.
</p>

<p>
Um drei Uhr pflegte Diederich aus dem Café ins Laboratorium
zurückzukehren. Statt dessen war er schon um
zwei Uhr wieder in seinem Zimmer. Richtig kam sie noch
vor drei. „Wir haben es beide nicht erwarten können!
Wie wir uns liebhaben!“ Es war schöner als das erstemal,
viel schöner. Keine Träne mehr, keine Furcht; und die
Sonne schien herein. Diederich breitete Agnes’ Haar in
der Sonne aus und badete sein Gesicht darin.
</p>

<pb n='80'/><anchor id='Pgp0080'/>

<p>
Sie blieb, bis es fast schon zu spät war, die Einkäufe zu
machen, die sie zu Hause vorgeschützt hatte. Sie mußte
laufen. Diederich, der mitlief, war sehr besorgt, daß es
ihr schaden könne. Aber sie lachte, sah rosig aus und nannte
ihn ihren Bären. Immer endeten nun so die Tage, an
denen sie kam. Immer waren sie glücklich. Herr Göppel
stellte fest, daß es Agnes besser gehe als je, und das verjüngte
ihn selbst. Daher wurden auch die Sonntage jedesmal
heiterer. Es dauerte bis abends, dann ward Punsch
gemacht, Diederich mußte Schubert spielen, oder er und
der Schwager sangen Burschenlieder und Agnes begleitete
sie. Manchmal sahen sie sich nacheinander um, beiden
war zumut, als werde ihr Glück gefeiert.
</p>

<p>
Es kam vor, daß im Laboratorium der Diener zu Diederich
hintrat und ihm meldete, draußen sei eine Dame. Er
stand sofort auf, stolz errötend unter den verständnisvollen
Blicken der Kollegen. Und dann bummelten sie, gingen
ins Café, ins Panoptikum; und da Agnes gern Bilder sah,
erfuhr Diederich auch, daß es Kunstausstellungen gab.
Agnes liebte es, vor einem Bild, das ihr gefiel, einer sanften,
festtägigen Landschaft aus schöneren Ländern, lange
stehenzubleiben, mit halbgeschlossenen Augen, und
Träume auszutauschen mit Diederich.
</p>

<p>
„Sieh nur recht hin, dann merkst du, das ist kein Rahmen,
es ist ein Tor mit goldenen Stufen, die gehen wir
hinunter und über den Weg, und biegen die Weißdornbüsche
weg und steigen in den Kahn. Fühlst du wohl, wie
er schaukelt? Das kommt, weil wir die Hand durch das
Wasser schleifen, es ist so warm. Drüben am Berg, der
weiße Punkt, du weißt schon, es ist unser Haus, dahin
fahren wir. Siehst du, siehst du?“
</p>

<p>
„Ja, ja“, sagte Diederich voll Eifer. Er kniff die Lider
<pb n='81'/><anchor id='Pgp0081'/>ein und sah alles, was Agnes wollte. Er geriet so sehr
in Feuer, daß er ihre Hand nahm, um sie zu trocknen.
Dann setzten sie sich in einen Winkel und sprachen von den
Reisen, die sie machen wollten, dem sorgenlosen Glück in
sonniger Ferne, von Liebe ohne Ende. Diederich glaubte,
was er sagte. Im Grunde wußte er wohl, daß er bestimmt
sei, zu arbeiten und ein praktisches Leben zu führen,
ohne viel Muße für Überschwenglichkeiten. Aber
was er hier sagte, war von einer höheren Wahrheit als
alles, was er wußte. Der eigentliche Diederich, der, der
er hätte sein sollen, sprach wahr. – Aber Agnes: wie sie
nun aufstanden und gingen, war sie blaß und schien müde.
Ihre schönen blonden Augen hatten einen Glanz, der
Diederich beklommen machte, und sie fragte leise und
zitternd:
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<p>
„Wenn unser Kahn nun umgeschlagen wäre?“
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<p>
„Dann hätte ich dich gerettet!“ sagte Diederich entschlossen.
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<p>
„Aber es ist weit vom Ufer, und das Wasser ist schrecklich
tief.“
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<p>
Da er ratlos war:
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<p>
„Wir hätten ertrinken müssen. Sag’, wärst du gern mit
mir gestorben?“
</p>

<p>
Diederich sah sie an; dann schloß er die Augen.
</p>

<p>
„Ja“, sagte er mit einem Seufzer.
</p>

<p>
Nachher aber bereute er ein solches Gespräch. Er hatte
wohl gemerkt, warum Agnes plötzlich in eine Droschke
steigen und heimfahren mußte. Sie hatte krampfhafte
Röte bis in die Stirn gehabt, und er sollte nicht sehen,
wie sie hustete. Den ganzen Nachmittag bereute Diederich
nun. Solche Sachen waren ungesund, führten zu
nichts und machten Ungelegenheiten. Sein Professor
<pb n='82'/><anchor id='Pgp0082'/>hatte schon von den Besuchen der Dame erfahren. Es
ging nicht länger, daß sie ihn wegen jeder Laune von seiner
Arbeit wegholte. Er setzte es ihr schonend auseinander.
„Du hast wohl recht“, sagte sie darauf. „Ordentliche
Menschen brauchen feste Stunden. Aber wenn ich nun
um halb sechs zu dir kommen soll, und am meisten geliebt
hab’ ich dich schon um vier?“
</p>

<p>
Er fühlte Spott heraus, vielleicht sogar Geringschätzung,
und ward grob. Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere
hindern wollte, könne er überhaupt nicht brauchen. So
habe er sich die Sache nicht vorgestellt. Da bat Agnes
um Verzeihung. Sie wollte ganz bescheiden werden und
in seinem Zimmer auf ihn warten. Wenn er noch zu tun
hatte, oh! er brauchte keine Rücksicht zu nehmen. Das
beschämte Diederich, er ward weich und überließ sich, zusammen
mit Agnes, den Klagen über eine Welt, in der
es nicht nur Liebe gab. „Muß es denn sein?“ fragte
Agnes. „Du hast ein wenig Geld, ich auch. Warum
Karriere machen und dich abhetzen? Wir könnten es so
gut haben.“ Diederich sah es ein – nachträglich aber
nahm er ihr es übel. Nun ließ er sie warten, halb mit
Absicht. Sogar den Besuch politischer Versammlungen
erklärte er für eine Pflicht, die der Zusammenkunft mit
Agnes vorangehe. Eines Abends im Mai, wie er verspätet
heimkam, traf er vor der Tür einen jungen Mann
in Einjährigenuniform, der ihn zögernd ansah. „Herr
Diederich Heßling?“ – „Ach ja,“ stammelte Diederich,
„Sie – du – Sie sind wohl Herr Wolfgang Buck?“
</p>

<p>
Der jüngste Sohn des großen Mannes von Netzig hatte
sich endlich entschlossen, dem Befehl seines Vaters zu
folgen und Diederich aufzusuchen. Diederich nahm ihn
mit hinauf, er fand so schnell keinen Vorwand, um ihn
<pb n='83'/><anchor id='Pgp0083'/>zu entfernen, und drinnen saß Agnes! Im Flur sprach
er laut, damit sie es höre und sich verstecke. Mit Bangen
öffnete er. Im Zimmer war niemand; auch ihr Hut lag
nicht auf dem Bett; aber Diederich wußte wohl: sie war
noch soeben dagewesen. Er sah es dem Stuhl an, der
nicht ganz am Fleck stand, er fühlte es an der Luft, die
noch leise zu schwingen schien vom Hindurchstreifen ihres
Kleides. Sie mußte in dem fensterlosen kleinen Gelaß
sein, wo sein Waschtisch stand. Er schob einen Sessel
davor und murrte, unwirsch vor Verlegenheit, über die
Wirtin, die nicht aufräume. Wolfgang Buck meinte, er
komme wohl ungelegen. „O nein!“ versicherte Diederich.
Er lud den Gast zum Sitzen ein und brachte Kognak. Buck
entschuldigte sich wegen der ungewöhnlichen Stunde; der
Dienst lasse ihm keine Wahl. „Das kennen wir“, sagte
Diederich; und um Fragen zuvorzukommen, berichtete
er sofort, daß ein Jahr schon hinter ihm liege. Er sei
begeistert vom Militär, es sei das Wahre. Wer ganz
dabei bleiben könnte! Leider riefen ihn Familienpflichten.
Buck lächelte, ein weiches, skeptisches Lächeln, das
Diederich mißfiel. „Nun ja, die Offiziere: man ist wenigstens
unter Leuten mit guten Manieren.“
</p>

<p>
„Sie verkehren mit ihnen?“ fragte Diederich, und er
meinte es höhnisch. Aber Buck erklärte einfach, daß er
zuweilen in die Offiziersmesse geladen werde. Er zuckte
die Achseln. „Ich gehe hin, weil ich es für nützlich halte,
mich in allen Lagern umzusehen. Andererseits verkehre
ich viel mit Sozialisten.“ Er lächelte wieder. „Manchmal
möchte ich nämlich General werden und manchmal
Arbeiterführer. Auf welche Seite ich schließlich fallen
werde, darauf bin ich selbst neugierig.“ Und er trank das
zweite Glas Kognak aus. „Ein ekelhafter Mensch“, dachte
<pb n='84'/><anchor id='Pgp0084'/>Diederich. „Und Agnes in der Dunkelkammer.“ Er
sagte: „Mit Ihren Mitteln steht es Ihnen ja frei, sich
in den Reichstag wählen zu lassen oder was Ihnen sonst
Spaß macht. Ich bin auf praktische Arbeit angewiesen.
Die Sozialdemokratie betrachte ich übrigens als meinen
Feind, denn sie ist der Feind des Kaisers.“
</p>

<p>
„Wissen Sie das ganz genau?“ fragte darauf Buck.
„Ich traue eher dem Kaiser eine heimliche Liebe für die
Sozialdemokratie zu. Er wäre gern selber der erste Arbeiterführer
geworden. Sie haben nur nicht gewollt.“
</p>

<p>
Diederich empörte sich. Das sei beleidigend für Seine
Majestät. Aber Buck ließ sich nicht stören. „Erinnern Sie
sich nicht, wie er Bismarck gegenüber gedroht hat, er
wolle den reichen Leuten seinen militärischen Schutz entziehen?
Er hat, wenigstens anfangs, gerade solche Rancüne
gegen die Reichen gehabt wie die Arbeiter – wenn auch
natürlich aus abweichenden Gründen, weil er sich nämlich
schwer damit abfindet, daß auch andere Macht haben.“
</p>

<p>
Den Ausrufen, die in Diederichs Mienen standen, kam
Buck zuvor. „Glauben Sie bitte nicht,“ sagte er lebhafter,
„daß Antipathie aus mir spricht. Es ist im Gegenteil Zärtlichkeit:
eine Art feindlicher Zärtlichkeit, wenn Sie wollen.“
</p>

<p>
„Verstehe ich nicht“, sagte Diederich.
</p>

<p>
„Nun ja: wie man sie für jemand hat, bei dem man seine
eigenen Fehler wiederfindet, oder nennen Sie es Tugenden.
Jedenfalls sind wir jungen Leute jetzt alle so wie
unser Kaiser, daß wir nämlich unsere Persönlichkeit ausleben
möchten und doch ganz gut fühlen, Zukunft hat
nur die Masse. Einen Bismarck wird es nicht mehr geben
und auch keinen Lassalle mehr. Vielleicht sind es die Begabteren
unter uns, die sich das heute noch ableugnen
möchten. Er jedenfalls möchte es sich ableugnen. Und
<pb n='85'/><anchor id='Pgp0085'/>wenn einem solche Unmenge Macht in den Schoß gefallen
ist, wäre es auch wirklich Selbstmord, sich nicht zu
überschätzen. Aber in tiefster Seele hat er sicher seine
Zweifel an der Rolle, die er sich zumutet.“
</p>

<p>
„Rolle?“ fragte Diederich. Buck merkte es gar nicht.
</p>

<p>
„Denn die kann ihn weit führen, da sie in der Welt, wie
sie heute nun einmal ist, verdammt paradox wirken muß.
Diese Welt erwartet von keinem einzelnen irgend mehr als
von seinem Nachbarn. Auf Niveau kommt es an, nicht auf
Auszeichnung, und am allerwenigsten auf große Männer.“
</p>

<p>
„Erlauben Sie!“ Diederich warf sich in die Brust.
„Und das Deutsche Reich, hätten wir das ohne große
Männer? Hohenzollern sind immer große Männer.“ –
Buck verzog schon wieder den Mund, wehmütig und
skeptisch. „Dann müssen sie sich in acht nehmen. Und
wir anderen auch. Der Kaiser steht, auf seine Verhältnisse
übertragen, vor derselben Frage wie ich. Soll ich
General werden und mein ganzes Leben auf einen Krieg
einrichten, der voraussichtlich nie mehr geführt werden
wird? Oder ein womöglich genialer Volksführer, während
das Volk doch schon so weit ist, daß es auf die Genies
verzichten kann? Beides wäre Romantik, und Romantik
führt bekanntlich zum Bankerott.“ Buck trank zwei
Kognaks nacheinander.
</p>

<p>
„Was soll ich also werden?“
</p>

<p>
„Ein Alkoholiker“, dachte Diederich. Er fragte sich, ob
es nicht seine Pflicht sei, Buck einen Krach zu machen.
Aber Buck trug Uniform! Auch würde der Lärm vielleicht
Agnes hervorgescheucht haben, und was konnte dann alles
entstehen! Immerhin beschloß er, sich Bucks Äußerungen
genau zu merken. Dachte der Mensch mit solchen Gesinnungen
Karriere zu machen? Diederich erinnerte sich,
<pb n='86'/><anchor id='Pgp0086'/>daß auf der Schule Bucks deutsche Aufsätze, die zu geistreich
waren, ihm ein unerklärtes, aber tiefes Mißtrauen
eingegeben hatten. „Stimmt,“ dachte er, „so ist er geblieben.
Ein Schöngeist. Die ganze Familie ist so.“ Die
Frau des alten Buck war eine Jüdin gewesen, die Theater
gespielt hatte. Und Diederich fühlte sich nachträglich gedemütigt
durch das herablassende Wohlwollen des alten
Buck beim Begräbnis seines Vaters. Auch der junge
demütigte ihn, fortwährend und mit allem: mit seinen
überlegenen Redensarten, seinen Manieren, seinem Verkehr
bei den Offizieren. War er ein Herr von Barnim?
Er war auch nur aus Netzig. „Ich hasse die ganze Familie!“
Und Diederich betrachtete aus gekniffenen Lidern
dies fleischige Gesicht mit der weich gebogenen Nase und
den feucht glänzenden Augen, die sannen. Buck stand auf.
„Nun, wir sehen uns zu Hause wieder. Nächstes oder
übernächstes Semester mache ich mein Examen, und was
bleibt dann weiter übrig, als Rechtsanwalt spielen in
Netzig ... Und Sie?“ fragte er. Diederich erklärte streng, daß
er seine Zeit nicht zu verlieren und noch im Sommer seine
Doktorarbeit abzuschließen denke. Damit führte er Buck hinaus.
„Ein dummer Kerl bist du doch nur“, dachte er. „Merkst
gar nicht, daß ich ein Mädchen bei mir habe.“ Er kehrte
zurück, froh seiner Überlegenheit über Buck und auch über
Agnes, die im Dunkeln gewartet und nicht gemuckt hatte.
</p>

<p>
Wie er aber die Tür öffnete, hing sie über einem Stuhl,
ihre Brust ging heftig, und mit dem Taschentuch unterdrückte
sie das Keuchen. Sie sah ihm entgegen, aus geröteten
Augen. Er sah: sie war da drinnen fast erstickt,
und sie hatte geweint – indes er hier draußen getrunken
und unnützes Zeug geredet hatte. Seine erste Regung
war maßlose Reue. Sie liebte ihn! Da saß sie und liebte
<pb n='87'/><anchor id='Pgp0087'/>ihn sehr, daß sie alles ertrug! Er war im Begriff, die
Arme zu erheben, vor sie hinzustürzen und sie weinend
um Verzeihung zu bitten. Rechtzeitig hielt er sich zurück
aus Furcht vor der Szene und der sentimentalen Stimmung
nachher, die ihn wieder mehrere Arbeitstage kostete
und ihr die Oberhand gab. Er tat ihr nicht den Willen!
Denn natürlich übertrieb sie absichtlich. So küßte er sie
flüchtig auf die Stirn und sagte: „Du bist schon da? Ich
hab’ dich gar nicht kommen gesehen.“ Sie zuckte auf, wie
um etwas zu erwidern, aber sie schwieg. Darauf erklärte
er, es sei gerade jemand fortgegangen. „So ein Judenbengel,
der sich aufspielt! Einfach ekelhaft!“ Diederich
lief im Zimmer umher. Um Agnes nicht ansehen zu
müssen, lief er immer schneller und redete immer heftiger.
„Das sind unsere schlimmsten Feinde! Die mit ihrer
sogenannten feinen Bildung, die alles antasten, was uns
Deutschen heilig ist! Solch ein Judenbengel kann froh
sein, daß wir ihn dulden. Soll er seine Pandekten büffeln
und die Schnauze halten. Auf seine schöngeistigen
Schmöker huste ich!“ schrie er noch lauter, mit der Absicht,
auch Agnes zu kränken. Da sie nicht antwortete,
nahm er einen neuen Anlauf. „Das kommt aber alles,
weil jeder mich jetzt zu Hause findet. Immer muß ich
deinetwegen auf der Bude hocken!“
</p>

<p>
Agnes sagte schüchtern: „Wir haben uns schon sechs
Tage nicht gesehen. Sonntag bist du wieder nicht gekommen.
Ich fürchte, du hast mich nicht mehr lieb.“ Er
blieb vor ihr stehen. Von oben herab: „Mein liebes Kind,
daß ich dich liebhabe, brauch’ ich dir wohl wirklich nicht
mehr zu versichern. Aber eine andere Frage ist es, ob
ich darum auch Lust habe, jeden Sonntag deinen Tanten
beim Häkeln zuzusehen und mit deinem Vater über
Poli<pb n='88'/><anchor id='Pgp0088'/>tik zu reden, wovon er nichts versteht.“ Agnes senkte den
Kopf. „Früher war es so schön. Du standest dich schon
so gut mit Papa.“ Diederich drehte ihr den Rücken zu
und sah aus dem Fenster. Das war es eben: er fürchtete
zu gut zu stehen mit Herrn Göppel. Durch seinen Buchhalter,
den alten Sötbier, wußte er, daß Göppels Geschäft
bergab ging. Seine Zellulose taugte nichts mehr,
Sötbier bezog sie nicht mehr von ihm. Da wäre ein
Schwiegersohn wie Diederich ihm freilich gelegen gekommen.
Diederich fühlte sich umgarnt von diesen
Leuten. Auch von Agnes! Er hatte sie im Verdacht, mit
dem Alten zusammenzustecken. Entrüstet wandte er
sich ihr wieder zu. „Und dann, liebes Kind, ehrlich gestanden:
was wir beide tun, nicht wahr, das ist unsere
Sache, aber deinen Vater lassen wir lieber aus dem Spiel.
Beziehungen wie die unseren soll man mit Familienfreundschaft
nicht verquicken. Mein sittliches Gefühl verlangt
da reinliche Scheidung.“
</p>

<p>
Ein Augenblick verging, dann stand Agnes auf, als
habe sie jetzt begriffen. Sie war tief errötet. Sie ging
zur Tür. Diederich holte sie ein. „Aber Agnes, so hab’
ich es doch nicht gemeint. Es war doch nur, weil ich dich
viel zu sehr achte –. Und ich kann ja auch wiederkommen
Sonntag.“ Sie ließ ihn reden, mit unbewegter Miene.
„Nun sei doch wieder gemütlich“, bat er. „Du hast noch
nicht mal deinen Hut abgenommen.“ Sie tat es. Er
verlangte, sie solle sich auf den Diwan setzen, und sie setzte
sich. Sie küßte ihn auch, wie er es wollte. Aber indes
ihre Lippen lächelten und küßten, blieben ihre Augen
starr und unbeteiligt. Plötzlich riß sie ihn in ihre Arme:
er erschrak, er wußte nicht, ob es Haß war. Aber dann
fühlte er sich heißer geliebt als je.
</p>

<pb n='89'/><anchor id='Pgp0089'/>

<p>
„Heute war es aber wirklich schön. Was, meine kleine
süße Agnes?“ sagte Diederich, zufrieden und gutmütig.
</p>

<p>
„Adieu“, sagte sie, hastend nach Schirm und Beutel,
während er sich erst ankleidete.
</p>

<p>
„Du hast es aber eilig.“ – „Weiter kann ich wohl nichts
für dich tun.“ Sie war schon bei der Tür – plötzlich fiel
sie mit der Schulter gegen den Pfosten und rührte sich
nicht mehr. „Was ist denn los?“ Wie Diederich näher
kam, sah er sie schluchzen. Er berührte sie. „Ja, was hast
du denn?“ Da ward ihr Weinen laut und krampfhaft.
Es hörte nicht auf. „Aber Agnes,“ sagte Diederich von
Zeit zu Zeit, „was ist auf einmal geschehen, wir waren
doch so vergnügt.“ Und ganz ratlos: „Hab’ ich dir was
getan?“ Zwischen den Krisen und halb erstickt, brachte
sie hervor: „Ich kann nicht. Entschuldige.“ Er trug sie
auf den Diwan. Als es endlich vorbei war, schämte Agnes
sich. „Verzeih! Ich kann nicht dafür.“ – „Kann denn ich
dafür?“ – „Nein, nein. Es sind die Nerven. Verzeih!“
</p>

<p>
Mitleidig und geduldig brachte er sie bis zu einem Wagen.
Nachträglich aber erschien ihm auch der Anfall als halbe
Komödie und als eins der Mittel, die ihn endgültig einfangen
sollten. Das Gefühl verließ ihn nicht mehr, daß
Ränke gesponnen wurden gegen seine Freiheit und seine
Zukunft. Er wehrte sich dagegen vermittels schroffen
Auftretens, Betonung seiner männlichen Selbständigkeit
und durch Kälte, sobald die Stimmung weich ward.
Sonntags bei Göppels war er auf seiner Hut, wie in
Feindesland: korrekt und unzugänglich. Wann seine Arbeit
denn nun fertig werde? fragten sie. Er könne die
Lösung morgen finden oder erst in zwei Jahren, das wisse
er selbst nicht. Er betonte, daß er auch künftig finanziell
abhängig von seiner Mutter bleibe. Er werde noch lange
<pb n='90'/><anchor id='Pgp0090'/>für nichts Zeit haben als einzig für das Geschäft. Und
da Herr Göppel die idealen Werte des Lebens zu bedenken
gab, lehnte Diederich barsch ab. „Noch gestern
hab’ ich meinen Schiller verkauft. Denn ich habe keinen
Sparren und lass’ mir nichts vormachen.“ Wenn er nach
solchen Worten Agnes’ stummen und betrübten Blick auf
sich fühlte, hatte er wohl einen Augenblick die Empfindung,
als habe nicht er selbst gesprochen, als gehe er im Nebel,
rede falsch und handle wider Willen. Aber das verging.
</p>

<p>
Agnes kam, sooft er sie bestellte, und ging fort, wenn es
Zeit für ihn war, zu arbeiten oder zu kneipen. Sie verführte
ihn nicht mehr zu Träumereien vor Bildern, seit
er einmal an einem Wurstgeschäft angehalten und ihr
erklärt hatte, daß sei für ihn der schönste Kunstgenuß. Ihm
selbst fiel es endlich auf das Herz, wie selten sie sich nur
noch sahen. Er warf ihr vor, daß sie nicht darauf dringe,
öfter zu kommen. „Früher warst du ganz anders.“ „Ich
muß warten“, sagte sie. „Worauf?“ „Daß auch du
wieder so wirst. Oh! Ich weiß ganz sicher, es wird kommen.“
</p>

<p>
Er schwieg aus Furcht vor Auseinandersetzungen. Dennoch
kam es, wie sie gesagt hatte. Seine Arbeit war endlich
beendet und gutgeheißen, er hatte nur noch eine belanglose
mündliche Prüfung zu bestehen und war in der
gehobenen Stimmung einer Lebenswende. Wie Agnes
ihm ihren Glückwunsch brachte und Rosen dazu, brach
er in Tränen aus und sagte, daß er sie immer, immer liebhaben
werde. Sie berichtete, daß Herr Göppel soeben
eine mehrtägige Geschäftsreise antrete. „Und nun ist das
Wetter so wunderschön ...“ Diederich fiel sofort ein:
„Das müssen wir benutzen! Solche Gelegenheit haben
wir noch nie gehabt!“ Sie beschlossen, aufs Land hinaus
zu fahren. Agnes wußte von einem Ort namens
Mitten<pb n='91'/><anchor id='Pgp0091'/>walde; es mußte einsam dort sein und romantisch wie
der Name. „Den ganzen Tag werden wir beisammen
sein!“ – „Und die Nacht auch“, setzte Diederich hinzu.
</p>

<p>
Schon der Bahnhof, von dem man abfuhr, war entlegen
und der Zug ganz klein und altmodisch. Sie blieben
allein in ihrem Wagen; es dunkelte langsam, der Schaffner
zündete ihnen eine trübe Lampe an, und sie sahen,
eng umschlungen, stumm und mit großen Augen hinaus
in das flache, eintönige Ackerland. Da hinausgehen, zu
Fuß, weit fort, und sich verlieren in der guten Dunkelheit!
Bei einem Dorf mit einer Handvoll Häuser wären
sie fast ausgestiegen. Der Schaffner holte sie jovial zurück;
ob sie denn auf Stroh übernachten wollten. Und
dann langten sie an. Das Wirtshaus hatte einen großen
Hof, ein weites Gastzimmer mit Petroleumlampen unter
der Balkendecke und einen biederen Wirt, der Agnes
„gnädige Frau“ nannte und schlaue slawische Augen dazu
machte. Sie waren voll heimlichen Einverständnisses
und befangen. Nach dem Essen wären sie gern gleich
hinaufgegangen, wagten es aber nicht und blätterten
gehorsam in den Zeitschriften, die der Wirt ihnen hinlegte.
Wie er den Rücken wandte, warfen sie einander
einen Blick zu, und, husch, waren sie auf der Treppe.
Noch war kein Licht im Zimmer, die Tür stand noch
offen, und schon lagen sie einander in den Armen.
</p>

<p>
Ganz früh am Morgen schien die Sonne herein. Im
Hof drunten pickten Hühner und flatterten auf den Tisch
vor der Laube. „Dort wollen wir frühstücken!“ Sie
gingen hinab. Wie herrlich warm! Aus der Scheuer
duftete es köstlich nach Heu. Kaffee und Brot schmeckten
ihnen frischer als sonst. So frei war einem um das Herz,
das ganze Leben stand offen. Stundenweit wollten sie
<pb n='92'/><anchor id='Pgp0092'/>gehen; der Wirt mußte die Straßen und Dörfer nennen.
Sie lobten freudig sein Haus und seine Betten. Sie seien
wohl auf der Hochzeitsreise? „Stimmt“ – und sie
lachten herzhaft.
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<p>
Die Pflastersteine der Hauptstraße streckten ihre Spitzen
nach oben, und die Julisonne färbte sie bunt. Die Häuser
waren höckrig, schief und so klein, daß die Straße zwischen
ihnen sich ausnahm wie ein Feld mit Steinen. Die Glocke
des Krämers klapperte lange hinter den Fremden her.
Wenige Leute, halb städtisch gekleidet, schlichen durch den
Schatten und wandten sich um nach Agnes und Diederich,
die stolze Gesichter machten, denn sie waren die Elegantesten
hier. Agnes entdeckte das Modengeschäft mit den Hüten
der feinen Damen. „Nicht zu glauben! Das hat man
in Berlin vor drei Jahren getragen!“ Dann traten sie
durch ein Tor, das wacklig aussah, in das Land hinaus. Die
Felder wurden gemäht. Der Himmel war blau und schwer,
die Schwalben schwammen darin wie in trägem Wasser.
Die Bauernhäuser dort drüben waren eingetaucht in
heißes Flimmern, und ein Wald stand schwarz, mit
blauen Wegen. Agnes und Diederich faßten sich bei den
Händen, und ohne Verabredung fingen sie zu singen an:
ein Lied für wandernde Kinder, das sie noch aus der
Schule kannten. Diederich machte seine Stimme tief,
damit Agnes ihn bewundere. Als sie nicht weiter wußten,
wandten sie einander die Gesichter zu und küßten sich,
im Gehen.
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<p>
„Jetzt seh’ ich erst recht, wie hübsch du bist“, sagte Diederich
und sah zärtlich in ihr rosiges Gesicht, mit den blonden
Wimpern um diese blonden, goldgestirnten Augen. „Der
Sommer steht mir gut“ – und Agnes atmete frei auf,
daß ihre Hemdbluse geschwellt ward. Schlank ging sie
<pb n='93'/><anchor id='Pgp0093'/>dahin, mit schmalen Hüften und dem blauen Schleier,
der ihr nachwehte. Diederich hatte es zu warm, er zog
den Rock aus, dann auch die Weste, und endlich gestand
er, daß er sich Schatten wünsche. Sie fanden welchen,
am Rand eines Feldes, worauf noch das Korn stand,
und unter einem Akazienbusch, der noch duftete. Agnes
setzte sich und legte Diederichs Kopf in ihren Schoß.
Sie spielten noch miteinander und scherzten: plötzlich
merkte sie, daß er einschlief.
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<p>
Er wachte auf, sah um sich, und als er Agnes’ Gesicht
fand, erglänzte er selig. „Lieber“, sagte sie. „Was du
für ein gutes, dummes Gesicht machst.“ – „Erlaub’ mal!
Ich habe doch höchstens fünf Minuten – nein, wahrhaftig,
eine Stunde hab’ ich geschlafen. Hast du dich gelangweilt?“
Aber sie war erstaunter als er, daß so viel Zeit
vergangen war. Seinen Kopf zog er unter der Hand hervor,
die sie ihm auf das Haar gelegt hatte, als er einschlief.
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<p>
Zwischen den Feldern gingen sie zurück. In einem lag
eine dunkle Masse; und als sie durch die Halme spähten,
war es ein alter Mann mit einer Pelzkappe, rostroter
Jacke und Samthosen, die auch schon rötlich waren.
Seinen Bart hatte er sich, zusammengekrümmt, um die
Knie gewickelt. Sie bückten sich tiefer, um ihn zu erkennen.
Da bemerkten sie, daß er sie schon längst aus schwarzen
Funkelaugen ansah. Unwillkürlich schritten sie schneller
aus, und in den Blicken, die sie einander zuwandten,
stand Märchengrauen. Sie blickten umher: sie waren in
einem weiten, fremden Land, die kleine Stadt dort hinten
schlief fremdartig in der Sonne, und der Himmel sah
ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist.
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<p>
Wie abenteuerlich das Mittagessen in der Laube des
Wirtshauses, mit der Sonne, den Hühnern, dem offenen
<pb n='94'/><anchor id='Pgp0094'/>Küchenfenster, aus dem Agnes sich die Teller reichen ließ.
Wo war die bürgerliche Ordnung der Blücherstraße, wo
Diederichs angestammter Kneiptisch? „Ich gehe nicht
wieder fort von hier“, erklärte Diederich. „Dich lass’ ich
auch nicht fort.“ Und Agnes: „Warum denn auch? Ich
schreibe meinem Papa und lass’ es ihm durch meine Freundin
schicken, die in Küstrin verheiratet ist. Dann glaubt er,
ich bin dort.“
</p>

<p>
Später gingen sie nochmals aus, nach der anderen Seite,
wo Wasser floß und der Horizont von den Flügeln dreier
Windmühlen umsegelt ward. Im Kanal lag ein Boot;
sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam
ihnen entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos
aneinander vorüber. Unter herniederhängenden Büschen
legte es von selbst an – und Agnes fragte unvermittelt nach
Diederichs Mutter und seinen Schwestern. Er sagte, daß
sie immer gut zu ihm gewesen seien, und daß er sie liebhabe.
Er wollte sich die Bilder der Schwestern schicken
lassen, sie waren hübsch geworden; oder vielleicht nicht
hübsch, aber so anständig und sanft. Die eine, Emmi,
las Gedichte, wie Agnes. Diederich wollte für beide
sorgen und sie verheiraten. Seine Mutter aber, die behielt
er bei sich, denn ihr hatte er alles Gute im Leben
verdankt, bis Agnes gekommen war. Und er erzählte
von den Dämmerstunden, den Märchen unter den Weihnachtsbäumen
seiner Kindheit und sogar von dem Gebet
„aus dem Herzen“. Agnes hörte zu, ganz versunken.
Endlich seufzte sie auf. „Deine Mutter möchte ich kennenlernen.
Meine hab’ ich nicht gekannt.“ Er küßte sie, mitleidig,
achtungsvoll und mit einer dunklen Empfindung
von schlechtem Gewissen. Er fühlte: jetzt hatte er ein
Wort zu sprechen, das sie ganz und gar für immer trösten
<pb n='95'/><anchor id='Pgp0095'/>mußte. Aber er schob es hinaus, er konnte nicht. Agnes
sah ihn tief an. „Ich weiß,“ sagte sie langsam, „daß du
im Herzen ein guter Mensch bist. Du mußt nur manchmal
anders tun.“ Darüber erschrak er. Dann sagte sie, als
entschuldigte sie sich: „Heute hab ich gar keine Furcht
vor dir.“
</p>

<p>
„Hast du denn sonst Furcht?“ fragte er reumütig. Sie
sagte:
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<p>
„Ich habe mich immer gefürchtet, wenn die Leute recht
hochgemut und lustig waren. Bei meinen Freundinnen
früher war es mir oft, als könnte ich mit ihnen nicht
Schritt halten, und sie müßten es merken und mich verachten.
Sie merkten es aber nicht. Schon als Kind: ich
hatte eine Puppe mit großen blauen Glasaugen, und als
meine Mutter gestorben war, mußte ich nebenan bei
der Puppe sitzen. Sie sah mich immer starr an mit
ihren aufgerissenen harten Augen, die sagten mir: Deine
Mutter ist tot, jetzt werden dich alle so ansehen wie ich.
Gerne hätte ich sie auf den Rücken gelegt, damit sie die
Augen schloß. Aber ich wagte es nicht. Hätte ich denn
auch die Menschen auf den Rücken legen können? Alle
haben solche Augen, und manchmal –“ sie verbarg ihr
Gesicht an seiner Schulter, „manchmal sogar du.“
</p>

<p>
Der Hals war ihm zugeschnürt, er tastete über ihren
Nacken, und seine Stimme schwankte. „Agnes! Süße
Agnes, du weißt gar nicht, wie ich dich liebhabe ... Ich
hab’ Furcht vor dir gehabt, ja, ich! Drei Jahre lang hab’
ich mich nach dir gesehnt, aber du warst zu schön für mich,
zu fein, zu gut ...“ Sein ganzes Herz schmolz; er sagte
alles, was er ihr nach ihrem ersten Besuch geschrieben
hatte, in dem Brief, der noch in seinem Schreibtisch lag.
Sie hatte sich aufgerichtet und hörte ihm zu, entzückt, die
<pb n='96'/><anchor id='Pgp0096'/>Lippen geöffnet. Sie jubelte leise: „Ich wußte es, so
bist du, du bist wie ich!“
</p>

<p>
„Wir gehören zusammen“, sagte Diederich und preßte
sie an sich; aber er war erschrocken über seinen Ausruf:
„Jetzt wartet sie,“ dachte er, „jetzt soll ich sprechen.“ Er
wollte es, aber er fühlte sich gelähmt. Der Druck seiner
Arme auf ihrem Rücken ward immer kraftloser ... Sie
bewegte sich: er wußte, nun wartete sie nicht mehr. Und
sie lösten sich voneinander, ohne sich anzusehen. Diederich
schlug plötzlich die Hände vor das Gesicht und schluchzte.
Sie fragte nicht, weshalb; sie strich ihm tröstend über das
Haar. Das währte lange.
</p>

<p>
Über ihn hinweg, ins Leere, sagte Agnes: „Hab’ ich
denn geglaubt, daß es dauern würde? Es mußte schlimm
enden, weil es so schön war.“
</p>

<p>
Er fuhr auf, verzweifelt. „Es ist doch nicht aus!“ Sie
fragte:
</p>

<p>
„Glaubst du an das Glück?“
</p>

<p>
„Wenn ich dich verlieren soll, nicht mehr!“
</p>

<p>
Sie murmelte: „Du wirst fortgehen, hinaus in das
Leben und mich vergessen.“
</p>

<p>
„Lieber sterben!“ – und er zog sie an sich. Sie flüsterte
an seiner Wange:
</p>

<p>
„Sieh, wie breit hier das Wasser ist, ein See. Unser
Boot hat sich von selbst losgemacht und uns hinausgeführt.
Weißt du noch, jenes Bild? Und der See, auf dem wir
schon einmal im Traum fuhren? Wohin wohl?“ Und
noch leiser: „Wohin mit uns?“
</p>

<p>
Er antwortete nicht <anchor id="corr096"/><corr sic="mehr">mehr.</corr> Ganz umschlungen und die
Lippen aufeinander, senkten sie sich rückwärts immer
tiefer über das Wasser. Drängte sie ihn? Zog er sie?
Niemals waren sie so sehr eins gewesen. Diederich fühlte:
<pb n='97'/><anchor id='Pgp0097'/>nun war es gut. Er war, mit Agnes zu leben, nicht edel
genug gewesen, nicht gläubig, nicht tapfer genug. Jetzt
hatte er sie eingeholt, nun war es gut.
</p>

<p>
Plötzlich, ein Stoß: sie schnellten in die Höhe. Diederich
hatte so viel Kraft gebraucht, daß Agnes von ihm fort und
zu Boden fiel. Er strich sich über die Stirn. „Was haben
wir denn da?“ – Noch kalt vom Schrecken und als sei er
beleidigt, sah er weg von ihr. „So unvorsichtig darf man
nicht sein beim Bootfahren.“ Er ließ sie allein aufstehen,
griff sogleich nach den Rudern und fuhr zurück. Agnes
hielt das Gesicht nach dem Ufer gewendet. Einmal wollte
sie zu ihm hinsehen; aber sein Blick traf sie so mißtrauisch
und hart, daß sie zusammenfuhr.
</p>

<p>
In der sinkenden Dämmerung gingen sie, immer
schneller, die Landstraße zurück. Zuletzt liefen sie fast. Und
erst als es dunkel genug war, daß sie ihre Gesichter nicht
mehr deutlich erkannten, sprachen sie. Morgen früh kam
Herr Göppel vielleicht heim. Agnes mußte heim ... Wie
sie beim Wirtshaus ankamen, pfiff in der Ferne schon der
Zug. „Nicht mal mehr essen kann man!“ sagte Diederich
mit künstlicher Unzufriedenheit. Hals über Kopf die
Sachen holen, zahlen und fort. Der Zug fuhr ab, kaum
daß sie drin waren. Ein Glück, daß sie Atem zu schöpfen
und die eiligen Geschäfte der letzten Viertelstunde zu besprechen
hatten. Das letzte Wort darüber war gefallen,
und nun saß jeder da, allein bei trüber Lampe und betäubt
wie nach einem großen Mißerfolg. Das dunkle Land
da draußen, hatte es einmal gelockt und Gutes versprochen?
Das sollte erst gestern gewesen sein? Man fand nicht
zurück. Kamen nicht endlich die Lichter der Stadt und
befreiten einen?
</p>

<p>
Bei der Ankunft waren sie darüber einig, daß es sich
<pb n='98'/><anchor id='Pgp0098'/>nicht verlohne, in denselben Wagen zu steigen. Diederich
nahm die Trambahn. Hände und Augen streiften sich nur.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
„Uff!“ machte Diederich, als er allein war. „Das wäre
erledigt.“ Er sagte sich: „Es hätte ebensogut schief gehen
können.“ Und mit Empörung: „So eine hysterische Person!“
Sich selbst würde sie sicher am Boot festgehalten
haben. Er hätte das Bad allein nehmen müssen. Auf
den ganzen Trick war sie doch nur verfallen, weil sie
durchaus geheiratet werden wollte! „Die Weiber sind
zu gerissen, und sie haben keine Hemmungen, da kommt
unsereiner nun mal nicht mit. Diesmal hat sie mich, weiß
Gott, noch ärger an der Nase herumgeführt als damals
mit Mahlmann. Na, mir soll es eine Lehre für das Leben
sein. Nun aber Schluß!“ Und festen Schrittes ging er
zu den Neuteutonen. Fortan verbrachte er jeden Abend
dort, und am Tage büffelte er für das mündliche Examen,
aber zur Vorsicht nicht zu Hause, sondern im Laboratorium.
Wenn er dann heimkam, ward ihm das Steigen
der Stockwerke schwer, er mußte sich gestehen, daß er Herzklopfen
habe. Zögernd öffnete er die Zimmertür: – nichts;
und nachdem ihm anfangs leichter geworden war, kam es
schließlich doch jedesmal dazu, daß er die Wirtin fragte,
ob jemand dagewesen sei. Niemand war dagewesen.
</p>

<p>
Nach vierzehn Tagen aber kam ein Brief. Er hatte ihn
geöffnet, bevor er es bedachte. Dann wollte er ihn ungelesen
in den Schreibtisch werfen – zog ihn aber wieder
hervor und hielt ihn weit fort vom Gesicht. Hastig, mit
mißtrauischen Augen griff er hier und da eine Zeile heraus.
„Ich bin so unglücklich ...“ „Kennen wir!“ antwortete
Diederich. „Ich wage mich nicht zu Dir ...“
„Dein Glück!“ „Es ist schrecklich, daß wir uns fremd
ge<pb n='99'/><anchor id='Pgp0099'/>worden sind ...“ „Wenigstens siehst du es ein.“ „Verzeih
mir, was geschehen ist, oder ist nichts geschehen?...“
„Gerade genug!“ „Ich kann nicht weiterleben ...“
„Fängst du schon wieder an?“ Und er schleuderte das
Blatt endgültig in die Lade, zu jenem anderen, das er
in einer zuchtlosen Nacht mit Überschwenglichkeiten bedeckt
und zum Glück nicht abgeschickt hatte.
</p>

<p>
Eine Woche später aber, wie er in der Nacht heimkam,
hörte er hinter sich Schritte, die besonders klangen. Er
fuhr herum: eine Gestalt blieb stehen, die Hände ein wenig
erhoben und leer vor sich hingehalten. Noch während er
das Haustor aufschloß und eintrat, sah er sie im Halbdunkel
dastehen. Im Zimmer machte er kein Licht. Er
schämte sich, indes sie aus dem Dunkel hinaufspähte, das
Zimmer zu beleuchten, das ihr gehört hatte. Es regnete.
Wie viele Stunden hatte sie gewartet? Gewiß stand sie
noch immer dort, mit ihrer letzten Hoffnung. Das war
nicht auszuhalten! Er wollte das Fenster aufreißen –
und wich zurück. Einmal fand er sich plötzlich auf der
Treppe, mit dem Hausschlüssel in der Hand. Gerade gelang
es ihm noch, umzukehren. Darauf schloß er ab und
zog sich aus. „Mehr Haltung, mein Lieber!“ Denn diesmal
wäre man aus der Sache nicht mehr leicht herausgekommen.
Das Mädel war zweifellos zu bedauern, aber
schließlich hatte sie es gewollt. „Vor allem habe ich
Pflichten gegen mich selbst.“ – Am Morgen, schlecht
ausgeschlafen, nahm er es ihr sogar sehr übel, daß sie
noch einmal versucht hatte, ihn aus seiner Bahn zu reißen.
Jetzt, da sie wußte, daß die Prüfung bevorstand! Solche
Gewissenlosigkeit sah ihr ähnlich. Und durch die nächtliche
Szene, diese Bettlerrolle im Regen, hatte ihre Gestalt
nachträglich etwas Verdächtiges und Unheimliches
<pb n='100'/><anchor id='Pgp0100'/>bekommen. Er betrachtete sie als endgültig gesunken.
„Auf keinen Fall mehr das geringste!“ beteuerte
er sich, und er beschloß, noch für den kurzen Rest
seines Aufenthaltes die Wohnung zu wechseln:
„selbst wenn es mit einem Geldopfer verbunden sein
<anchor id="corr100"/><corr sic="sollte">sollte.</corr>“ Glücklicherweise suchte ein Kollege grade ein
Zimmer; Diederich verlor nichts und zog sofort um, weit
hinauf nach dem Norden. Kurz darauf bestand er sein
Examen. Die Neuteutonia feierte ihn mit einem Frühschoppen,
der bis gegen Abend dauerte. Zu Hause ward
ihm gesagt, daß in seinem Zimmer ein Herr auf ihn warte.
„Es wird Wiebel sein,“ dachte Diederich, „er muß mir
doch Glück wünschen.“ Und von Hoffnung geschwellt:
„Vielleicht ist es der Assessor von Barnim?“ Er öffnete,
und er prallte zurück. Denn da stand Herr Göppel.
</p>

<p>
Auch er fand nicht gleich Worte. „Nanu, im Frack?“
sagte er dann, und zögernd: „Waren Sie vielleicht bei mir?“
</p>

<p>
„Nein“, sagte Diederich und erschrak aufs neue. „Ich
habe nur meine Doktorprüfung gemacht.“
</p>

<p>
Göppel erwiderte: „Ach so, ich gratuliere.“ Dann
brachte Diederich hervor: „Wie haben Sie denn meine
neue Adresse gefunden?“ Und Göppel antwortete:
„Ihrer früheren Wirtin haben Sie sie allerdings nicht gesagt.
Aber es gibt ja auch sonst noch Mittel.“ Darauf sahen
sie einander an. Göppels Stimme war ruhig gewesen,
aber Diederich fühlte schreckliche Drohungen darin. Er
hatte den Gedanken an die Katastrophe immer hinausgeschoben,
und jetzt war sie da. Er mußte sich setzen.
</p>

<p>
„Nämlich,“ begann Göppel, „ich komme, weil es Agnes
gar nicht gut geht.“
</p>

<p>
„Oh!“ machte Diederich mit verzweifelter Heuchelei.
„Was fehlt ihr denn?“ Herr Göppel wiegte bekümmert
<pb n='101'/><anchor id='Pgp0101'/>den Kopf. „Das Herz will nicht; aber es sind natürlich
nur die Nerven ... Natürlich“, wiederholte er, nachdem
er vergeblich gewartet hatte, daß Diederich es wiederhole.
„Und nun wird sie mir melancholisch vor Langeweile, und
ich möchte sie aufheitern. Ausgehen darf sie nicht. Aber
kommen Sie doch mal wieder zu uns, morgen ist Sonntag.“
</p>

<p>
„Gerettet!“ fühlte Diederich. „Er weiß nichts.“ Vor
Freude ward er zum Diplomaten, er kratzte sich den Kopf.
„Ich hatte es mir schon fest vorgenommen. Aber jetzt muß
ich dringend nach Haus, unser alter Geschäftsführer ist
krank. Nicht mal meinen Professoren kann ich Abschiedsbesuche
machen, morgen früh reise ich gleich ab.“
</p>

<p>
Göppel legte ihm die Hand auf das Knie. „Sie sollten
es sich überlegen, Herr Heßling. Seinen Freunden schuldet
man manchmal auch was.“
</p>

<p>
Er sprach langsam und hatte einen so eindringlichen
Blick, daß Diederich wegsehen mußte. „Wenn ich nur
könnte“, stammelte er; Göppel sagte:
</p>

<p>
„Sie können. Überhaupt können Sie alles, was hier in
Frage kommt.“
</p>

<p>
„Wieso?“ Diederich erstarrte im Innern. „Sie wissen
wohl, wieso“, sagte der Vater; und nachdem er seinen
Stuhl ein Stück zurückgeschoben hatte: „Sie denken doch
hoffentlich nicht, daß Agnes mich hergeschickt hat? Im
Gegenteil, ich hab’ ihr versprechen müssen, daß ich gar nichts
tue und Sie ganz in Ruhe lasse. Aber dann hab’ ich mir
überlegt, daß es doch eigentlich zu dumm wäre, wenn wir
beide noch lange umeinander herum gehen wollten, so wie
wir uns kennen, und wie ich Ihren seligen Vater gekannt
habe, und bei unserer Geschäftsverbindung und so weiter.“
</p>

<p>
Diederich dachte: „Die Geschäftsverbindung ist gelöst,
mein Bester.“ Er wappnete sich.
</p>

<pb n='102'/><anchor id='Pgp0102'/>

<p>
„Ich gehe gar nicht um Sie herum, Herr Göppel.“
</p>

<p>
„Na also. Dann ist ja alles in Ordnung. Ich verstehe
wohl: der Sprung in die Ehe, den tut kein junger Mann,
besonders heute, ohne erst mal zu scheuen. Aber wenn
die Geschichte so glatt liegt wie hier, nicht wahr? Unsere
Branchen greifen ineinander, und wenn Sie Ihr väterliches
Geschäft ausdehnen wollen, kommt Ihnen Agnes’
Mitgift sehr gelegen.“ Und in einem Atem weiter, indes
seine Augen abirrten: „Momentan kann ich zwar nur
zwölftausend Mark flüssig machen, aber Zellulose kriegen
Sie, soviel Sie wollen.“
</p>

<p>
„Siehst du wohl?“ dachte Diederich. „Und die zwölftausend
müßtest du dir auch pumpen – wenn du sie noch
kriegst.“ – „Sie haben mich mißverstanden, Herr Göppel“,
erklärte er. „Ich denke nicht ans Heiraten. Dazu
wären zu große Geldmittel nötig.“
</p>

<p>
Herr Göppel sagte mit angstvollen Augen und lachte
dabei: „Ich kann noch ein übriges tun ...“
</p>

<p>
„Lassen Sie nur“, sagte Diederich, vornehm abwehrend.
</p>

<p>
Göppel ward immer ratloser.
</p>

<p>
„Ja, was wollen Sie dann überhaupt?“
</p>

<p>
„Ich? Gar nichts. Ich dachte, Sie wollten was, weil
Sie mich besuchen.“
</p>

<p>
Göppel gab sich einen Ruck. „Das geht nicht, lieber
Heßling. Nach dem, was nun mal vorgefallen ist. Und
besonders, da es schon so lange dauert.“
</p>

<p>
Diederich maß den Vater, er zog die Mundwinkel herab.
„Sie wußten es also?“
</p>

<p>
„Nicht sicher“, murmelte Göppel. Und Diederich, von
oben:
</p>

<p>
„Das hätte ich auch merkwürdig gefunden.“
</p>

<p>
„Ich habe eben Vertrauen gehabt zu meiner Tochter.“
</p>

<pb n='103'/><anchor id='Pgp0103'/>

<p>
„So irrt man sich“, sagte Diederich, zu allem entschlossen,
womit er sich wehren konnte. Göppels Stirn fing an,
sich zu röten. „Zu Ihnen hab’ ich nämlich auch Vertrauen
gehabt.“
</p>

<p>
„Das heißt: Sie hielten mich für naiv.“ Diederich schob
die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich zurück.
</p>

<p>
„Nein!“ Göppel sprang auf. „Aber ich hielt Sie nicht
für den Schubbejack, der Sie sind!“
</p>

<p>
Diederich erhob sich mit formvoller Ruhe. „Geben Sie
Satisfaktion?“ fragte er. Göppel schrie:
</p>

<p>
„Das möchten Sie wohl! Die Tochter verführen und
den Vater abschießen! Dann ist Ihre Ehre komplett!“
</p>

<p>
„Davon verstehen Sie nichts!“ Auch Diederich fing an,
sich aufzuregen. „Ich habe Ihre Tochter nicht verführt.
Ich habe getan, was sie wollte, und dann war sie nicht
mehr loszuwerden. Das hat sie von Ihnen.“ Mit Entrüstung:
„Wer sagt mir, daß Sie sich nicht von Anfang an
mit ihr verabredet haben? Dies ist eine Falle!“
</p>

<p>
Göppel hatte ein Gesicht, als wollte er noch lauter
schreien. Plötzlich erschrak er, und mit seiner gewöhnlichen
Stimme, nur daß sie zitterte, sagte er: „Wir geraten zu
sehr in Feuer, dafür ist die Sache zu wichtig. Ich habe
Agnes versprochen, daß ich ruhig bleiben will.“
</p>

<p>
Diederich lachte höhnisch auf. „Sehen Sie, daß Sie
schwindeln? Vorhin sagten Sie, Agnes weiß gar nicht,
daß Sie hier sind.“
</p>

<p>
Der Vater lächelte entschuldigend. „Im guten einigt
man sich schließlich immer. Nicht wahr, mein lieber Heßling?“
</p>

<p>
Aber Diederich fand es gefährlich, wieder gut zu werden.
</p>

<p>
„Der Teufel ist Ihr lieber Heßling!“ schrie er. „Für
Sie heiß’ ich Herr Doktor!“
</p>

<pb n='104'/><anchor id='Pgp0104'/>

<p>
„Ach so“, machte Göppel, ganz starr. „Es ist wohl das
erstemal, daß jemand Herr Doktor zu Ihnen sagen muß?
Na, auf die Gelegenheit können Sie stolz sein.“
</p>

<p>
„Wollen Sie vielleicht auch noch meine Standesehre
antasten?“ Göppel wehrte ab.
</p>

<p>
„Gar nichts will ich antasten. Ich frage mich nur, was
wir Ihnen getan haben, meine Tochter und ich. Müssen
Sie denn wirklich so viel Geld mithaben?“
</p>

<p>
Diederich fühlte sich erröten. Um so entschlossener ging
er vor.
</p>

<p>
„Wenn Sie es durchaus hören wollen: mein moralisches
Empfinden verbietet mir, ein Mädchen zu heiraten,
das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe bringt.“
</p>

<p>
Sichtlich wollte Göppel sich nochmals empören; aber
er konnte nicht mehr, er konnte nur noch das Schluchzen
unterdrücken.
</p>

<p>
„Wenn Sie heute nachmittag den Jammer gesehen
hätten! Sie hat es mir gestanden, weil sie es nicht mehr
aushielt. Ich glaube, nicht mal mich liebt sie mehr: nur
Sie. Was wollen Sie denn, Sie sind doch der erste.“
</p>

<p>
„Weiß ich das? Vor mir verkehrte bei Ihnen ein Herr
namens Mahlmann.“ Und da Göppel zurückwich, als sei
er vor die Brust gestoßen:
</p>

<p>
„Nun ja, kann man das wissen? Wer einmal lügt, dem
glaubt man nicht.“
</p>

<p>
Er sagte noch: „Kein Mensch kann von mir verlangen,
daß ich so eine zur Mutter meiner Kinder mache. Dafür
hab’ ich zuviel soziales Gewissen.“ Damit drehte er sich
um. Er hockte nieder und legte Sachen in den Koffer, der
geöffnet dastand.
</p>

<p>
Hinter sich hörte er den Vater nun wirklich schluchzen –
und Diederich konnte nicht hindern, daß er selbst gerührt
<pb n='105'/><anchor id='Pgp0105'/>ward: durch die edel männliche Gesinnung, die er ausgesprochen
hatte, durch Agnes’ und ihres Vaters Unglück,
das zu heilen ihm die Pflicht verbot, durch die schmerzliche
Erinnerung an seine Liebe und all diese Tragik des Schicksals
... Er hörte, gespannten Herzens, wie Herr Göppel
die Tür öffnete und schloß, hörte ihn über den Korridor
schleichen und das Geräusch der Flurtür. Nun war es aus
– und da ließ Diederich sich vornüber fallen und weinte
heftig in seinen halbgepackten Koffer hinein. Am Abend
spielte er Schubert.
</p>

<p>
Damit war dem Gemüt Genüge getan, man mußte
stark sein. Diederich hielt sich vor, ob etwa Wiebel jemals
so sentimental geworden wäre. Sogar ein Knote ohne
Komment, wie Mahlmann, hatte Diederich eine Lektion
in rücksichtsloser Energie erteilt. Daß auch die anderen in
ihrem Innern vielleicht doch weiche Stellen haben könnten,
erschien ihm im höchsten Grade unwahrscheinlich. Nur
er war, von seiner Mutter her, damit behaftet; und ein
Mädel wie Agnes, die gerade so verrückt war wie seine
Mutter, würde ihn ganz untauglich gemacht haben für
diese harte Zeit. Diese harte Zeit: bei dem Wort sah
Diederich immer die Linden mit dem Gewimmel von
Arbeitslosen, Frauen, Kindern, von Not, Angst, Aufruhr
– und das alles gebändigt, bis zum Hurraschreien gebändigt
durch die Macht, die allumfassende, unmenschliche
Macht, die mitten darin ihre Hufe wie auf Köpfe setzte,
steinern und blitzend.
</p>

<p>
„Nichts zu machen“, sagte er sich, in begeisterter Unterwerfung.
„So muß man sein!“ Um so schlimmer für die,
die nicht so waren: sie kamen eben unter die Hufe. Hatten
Göppels, Vater und Tochter, irgendeine Forderung an
ihn? Agnes war großjährig, und ein Kind hatte er ihr
<pb n='106'/><anchor id='Pgp0106'/>nicht gemacht. Also? „Ich wäre ein Narr, wenn ich zu
meinem Schaden etwas täte, wozu ich nicht gezwungen
werden kann. Mir schenkt auch keiner was.“ Diederich
empfand stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen war.
Die Korporation, der Waffendienst und die Luft des Imperialismus
hatten ihn erzogen und tauglich gemacht. Er
versprach sich, zu Haus in Netzig seine wohlerworbenen
Grundsätze zur Geltung zu bringen und ein Bahnbrecher
zu sein für den Geist der Zeit. Um diesen Vorsatz auch
äußerlich an seiner Person kenntlich zu machen, begab er
sich am Morgen darauf in die Mittelstraße zum Hoffriseur
Haby und nahm eine Veränderung mit sich vor,
die er an Offizieren und Herren von Rang jetzt immer
häufiger beobachtete. Sie war ihm bislang nur zu vornehm
erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er ließ
vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei
rechten Winkeln hinaufführen. Als es geschehen war,
kannte er sich im Spiegel kaum wieder. Der von Haaren
entblößte Mund hatte, besonders wenn man die Lippen
herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen
des Bartes starrten bis in die Augen, die Diederich selbst
Furcht erregten, als blitzten sie aus dem Gesicht der Macht.
</p>

</div><div rend="page-break-before: always">
<index index="toc" level1="III"/>
<index index="pdf" level1="III"/>
<pb n='107'/><anchor id='Pgp0107'/>

<head>III.</head>

<p>
Um weiteren Belästigungen durch die Familie Göppel
aus dem Wege zu gehen, reiste er sogleich ab. Die
Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen Aufenthalt.
Diederich, der allein war, zog nacheinander den
Rock, die Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen
vor Netzig stieg noch jemand ein: zwei fremd aussehende
Damen, die durch den Anblick von Diederichs Flanellhemd
beleidigt schienen. Er seinerseits fand sie widerwärtig
elegant. Sie unternahmen es, in einer unverständlichen
Sprache eine Beschwerde an ihn zu richten,
worauf er die Achseln zuckte und die Füße in den Socken
auf die Bank legte. Sie hielten sich die Nase zu und
stießen Hilferufe aus. Der Schaffner erschien, der Zugführer
selbst, aber Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter
Klasse hin und verteidigte sein Recht. Er gab dem Beamten
sogar zu verstehen, er möge sich nur nicht die Zunge
verbrennen, man könne nie wissen, mit wem man es zu
tun habe. Als er dann den Sieg erstritten hatte und die
Damen abgezogen waren, kam statt ihrer eine andere.
Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog einfach
aus ihrem Beutel eine Wurst und aß sie aus der Hand,
wobei sie ihm zulächelte. Da rüstete er ab, erwiderte,
breit glänzend, ihre Sympathie und sprach sie an. Es
stellte sich heraus, daß sie aus Netzig war. Er nannte seinen
Namen, woraus sie frohlockte, sie seien alte Bekannte!
„Nun?“ Diederich betrachtete sie forschend: das dicke,
rosige Gesicht mit dem fleischigen Mund und der kleinen,
frech eingedrückten Nase; das weißliche Haar, nett glatt
<pb n='108'/><anchor id='Pgp0108'/>und ordentlich, den Hals, der jung und fett war, und in
den Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten
und selbst rosigen Würstchen glichen. „Nein,“ entschied
er, „kennen tu’ ich Sie nicht, aber kolossal appetitlich sind
Sie. Wie ein frischgewaschenes Schweinchen.“ Und er
griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick hatte er eine
Ohrfeige. „Die sitzt“, sagte er und rieb sich. „Haben Sie
mehr solche zu vergeben?“ – „Es langt für alle Frechmöpse.“
Sie lachte aus der Kehle und zwinkerte ihn
mit ihren kleinen Augen unzüchtig an. „Ein Stück Wurst
können Sie haben, aber sonst nichts.“ Ohne zu wollen,
verglich er ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes’ Hilflosigkeit,
und er sagte sich: „So eine könnte man getrost heiraten.“
Schließlich nannte sie selbst ihren Vornamen,
und als er noch immer nicht weiterfand, fragte sie nach
seinen Schwestern. Plötzlich rief er: „Guste Daimchen!“
Und beide schüttelten sich vor Freude. „Sie haben mir
doch immer Knöpfe geschenkt von den Lumpen in Ihrer
Papierfabrik. Das vergess’ ich Ihnen nie, Herr Doktor!
Wissen Sie, was ich mit den Knöpfen gemacht hab’? Die
hab’ ich gesammelt, und wenn meine Mutter mir mal
Geld für Knöpfe gab, hab’ ich mir Bonbons gekauft.“
</p>

<p>
„Praktisch sind Sie auch!“ Diederich war entzückt.
„Und dann sind Sie immer zu uns über die Gartenmauer
geklettert, Sie kleine Göre. Hosen hatten Sie meistenteils
keine an, und wenn der Rock ’raufrutschte, kriegte
man hinten was zu sehen.“
</p>

<p>
Sie kreischte; ein feiner Mann habe für so was kein
Gedächtnis. „Jetzt muß es aber noch schöner geworden
sein“, setzte Diederich noch hinzu. Sie ward plötzlich ernst.
</p>

<p>
„Jetzt bin ich verlobt.“
</p>

<p>
Mit dem Wolfgang Buck war sie verlobt! Diederich
<pb n='109'/><anchor id='Pgp0109'/>verstummte, mit enttäuschter Miene. Dann erklärte er
zurückhaltend, er kenne Buck. Sie sagte vorsichtig: „Sie
meinen wohl, er ist ein bißchen überspannt? Aber die
Bucks sind auch eine sehr feine Familie. Na ja, in anderen
Familien ist wieder mehr Geld“, setzte sie hinzu. Hierdurch
betroffen, sah Diederich sie an. Sie zwinkerte. Er
wollte eine Frage stellen; aber er hatte den Mut verloren.
</p>

<p>
Kurz vor Netzig fragte Fräulein Daimchen: „Und Ihr
Herz, Herr Doktor, ist noch frei?“
</p>

<p>
„Um die Verlobung bin ich noch herumgekommen.“ Er
nickte gewichtig. „Ach! Das müssen Sie mir erzählen“,
rief sie. Aber sie fuhren schon ein. „Wir sehen uns hoffentlich
bald wieder“, schloß Diederich. „Ich kann Ihnen nur
sagen, ein junger Mann kommt manchmal in verdammt
brenzlige Sachen hinein. Für ein Ja oder Nein ist das
Leben verpfuscht.“
</p>

<p>
Seine beiden Schwestern standen am Bahnhof. Wie
sie Guste Daimchen erblickten, verzogen sie zuerst das Gesicht,
dann aber stürzten sie herbei und halfen das Gepäck
tragen. Sie erklärten ihren Eifer, kaum daß sie mit
Diederich allein waren. Guste hatte nämlich geerbt, sie
war Millionärin! Darum also! Er war erschrocken vor
Hochachtung.
</p>

<p>
Die Schwestern erzählten das Nähere. Ein alter Verwandter
in Magdeburg hatte Guste all das Geld vermacht,
dafür, daß sie ihn gepflegt hatte. „Und sie hat es sich verdient,“
bemerkte Emmi, „er soll zuletzt furchtbar unappetitlich
gewesen sein.“ Magda setzte hinzu: „Und sonst
kann man sich natürlich auch noch allerlei denken, denn
Guste war doch ein ganzes Jahr mit ihm allein.“
</p>

<p>
Sofort bekam Diederich einen roten Kopf. „So was
sagt ein junges Mädchen nicht!“ schrie er entrüstet; und
<pb n='110'/><anchor id='Pgp0110'/>als Magda beteuerte, das sagten auch Inge Tietz, Meta
Harnisch und überhaupt alle: „Dann fordere ich euch
energisch auf, dem Gerede entgegenzutreten.“ Es entstand
eine Pause; darauf sagte Emmi: „Guste ist nämlich
schon verlobt.“ – „Das weiß ich“, knurrte Diederich.
</p>

<p>
Bekannte kamen ihnen entgegen, Diederich hörte sich
„Herr Doktor“ nennen, erglänzte stolz dabei und ging
weiter zwischen Emmi und Magda, die von der Seite
seine neue Barttracht bewunderten. Zu Hause empfing
Frau Heßling den Sohn mit ausgebreiteten Armen und
einem Aufschrei, wie von einer Verschmachtenden, die
gerade noch gerettet wird. Und was Diederich nicht vorausgesehen
hatte: auch er weinte. Auf einmal empfand
er die feierliche Schicksalsstunde, in der er das erstemal
als wirkliches Haupt der Familie ins Zimmer trat, „fertig“,
mit dem Doktortitel ausgezeichnet und bestimmt, Fabrik
und Familie nach seiner überlegenen Einsicht zu lenken.
Er gab Mutter und Schwestern die Hände, allen zugleich,
und sagte mit ernster Stimme: „Ich werde mir immer
bewußt bleiben, daß ich meinem Gott für euch Rechenschaft
schulde.“
</p>

<p>
Aber Frau Heßling war in Unruhe. „Bist du bereit,
mein Sohn?“ fragte sie. „Unsere Leute erwarten dich.“
Diederich trank sein Bier aus und ging, an der Spitze der
Seinen, hinunter. Der Hof war sauber gescheuert, den
Eingang der Fabrik umrahmten Kränze und beschrieben
eine Schleife um die Inschrift „Willkommen!“ Davor
stand der alte Buchhalter Sötbier und sagte: „Na guten
Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht ’raufgekommen, weil ich
noch was zu tun hatte.“
</p>

<p>
„Heute hätten Sie das auch lassen können“, erwiderte
Diederich und ging an Sötbier vorbei. Drinnen im
<pb n='111'/><anchor id='Pgp0111'/>Lumpensaal fand er die Leute. Alle standen sie in einem
Haufen zusammen: die zwölf Arbeiter, die die Papiermaschine,
den Holländer und die Schneidemaschine bedienten,
und die drei Kontoristen, samt den Frauen, deren
Tätigkeit das Sortieren der Lumpen war. Die Männer
räusperten sich, man fühlte eine Pause, bis mehrere der
Frauen ein kleines Mädchen hinausschoben, das einen
Blumenstrauß vor sich hinhielt und mit einer Klarinettenstimme
dem Herrn Doktor Glück und Willkommen wünschte.
Diederich nahm mit gnädiger Miene den Strauß; nun
war es an ihm, sich zu räuspern. Er wandte sich nach den
Seinen um, dann sah er den Leuten scharf in die Augen,
allen nacheinander, auch dem schwarzbärtigen Maschinenmeister,
obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war –
und begann:
</p>

<p>
„Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch
nur sagen, daß hier künftig forsch gearbeitet wird. Ich
bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu bringen. In der
letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher
von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die Bärenhaut
legen. Das ist aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage
das besonders für die alten Leute, die noch von meinem
seligen Vater her dabei sind.“
</p>

<p>
Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter;
und dabei sah er den alten Sötbier an:
</p>

<p>
„Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen.
Mein Kurs ist der richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen.
Diejenigen, welche mir dabei behilflich sein wollen,
sind mir von Herzen willkommen; diejenigen jedoch, welche
sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere ich.“
</p>

<p>
Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart
sträubte sich noch höher.
</p>

<pb n='112'/><anchor id='Pgp0112'/>

<p>
„Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und
meinem Gewissen allein schulde ich Rechenschaft. Ich
werde euch stets mein väterliches Wohlwollen entgegenbringen,
Umsturzgelüste aber scheitern an meinem unbeugsamen
Willen. Sollte sich ein Zusammenhang
irgendeines von euch –“
</p>

<p>
Er faßte den schwarzbärtigen Maschinenmeister ins
Auge, der ein verdächtiges Gesicht machte.
</p>

<p>
„– mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so
zerschneide ich zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn
für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit
Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind ... So,
nun geht wieder an eure Arbeit und überlegt euch, was
ich euch gesagt habe.“
</p>

<p>
Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon. In
dem Schwindelgefühl, das seine starken Worte ihm erregt
hatten, erkannte er kein einziges Gesicht mehr. Die Seinen
folgten ihm, bestürzt und ehrfurchtsvoll, indes die Arbeiter
einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den
Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden.
</p>

<p>
Droben legte Diederich vor Mutter und Schwestern
seine Pläne dar. Die Fabrik war zu vergrößern, das
hintere Nachbarhaus anzukaufen. Man mußte konkurrenzfähig
werden. Der Platz an der Sonne! Der alte Klüsing,
draußen in der Papierfabrik Gausenfeld, bildete sich
wohl ein, er werde ewig das ganze Geschäft machen?...
Endlich tat Magda die Frage, woher er denn das Geld
nehmen wolle; aber Frau Heßling schnitt ihr das vorlaute
Wort ab. „Dein Bruder weiß das besser als wir.“
Vorsichtig setzte sie hinzu: „Manches Mädchen wäre glücklich,
wenn sie sein Herz gewinnen könnte“ – und sie hielt,
seines Zornes gewärtig, die Hand vor den Mund. Aber
<pb n='113'/><anchor id='Pgp0113'/>Diederich errötete nur. Da wagte sie, ihn zu umarmen.
„Es wäre mir ja ein so entsetzlicher Schmerz,“ schluchzte
sie, „wenn mein Sohn, mein lieber Sohn, aus dem Hause
ginge. Für eine Witwe ist es doppelt schwer. Die Frau
Oberinspektor Daimchen kriegt es nun auch zu fühlen,
denn ihre Guste heiratet ja den Wolfgang Buck.“
</p>

<p>
„Oder auch nicht“, sagte Emmi, die Ältere. „Denn der
Wolfgang soll doch was mit einer Schauspielerin haben.“
Frau Heßling vergaß ganz, die Tochter zu berufen. „Aber
wo doch so viel Geld da ist! Eine Million, sagen die Leute!“
</p>

<p>
Diederich stieß verachtungsvoll hervor, den Buck kenne
er, der sei nicht normal. „Es liegt wohl in der Familie. Der
Alte hat doch auch schon eine Schauspielerin geheiratet.“
</p>

<p>
„Man sieht die Folgen“, sagte Emmi. „Denn von seiner
Tochter, der Frau Lauer, hat man sich allerlei erzählt.“
</p>

<p>
„Kinder!“ bat Frau Heßling ängstlich. Aber Diederich
beruhigte sie.
</p>

<p>
„Laß nur, Mutter, es wird Zeit, daß man der Katze die
Schelle umhängt. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß
die Bucks ihre Stellung hier in der Stadt schon längst
nicht mehr verdienen. Sie sind eine verrottete Familie.“
</p>

<p>
„Die Frau von Moritz, dem Ältesten,“ sagte Magda, „ist
einfach eine Bäuerin. Neulich waren sie mal in der Stadt,
er ist auch schon ganz verbauert.“ Emmi empörte sich.
</p>

<p>
„Na, und der Bruder des alten Herrn Buck? Immer
elegant, und die fünf unverheirateten Töchter! Sie lassen
sich Suppe aus der Volksküche holen, ich weiß es positiv.“
</p>

<p>
„Die Volksküche hat ja der Herr Buck gegründet“, erklärte
Diederich. „Und die Fürsorge für die entlassenen
Sträflinge auch, und was sonst noch. Ich möchte wissen,
wann er eigentlich Zeit hat, an seine eigenen Geschäfte zu
denken.“
</p>

<pb n='114'/><anchor id='Pgp0114'/>

<p>
„Es würde mich nicht wundern,“ sagte Frau Heßling,
„wenn nicht mehr viel da wäre. Obwohl ich vor dem
Herrn Buck natürlich die größte Hochachtung habe, er ist
doch so angesehen.“
</p>

<p>
Diederich lachte bitter. „Warum eigentlich? In der
Verehrung des alten Buck sind wir aufgezogen worden.
Der große Mann von Netzig! Im Jahre achtundvierzig
zum Tode verurteilt!“
</p>

<p>
„Das ist aber auch ein historisches Verdienst, sagte dein
Vater immer.“
</p>

<p>
„Verdienst?“ schrie Diederich. „Wenn ich nur weiß,
einer ist gegen die Regierung, ist er für mich schon erledigt.
Und Hochverrat soll ein Verdienst sein?“
</p>

<p>
Und er stürzte sich, vor den erstaunten Frauen, in die
Politik. Diese alten Demokraten, die noch immer das
Regiment führten, waren nachgerade die Schmach von
Netzig! Schlapp, unpatriotisch, mit der Regierung zerfallen!
Ein Hohn auf den Zeitgeist! Weil im Reichstag
der alte Landgerichtsrat Kühlemann saß, ein Freund des
berüchtigten Eugen Richter, darum stockte hier das Geschäft,
und niemand kriegte Geld. Natürlich, für so ein
freisinniges Nest gab es weder Bahnanschlüsse noch Militär.
Kein Zuzug, kein Betrieb! Die Herren im Magistrat,
immer dieselben paar Familien, das kannte man, die
schoben sich untereinander die Aufträge zu, und für andere
Leute war nichts da. Die Papierfabrik Gausenfeld hatte
sämtliche Lieferungen an die Stadt, denn auch ihr Besitzer
Klüsing gehörte zu der Bande des alten Buck!
</p>

<p>
Magda wußte noch etwas. „Neulich ist die Liebhabervorstellung
im Bürgerkränzchen abgesagt worden, weil
dem Herrn Buck seine Tochter, Frau Lauer, krank war.
Das ist doch Popismus.“
</p>

<pb n='115'/><anchor id='Pgp0115'/>

<p>
„Nepotismus heißt es“, sagte Diederich streng. Er rollte
die Augen. „Und dabei ist der Herr Lauer ein Sozialist.
Aber der Herr Buck mag sich hüten! Wir werden ihm auf
die Finger sehen!“
</p>

<p>
Frau Heßling hob flehend die Hände. „Mein lieber
Sohn, wenn du jetzt in der Stadt deine Besuche machst,
versprich mir, daß du auch zum Herrn Buck gehst. Er ist
nun mal so einflußreich.“
</p>

<p>
Aber Diederich versprach nichts. „Andere wollen auch
’ran!“ rief er.
</p>

<p>
Trotzdem schlief er in dieser Nacht unruhig. Schon um
sieben ging er in die Fabrik hinunter und schlug sofort
Lärm, weil noch die Bierflaschen von gestern umherlagen.
„Hier wird nicht gesoffen, hier ist keine Kneipe. Herr
Sötbier, das steht doch wohl im Reglement.“ – „Reglement?“
sagte der alte Buchhalter. „Wir haben gar keins.“
Diederich war sprachlos; er schloß sich mit Sötbier ins
Kontor ein. „Kein Reglement? Dann wundert mich
allerdings gar nichts mehr. Was sind das für lächerliche
Bestellungen, mit denen Sie sich da abgeben?“ – und
er warf die Briefe auf dem Pult umher. „Es scheint
höchste Zeit gewesen zu sein, daß ich eingreife. Das Geschäft
versumpft in Ihren Händen.“
</p>

<p>
„Versumpfen, junger Herr?“
</p>

<p>
„Ich bin für Sie der Herr Doktor!“ Und er verlangte,
daß man einfach alle anderen Fabriken unterbieten solle.
</p>

<p>
„Das halten wir nicht aus“, sagte Sötbier. „Überhaupt
wären wir gar nicht imstande, so große Aufträge auszuführen
wie Gausenfeld.“
</p>

<p>
„Und Sie wollen ein Geschäftsmann sein? Dann stellen
wir eben mehr Maschinen ein.“
</p>

<p>
„Das kostet Geld“, sagte Sötbier.
</p>

<pb n='116'/><anchor id='Pgp0116'/>

<p>
„Dann nehmen wir welches auf! Ich werde hier
Schneid hineinbringen. Sie sollen sich wundern. Wenn
Sie mich nicht unterstützen wollen, mache ich es allein.“
</p>

<p>
Sötbier wiegte den Kopf. „Mit Ihrem Vater, junger
Herr, war ich immer einig. Wir haben zusammen das
Geschäft in die Höhe gebracht.“
</p>

<p>
„Jetzt ist eine andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin
mein eigener Geschäftsführer.“
</p>

<p>
Sötbier seufzte: „Das ist die stürmische Jugend“ –
indes Diederich schon die Tür zuwarf. Er durchmaß den
Raum, worin die mechanische Trommel, laut schlagend,
die Lumpen in Chlor wusch, und wollte das Zimmer des
großen Kochholländers betreten. Im Eingang kam ihm
unvermutet der schwarzbärtige Maschinenmeister entgegen.
Diederich zuckte zusammen, fast hätte er dem
Arbeiter Platz gemacht. Dafür rannte er ihn mit der
Schulter beiseite, bevor der Mann ausweichen konnte.
Schnaufend sah er der Arbeit des Holländers zu, dem
Drehen der Walze, dem Schneiden der Messer, das den
Stoff in Fasern zerteilte. Grinsten ihn die Leute, die die
Maschine bedienten, nicht etwa von der Seite an, weil
er vor dem schwarzen Kerl erschrocken war? „Der Kerl
ist ein frecher Hund! Er muß ’raus!“ Ein animalischer
Haß stieg in Diederich herauf, der Haß seines blonden
Fleisches gegen den mageren Schwarzen, den Menschen von
einer anderen Rasse, die er gern für niedriger gehalten
hätte und die ihm unheimlich schien. Diederich fuhr auf.
</p>

<p>
„Die Walze ist falsch gestellt, die Messer arbeiten
schlecht!“ Da die Leute ihn nur ansahen, schrie er:
„Maschinenmeister!“ Und als der Schwarzbärtige eintrat:
„Sehen Sie sich die Schweinerei mal an! Die
Walze ist viel zu tief auf die Messer gesenkt, sie
zerschnei<pb n='117'/><anchor id='Pgp0117'/>den mir das ganze Zeug. Ich mache Sie verantwortlich
für den Schaden!“
</p>

<p>
Der Mann beugte sich über die Maschine. „Schaden
ist keiner da“, sagte er ruhig, aber Diederich wußte schon
wieder nicht, ob er unter seinem schwarzen Bart nicht
feixte. Der Blick des Maschinenmeisters hatte etwas
düster Höhnisches, Diederich ertrug ihn nicht, er gab es
auf zu blitzen und warf nur die Arme. „Ich mache Sie
verantwortlich!“
</p>

<p>
„Was ist denn los?“ fragte Sötbier, der den Lärm gehört
hatte. Dann erklärte er dem Herrn, daß der Stoff
durchaus nicht zu kleinfaserig geschnitten werde, und daß
es immer so gemacht worden sei. Die Arbeiter nickten
mit den Köpfen, der Maschinenmeister stand gelassen dabei.
Diederich fühlte sich einem Kompetenzstreit nicht gewachsen,
er schrie noch: „Dann wird es künftig gefälligst
anders gemacht!“ und kehrte plötzlich um.
</p>

<p>
Er gelangte in den Lumpensaal, und er gab sich Haltung,
indem er fachkundig die Frauen überwachte, die auf
den Siebplatten der langen Tische die Lumpen sortierten.
Als eine kleine dunkeläugige es unternahm, ihn aus ihrem
bunten Kopftuch heraus ein wenig anzulächeln, prallte
sie gegen eine so harte Miene, daß sie erschrak und sich
duckte. Farbige Fetzen quollen aus den Säcken, das Getuschel
der Frauen verstummte unter dem Blick des Herrn,
und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts mehr zu
vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die in die
Tische gerammt, die Knöpfe abschnitten. Aber Diederich,
der die Heizungsrohre untersuchte, hörte etwas Verdächtiges.
Er beugte sich hinter einen Haufen Säcke – und
fuhr zurück, errötet und mit zitterndem Schnurrbart.
„Nun hört alles auf!“ schrie er, „’rauskommen!“ Ein
<pb n='118'/><anchor id='Pgp0118'/>junger Arbeiter kroch hervor. „Das Frauenzimmer auch!“
schrie Diederich. „Wird’s bald?“ Und, als endlich das
Mädchen sich zeigte, stemmte er die Fäuste in die Hüften.
Hier ging es ja heiter zu! Seine Fabrik war nicht nur
eine Kneipe, sondern noch ganz was anderes! Er zeterte,
daß alles zusammenlief. „Na, Herr Sötbier, dies ist
wohl auch immer so gemacht worden? Ich gratuliere
Ihnen zu Ihren Erfolgen. Also die Leute sind gewohnt,
die Arbeitszeit zu benutzen, um sich hinter den Säcken zu
amüsieren. Wie kommt der Mann hier herein?“ Es sei
seine Braut, sagte der junge Mensch. „Braut? Hier gibt
es keine Braut, hier gibt es nur Arbeiter. Ihr beide stehlt
mir die Arbeitszeit, die ich euch bezahle. Ihr seid Schweine
und außerdem Diebe. Ich schmeiß’ euch ’raus, und ich
zeig’ euch an, wegen öffentlicher Unzucht!“
</p>

<p>
Er sah herausfordernd umher.
</p>

<p>
„Deutsche Zucht und Sitte verlang’ ich hier. Verstanden?“
Da traf er den Maschinenmeister. „Und ich werde
sie durchführen, auch wenn Sie da ein Gesicht schneiden!“
schrie er.
</p>

<p>
„Ich habe kein Gesicht geschnitten“, sagte der Mann
ruhig. Aber Diederich war nicht länger zu halten. Endlich
konnte er ihm etwas nachweisen!
</p>

<p>
„Ihr Benehmen ist mir schon längst verdächtig! Sie
tun Ihren Dienst nicht, sonst hätte ich die beiden Leute
nicht abgefaßt.“
</p>

<p>
„Ich bin kein Aufpasser“, warf der Mann dazwischen.
</p>

<p>
„Sie sind ein widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten
Leute an Zuchtlosigkeit gewöhnt. Sie arbeiten
für den Umsturz! Wie heißen Sie überhaupt?“
</p>

<p>
„Napoleon Fischer“, sagte der Mann. Diederich stockte.
</p>

<p>
„Nap–. Auch das noch! Sie sind Sozialdemokrat?“
</p>

<pb n='119'/><anchor id='Pgp0119'/>

<p>
„Jawohl.“
</p>

<p>
„Dachte ich mir. Sie sind entlassen.“
</p>

<p>
Er wandte sich nach den Leuten um: „Merkt euch
das!“ – und verließ schroff den Raum. Auf dem Hof
lief Sötbier ihm nach. „Junger Herr!“ Er war in großer
Aufregung und wollte nichts sagen, bevor sie nicht die
Tür des Privatkontors hinter sich geschlossen hatten.
„Junger Herr,“ sagte der Buchhalter, „das geht nicht,
der Mann ist ein Organisierter.“ – „Deswegen soll er
’raus“, erwiderte Diederich. Sötbier setzte auseinander,
daß das nicht gehe, weil dann alle die Arbeit niederlegen
würden. Diederich wollte es nicht begreifen. Waren
denn alle organisiert? Nein. Nun also. Aber, erklärte
Sötbier, sie hatten Furcht vor den Roten, sogar auf die
alten Leute war kein Verlaß mehr.
</p>

<p>
„Ich schmeiß’ sie ’raus!“ rief Diederich. „Samt und
sonders, mit Kind und Kegel!“
</p>

<p>
„Wenn wir dann nur andere kriegten“, sagte Sötbier
und sah unter seinem grünen Augenschirm mit einem
dünnen Lächeln dem jungen Herrn zu, der vor Zorn gegen
die Möbel anrannte. Er schrie:
</p>

<p>
„Bin ich in meiner Fabrik der Herr oder nicht? Dann
will ich doch sehen –“
</p>

<p>
Sötbier ließ ihn austoben, dann sagte er: „Herr Doktor
brauchen dem Fischer gar nichts zu sagen, er geht uns nicht
fort, er weiß ja, daß wir davon zu viele Scherereien
hätten.“
</p>

<p>
Diederich bäumte sich nochmals auf.
</p>

<p>
„So. Ich brauch’ ihn also nicht zu bitten, daß er die
Gnade hat und bleibt? Der Herr Napoleon! Ich brauch’
ihn nicht für Sonntag zum Mittagessen einzuladen? Es
wäre auch zuviel Ehre für mich!“
</p>

<pb n='120'/><anchor id='Pgp0120'/>

<p>
Der Kopf war ihm rot angeschwollen, er fand das Zimmer
zu eng und riß die Tür auf. Der Maschinenmeister ging
eben vorbei. Diederich sah ihm nach, der Haß gab ihm
deutlichere Sinneseindrücke als sonst, er bemerkte gleichzeitig
die krummen, mageren Beine des Menschen, seine knochigen
Schultern mit den Armen, die vornüberhingen –
und nun der Maschinenmeister mit den Leuten sprach, sah
er seine starken Kiefern arbeiten unter dem dünnen schwarzen
Bart. Wie Diederich dies Mundwerk haßte, und diese
knotigen Hände! Der schwarze Kerl war längst vorüber,
und seine Ausdünstung roch Diederich noch immer.
</p>

<p>
„Sehn Sie mal, Sötbier, die Vorderflossen hängen ihm
bis an den Boden. Gleich wird er auf allen vieren laufen
und Nüsse fressen. Dem Affen werden wir ein Bein
stellen, verlassen Sie sich darauf! Napoleon! So ein
Name ist allein schon eine Provokation. Aber er soll sich
zusammennehmen, denn so viel weiß ich, daß einer von
uns beiden –“ Diederich rollte die Augen: „– auf dem
Platz bleiben wird.“
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Erhobenen Hauptes verließ er die Fabrik. Im schwarzen
Rock machte er sich auf, um den wichtigsten Herren
der Stadt die Aufmerksamkeit seines Besuches zu erweisen.
Von der Meisestraße konnte er, um zum Bürgermeister
Doktor Scheffelweis in die Schweinichenstraße zu
gelangen, einfach der Wuchererstraße folgen, die jetzt
Kaiser-Wilhelm-Straße hieß. Er wollte es auch; im entscheidenden
Augenblick aber, wie auf eine Verabredung,
die er vor sich selbst geheimgehalten hätte, bog er dennoch
in die Fleischhauergrube ein. Die zwei Stufen vor dem
Hause des alten Herrn Buck waren abgewetzt von den
Füßen der ganzen Stadt und von den Vorgängern dieser
<pb n='121'/><anchor id='Pgp0121'/>Füße. Der Klingelzug an der gelben Glastür bewirkte
drinnen ein langes Rasseln im Leeren. Dann ging dort
hinten eine Tür auf, und die alte Magd schlich über die
Diele. Aber sie war noch längst nicht angelangt, da trat
vorn der Hausherr aus seinem Bureau und öffnete selbst.
Er zog Diederich, der sich eifrig verbeugte, bei der Hand
herein.
</p>

<p>
„Mein lieber Heßling! Ich habe Sie erwartet, man
hatte mir Ihre Ankunft berichtet. Willkommen denn in
Netzig, mein Herr Doktor.“
</p>

<p>
Sofort hatte Diederich Tränen in den Augen und
stammelte:
</p>

<p>
„Sie sind zu gütig, Herr Buck. Natürlich habe ich zuerst
und vor allem Ihnen, Herr Buck, meine Aufwartung
machen wollen und Ihnen versichern, daß ich immer ganz
– daß ich immer ganz – zu Ihren Diensten stehe“, schloß
er, freudig wie ein guter Schüler. Der alte Herr Buck
hielt ihn noch fest, mit seiner Hand, die warm und dennoch
leicht und weich war.
</p>

<p>
„Dienste –“ er schob Diederich selbst den Sessel zurecht,
„die wollen Sie doch natürlich nicht mir leisten,
sondern Ihren Mitbürgern – die es Ihnen danken werden.
Zum Stadtverordneten werden Ihre Mitbürger Sie
in kurzem wählen, das glaube ich Ihnen versprechen zu
können, denn damit belohnen sie eine verdiente Familie.
Und dann“ – der alte Buck beschrieb eine Gebärde feierlicher
Freigebigkeit „– verlasse ich mich auf Sie, daß Sie
es uns recht bald ermöglichen werden, Sie im Magistrat
zu begrüßen.“
</p>

<p>
Diederich verbeugte sich, beglückt lächelnd, als werde er
schon begrüßt. „Die Gesinnung unserer Stadt,“ fuhr
Herr Buck fort, „ich sage nicht, daß sie in allen Teilen gut
<pb n='122'/><anchor id='Pgp0122'/>ist –“ Er versenkte seinen weißen Knebelbart in die
seidene Halsbinde. „Aber noch ist Raum“ – der Bart
tauchte wieder auf – „und will’s Gott noch lange, für
wahrhaft liberale Männer.“
</p>

<p>
Diederich beteuerte: „Ich bin selbstverständlich durchaus
liberal.“
</p>

<p>
Darauf strich der alte Buck über die Papiere auf seinem
Schreibtisch. „Ihr seliger Vater hat mir hier oft gegenüber
gesessen, und besonders häufig damals, als er die Papiermühle
errichtete. Dabei konnte ich ihm zu meiner großen
Freude förderlich sein. Es handelte sich um den Bach,
der jetzt durch Ihren Hof fließt.“
</p>

<p>
Diederich sagte mit tiefer Stimme: „Wie oft, Herr Buck,
hat mein Vater mir erzählt, daß er den Bach, ohne den
wir gar nicht existieren könnten, nur Ihnen verdankt.“
</p>

<p>
„Nur mir, dürfen Sie nicht sagen, sondern den gerechten
Zuständen unseres Gemeinwesens, an denen aber –“
der alte Herr Buck erhob seinen weißen Zeigefinger, er
sah Diederich tief an, „gewisse Leute und eine gewisse
Partei manches ändern würden, sobald sie könnten.“
Stärker und mit Pathos: „Der Feind steht vor dem Tore,
es heißt zusammenhalten.“
</p>

<p>
Er ließ eine Pause verstreichen und sagte in leichterem
Ton, sogar mit einem kleinen Schmunzeln: „Sind Sie
nicht, mein werter Herr Doktor, in einer ähnlichen Lage,
wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergrößern? Sie
haben Pläne?“
</p>

<p>
„Allerdings.“ Und Diederich setzte eifrig auseinander,
was alles geschehen müsse. Der Alte hörte ihm aufmerksam
zu, er nickte, nahm eine Prise ... Endlich sagte er:
„Ich sehe so viel, daß der Umbau Ihnen nicht nur große
Kosten, sondern unter Umständen auch Schwierigkeiten
<pb n='123'/><anchor id='Pgp0123'/>mit der städtischen Baupolizei verursachen wird – mit
der ich übrigens im Magistrat zu tun habe. Nun überzeugen
Sie sich, mein lieber Heßling, was hier auf meinem
Schreibtisch liegt.“
</p>

<p>
Da erkannte Diederich einen genauen Aufriß seines
Grundstückes, samt dem dahinter gelegenen. Sein verblüfftes
Gesicht bewirkte bei dem alten Buck ein Lächeln
der Genugtuung. „Ich kann wohl dafür sorgen,“ sagte
er, „daß keine erschwerenden Umstände eintreten.“ Und
auf Diederichs Danksagungen: „Wir dienen dem großen
Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde vorwärtshelfen.
Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle,
außer den Tyrannen.“
</p>

<p>
Nach diesen Worten lehnte der alte Buck sich tiefer in
den Sessel und faltete die Hände. Seine Miene hatte sich
entspannt, er wiegte den Kopf wie ein Großvater. „Als
Kind hatten Sie so schöne blonde Locken“, sagte er.
</p>

<p>
Diederich begriff, daß der offizielle Teil des Gespräches
beendet sei. „Ich weiß noch,“ erlaubte er sich zu sagen,
„wie ich als kleiner Junge hier ins Haus kam, wenn ich
mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten spielte.“
</p>

<p>
„Ja, ja. Und jetzt spielt er wieder Soldat.“
</p>

<p>
„Oh! Er ist sehr beliebt bei den Offizieren. Er hat es
mir selbst gesagt.“
</p>

<p>
„Ich wünschte, mein lieber Heßling, er hätte mehr von
Ihrer praktischen Veranlagung.... Nun, er wird ruhiger
werden, wenn ich ihn erst verheiratet habe.“
</p>

<p>
„Ich glaube,“ sagte Diederich, „daß Ihr Herr Sohn
etwas Geniales hat. Daher ist er mit nichts zufrieden, er
weiß nicht, ob er General werden soll oder sonst ein großer
Mann.“
</p>

<p>
„Inzwischen macht er leider dumme Streiche.“ Der
<pb n='124'/><anchor id='Pgp0124'/>Alte sah aus dem Fenster. Diederich wagte seine Neugier
nicht zu zeigen.
</p>

<p>
„Dumme Streiche? Das kann ich gar nicht glauben,
denn mir hat er immer imponiert, gerade durch seine Intelligenz.
Schon früher, seine Aufsätze. Und was er mir
neulich über unseren Kaiser gesagt hat, daß er eigentlich
gern der erste Arbeiterführer wäre....“
</p>

<p>
„Davor behüte Gott die Arbeiter.“
</p>

<p>
„Wieso?“ Diederich war tieferstaunt.
</p>

<p>
„Weil es ihnen schlecht bekommen würde. Uns anderen
ist es auch nicht gut bekommen.“
</p>

<p>
„Aber wir haben doch, dank den Hohenzollern, das
einige Deutsche Reich.“
</p>

<p>
„Wir haben es nicht“, sagte der alte Buck und stand ungewöhnlich
rasch vom Stuhl auf. „Denn wir müßten, um
unsere Einigkeit zu beweisen, einem eigenen Willen folgen
können; und können wir’s? Ihr wähnt euch einig,
weil die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das
hat Herwegh, ein Überlebender wie ich, im Frühjahr
Einundsiebzig den Siegestrunkenen zugerufen. Was
würde er heute sagen!“
</p>

<p>
Diederich konnte, vor dieser Stimme aus dem Jenseits,
nur stammeln: „Ach ja, Sie sind ein Achtundvierziger.“
</p>

<p>
„Mein lieber junger Freund, Sie wollen sagen, ein
Narr und ein Besiegter. Ja! Wir sind besiegt worden, weil
wir närrisch genug waren, an dieses Volk zu glauben. Wir
glaubten, es würde alles das selbst vollbringen, was es
jetzt für den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt.
Wir dachten es mächtig, reich, voll Einsicht
in seine eigenen Angelegenheiten und der Zukunft ergeben.
Wir sahen nicht, daß es, ohne politische Bildung,
deren es weniger hat als alle anderen, bestimmt sei, nach
<pb n='125'/><anchor id='Pgp0125'/>seinem Aufschwung den Mächten der Vergangenheit anheimzufallen.
Schon zu unserer Zeit gab es allzu viele,
die unbekümmert um das Ganze, ihren Privatinteressen
nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner
Gnadensonne sich wärmend, den unedlen Bedürfnissen
eines anspruchsvollen Genußlebens genügen konnten.
Seitdem sind sie Legion geworden, denn die Sorge um
das öffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur Großmacht
haben eure Herren euch schon gemacht, und indes
ihr Geld verdient, wie ihr könnt, und es ausgebt, wie ihr
mögt, werden sie euch – oder vielmehr sich – auch noch
die Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben
würden. Unser Dichter damals wußte, was ihr erst jetzt
lernen sollt: Und in den Furchen, die Kolumb gezogen,
geht Deutschlands Zukunft auf!“
</p>

<p>
„Bismarck hat eben wirklich etwas getan“, sagte Diederich,
leise triumphierend.
</p>

<p>
„Das ist es gerade, daß er es hat tun dürfen! Und dabei
hat er alles nur faktisch getan, formell aber im Namen
seines Herrn. Da waren wir Bürger von achtundvierzig
ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals selbst
bezahlt, was ich gewagt hatte.“
</p>

<p>
„Ich weiß wohl, Sie sind zum Tode verurteilt worden“,
sagte Diederich, wieder eingeschüchtert.
</p>

<p>
„Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souveränität
der Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht
verteidigte und das Volk, das sich in Notwehr befand,
zum Aufstand führte. So war in unseren Herzen die
deutsche Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene
Schuld jedes einzelnen, für die er einstand. Nein! Wir
huldigten keinem sogenannten Schöpfer der deutschen
Einheit. Als ich damals, besiegt und verraten, hier oben
<pb n='126'/><anchor id='Pgp0126'/>im Hause mit meinen letzten Freunden die Soldaten des
Königs erwartete, da war ich, groß oder gering, ein
Mensch, der selbst am Ideal schuf: einer aus vielen, aber
ein Mensch. Wo sind sie heute?“
</p>

<p>
Der Alte hielt an und machte ein Gesicht, als lauschte er.
Diederich war es schwül. Er fühlte, daß er zu dem allen
nicht länger schweigen dürfe. Er sagte: „Das deutsche
Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der
Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen
Zielen zu.“ Der Alte kehrte aus seinen Gedanken zurück,
er deutete nach der Zimmerdecke.
</p>

<p>
„Damals war die ganze Stadt bei mir zu Hause. Jetzt
ist es so einsam wie nie, zuletzt ging noch Wolfgang fort.
Ich würde alles dahingeben, aber, junger Mann, wir sollen
Respekt haben vor unserer Vergangenheit – auch
wenn wir besiegt worden sind.“
</p>

<p>
„Zweifellos“, sagte Diederich. „Und dann sind Sie
immer noch der mächtigste Mann in der Stadt. Die
Stadt, sagt man immer, gehört dem Herrn Buck.“
</p>

<p>
„Das will ich aber gar nicht, ich will, daß sie sich selbst gehört.“
Er atmete tief aus. „Das ist eine weitläufige Sache,
Sie werden sie allmählich kennenlernen, wenn Sie Einblick
in unsere Verwaltung bekommen. Wir werden nämlich
jeden Tag heftiger bedrängt von der Regierung und ihren
junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen,
den Gutsbesitzern, die uns keine Steuern zahlen, unser Licht
zu geben, morgen werden wir ihnen Straßen bauen müssen.
Zuletzt geht es um unsere Selbstverwaltung. Sie werden
sehen, wir leben in einer belagerten Stadt.“
</p>

<p>
<anchor id="corr126"/><corr sic="Diedrich">Diederich</corr> lächelte überlegen. „So schlimm kann es wohl
nicht sein, denn unser Kaiser ist doch eine so moderne Persönlichkeit.“
</p>

<pb n='127'/><anchor id='Pgp0127'/>

<p>
„Nun ja“, sagte der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den
Kopf – und dann zog er es vor, zu schweigen. Er reichte
Diederich die Hand.
</p>

<p>
„Mein lieber Doktor, Ihre Freundschaft wird mir gerade
so wertvoll sein, als die Ihres Vaters mir war. Nach
unserer Unterredung habe ich die Hoffnung, daß wir in
allem einig gehen werden.“
</p>

<p>
Unter dem warmen blauen Blick des Alten schlug
Diederich sich auf die Brust. „Ich bin ein durchaus liberaler
Mann!“
</p>

<p>
„Vor allem warne ich Sie vor dem Regierungspräsidenten
von Wulckow. Er ist der Feind, der uns hier in die
Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat unterhält nur die
unumgänglichen Beziehungen zum Präsidenten. Ich selbst
habe die Ehre, von dem Herrn nicht gegrüßt zu werden.“
</p>

<p>
„Oh!“ machte Diederich, ehrlich erschüttert.
</p>

<p>
Der alte Buck öffnete ihm schon die Tür, schien aber
noch etwas zu überlegen. „Warten Sie!“ Er trat eilig
zu seiner Bibliothek, bückte sich und tauchte aus einer
staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast quadratischen Buch
auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen Glanz
in seinem Gesicht, das errötet war. „Da, nehmen Sie!
Es sind meine ‚Sturmglocken‘! Man war auch Dichter –
damals.“ Und er schob Diederich sanft hinaus.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Die Fleischhauergrube stieg beträchtlich an, aber Diederich
schnaufte nicht nur deshalb. Nachdem er zuerst nur
eine gewisse Betäubung empfunden hatte, stellte sich
allmählich das Gefühl heraus, daß er sich habe verblüffen
lassen. „So ein alter Schwätzer ist doch bloß noch eine
Vogelscheuche, und mir imponiert er!“ Unbestimmt gedachte
er der Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck,
<pb n='128'/><anchor id='Pgp0128'/>der zum Tode verurteilt worden war, ebensoviel Hochachtung
und ein ähnliches Grausen einflößte wie der
Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. „Werd’ ich
denn ewig so weich bleiben? Ein anderer hätte sich nicht
so behandeln lassen!“ Auch konnte es peinliche Folgen
haben, daß er zu so vielen kompromittierenden Reden
geschwiegen oder nur matt widersprochen hatte. Er legte
sich energische Antworten zurecht, für das nächste Mal.
„Das Ganze war eine Falle! Er hat mich einfangen und
unschädlich machen wollen ... Aber er soll sehen!“
Diederich ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm
durch die Kaiser-Wilhelm-Straße ging. „Vorläufig muß
man sich noch mit ihm verhalten, aber wehe, wenn ich
der Stärkere bin!“
</p>

<p>
Das Haus des Bürgermeisters war mit Ölfarbe neu
gestrichen, und die Spiegelscheiben glänzten wie je. Ein
nettes Stubenmädchen empfing ihn. Über eine Treppe
mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der eine
Lampe trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor
jedem Möbel ein kleiner Teppich lag, ward Diederich
in das Eßzimmer geführt. Es war aus hellem Holz mit
appetitlichen Bildern, zwischen denen der Bürgermeister
und noch ein Herr beim zweiten Frühstück saßen. Doktor
Scheffelweis reichte Diederich seine weißliche Hand hin
und musterte ihn dabei über den Klemmer weg. Trotzdem
wußte man nie genau, ob er einen ansah, so unbestimmt
war der Blick seiner Augen, die farblos schienen wie das
Gesicht und die seitwärts fliehenden, dünnen Bartkoteletts.
Der Bürgermeister setzte mehrmals zum Sprechen
an, bis er endlich etwas fand, das man auf alle Fälle
sagen konnte. „Schöne Schmisse“, sagte er; und zu dem
anderen Herrn: „Finden Sie nicht?“
</p>

<pb n='129'/><anchor id='Pgp0129'/>

<p>
Der andere Herr legte Diederich zunächst große Zurückhaltung
auf, denn er sah stark jüdisch aus. Aber der
Bürgermeister stellte vor: „Herr Assessor Jadassohn, von
der Staatsanwaltschaft“ – was dann allerdings eine
vollwertige Begrüßung nötig machte.
</p>

<p>
„Setzen Sie sich nur gleich,“ sagte der Bürgermeister,
„wir fangen gerade an.“ Er schenkte Diederich Porter
ein und legte ihm Lachsschinken vor. „Meine Frau und
meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder
in der Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!“
</p>

<p>
Der jüdische Herr von der Staatsanwaltschaft hatte
vorläufig nur für das Stubenmädchen Augen. Während
sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war seine Hand verschwunden.
Dann ging sie, und er wollte von öffentlichen
Angelegenheiten beginnen, aber der Bürgermeister ließ
sich nicht unterbrechen. „Die beiden Damen kommen vor
dem Mittagessen nicht zurück, denn meine Schwiegermutter
ist beim Zahnarzt. Ich kenne das, es kostet Mühe
mit ihr, und inzwischen gehört uns das Haus.“ Er holte
einen Likör aus dem Büfett, rühmte ihn, ließ sich seine
Güte von den Gästen bestätigen und fuhr fort, eintönig
und vom Kauen unterbrochen, das Idyll seiner Vormittage
zu preisen. Allmählich ward, in allem Glück,
seine Miene immer besorgter, er fühlte wohl, das Gespräch
könne so nicht weitergehen; und nachdem eine
Minute lang alle geschwiegen hatten, entschloß er sich.
</p>

<p>
„Ich darf annehmen, Herr Doktor Heßling –: mein
Haus liegt ja nicht in nächster Nachbarschaft des Ihren,
und so würde ich es durchaus begreiflich finden, wenn
Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht hätten.“
</p>

<p>
Diederich errötete schon für die Lüge, die er noch nicht
ausgesprochen hatte. „Es würde herauskommen“, dachte
<pb n='130'/><anchor id='Pgp0130'/>er noch rechtzeitig, und er sagte: „Tatsächlich habe ich mir
erlaubt –. Das heißt, natürlich war mein erster Weg zu
Ihnen, Herr Bürgermeister. Nur im Andenken an meinen
Vater, der eine so große Verehrung für den alten Herrn
Buck hatte –“
</p>

<p>
„Begreiflich, durchaus begreiflich.“ Der Bürgermeister
nickte mit Nachdruck. „Herr Buck ist der älteste unter
unseren verdienten Bürgern und übt daher einen zweifellos
legitimen Einfluß aus.“
</p>

<p>
„Vorläufig noch!“ sagte mit unerwartet scharfer
Stimme der jüdische Herr von der Staatsanwaltschaft und
sah Diederich herausfordernd an. Der Bürgermeister
hatte sich über seinen Käse gebeugt, Diederich fand sich
schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus
ein Bekenntnis verlangte, brachte er etwas hervor von
„eingefleischtem Respekt“ und führte sogar Kindheitserinnerungen
an, die es entschuldigen sollten, daß er zuerst
bei Herrn Buck gewesen war. Dabei betrachtete er
schreckerfüllt die ungeheuren, roten und weit abstehenden
Ohren des Herrn von der Staatsanwaltschaft. Dieser
ließ Diederich fertig stammeln, wie einen Angeklagten,
der sich verfing; endlich versetzte er schneidend:
</p>

<p>
„Der Respekt ist in gewissen Fällen dazu da, daß man
sich ihn abgewöhnt.“
</p>

<p>
Diederich stutzte; dann entschloß er sich zu einem verständnisvollen
Gelächter. Der Bürgermeister sagte mit
blassem Lächeln und einer versöhnlichen Geste:
</p>

<p>
„Herr Assessor Doktor Jadassohn ist nun einmal gern
geistreich, – was ich persönlich ganz besonders an ihm
schätze. In meiner Stellung freilich bin ich genötigt,
die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten.
Und da muß ich denn sagen: einerseits ...“
</p>

<pb n='131'/><anchor id='Pgp0131'/>

<p>
„Kommen wir gleich zum Andererseits!“ verlangte Assessor
Jadassohn. „Für mich als Vertreter einer staatlichen Behörde
wie als überzeugten Anhänger der bestehenden Ordnung
sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der Reichstagsabgeordnete
Kühlemann, nach ihrer Vergangenheit und
Gesinnung einfach Umstürzler, und damit fertig. Ich mache
aus meinem Herzen keine Mördergrube, ich halte das nicht
für deutsch. Volksküchen gründen, meinetwegen; aber das
beste Futter für das Volk ist eine gute Gesinnung. Eine
Idiotenanstalt mag auch ganz nützlich sein.“
</p>

<p>
„Aber nur eine kaisertreue!“ ergänzte Diederich. Der
Bürgermeister machte beschwichtigende Zeichen. „Meine
Herren!“ flehte er. „Meine Herren! Wenn wir uns denn
aussprechen sollen, so ist es gewiß richtig, daß bei aller
bürgerlichen Hochschätzung der genannten Herren andererseits
doch –“
</p>

<p>
„Andererseits!“ wiederholte Jadassohn streng.
</p>

<p>
„– das tiefste Bedauern zurückbleibt über unsere leider
so ungünstigen Beziehungen zu den Vertretern der Staatsregierung
– wenn ich auch zu bedenken bitte, daß die
ungewöhnliche Schärfe des Herrn Regierungspräsidenten
von Wulckow gegenüber den städtischen Behörden –“
</p>

<p>
„Gegenüber schlecht gesinnten Körperschaften!“ warf
Jadassohn ein. Diederich erlaubte sich: „Ich bin ein
durchaus liberaler Mann, aber das muß ich sagen –“
</p>

<p>
„Eine Stadt,“ erklärte der Assessor, „die sich den berechtigten
Wünschen der Regierung verschließt, darf allerdings
nicht darüber erstaunen, daß ihr die kalte Schulter
gezeigt wird.“
</p>

<p>
„Von Berlin nach Netzig“, versicherte Diederich,
„könnte man in der halben Zeit fahren, wenn wir besser
mit den Herren oben ständen.“
</p>

<pb n='132'/><anchor id='Pgp0132'/>

<p>
Der Bürgermeister ließ sie ihr Duett beenden, er war
bleich und hielt hinter dem Klemmer die Lider gesenkt.
Plötzlich sah er sie an mit einem dünnen Lächeln.
</p>

<p>
„Meine Herren, bemühen Sie sich nicht, ich weiß, daß
es eine zeitgemäßere Gesinnung gibt als die von den
städtischen Behörden bekundete. Glauben Sie, bitte, daß
es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majestät
gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz,
während der vorjährigen Manöver, kein Huldigungstelegramm
geschickt worden ist ...“
</p>

<p>
„Die Weigerung des Magistrats war durchaus undeutsch“,
stellte Jadassohn fest.
</p>

<p>
„Das nationale Banner muß hochgehalten werden“,
verlangte Diederich. Der Bürgermeister erhob die Arme.
</p>

<p>
„Meine Herren, das weiß ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende
des Magistrats und muß leider seine Beschlüsse
ausführen. Ändern Sie die Verhältnisse! Herr Doktor
Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit mit der
Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich.
Ich konnte den Mann nicht maßregeln. Herrn von
Wulckow ist bekannt,“ – der Bürgermeister kniff ein Auge
zu – „daß ich es sonst getan haben würde.“
</p>

<p>
Man schwieg eine Weile und betrachtete einander.
Jadassohn blies durch die Nase, als genügte ihm das Gehörte.
Aber Diederich konnte nicht länger an sich halten.
„Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus“!
rief er. „Solche Leute wie Buck, Kühlemann und
Eugen Richter machen unsere Arbeiter frech. Mein Betrieb
legt mir die schwersten Opfer an Arbeit und Verantwortung
auf, und dann hab’ ich noch Konflikte mit
meinen Leuten. Und warum? Weil wir nicht einig sind
gegen die rote Gefahr und es gewisse Arbeitgeber gibt,
<pb n='133'/><anchor id='Pgp0133'/>die im sozialistischen Fahrwasser schwimmen, wie zum
Beispiel der Schwiegersohn des Herrn Buck. Was seine
Fabrik einbringt, daran beteiligt der Herr Lauer seine
Arbeiter. Das ist unmoralisch!“ Hier blitzte Diederich.
„Denn es untergräbt die Ordnung, und ich stehe auf dem
Standpunkt, in dieser harten Zeit haben wir Ordnung
nötiger als je, und darum brauchen wir ein festes Regiment,
wie unser herrlicher junger Kaiser es führt. Ich
erkläre, daß ich in allem fest zu Seiner Majestät stehe ...“
Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung,
die Diederich entgegennahm, indes er weiterblitzte.
Im Gegensatz zu dem demokratischen Mischmasch, an den
die absterbende Generation noch glaube, sei der Kaiser
der Vertreter der Jugend, die persönlichste Persönlichkeit,
von erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller
Denker. „Einer soll Herr sein! Auf allen Gebieten!“
Diederich legte das vollständige Bekenntnis einer scharfen
und schneidigen Gesinnung ab und erklärte, daß mit dem
alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund
aus aufgeräumt werden müsse.
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<p>
„Jetzt kommt eine neue Zeit!“
</p>

<p>
Jadassohn und der Bürgermeister hörten still zu, bis
er alles herausgesagt hatte; Jadassohns Ohren wurden
dabei noch größer. Dann krähte er: „Auch in Netzig gibt
es kaisertreue Deutsche!“ Und Diederich noch lauter:
„Die aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal näher
ansehen. Es wird sich zeigen, ob gewissen Familien die
Stellung, die sie einnehmen, noch zukommt. Vom alten
Buck zu schweigen: wer sind denn seine Leute? Die
Söhne verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn,
der Sozialist ist, und die Tochter soll ja –“
</p>

<p>
Man sah einander an. Der Bürgermeister kicherte und
<pb n='134'/><anchor id='Pgp0134'/>rötete sich blaß. Vor Vergnügen platzte er aus: „Und die
Herren wissen noch gar nicht, daß der Bruder des Herrn
Buck pleite ist!“
</p>

<p>
Man äußerte lärmende Genugtuung. Der mit den
fünf eleganten Töchtern! Der Vorsitzende der „Harmonie“!
Aber zu essen, das wußte Diederich, bekamen sie
aus der Volksküche. Daraufhin schenkte der Bürgermeister
nochmals Schnäpse ein und reichte Zigarren. Er zweifelte
plötzlich nicht mehr, daß ein Umschwung bevorstehe. „In
anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum Reichstag.
Bis dahin werden die Herren arbeiten müssen.“
</p>

<p>
Diederich schlug vor: „Betrachten wir drei uns schon
jetzt als das engere Wahlkomitee!“
</p>

<p>
Jadassohn erklärte es für die erste Notwendigkeit, Fühlung
zu nehmen mit dem Herrn Regierungspräsidenten
von Wulckow. „Streng vertraulich“, setzte der Bürgermeister
hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, daß
die „Netziger Zeitung“, das größte Organ der Stadt,
sich im freisinnigen Fahrwasser bewege. „So ein Judenblatt!“
sagte Jadassohn. Wohingegen das regierungstreue
Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einfluß sei. Aber
der alte Klüsing in Gausenfeld lieferte das Papier für
beide Blätter. Es schien Diederich nicht unmöglich, durch
ihn, der in der „Netziger Zeitung“ Geld hatte, ihre Haltung
zu beeinflussen. Er mußte Angst bekommen, sonst
das Kreisblatt zu verlieren. „Denn es gibt ja noch eine
Papierfabrik in Netzig“, sagte der Bürgermeister und
schmunzelte. Da trat das Zimmermädchen ein und verkündete,
sie müsse nun den Tisch zum Mittagessen decken;
die gnädige Frau werde gleich zurück sein – „und auch
die Frau Hauptmann“, setzte sie hinzu. Bei der Nennung
dieses Titels erhob der Bürgermeister sich sofort. Wie
<pb n='135'/><anchor id='Pgp0135'/>er seine Gäste hinausgeleitete, hielt er den Kopf gesenkt
und war, trotz der genossenen Schnäpse, ganz milchfarben.
Auf der Treppe zog er Diederich am Ärmel. Jadassohn
war zurückgeblieben, und man hörte das Mädchen leise
kreischen. An der Haustür läutete es schon.
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<p>
„Mein lieber Herr Doktor,“ wisperte der Bürgermeister,
„Sie haben mich doch nicht mißverstanden. Bei alledem
habe ich natürlich einzig das Interesse der Stadt im Auge.
Mir liegt es selbstverständlich ganz fern, irgend etwas zu
unternehmen, worin ich mich nicht einig weiß mit den Körperschaften,
an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe.“
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<p>
Er blinzelte eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen
hatte, betraten die Damen das Haus, und der Bürgermeister
ließ Diederichs Ärmel los, um ihnen entgegenzueilen.
Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten,
hatte kaum Zeit, die Herren zu begrüßen; sie mußte die
Kinder trennen, die einander prügelten. Ihre Mutter
aber, einen Kopf höher und noch jugendlich, musterte
streng die geröteten Gesichter der Frühstücksgäste. Dann
schritt sie junonisch auf den Bürgermeister zu, den man
kleiner werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich
schon von dannen gemacht, Diederich vollführte formelle
Verbeugungen, die unerwidert blieben, und eilte hinterdrein.
Ihm war aber beklommen, er sah unruhig auf der
Straße umher, hörte nicht, was Jadassohn sagte, und
plötzlich kehrte er um. Er mußte mehrmals und heftig
läuten, denn drinnen war großer Lärm. Die Herrschaften
standen noch am Fuße der Treppe, auf der die Kinder sich
schreiend umherstießen, und sie debattierten. Die Frau
Bürgermeister wünschte, daß ihr Gatte beim Schuldirektor
etwas gegen einen Oberlehrer unternehme, der ihren Sohn
schlecht behandelte. Dagegen forderte die Frau Hauptmann
<pb n='136'/><anchor id='Pgp0136'/>von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer zum
Professor ernennen, denn seine Frau habe den größten Einfluß
im Vorstand der Bethlehemstiftung für gefährdete
Mädchen. Der Bürgermeister beschwor sie abwechselnd
mit den Händen. Endlich konnte er ein Wort anbringen.
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„Einerseits ...“, sagte er.
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<p>
Aber da hatte Diederich ihn am Ärmel ergriffen. Nach
vielen Entschuldigungen in der Richtung der Damen zog
er ihn beiseite, und er flüsterte bebend: „Verehrter Herr
Bürgermeister, es liegt mir daran, Mißverständnissen
vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, daß ich ein
durchaus liberaler Mann bin.“
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<p>
Doktor Scheffelweis versicherte flüchtig, daß er hiervon
gerade so überzeugt sei wie von seiner eigenen, gut liberalen
Gesinnung. Schon ward er abgerufen, und Diederich
verließ, ein wenig erleichtert, das Haus. Jadassohn erwartete
ihn grinsend.
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<p>
„Sie haben wohl Angst gehabt? Lassen Sie nur! Mit
unserem Stadtoberhaupt kompromittiert sich niemand,
er ist immer, wie der liebe Gott, mit den stärksten Bataillonen.
Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich
schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht
nicht übel, wir können uns ein Stück vorwagen.“
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„Vergessen Sie, bitte, nicht,“ sagte Diederich, mit
Zurückhaltung, „daß ich in der Netziger Bürgerschaft
zu Hause und natürlich auch liberal bin.“
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Jadassohn sah ihn von der Seite an. „Neuteutonia?“
fragte er. Und als Diederich sich erstaunt umwandte:
„Wie geht es denn meinem alten Freund Wiebel?“
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„Sie kennen ihn? Er war mein Leibbursch!“
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„Kennen! Ich habe mit ihm gehangen.“
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Diederich ergriff die Hand, die Jadassohn hinhielt, sie
<pb n='137'/><anchor id='Pgp0137'/>schüttelten einander kraftvoll. „Na dann!“ „Na also!“
Und Arm in Arm gingen sie in den Ratskeller, Mittag essen.
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<milestone unit="tb"/>

<p>
Dort war es einsam und dämmerig, hinten ward für sie
das Gas angezündet, und bis die Suppe kam, machten sie
alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke Delitzsch! Diederich
berichtete mit der Genauigkeit eines Augenzeugen über
seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler weihten
sie still seinem Andenken. Es zeigte sich, daß auch Jadassohn
die Februarkrawalle mitgemacht und damals die Macht
verehren gelernt hatte, wie Diederich. „Seine Majestät hat
einen Mut bewiesen,“ sagte der Assessor, „daß einem
schwindlig werden konnte. Mehrmals habe ich, weiß Gott,
geglaubt –.“ Er stockte, sie sahen schaudernd einander in
die Augen. Um über die entsetzliche Vorstellung hinwegzukommen,
erhoben sie die Gläser. „Gestatte mir“, sagte
Jadassohn. „Ziehe gleich mit“, erwiderte Diederich. Und
Jadassohn: „Werte Lieben mit eingeschlossen.“ Und
Diederich: „Werde zu Hause davon zu rühmen wissen.“
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<p>
Dann ließ sich Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward,
auf eine ausführliche Würdigung des kaiserlichen Charakters
ein. Die Philister, Nörgler und Juden mochten an
ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem war unser
herrlicher junger Kaiser die persönlichste Persönlichkeit,
von erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller
Denker. Diederich glaubte dies auch schon festgestellt zu
haben und nickte befriedigt. Er sagte sich, daß das Äußere
eines Menschen zuweilen trüge, und daß die deutsche Gesinnung
nicht notwendig von der Größe der Ohren abhänge.
Sie leerten ihre Gläser auf den glücklichen Ausgang
des Kampfes für Thron und Altar, gegen den Umsturz
in jeder Form und Verkleidung.
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<pb n='138'/><anchor id='Pgp0138'/>

<p>
So gelangten sie wieder zu den Zuständen in Netzig.
Sie waren sich einig darin, daß der neue nationale Geist,
für den es die Stadt zu erobern galt, kein anderes Programm
brauche als den Namen Seiner Majestät. Die
politischen Parteien waren alter Trödel, wie Seine Majestät
selbst gesagt hatte. „Ich kenne nur zwei Parteien,
die für mich und die wider mich“, hatte er gesagt, und so
war es. In Netzig überwog leider noch die Partei, die
gegen ihn war, aber das sollte sich ändern, und zwar –
dies war Diederich klar – vermittels des Kriegervereins.
Jadassohn, der ihm nicht angehörte, übernahm es gleichwohl,
Diederich mit den leitenden Persönlichkeiten bekannt
zu machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein Korpsbruder
von Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich
nachher wollten sie ihn besuchen. Sie tranken auf sein Wohl.
Auch auf seinen Hauptmann trank Diederich, den Hauptmann,
der aus einem strengen Vorgesetzten sein bester
Freund geworden war. „Das Dienstjahr ist doch das Jahr,
das ich aus meinem Leben am wenigsten missen möchte.“
Unvermittelt und schon ziemlich gerötet, rief er aus:
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<p>
„Und solche erhebenden Erinnerungen möchten diese
Demokraten uns verekeln!“
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<p>
Der alte Buck! Diederich konnte sich plötzlich nicht fassen
vor Wut, er stammelte: „Am Dienen will solch ein Mensch
uns hindern, er sagt, wir sind Knechte! Weil er mal Revolution
gemacht hat –“
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<p>
„Das ist ja schon nicht mehr wahr“, sagte Jadassohn.
</p>

<p>
„Darum sollen wir uns wohl alle zum Tode verurteilen
lassen? Hätten sie ihn wenigstens geköpft!... Die
Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen sein!“
</p>

<p>
„Ihm sicher“, sagte Jadassohn und tat einen großen Zug.
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<p>
„Aber ich stelle fest –“ Diederich rollte die Augen –,
<pb n='139'/><anchor id='Pgp0139'/>„daß ich all seinen lästerlichen Unfug nur angehört habe,
um mich darüber zu unterrichten, wes Geistes Kind er
ist. Ich nehme Sie zum Zeugen, Herr Assessor! Wenn der
alte Intrigant jemals behaupten sollte, daß ich sein Freund
bin und seine infamen Majestätsbeleidigungen gebilligt
habe, dann nehme ich Sie zum Zeugen, daß ich gleich
heute protestiert habe!“
</p>

<p>
Der Schweiß brach ihm aus, denn er dachte an die
Sache mit der Baukommission und an den Schutz, den
er bei ihr genießen sollte ... Unvermittelt warf er ein
Buch auf den Tisch, ein kleines, fast quadratisches Buch,
und stieß ein Hohngelächter dabei aus.
</p>

<p>
„Dichten tut er auch!“
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<p>
Jadassohn blätterte. „Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft.
Ein Hoch der Republik! und Am Weiher lag ein
Jüngling, trübselig anzuschauen ... Stimmt, so waren
die. Sträflinge versorgen und an den Grundlagen rütteln.
Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verdächtig und Haltung
schlapp. Da stehen wir, Gott sei Dank, anders da.“
</p>

<p>
„Das wollen wir hoffen“, sagte Diederich. „In der
Verbindung haben wir Mannhaftigkeit und Idealismus
gelernt, das genügt, da erübrigt sich das Dichten.“
</p>

<p>
„Fort mit euren Altarkerzen!“ deklamierte Jadassohn.
„Das ist etwas für meinen Freund Zillich. Jetzt hat er
sein Schläfchen hinter sich, wir können losgehen.“
</p>

<p>
Sie fanden den Pastor beim Kaffee. Er wollte Frau
und Tochter sogleich hinausschicken, Jadassohn hielt die
Hausfrau galant zurück und versuchte auch dem Fräulein
die Hand zu küssen, aber sie wandte ihm den Rücken. Diederich,
sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu
bleiben, und ihm gelang es. Er erklärte ihnen, daß Netzig
nach Berlin beträchtlich still wirke. „Die Damenwelt ist
<pb n='140'/><anchor id='Pgp0140'/>auch noch zurück. Mein Ehrenwort, gnädiges Fräulein,
Sie sind hier die erste, die ruhig Unter den Linden spazierengehen
könnte, und kein Mensch würde merken, daß
Sie aus Netzig sind.“ Darauf erfuhr er, daß sie wirklich
einmal in Berlin gewesen war, und sogar bei Ronacher.
Diederich zog hieraus Vorteil, er erinnerte sie an ein dort
gehörtes Couplet, das er ihr aber nur ins Ohr sagen
könne. „Unsre lieben süßen Dam’n, zeigen alles, was sie
ham’n“ ... Da sie einen dreisten Seitenblick warf,
streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend
an, worauf er ihr erst recht versicherte, daß sie ein „reizender
Käfer“ sei. Sie flüchtete mit geschlossenen Augen
zu ihrer Mutter, die alles überwacht hatte. Der Pastor
war mit Jadassohn in ernstem Gespräch. Er klagte, daß
der Kirchenbesuch in Netzig unerhört vernachlässigt werde.
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<p>
„Am Sonntag Jubilate: verstehen Sie wohl, am Sonntag
Jubilate habe ich vor dem Küster und drei alten
Damen aus dem Jungfrauenstift predigen müssen. Die
anderen hatten Influenza.“
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<p>
Jadassohn sagte: „Bei der lauen, um nicht zu sagen,
feindseligen Haltung, die die herrschende Partei den kirchlichen
und religiösen Dingen gegenüber einnimmt, muß
man sich über die drei alten Damen wundern. Warum
besuchen sie nicht lieber die freigeistigen Vorträge des
Doktors Heuteufel?“
</p>

<p>
Da schnellte der Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien
aufzuschäumen, so sehr schnob er, und sein Gehrock warf
wilde Falten. „Herr Assessor!“ brachte er hervor. „Dieser
Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein!
spricht der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager
und meiner leiblichen Schwester Mann ist, kann ich
den Herrn nur anflehen, ja, mit gerungenen Händen
an<pb n='141'/><anchor id='Pgp0141'/>flehen, daß er von seinem Rachestrahl Gebrauch mache.
Denn sonst würde er eines Tages genötigt sein, Pech
und Schwefel auf ganz Netzig regnen zu lassen. Kaffee,
verstehen Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten umsonst,
damit sie kommen und ihre Seele von ihm fangen lassen.
Und dann erzählt er ihnen, die Ehe sei kein Sakrament,
sondern ein Vertrag – als ob ich mir einen Anzug bestelle.“
– Der Pastor lachte vor Erbitterung.
</p>

<p>
„Pfui“, sagte Diederich mit tiefer Stimme. Und indes
Jadassohn den Pastor seines positiven Christentums versicherte,
begann Diederich schon wieder, im Schutz eines
Sessels, sich Käthchen handgreiflich zu nähern. „Fräulein
Käthchen,“ sagte er dabei, „ich kann Ihnen auf das bestimmteste
erklären, daß für mich die Ehe tatsächlich ein
Sakrament ist.“ Käthchen erwiderte:
</p>

<p>
„Schämen Sie sich, Herr Doktor.“
</p>

<p>
Ihm ward heiß. „Machen Sie nicht solche Augen!“
</p>

<p>
Käthchen seufzte. „Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich
sind Sie auch nicht besser als der Herr Assessor
Jadassohn. Ihre Schwestern haben mir schon erzählt,
was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind doch
meine besten Freundinnen.“
</p>

<p>
Dann werde man sich doch bald wiedersehen? – Ja,
in der „Harmonie“. „Aber Sie brauchen nicht zu denken,
daß ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja mit Guste
Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen.“
</p>

<p>
Was das beweise, fragte Diederich. Er protestiere
gegen alle Folgerungen, die man aus dieser rein zufälligen
Tatsache etwa ziehen wolle. Fräulein Daimchen
sei übrigens verlobt.
</p>

<p>
„Ach die!“ machte Käthchen. „Die geniert das nicht,
sie ist so gräßlich kokett.“
</p>

<pb n='142'/><anchor id='Pgp0142'/>

<p>
Auch die Frau Pastor bestätigte es. Noch heute habe
sie Guste in Lackschuhen und lila Strümpfen gesehen. Das
verspreche nichts Gutes. Käthchen verzog den Mund.
</p>

<p>
„Na und die Erbschaft –.“
</p>

<p>
Dieser Zweifel machte, daß Diederich bestürzt verstummte.
Der Pastor hatte dem Assessor soeben die Notwendigkeit
zugegeben, die Lage der christlichen Kirche in Netzig
einmal näher mit den Herren zu erörtern und verlangte von
seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf der Treppe war
es schon dunkel. Da die beiden anderen vorangingen, konnte
Diederich noch einmal Käthchens Hals überfallen. Sie
sagte ersterbend: „So mit dem Bart kitzeln tut keiner in
Netzig“ – was ihm zuerst schmeichelte, gleich darauf aber
gab es ihm peinliche Vermutungen ein. So ließ er Käthchen
einfach los und verschwand. Jadassohn erwartete ihn
unten, er sagte leise: „Nur Mut! Der Alte hat nichts gemerkt,
und die Mutter tut so.“ Er zwinkerte aufdringlich.
</p>

<p>
An der Marienkirche vorüber wollten die drei Herren
den Markt erreichen, der Pastor blieb aber stehen, mit
einer Kopfbewegung deutete er hinter sich. „Die Herren
wissen wohl, wie die Gasse heißt, links von der Kirche
unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse,
oder vielmehr das gewisse Haus darin.“
</p>

<p>
„Klein-Berlin“, sagte Jadassohn, denn der Pastor ging
nicht weiter.
</p>

<p>
„Klein-Berlin“, wiederholte er, schmerzlich lächelnd, und
noch einmal mit der Gebärde heiligen Zornes, so daß
mehrere Leute sich umsahen: „Klein-Berlin ... Im Schatten
meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der Magistrat
will mich nicht hören, er spottet meiner. Aber er spottet
noch eines anderen, –“ damit setzte sich der Pastor wieder
in Bewegung – „und der lässet seiner nicht spotten.“
</p>

<pb n='143'/><anchor id='Pgp0143'/>

<p>
Auch Jadassohn war der Meinung, daß er seiner nicht
spotten lasse. Diederich aber sah, indes seine Begleiter
sich ereiferten, vom Rathaus her Guste Daimchen nahen.
Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie lächelte
schnippisch. Ihm fiel auf, daß Käthchen Zillich gerade so
weißblond war und auch diese kleine, frech eingedrückte
Nase hatte. Eigentlich war es gleich, ob die oder die.
Guste freilich zeichnete sich durch eine handliche Breite aus.
„Und die läßt sich nichts gefallen. Gleich hat man eine Ohrfeige.“
Er wandte sich um nach Guste: von hinten war sie
außerordentlich rund und wackelte. In diesem Augenblick
war es für Diederich entschieden: Die oder keine!
</p>

<p>
Die beiden anderen hatten sie nachträglich auch bemerkt.
</p>

<p>
„War das nicht das Töchterchen der Frau Oberinspektor
Daimchen?“ fragte der Pastor; und er setzte hinzu:
„Unsere Bethlehemstiftung für gefährdete Jungfrauen
wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten.
Ob Fräulein Daimchen zu den Guten gehört? Die Leute
sagen, sie habe eine Million geerbt.“
</p>

<p>
Jadassohn beeilte sich, dies für weit übertrieben zu
erklären. Diederich widersprach; er kenne die Verhältnisse,
der verstorbene Onkel habe mit Zichorie noch viel
mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so lange,
bis der Assessor ihm verhieß, er werde durch das Gericht
in Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen.
Darauf schwieg Diederich, zufriedengestellt.
</p>

<p>
„Übrigens“, sagte Jadassohn, „fällt das Geld doch nur
an die Bucks, will sagen an den Umsturz.“ Aber Diederich
wollte auch hierüber besser unterrichtet sein. „Fräulein
Daimchen und ich sind nämlich zusammen hier angekommen“,
sagte er versuchsweise. – „Ach so“, machte Jadassohn.
„Darf man etwa gratulieren?“ Diederich hob die
<pb n='144'/><anchor id='Pgp0144'/>Achseln wie bei einer Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte
sich; er habe nur geglaubt, der junge Buck –.
</p>

<p>
„Wolfgang?“ fragte Diederich. „Mit dem war ich in
Berlin täglich zusammen. Er lebt dort mit einer Schauspielerin.“
</p>

<p>
Der Pastor räusperte sich mißbilligend. Da man eben
auf den Theaterplatz gelangte, sah er streng hinüber.
Er versetzte:
</p>

<p>
„Klein-Berlin liegt wohl bei meiner Kirche, aber doch
wenigstens in einem dunklen Winkel. Dieser Tempel
der Sittenlosigkeit brüstet sich auf offenem Platz, und
unsere Söhne und Töchter –“ er zeigte nach dem Bühneneingang,
wo einige Mitglieder des Theaters standen –
„streifen mit dem Ärmel an Buhldirnen!“
</p>

<p>
Diederich erklärte dies, mit bekümmerter Miene, für tief
bedauerlich – während Jadassohn sich über die „Netziger
Zeitung“ entrüstete, die frohlockt hatte, weil in den Stücken
der letzten Saison vier uneheliche Kinder vorgekommen
seien, und die das für einen Fortschritt hielt!
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Inzwischen bogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Straße und
hatten verschiedene Herren zu grüßen, die eben das Haus
der Loge betraten. Als sie die tief gezogenen Hüte wieder
aufgesetzt hatten und vorüber waren, sagte Jadassohn:
</p>

<p>
„Man wird sich die Herrschaften merken müssen, die
den freimaurerischen Unfug noch mitmachen. Seine Majestät
mißbilligt ihn entschieden.“
</p>

<p>
„Von meinem Schwager Heuteufel wundert mich selbst
das gefährlichste Sektenwesen nicht“, erklärte der Pastor.
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<p>
„Nun, und der Herr Lauer?“ meinte Diederich. „Ein
Mensch, der sich nicht entblödet, seine Arbeiter am Gewinn
zu beteiligen? Dem ist alles zuzutrauen!“
</p>

<pb n='145'/><anchor id='Pgp0145'/>

<p>
„Das Unerhörteste“, behauptete Jadassohn, „ist doch,
daß Herr Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft
zeigt: ein königlicher Landgerichtsrat Arm in
Arm mit dem Wucherer Cohn. Wie haißt Cohn“, machte
Jadassohn und steckte den Daumen unter die Achsel.
</p>

<p>
Diederich sagte: „Da er ja mit der Frau Lauer –“ Er
brach ab und erklärte, dann begreife er allerdings, daß diese
Leute vor Gericht immer recht bekämen. „Sie halten zusammen
und schmieden Ränke.“ Pastor Zillich murmelte
sogar etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern
sollten und bei denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen
waren. Aber Jadassohn lächelte bedeutsam:
</p>

<p>
„Nun, glücklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow
gerade in die Fenster hinein.“ Und Diederich nickte beifällig
zu dem Gebäude der Regierung hinüber. Gleich
daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein Wachtposten
auf und ab. „Da lacht einem doch das Herz, wenn man
das Gewehr so eines braven Burschen blinken sieht!“ rief
Diederich aus. „Damit halten wir die Bande in Schach.“
</p>

<p>
Das Gewehr blinkte freilich nicht, denn es ward dunkel.
Schon schoben sich Abteilungen heimkehrender Arbeiter
durch das abendliche Gedränge. Jadassohn schlug einen
Dämmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die Ecke.
Dort war es gemütlich, zu dieser Stunde kam niemand
hin. Auch war Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor,
indes seine Tochter das Bier brachte, seinen heißen Dank
aussprach für die segensreiche Arbeit, die er in der Bibelstunde
an seinen Jungen vollbringe. Der Älteste hatte
zwar doch wieder Zucker gestohlen, dafür aber hatte er
nachts nicht schlafen können, sondern seine Sünde Gott
so laut gebeichtet, daß Klappsch es hörte und ihn durchprügeln
konnte. Von da kam das Gespräch auf die
Be<pb n='146'/><anchor id='Pgp0146'/>amten der Regierung, die Klappsch mit Frühstück versorgte
und von denen er berichten konnte, wie sie am
Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte sich
Notizen, und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter
Fräulein Klappsch. Diederich besprach mit Pastor Zillich
die Gründung eines christlichen Arbeitervereins. Er verhieß:
„Wer von meinen Leuten nicht ’rein will, fliegt!“
Diese Aussichten heiterten den Pastor auf; nachdem
Fräulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht
hatte, befand er sich in demselben Zustand hoffnungsvoller
Entschlossenheit, den seine beiden Gefährten im Laufe
des Tages erreicht hatten.
</p>

<p>
„Mein Schwager Heuteufel“, rief er und schlug auf
den Tisch, „soll so viel von der Affenverwandtschaft predigen,
wie er will, ich krieg’ meine Kirche doch wieder voll!“
</p>

<p>
„Nicht nur Ihre“, beteuerte Diederich.
</p>

<p>
„Na, es gibt nun mal zu viele Kirchen in Netzig“, gestand
der Pastor. Da sagte Jadassohn schneidend: „Zu
wenige, Mann Gottes, zu wenige!“ Und er nahm Diederich
zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt
hatten. Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine
Majestät selbst eingegriffen hatte. „Sorgen Sie dafür,“
hatte er einer Abordnung der städtischen Behörden gesagt,
„daß in Berlin Kirchen gebaut werden.“ Nun wurden
sie gebaut, die Religion war wieder aktuell, es kam
Betrieb hinein. Und alle, der Pastor, der Kneipwirt,
Jadassohn und Diederich begeisterten sich für die tiefe
Frömmigkeit des Monarchen. Da fiel ein Schuß.
</p>

<p>
„Es hat geknallt!“ Jadassohn sprang zuerst auf, alle
sahen erbleicht einander an. Vor Diederichs innerem
Auge erschien blitzschnell das knochige Gesicht Napoleon
Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem schwarzen
<pb n='147'/><anchor id='Pgp0147'/>Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte:
„Der Umsturz! Es geht los!“ Draußen war Getrappel
von Laufenden: auf einmal griffen alle nach ihren
Hüten und rannten hinaus.
</p>

<p>
Die Leute, die sich schon angesammelt hatten, hielten
in einem scheuen Bogen von der Ecke des Bezirkskommandos
bis an die Treppe der Freimaurerloge. Drüben,
wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht nach
unten, mitten auf der Straße. Und der Soldat, der vorhin
so munter auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich
vor seinem Schilderhaus. Der Helm hatte
sich ihm verschoben, man sah, daß er bleich war, den Mund
offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte – indes
er sein Gewehr beim Lauf hielt und es am Boden schleppen
ließ. Im Publikum, zumeist Arbeitern und Frauen
aus dem Volk, ward dumpf gemurrt. Plötzlich sagte eine
Männerstimme sehr laut: „Oho!“ – und darauf trat tiefe
Stille ein. Diederich und Jadassohn verständigten sich durch
einen blassen Blick über das Kritische des Augenblicks.
</p>

<p>
Die Straße herunter lief ein Schutzmann und ihm voraus
ein Mädchen, dessen Rock wehte und das schon von
weitem rief:
</p>

<p>
„Da liegt er! Der Soldat hat geschossen!“
</p>

<p>
Sie war angelangt, sie warf sich auf die Knie, sie rüttelte
den Mann. „Auf! Steh doch auf!“
</p>

<p>
Sie wartete. In seinen Füßen schien es zu zucken;
aber er blieb liegen, Arme und Beine über das Pflaster
gestreckt. Da schrie sie los: „Karl!“ Es gellte, daß alle
auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere Männer stürzten
vor, die Fäuste geballt. Die Ansammlung war dichter geworden;
zwischen den Wagen, die halten mußten, quoll
Nachschub hervor; und in dem drohenden Gedränge
<pb n='148'/><anchor id='Pgp0148'/>arbeitete das Mädchen sich ab, unter ihren aufgelösten
Haaren, die flatterten, und mit verzerrtem, nassem Gesicht,
woraus wohl Geschrei kam, aber man hörte es nicht,
der Lärm verschlang es.
</p>

<p>
Der einzige Schutzmann drängte mit ausgebreiteten
Armen die Menge zurück, sie trat sonst auf den Liegenden.
Er schrie vergebens gegen sie an, tanzte ihr auf den Füßen
und sah sich, den Kopf verlierend, in der Luft nach Hilfe um.
</p>

<p>
Und sie kam. Im Regierungsgebäude ging ein Fenster
auf, ein großer Bart erschien, und eine Stimme drang
heraus, eine furchtbare Baßstimme, die jeder, auch wenn
er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr dröhnen
hörte wie fernen Kanonendonner.
</p>

<p>
„Wulckow“, sagte Jadassohn. „Na endlich.“
</p>

<p>
„Ich verbitte mir das!“ tönte es herunter. „Wer erlaubt
sich hier vor meinem Hause Lärm zu machen?“ Und
da es schon ruhiger ward:
</p>

<p>
„Wo ist der Posten?“
</p>

<p>
Jetzt sahen die meisten erst, daß der Soldat sich in sein
Schilderhaus zurückgezogen hatte: so tief wie möglich,
und nur der Gewehrlauf stand hervor.
</p>

<p>
„Komm ’raus, mein Sohn!“ befahl der Baß von oben.
„Du hast deine Pflicht getan. Er hat dich gereizt. Für
deine Tapferkeit wird Seine Majestät dich belohnen.
Verstanden?“
</p>

<p>
Alle hatten ihn verstanden und waren <anchor id="corr148"/><corr sic="verstummt.">verstummt,</corr> sogar
das Mädchen. Um so ungeheurer dröhnte er.
</p>

<p>
„Zerstreut euch sofort, sonst lass’ ich schießen!“
</p>

<p>
Eine Minute, und einige liefen schon. Gruppen von
Arbeitern lösten sich los, zögerten – und gingen wieder
ein Stück weiter, mit gesenkten Köpfen. Der Regierungspräsident
rief noch hinunter:
</p>

<pb n='149'/><anchor id='Pgp0149'/>

<p>
„Paschke, holen Sie mal ’n Doktor!“
</p>

<p>
Dann klappte er das Fenster wieder zu. Im Eingang
der Regierung aber ward es lebendig. Plötzlich waren
Herren da, die kommandierten, eine Menge Schutzleute
liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum
ein, das noch übrig war, und schrien ganz allein.
Diederich und seine Begleiter, die sich hinter ihre Ecke
zurückgezogen hatten, sahen drüben auf der Treppe der
Loge einige Herren stehen. Jetzt machte Doktor Heuteufel
sich zwischen ihnen Platz. „Ich bin Arzt“, sagte er laut,
ging rasch über die Straße und beugte sich zu dem Verwundeten.
Er wendete ihn um, öffnete ihm die Weste
und legte das Ohr an seine Brust. In diesem Augenblick
waren alle still, sogar die Schutzleute schrien nicht mehr;
das Mädchen aber stand da, vorwärts geneigt, die Schultern
hinaufgezogen wie unter einem drohenden Schlag,
und die Faust am Herzen geballt, als sei es dies Herz,
das nun stillstehen sollte.
</p>

<p>
Doktor Heuteufel erhob sich. „Der Mann ist tot“, sagte
er. Gleichzeitig bemerkte er das Mädchen, das schwankte.
Er griff nach ihr. Aber sie stand schon wieder, sie sah auf
das Gesicht des Toten nieder und sagte nur: „Karl.“ Noch
leiser: „Karl.“ Doktor Heuteufel sah umher und fragte:
„Was soll mit dem Mädchen geschehen?“
</p>

<p>
Da trat Jadassohn vor. „Assessor Jadassohn von der
Staatsanwaltschaft“, sagte er. „Das Mädchen ist abzuführen.
Da ihr Geliebter den Posten gereizt hat, liegt
Verdacht vor, daß sie sich an der strafbaren Handlung beteiligt
hat. Wir werden die Untersuchung einleiten.“
</p>

<p>
Zwei Schutzleute, denen er winkte, faßten das Mädchen
schon an. Doktor Heuteufel erhob die Stimme: „Herr
Assessor, ich erkläre als Arzt, daß der Zustand des Mädchens
<pb n='150'/><anchor id='Pgp0150'/>seine Verhaftung nicht zuläßt.“ Jemand sagte: „Führen
Sie doch auch den Toten ab!“ Aber Jadassohn krähte:
„Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich verbitte mir jede Kritik
meiner amtlichen Maßnahmen!“
</p>

<p>
Diederich inzwischen hatte Zeichen hoher Erregung
von sich gegeben. „Oh!... Ah!... Aber das ist –.“
Er war ganz bleich; er setzte an: „Meine Herren ...
Meine Herren, ich bin in der Lage –. Ich kenne diese
Leute: jawohl, den Mann und das Mädchen. Doktor
Heßling mein Name. Beide waren bis heute in meiner
Fabrik beschäftigt. Ich mußte sie entlassen wegen
öffentlich begangener unsittlicher Handlungen.“
</p>

<p>
„Aha!“ machte Jadassohn. Pastor Zillich rührte sich. „Das
ist fürwahr der Finger Gottes“, sagte er. Der Fabrikant
Lauer hatte sich in seinem grauen Spitzbart heftig gerötet,
seine gedrungene Gestalt ward geschüttelt vom Zorn.
</p>

<p>
„Über den Finger Gottes läßt sich streiten. Sicher scheint
nur, Herr Doktor Heßling, daß der Mann sich zu Ausschreitungen
hat hinreißen lassen, weil die Entlassung ihm
zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau, vielleicht
auch Kinder.“
</p>

<p>
„Sie waren gar nicht verheiratet“, sagte Diederich,
seinerseits entrüstet. „Ich weiß es von ihm selbst.“
</p>

<p>
„Was ändert das,“ fragte Lauer. Da erhob der Pastor
die Arme. „Sind wir denn schon so weit,“ rief er, „daß
es nichts ändert, ob das sittliche Gesetz Gottes befolgt wird
oder nicht?“
</p>

<p>
Lauer erklärte es für unangebracht, auf der Straße und
im Augenblick, wo jemand mit behördlicher Billigung totgeschossen
worden sei, über sittliche Gesetze zu debattieren;
und er wandte sich an das Mädchen, um ihm Arbeit in
seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein
Sanitäts<pb n='151'/><anchor id='Pgp0151'/>wagen angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen.
Wie man ihn aber hineinschob, fuhr das Mädchen
aus seiner Starrheit empor, stürzte sich über die Bahre, entriß
sie, ehe man es sich versah, den Männern, daß sie niederfiel
– und zusammen mit dem Toten, in ihn verkrampft
und unter gellendem Geschrei rollte sie auf das Pflaster.
Mit großer Mühe ward sie von dem Leichnam gelöst
und in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt, der
den Krankenwagen begleitet hatte, fuhr mit ihr fort.
</p>

<p>
Auf den Fabrikanten Lauer, der mit Heuteufel und den
anderen Logenbrüdern weitergehen wollte, trat Jadassohn
zu, in drohender Haltung. „Einen Augenblick, bitte. Sie
äußerten da vorhin, daß hier mit behördlicher Billigung
– ich nehme die Herren zu Zeugen, daß dies Ihr Ausdruck
war – also mit behördlicher Billigung jemand totgeschossen
sei. Ich möchte fragen, ob das von Ihrer Seite
vielleicht eine Mißbilligung der Behörde bedeuten sollte.“
</p>

<p>
„Ach so“, machte Lauer und sah ihn an. „Mich möchten
Sie wohl auch abführen lassen?“
</p>

<p>
„Zugleich“, fuhr Jadassohn mit hoher, schneidiger
Stimme fort, „mache ich Sie darauf aufmerksam, daß
das Verhalten eines Postens, der ein ihn belästigendes
Individuum niederschießt, vor wenigen Monaten, nämlich
im Fall Lück, von maßgebender Stelle als korrekt
und tapfer bezeichnet und durch Auszeichnungen und
Gnadenbeweise belohnt worden ist. Hüten Sie sich vor
einer Kritik der Allerhöchsten Handlungen!“
</p>

<p>
„Ich habe keine ausgesprochen,“ sagte Lauer. „Ausgesprochen
habe ich bis jetzt nur meine Mißbilligung des
Herrn dort mit dem gefährlichen Schnurrbart.“
</p>

<p>
„Wie?“ fragte Diederich, der noch immer die Pflastersteine
ansah, wo der Erschossene gefallen war und wo ein
<pb n='152'/><anchor id='Pgp0152'/>wenig Blut lag. Er begriff endlich, daß er herausgefordert
war.
</p>

<p>
„Der Schnurrbart wird von Seiner Majestät getragen!“
sagte er fest. „Es ist die deutsche Barttracht. Im übrigen
lehne ich jede Diskussion mit einem Arbeitgeber ab, der
den Umsturz fördert.“
</p>

<p>
Lauer öffnete schon wütend den Mund, obwohl der
Bruder des alten Buck, Heuteufel, Cohn und Landgerichtsrat
Fritzsche ihn fortziehen wollten; und neben Diederich
reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: –
da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte
die Straße ab, die ganz geleert war, und der Leutnant,
der die Führung hatte, forderte die Herren zum Weitergehen
auf. Alle gehorchten schleunigst; sie sahen noch,
wie der Leutnant vor den Wachtposten hintrat und ihm
die Hand schüttelte.
</p>

<p>
„Bravo!“ sagte Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: „Morgen
kommen nun Hauptmann, Major und Oberst dran,
müssen belobigen und dem Kerl Geldgeschenke machen.“
</p>

<p>
„Sehr richtig!“ sagte Jadassohn.
</p>

<p>
„Aber –“ Heuteufel blieb stehen. „Meine Herren,
verständigen wir uns doch. Hat denn das alles einen
Sinn? Nur weil dieser Bauerntölpel keinen Spaß verstanden
hat? Ein Witz, ein gutmütiges Lachen nur, und
er entwaffnet den Arbeiter, der ihn herausfordern möchte,
seinen Kameraden, einen armen Teufel wie er selbst.
Statt dessen befiehlt man ihm zu schießen. Und nachher
kommen die großen Worte.“
</p>

<p>
Landgerichtsrat Fritzsche stimmte bei und riet zur
Mäßigung. Da sagte Diederich, noch bleich und mit einer
Stimme, die erschauerte:
</p>

<p>
„Das Volk muß die Macht fühlen! Das Gefühl der
<pb n='153'/><anchor id='Pgp0153'/>kaiserlichen Macht ist mit einem Menschenleben nicht zu
teuer bezahlt!“
</p>

<p>
„Wenn es nur nicht Ihres ist“, sagte Heuteufel. Und
Diederich, die Hand auf der Brust:
</p>

<p>
„Wenn es auch meins wäre!“
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Heuteufel zuckte die Achseln. Während man weiterging,
versuchte Diederich dem Pastor Zillich, mit dem er ein Stück
zurückblieb, seine Empfindungen zu erklären. „Für mich“,
sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung, „hat der Vorgang
etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches.
Daß da einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden
kann, ohne Urteil, auf offener Straße! Bedenken Sie: mitten
in unserem bürgerlichen Stumpfsinn kommt so was –
Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heißt!“
</p>

<p>
„Wenn sie von Gottes Gnaden ist“, ergänzte der Pastor.
</p>

<p>
„Natürlich. Das ist es eben. Drum hab’ ich geradezu
eine religiöse Erhebung von der Sache. Man merkt doch
manchmal, daß es höhere Dinge gibt, Gewalten, denen
wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem
Berliner Krawall, vorigen Februar, als Seine Majestät
sich mit so phänomenaler Kaltblütigkeit in den tobenden
Aufruhr hinauswagten: na, ich sage nur –“ Da die übrigen
vor dem Ratskeller stehengeblieben waren, erhob
Diederich die Stimme. „Wenn damals der Kaiser die ganzen
Linden hätte vom Militär absperren und in uns alle
hätte ’reinschießen lassen, immer feste ’rein, sag ich ...“
</p>

<p>
„Sie hätten Hurra geschrien,“ schloß Doktor Heuteufel.
</p>

<p>
„Sie vielleicht nicht?“ fragte Diederich und versuchte
zu blitzen. „Ich hoffe doch, wir empfinden alle national!“
</p>

<p>
Der Fabrikant Lauer wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen,
ward aber zurückgehalten. Statt seiner sagte Cohn:
</p>

<pb n='154'/><anchor id='Pgp0154'/>

<p>
„Nun, national bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere
Armee für solche Witze?“ Diederich maß ihn.
</p>

<p>
„Ihre Armee, sagen Sie? Herr Warenhausbesitzer
Cohn hat eine Armee! Haben die Herren gehört?“ Er
lachte erhaben. „Ich kannte bisher nur die Armee Seiner
Majestät des Kaisers!“
</p>

<p>
Doktor Heuteufel brachte etwas von Volksrechten vor,
aber Diederich betonte mit abgehackter Kommandostimme,
daß er keinen Schattenkaiser wünsche. Ein Volk, das die
straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung geweiht ...
Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und
seine Freunde saßen schon. „Na, setzen Sie sich nicht zu
uns?“ ward Diederich von Doktor Heuteufel gefragt.
„Schließlich sind wir wohl alle liberale Männer.“ Da
stellte Diederich fest: „Liberal selbstverständlich. Aber ich
gehe in den großen nationalen Fragen aufs Ganze. Für
mich gibt es da nur zwei Parteien, die Seine Majestät
selbst gekennzeichnet haben: die für ihn und die gegen
ihn. Und da scheint es mir allerdings, daß an dem Tisch
der Herren für mich kein Platz ist.“
</p>

<p>
Er vollführte eine korrekte Verbeugung und ging
hinüber zu dem leeren Tisch. Jadassohn und Pastor
Zillich folgten ihm. Gäste, die in der Nähe saßen, sahen
sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch
des Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt
zu bestellen. Drüben ward geflüstert, dann rückte jemand
seinen Stuhl, es war Landgerichtsrat Fritzsche. Er verabschiedete
sich, kam an Diederichs Tisch, um ihm, Jadassohn
und Zillich die Hände zu schütteln, und ging hinaus.
</p>

<p>
„Das wollte ich ihm auch geraten haben“, bemerkte
Jadassohn. „Er hat die Unhaltbarkeit seiner Lage noch
rechtzeitig erkannt.“ Diederich sagte: „Eine reinliche
<pb n='155'/><anchor id='Pgp0155'/>Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler Beziehung
ein gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig
nicht zu fürchten.“ Aber Pastor Zillich schien betreten.
„Der Gerechte muß viel leiden,“ sagte er. „Sie wissen noch
nicht, wie Heuteufel intrigant ist. Morgen erzählt er Gott
weiß welche Greuel über uns.“ Da zuckte Diederich zusammen.
Doktor Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin
dunklen Punkt seines Lebens, als er vom Militär loszukommen
wünschte! Er hatte ihm, in einem höhnischen
Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der
Hand, er konnte ihn vernichten! In seinem jähen Schrecken
befürchtete Diederich sogar Enthüllungen aus seiner Schulzeit,
als Doktor Heuteufel ihn im Hals gepinselt und ihm
dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schweiß brach
ihm aus. Um so lauter bestellte er Hummern und Sekt.
</p>

<p>
Drüben bei den Logenbrüdern hatte man sich aufs
neue über den gewaltsamen Tod des jungen Arbeiters
erregt. Was das Militär und die Junker, die es befehligten,
sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie
in einem eroberten Land! Und als die Köpfe rot genug
waren, verstiegen sich die Herren dazu, für das Bürgertum,
das tatsächlich alle Leistungen liefere, auch die
Führung im Staat zu verlangen. Herr Lauer wünschte
zu wissen, was die herrschende Kaste vor anderen Leuten
eigentlich noch voraus habe. „Nicht einmal die Rasse“,
behauptete er. „Denn sie sind ja alle verjudet, die Fürstenhäuser
einbegriffen.“ Und er setzte hinzu: „Womit ich
meinen Freund Cohn nicht kränken will.“
</p>

<p>
Es war Zeit, einzuschreiten: Diederich fühlte es. Schnell
stürzte er noch ein Glas hinunter, dann stand er auf, trat
wuchtig bis in die Mitte unter den gotischen Kronleuchter
und sagte scharf:
</p>

<pb n='156'/><anchor id='Pgp0156'/>

<p>
„Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage,
ob Sie unter den Fürstenhäusern, die nach Ihrer persönlichen
Meinung verjudet sind, auch deutsche Fürstenhäuser
verstehen.“
</p>

<p>
Lauer erwiderte ruhig, beinahe freundlich: „Gewiß doch.“
</p>

<p>
„So“, machte Diederich, und er schöpfte tief Atem, um
zu seinem großen Schlag auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit
des ganzen Lokals fragte er:
</p>

<p>
„Und den verjudeten deutschen Fürstenhäusern rechnen
Sie auch das eine zu, das ich nicht erst zu nennen brauche?“
Triumphierend sagte Diederich dies, vollkommen sicher,
daß nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und unter
den Tisch kriechen werde. Aber er stieß auf einen nicht
vorauszusehenden Zynismus.
</p>

<p>
„Na ja doch“, sagte Lauer.
</p>

<p>
Jetzt war es an Diederich, die Haltung zu verlieren vor
Entsetzen. Er sah umher: ob er denn recht gehört habe.
Die Gesichter bestätigten es ihm. Da brachte er hervor,
es werde sich zeigen, welche Folgen diese Äußerung für
den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in leidlicher
Ordnung in das befreundete Lager zurück. Gleichzeitig
tauchte Jadassohn wieder auf, der verschwunden
gewesen war, man wußte nicht wohin.
</p>

<p>
„Ich habe dem soeben Vorgefallenen nicht beigewohnt“,
sagte er sofort. „Ich stelle dies ausdrücklich fest, da es für
die weitere Entwicklung von Bedeutung sein könnte.“
Und dann ließ er sich genau berichten. Diederich tat es
mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch,
dem Feind den Weg abgeschnitten zu haben. „Jetzt
haben wir ihn in der Hand!“
</p>

<p>
„Allerdings,“ bestätigte Jadassohn, der sich Notizen
gemacht hatte.
</p>

<pb n='157'/><anchor id='Pgp0157'/>

<p>
Vom Eingang her nahte auf steifen Beinen ein älterer
Herr mit grimmiger Miene. Er grüßte nach beiden Seiten
und schickte sich an, zu den Vertretern des Umsturzes zu
stoßen. Aber Jadassohn holte ihn noch ein. „Herr Major
Kunze! Nur ein Wort!“ Er redete halblaut auf ihn ein
und deutete dabei mit den Augen nach links und rechts.
Der Major schien im Zweifel. „Sie geben mir Ihr Ehrenwort,
Herr Assessor,“ sagte er, „daß das tatsächlich behauptet
wurde?“ Während Jadassohn es ihm gab, trat
der Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant,
lächelte unbedeutend und bot dem Herrn Major für alles
eine befriedigende Erklärung an. Aber der Major bedauerte;
für eine solche Äußerung gebe es einfach keine
Erklärung; und seine Miene ward von erschreckender
Düsterkeit. Trotzdem sah er noch mit Bedauern nach seinem
alten Stammtisch hinüber. Da, im entscheidenden
Moment, hob Diederich die Sektflasche aus dem Kübel.
Der Major bemerkte es und folgte seinem Pflichtgefühl.
Jadassohn stellte vor: „Herr Fabrikbesitzer Doktor Heßling.“
</p>

<p>
Diederichs Rechte und die des Majors drückten einander
mit Aufbietung aller Kraft. Fest und bieder blickten die
Herren sich ins Auge. „Herr Doktor,“ sagte der Major,
„Sie haben sich als deutscher Mann bewährt.“ Man
scharrte mit den Füßen, rückte die Stühle zurecht, präsentierte
voreinander die Gläser, und dann durfte man trinken.
Diederich bestellte sofort eine neue Flasche. Der Major leerte
sein Glas, sooft es ihm vollgeschenkt wurde, und zwischen
den Zügen versicherte er, auch er stehe, was deutsche Treue
betreffe, seinen Mann. „Wenn mein König mich nun
auch schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat –“
</p>

<p>
„Der Herr Major“, erklärte Jadassohn, „war zuletzt
beim hiesigen Bezirkskommando.“
</p>

<pb n='158'/><anchor id='Pgp0158'/>

<p>
„– ich habe noch das alte Soldatenherz –“ er klopfte
mit den Fingern darauf – „und unpatriotische Tendenzen
werde ich stets bekämpfen. Mit Feuer und Schwert!“
schrie er und ließ die Faust auf den Tisch fallen. Im selben
Augenblick zog hinter seinem Rücken der Warenhausbesitzer
Cohn tief den Hut und entfernte sich eilig. Der
Bruder des Herrn Buck suchte zuerst noch die Toilette auf,
damit sein Verschwinden einen weniger fluchtartigen
Charakter trage. „Aha!“ sagte Jadassohn um so lauter.
„Herr Major, der Feind ist aufgerieben.“ Pastor Zillich
war noch immer beunruhigt.
</p>

<p>
„Heuteufel ist dageblieben. Ich traue ihm nicht.“
</p>

<p>
Aber Diederich, der die dritte Flasche bestellte, sah sich
höhnisch nach Lauer und Doktor Heuteufel um, die vereinsamt
dasaßen und beschämt ihre Biergläser anstarrten.
</p>

<p>
„Wir haben die Macht“, sagte er, „und die Herren dort
drüben sind sich dessen bewußt. Sie revoltieren schon gar
nicht mehr, weil der Posten geschossen hat. Sie machen
Gesichter, als hätten sie Angst, daß sie nun selbst bald drankommen.
Und sie kommen auch dran!“ Diederich erklärte,
daß er wegen der vorhin gefallenen Äußerungen
eine Anzeige gegen den Herrn Lauer bei der Staatsanwaltschaft
erstatten werde. „Und ich werde dafür sorgen,“
versicherte Jadassohn, „daß die Anklage erhoben wird.
Ich persönlich werde sie in der Hauptverhandlung vertreten.
Die Herren wissen, daß ich als Zeuge nicht in
Betracht komme, da ich den Vorgängen selbst nicht beigewohnt
habe.“
</p>

<p>
„Wir werden hier den Sumpf mal trocken legen“, sagte
Diederich, und er fing von dem Kriegerverein an, auf den
die treudeutsch und kaiserlich gesinnten Männer sich vor
allem stützen müßten. Der Major nahm eine Amtsmiene
<pb n='159'/><anchor id='Pgp0159'/>an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins.
Man diente seinem König immer noch, so gut man konnte.
Er war auch bereit, Diederich zur Aufnahme vorzuschlagen,
damit die nationalen Elemente eine Kräftigung erführen.
Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht verhehlen, überwogen
auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm,
nach der Meinung des Majors, behördlicherseits zu viel
Rücksicht auf die in Netzig gegebenen Verhältnisse. Er
selbst würde, wenn er zum Bezirkskommandanten ernannt
worden wäre, den Herren Reserveoffizieren bei den
Wahlen auf die Finger gesehen haben, dafür garantierte
er. „Aber da mein König mir die Möglichkeit leider genommen
hat –“ Diederich schenkte, um ihn zu trösten,
frisch ein. Während der Major trank, beugte Jadassohn
sich zu Diederich und raunte: „Glauben Sie ihm kein
Wort! Er ist ein schlapper Hund und kriecht vor dem alten
Buck. Wir müssen ihm imponieren.“
</p>

<p>
Diederich tat dies sofort. „Ich habe nämlich mit dem
Herrn Regierungspräsidenten von Wulckow bereits formelle
Verabredungen getroffen.“ Und da der Major die
Augen aufriß:
</p>

<p>
„Nächstes Jahr, Herr Major, sind die Reichstagswahlen.
Da werden wir Gutgesinnten schwere Arbeit haben. Der
Kampf beginnt schon.“
</p>

<p>
„Los!“ sagte der Major ingrimmig. „Prost!“
</p>

<p>
„Prost!“ sagte Diederich. „Aber, meine Herren, mögen
die subversiven Tendenzen im Lande noch so stark sein,
wir sind stärker, denn wir haben einen Agitator, den die
Gegner nicht haben, und das ist Seine Majestät.“
</p>

<p>
„Bravo!“
</p>

<p>
„Seine Majestät hat für alle Teile seines Staates, also
auch für Netzig, die Forderung aufgestellt, daß die Bürger
<pb n='160'/><anchor id='Pgp0160'/>endlich aus dem Schlummer erwachen mögen! Und das
wollen wir auch!“
</p>

<p>
Jadassohn, der Major und Pastor Zillich bekundeten
ihre Wachheit, indem sie auf den Tisch schlugen, Beifall
riefen und einander zutranken. Der Major schrie: „Zu
uns Offizieren hat Seine Majestät gesagt: Dies sind die
Herren, auf die ich mich verlassen kann!“
</p>

<p>
„Und zu uns“, schrie Pastor Zillich, „hat er gesagt, wenn
die Kirche der Fürsten bedürfen wird –“.
</p>

<p>
Man durfte allen Zwang ablegen, denn der Keller hatte
sich längst geleert, Lauer und Heuteufel waren ungesehen
entkommen, und in den hinteren Bogengewölben brannte
schon kein Gas mehr.
</p>

<p>
„Er hat auch gesagt –“ Diederich blies die Backen feuerrot
auf, der Schnurrbart stieß ihm in die Augen, aber dennoch
blitzte er fürchterlich. „Wir stehen im Zeichen des Verkehrs!
Und so ist es auch! Unter seiner erhabenen Führung
sind wir fest entschlossen, Geschäfte zu machen!“
</p>

<p>
„Und Karriere!“ krähte Jadassohn. „Seine Majestät hat
gesagt, jeder, der ihm behilflich sein will, ist ihm willkommen.
Will das jemand vielleicht auf mich nicht mitbeziehen?“
fragte Jadassohn herausfordernd, mit blutig
leuchtenden Ohren. Der Major brüllte wieder:
</p>

<p>
„Und mein König kann sich totsicher auf mich verlassen.
Er hat mich zu früh weggeschickt, als ehrlicher deutscher
Mann sage ich es ihm laut ins Gesicht. Er wird mich noch
mal bitter nötig haben, wenn es losgeht. Ich denke nicht
daran, den Rest meines Lebens bloß noch mit Knallbonbons
zu schießen auf Vereinsbällen. Ich war bei Sedan!“
</p>

<p>
„Herrjemersch, und ich doch ooch!“ ertönte es von dünner
Schreistimme aus unsichtbaren Tiefen, und den Schatten
der Gewölbe entstieg ein kleiner Greis mit
flattern<pb n='161'/><anchor id='Pgp0161'/>den weißen Haaren. Er schwankte herbei, seine Brillengläser
funkelten, seine Backen glühten, und er schrie: „Der
Herr Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei
Ihnen geht’s ja zu wie dunnemals in Frankreich. Ich
sag’ es aber immer: gut gelebt und lieber ä paar Jahre
länger!“ Der Major stellte ihn vor. „Herr Gymnasialprofessor
Kühnchen.“ Wie es kam, daß er dort hinten im
Dunkeln vergessen worden sei, darüber äußerte der kleine
Greis die lebhaftesten Vermutungen. Früher hatte er
sich in einer Gesellschaft befunden. „Nu muß ich wohl ä
bißchen eingeschlummert sein, und da sein die verdammten
Lumichs mir ausgerückt.“ Der Schlaf hatte ihm vom
Feuer der genossenen Getränke noch nichts genommen,
er erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre
gemeinsamen Taten im eisernen Jahr. „Die Franktiröhrs!“
schrie er, und aus seinem faltigen, zahnlosen
Munde rann Feuchtigkeit. „Das war Sie eene Bande!
Wie die Herren mich da sähn, hab’ ich doch noch immer een’
steifen Finger, da hat mich ä Franktiröhr draufgebissen.
Bloß weil ich ihm mit meim Säbel ä kleenes bißchen die
Kehle abschneiden wollte. So eene Gemeinheit von dem
Kerl!“ Er zeigte den Finger am Tisch umher und erregte
Ausrufe der Bewunderung. Diederichs begeisterte Gefühle
freilich mischten sich mit Schrecken, er mußte sich in die
Lage des Franktiröhrs denken: der kleine leidenschaftliche
Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die Klinge an
den Hals. Er war genötigt, einen Augenblick hinauszugehen.
</p>

<p>
Wie er zurückkehrte, gaben der Major und Professor
Kühnchen, einander überschreiend, den Bericht eines
wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber Kühnchen
schrillte immer schärfer durch das Gebrüll des anderen,
bis er es zum Schweigen gebracht hatte und ungestört
<pb n='162'/><anchor id='Pgp0162'/>aufschneiden konnte. „Nee, alter Freund, Sie sein ä anschlägscher
Kopf. Wenn Sie die Treppe ’runterfallen,
verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer damals an
dem Haus, wo die Franktiröhrs drinne saßen, das hat
Kühnchen angelegt, da gibt’s nischt. Ich hab’ doch eene
Kriegslist gebraucht und hab’ mich totgestellt, da ham die
dummen Luder nischt gemerkt. Und wie’s erscht gebrannt
hat, nu, versteht sich, da hamse an der Verteidchung des
Vaterlandes keen’ Geschmack mehr gefunden, und bloß
noch ’raus, bloß noch Soofgipöh! Da hätten Se nu aber
uns Deutsche sehen sollen. Von der Mauer hammer sie
weggeschossen, wie sie ’runterkrabbeln wollten! Luftsprünge
hamse gemacht wie die Garniggel!“
</p>

<p>
Kühnchen mußte seine Erfindung unterbrechen, er kicherte
durchdringend, indes die Tafelrunde dröhnend lachte.
</p>

<p>
Kühnchen erholte sich. „Die falschen Luder hatten uns
aber auch tückisch gemacht! Und die Weiber! Nee, meine
Herren, so was Beesartches wie die franzeeschen Weiber,
das gibt’s Sie nu überhaupt nicht mehr. Heeßes Wasser
hatten se uns auf die Köppe geschiddet. Nu frag’ ich Sie,
tut das eene Dame? Wie’s brannte, warfen sie die Kinder
aus’m Fenster und wollten ooch noch von uns, daß wir
se auffangen sollten. Hibsch nich, aber dumm! Mit
unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder uffgefangen.
Und dann die Damen!“ Kühnchen hielt die gichtischen
Finger gekrümmt wie um einen Gewehrkolben
und sah dabei nach oben, als gäbe es noch jemand <anchor id="corr162"/><corr sic="aufzuspi ßen">aufzuspießen</corr>.
Seine Brillengläser funkelten, er log weiter.
„Zuletzt kam eene ganz Dicke ’ran, die konnte von vorn
nicht durchs Fenster, drum versuchte se mal, ob’s nicht
von hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit Kühnchen
gerechnet, mei Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf
<pb n='163'/><anchor id='Pgp0163'/>die Schultern von zwei Kameraden drauf un kitzle sie
mit meim Bachonedde in ihren dicken franzeeschen –“
</p>

<p>
Mehr hörte man nicht, der Beifall war zu laut. Der
Professor sagte noch: „Jeden Sedang erzähl’ ich die Geschichte
in ädlen Worten meiner Klasse. Die Jungen solln
wissen, was sie für Heldenväter gehabt haben.“
</p>

<p>
Man war sich einig, daß dies die nationale Gesinnung
des jungen Geschlechts nur befördern könne, und man
stieß an mit Kühnchen. Vor lauter Begeisterung hatte
noch keiner bemerkt, daß ein neuer Gast an den Tisch getreten
war. Jadassohn sah plötzlich den bescheiden grauen
Mann im Hohenzollernmantel und winkte ihm gönnerhaft.
„Na, man immer ’ran, Herr Nothgroschen!“ Diederich
herrschte ihn an, aus seinen Hochgefühlen heraus.
„Wer sind Sie?“
</p>

<p>
Der Fremde dienerte.
</p>

<p>
„Nothgroschen, Redakteur der Netziger Zeitung.“
</p>

<p>
„Also Hungerkandidat“, sagte Diederich und blitzte.
„Verkommene Gymnasiasten, Abiturientenproletariat,
Gefahr für uns!“
</p>

<p>
Alle lachten; der Redakteur lächelte demütig mit.
</p>

<p>
„Seine Majestät hat Sie gekennzeichnet“, sagte Diederich.
„Na, setzen Sie sich!“
</p>

<p>
Er schenkte ihm sogar Sekt ein, und Nothgroschen trank
in dankbarer <anchor id="corr163"/><corr sic="Haltung">Haltung.</corr> Nüchtern und befangen sah er in
der Gesellschaft umher, deren Selbstbewußtsein durch die
vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so sehr gesteigert
worden war. Man vergaß ihn sogleich wieder. Er wartete
geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten
in der Nacht noch hier hereinschneie. „Ich mußte das Blatt
doch fertig machen“, erklärte er darauf, wichtig wie ein
kleiner Beamter. „Die Herren wollen morgen früh in
<pb n='164'/><anchor id='Pgp0164'/>der Zeitung lesen, wie das war mit dem erschossenen
Arbeiter.“
</p>

<p>
„Das wissen wir besser als Sie“, schrie Diederich. „Sie
saugen sich das ja doch nur aus Ihren Hungerpfoten!“
</p>

<p>
Der Redakteur lächelte entschuldigend, und er hörte ergeben
zu, wie alle durcheinander ihm die Vorgänge darstellten.
Als der Lärm sich legte, setzte er an. „Da der
Herr dort –“
</p>

<p>
„Doktor Heßling,“ sagte Diederich scharf.
</p>

<p>
„Nothgroschen“, murmelte der Redakteur. „Da Sie vorhin
den Namen des Kaisers erwähnten, wird es die Herren
interessieren, daß wieder eine Kundgebung vorliegt.“
</p>

<p>
„Ich verbitte mir jede Nörgelei!“ heischte Diederich.
Der Redakteur duckte sich und legte die Hand auf die
Brust. „Es handelt sich um einen Brief des Kaisers.“
</p>

<p>
„Der ist Ihnen wohl wieder mal durch einen infamen
Vertrauensbruch auf den Schreibtisch geflogen?“ fragte
Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd die Hand vor
sich hin. „Er ist vom Kaiser selbst zur Veröffentlichung
bestimmt. Morgen früh werden Sie ihn in der Zeitung
lesen. Hier ist die Druckfahne!“
</p>

<p>
„Legen Sie los, Doktor“, befahl der Major. Diederich
rief: „Wieso, Doktor? Sind Sie Doktor?“ Aber man
interessierte sich nur noch für den Brief, man entriß dem
Redakteur den Zettel. „Bravo!“ rief Jadassohn, der
noch ziemlich mühelos las. „Seine Majestät bekennt sich
zum positiven Christentum.“ Pastor Zillich frohlockte
so heftig, daß sich Schluckauf einstellte. „Das ist was für
Heuteufel! Endlich kriegt so ein frecher Wissenschaftler,
huck, was ihm gehört. An die Offenbarungsfrage machen
sie sich heran. Die versteh’ ja ich kaum, huck, und ich hab’
Theologie studiert!“ Professor Kühnchen schwenkte die
<pb n='165'/><anchor id='Pgp0165'/>Blätter hoch in der Luft. „Meine Härn! Wenn ’ch den
Brief nicht in der Klasse lesen lasse und als Aufsatzthema
gebe, will’ch nicht mehr Kühnchen heeßen!“
</p>

<p>
Diederich war tiefernst. „Jawohl war Hammurabi ein
Werkzeug Gottes! Ich möchte mal sehen, wer das leugnet!“
Und er blitzte umher. Nothgroschen krümmte die
Schultern. „Na, und Kaiser Wilhelm der Große!“ fuhr
Diederich fort. „Von dem bitte ich es mir ganz energisch
aus! Wenn der kein Werkzeug Gottes war, dann weiß
Gott überhaupt nicht, was ’n Werkzeug ist!“
</p>

<p>
„Ganz meine Meinung“, versicherte der Major. Glücklicherweise
widersprach auch sonst niemand, denn Diederich
war zum Äußersten entschlossen. An den Tisch geklammert,
stemmte er sich von seinem Stuhl empor. „Aber unser herrlicher
junger Kaiser?“ fragte er drohend. Von allen Seiten
antwortete es: „Persönlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig
... Origineller Denker.“ Diederich war nicht befriedigt.
</p>

<p>
„Ich beantrage, daß er auch ein Werkzeug ist!“
</p>

<p>
Es ward angenommen.
</p>

<p>
„Und ich beantrage ferner, daß wir Seine Majestät
von unserem Beschluß telegraphisch in Kenntnis setzen!“
</p>

<p>
„Ich befürworte den Antrag!“ brüllte der Major. Diederich
stellte fest: „Einmütige begeisterte Annahme!“ und
fiel auf seinen Sitz zurück. Kühnchen und Jadassohn
machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche.
Sie lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten.
</p>

<p>
„Eine im Ratskeller zu Netzig versammelte Gesellschaft –“
</p>

<p>
„Tagende Versammlung“, forderte Diederich. Sie
fuhren fort:
</p>

<p>
„Versammlung national gesinnter Männer –“
</p>

<p>
„National, huck, und christlich“, ergänzte Pastor Zillich.
</p>

<pb n='166'/><anchor id='Pgp0166'/>

<p>
„Aber wollen die Herren denn wirklich?“ fragte Nothgroschen,
leise flehend. „Ich dachte, es sei ein Scherz.“
</p>

<p>
Da ward Diederich zornig.
</p>

<p>
„Wir scherzen nicht mit den heiligsten Gütern! Ich soll
Ihnen das wohl handgreiflich klarmachen, Sie verkrachter
Abiturient?“
</p>

<p>
Da Nothgroschens Hände den vollkommensten Verzicht
beteuerten, war Diederich sofort wieder ruhig und sagte:
„Prost!“ Dagegen schrie der Major, als sollte er platzen.
„Wir sind die Herren, auf die Seine Majestät sich verlassen
kann!“ Jadassohn bat um Ruhe und er las.
</p>

<p>
„Die im Ratskeller zu Netzig tagende Versammlung national
und christlich gesinnter Männer entbietet Eurer Majestät
ihre einmütige begeisterte Huldigung angesichts von Eurer
Majestät erhebendem Bekenntnis einer geoffenbarten Religion.
Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor dem Umsturz
in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in Netzig
erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche Bestätigung,
daß Eure Majestät nicht weniger als Hammurabi
und Kaiser Wilhelm der Große das Werkzeug Gottes ist.“
Man klatschte, und Jadassohn lächelte geschmeichelt.
</p>

<p>
„Unterschreiben!“ rief der Major. „Oder hat einer
der Herren noch etwas zu bemerken?“ Nothgroschen
räusperte sich. „Nur ein einziges Wort, mit aller gebührenden
Bescheidenheit.“
</p>

<p>
„Das möchte ich mir ausbitten“, sagte Diederich. Der
Redakteur hatte sich Mut getrunken, er schwankte auf
seinem Sitz und kicherte ohne Grund.
</p>

<p>
„Ich will ja gar nichts gegen den Posten sagen, meine
Herren. Ich hab’ mir sogar schon immer gedacht, Soldaten
sind zum Schießen da.“
</p>

<p>
„Na also.“
</p>

<pb n='167'/><anchor id='Pgp0167'/>

<p>
„Ja, aber wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?“
</p>

<p>
„Selbstverständlich! Fall Lück!“
</p>

<p>
„Präzedenzfälle – hihi – sind ganz schön, aber wir
wissen doch alle, daß der Kaiser ein origineller Denker
und – hihi – impulsiv ist. Er läßt sich nicht gern vorgreifen.
Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, daß
Sie, Herr Doktor Heßling, Minister werden sollen, dann
– hihi – werden Sie es gerade nicht.“
</p>

<p>
„Jüdische Verdrehungen!“ rief Jadassohn. Der Redakteur
entrüstete sich. „Ich schreibe anderthalb Spalten
Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der Posten
aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann
sind wir ’reingefallen.“
</p>

<p>
Eine Stille folgte. Der Major legte nachdenklich den
Bleistift aus der Hand. Diederich ergriff ihn. „Sind wir
nationale Männer?“ Und er unterschrieb wuchtig. Da
brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte gleich als
Zweiter drankommen.
</p>

<p>
„Aufs Telegraphenamt!“
</p>

<p>
Diederich gab Auftrag, daß die Rechnung ihm morgen
zugestellt werde, und man brach auf. Nothgroschen war
auf einmal voll ausschweifender Hoffnungen. „Wenn ich
die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu Scherl!“
</p>

<p>
Der Major brüllte: „Wir wollen doch mal sehen, ob
ich noch lange Wohltätigkeitsfeste arrangiere!“
</p>

<p>
Pastor Zillich sah die Leute sich in seiner Kirche erdrücken
und Heuteufel von der Menge gesteinigt. Kühnchen
schwärmte von Blutbädern in den Straßen von
Netzig. Jadassohn krähte: „Erlaubt sich vielleicht jemand
einen Zweifel an meiner Kaisertreue?“ Und Diederich:
„Der alte Buck soll sich hüten! Klüsing in Gausenfeld
auch! Wir erwachen aus dem Schlummer!“
</p>

<pb n='168'/><anchor id='Pgp0168'/>

<p>
Die Herren hielten sich alle sehr gerade, und manchmal
schoß einer unvermutet ein Stück vorwärts. Mit
ihren Stöcken strichen sie tosend über die herabgelassenen
Rolläden, und im Takt voneinander unabhängig sangen
sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts
stand ein Schutzmann, aber zu seinem Glück rührte er
sich nicht. „Wollen Sie vielleicht etwas, Männeken?“
rief Nothgroschen, der aus Rand und Band war. „Wir
telegraphieren an den Kaiser!“ Vor dem Postgebäude
ward Pastor Zillich, der den schwächsten Magen hatte,
von einem Unglück betroffen. Indes die anderen ihm seine
Lage zu erleichtern suchten, klingelte Diederich den Beamten
heraus und gab das Telegramm auf. Als der
Beamte es gelesen hatte, betrachtete er Diederich zögernd
– aber Diederich blitzte ihn so furchtbar an, daß er
zurückschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr
ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der
Haltung des Kaisers, wenn nun ein Flügeladjutant ihm
die Heldentat des Postens meldete und der Chef des Zivilkabinetts
ihm die Huldigungsdepesche überbrachte. Diederich
fühlte den Helm auf seinem Kopf, er schlug gegen den
Säbel an seiner Seite und sagte: „Ich bin sehr stark!“ Der
Telegraphist hielt es für eine Reklamation und zählte
ihm das kleine Geld nochmals vor. Diederich nahm es,
trat an einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein Papier.
Dann steckte er es zu sich und kehrte zu den Herren zurück.
</p>

<p>
Sie hatten für den Pastor eine Droschke beschafft, er
fuhr soeben fort und winkte weinend aus dem Fenster,
als sei es für ewig. Jadassohn bog beim Theater um eine
Ecke, obwohl der Major ihm nachbrüllte, seine Wohnung
sei doch ganz woanders. Plötzlich war dann auch der
Major fort, und Diederich gelangte mit Nothgroschen
<pb n='169'/><anchor id='Pgp0169'/>allein in die Lutherstraße. Vor dem Walhalla-Theater
war der Redakteur nicht mehr weiter zu bringen, mitten
in der Nacht wollte er das „elektrische Wunder“ sehen,
eine Dame, die dort Feuer sprühen sollte. Diederich mußte
ihm ernstlich vorhalten, daß dies nicht die Stunde für
solche Frivolitäten sei. Übrigens vergaß Nothgroschen
das „elektrische Wunder“, sobald er das Haus der „Netziger
Zeitung“ erblickte. „Aufhalten!“ schrie er. „Die Maschine
aufhalten! Das Telegramm der nationalen Männer
muß noch hinein!... Sie wollen es doch morgen früh
in der Zeitung lesen“, sagte er zu einem vorübergehenden
Nachtwächter. Da packte Diederich ihn fest am Arm.
</p>

<p>
„Nicht nur dieses Telegramm“, sagte er, kurz und leise.
„Ich habe noch ein anderes.“ Er zog ein Papier aus der
Tasche. „Der Nachttelegraphist ist ein alter Bekannter
von mir, er hat es mir anvertraut. Über diese Herkunft
werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann
wäre sonst in seiner Stellung bedroht.“
</p>

<p>
Da Nothgroschen sofort alles versprach, sagte Diederich,
ohne das Papier dabei anzusehen:
</p>

<p>
„Es ist an das Regimentskommando gerichtet und vom
Obersten selbst dem Posten mitzuteilen, der heute den
Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Für Deinen auf dem
Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut
spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und
ernenne Dich zum Gefreiten.... Überzeugen Sie sich“ –
und Diederich reichte dem Redakteur das Papier hin. Aber
Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie entgeistert,
auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart,
der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten.
</p>

<p>
„Jetzt glaubte ich fast –“ stammelte Nothgroschen.
„Sie haben so viel Ähnlichkeit mit – mit –.“
</p>
</div><div rend="page-break-before: always">
    <index index="toc" level1="IV"/>
    <index index="pdf" level1="IV"/>
<pb n='170'/><anchor id='Pgp0170'/>

<head>IV.</head>

<p>
Diederich würde, wie in der besten Neuteutonenzeit,
das Mittagessen verschlafen haben, aber die Rechnung
vom Ratskeller kam, und sie war bedeutend genug,
daß er aufstehen und ins Kontor gehen mußte. Ihm war
sehr schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten,
sogar die Familie. Die Schwestern verlangten
ihr monatliches Toilettegeld, und als er erklärte, daß er
es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten Sötbier vor,
der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung
begegnete Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme
setzte er den Mädchen auseinander, sie würden
sich noch an ganz andere Dinge gewöhnen müssen. Sötbier
freilich, der habe immer nur hergegeben und die
Fabrik heruntergewirtschaftet. „Wenn ich euch heute euren
Anteil auszahlen sollte, würdet ihr euch verflucht wundern,
wie wenig es wäre.“ Während er dies sagte, empfand
er es als durchaus unberechtigt, daß er irgend einmal
sollte gezwungen werden können, die beiden am Geschäft
zu beteiligen. Man müßte das verhindern können, dachte
er. Sie dagegen wurden auch noch herausfordernd. „Also
wir können die Modistin nicht bezahlen, aber der Herr
Doktor trinkt Sekt für hundertfünfzig Mark.“ Da ward
Diederich furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach
man! Er wurde ausspioniert! Er war nicht der Herr
im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der für die
Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen
konnten! Er schrie und stampfte, daß die Gläser klirrten.
Frau Heßling flehte wimmernd, die Schwestern widersprachen
nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge.
</p>

<pb n='171'/><anchor id='Pgp0171'/>

<p>
„Was erlaubt ihr euch? Gänse wie ihr? Was wißt ihr,
ob die hundertfünfzig Mark nicht eine glänzende Kapitalsanlage
sind. Jawohl, Kapitalsanlage! Meint ihr, ich
saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen
will? Davon wißt ihr hier in Netzig noch nichts, das ist
der neue Kurs, es ist –“ Er hatte das Wort. „Großzügig
ist es! Großzügig!“
</p>

<p>
Und er warf die Tür hinter sich zu. Frau Heßling ging
ihm vorsichtig nach, und als er im Wohnzimmer ins Sofa
gesunken war, nahm sie seine Hand und sagte: „Mein
lieber Sohn, ich bin mit dir.“ Dabei sah sie ihn an, als
wollte sie „aus dem Herzen beten“. Diederich verlangte
einen sauren Hering; und dann beklagte er sich zornig,
wie schwer es sei, in Netzig den neuen Geist einzuführen.
Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft nicht
untergraben! „Ich habe Großes mit euch vor, aber das
überlaßt gefälligst meiner besseren Einsicht. Einer muß
Herr sein. Unternehmungsgeist und Großzügigkeit gehören
freilich dazu. Sötbier ist dabei nicht zu brauchen. Eine
Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen, dann wird
er ausgeschifft.“
</p>

<p>
Frau Heßling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde
schon um seiner Mutter willen immer genau wissen, was
er tun müsse – und dann begab Diederich sich ins Kontor
und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik Büschli
Co. in Eschweiler, um bei ihr einen „neuen Patent-Doppel-Holländer,
System Maier“ zu bestellen. Er ließ den
Brief offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurückkam,
stand Sötbier vor seinem Pult, und es war kein Zweifel,
unter seinem grünen Augenschirm weinte er: es tropfte
auf den Brief. „Sie müssen ihn noch mal abschreiben
lassen“, sagte Diederich kühl. Da begann Sötbier:
</p>

<pb n='172'/><anchor id='Pgp0172'/>

<p>
„Junger Herr, unser alter Holländer ist kein Patent-Holländer,
aber er stammt noch aus der ersten Zeit des
alten Herrn; mit ihm hat er angefangen, und mit ihm
ist er groß geworden ...“
</p>

<p>
„Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem
eigenen Holländer groß zu werden“, sagte Diederich
schneidend. Sötbier jammerte.
</p>

<p>
„Unser alter hat uns noch immer genügt.“
</p>

<p>
„Mir nicht.“
</p>

<p>
Sötbier schwur, er sei so leistungsfähig wie die allerneuesten,
die nur durch schwindelhafte Reklame emporgetragen
würden. Als Diederich hart blieb, öffnete der
Alte die Tür und rief hinaus: „Fischer! Kommen Sie
mal her!“ Diederich ward unruhig. „Was wollen Sie
von dem Menschen. Ich verbitte mir, daß er sich einmischt!“
Aber Sötbier berief sich auf das Zeugnis des
Maschinenmeisters, der in den größten Betrieben gearbeitet
habe. „Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn
Doktor, wie leistungsfähig unser Holländer ist!“ Diederich
wollte nicht hören, er lief hin und her, überzeugt, der
Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu ärgern.
Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschränkten
Anerkennung von Diederichs Sachverständigkeit,
und dann sagte er über den alten Holländer alles
Ungünstige, das sich irgend über ihn denken ließ. Wenn
man Napoleon Fischer hörte, war er schon nahe daran
gewesen, zu kündigen, nur weil ihm der alte Holländer
nicht gefiel. Diederich schnaubte: er habe wahrhaftig
Glück, daß ihm die wertvolle Kraft des Herrn Fischer nun
doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erklärte
ihm, ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der
Abbildung im Prospekt alle Vorzüge des neuen
Patent-<pb n='173'/><anchor id='Pgp0173'/>Holländers, vor allem seine höchst bequeme Bedienung.
„Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!“ schnaubte Diederich.
„Sonst wünsch’ ich mir nichts. Danke, Sie können gehen.“
</p>

<p>
Als der Maschinenmeister hinaus war, beschäftigten
Sötbier und Diederich sich eine lange Weile jeder für sich.
Plötzlich fragte Sötbier: „Und womit sollen wir ihn bezahlen?“
Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte
die ganze Zeit an nichts weiter gedacht. „Ach was!“
schrie er. „Bezahlen! Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist
aus, und dann: wenn ich mir einen so teuren
Holländer bestelle, meinen Sie vielleicht, ich weiß nicht
wozu? Nein, mein Lieber, dann muß ich wohl bestimmte
Aussichten auf baldige Ausdehnung des Geschäftes haben
– über die ich mich heute noch nicht äußern will.“
</p>

<p>
Damit verließ er das Kontor, in strammer Haltung,
trotz inneren Zweifeln. Dieser Napoleon Fischer hatte
sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen, mit einem
gewissen Blick, als habe er den Chef gehörig hineingelegt.
„Umdroht von Feinden,“ dachte Diederich und reckte sich
noch straffer, „da sind wir erst recht stark. Ich werde sie
schon zerschmettern.“ Sie sollten erfahren, mit wem sie
es zu tun hatten; daher führte er einen Gedanken aus,
der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging
zum Doktor Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde
ab und ließ ihn warten. Dann empfing er ihn in
seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und Gegenstände,
Diederich an frühere, peinliche Besuche erinnerte.
Doktor Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte
kurz und sagte: „Nun, Sie kommen wohl her, um zu
triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre Sekthuldigung
ist drin – na und die Depesche des Kaisers an den Posten
läßt von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wünschen.“
</p>

<pb n='174'/><anchor id='Pgp0174'/>

<p>
„Welche Depesche?“ fragte Diederich. Doktor Heuteufel
zeigte sie ihm; Diederich las. „Für Deinen auf dem Felde
der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche
ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne
Dich zum Gefreiten.“ Wie es hier gedruckt stand, machte
es ihm den Eindruck vollkommener Echtheit. Er war
sogar ergriffen; mit männlicher Zurückhaltung sagte er:
„Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen gesprochen.“
Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte
Diederich Atem. „Nicht deswegen bin ich hergekommen,
sondern um unsere beiderseitigen Beziehungen festzulegen.“
Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte Heuteufel.
„Nein, durchaus noch nicht.“ Diederich versicherte,
daß er einen ehrenvollen Frieden wünsche. Er sei bereit,
im Sinne eines wohlverstandenen Liberalismus zu wirken,
falls man dagegen seine streng nationale und kaisertreue
Überzeugung achte. Doktor Heuteufel erklärte dies
einfach für Phrasen: da verlor Diederich die Fassung.
Dieser Mensch hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit
Hilfe eines Dokumentes, als Feigling hinstellen! Das
höhnische Lächeln in seinem gelben Chinesengesicht, diese
überlegene Haltung waren eine fortwährende Anspielung.
Aber er sprach nicht, er ließ das Schwert weiterschweben
über Diederichs Haupt. Der Zustand mußte
aufhören! „Ich fordere Sie auf,“ sagte Diederich, heiser
vor Erregung, „mir meinen Brief zurückzugeben.“ Heuteufel
tat erstaunt. „Welchen Brief?“ – „Den ich Ihnen
wegen des Militärs geschrieben habe, als ich dienen sollte.“
Darauf dachte der Arzt nach.
</p>

<p>
„Ach so: weil Sie sich drücken wollten!“
</p>

<p>
„Ich dachte mir schon, Sie würden meine unvorsichtigen
Äußerungen in einem für mich beleidigenden Sinne
aus<pb n='175'/><anchor id='Pgp0175'/>legen. Ich fordere Sie nochmals zur Rückgabe des Briefes
auf.“ Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich nicht.
</p>

<p>
„Lassen Sie mich in Ruh’. Ihren Brief hab’ ich nicht
mehr.“
</p>

<p>
„Ich verlange Ihr Ehrenwort.“
</p>

<p>
„Das gebe ich nicht auf Befehl.“
</p>

<p>
„Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen
Handlungsweise aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem
Brief bei irgendeiner Gelegenheit Unannehmlichkeiten
verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses
vor. Dann denunziere ich Sie der Ärztekammer,
stelle Strafantrag gegen Sie und biete allen meinen Einfluß
auf, um Sie unmöglich zu machen!“ In höchster
Erregung, fast stimmlos: „Sie sehen mich zum Äußersten
entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf
bis aufs Messer!“
</p>

<p>
Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schüttelte den
Kopf, sein Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte:
„Sie sind heiser.“
</p>

<p>
Diederich fuhr zurück, er stammelte: „Was geht Sie
das an?“
</p>

<p>
„Gar nichts“, sagte Heuteufel. „Es interessiert mich nur
von früher her, weil ich Ihnen so was ja immer vorausgesagt
habe.“
</p>

<p>
„Was denn? Wollen Sie sich gefälligst äußern.“ Aber
das lehnte Heuteufel ab. Diederich blitzte ihn an. „Ich muß
Sie energisch auffordern, Ihre ärztliche Pflicht zu tun!“
</p>

<p>
Er sei nicht sein Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf
sank Diederichs herrische Miene zusammen, und er forschte
klagend. „Manchmal hab’ ich ja Schmerzen im Hals.
Glauben Sie denn, daß es schlimmer wird? Hab’ ich was
zu befürchten?“
</p>

<pb n='176'/><anchor id='Pgp0176'/>

<p>
„Ich rate Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren.“
</p>

<p>
„Sie sind hier doch der einzige! Um Gottes willen,
Herr Doktor, Sie versündigen sich, ich habe eine Familie
zu erhalten.“
</p>

<p>
„Dann sollten Sie weniger rauchen, auch weniger
trinken. Gestern abend war es zuviel.“
</p>

<p>
„Ach so.“ Diederich richtete sich auf. „Sie gönnen mir
den Sekt nicht. Und dann wegen der Huldigungsadresse.“
</p>

<p>
„Wenn Sie unlautere Motive bei mir vermuten, brauchen
Sie mich nicht zu fragen.“
</p>

<p>
Aber Diederich flehte schon wieder. „Sagen Sie mir
wenigstens, ob ich Krebs kriegen kann.“
</p>

<p>
Heuteufel blieb streng. „Nun, Sie waren schon immer
skrofulös und rachitisch. Sie hätten nur dienen sollen,
dann wären Sie nicht so aufgeschwemmt.“
</p>

<p>
Schließlich ließ er sich zu einer Untersuchung herbei
und nahm eine Pinselung des Kehlkopfes vor. Diederich
erstickte, rollte angstvoll die Augen und umklammerte den
Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus. „So
komm’ ich natürlich nicht hin.“ Er feixte durch die Nase.
„Sie sind noch wie früher.“
</p>

<p>
Sobald Diederich wieder zu Luft gekommen war,
machte er sich fort aus dieser Schreckenskammer. Vor
dem Hause, noch mit Tränen in den Augen, stieß er auf
den Assessor Jadassohn. „Nanu?“ sagte Jadassohn. „Ist
Ihnen die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet
zu Heuteufel gehen Sie?“
</p>

<p>
Diederich versicherte, sein Befinden sei glänzend. „Aber
aufgeregt hab’ ich mich über den Menschen! Ich gehe hin,
weil ich es als meine Pflicht betrachte, eine befriedigende
Erklärung zu verlangen für die gestrigen Äußerungen
dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu verhandeln, hat
<pb n='177'/><anchor id='Pgp0177'/>für einen Mann von meiner korrekten Gesinnung natürlich
nichts Verlockendes.“
</p>

<p>
Jadassohn schlug vor, in Klappsch’ Bierstube einzutreten.
</p>

<p>
„Ich gehe also hin,“ fuhr Diederich drinnen fort, „in
der Absicht, die ganze Geschichte mit der Besoffenheit
des betreffenden Herrn zu entschuldigen, schlimmstenfalls
mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung. Was meinen
Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert
Überlegenheit. Übt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse
und, Sie werden es nicht glauben, sogar an dem
Telegramm Seiner Majestät!“
</p>

<p>
„Nun, und?“ fragte Jadassohn, dessen Hand sich mit
Fräulein Klappsch beschäftigte.
</p>

<p>
„Für mich gibt es kein Und mehr! Ich bin mit dem
Herrn fertig fürs Leben!“ rief Diederich, trotz dem schmerzlichen
Bewußtsein, daß er am Mittwoch wieder zum Pinseln
mußte. Jadassohn versetzte schneidend:
</p>

<p>
„Aber ich nicht.“ Und da Diederich ihn ansah: „Es gibt
nämlich eine Behörde, die sich die Königliche Staatsanwaltschaft
nennt und die für Leute wie diese Herren Lauer
und Heuteufel ein nicht zu unterschätzendes Interesse
hegt.“ Damit ließ er Fräulein Klappsch los und bedeutete
ihr, sie möge verschwinden.
</p>

<p>
„Wie meinen Sie das“? fragte Diederich, unheimlich
berührt.
</p>

<p>
„Ich denke Anklage wegen Majestätsbeleidigung zu
erheben.“
</p>

<p>
„Sie?“
</p>

<p>
„Jawohl, ich. Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub,
ich bin dran. Und, wie ich unmittelbar nach dem
gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt habe, war ich
<pb n='178'/><anchor id='Pgp0178'/>bei der Verübung des Deliktes nicht anwesend, bin also
keineswegs verhindert, in dem Prozeß die Anklagebehörde
zu vertreten.“
</p>

<p>
„Aber wenn niemand die Sache anzeigt!“
</p>

<p>
Jadassohn lächelte grausam. „Das haben wir, Gott sei
Dank, nicht nötig ... Übrigens erinnere ich Sie daran,
daß Sie selbst gestern abend sich uns als Zeugen anboten.“
</p>

<p>
„Davon weiß ich nichts“, sagte Diederich schnell.
</p>

<p>
Jadassohn klopfte ihm auf die Schulter. „Sie werden
sich an alles wieder erinnern, hoffe ich, wenn Sie unter
Ihrem Eid stehen.“ Da entrüstete Diederich sich. Er
ward so laut, daß Klappsch diskret in das Zimmer spähte.
</p>

<p>
„Herr Assessor, ich muß mich sehr wundern, daß Sie
private Äußerungen meinerseits –. Sie haben offenbar
die Absicht, mit Hilfe eines politischen Prozesses schneller
Staatsanwalt zu werden. Aber ich möchte wissen, was
mich Ihre Karriere angeht.“
</p>

<p>
„Na und mich die Ihre?“ fragte Jadassohn.
</p>

<p>
„So. Dann sind wir Gegner?“
</p>

<p>
„Ich hoffe, es wird sich vermeiden lassen.“ Und Jadassohn
setzte ihm auseinander, daß er keinen Grund habe,
den Prozeß zu fürchten. Sämtliche Zeugen der Vorgänge
im Ratskeller würden dasselbe aussagen müssen
wie er selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich
keineswegs zu weit vorwagen ... Das habe er leider
schon getan, erwiderte Diederich, denn schließlich sei er es,
der mit Lauer den Krach gehabt habe. Aber Jadassohn
beruhigte ihn. „Wer fragt danach. Es handelt sich darum,
ob die inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer
gefallen sind. Sie machen, wie die anderen Herren, einfach
Ihre Aussage, wenn Sie wollen, mit Vorsicht.“
</p>

<p>
„Mit großer Vorsicht!“ versicherte Diederich. Und
an<pb n='179'/><anchor id='Pgp0179'/>gesichts von Jadassohns teuflischer Miene: „Wie komme
ich dazu, einen anständigen Menschen wie Lauer ins Gefängnis
zu bringen? Jawohl, einen anständigen Menschen!
Denn eine politische Gesinnung ist in meinen
Augen keine Schande!“
</p>

<p>
„Besonders nicht bei dem Schwiegersohn des alten
Buck, den Sie vorläufig noch brauchen“, schloß Jadassohn
– und Diederich ließ den Kopf sinken. Dieser jüdische
Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts
machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben.
Er sagte sich wieder einmal, daß alle gerissener und brutaler
im Leben vorgingen als er <anchor id="corr179"/><corr sic="se bst">selbst</corr>. Die große Aufgabe
war: wie ward man energisch. Er setzte sich stramm hin und
blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht; bei einem Herrn
von der Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ...
Übrigens lenkte Jadassohn zu etwas anderem über.
</p>

<p>
„Wissen Sie schon, daß in der Regierung und bei uns
im Gericht ganz sonderbare Gerüchte umgehen – über
das Telegramm Seiner Majestät an den Regimentskommandeur?
Der Oberst soll nämlich behaupten, er
habe gar kein Telegramm bekommen.“
</p>

<p>
Diederich behielt, trotz innerem Erbeben, eine feste
Stimme. „Aber es hat doch in der Zeitung gestanden!“
Jadassohn grinste zweideutig. „Da steht gar zuviel.“
Er ließ sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die
Tür schob, die „Netziger Zeitung“ bringen. „Sehen Sie,
in der Nummer hier steht überhaupt nichts, was nicht
auf Seine Majestät Bezug hat. Der Leitartikel beschäftigt
sich mit dem Allerhöchsten Bekenntnis zum geoffenbarten
Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten,
dann das Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte
mit drei Anekdoten über die kaiserliche Familie.“
</p>

<pb n='180'/><anchor id='Pgp0180'/>

<p>
„Es sind recht rührende Geschichten“, bemerkte Klappsch
und verdrehte die Augen.
</p>

<p>
„Zweifellos!“ beteuerte Jadassohn; und Diederich:
„Sogar so ein freisinniges Hetzblatt muß die Bedeutung
Seiner Majestät anerkennen!“
</p>

<p>
„Aber bei dem löblichen Eifer wäre es schließlich möglich,
daß die Redaktion die Allerhöchste Depesche eine
Nummer zu früh gebracht hat – noch vor ihrer Absendung.“
„Ausgeschlossen!“ entschied Diederich. „Der
Stil Seiner Majestät ist unverkennbar.“ Auch Klappsch
wollte ihn erkennen. Jadassohn gab zu: „Nun ja ...
Weil man nie wissen kann, darum dementieren wir auch
nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen hat, die Netziger
Zeitung könnte es ja direkt aus Berlin haben. Wulckow
hat sich den Redakteur Nothgroschen kommen lassen, aber
der Kerl verweigert die Aussage. Der Präsident hat gespuckt,
er ist selbst zu uns gekommen wegen des Zeugniszwangverfahrens
gegen Nothgroschen. Schließlich haben
wir davon abgesehen und warten lieber das Dementi
aus Berlin ab – weil man eben nicht wissen kann.“
</p>

<p>
Da Klappsch in die Küche gerufen ward, setzte Jadassohn
noch hinzu: „Komisch, wie? Allen kommt die Geschichte
verdächtig vor, aber niemand will vorgehen, weil in diesem
Fall – in diesem ganz besonderen Fall“ – sagte Jadassohn
mit perfider Betonung, und seine ganze Miene,
sogar die Ohren sahen perfid aus, „gerade das Unwahrscheinliche
am meisten Aussicht hat, Ereignis zu werden.“
</p>

<p>
Diederich war starr: nie hätte ihm so schwarzer Verrat
geträumt. Jadassohn bemerkte sein Entsetzen und verwirrte
sich, er fing an zu zappeln. „Nu, der Mann hat
seine Schwächen – Ihnen gesagt.“ Diederich versetzte,
fremd und drohend: „Gestern abend schienen Sie davon
<pb n='181'/><anchor id='Pgp0181'/>noch nichts zu wissen.“ Jadassohn entschuldigte sich: der
Sekt mache natürlich unkritisch. Ob Herr Doktor Heßling
denn die Begeisterung der übrigen Herren so ernst
genommen habe. Einen größeren Nörgler als den Major
Kunze gebe es überhaupt nicht ... Diederich zog sich
mit seinem Stuhle zurück, ihm ward kalt, als finde er sich
plötzlich in einer Verbrecherhöhle. Mit äußerster Energie
sagte er: „Auf die nationale Gesinnung der übrigen Herren
hoffe ich mich ebenso verlassen zu können wie auf meine
eigene, an der zu zweifeln ich mir auf das allerbestimmteste
verbitten müßte.“
</p>

<p>
Jadassohn hatte seine schneidige Stimme zurück. „Soll
das etwa einen Zweifel in bezug auf meine Person involvieren,
so weise ich ihn mit gebührender Entrüstung
zurück.“ Krähend, so daß Klappsch in die Tür spähte:
„Ich bin der Königliche Assessor Doktor Jadassohn und
stehe auf Wunsch zur Verfügung.“
</p>

<p>
Darauf mußte Diederich wohl murmeln, daß er es so
nicht gemeint habe. Dann aber zahlte er. Die Verabschiedung
war kühl.
</p>

<p>
Auf dem Heimwege schnaufte Diederich. Hätte er sich
nicht entgegenkommender verhalten sollen mit Jadassohn?
Für den Fall, daß Nothgroschen redete? Jadassohn
hatte ihn freilich nötig, in dem Prozeß gegen Lauer! Auf
alle Fälle war es gut, daß Diederich jetzt Bescheid wußte
über den wahren Charakter dieses Herrn! „Seine Ohren
sind mir gleich verdächtig vorgekommen! Wirklich national
empfinden kann man eben doch nicht mit solchen Ohren.“
</p>

<p>
Zu Hause nahm er sogleich den Berliner „Lokal-Anzeiger“
vor. Da waren schon die Kaiseranekdoten für
die „Netziger Zeitung“ von morgen. Vielleicht kamen sie
auch erst übermorgen, für alle war dort nicht Platz. Aber
<pb n='182'/><anchor id='Pgp0182'/>er suchte weiter; seine Hände zitterten ... Da! Er mußte
sich setzen. „Ist dir was, mein Sohn?“ fragte Frau Heßling.
Diederich starrte die Buchstaben an, wie ein Märchen,
das Wahrheit ward. Da stand es, unter anderen
unbezweifelten Dingen, in dem einzigen Blatt, das Seine
Majestät selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele, daß er
es selbst kaum hörte, murmelte Diederich: „Mein Telegramm.“
Das bange Glück sprengte ihn fast. Konnte es
sein? Hatte er richtig vorausempfunden, was der Kaiser
sagen würde? Sein Ohr reichte in diese Ferne? Sein
Gehirn arbeitete gemeinsam mit –? Die unerhörtesten
mystischen Beziehungen überwältigten ihn ... Aber das
Dementi konnte noch kommen, er konnte zurückgeschleudert
werden in sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle
Nacht, und am Morgen stürzte er sich auf den Lokalanzeiger.
Die Anekdoten. Die Denkmalsenthüllung.
Die Rede. „Aus Netzig.“ Da stand von den Ehrungen,
die dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren,
für seinen vor dem inneren Feind bewiesenen Mut. Alle
Offiziere, der Oberst an der Spitze, hatten ihm die Hand
gedrückt. Er hatte Geldgeschenke bekommen. „Bekanntlich
hat der Kaiser den braven Soldaten schon gestern
telegraphisch zum Gefreiten befördert.“ Da stand es!
Kein Dementi: eine Bestätigung! Er machte Diederichs
Worte zu den seinen, und er führte die Handlung aus, die
Diederich ihm untergelegt hatte!... Diederich breitete
das Zeitungsblatt weit aus; er sah sich darin wie in einem
Spiegel, und um seine Schultern lag Hermelin.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Diesen Sieg und Diederichs schwindelnde Erhöhung,
leider durfte kein Wort sie verraten, aber sein Wesen genügte,
die Straffheit in Haltung und Sprache, das
<pb n='183'/><anchor id='Pgp0183'/>Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten um
ihn her. Sötbier selbst mußte zugeben, daß ein forscherer
Zug in den Betrieb gekommen sei. Und Napoleon Fischer
schlich, je aufrechter und heller Diederich dastand, desto
affenähnlicher vorbei, die Arme nach vorn hängend, mit
schiefem Blick und den fletschenden Zähnen in seinem
dünnen schwarzen Bart: als der Geist des gebändigten
Umsturzes ... Dies war der Moment, gegen Guste
Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch.
</p>

<p>
Frau Oberinspektor Daimchen empfing ihn zuerst allein,
auf ihrem alten Plüschsofa, aber in einem braunen Seidenkleid
mit lauter Schleifen, und die Hände breitete sie,
rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor sich hin
auf ihren Bauch, so daß der Gast die neuen Ringe immer
vor Augen hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung,
worauf Frau Daimchen sich bereitwillig
darüber ausließ, daß sie und ihre Guste es nun Gott sei
Dank zu allem hätten. Sie wüßten nur noch nicht, ob
sie sich altdeutsch oder Louis käs einrichten sollten. Diederich
riet lebhaft zu altdeutsch; er habe es in Berlin in
den feinsten Häusern gesehen. Aber Frau Daimchen war
mißtrauisch. „Wer weiß, ob Sie so feine Leute wie uns
schon besucht haben. Lassen Sie man, ich kenne das, wenn
man so tun muß, als ob man was hat, und hat nichts.“
Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen
trommelte sich mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glück
trat Guste ein, heftig rauschend. Diederich schwang sich
elastisch aus seinem Fauteuil, sagte schnarrend: „Gnädigstes
Fräulein!“ und unternahm einen Handkuß. Guste lachte.
„Reißen Sie sich nur kein Bein aus!“ Aber sie tröstete ihn
gleich wieder. „Man sieht sofort, was ein feiner Mann ist.
Der Herr Leutnant von Brietzen macht es auch so.“
</p>

<pb n='184'/><anchor id='Pgp0184'/>

<p>
„Ja, ja,“ sagte Frau Daimchen, „bei uns verkehren alle
Herren Offiziere. Gestern sag’ ich noch zu Guste: Guste,
sag’ ich, auf jede Sitzgelegenheit können wir eine Freiherrnkrone
sticken lassen, denn überall hat sich schon einer
draufgesetzt.“
</p>

<p>
Guste verzog den Mund. „Aber was die Familien betrifft
und sonst überhaupt, ist Netzig doch reichlich spießig. Ich
glaube, wir ziehen nach Berlin.“ Damit war Frau Daimchen
nicht einverstanden. „Man soll den Leuten den Gefallen
nicht tun“, meinte sie. „Die alte Harnisch ist erst heute, wie
sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt.“
</p>

<p>
„So ist Mutter nun mal,“ sagte Guste. „Wenn sie
renommieren kann, ist alles gut. Aber ich denke doch auch
an meinen Verlobten. Wissen Sie, daß Wolfgang sein
Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig?
In Berlin kann er mit unserem vielen Geld was werden.“
Diederich bestätigte: „Er wollte ja schon immer Minister
oder so was werden.“ Leis höhnisch setzte er hinzu: „Das
soll ja ganz leicht sein.“
</p>

<p>
Guste nahm sofort eine feindliche Haltung ein. „Der
Sohn vom alten Herrn Buck ist eben nicht jeder“, sagte sie
spitz. Aber Diederich setzte, weltmännisch überlegen, auseinander,
daß es heute auf Dinge ankomme, die der Einfluß
des alten Buck nicht verleihen könne: Persönlichkeit,
großzügigen Unternehmungsgeist und vor allem eine
stramm nationale Gesinnung. Das junge Mädchen unterbrach
ihn nicht mehr, sie sah sogar mit Respekt auf seine kühnen
Schnurrbartspitzen. Aber das Bewußtsein, Eindruck
zu machen, riß ihn zu weit fort. „Von alledem habe ich bei
Herrn Wolfgang Buck noch nichts bemerkt“, sagte er. „Der
philosophiert und nörgelt, und im übrigen soll er sich
ziemlich viel amüsieren ... Na,“ schloß er, „seine Mutter
<pb n='185'/><anchor id='Pgp0185'/>war ja auch eine Schauspielerin.“ Und er sah fort, obwohl
er fühlte, daß Gustes drohender Blick ihn suchte.
</p>

<p>
„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte sie. Er tat überrascht.
</p>

<p>
„Ich, gar nichts. Ich meinte, wie reiche junge Leute in
Berlin nun mal leben. Bucks sind doch eine vornehme
Familie.“
</p>

<p>
„Das wollen wir hoffen“, sagte Guste schroff. Frau
Daimchen, die gegähnt hatte, erinnerte an die Schneiderin,
Guste sah Diederich erwartungsvoll an, ihm blieb
nichts übrig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu
machen. Den Handkuß unternahm er nicht mehr, mit
Rücksicht auf die gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer
holte Guste ihn ein. „Wollen Sie es mir jetzt
vielleicht sagen,“ fragte sie, „was Sie gemeint haben mit
der Schauspielerin?“
</p>

<p>
Er öffnete den Mund, schnappte und schloß ihn wieder,
stark errötet. Um ein Haar hätte er verraten, was seine
Schwestern ihm über Wolfgang Buck erzählt hatten. Er
sagte mit mitleidiger Stimme: „Fräulein Guste, weil wir
doch so alte Bekannte sind –. Ich wollte nur sagen,
der Buck ist nichts für Sie. Er ist sozusagen erblich belastet
von seiner Mutter her. Der Alte war doch auch zum
Tode verurteilt. Und was ist denn sonst an den Bucks
noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine Familie
heiraten, mit der es bergab geht. Das ist Sünde gegen
sich selbst“, setzte er noch hinzu. Aber Guste hatte die Hände
in die Hüften gestemmt.
</p>

<p>
„Bergab? Und mit Ihnen geht es wohl bergauf?
Weil Sie sich im Ratskeller betrinken und dann den Leuten
Krach machen? Die ganze Stadt spricht von Ihnen, und
Sie möchten einer hochfeinen Familie was anhängen.
<pb n='186'/><anchor id='Pgp0186'/>Bergab! Wer mein Geld kriegt, mit dem geht es überhaupt
nicht bergab. Sie sind bloß neidisch, meinen Sie,
ich weiß das nicht?“ – und sie sah ihn an, die Augen voll
Tränen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er hätte Lust
gehabt, sich auf die Knie zu werfen, ihr die dicken kleinen
Finger zu küssen und dann die Tränen aus den Augen, –
aber ging denn das? Inzwischen zog sie alle rosigen
Fettpolster ihres Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der
Verachtung, machte kehrt und schlug die Tür zu. Diederich
stand mit angstklopfendem Herzen noch eine Weile da,
dann trollte er sich, im Gefühl seiner Kleinheit.
</p>

<p>
Er bedachte, daß für ihn hier nichts zu machen gewesen
sei; die Sache gehe ihn nichts an, Guste sei mit all ihrem
Geld doch immer nur eine fette Gans, – und das beruhigte
ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm mitteilte,
was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe,
da triumphierte Diederich. Fünfzigtausend Mark, das
war alles! Und deswegen ein Auftreten wie die Gräfinnen?
Ein Mädchen von dermaßen schwindelhaftem Gebaren
paßte freilich besser zu den verkommenen Bucks
als zu einem kernigen und treugesinnten Mann wie Diederich!
Da war Käthchen Zillich vorzuziehen. Äußerlich
Guste ähnlich und mit fast ebenso starken Reizen geschmückt,
empfahl sie sich außerdem durch Gemüt und ein entgegenkommendes
Wesen. Er kam öfter zum Kaffee und machte
ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor Jadassohn, was
Diederich als nur zu berechtigt anerkennen mußte. Auch
sprach sie mit äußerster Mißbilligung von Frau Lauer,
die mit Landgerichtsrat Fritzsche –. Was Lauers Prozeß
betraf, war Käthchen Zillich die einzige, die ganz auf
Diederichs Seite stand.
</p>

<p>
Denn diese Sache nahm für Diederich ein drohendes
<pb n='187'/><anchor id='Pgp0187'/>Gesicht an. Jadassohn hatte erreicht, daß die Staatsanwaltschaft
durch einen Ermittelungsrichter die Zeugen
jenes nächtlichen Vorfalls vernehmen ließ; und so zurückhaltend
Diederich sich vor dem Richter geäußert hatte,
die anderen machten ihn verantwortlich für ihre Verlegenheiten.
Die Herren Cohn und Fritzsche wichen ihm aus;
der Bruder des Herrn Buck, ein so höflicher Mann, vermied
seinen Gruß; Heuteufel pinselte ihn grausam, lehnte
aber jedes Privatgespräch ab. An dem Tage, da es bekannt
ward, daß das Gericht dem Fabrikbesitzer Lauer die
Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich seinen Tisch
im Ratskeller leer. Professor Kühnchen zog sich eben den
Mantel an, Diederich konnte ihn noch am Kragen packen.
Aber Kühnchen hatte es eilig, er mußte im freisinnigen
Wählerverein gegen die neue Militärvorlage reden. Er
entwischte; und Diederich dachte enttäuscht jener sieghaften
Nacht, als draußen das Blut des inneren Feindes,
hier aber Sekt geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten
Kühnchen der kriegslustigste gewesen war. Jetzt
sprach er gegen die Vermehrung unseres ruhmreichen
Heeres!... Diederich sah, einsam und verlassen, in
seinen Dämmerschoppen; da erschien Major Kunze.
</p>

<p>
„Nanu, Herr Major,“ sagte Diederich mit erzwungener
Munterkeit, „von Ihnen hört man gar nichts mehr.“
</p>

<p>
„Von Ihnen um so mehr.“ Der Major knurrte, blieb
in Hut und Mantel stehen und sah sich um, wie in einer
Schneewüste. „Kein Mensch da!“
</p>

<p>
„Wenn ich Sie zu einem Glas Wein einladen darf –“
wagte Diederich zu sagen, aber er kam übel an. „Danke,
Ihr Sekt liegt mir noch im Magen.“ Der Major bestellte
Bier und saß da, stumm und mit einem Gesicht zum Fürchten.
Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden,
<pb n='188'/><anchor id='Pgp0188'/>sagte Diederich drauf los: „Nun, und der Kriegerverein,
Herr Major? Ich habe immer geglaubt, ich würde einmal
etwas hören über meine Aufnahme.“
</p>

<p>
Der Major sah ihn lange nur an, als wollte er ihn fressen.
„Ach so. Sie haben geglaubt. Sie haben wohl
auch geglaubt, es würde mir eine Ehre sein, wenn Sie
mich in Ihre Skandalaffäre hineinziehen?“
</p>

<p>
„Meine?“ stotterte Diederich. Der Major donnerte.
„Jawohl, Herr! Ihre! Dem Herrn Fabrikbesitzer Lauer
ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann vorkommen,
sogar bei alten Soldaten, die sich für ihren König
haben zu Krüppeln schießen lassen. Sie aber haben den
Herrn Lauer raffinierterweise zu seinen unbedachten
Äußerungen verleitet. Das bin ich bereit, vor dem Untersuchungsrichter
zu bekunden. Den Lauer kenne ich: der
war in Frankreich mit und ist in unserem Kriegerverein.
Sie, Herr, wer sind Sie? Weiß ich, ob Sie überhaupt
gedient haben? Her mit Ihren Papieren!“
</p>

<p>
Diederich griff in die Brusttasche. Er würde stramm gestanden
haben, wenn der Major es befohlen hätte. Der
Major hielt sich den Militärpaß weit von den Augen fort.
Plötzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. „Na also. Landsturm
mit der Waffe. Hab’ ich es nicht gesagt? Plattfüße
wahrscheinlich.“ Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort
des Majors und hielt beschwörend die Hand vor sich hin.
„Herr Major, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich gedient
habe. Infolge eines Unglücksfalles, der mir nur zur
Ehre gereicht, mußte ich nach drei Monaten austreten ...“
</p>

<p>
„Solche Unglücksfälle kennen wir ... Zahlen!“
</p>

<p>
„Sonst wäre ich ganz dabei geblieben“, sagte Diederich
noch, mit fliegender Stimme. „Ich war mit Leib und
Seele Soldat, fragen Sie meine Vorgesetzten.“
</p>

<pb n='189'/><anchor id='Pgp0189'/>

<p>
„’n Abend.“ Der Major hatte schon den Mantel an.
„Ich will Ihnen bloß noch sagen, Herr: wer nicht gedient
hat, den gehen die Majestätsbeleidigungen anderer Leute
den Teufel an. Majestät legt keinen Wert auf nicht gediente
Herrschaften ... Grützmacher,“ sagte er zum Wirt,
„Sie sollten sich Ihr Publikum genauer ansehen. Wegen
eines Gastes, der mal zuviel da ist, ist nun der Herr Lauer
beinahe verhaftet worden, und ich muß mit meinem steifen
Bein zu Gericht als Belastungszeuge und es mit allen
Leuten verderben. Der Harmonieball ist schon abgesagt,
ich bin beschäftigungslos, und wenn ich hier zu Ihnen
komme –“ er warf wieder einen Blick wie über Schneewüsten
– „ist kein Mensch da. Außer, natürlich, der Denunziant!“
schrie er noch auf der Treppe.
</p>

<p>
„Mein Ehrenwort, Herr Major –“ Diederich lief hinterher,
„ich habe keine Anzeige erstattet, das Ganze ist ein
Mißverständnis.“ Der Major war schon draußen, Diederich
rief ihm nach: „Wenigstens bitte ich um Ihre Diskretion!“
</p>

<p>
Er trocknete die Stirn. „Herr Grützmacher, Sie müssen
doch einsehen –“ sagte er, mit Tränen in der Stimme.
Da er Wein bestellte, sah der Wirt alles ein.
</p>

<p>
Diederich trank und schüttelte wehmütig den Kopf. Diese
Fehlschläge begriff er nicht. Seine Absichten waren rein gewesen,
nur die Tücke seiner Feinde verdunkelte sie ... Da
erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche, sah sich zögernd
um, – und als er Diederich wirklich ganz allein fand, kam
er zu ihm. „Herr Doktor Heßling,“ sagte er und gab ihm die
Hand, „Sie sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt
wär.“ In einem großen Betrieb, murmelte Diederich,
gebe es freilich immer Ärger. Aber da er die mitfühlende
Miene des anderen sah, erweichte er sich vollends.
<pb n='190'/><anchor id='Pgp0190'/>„Ihnen kann ich es sagen, Herr Landgerichtsrat, die Sache
mit dem Herrn Lauer ist mir verdammt unangenehm.“
</p>

<p>
„Ihm noch mehr“, sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge.
„Wenn bei ihm nicht jeder Fluchtverdacht ausgeschlossen
wäre, hätten wir ihn gleich heute verhaften lassen müssen.“
Er sah Diederich erbleichen und fügte hinzu: „Was sogar
uns Richtern peinlich gewesen wäre. Schließlich ist man
Mensch und lebt unter Menschen. Aber natürlich –“ Er
befestigte seinen Klemmer und machte sein trockenes Gesicht.
„Das Gesetz muß befolgt werden. Wenn Lauer an
dem betreffenden Abend – ich selbst hatte das Lokal ja
schon verlassen – tatsächlich die unerhörten Majestätsbeleidigungen
geäußert hat, die von der Anklage behauptet
werden, und für die Sie als Hauptzeuge aufgestellt sind –“
</p>

<p>
„Ich?“ Diederich fuhr verzweifelt auf. „Ich habe nichts
gehört! Kein Wort!“
</p>

<p>
„Dagegen spricht Ihre Aussage vor dem Ermittelungsrichter.“
</p>

<p>
Diederich verwirrte sich. „Im ersten Moment weiß man
doch nicht, was man sagen soll. Aber wenn ich mir den
fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere, dann scheint es mir
doch, daß wir alle ziemlich stark angeheitert waren. Ich
besonders.“
</p>

<p>
„Sie besonders“, wiederholte Fritzsche.
</p>

<p>
„Ja, und da habe ich wohl anzügliche Fragen an Herrn
Lauer gestellt. Was er mir darauf geantwortet hat, das
könnte ich jetzt nicht mehr beschwören. Das Ganze war
doch überhaupt nur ein Scherz.“
</p>

<p>
„Ach so: ein Scherz.“ Fritzsche atmete auf. „Ja, aber
was hindert Sie denn, das einfach dem Richter zu sagen?“
Er erhob den Finger. „Ohne daß ich natürlich im geringsten
Ihre Aussage beeinflussen <anchor id="corr190"/><corr sic="möchte.">möchte.“</corr>
</p>

<pb n='191'/><anchor id='Pgp0191'/>

<p>
Diederich erhob die Stimme. „Dem Jadassohn vergeß ich
den Streich nicht!“ Und er berichtete die Machenschaften
dieses Herrn, der sich während der Szene vorsätzlich entfernt
habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu kommen; der dann
sofort Material für die Anklage gesammelt, den halb unzurechnungsfähigen
Zustand der Anwesenden mißbraucht
und sie von vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen.
„Herr Lauer und ich, wir halten einander für Ehrenmänner.
Wie untersteht sich so ein Jude, uns zu verhetzen!“
</p>

<p>
Fritzsche erklärte ernst, daß hier nicht Jadassohns Persönlichkeit
in Betracht komme, sondern nur das Vorgehen
der Staatsanwaltschaft. Freilich war zuzugeben, daß
Jadassohn vielleicht zum Übereifer neigte. Mit gedämpfter
Stimme setzte er hinzu: „Sehen Sie, das ist eben der
Grund, weshalb wir mit den jüdischen Herren nicht gern
zusammenarbeiten. Solch ein Herr legt sich nicht die
Frage vor, welchen Eindruck es auf das Volk machen muß,
wenn ein gebildeter Mann, ein Arbeitgeber, wegen Majestätsbeleidigungen
verurteilt wird. Sachliche Bedenken
verschmäht sein Radikalismus.“
</p>

<p>
„Sein jüdischer Radikalismus“, ergänzte Diederich.
</p>

<p>
„Er stellt unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, –
womit ich keineswegs leugnen will, daß er auch ein amtliches
und nationales Interesse wahrzunehmen glaubt.“
</p>

<p>
„Wieso denn?“ rief Diederich. „Ein gemeiner Streber,
der mit unseren heiligsten Gütern spekuliert!“
</p>

<p>
„Wenn man sich scharf ausdrücken will –“ Fritzsche
lächelte befriedigt. Er rückte näher. „Nehmen wir einmal an,
ich wäre Untersuchungsrichter: es gibt Fälle, in denen man
gewissermaßen Grund hätte, sein Amt niederzulegen.“
</p>

<p>
„Sie sind mit dem Lauerschen Hause eng befreundet“,
sagte Diederich und nickte bedeutsam. Fritzsche machte sein
<pb n='192'/><anchor id='Pgp0192'/>weltmännisches Gesicht. „Aber Sie begreifen, damit
würde ich gewisse Gerüchte ausdrücklich bestätigen.“
</p>

<p>
„Das geht nicht“, sagte Diederich. „Es wäre gegen
den Komment.“
</p>

<p>
„Mir bleibt nichts übrig, als meine Pflicht zu tun, ruhig
und sachlich.“
</p>

<p>
„Sachlich sein heißt deutsch sein“, sagte Diederich.
</p>

<p>
„Besonders, da ich annehmen darf, daß die Herren
Zeugen mir meine Aufgabe nicht unnötig erschweren
werden.“ Diederich legte die Hand auf die Brust. „Herr
Landgerichtsrat, man kann sich hinreißen lassen, wo es um
eine große Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur.
Aber ich bleibe mir bewußt, daß ich für alles meinem Gott
Rechenschaft schulde.“ Er schlug die Augen nieder. Mit
männlicher Stimme: „Auch ich bin der Reue zugänglich.“
Dies schien Fritzsche zu genügen, denn er zahlte. Die Herren
schüttelten einander ernst und verständnisvoll die Hände.
</p>

<p>
Schon am Tage darauf ward Diederich vor den Untersuchungsrichter
geladen und stand vor Fritzsche. „Gott
sei Dank“, dachte er und machte mit treuherziger Sachlichkeit
seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge schien
die Wahrheit zu sein. Die öffentliche Meinung freilich
blieb bei ihrer Parteilichkeit für den Angeklagten. Von
der sozialdemokratischen „Volksstimme“ nicht zu reden;
sie verstieg sich bis zu höhnischen Auslassungen über Diederichs
Privatleben, hinter denen wohl sicher Napoleon
Fischer zu suchen war. Aber auch die sonst so ruhige
„Netziger Zeitung“ gab gerade jetzt eine Ansprache des
Herrn Lauer an seine Arbeiter wieder, worin der Fabrikbesitzer
darlegte, daß er den Gewinn seines Unternehmens
redlich mit allen denen teile, die daran mitgearbeitet
hatten, ein Viertel den Beamten, ein Viertel den
Arbei<pb n='193'/><anchor id='Pgp0193'/>tern. In acht Jahren hatten sie außer ihren Löhnen und
Gehältern die Summe von 130 000 Mark unter sich zu
verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den günstigsten
Eindruck. Diederich begegnete mißbilligenden Gesichtern.
Sogar der Redakteur Nothgroschen, den er zur
Rede stellte, erlaubte sich ein anzügliches Lächeln und
sagte etwas von sozialen Fortschritten, die man mit nationalen
Phrasen nicht aufhalte. Besonders peinlich waren
die geschäftlichen Folgen. Bestellungen, auf die Diederich
rechnen durfte, blieben aus. Der Warenhausbesitzer Cohn
teilte ihm ausdrücklich mit, daß er für seine Weihnachtskataloge
die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge, weil er
mit Rücksicht auf seine Kunden sich politische Zurückhaltung
auferlegen müsse. Diederich erschien jetzt ganz früh im
Bureau, um solche Briefe abzufangen, aber Sötbier war
immer noch früher da, und das vorwurfsvolle Schweigen
des alten Prokuristen erhöhte seine Wut. „Ich schmeiß
den ganzen Krempel hin!“ schrie er. „Sie und die Leute
sollen dann sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor
hab’ morgen einen Direktorposten mit 40 000 Mark!“ –
„Ich opfere mich für euch!“ schrie er die Arbeiter an,
wenn sie gegen das Reglement Bier tranken. „Ich zahle
drauf, nur um keinen zu entlassen.“
</p>

<p>
Gegen Weihnacht mußte er dennoch einem Drittel der
Leute aufsagen; Sötbier rechnete ihm vor, daß die Zahlungsfristen
zu Beginn des Jahres sonst nicht eingehalten
werden könnten, „da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung
für den neuen Holländer aufnehmen mußten“; und
er blieb dabei, obwohl Diederich nach dem Tintenfaß griff.
In den Mienen der Übriggebliebenen las er Mißtrauen und
Geringschätzung. So oft mehrere zusammenstanden, glaubte
er das Wort „Denunziant“ zu hören. Napoleon Fischers
<pb n='194'/><anchor id='Pgp0194'/>knotige, schwarzbehaarte Hände hingen weniger tief über
dem Boden, und es sah aus, als bekäme er sogar Farbe.
</p>

<p>
Am letzten Adventsonntag – das Landgericht hatte soeben
die Eröffnung des Hauptverfahrens beschlossen –
predigte in der Marienkirche Pastor Zillich über den Text:
„Liebet eure Feinde.“ Diederich erschrak beim ersten
Wort. Bald fühlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward.
„Die Rache ist mein, spricht der Herr“: Pastor Zillich rief
es sichtlich nach dem Heßlingschen Stuhl hinüber. Emmi
und Magda versanken ganz darin, Frau Heßling schluchzte.
Diederich beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten.
„Wer aber spricht Rache, der ist des Gerichts!“ Da
wandte sich alles um, und Diederich knickte zusammen.
</p>

<p>
Zu Hause machten die Schwestern ihm eine Szene.
Man behandelte sie schlecht in den Gesellschaften. Nie
mehr ward der junge Oberlehrer Helferich neben Emmi
gesetzt, er kümmerte sich nur noch um Meta Harnisch, und
sie wußte wohl warum. „Weil du ihm zu alt bist“, sagte
Diederich. „Nein, sondern weil du uns unbeliebt machst!“
– „Die fünf Töchter vom Bruder des Herrn Buck grüßen
uns schon nicht mehr!“ rief Magda. Und Diederich: „Ich
werd’ ihnen fünf Ohrfeigen herunterhauen!“ – „Das
laß gefälligst! An dem einen Prozeß haben wir genug.“
Da verlor er die Geduld. „Ihr? Was gehen euch meine
politischen Kämpfe an?“
</p>

<p>
„Alte Jungfern werden wir noch, wegen deiner politischen
Kämpfe!“
</p>

<p>
„Das braucht ihr nicht erst zu werden. Ihr liegt mir
hier unnütz im Hause umher, ich rackere mich ab für euch,
und ihr wollt auch noch nörgeln und mir meine heiligsten
Aufgaben verekeln? Dann schüttelt gefälligst den Staub
von euren Pantoffeln! Meinetwegen könnt ihr
Kinder<pb n='195'/><anchor id='Pgp0195'/>mädchen werden!“ Und er schlug die Tür zu, trotz Frau
Heßlings gerungenen Händen.
</p>

<p>
So kamen denn traurige Weihnachten heran. Die Geschwister
sprachen nicht miteinander; Frau Heßling verließ
das verschlossene Zimmer, wo sie den Baum schmückte,
nie anders als mit verweinten Augen. Und am heiligen
Abend, wie sie ihre Kinder hineinführte, sang sie ganz
allein und mit zitternder Stimme „Stille Nacht“. „Dies
schenkt Diedel seinen lieben Schwestern!“ sagte sie und
machte ein bittendes Gesicht, damit er sie nicht Lügen
strafe. Emmi und Magda dankten ihm verlegen, er besah
ebenso verlegen die Gaben, die angeblich von ihnen kamen.
Es tat ihm leid, daß er die gewohnte Christbaumfeier der
Arbeiter, trotz Sötbiers dringendem Rat, abgelehnt hatte,
um die unbotmäßige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst hätte
er jetzt mit den Leuten zusammensitzen können. Hier in
der Familie war es eine künstliche Sache, eine Aufwärmung
alter, verbrauchter Stimmung. Echt wäre sie erst
geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ... Der
Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller
hätte er niemand gefunden, wenigstens keinen Freund.
Diederich erschien sich vernachlässigt, unverstanden und
verfolgt. Wie fern lagen die harmlosen Zeiten der Neuteutonia,
als man in langen, von Wohlwollen beseelten
Reihen sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben,
brachten keine wackeren Kommilitonen mehr einander
ehrliche Schmisse bei, sondern lauter verräterische Konkurrenten
wollten sich gegenseitig an den Hals. „Ich passe
nicht in diese harte Zeit“, dachte Diederich, aß Marzipan
von seinem Teller und träumte in die Lichter des Weihnachtsbaumes.
„Ich bin doch gewiß ein guter Mensch.
Warum ziehen sie mich in so häßliche Dinge hinein wie
<pb n='196'/><anchor id='Pgp0196'/>dieser Prozeß, und schaden mir dadurch auch geschäftlich,
so daß ich, ach lieber Gott! den Holländer, den ich bestellt
habe, nicht werde bezahlen können.“ Dabei schnitt es
ihm kalt durch den Leib, Tränen traten ihm in die Augen,
und damit die Mutter, die immer ängstlich nach seiner
sorgenvollen Miene schielte, sie nicht sähe, stahl er sich in
das dunkle Nebenzimmer. Er stützte die Arme auf das
Klavier und schluchzte in die Hände. Draußen stritten
Emmi und Magda um ein paar Handschuhe, und die Mutter
wagte nicht zu entscheiden, wem sie beschert worden
waren. Diederich schluchzte. Alles war fehlgeschlagen, in
Politik, Geschäft und Liebe. „Was hab’ ich denn noch?“
Er öffnete das Klavier. Ihn fröstelte, er war so unheimlich
allein, daß er Angst hatte, ein Geräusch zu machen.
Die Töne kamen von selbst, seine Hände wußten es kaum.
Aus Volksliedern, Beethoven und dem Kommersbuch
klang es durcheinander in der Dämmerung, die sich traulich
davon erwärmte, so daß einem wohlig dumpf im
Kopf ward. Einmal meinte er, daß eine Hand ihm über
den Scheitel streife. War es nur ein Traum? Nein, denn
auf dem Klavier stand plötzlich ein volles Bierglas. Die
gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemüt der
Heimat ... Es ward still, und er wußte es nicht – bis
die Wanduhr schlug: eine Stunde war vergangen! „Das
war meine Weihnacht“, sagte Diederich und ging hinaus
zu den anderen. Er fühlte sich getröstet und gekräftigt. Da
die Schwestern noch immer wegen der Handschuhe maulten,
erklärte er sie für gemütlos und steckte die Handschuhe
ein, um sie für sich umzutauschen.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Die ganze Festzeit ward verdüstert durch die Sorge
wegen des Holländers. Sechstausend Mark für einen
<pb n='197'/><anchor id='Pgp0197'/>neuen Patent-Holländer System Maier! Das Geld war
nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen.
Es war ein unbegreifliches Verhängnis, ein schäbiger
Widerstand von Menschen und Dingen, der Diederich erbitterte.
Wenn Sötbier nicht dabei war, schlug er mit
dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner in die Ecken.
Für den neuen Herrn, der die Zügel des Betriebes in
seine feste Hand genommen hatte, mußten doch ohne weiteres
neue Unternehmungen eintreten, die Erfolge warteten
auf ihn, die Ereignisse hatten sich seiner Persönlichkeit
anzupassen!... Nach dem Zorn kam der Kleinmut,
Diederich traf Vorkehrungen für den Fall einer Katastrophe.
Er war sanft mit Sötbier: vielleicht konnte der
Alte noch einmal helfen. Auch demütigte er sich vor Pastor
Zillich und bat ihn, den Leuten zu sagen, daß er mit der
Predigt, von der alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe.
Der Pastor versprach es auch, mit sichtlicher Reue, unter
dem strafenden Blick seiner Gattin, die sein Versprechen
bekräftigte. Dann ließen die Eltern Käthchen mit Diederich
allein, und er war ihnen in seiner Niedergeschlagenheit
so dankbar, daß er sich fast erklärt hatte. Käthchens Jawort,
das auf ihren lieben, dicken Lippen wartete, wäre doch
ein Erfolg gewesen, es hätte ihm Bundesgenossen gebracht
gegen die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Holländer!
Er würde ein Viertel der Mitgift verschlungen haben
... Diederich seufzte, er müsse nun wieder ins Geschäft;
und Käthchen kniff die Lippen zusammen, ohne daß das
Jawort zur Verwendung gelangt war.
</p>

<p>
Ein Entschluß mußte gefaßt werden, denn die Ankunft
des Holländers stand bevor. Diederich sagte zu Sötbier:
„Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag und Stunde zu
liefern, sonst geb’ ich ihn ohne Gnade zurück.“ Aber
Söt<pb n='198'/><anchor id='Pgp0198'/>bier erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken
einige Tage Spielraum lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit
blieb er dabei. Übrigens traf die Maschine pünktlich ein.
Sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte Diederich.
„Er ist zu groß! Die Leute haben mir garantiert,
daß er kleiner sein soll als das alte System. Wozu kaufe
ich ihn denn, wenn ich nicht mal Raum sparen soll!“ Und
er ging, sobald der Holländer aufgestellt war, mit dem
Metermaß um ihn herum. „Er ist zu groß! Ich laß mich
nicht beschwindeln! Bezeugen Sie mir, Sötbier, daß er
zu groß ist!“ Aber Sötbier klärte mit unbeirrbarer Rechtlichkeit
den Fehler in Diederichs Messungen auf. Schnaufend
zog Diederich sich zurück, um einen neuen Angriffsplan
zu ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. „Wo ist denn
der Monteur? Haben uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?“
Und dann entrüstete er sich. „Ich habe ihn doch
bestellt!“ log er. „Die Leute scheinen ihr Geschäft zu verstehen.
Ich werde mich nicht wundern, wenn ich für den Kerl
täglich zwölf Mark bezahlen muß, und er glänzt durch Abwesenheit.
Wer stellt mir das Unglücksding da nun auf?“
</p>

<p>
Der Maschinenmeister behauptete, er verstehe sich darauf.
Diederich bewies ihm plötzlich großes Wohlwollen.
„Sie können sich denken: Ihnen zahl’ ich lieber die Überstunden,
als daß ich mein Geld für den fremden Menschen
hinauswerfe. Schließlich sind Sie ein alter Mitarbeiter.“
Napoleon Fischer zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts.
Diederich berührte seine Schulter. „Sehen Sie mal, lieber
Freund,“ sagte er halblaut, „ich bin von dem Holländer
nämlich enttäuscht. Auf den Bildern im Prospekt sah er
anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter sein,
wo bleibt da die größere Leistungsfähigkeit, die die Leute
uns versprochen haben. Was meinen Sie? Halten Sie
<pb n='199'/><anchor id='Pgp0199'/>den Zug für gut? Ich fürchte, der Stoff bleibt liegen.“
Napoleon Fischer sah Diederich an, prüfend, aber schon
mit Verständnis. Man müsse es ausprobieren, meinte
er zögernd. Diederich vermied seinen Blick, er tat, als
untersuchte er die Maschine. Dabei sagte er aufmunternd:
„Also schön. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die
Überstunden mit fünfundzwanzig Prozent Aufschlag, und
dann tragen Sie in Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir
werden die Bescherung ja sehen.“
</p>

<p>
„Es wird wohl ’ne nette Bescherung sein“, sagte der
Maschinenmeister mit sichtlichem Entgegenkommen. Diederich
griff, ehe er es selbst wußte, nach seinem Arm, Napoleon
Fischer war ein Freund, ein Retter! „Kommen Sie
mal mit, mein Lieber“ – seine Stimme war bewegt. Er
führte Napoleon Fischer in das Wohnhaus, Frau Heßling
mußte ihm ein Glas Wein einschenken, und Diederich drückte
ihm, ohne hinzusehen, fünfzig Mark in die Hand. „Ich verlaß
mich auf Sie, Fischer“, sagte er. „Wenn ich Sie nicht hätte,
würde die Fabrik mich womöglich hineinlegen. Zweitausend
Mark hab’ ich den Leuten schon in den Rachen geworfen.“
</p>

<p>
„Die müssen sie wieder hergeben“, sagte der Maschinenmeister
gefällig. Diederich fragte dringend: „Das meinen
Sie doch auch?“
</p>

<p>
Und schon tags darauf, nach der Mittagspause, die er zu
Versuchen mit dem Holländer benutzt hatte, teilte Napoleon
Fischer seinem Arbeitgeber mit, daß die neue Erwerbung
nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man mußte
mit dem Rührscheit nachhelfen, wie bei jedem Holländer
ältester Konstruktion. „Also der offenbare Schwindel!“
rief Diederich. Auch brauchte der Holländer mehr als
zwanzig Pferdestärken. „Das ist vertragswidrig! Müssen
wir uns das gefallen lassen, Fischer?“
</p>

<pb n='200'/><anchor id='Pgp0200'/>

<p>
„Das müssen wir uns nicht gefallen lassen“, entschied
der Maschinenmeister und strich mit seiner knotigen Hand
über sein schwarz behaartes Kinn. Diederich sah ihn zum
erstenmal fest an.
</p>

<p>
„Dann können Sie mir also bezeugen, daß der Holländer
die bei Bestellung vereinbarten Bedingungen nicht
erfüllt?“
</p>

<p>
In Napoleon Fischers schütterem Bart erschien ein
dünnes Lächeln. „Kann ich“, sagte er. Diederich sah das
Lächeln. Um so strammer machte er kehrt. „Na, dann
sollen die Leute mich kennenlernen!“ Sogleich schrieb er
einen energisch gehaltenen Brief an Büschli &amp; Cie. in
Eschweiler. Die Antwort kam umgehend. Man begreife
seine Beanstandungen nicht, der neue Patentholländer
System Maier sei schon von mehreren Papierfabriken,
deren Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt worden.
Von einer Zurücknahme und gar von einer Rückerstattung
der angezahlten 2000 Mark könne daher nicht die Rede
sein, vielmehr sei der Rest der vertragsmäßigen Kaufsumme
sofort zu <anchor id="corr200"/><corr sic="erlegen">erlegen.</corr> <corr sic="Diederichs">Diederich</corr> schrieb darauf noch
entschiedener als das erstemal und drohte mit einer Klage.
Büschli &amp; Cie. versuchten nun, ihn zu beschwichtigen, sie
empfahlen eine nochmalige Probe. „Sie haben Angst“,
sagte Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben
zeigte, und er fletschte die Zähne. „Eine Klage können
sie nicht brauchen, denn ihr Holländer ist noch nicht genügend
eingeführt.“ „Stimmt“, sagte Diederich. „Wir
haben die Kerls in der Hand!“ Und mit erbitterter Siegesgewißheit
lehnte er jeden Vergleich und die angebotene
Preisermäßigung schroff ab. Als dann mehrere Tage
lang nichts weiter erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht
warteten sie nun doch seine Klage ab? Vielleicht
<pb n='201'/><anchor id='Pgp0201'/>strengten sie selbst eine an! Unsicher suchte sein Blick, oftmals
am Tage, Napoleon Fischer, der ihn von unten erwiderte.
Sie sprachen nicht mehr miteinander. Wie aber
Diederich eines Vormittags um elf Uhr beim zweiten
Frühstück saß, brachte das Mädchen eine Karte: Friedrich
Kienast, Prokurist der Firma Büschli &amp; Cie., Eschweiler;
und indes Diederich sie noch hin und her wendete, trat
der Besucher schon ein. An der Tür blieb er stehen. „Pardon,“
sagte er, „es muß ein Irrtum sein. Man hat mich hier
ins Haus gewiesen, aber ich komme nämlich geschäftlich.“
</p>

<p>
Diederich hatte sich besonnen. „Ich kann es mir denken,
aber das macht nichts, bitte, treten Sie doch näher. Doktor
Heßling ist mein Name. Hier ist meine Mutter und
meine Schwestern Emmi und Magda.“
</p>

<p>
Der Herr trat näher und verbeugte sich vor den Damen.
„Friedrich Kienast“, murmelte er. Er war groß, blondbärtig
und trug einen braunen wolligen Jackettanzug. Alle
drei Damen lächelten hingebend. „Darf ich für den Herrn
ein Gedeck auflegen?“ fragte Frau Heßling. Und Diederich:
„Natürlich. Herr Kienast frühstückt doch mit uns?“
</p>

<p>
„Ich sage nicht nein“, erklärte der Vertreter von Büschli
&amp; Cie., und er rieb sich die Hände. Magda legte ihm Bücklinge
vor, die er schon lobte, während er den ersten Bissen
noch auf der Gabel hatte.
</p>

<p>
Diederich fragte ihn, harmlos lachend:
</p>

<p>
„Nüchtern machen Sie wohl auch nicht gern Geschäfte?“
Herr Kienast lachte auch. „Bei den Geschäften bin ich
immer nüchtern.“ Diederich schmunzelte. „Na, dann
werden wir uns wohl einigen.“ „Kommt darauf an, wie“;
– und Kienasts schelmisch herausfordernde Worte begleitete
ein Blick an Magda. Sie errötete.
</p>

<p>
Diederich schenkte dem Gast Bier ein. „Sie haben wohl
<pb n='202'/><anchor id='Pgp0202'/>sonst noch was vor in Netzig?“ Worauf Kienast zurückhaltend:
„Man kann nie wissen.“
</p>

<p>
Versuchsweise sagte Diederich: „Bei Klüsing in Gausenfeld
werden Sie nichts machen, er hat ’ne flaue Zeit.“
Und da der andere schwieg, dachte Diederich: „Sie haben
ihn bloß wegen des Holländers hergeschickt, sie können
keinen Prozeß brauchen!“ Da bemerkte er, daß Magda
und der Vertreter von Büschli &amp; <anchor id="corr202"/><corr sic="Cie">Cie.</corr> gleichzeitig tranken
und über die Gläser hinweg einander in die Augen sahen.
Emmi und Frau Heßling saßen starr <anchor id="corr202a"/><corr sic="dabei">dabei.</corr> Diederich
beugte sich schnaufend über seinen Teller; – plötzlich aber
fing er an, das Familienleben zu preisen. „Sie haben
Glück, mein lieber Herr Kienast, denn das zweite Frühstück
ist ausgerechnet unsere schönste Stunde am Tage.
Wenn man so mitten aus der Arbeit hier herauskommt,
dann merkt man doch wieder mal, daß man sozusagen auch
Mensch ist. Na, und das braucht man.“
</p>

<p>
Kienast bestätigte, daß man es brauche. Frau Heßlings
Frage, ob er schon verheiratet sei, verneinte er und sah
dabei auf Magdas Scheitel, denn sie hatte den Kopf gesenkt.
</p>

<p>
Diederich stand auf und schlug die Hacken zusammen.
„Herr Kienast,“ sagte er schnarrend, „ich stehe zu Ihrer
Verfügung.“
</p>

<p>
„Eine Zigarre nimmt Herr Kienast noch“, bat Magda.
Kienast ließ sie sich von ihr anzünden und hoffte, die
Damen nochmals begrüßen zu können, – wobei er Magda
verheißungsvoll anlächelte. Aber im Hof änderte auch er
vollständig den Ton. „Na ja, das sind auch noch alte,
enge Lokalitäten“, bemerkte er kalt und wegwerfend. „Sie
sollten mal unsere Anlagen sehen.“
</p>

<p>
„In einem Nest wie Eschweiler,“ erwiderte Diederich,
genau so verächtlich, „da ist es kein Kunststück. Reißen Sie
<pb n='203'/><anchor id='Pgp0203'/>mal hier den Häuserblock nieder!“ Und dann rief er im
schärfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister, damit
er den neuen Holländer in Betrieb setze. Da Napoleon
Fischer nicht sofort kam, stürmte Diederich hin. „Sie sitzen
wohl auf Ihren Ohren, Herr?“ Aber sobald er ihm gegenüberstand,
verstummte sein Geschrei; mit leiser, fliegender
Stimme, die Augen angestrengt aufgerissen, sagte er:
„Fischer, ich hab’ es mir überlegt, ich bin mit Ihnen zufrieden,
vom Ersten ab erhöhe ich Ihr Gehalt auf hundertachtzig
Mark.“ Darauf nickte Napoleon Fischer kurz und
verständnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann Diederich
wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie
behaupteten, es sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche.
Zu dem Vertreter von Büschli &amp; Cie. sagte er: „Übrigens
bin ich versichert, aber Zucht muß sein. Tadelloser Betrieb,
wie?“
</p>

<p>
„Veraltetes Aggregat“, entgegnete Herr Kienast, mit
einem lieblosen Blick auf die Maschinen. Diederich versetzte
höhnisch: „Weiß ich, mein Bester. Aber so gut wie
Ihr Holländer allemal.“ Trotz Kienasts Protest fuhr er
fort, die Leistungsfähigkeit der einheimischen Industrie
herabzusetzen. Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis
zu seiner Reise nach England. Er gehe großzügig vor.
Seit er selbst an der Spitze des Betriebes stehe, sei das
Geschäft mächtig im Aufschwung. „Und es ist immer noch
ausdehnungsfähig.“ Er erfand. „Jetzt hab’ ich Verträge
mit zwanzig Kreisblättern. Die Berliner Warenhäuser
machen mich überhaupt wahnsinnig ...“ Kienast unterbrach
schneidend:
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<p>
„Dann haben Sie wohl gerade alles abgeliefert, denn
ich sehe nirgends fertige Ware.“
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<p>
Diederich empörte sich. „Herr! Soll ich Ihnen was
<pb n='204'/><anchor id='Pgp0204'/>sagen? Erst gestern hab’ ich an sämtliche kleinen Kunden
ein Rundschreiben geschickt: bis zur Vollendung meines
Neubaus könne ich nichts mehr liefern.“
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<p>
Der Maschinenmeister holte die Herren. Der neue Patentholländer
war halb gefüllt, aber die Stoffbewegung
blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half mit dem Rührscheit
nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. „Na also.
Sie behaupten, in Ihrem Holländer braucht der Stoff für
einen Umgang zwanzig bis dreißig Sekunden: ich zähle
schon fünfzig ... Maschinenmeister, den Stoff ablassen ...
Was ist denn los, das dauert ja ewig!“
</p>

<p>
Kienast hatte sich über die Schale gebeugt. Er richtete
sich auf, er lächelte gewitzigt. „Ja, wenn die Ventile verstopft
sind ...“ Und mit einem scharfen Blick in die Augen
Diederichs, die nicht standhielten: „Was sonst noch mit
dem Holländer angestellt ist, kann ich in der Eile nicht
sehen.“ Diederich fuhr empor, plötzlich sehr rot. „Wollen
Sie mir vielleicht insinuieren, daß ich mit meinem Maschinenmeister –?“
</p>

<p>
„Ich habe nichts gesagt“, stellte Kienast fest.
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„Das müßte ich mir auch energisch verbitten.“ Diederich
blitzte. Auf Kienast schien es keinen Eindruck zu
machen, er behielt seine kalten Augen und das abgefeimte
Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebürsteten Bart.
Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln
hinaufgebunden haben würde, er hätte Ähnlichkeit
mit Diederich bekommen! Er war eine Macht! Um
so drohender trat Diederich auf. „Mein Maschinenmeister
ist Sozialdemokrat: daß er mir einen Gefallen tun soll, ist
lachhaft. Übrigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie auf
die Folgen Ihrer Äußerung aufmerksam!“
</p>

<p>
Kienast trat in den Hof hinaus. „Lassen Sie das nur,
<pb n='205'/><anchor id='Pgp0205'/>Herr Doktor“, sagte er kühl. „In Geschäften bin ich nüchtern,
das hab’ ich Ihnen schon beim Frühstück gesagt. Jetzt
brauch’ ich Ihnen nur noch zu wiederholen, daß wir den
Holländer in tadellosem Zustand geliefert haben und an
Rücknahme nicht denken.“ – Das werde man sehen, erklärte
Diederich. Einen Prozeß hielten Büschli &amp; Cie.
wohl für besonders wirksam, zur Einführung ihres neuen
Artikels? „Ich werde Ihnen in den Fachblättern noch
eine besondere Empfehlung mitgeben!“ Darauf Kienast:
auf Erpressungsversuche gehe er nicht ein. Und Diederich:
einen satisfaktionsunfähigen Knoten werfe man einfach
hinaus. – Da erschien drüben im Haustor Magda.
</p>

<p>
Sie hatte ihr Pelzjackett von Weihnacht an, und sie
lächelte rosig. „Die Herren sind noch immer nicht fertig?“
fragte sie schalkhaft. „Das Wetter ist doch so schön, man
muß ein bißchen hinaus vor dem Mittagessen. <hi rend='antiqua'>A propos</hi>“,
sagte sie geläufig. „Mama läßt fragen, ob Herr Kienast
zum Abendessen kommt.“ Da Kienast erklärte, er müsse
leider danken, lächelte sie dringlicher. „Und mir würden
Sie es auch abschlagen?“ Kienast lachte bitter. „Ich
würde nicht nein sagen, Fräulein. Aber weiß ich denn, ob
Ihr Herr Bruder –?“ Diederich schnaufte, Magda sah ihn
flehend an. „Herr Kienast“, brachte er hervor. „Es wird
mich freuen. Vielleicht, daß wir uns auch noch verständigen.“
Er hoffe es, sagte Kienast, worauf er sich weltmännisch
erbot, das Fräulein ein Stück zu begleiten.
„Wenn mein Bruder nichts dagegen hat“, sagte sie züchtig
und ironisch. Diederich erlaubte auch dies noch; – und
dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem Prokuristen
von Büschli &amp; Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte!
</p>

<p>
Wie er zum Mittagessen kam, hörte er drinnen im Wohnzimmer
die Schwestern mit scharfen Stimmen sprechen.
<pb n='206'/><anchor id='Pgp0206'/>Emmi warf Magda vor, sie benehme sich schamlos. „So
macht man es denn doch nicht.“ – „Nein!“ rief Magda.
„Ich werde dich um Erlaubnis bitten.“ – „Das würde
gar nichts schaden. Überhaupt bin ich an der Reihe!“ –
„Hast du sonst noch Sorgen?“ – Und Magda schlug ein
Hohngelächter an. Da Diederich eintrat, verstummte sie
sofort. Diederich rollte unzufrieden die Augen; aber Frau
Heßling hätte nicht nötig gehabt, hinter ihren Töchtern die
Hände zu ringen: in den Weiberstreit einzugreifen, war
unter seiner Würde.
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<p>
Beim Essen ward von dem Gast gesprochen. Frau Heßling
rühmte den soliden Eindruck, den er mache. Emmi erklärte:
wenn so ein Kommis nicht einmal solide sein sollte.
Mit einer Dame reden könne er überhaupt nicht. Magda
behauptete entrüstet das Gegenteil. Und da alle auf
Diederichs Entscheidung warteten, entschloß er sich. Komment
scheine der Herr freilich nicht viel zu haben. Akademische
Bildung sei eben nicht zu ersetzen. „Aber als
tüchtigen Geschäftsmann hab’ ich ihn kennengelernt.“
Emmi hielt sich nicht mehr.
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„Wenn Magda den Menschen heiraten will, ich erkläre,
daß ich nicht mit euch verkehre. Das Kompott hat er mit
dem Messer gegessen!“
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„Sie lügt!“ Magda brach in Schluchzen aus. Diederich
empfand Mitleid; er herrschte Emmi an:
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„Heirate du bitte einen regierenden Herzog, und dann
lass’ uns in Ruh’.“
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<p>
Da legte Emmi Messer und Gabel hin und ging hinaus.
Am Abend vor Geschäftsschluß erschien Herr Kienast im
Bureau. Er trug einen Gehrock, und sein Wesen war eher
gesellschaftlich als geschäftlich. Beide hielten, in stillem
Einverständnis, das Gespräch hin, bis der alte Sötbier
<pb n='207'/><anchor id='Pgp0207'/>seine Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem mißtrauischen
Blick, zurückgezogen hatte, sagte Diederich:
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<p>
„Den Alten habe ich auf den Aussterbeetat gesetzt. Die
wichtigeren Sachen mache ich allein.“
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<p>
„Na, und haben Sie sich die unsere überlegt?“ fragte
Kienast.
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<p>
„Und Sie?“ erwiderte Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich.
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„Meine Vollmacht reicht eigentlich nicht so weit, aber
ich nehme es auf meine Kappe. Geben Sie den Holländer
in Gottes Namen zurück. Ein Defekt wird sich doch wohl
finden.“
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Diederich begriff. Er versprach: „Sie werden ihn finden.“
Kienast sagte sachlich:
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<p>
„Für unser Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle
Ihre Maschinen vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen.
Einen Moment!“ bat er, da Diederich auffuhr. „Und
außerdem ersetzen Sie unsere Unkosten und meine Reise mit
fünfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung abziehen.“
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<p>
„Aber hören Sie mal, das ist Wucher!“ Diederichs Gerechtigkeitssinn
empörte sich laut. Auch Kienast erhob schon
wieder die Stimme. „Herr Doktor!...“ Diederich faßte
sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die Hand auf die
Schulter. „Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen
warten.“ „Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden“,
meinte Kienast besänftigt. „Die kleine Differenz wird sich
auch noch aufklären“, verhieß Diederich.
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Droben roch es festlich. Frau Heßling glänzte mit ihrem
schwarzen Atlaskleid. Durch Magdas Spitzenbluse schimmerte
mehr hindurch, als sie sonst im Familienkreis zum
besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren grau
und alltäglich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und
<pb n='208'/><anchor id='Pgp0208'/>ließ sich zu seiner Rechten nieder; und als man eben erst
saß und sich noch räusperte, sagte sie schon, mit fieberhaft
belebten Augen: „Jetzt sind die Herren aber mit den
dummen Geschäften fertig.“ Diederich bestätigte, sie seien
glänzend miteinander fertig geworden. Büschli &amp; Cie.
seien kulante Leute.
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<p>
„Bei unserem Riesenbetrieb“, erklärte der Prokurist.
„Zwölfhundert Arbeiter und Beamte, eine ganze Stadt
mit einem eigenen Hotel für die Kunden.“ Er lud Diederich
ein. „Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm
und umsonst.“ Und da Magda neben ihm an seinen Lippen
hing, rühmte er seine Stellung, seine Machtbefugnisse,
die Villa, die er zur Hälfte bewohnte. „Wenn ich
mich verheirate, kriege ich auch die andere Hälfte.“
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Diederich lachte dröhnend. „Dann wäre es wohl das
einfachste, Sie heirateten. Na prost!“
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<p>
Magda schlug die Augen nieder, und Herr Kienast ging
zu etwas anderem über. Ob Diederich auch wisse, warum
er ihm so leicht entgegengekommen sei? „Ihnen, Herr
Doktor, hab’ ich nämlich gleich angesehen, daß mit Ihnen
später noch große Sachen zu machen sein werden, – wenn
es hier jetzt auch noch etwas kleine Verhältnisse sind“, setzte
er nachsichtig hinzu. Diederich wollte seine Großzügigkeit
und die Ausdehnungsfähigkeit seines Unternehmens beteuern,
aber Kienast ließ sich seinen Gedankengang nicht
abschneiden. Menschenkenntnis sei nämlich seine Spezialität.
Einen Geschäftsfreund müsse man vor allem auch in
seinem Heim aufsuchen. „Wenn da alles so wohl bestellt
ist wie hier –“
</p>

<p>
Gerade ward die duftende Gans aufgetragen, nach der
Frau Heßling schon mehrmals heimlich ausgeblickt hatte.
Schnell gab sie sich eine Miene, als sei die Gans eine höchst
<pb n='209'/><anchor id='Pgp0209'/>gewöhnliche Erscheinung. Herr Kienast machte trotzdem
eine anerkennende Pause. Frau Heßling fragte sich, ob
sein Blick wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem süßen
Qualm, auf Magdas durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt riß
er sich los und ergriff sein Glas. „Und darum: auf die
Familie Heßling, auf die verehrte mütterliche Hausfrau
und ihre blühenden Töchter!“ Magda wölbte die Brust,
um das Blühen anschaulicher zu machen, und um so flacher
sah Emmi aus. Auch stieß Herr Kienast zuerst mit Magda an.
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Diederich erwiderte seinen Toast. „Wir sind eine deutsche
Familie. Wen wir in unser Haus aufgenommen
haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen auf.“ Er
hatte Tränen in den Augen, indes Magda wieder einmal
errötete. „Und wenn es auch nur ein bescheidenes Haus
ist, die Herzen sind treu.“ Er ließ den Gast hochleben, der
seinerseits versicherte, er sei immer für Bescheidenheit gewesen,
„besonders in Familien, wo junge Mädchen sind.“
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<p>
Frau Heßling griff ein. „Nicht wahr? Woher soll denn
sonst ein junger Mann den Mut nehmen –? Meine Töchter
schneidern alles selbst.“ Dies war für Herrn Kienast
das Stichwort, sich über Magdas Bluse zu beugen behufs
eingehender Würdigung.
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<p>
Zum Nachtisch schälte sie ihm eine Apfelsine und nippte
ihm zu Ehren vom Tokaier. Wie man dann ins Wohnzimmer
ging, blieb Diederich, die Arme um seine beiden
Schwestern geschlungen, in der Tür stehen. „Ja, ja, Herr
Kienast“, sagte er mit tiefer Stimme. „Das ist der Familienfriede,
den sehen Sie sich nur an, Herr Kienast!“
Magda schmiegte sich, ganz Hingebung, an seine Schulter.
Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie rückwärts einen
Stoß. „So geht es immer bei uns zu“, fuhr Diederich fort.
„Ich arbeite den ganzen Tag für die Meinen, und der
<pb n='210'/><anchor id='Pgp0210'/>Abend vereint uns dann hier beim Lampenschimmer. Um
die Leute da draußen und den Klüngel unserer sogenannten
Gesellschaft bekümmern wir uns so wenig wie möglich,
wir haben an uns selbst genug.“
</p>

<p>
Hier gelang es Emmi, sich loszumachen; man hörte sie
draußen eine Tür zuschlagen. Ein um so zärtlicheres Bild
boten Diederich und Magda, wie sie sich am mild beglänzten
Tisch niederließen. Herr Kienast sah nachdenklich den
Punsch kommen, den Frau Heßling in mächtiger Bowle
still lächelnd hereintrug. Indes Magda dem Gast das
Glas füllte, setzte Diederich auseinander, daß er dank dieser
Beschränkung auf die stille Häuslichkeit imstande sein werde,
seine Schwestern einmal gut zu verheiraten. „Denn der
Aufschwung des Geschäftes kommt den Mädchen zugut, die
Fabrik gehört ihnen mit, ganz abgesehen von der baren Mitgift;
na, und wenn dann einer meiner künftigen Schwäger
auch noch sein Kapital in den Betrieb stecken will –“
</p>

<p>
Aber Magda, die Herrn Kienasts Miene besorgt werden
sah, lenkte ab. Sie fragte ihn nach seiner eigenen Familie
und ob er denn ganz allein sei. Da bekam er gerührte
Augen und rückte näher. Diederich saß dabei, trank und
drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen
an dem Gespräch der beiden, die sich ganz allein
zu fühlen schienen. „Na, dann haben Sie also glücklich
Ihren Einjährigen gemacht“, sagte er gönnerhaft und
wunderte sich dabei über die Zeichen, die Frau Heßling
hinter dem Rücken der anderen ihm gab. Erst als sie sich
aus der Tür schlich, begriff er, nahm sein Punschglas und
ging in das dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er tastete
ein wenig darauf umher, geriet unversehens in die Burschenlieder
und sang dröhnend mit: „Sie wissen den Teufel,
was Freiheit heißt.“ Als er fertig war, horchte er
<pb n='211'/><anchor id='Pgp0211'/>hinüber; es war drinnen aber so still, als sei man eingeschlafen;
und obwohl er sich gern wieder etwas aus der
Bowle geschöpft hätte, stimmte er doch aus Pflichtgefühl
von neuem an: „Im tiefen Keller sitz’ ich hier.“
</p>

<p>
Da, mitten im Vers, fiel ein Stuhl um, und ein lauter
Schall folgte, dessen Herkunft nicht zu verkennen war. Mit
einem Sprung war Diederich im Wohnzimmer. „Nanu“,
sagte er, kräftig und bieder, „Sie scheinen ja ernste Absichten
zu haben.“ Das Paar löste sich voneinander. „Ich
sage nicht nein“, erklärte Herr Kienast. Diederich war
plötzlich heftig bewegt. Aug’ in Auge schüttelte er Kienast
die Hand, und mit der anderen zog er Magda herbei.
„Das ist aber eine Überraschung! Herr Kienast, machen
Sie mein Schwesterchen glücklich. An mir sollt ihr allzeit
einen guten Bruder haben, so wie ich es bisher gewesen
bin, das darf ich wohl sagen.“
</p>

<p>
Und die Augen wischend, rief er hinaus: „Mutter! Es
ist was passiert.“ Frau Heßling stand gleich hinter der
Tür, nur konnte sie, vor übergroßer Bewegung, nicht
sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich gestützt,
wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und
löste sich dort in Tränen auf. Diederich klopfte inzwischen
an Emmis Zimmer, das verschlossen war. „Emmi, komm
heraus, es ist was los!“ Sie riß endlich die Tür auf, zornrot
im Gesicht. „Wozu störst du mich im Schlaf. Ich kann
mir schon denken, was los ist. Macht eure Unanständigkeiten
allein!“ Und sie würde wieder zugeschlagen haben,
hätte nicht Diederich den Fuß in den Spalt gesetzt. Streng
bedeutete er ihr, für ihr gemütloses Verhalten verdiene
sie, daß sie selbst nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte
ihr nicht einmal, sich anzuziehen, sondern zerrte sie
mit, wie sie war, in ihrer Matinee, mit aufgelösten Haaren.
<pb n='212'/><anchor id='Pgp0212'/>Im Flur entwand sie sich ihm. „Du machst uns lächerlich“,
zischte sie, – und noch vor ihm erschien sie bei den Verlobten,
den Kopf sehr hoch, mit spöttisch musterndem
Blick. „Mußte das so spät in der Nacht sein?“ fragte sie.
„Nun, dem Glücklichen schlägt keine Stunde.“ Kienast
sah sie an: sie war größer als Magda, ihr Gesicht, das jetzt
Farbe hatte, sah voller aus in dem offenen Haar, das
lang und stark war. Kienast behielt ihre Hand länger als
nötig; sie entzog sie ihm, da wandte er sich von ihr zu
Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi ließ auf ihre
Schwester ein Lächeln des Triumphes fallen, machte
kehrt und verschwand, hoch aufgerichtet, – indes Magda
angstvoll nach Kienasts Arm griff. Aber Diederich kam,
in der Hand ein gefülltes Punschglas, und verlangte mit
seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Am Morgen holte er ihn aus dem Hotel zum Frühschoppen
ab. „Bis Mittag bezähme gefälligst deine Sehnsucht
nach dem Weiblichen. Jetzt müssen wir mal ein Wort
unter Männern reden.“ In Klappsch’ Bierstube setzte er ihm
die Lage auseinander: Fünfundzwanzigtausend bar am
Tage der Hochzeit – die Belege waren jeden Augenblick zu
sehen – und, gemeinsam mit Emmi, ein Viertel der Fabrik.
– „Also nur ein Achtel“, stellte Kienast fest; worauf Diederich:
„Soll ich mich vielleicht umsonst für euch abrackern?“
Ein unzufriedenes Schweigen entstand.
</p>

<p>
Diederich stellte die Stimmung wieder her. „Prost
Friedrich!“ „Prost Diederich!“ sagte Kienast. Dann
schien Diederich etwas einzufallen. „Du hast es ja in
der Hand, deinen Anteil am Geschäft zu erhöhen, wenn
du Geld einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen
aus? Bei deinem großartigen Gehalt!“ Kienast
<pb n='213'/><anchor id='Pgp0213'/>erklärte, im Prinzip sage er nicht nein. Aber noch laufe
sein Vertrag mit Büschli &amp; Cie. Auch habe er in diesem
Jahr eine beträchtliche Gehaltserhöhung zu erwarten,
da wäre es ein Verbrechen gegen sich selbst, jetzt zu kündigen.
„Und wenn ich euch mein Geld gebe, muß ich
selbst ins Geschäft eintreten. Bei allem Vertrauen, das
ich dir entgegenbringe, lieber Diederich –“
</p>

<p>
Diederich sah es ein. Kienast schlug seinerseits etwas vor.
„Wenn du einfach die Mitgift auf Fünfzigtausend festsetztest!
Magda würde dann auf ihren Anteil am Geschäft
verzichten.“ Dies stieß wieder auf Diederichs unbedingten
Widerspruch. „Es wäre gegen den letzten Willen meines
seligen Vaters, der ist mir heilig. Und so großzügig, wie
ich arbeite, kann in einigen Jahren Magdas Anteil das
Zehnfache betragen von dem, was du jetzt verlangst. Nie
werde ich mich dazu hergeben, meine arme Schwester so
zu schädigen.“ Hierauf feixte der Schwager ein wenig.
Diederichs Familiensinn ehre ihn, aber mit Großzügigkeit
allein sei es nicht getan. Und Diederich, merklich gereizt:
er sei gottlob für seine Geschäftsführung außer Gott nur
sich selbst verantwortlich. „Fünfundzwanzigtausend bar
und ein Achtel des Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen.“
Kienast trommelte auf den Tisch. „Ich weiß noch nicht, ob
ich deine Schwester dafür übernehmen kann“, erklärte er.
„Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor.“ Diederich zuckte
die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast kam
mit zum Essen; Diederich hatte schon gefürchtet, er werde
sich drücken. Glücklicherweise war Magda noch verführerischer
hergerichtet als gestern, – „wie wenn sie gewußt
hätte, es geht ums Ganze“, dachte Diederich, der sie bewunderte.
Bei der Mehlspeise hatte sie Kienast wieder
so sehr erwärmt, daß er die Hochzeit in vier Wochen
<pb n='214'/><anchor id='Pgp0214'/>wünschte. „Dein letztes Wort?“ fragte Diederich neckisch.
Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der Tasche.
</p>

<p>
Nach Tisch ging Frau Heßling auf den Fußspitzen aus
dem Zimmer, wo die Verlobten saßen, und auch Diederich
wollte sich zurückziehen, aber sie holten ihn zum Spazierengehen.
„Wohin geht es denn, und wo sind Mutter
und Emmi?“ Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen,
und darum blieb auch Frau Heßling zu Hause. „Weil es
sonst schlecht aussehen würde, weißt du“, sagte Magda.
Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr sogar
den Staub fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem
Pelzjackett hängengeblieben war. Er behandelte Magda
mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt.
</p>

<p>
Man ging gegen das Rathaus zu. Es schadete nichts,
nicht wahr, wenn die Leute einen sahen. Der erste freilich,
dem man gleich in der Meisestraße begegnete, war nur
Napoleon Fischer. Er fletschte die Zähne vor dem Brautpaar
und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte,
er wisse Bescheid. Diederich war dunkelrot; er würde den
Menschen angehalten und ihm auf offener Straße einen
Krach gemacht haben: aber konnte er? „Es war ein schwerer
Fehler, daß ich mich mit dem hinterhältigen Proleten auf
Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es wäre auch ohne ihn
gegangen! Jetzt schleicht er um das Haus, damit ich daran
denke, daß er mich in der Hand hat. Ich werde noch Erpressungen
erleben.“ Aber zwischen ihm und dem Maschinenmeister
war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen.
Was Napoleon Fischer über ihn behaupten konnte,
war Verleumdung. Diederich ließ ihn einfach einsperren.
Dennoch haßte er ihn für seine Mitwisserschaft, daß ihm
bei zwanzig Grad Kälte heiß und feucht ward. Er sah
sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon Fischer?
</p>

<pb n='215'/><anchor id='Pgp0215'/>

<p>
In der Gerichtsstraße fand Magda, daß der Gang sich
lohne, denn bei Landgerichtsrat Harnisch standen hinter
einer Scheibe Meta Harnisch und Inge Tietz, und Magda
wußte bestimmt, daß sie bei Kienasts Anblick sehr beunruhigte
Gesichter gemacht hatten. Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße
war heute leider wenig los; höchstens daß
Major Kunze und Dr. Heuteufel, die in die „Harmonie“
gingen, von ferne neugierige Gesichter machten. An der
Ecke der Schweinichenstraße aber trat etwas ein, was
Diederich nicht vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen
ging Frau Daimchen mit Guste. Magda beschleunigte
sofort den Schritt und plauderte lebhafter. Richtig drehte
Guste sich um, und Magda konnte sagen: „Frau Oberinspektor,
hier stelle ich Ihnen meinen Bräutigam Herrn
Kienast vor.“ Der Bräutigam ward gemustert und schien
zu entsprechen, denn Guste, mit der Diederich zwei Schritte
zurückblieb, fragte nicht ohne Achtung: „Wo haben Sie
ihn denn hergenommen?“ Diederich scherzte. „Ja, so
nah wie Sie, findet nicht jede den ihren. Aber dafür solider.“
– „Fangen Sie schon wieder an?“ rief Guste,
aber ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick
und seufzte dabei leicht. „Meiner ist ja immer Gott weiß
wo. Man kommt sich vor wir die reine Witwe.“ Gedankenvoll
sah sie Magda nach, die an Kienasts Arm hing.
Diederich gab zu bedenken: „Wer tot ist, kann es auch
bleiben. Es gibt noch genug Lebendige.“ Dabei drängte
er Guste bis an die Häuserwand und sah ihr werbend ins
Gesicht; und wirklich, ihr liebes, dickes Gesicht ward einen
Augenblick lang gewährend.
</p>

<p>
Leider war Schweinichenstraße 77 schon erreicht, und
man nahm Abschied. Da hinter dem Sachsentor alles aus
war, kehrten die Geschwister mit Herrn Kienast wieder um.
<pb n='216'/><anchor id='Pgp0216'/>Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten ruhte, sagte
ermunternd zu Diederich: „Nun, was meinst du?“ –
worauf er rot ward und schnaufte. „Was ist da zu meinen“,
brachte er hervor, und Magda lachte.
</p>

<p>
In der leeren, stark dämmernden Straße kam ihnen
jemand entgegen. „Ist das nicht –?“ fragte Diederich,
ohne Überzeugung. Aber die Figur näherte sich: dick,
offenbar noch jung, mit einem großen, weichen Hut, sonst
elegant, und die Füße setzte er einwärts. „Wahrhaftig,
Wolfgang Buck!“ Er dachte enttäuscht: „Und Guste
stellt sich, als wäre er am Ende der Welt. Das Lügen muß
ich ihr austreiben!“
</p>

<p>
„Da sind Sie ja“ – der junge Buck schüttelte Diederich
die Hand. „Das freut mich.“ – „Mich auch“, erwiderte
Diederich, trotz der Enttäuschung mit Guste, und er machte
seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt. Buck
stattete seine Glückwünsche ab, dann trat er mit Diederich
hinter die beiden anderen. „Sie wollten gewiß zu Ihrer
Braut?“ bemerkte Diederich. „Sie ist zu Hause, wir haben
sie hinbegleitet.“ – „So?“ machte Buck und zuckte die
Achseln. „Nun, ich finde sie immer noch“, sagte er phlegmatisch.
„Vorläufig bin ich froh, daß ich Ihnen mal wieder
begegnet bin. Unser Gespräch in Berlin, unser einziges,
nicht wahr – es war so anregend.“
</p>

<p>
Auch Diederich fand dies jetzt – obwohl es ihn damals
nur geärgert hatte. Er war ganz belebt durch das Wiedersehen.
„Ja, meinen Gegenbesuch bin ich Ihnen schuldig
geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin
immer dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit.
Öde, wie? Zu denken, daß man hier sein Leben verbringen
soll“ – und Diederich zeigte die kahle Häuserreihe
hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich
ge<pb n='217'/><anchor id='Pgp0217'/>bogenen Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen
schien er sie zu kosten, und er machte tiefsinnende Augen.
„Ein Leben in Netzig“, sagte er ganz langsam. „Nun ja,
es kommt darauf hinaus. Unsereiner ist nicht in der Lage,
bloß für seine Sensationen zu leben. Übrigens gibt es
auch hier welche.“ Er lächelte verdächtig. „Der Wachtposten
hat bis sehr hoch hinauf Sensation gemacht.“
</p>

<p>
„Ach so –“ Diederich streckte den Bauch vor. „Sie
wollen schon wieder nörgeln. Ich stelle fest, daß ich in der
Sache durchaus auf seiten Seiner Majestät stehe.“
</p>

<p>
Buck winkte ab. „Lassen Sie nur. Ich kenne ihn.“
</p>

<p>
„Ich noch besser“, behauptete Diederich. „Wer ihm, wie
ich, ganz allein und Aug’ in Auge gegenüber gestanden hat,
im Tiergarten vorigen Februar, nach dem großen Krawall,
und dies Auge blitzen gesehen hat, dies Fritzenauge,
sag’ ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft.“
</p>

<p>
„Auf unsere Zukunft – weil ein Auge geblitzt hat.“
Bucks Mund und Wangen sanken schwer melancholisch
herab. Diederich stieß Luft durch die Nase. „Ich weiß
schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Persönlichkeit.
Sonst wären Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden.“
</p>

<p>
„Schließlich könnte ich es mir leisten. Gewiß. Geradeso
gut wie er –. Wenn auch weniger begünstigt von den
äußeren Umständen.“
</p>

<p>
Sein Ton ward lebhafter und überzeugter. „Worauf es
für jeden persönlich ankommt, ist nicht, daß wir in der Welt
wirklich viel verändern, sondern daß wir uns ein Lebensgefühl
schaffen, als täten wir es. Dazu ist nur Talent
nötig, und das hat er.“
</p>

<p>
Diederich war beunruhigt, er sah sich um. „Wir sind
hier zwar unter uns, die Herrschaften dort vor uns haben
Wichtigeres zu besprechen, aber ich weiß doch nicht –“
</p>

<pb n='218'/><anchor id='Pgp0218'/>

<p>
„Daß Sie immer glauben, ich habe was gegen ihn. Er
ist mir wahrhaftig nicht unsympathischer, als ich mir selbst
bin. Ich hätte an seiner Stelle den Gefreiten Lück und
unseren Netziger Wachtposten genau so ernst genommen.
Wäre das noch eine Macht, die nicht bedroht wäre? Erst
wenn es einen Umsturz gibt, fühlt man sich. Was würde
aus ihm, wenn er sich sagen müßte, daß die Sozialdemokratie
gar nicht ihn meint, sondern höchstens eine etwas
praktischere Verteilung dessen, was verdient wird.“
</p>

<p>
„Oho!“ machte Diederich.
</p>

<p>
„Nicht wahr? Das würde Sie empören. Und ihn auch.
Neben den Ereignissen hergehen, die Entwicklung nicht beherrschen,
sondern in ihr mit einbegriffen sein: ist das zu
ertragen?... Im Innern unbeschränkt! – und dabei
außerstande, auch nur Haß zu erregen anders als durch
Worte und Gesten. Denn woran halten sich die Nörgler?
Was ist Ernstliches geschehen? Auch der Fall Lück ist nur
wieder eine Geste. Sinkt die Hand, ist alles wie zuvor:
aber Darsteller und Publikum haben eine Sensation gehabt.
Und nur darauf, mein lieber Heßling, kommt es uns
allen heute an. Er selbst, den wir meinen, wäre am erstauntesten,
glauben Sie es mir, wenn der Krieg, den er
immerfort an die Wand malt, oder die Revolution, die er
sich hundertmal vorgespielt hat, einmal wirklich ausbräche.“
</p>

<p>
„Darauf werden Sie nicht lange zu warten brauchen!“
rief Diederich. „Und dann sollen Sie sehen, daß alle
national Gesinnten treu und fest zu ihrem Kaiser stehen!“
</p>

<p>
„Gewiß.“ Buck zuckte immer häufiger die Achseln.
„Das ist die übliche Wendung, wie er selbst sie vorgeschrieben
hat. Worte laßt ihr euch von ihm vorschreiben, und
die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es jetzt wird.
Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht
tat<pb n='219'/><anchor id='Pgp0219'/>bereit. Um seine Erlebnisfähigkeit zu üben, muß man vor
allem leben, und die Tat ist so lebensgefährlich.“
</p>

<p>
Diederich richtete sich auf. „Wollen Sie den Vorwurf
der Feigheit vielleicht in Verbindung bringen mit –?“
„Ich habe kein moralisches Urteil ausgesprochen. Ich habe
eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte erwähnt, die uns
alle angeht. Übrigens sind wir zu entschuldigen. Für den
auf der Bühne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er
hat sie durchgeführt. Was will die Wirklichkeit noch von
ihm? Sie wissen wohl nicht, wen die Geschichte als den
repräsentativen Typus dieser Zeit nennen wird?“
</p>

<p>
„Den Kaiser!“ sagte Diederich.
</p>

<p>
„Nein“, sagte Buck. „Den Schauspieler.“
</p>

<p>
Da schlug Diederich ein Gelächter an, daß dort vorn das
Brautpaar auseinanderfuhr und sich umwandte. Aber
man war auf dem Theaterplatz, es wehte eisig hinüber;
sie gingen weiter.
</p>

<p>
„Na ja,“ brachte Diederich hervor, „ich hätte mir gleich
sagen können, wie Sie auf das verrückte Zeug gekommen sind.
Sie haben doch mit dem Theater zu tun.“ Er klopfte Buck
auf die Schulter. „Sind Sie am Ende schon selbst dabei?“
</p>

<p>
Buck bekam unruhige Augen; der Hand, die ihn klopfte,
entzog er sich mit einer Wendung, die Diederich unkameradschaftlich
fand. „Ich? Ach nein“, sagte Buck; und nachdem beide
bis zur Gerichtsstraße unzufrieden geschwiegen
hatten: „Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in
Netzig bin.“
</p>

<p>
„Wahrscheinlich Ihrer Braut wegen.“
</p>

<p>
„Das wohl auch. Vor allem aber habe ich die Verteidigung
meines Schwagers Lauer übernommen.“
</p>

<p>
„Sie sind –? Im Prozeß Lauer –?“ Es nahm Diederich
den Atem, er blieb stehen.
</p>

<pb n='220'/><anchor id='Pgp0220'/>

<p>
„Nun ja“, sagte Buck und zuckte die Achseln. „Wundert
Sie das? Seit kurzem bin ich beim Landgericht Netzig als
Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein Vater Ihnen nicht
davon gesprochen?“
</p>

<p>
„Ich sehe Ihren Herrn Vater selten ... Ich gehe nur
wenig aus. Meine Berufspflichten ... Diese Verlobung ...“
Diederich verlor sich in Gestammel. „Dann müssen Sie
ja schon oft –. Wohnen Sie vielleicht schon ganz hier?“
</p>

<p>
„Nur vorläufig – glaube ich.“
</p>

<p>
Diederich raffte sich zusammen. „Ich muß sagen: ich habe
Sie schon öfter nicht ganz verstanden – aber so wenig doch
noch nie wie jetzt, wo Sie mit mir durch halb Netzig gehen.“
</p>

<p>
Buck blinzelte ihn an. „Obwohl ich in der Verhandlung
morgen Verteidiger bin und Sie der Hauptbelastungszeuge?
Das ist doch nur Zufall. Die Rollen könnten auch
umgekehrt verteilt sein.“
</p>

<p>
„Bitte sehr!“ Diederich entrüstete sich. „Jeder steht
auf seinem Platz. Wenn Sie vor Ihrem Beruf keine
Achtung haben –“
</p>

<p>
„Achtung? Was heißt das? Ich freue mich auf die Verteidigung,
das leugne ich nicht. Ich werde loslegen, man
soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor, werde ich unangenehme
Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich
nichts übelnehmen, es gehört zu meiner Wirkung.“
</p>

<p>
Diederich bekam Furcht. „Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt,
kennen Sie denn meine Aussage? Sie ist für
Lauer durchaus nicht ungünstig.“
</p>

<p>
„Das lassen Sie meine Sorge sein.“ Bucks Miene ward
beängstigend ironisch.
</p>

<p>
Und damit war man in der Meisestraße. „Der Prozeß!“
dachte Diederich schnaufend. In den Aufregungen der
letzten Tage hatte er ihn vergessen, jetzt war es, als sollte
<pb n='221'/><anchor id='Pgp0221'/>man sich von heute auf morgen beide Beine abschneiden
lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also absichtlich
nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick
sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete
sich von Buck, bevor sie beim Haus waren. Daß
nur Kienast nichts merkte! Buck schlug vor, noch irgendwohin
zu gehen. „Es zieht Sie wohl nicht besonders zu
Ihrer Braut?“ fragte Diederich. – „Augenblicklich hab’
ich mehr Lust auf einen Kognak.“ – Diederich lachte höhnisch.
„Darauf scheinen Sie immer Lust zu haben.“ Damit
nur Kienast nichts erfahre, kehrte er nochmals mit Buck
um. „Sehen Sie,“ begann Buck unvermutet, „meine
Braut: die gehört auch zu meinen Fragen an das Schicksal.“
Und da Diederich „wieso“ fragte: „Wenn ich nämlich
wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste
Daimchen bei mir vollkommen an ihrem Platz. Aber weiß
ich das? Für – andere Fälle, die in meiner Existenz eintreten
könnten, habe ich nun drüben in Berlin noch eine
zweite Verbindung ...“
</p>

<p>
„Ich habe gehört: eine Schauspielerin.“ Diederich errötete
für Buck, der das so zynisch eingestand. „Das heißt,“
stammelte er, „ich will nichts gesagt haben.“
</p>

<p>
„Also, Sie wissen“, schloß Buck. „Jetzt ist die Sache die,
daß ich vorläufig dort hänge und mich um Guste nicht
so viel bekümmern kann, wie ich müßte. Möchten Sie
sich da nicht des guten Mädchens ein wenig annehmen?“
fragte er harmlos und gelassen.
</p>

<p>
„Ich soll –“
</p>

<p>
„Sozusagen den Kochtopf hier und da ein bißchen umrühren,
worin ich Wurst und Kohl am Feuer zu stehen
habe – indes ich selbst noch draußen beschäftigt bin. Wir
haben doch Sympathie füreinander.“
</p>

<pb n='222'/><anchor id='Pgp0222'/>

<p>
„Danke“, sagte Diederich kühl. „So weit reicht meine
Sympathie allerdings nicht. Beauftragen Sie sonst jemand.
Ich denke denn doch etwas ernster über das Leben.“
Und er ließ Buck stehen.
</p>

<p>
Außer der Unmoral des Menschen empörte ihn seine
würdelose Vertraulichkeit, nachdem sie noch soeben in Anschauung
und Praxis sich wieder einmal als Gegner erwiesen
hatten. Unleidlich, so einer, aus dem man nicht
klug ward! „Was hat er morgen gegen mich vor?“
</p>

<p>
Daheim machte er sich Luft. „Ein Mensch wie eine Qualle!
Und von einem geistigen Dünkel! Gott behüte unser Haus
vor solcher alles zerfressenden Überzeugungslosigkeit; sie
ist in einer Familie das sichere Zeichen des Niedergangs!“
Er vergewisserte sich, daß Kienast wirklich noch am Abend
reisen mußte. „Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht
zu schreiben haben“, sagte er unvermittelt und lachte.
„Meinetwegen mag in der Stadt Mord und Brand sein,
ich bleibe in meinem Kontor und bei meiner Familie.“
</p>

<p>
Kaum aber war Kienast fort, stellte er sich vor Frau
Heßling hin. „Nun? Wo ist die Vorladung, die für mich
gekommen ist auf morgen zu Gericht?“ Sie mußte zugeben,
daß sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe. „Er
sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber
Sohn.“ Aber Diederich ließ keine Beschönigung gelten.
„Ach was: lieber Sohn. Aus Liebe zu mir wird wohl das
Essen immer schlechter, außer wenn fremde Leute da sind;
und das Haushaltungsgeld geht für euren Firlefanz drauf.
Meint ihr, ich fall’ euch auf den Schwindel ’rein, daß
Magda ihre Spitzenbluse selbst gemacht haben soll? Das
könnt ihr dem Esel erzählen!“ Magda erhob Einspruch
gegen die Beleidigung ihres Verlobten, aber es half ihr
nicht. „Schweig lieber still! Dein Pelzjackett ist auch
<pb n='223'/><anchor id='Pgp0223'/>halb gestohlen. Ihr steckt mit dem Dienstmädchen zusammen.
Wenn ich sie nach Rotwein schicke, bringt sie
billigeren, und den Rest behaltet ihr ...“
</p>

<p>
Die drei Frauen entsetzten sich, worauf Diederich noch
lauter schrie. Emmi behauptete, er sei bloß darum so wild,
weil er sich morgen vor der ganzen Stadt blamieren solle.
Da konnte Diederich nur noch einen Teller auf den Boden
schleudern. Magda stand auf, ging zur Tür und rief
zurück: „Ich brauche dich gottlob nicht mehr!“ Sofort war
Diederich hinterdrein. „Gib bitte acht, was du redest!
Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst du es allein
mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Bräutigam hat
um deine Mitgift geschachert, daß es schon nicht mehr
schön war. Du bist überhaupt bloß Zugabe!“
</p>

<p>
Hier fühlte er eine heftige Ohrfeige, und bevor er zu
Atem kam, war Magda in ihrem Zimmer und hatte abgesperrt.
Diederich rieb sich, jäh verstummt, die Wange.
Dann entrüstete er sich wohl noch; aber eine Art von Genugtuung
überwog. Die Krisis war vorüber.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
In der Nacht hatte er sich fest vorgenommen, mit einiger
Verspätung bei Gericht einzutreffen und durch sein ganzes
Auftreten zu zeigen, wie wenig die Geschichte ihn angehe.
Aber es hielt ihn nicht; als er das Verhandlungszimmer,
das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort noch bei
einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner
schwarzen Robe einen ungemein drohenden Anblick bot,
war eben damit beschäftigt, für einen kaum erwachsenen
Menschen aus dem Volk zwei Jahre Arbeitshaus zu verlangen.
Das Gericht gewährte ihm freilich nur eins, aber
der jugendliche Verurteilte brach in ein solches Geheul
aus, daß es Diederich, angstvoll, wie er selbst gestimmt
<pb n='224'/><anchor id='Pgp0224'/>war, vor Mitleid übel ward. Er begab sich hinaus und
betrat eine Toilette, obwohl an der Tür stand: Nur für
den Herrn Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch
Jadassohn. Wie er Diederich sah, wollte er sich wieder
zurückziehen, aber Diederich fragte sofort, was das denn
sei, ein Arbeitshaus, und was so ein Zuhälter dort tue.
Jadassohn erklärte: „Wenn wir uns darum auch noch
kümmern müßten!“ und war schon draußen. Diederichs
Inneres zog sich noch mehr zusammen unter dem Gefühl
eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat
zwischen Jadassohn, der hier die Macht vertrat, und ihm
selbst, der sich zu nahe ihrem Räderwerk gewagt hatte.
Es war aus frommer Absicht geschehen, in übergroßer
Verehrung der Macht: gleichviel, jetzt hieß es sich besonnen
verhalten, damit sie einen nicht ergriff und zermalmte;
sich ducken und ganz klein machen, bis man ihr vielleicht
doch noch entrann. Wer erst wieder dem Privatleben gehörte!
Diederich versprach sich, fortan ganz seinem geringen,
aber wohlverstandenen Vorteil zu leben.
</p>

<p>
Draußen im Korridor standen jetzt Leute: ein minder
gutes Publikum und auch das beste. Die fünf Töchter
Buck, herausgeputzt, als sei der Prozeß ihres Schwagers
Lauer die größte Ehre für die Familie, schnatterten in
einer Gruppe mit Käthchen Zillich, ihrer Mutter und der
Frau Bürgermeister Scheffelweis. Die Schwiegermutter
dagegen ließ den Bürgermeister nicht los, und aus den
Blicken, die sie nach dem Bruder des Herrn Buck und
seinen Freunden Cohn und Heuteufel schleuderte, war zu
ersehen, daß sie ihn gegen die Sache der Bucks einnahm.
Der Major Kunze, in Uniform, stand mit finsterer Miene
dabei und enthielt sich jeder Äußerung. Gerade erschien
auch Pastor Zillich mit Professor Kühnchen; aber beim
<pb n='225'/><anchor id='Pgp0225'/>Anblick der zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem
Pfeiler. Der Redakteur Nothgroschen seinerseits ging
grau und unbeachtet von den einen zu den anderen. Vergebens
suchte Diederich jemand, an den er sich hätte halten
können. Jetzt bereute er, daß er es den Seinen verboten
hatte, herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der
Biegung des Korridors, und streckte nur vorsichtig den
Kopf heraus. Plötzlich zog er ihn zurück: Guste Daimchen
mit ihrer Mutter! Sie ward sofort von den Töchtern Buck
umringt, als eine kostbare Verstärkung ihrer Partei.
Gleichzeitig ging dahinten eine Tür, und Wolfgang Buck
trat auf, in Barett und Robe, und darunter Lackschuhe,
die er sehr einwärts setzte. Er lächelte festlich, wie bei
einem Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut
küßte er sie. Es werde sehr schön werden, verhieß er; der
Staatsanwalt sei gut disponiert, er selbst auch. Dann
begab er sich zu den von ihm geladenen Zeugen, um mit
ihnen zu flüstern. In diesem Augenblick verstummte man,
denn in der Mündung der Treppe erschien der Angeklagte
Herr Lauer und neben ihm seine Frau. Die Bürgermeisterin
fiel ihr um den Hals: wie sie tapfer sei! „Was ist
dabei?“ erwiderte sie mit tiefer, klangreicher Stimme.
„Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?“ Lauer
sagte: „Gewiß nicht, Judith.“ Gerade jetzt aber ging der
Landgerichtsrat Fritzsche vorbei. Ein Schweigen entstand;
wie er und die Tochter des alten Buck sich begrüßten,
blinzelte man einander zu, und die Schwiegermutter
des Bürgermeisters machte eine Bemerkung, halblaut,
aber sie war ihr von den Augen zu lesen.
</p>

<p>
Diederich auf seinem schattigen Posten war von Wolfgang
Buck entdeckt worden. Buck zog ihn hervor und führte
ihn zu seiner Schwester. „Liebe Judith, ich weiß nicht, ob
<pb n='226'/><anchor id='Pgp0226'/>du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn Doktor
Heßling. Heute wird er uns vernichten.“ Aber Frau
Lauer lachte nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gruß
nicht, sie sah ihn nur an mit rücksichtsloser Neugier. Es
war schwer, diesen dunklen Blick auszuhalten, und ward
noch schwerer, weil sie so schön war. Diederich fühlte, wie
das Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen irrten ab, er
stammelte: „Der Herr Rechtsanwalt scherzt wohl. In
der Sache muß ein Irrtum vorliegen ...“ Da zogen in
dem weißen Gesicht die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel
sanken ausdrucksvoll herab, und Judith Lauer
wandte Diederich den Rücken.
</p>

<p>
Ein Gerichtsdiener zeigte sich; Wolfgang Buck ging,
seinen Schwager Lauer zur Seite, in das Verhandlungszimmer;
und da die Tür nicht eben freigebig geöffnet
ward, stießen alle einander in Hast hindurch, das minder
gute Publikum ward von dem besten überwältigt. Die
Unterröcke der fünf Schwestern Buck rauschten heftig bei
dem Kampf. Diederich gelangte als letzter hinein und
mußte sich auf der Zeugenbank neben den Major Kunze
setzen, der sofort ein Stück wegrückte. Landgerichtsdirektor
Sprezius, anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erklärte
von dort oben die Sitzung für eröffnet und rief die
Zeugen auf, um ihnen den Ernst des Eides in Erinnerung
zu bringen – wobei Diederich sofort ein Gesicht bekam
wie ehemals in der Religionsstunde. Landgerichtsrat
Harnisch ordnete Akten und sah sich im Publikum nach
seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte Landgerichtsrat
Kühlemann, der das Krankenzimmer verlassen
und seinen Platz zur Linken des Vorsitzenden eingenommen
hatte. Man fand ihn schlecht aussehen, die Schwiegermutter
des Bürgermeisters wollte wissen, er werde
<pb n='227'/><anchor id='Pgp0227'/>sein Reichstagsmandat niederlegen – und wohin ging
das viele Geld, wenn er starb? Bei den Zeugen drückte
Pastor Zillich die Hoffnung aus, der Alte werde seine Millionen
für einen Kirchenbau bestimmen; aber Professor
Kühnchen bezweifelte es, mit durchdringender Flüsterstimme.
„Der gibt auch nach’m Tode nischt her, der hat
immer gedacht, man muß das Seine zusammennähm,
und womöglich den andern ihr’s auch ...“ Da entließ
der Vorsitzende die Zeugen aus dem Sitzungssaal.
</p>

<p>
Sie fanden sich, da kein Zeugenzimmer vorhanden war,
im Korridor wieder zusammen. Die Herren Heuteufel,
Cohn und Buck <hi rend='antiqua'>junior</hi> nahmen eine Fensternische ein;
Diederich, unter dem wütenden Blick des Majors, dachte
peinvoll: „Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wüßte
ich, was er sagt. Ich möchte ihn ebenso gern entlasten wie
ihr!“ Vergebens versuchte er gegenüber Pastor Zillich
seine milde Gesinnung zu beteuern: er habe immer gesagt,
die Sache sei aufgebauscht worden. Zillich wandte sich
verlegen weg, und Kühnchen pfiff, davonlaufend, durch
die Zähne: „Na warte nur, mein Schibbchen, dir wer’n
mer das Handwerk legen.“ Stumm lastete die allgemeine
Mißbilligung auf Diederich. Endlich erschien der Gerichtsdiener.
„Herr Doktor Heßling!“
</p>

<p>
Diederich riß sich zusammen, um nur in kommentmäßiger
Haltung an den Zuschauern vorbeizukommen. Er sah
krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau Lauer lag jetzt
auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig. Links
neben dem Beisitzer, der seine Nägel betrachtete, stand
drohend aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters
hinter ihm schien durch seine abstehenden Ohren, die blutig
leuchteten, und seine Miene heischte von Diederichs eine so
leichenhafte Gefügigkeit, daß Diederichs Blick die Flucht
<pb n='228'/><anchor id='Pgp0228'/>ergriff. Rechts, vor dem Angeklagten und etwas tiefer,
fand er Wolfgang Buck sitzen, nachlässig, mit den Fäusten
auf den fetten Schenkeln, von denen die Robe zurückfiel,
und so gescheit und aufmunternd anzusehen, als vertrete
er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor Sprezius
sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei
Worte zur Zeit und mit Herablassung. Diederich schwor
folgsam; dann sollte er den Hergang der Dinge an jenem
Abend im Ratskeller berichten. Er begann.
</p>

<p>
„Wir waren eine angeregte Gesellschaft, drüben am
Tisch saßen auch Herren ...“
</p>

<p>
Da er schon steckenblieb, ward im Publikum gelacht.
Sprezius fuhr auf, er hackte mit dem Geierschnabel zu
und drohte, er werde den Saal räumen lassen. „Sonst
wissen Sie nichts?“ fragte er unwirsch. Diederich gab zu
bedenken, infolge geschäftlicher und anderer Aufregungen
hätten sich ihm die Vorgänge inzwischen etwas verwirrt.
„Dann werde ich Ihnen zur Auffrischung des Gedächtnisses
Ihre Aussage vor dem Untersuchungsrichter vorlesen“
– und der Vorsitzende ließ sich das Protokoll reichen.
Daraus erfuhr Diederich zu seiner peinlichen Verwunderung,
er habe vor dem Untersuchungsrichter Landgerichtsrat
Fritzsche die bestimmte Angabe gemacht, daß
von seiten des Angeklagten eine schwere Beleidigung
Seiner Majestät des Kaisers gefallen sei. Was er darüber
zu äußern habe. „Es kann wohl sein,“ stammelte er; „aber
es waren viele Herren da. Ob es nun gerade der Angeklagte
war, der das gesagt hat ...“ Sprezius beugte
sich über den Richtertisch. „Denken Sie nach, Sie stehen
hier unter Ihrem Eid. Andere Zeugen werden bekunden,
daß Sie ganz allein auf den Angeklagten zugetreten sind
und das betreffende Gespräch mit ihm geführt haben.“ –
</p>

<pb n='229'/><anchor id='Pgp0229'/>

<p>
„War ich das?“ fragte Diederich, rot übergossen. Da
lachte unaufhaltsam der ganze Saal; Jadassohn sogar verzog
das Gesicht zu einem verachtungsvollen Feixen. Sprezius
hatte schon den Mund geöffnet, um loszufahren: aber
Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit
einem sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich:
„Sie waren an dem Abend wohl stark angetrunken?“
Sofort fielen Staatsanwalt und Vorsitzender über ihn
her. „Ich beantrage, die Frage nicht zuzulassen!“ rief
Jadassohn schrill. „Herr Verteidiger,“ krächzte Sprezius,
„Sie haben nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann
an den Zeugen richte, ist meine Sache!“ Aber die beiden,
Diederich sah es staunend, hatten einen entschlossenen
Gegner gefunden. Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller
Rednerstimme beanstandete er das Verhalten des
Vorsitzenden, das die Rechte der Verteidigung verletze,
und beantragte Gerichtsbeschluß darüber, ob ihm gemäß
der Strafprozeßordnung das direkte Fragerecht an den
Zeugen zustehe. Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb
ihm nichts übrig, als mit den vier Richtern rückwärts im
Beratungszimmer zu verschwinden. Buck sah sich triumphierend
um; seine Cousinen bewegten die Hände wie
zum Applaus; aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten,
und man sah, wie der alte Buck seinem Sohn ein
Zeichen der Mißbilligung gab. Der Angeklagte seinerseits,
zornige Erregung im apoplektischen Gesicht, schüttelte seinem
Verteidiger die Hand. Diederich, der allen Blicken
ausgesetzt war, gab sich Haltung und hielt Umschau. Aber
ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur der alte Buck
winkte wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen.
Er bemühte sich sogar aus der engen Tribüne heraus,
um Diederich seine weiche, weiße Hand zu geben.
<pb n='230'/><anchor id='Pgp0230'/>„Ich danke Ihnen, lieber Freund“, sagte er. „Sie haben
die Sache so behandelt, wie sie es verdient.“ Und Diederich
in seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts
der Güte des großen Mannes. Erst nachdem Herr
Buck sich wieder auf seinen Platz begeben hatte, fiel es
Diederich ein, daß er ihm hier ja die Geschäfte besorgte!
Und auch sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht so
schlapp, wie Diederich gedacht hatte. Die politischen Gespräche
hatte er augenscheinlich nur geführt, um sie hier
gegen ihn auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue,
die gab es in der Welt nicht, auf niemand konnte man sich
verlassen. „Soll ich mich hier noch lange von allen Seiten
anöden lassen?“
</p>

<p>
Zum Glück kehrte der Gerichtshof zurück. Der alte
Kühlemann wechselte mit dem alten Buck einen bedauernden
Blick, und Sprezius verlas, mit merklicher Selbstbeherrschung,
den Beschluß. Ob der Verteidiger das Recht
der direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn
die Frage selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen?
ward als nicht zur Sache gehörig abgelehnt. Darauf
fragte der Vorsitzende, ob der Herr Staatsanwalt noch
eine Frage an den Zeugen zu richten habe. „Vorläufig
nicht,“ sagte Jadassohn mit Geringschätzung, „aber ich
beantrage, den Zeugen noch nicht zu entlassen.“ Und
Diederich durfte sich setzen. Jadassohn erhob die Stimme.
„Außerdem beantrage ich die sofortige Vorladung des
Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der darüber aussagen
soll, wie die Gesinnung des Zeugen Heßling gegen den
Angeklagten früher war.“ Diederich erschrak – im Zuschauerraum
aber wandte man sich nach Judith Lauer um:
sogar die beiden Assessoren am Richtertisch sahen hin ...
Jadassohn bekam bewilligt, was er wollte.
</p>

<pb n='231'/><anchor id='Pgp0231'/>

<p>
Dann wurde Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und
sollte seinerseits über die kritische Nacht berichten. Er erklärte,
die Eindrücke hätten sich damals überstürzt und sein
christliches Gewissen schwer bedrängt, denn just an jenem
Abend sei in den Straßen von Netzig Blut geflossen, wenn
auch zu einem patriotischen Zweck. „Das gehört nicht hierher!“
entschied Sprezius – und eben jetzt betrat den
Saal der Regierungspräsident Herr von Wulckow, im
Jagdanzug, mit großen, kotigen Stiefeln. Alles sah sich
um, der Vorsitzende machte auf seinem Sitz eine Verbeugung,
und Pastor Zillich zitterte. Vorsitzender und Staatsanwalt
drangen abwechselnd auf ihn ein, Jadassohn sagte
sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher Hinterhältigkeit:
„Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf die
Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders
aufmerksam zu machen.“ Da knickte Zillich ein und
gab zu, daß er die dem Angeklagten vorgeworfene Äußerung
allerdings gehört habe. Der Angeklagte sprang auf
und schlug mit der Faust auf die Bank. „Ich habe den
Namen des Kaisers gar nicht genannt! Ich habe mich
gehütet!“ Sein Verteidiger beruhigte ihn mit einem
Wink und sagte: „Wir werden den Beweis erbringen, daß
nur die provokatorische Absicht des Zeugen Dr. Heßling
den Angeklagten zu seinen, hier falsch wiedergegebenen
Äußerungen veranlaßt hat.“ Vorläufig bitte er den Herrn
Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darüber zu befragen,
ob er nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdrücklich
gegen die Hetzereien des Zeugen Heßling gerichtet gewesen
sei. Pastor Zillich stammelte, er habe nur im allgemeinen
zum Frieden geraten und damit seiner Pflicht
als Vertreter der Religion genügt. Jetzt wollte Buck etwas
anderes wissen. „Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings
<pb n='232'/><anchor id='Pgp0232'/>ein Interesse daran, sich mit dem Hauptbelastungszeugen
Doktor Heßling gut zu stellen, weil nämlich seine Tochter
–.“ Schon fuhr Jadassohn dazwischen: er protestiere
gegen die Stellung der Frage. Sprezius rügte sie als unzulässig,
und auf der Tribüne entstand ein mißbilligendes
Gemurmel weiblicher Stimmen. Der Regierungspräsident
beugte sich über die Bank zum alten Buck und sagte
deutlich: „Ihr Sohn macht ja nette Zicken!“
</p>

<p>
Inzwischen war der Zeuge Kühnchen aufgerufen. Der
kleine Greis stürmte in den Saal, seine Brillen funkelten;
schon von der Tür schrie er seine Personalien herüber, und
die Eidesformel sagte er geläufig her, ohne sie sich vorsprechen
zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen
Aussage zu bewegen, als daß an jenem Abend die Wogen
der nationalen Begeisterung hochgegangen seien. Zuerst
die glorreiche Tat des Postens! Dann der herrliche Brief
Seiner Majestät mit dem Bekenntnis zum positiven
Christentum! „Wie der Krach war mit dem Angeklagten?
Ja, meine Herren Richter, davon weeß ’ch Sie nischt. Da
hab’ ’ch grade ä bißchen geschlummert.“ – „Aber nachher
ist doch von der Sache geredet worden!“ verlangte der
Vorsitzende. „Ich nicht!“ rief Kühnchen. „Ich hab’ eegal
von unsern glorreichen Taten im Jahre siebzig gered’t.
Die Franktiröhrs! hab ’ch gesagt, das war Sie eene Bande.
Mein steifer Finger, da hat mich ä Franktiröhr draufgebissen,
bloß weil ich ihm mit mei’m Säbel ä kleenes
bißchen die Kehle abschneiden wollte! So eene Gemeinheit
von dem Kerl!“ Und Kühnchen wollte den Finger am
Richtertisch umherzeigen. „Abtreten!“ krächzte Sprezius;
und er drohte wieder einmal mit der Räumung des Saals.
</p>

<p>
Major Kunze trat auf: steif, wie auf Rädern, und den
Eid leistete er in einem Ton, als stieße er gegen Sprezius
<pb n='233'/><anchor id='Pgp0233'/>schwere Beleidigungen aus. Darauf erklärte er kurzweg,
daß er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun habe; er
sei erst später in den Ratskeller gekommen. „Ich kann nur
sagen, das Verhalten des Herrn Doktor Heßling riecht mir
nach Denunziantentum.“
</p>

<p>
Aber seit einer Weile roch es im Saal nach etwas anderem.
Niemand wußte, woher es kam, auf der Tribüne
mißtraute man einander und rückte, das Taschentuch am
Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte
in die Luft, und der alte Kühlemann, dessen Kinn
schon längst auf seiner Brust lag, rührte sich im Schlaf.
</p>

<p>
Wie Sprezius ihm vorhielt, die Herren, die ihm damals
die Vorgänge berichtet hätten, seien doch nationale Männer
gewesen, erwiderte der Major nur, das sei ihm gleich,
den Herrn Doktor Heßling habe er gar nicht gekannt. Da
aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer
Stimme wie ein Messer sagte er: „Herr Zeuge, ich richte
an Sie die Frage, ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht
um so besser kennen. Wollen Sie sich darüber äußern, ob
er Ihnen nicht noch vor acht Tagen hundert Mark geliehen
hat.“ Vor Schrecken ward es ganz still im Saal,
und alles starrte auf den Major in Uniform, der dastand
und an seiner Antwort stammelte. Jadassohns Kühnheit
machte Eindruck. Unverweilt nutzte er seinen Erfolg aus
und erreichte von Kunze, daß er zugab, die Entrüstung
der Nationalgesinnten über Lauers Äußerungen sei echt
gewesen, auch seine eigene. Zweifellos habe der Angeklagte
Seine Majestät gemeint. – Hier hielt Wolfgang
Buck sich nicht mehr. „Da der Herr Vorsitzende unnötig
findet, es zu rügen, wenn der Herr Staatsanwalt seine
eigenen Zeugen beleidigt, kann es auch uns gleich sein!“
Sofort hackte Sprezius nach ihm. „Herr Verteidiger! Das
<pb n='234'/><anchor id='Pgp0234'/>ist meine Sache, was ich rüge und was nicht!“ – „Eben
das stelle ich fest“, fuhr Buck unbeirrt fort. „Zur Sache
selbst behaupten wir nach wie vor und werden durch
Zeugen beweisen, daß der Angeklagte den Kaiser gar
nicht gemeint hat.“ „Ich habe mich gehütet!“ rief der
Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: „Sollte dies dennoch
als wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den
Herausgeber des Gothaischen Almanachs darüber als
Sachverständigen zu vernehmen, welche deutsche Fürsten
jüdisches Blut haben.“ Damit setzte er sich wieder, befriedigt
von dem Rauschen der Sensation, das durch den
Saal ging. Ein dröhnender Baß sagte: „Unerhört!“
Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch rechtzeitig,
wer es gewesen war: Wulckow! Sogar Kühlemann war
davon erwacht. Der Gerichtshof steckte die Köpfe zusammen,
dann verkündete der Vorsitzende, der Antrag
des Verteidigers werde abgelehnt, da ein Wahrheitsbeweis
nicht zulässig sei. Kundgebung der Mißachtung genüge
zum Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine
feisten Wangen senkten sich in kindlicher Traurigkeit. Es
ward gekichert, die Schwiegermutter des Bürgermeisters
lachte ungeniert. Diederich auf seiner Zeugenbank war
ihr dankbar. Er fühlte, angstvoll lauschend, wie die öffentliche
Meinung einlenkte und ganz leise denen näher kam,
die geschickter waren und die Macht hatten. Er tauschte
einen Blick mit Jadassohn.
</p>

<p>
Der Redakteur Nothgroschen war dran. Grau und unauffällig
war er plötzlich da und funktionierte glatt, wie ein
Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte, wunderte sich:
so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wußte alles, belastete
den Angeklagten auf das schwerste und redete fließend,
als sage er einen Leitartikel her; höchstens daß zwischen
<pb n='235'/><anchor id='Pgp0235'/>den Absätzen der Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit
Anerkennung, wie einem Musterschüler. Buck, der sich
erholt hatte, hielt ihm die Stellungnahme der „Netziger
Zeitung“ für Lauer vor. Darauf erwiderte der Redakteur:
„Wir sind ein liberales, also unparteiisches Blatt. Wir
geben die Stimmung wieder. Da aber jetzt und hier die
Stimmung dem Angeklagten ungünstig ist –.“ Er mußte
sich draußen im Korridor darüber informiert haben! Buck
nahm eine ironische Stimme an. „Ich stelle fest, daß der
Zeuge eine etwas sonderbare Auffassung seiner Eidespflicht
bekundet.“ Aber Nothgroschen war nicht einzuschüchtern.
„Ich bin Journalist,“ erklärte er, und er setzte
hinzu: „Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen
des Verteidigers zu schützen.“ Sprezius ließ
sich nicht bitten; und er entließ den Redakteur in Gnaden.
</p>

<p>
Es schlug zwölf; Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam,
daß der Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur
Verfügung des Gerichts halte. Er ward aufgerufen – und
kaum, daß er sich in der Tür zeigte, gingen alle Augen hin
und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war noch
bleicher geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter
begleitete, vergrößerte sich noch, er bekam etwas stumm
Eindringliches; aber Fritzsche vermied ihn. Auch ihn fand
man schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete
Entschlossenheit. Diederich stellte fest, daß er von seinen zwei
Gesichtern für diese Gelegenheit das trockene gewählt hatte.
</p>

<p>
Welche Eindrücke er während der Voruntersuchung von
dem Zeugen Heßling gewonnen habe? Der Zeuge hatte
seine Aussage durchaus freiwillig und selbständig gemacht,
in Form einer durch das frische Erlebnis noch bewegten
Auseinandersetzung. Die Zuverlässigkeit des Zeugen, die
Fritzsche an der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte
<pb n='236'/><anchor id='Pgp0236'/>nachprüfen können, stand außer allem Zweifel. Daß der
Zeuge heute kein deutliches Erinnerungsbild mehr hatte,
war nur durch die Erregung des Augenblicks zu erklären ...
Und der Angeklagte? – Hier hörte man den Saal aufhorchen.
Fritzsche schluckte hinunter. Auch der Angeklagte
hatte persönlich einen eher günstigen Eindruck auf ihn
gemacht, trotz der vielen belastenden Momente.
</p>

<p>
„Halten Sie, bei widerstreitenden Zeugenaussagen, den
Angeklagten des ihm zur Last gelegten Delikts fähig?“
fragte Sprezius.
</p>

<p>
Fritzsche erwiderte: „Der Angeklagte ist ein gebildeter
Mann; ausdrücklich beleidigende Worte zu gebrauchen,
wird er sich gehütet haben.“
</p>

<p>
„Das sagt der Angeklagte selbst“, bemerkte der Vorsitzende
streng. Fritzsche sprach schneller. Der Angeklagte
war durch seine bürgerliche Wirksamkeit gewöhnt, Autorität
mit fortschrittlichen Neigungen zu verbinden. Er
hielt sich offenbar für einsichtsvoller und zur Kritik berechtigter
als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar,
daß er in gereiztem Zustand – und durch die Erschießung
des Arbeiters von seiten des Wachtpostens hatte
er sich gereizt gefühlt – seinen politischen Anschauungen
einen Ausdruck gab, der, ob äußerlich vielleicht auch einwandfrei,
die beleidigende Absicht hindurchschimmern ließ.
</p>

<p>
Hier sah man den Vorsitzenden und den Staatsanwalt
aufatmen. Die Landgerichtsräte Harnisch und Kühlemann
warfen Blicke auf das Publikum, durch das eine lebhafte
Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt noch
seine Nägel; der rechts aber, ein junger Mann mit nachdenklichem
Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er
gleich vor sich hatte. Die Hände des Angeklagten waren
krampfig um die Brüstung seiner Bank gespannt, und die
<pb n='237'/><anchor id='Pgp0237'/>Augen, hervortretende braune Augen, richtete er auf seine
Frau. Sie aber sah unverwandt auf Fritzsche, halbgeöffneten
Mundes, wie abwesend, mit einem Ausdruck von
Leiden, Scham und Schwäche. Die Schwiegermutter des
Bürgermeisters äußerte deutlich: „Und zwei Kinder hat
sie zu Hause.“ Plötzlich schien Lauer das Geflüster um ihn
her zu bemerken, alle diese Blicke, die wegsahen, wenn er
sie streifte. Er sank zusammen, sein stark gerötetes Gesicht
entleerte sich so jäh vom Blut, daß der junge Assessor erschreckt
auf seinem Stuhl rückte.
</p>

<p>
Diederich, dem es immer wohler ward, war wahrscheinlich
der einzige, der dem Dialog zwischen dem Vorsitzenden
und dem Untersuchungsrichter noch folgte. Dieser Fritzsche!
Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die Sache
aus guten Gründen anfangs peinlicher gewesen. Hatte er
nicht auf Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige
Einwirkung geübt? Und das protokollierte Ergebnis von
Diederichs Aussage war nun dennoch schwer belastend,
und Fritzsches eigenes Zeugnis erst recht. Er war nicht
weniger rücksichtslos vorgegangen als Jadassohn. Seine
engen und besonderen Beziehungen zum Hause Lauer
hatten keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu entfremden,
die ihm oblag, dem Schutze der Macht. Nichts
Menschliches hielt stand vor der Macht. Welche Lehre für
Diederich ... Auch Wolfgang Buck empfing sie, auf
seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit einer
Miene, als müßte er sich erbrechen.
</p>

<p>
Wie der Untersuchungsrichter mit Drehungen des Körpers,
die nicht unbefangen wirkten, auf den Ausgang zusteuerte,
ward lauter geflüstert. Die Schwiegermutter des Bürgermeisters
sagte, mit dem Lorgnon nach der Frau des Angeklagten
zielend: „Eine nette Gesellschaft!“ Man widersprach
<pb n='238'/><anchor id='Pgp0238'/>ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem Schicksal
zu überlassen. Guste Daimchen biß sich auf die Lippe, Käthchen
Zillich schickte einen raschen Senkblick zu Diederich.
Dr. Scheffelweis beugte sich hinüber zu dem Haupt der
Familie Buck, drückte ihm die Hand und sagte süß: „Ich
hoffe, lieber Freund und Gönner, alles wird noch gut.“
</p>

<p>
Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener: „Lassen Sie
mal den Zeugen Cohn ’rein!“ Die Reihe war an den
Entlastungszeugen! Der Vorsitzende schnupperte in die
Luft. „Hier riecht es aber schlecht“, bemerkte er. „Krecke,
machen Sie hinten ein Fenster auf!“ Und er suchte mit den
Augen unter dem minder guten Publikum, das dort oben
eng gedrängt saß. Dagegen war auf den unteren Bänken
freier Raum, und der freieste um den Regierungspräsidenten
von <anchor id="corr238"/><corr sic="Wulckowin">Wulckow in</corr> seiner verschwitzten Jagdjoppe....
Das geöffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies, bewirkte
Murren unter den auswärtigen Journalisten, die
dort hinten verstaut saßen. Aber Sprezius richtete nur den
Schnabel gegen sie: da duckten sie sich in ihre Rockkragen.
</p>

<p>
Jadassohn sah siegesgewiß dem Zeugen entgegen.
Sprezius ließ ihn eine Weile reden, dann räusperte Jadassohn
sich; er hielt einen Akt in der Hand. „Zeuge Cohn,“
begann er, „Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen
bestehenden Warenhauses seit 1889?“ Und unvermittelt:
„Geben Sie zu, daß gleich damals einer Ihrer Lieferanten,
ein gewisser Lehmann, sich in Ihren Lokalitäten
durch Erschießen das Leben genommen hat?“ Und mit
dämonischer Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die
Wirkung seiner Worte war außerordentlich. Cohn begann
zu zappeln und nach Luft zu schnappen. „Die alte
Verleumdung!“ kreischte er. „Er hat es doch gar nicht
meinetwegen getan! Er war unglücklich verheiratet! Mit
<pb n='239'/><anchor id='Pgp0239'/>der Geschichte haben die Leute mich schon einmal kaputt
gemacht, und nun fängt der Mann wieder an!“ Auch der
Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu.
Der Herr Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des
Ausdrucks Verleumdung nehme das Gericht den Zeugen
in eine Ordnungsstrafe von fünfzig Mark. Damit war
Cohn erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward vernommen.
Ihn fragte Jadassohn geradeheraus: „Zeuge
Buck, Sie haben ein notorisch schlechtgehendes Geschäft,
wovon leben Sie?“ Hier entstand ein solches Gemurmel,
daß Sprezius schnell eingriff: „Herr Staatsanwalt, gehört
das wirklich zur Sache?“ Aber Jadassohn war allem
gewachsen. „Herr Vorsitzender, die Anklagebehörde hat
ein Interesse, den Nachweis zu erbringen, daß der Zeuge
sich in wirtschaftlicher Abhängigkeit von seinen Verwandten,
besonders aber von seinem Schwager, dem Angeklagten,
befindet. Die Glaubwürdigkeit des Zeugen ist danach
zu bemessen.“ Der lange, elegante Herr Buck stand mit
gesenktem Kopf da. „Das genügt“, erklärte Jadassohn;
und Sprezius entließ diesen Zeugen. Seine fünf Töchter
rückten unter den Blicken der Menge auf ihrer Bank zusammen
wie eine Lämmerherde im Unwetter. Das minder
gute Publikum der oberen Reihen lachte feindselig.
Sprezius bat wohlwollend um Ruhe und ließ sich den
Zeugen Heuteufel kommen.
</p>

<p>
Wie nun Heuteufel die Hand zum Schwur hob, schleuderte
Jadassohn ihm die seine mit einem dramatischen
Wurf entgegen.
</p>

<p>
„Ich möchte zunächst an den Zeugen die Frage richten,
ob er zugibt, die das Delikt der Majestätsbeleidigungen
darstellenden Äußerungen durch seine Zustimmung begünstigt
und noch verschärft zu haben.“ Heuteufel
er<pb n='240'/><anchor id='Pgp0240'/>widerte: „Ich gebe gar nichts zu“, – worauf Jadassohn
ihm seine Aussage im Vorverhör entgegenhielt. Mit erhobener
Stimme: „Ich beantrage Gerichtsbeschluß darüber,
daß die Beeidigung dieses Zeugen unterbleiben
soll, weil er der Teilnahme am Delikt verdächtig ist.“ Noch
schneidender: „Die Gesinnung des Zeugen darf als gerichtsnotorisch
gelten. Der Zeuge gehört zu den von Seiner
Majestät dem Kaiser mit Recht so genannten vaterlandslosen
Gesellen. Überdies befleißigt er sich in regelmäßigen
Versammlungen, die er als Sonntagsfeiern für
freie Menschen bezeichnet, der Verbreitung des krassesten
Atheismus, wodurch seine Tendenzen gegenüber einem
christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert sind.“
Und Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes
Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf,
lächelte skeptisch und meinte, die religiösen Überzeugungen
des Herrn Staatsanwalts seien offenbar von mönchischer
Strenge, es könne ihm nicht zugemutet werden, daß er
einen Nichtchristen für glaubwürdig halte. Das Gericht
aber werde wohl anderer Meinung sein und den Antrag
des Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs Jadassohn
furchtbar empor. Wegen der Verhöhnung seiner Person
beantragte er gegen den Verteidiger eine Ordnungsstrafe
von hundert Mark! Der Gerichtshof zog sich zur Beratung
zurück. Sofort brach im Saal ein aufgeregtes Durcheinander
von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die Hände
in die Taschen und maß mit langen Blicken Jadassohn, der,
dem Schutze des Gerichts entzogen, von Panik ergriffen
ward und gegen die Wand wich. Diederich war es, der
ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn Staatsanwalt
leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon
kehrten die Richter zurück. Die Beeidigung des Zeugen
<pb n='241'/><anchor id='Pgp0241'/>Heuteufel ward vorerst ausgesetzt. Der Verteidiger war
wegen Verhöhnung des Herrn Staatsanwalts in eine Ordnungsstrafe
von achtzig Mark genommen.
</p>

<p>
In das weitere Verhör Heuteufels griff der Verteidiger
ein, der vom Zeugen wissen wollte, wie er, als intimer
Bekannter des Angeklagten, sein Familienleben beurteile.
Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal rauschte
es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage
zuließ? Er hatte schon den Mund geöffnet, um sie abzulehnen,
begriff aber noch rechtzeitig, daß man einer
Sensation nicht ausweichen dürfe – worauf Heuteufel
den mustergültigen Zuständen im Hause Lauer hohes Lob
spendete. Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend
vor Ungeduld. Endlich konnte er, mit namenlosem Triumph
in der Stimme, seine Frage stellen. „Will der
Zeuge sich auch darüber äußern, welcher Art die Weiber
sind, aus deren Bekanntschaft er persönlich die Kenntnis
des Familienlebens schöpft, und ob er nicht in einem gewissen
Hause verkehrt, das im Volksmund Klein-Berlin
heißt?“ Und noch im Sprechen vergewisserte er sich, daß
die Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter,
tief verletzte Gesichter bekamen. Der Hauptentlastungszeuge
war vernichtet! Heuteufel versuchte noch zu antworten:
„Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir
sind uns dort wohl begegnet.“ Aber das diente nur dazu,
daß Sprezius ihm eine Ordnungsstrafe von fünfzig Mark
auferlegen konnte. „Der Zeuge hat im Saal zu bleiben“,
entschied der Vorsitzende schließlich. „Das Gericht braucht
ihn noch zur weiteren Aufklärung des Tatbestandes.“
Heuteufel äußerte: „Ich meinerseits bin aufgeklärt über
den Betrieb hier und würde es vorziehen, das Lokal zu
verlassen.“ Sofort wurden aus den fünfzig Mark hundert.
</p>

<pb n='242'/><anchor id='Pgp0242'/>

<p>
Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen
schienen die Stimmung im Saal zu schmecken, sie verzogen
sich, als äußerte sich die Stimmung in diesem merkwürdigen
Geruch, der seit das Fenster geschlossen war, sich
wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn
hereinbegleitet hatten, zersprengt und abgestumpft, seine
Kampfmittel unnütz verbraucht; und das Gähnen der vom
Hunger in die Länge gezogenen Gesichter, die Ungeduld
der Richter, die nach der Uhr schielten, verhieß ihm nichts
Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und
er machte seine Stimme energisch, um die Vorladung weiterer
Zeugen für die Nachmittagssitzung zu beantragen.
„Da der Herr Staatsanwalt es zum System erhebt, die
Glaubwürdigkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir
bereit, den guten Leumund des Angeklagten zu beweisen
durch die Aussagen der ersten Männer von Netzig. Kein
Geringerer als Herr Bürgermeister Dr. Scheffelweis wird
dem Gericht die bürgerlichen Verdienste des Angeklagten
bezeugen. Der Herr Regierungspräsident von Wulckow
wird nicht umhin können, ihm seine staatsfreundliche und
kaisertreue Gesinnung zu bestätigen.“
</p>

<p>
„Nanu“, sagte dahinten aus dem freien Raum der dröhnende
Baß. Buck strengte seine Stimme an.
</p>

<p>
„Für die sozialen Tugenden des Angeklagten aber
werden seine sämtlichen Arbeiter eintreten.“
</p>

<p>
Und Buck setzte sich, hörbar keuchend. Jadassohn bemerkte
kalt: „Der Herr Verteidiger beantragt eine Volksabstimmung.“
Die Richter berieten flüsternd; und Sprezius
verkündete: das Gericht gebe nur dem Antrage des
Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Bürgermeisters
Dr. Scheffelweis beziehe. Da der Bürgermeister
im Saal war, wurde er sogleich aufgerufen.
</p>

<pb n='243'/><anchor id='Pgp0243'/>

<p>
Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und
Schwiegermutter hielten ihn von beiden Seiten fest und
gaben ihm hastig Forderungen mit, die einander widersprechen
mußten, denn der Bürgermeister langte sichtlich
verstört am Richtertisch an. Welche Gesinnung der Angeklagte
in der bürgerlichen <anchor id="corr243"/><corr sic="Offentlichkeit">Öffentlichkeit</corr> betätigte?
Dr. Scheffelweis wußte Gutes darüber zu bekunden. So
hatte der Angeklagte sich in den städtischen Kollegien eingesetzt
für die Wiederherstellung des altberühmten Pfaffenhauses,
wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlich
Dr. Martin Luther dem Teufel aus dem Schwanz
gerissen hatte. Freilich, auch den Saalbau der „Freien
Gemeinde“ hatte er unterstützt und dadurch unleugbar
viel Anstoß erregt. Im Geschäftsleben sodann genoß der
Angeklagte die allgemeine Achtung; die sozialen Reformen,
die er in seiner Fabrik eingeführt hatte, wurden vielfach
bewundert, – wenn freilich auch dagegen eingewendet
ward, daß sie die Ansprüche der Arbeiter ins ungemessene
steigerten und so den Umsturz vielleicht doch
zu befördern geeignet waren. „Würde der Herr Zeuge“,
fragte der Verteidiger, „den Angeklagten des ihm zur
Last gelegten Delikts für fähig halten?“ – „Einerseits“,
erwiderte Scheffelweis, „gewiß nicht.“ – „Aber andererseits?“
fragte der Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte:
„Andererseits gewiß.“
</p>

<p>
Nach dieser Antwort durfte der Bürgermeister sich zurückziehen;
seine zwei Damen empfingen ihn, eine so unzufrieden
wie die andere; und der Vorsitzende schickte sich
an, die Sitzung aufzuheben, da räusperte Jadassohn sich.
Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Heßling zu
vernehmen, der seine Aussage zu ergänzen wünsche. Sprezius
klappte mißgelaunt mit den Lidern, das Publikum,
<pb n='244'/><anchor id='Pgp0244'/>das soeben aus den Bänken herausrutschte, murrte laut;
– aber Diederich war schon vorgetreten, festen Schrittes,
und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen.
Nach reiflicher Überlegung sei er zu der Einsicht gelangt,
daß er seine im Vorverhör gemachte Aussage vollinhaltlich
aufrechterhalten könne; und er wiederholte sie, aber verschärft
und erweitert. Er fing mit der Erschießung des Arbeiters
an und gab die kritischen Bemerkungen der Herren
Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuhörer, die das Fortgehen
vergessen hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnungen
über die blutbetropfte Kaiser-Wilhelm-Straße bis
in den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen sich bis zum
Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem
Degen unter den gotischen Kronleuchter vorrücken und
den Angeklagten herausfordern auf Leben und Tod.
</p>

<p>
„Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht länger,
ich habe ihn herausgefordert! Wird er das Wort sprechen,
an dem ich ihn packen kann? Er sprach es und, meine
Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit nur
meine Pflicht erfüllt und würde sie auch heute wieder
erfüllen, mögen mir daraus in gesellschaftlicher und geschäftlicher
Beziehung selbst noch mehr Nachteile erwachsen,
als ich in der letzten Zeit zu ertragen gehabt habe! Der
uneigennützige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein
Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt betätigen,
mag ihm angesichts der Menge der Feinde gelegentlich
auch der Mut sinken. Als ich vorhin mit meiner Aussage
noch zögerte, war es nicht nur, wie der Untersuchungsrichter
mir gütigst zubilligte, eine Verwirrung des Gedächtnisses:
es war, ich gestehe es, ein vielleicht begreifliches
Zurückweichen vor der Schwere des Kampfes, den
ich auf mich nehmen sollte. Aber ich nehme ihn auf mich,
<pb n='245'/><anchor id='Pgp0245'/>denn kein Geringerer als Seine Majestät unser erhabener
Kaiser verlangt es von mir ...“ Diederich sprach fließend
weiter, mit einem Schwung in den Sätzen, der einem den
Atem nahm. Jadassohn fand, daß der Zeuge anfange, die
Wirkungen seines Plaidoyers vorwegzunehmen, und
blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber dachte
offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit
unbewegtem Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen,
sah er auf Diederichs eiserne Miene, worin es drohend
blitzte. Der alte Kühlemann sogar ließ die Lippe hängen
und hörte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt auf seinem
Stuhl, spähte er zu Diederich hinauf, gespannt, sachkundig
und die Augen voll eines feindlichen Entzückens.
Das war eine Volksrede! Ein Auftritt von bombensicherer
Wirkung! Ein Schlager! „Mögen unsere Bürger“,
rief Diederich, „endlich aus dem Schlummer erwachen,
in dem sie sich so lange gewiegt haben, und nicht bloß dem
Staat und seinen Organen die Bekämpfung der umwälzenden
Elemente überlassen, sondern selbst mit Hand anlegen!
Das ist Befehl Seiner Majestät und, meine Herren
Richter, da sollte ich zögern? Der Umsturz erhebt das
Haupt, eine Rotte von Menschen, nicht wert den Namen
Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte Person des
Monarchen in den Staub zu ziehen ...“
</p>

<p>
Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius
hackte zu und drohte den Lacher in Strafe zu nehmen.
Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius freilich nicht
mehr möglich, den Zeugen zu unterbrechen.
</p>

<p>
In Netzig hatte der kaiserliche Kampfruf bisher leider
nur zu wenig Widerhall gefunden! Hier verschloß man
Augen und Ohren vor der Gefahr, man verharrte in den
veralteten Anschauungen einer spießbürgerlichen
Demo<pb n='246'/><anchor id='Pgp0246'/>kratie und Humanität, die den vaterlandslosen Feinden
der göttlichen Weltordnung den Weg ebneten. Eine
forsche nationale Gesinnung, einen großzügigen Imperialismus
begriff man hier noch nicht. „Die Aufgabe der
modern gesinnten Männer ist es, auch Netzig dem neuen
Geist zu erobern, im Sinne unseres herrlichen jungen
Kaisers, der jeden Treugesinnten, er sei edel oder unfrei,
zum Handlanger seines erhabenen Wollens bestellt hat!“
Und Diederich schloß: „Daher, meine Herren Richter, war
ich berechtigt, dem Angeklagten, als er nörgeln wollte,
mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Ich habe
ohne persönlichen Groll gehandelt, um der Sache willen.
Sachlich sein heißt deutsch sein! Und ich meinerseits“ –
er blitzte zu Lauer hinüber – „bekenne mich zu meinen
Handlungen, denn sie sind der Ausfluß eines tadellosen
Lebenswandels, der auch im eigenen Hause auf Ehre hält
und weder Lüge noch Sittenlosigkeit kennt!“
</p>

<p>
Große Bewegung im Saal. Diederich, hingerissen von
der edlen Gesinnung, die er ausdrückte, berauscht durch
seine Wirkung, fuhr fort, den Angeklagten anzublitzen. Da
aber wich er zurück: der Angeklagte, zitternd und wankend,
stemmte sich am Geländer seiner Bank empor; er hatte
rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte
sich, als habe ihn der Schlag gerührt. „Oh!“ machten weibliche
Stimmen, voll erwartungsvollen Schauderns. Aber
der Angeklagte hatte nur Zeit, einige rauhe Laute gegen
Diederich auszustoßen: sein Verteidiger hatte ihn am Arm
erfaßt und redete auf ihn ein. Inzwischen verkündete der
Vorsitzende, daß der Herr Staatsanwalt sein Plaidoyer
um vier Uhr beginnen werde, und verschwand samt den
Beisitzern. Diederich, halb betäubt, sah sich auf einmal
bestürmt von Kühnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn
<pb n='247'/><anchor id='Pgp0247'/>beglückwünschten. Fremde Leute schüttelten ihm die
Hand: die Verurteilung sei todsicher, der Lauer dürfe einpacken.
Der Major Kunze erinnerte den erfolgreichen
Diederich daran, daß zwischen ihnen niemals eine Meinungsverschiedenheit
entstanden sei. Auf dem Korridor
kam ganz nahe an Diederich, den gerade eine Menge
Damen umgaben, der alte Buck vorüber. Er zog seine
schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem jungen
Mann ins Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern,
die Diederich wider Willen machte, ihm immer ins Gesicht,
mit einem Blick, prüfend und traurig, so traurig,
daß auch Diederich, mitten aus seinem Triumph heraus,
ihm traurig nachsah.
</p>

<p>
Plötzlich merkte er, daß die fünf Töchter Buck sich nicht
entblödeten, ihm Komplimente zu machen. Sie flatterten,
rauschten und fragten, warum er denn zu der spannenden
Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht
habe. Da maß er diese fünf herausgeputzten Gänse, eine
nach der anderen, von oben bis unten und erklärte ihnen,
streng und abweisend, es gäbe Dinge, die denn doch ernster
seien als eine Theatervorstellung. Erstaunt ließen sie ihn
stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt erschien noch Guste
Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich zu.
Aber Wolfgang Buck holte sie ein, lächelnd, als sei nichts
geschehen; und mit ihm waren der Angeklagte und seine
Frau. Schnell sandte Guste zu Diederich einen Blick hin,
der sein Zartgefühl anrief. Er drückte sich hinter einen
Pfeiler und ließ, indes ihm das Herz klopfte, die Geschlagenen
vorüber.
</p>

<p>
Wie er gehen wollte, trat aus dem Amtszimmer der
Regierungspräsident, Herr von Wulckow. Diederich stellte
sich, den Hut in der Hand, am Wege auf, schlug im
rich<pb n='248'/><anchor id='Pgp0248'/>tigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich,
Wulckow blieb stehen. „Na also!“ sagte er aus der Tiefe
seines Bartes und klopfte Diederich auf die Schulter. „Sie
haben das Rennen gemacht. Sehr brauchbare Gesinnung.
Wir sprechen uns noch.“ Und er ging weiter auf
seinen kotigen Stiefeln, schwenkte den Bauch in der verschwitzten
Jagdhose und hinterließ, durchdringend wie je,
diesen Geruch gewalttätiger Männlichkeit, der bei allem,
was geschah, im Gerichtssaal gelagert hatte.
</p>

<p>
Beim Ausgang drunten hielt sich noch immer der Bürgermeister
auf, mit Frau und Schwiegermutter, die von beiden
Seiten auf ihn eindrangen, und deren Forderungen er,
bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen suchte.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Zu Hause wußten sie schon alles. Sie hatten, alle drei,
im Vestibül auf das Ende der Verhandlung gewartet und
sich von Meta Harnisch erzählen lassen, was vorging.
Frau Heßling umarmte ihren Sohn unter stummen
Tränen. Die Schwestern standen etwas betreten dabei,
denn noch gestern hatten sie nur Geringschätzung gehabt
für Diederichs Rolle im Prozeß, die sich nun als so glänzend
erwies. Aber Diederich, in der schönen Vergeßlichkeit des
Sieges, ließ Wein zum Essen auftragen, und er erklärte
ihnen, der heutige Tag sichere für alle Zeit ihre gesellschaftliche
Stellung in Netzig. „Die fünf Damen Buck
werden sich hüten, auf der Straße wegzusehen. Sie können
froh sein, wenn ihr sie zurückgrüßt!“ Die Verurteilung
des Lauer war, so versicherte Diederich, nur mehr
eine Formalität. Sie war entschieden, und mit ihr auch
Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! „Freilich –“ und
er nickte in sein Glas – „trotz voller Pflichterfüllung hätte
es schief gehen können, und dann, meine Lieben, das
<pb n='249'/><anchor id='Pgp0249'/>wollen wir uns nur gestehen, dann wäre ich wahrscheinlich
aufgeflogen und Magdas Heirat mit!“ Da Magda erbleichte,
klopfte er ihr den Arm. „Jetzt sind wir fein heraus.“
Und das Glas erhoben, mit männlicher Festigkeit:
„Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!“ Er ordnete
an, daß beide sich schön machten und mitkämen. Frau
Heßling bat um Nachsicht, sie fürchtete zu sehr die Aufregung.
Diesmal konnte Diederich warten, die Schwestern
durften sich anziehen, so lange sie mochten. Als sie
eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren nicht
dieselben. Sämtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste
Daimchen, Heuteufel, Cohn, die ganze Loge, der freisinnige
Wahlverein. Sie gaben sich besiegt! Die Stadt
wußte es, man drängte sich herbei, ihre Niederlage zu
erleben; das minder gute Publikum war vorgerückt bis
in die vorderen Bänke. Wer von dem einstigen Klüngel
sich noch hier fand, Kühnchen und Kunze trugen Sorge,
daß jeder auf ihren Gesichtern die gute Gesinnung lese.
Auch einige verdächtige Gestalten freilich saßen dazwischen:
junge Leute mit müden, aber ausdrucksvollen Mienen,
samt mehreren auffallenden Mädchen, die unheimlich
schöne Farben im Gesicht hatten; und alle tauschten Grüße
mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich
nicht entblödet, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen!
</p>

<p>
Der Angeklagte wandte hastig den Kopf, sooft jemand
eintrat. Er wartete auf seine Frau! „Wenn er meint,
daß sie noch kommt!“ dachte Diederich. Aber da kam sie:
noch bleicher als heute früh, begrüßte ihren Gatten mit
einem Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende
einer Bank und richtete die Augen geradeaus nach dem
Richtertisch, stumm und stolz, wie ins Schicksal ... Der
Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der Vorsitzende
<pb n='250'/><anchor id='Pgp0250'/>eröffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Herrn
Staatsanwalt.
</p>

<p>
Jadassohn begann sofort mit äußerster Heftigkeit; nach
einigen Sätzen fand er schon keine Steigerung mehr und
wirkte matt; die Mitglieder des Stadttheaters lächelten
einander geringschätzig zu. Jadassohn bemerkte es, er
fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog; seine
Stimme überschlug sich, und die Ohren loderten. Die
geschminkten Mädchen fielen auf die Brüstung ihrer Bank,
so ausgelassen kicherten sie. „Merkt denn Sprezius
nichts?“ fragte die Schwiegermutter des Bürgermeisters.
Aber das Gericht schlief. Diederich in seinem Herzen
frohlockte; er hatte seine Rache an Jadassohn! Jadassohn
konnte nichts vorbringen, als womit er selbst schon das
Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wußte
Wulckow, und auch Sprezius wußte es, darum schlief
er, mit offenen Augen. Jadassohn selbst fühlte es am
besten; er nahm sich immer unsicherer aus, je geräuschvoller
er ward. Als er schließlich zwei Jahre Gefängnis
beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm
unrecht: wie es schien, auch die Richter. Der alte Kühlemann
schrak auf, mit einem Schnarcher. Sprezius
klappte mehrmals die Lider, um sich zu ermuntern, und
dann sagte er: „Der Herr Verteidiger hat das Wort.“
</p>

<p>
Wolfgang Buck erhob sich langsam. Seine sonderbaren
Freunde auf der Tribüne murmelten beifällig, was
Buck trotz Sprezius’ geschärftem Schnabel in Ruhe abwartete.
Dann erklärte er leichthin, als werde er mit allem
in zwei Minuten fertig werden, daß die Beweisaufnahme
ein dem Angeklagten durchaus günstiges Bild ergeben
habe. Der Herr Staatsanwalt vertrete mit Unrecht die
Anschauung, daß die Aussage von Zeugen, die erst infolge
<pb n='251'/><anchor id='Pgp0251'/>drohender Eingriffe in ihre eigene Existenz schlecht ausgesagt
hätten, irgendeinen Wert habe. Vielmehr sie habe
den Wert, daß sie auf geradezu glänzende Weise die Unschuld
des Angeklagten belege, da so viele als wahrheitsliebend
bekannte Männer nur durch eine Erpressung –.
Weiter kam er natürlich nicht. Als der Vorsitzende sich
beruhigt hatte, fuhr Buck gelassen fort. Wolle man aber
als erwiesen annehmen, daß der Angeklagte die ihm zur
Last gelegte Äußerung wirklich getan habe, so entfalle
hier doch der Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge
Doktor Heßling habe offen eingestanden, daß er den Angeklagten
mit Absicht und Vorbedacht provoziert habe.
Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge Heßling,
durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche geistige
Urheber einer strafbaren Handlung sei, die er mit der unwillkürlichen
Hilfe eines anderen und unter bewußter Ausnutzung
seiner Erregung vollführt habe. Der Verteidiger
empfahl dem Herrn Staatsanwalt die nähere Beschäftigung
mit dem Zeugen Heßling. Hier wandten viele sich
nach Diederich um, und ihm ward schwül. Aber die wegwerfende
Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn wieder.
</p>

<p>
Buck machte sein Organ milde und warm. Nein, er
wolle nicht das Unglück des Zeugen Heßling, den er als
das Opfer eines weit Höheren betrachte. „Warum
häufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen Majestätsbeleidigung?
Man wird sagen: infolge solcher Vorgänge
wie die Erschießung des Arbeiters. Ich erwidere:
nein; sondern dank den Reden, die diese Vorgänge begleiten.“
Sprezius rückte den Kopf, wetzte schon den
Schnabel, zog sich aber noch zurück. Buck ließ sich nicht
stören; er machte sein Organ männlich und stark.
</p>

<p>
„Drohungen und überspannte Ansprüche auf der einen
<pb n='252'/><anchor id='Pgp0252'/>Seite zeitigen Zurückweisungen auf der anderen. Der
Grundsatz: wer nicht für mich ist, ist wider mich, zieht
eine grelle Grenze zwischen Byzantinern und Majestätsbeleidigern.“
</p>

<p>
Da hackte Sprezius zu. „Herr Verteidiger, ich kann
nicht dulden, daß Sie an Worten des Kaisers hier Kritik
üben. Wenn Sie damit fortfahren, wird das Gericht Sie
in Ordnungsstrafe nehmen.“
</p>

<p>
„Ich füge mich der Anordnung des Herrn Vorsitzenden“,
sagte Buck, und die Worte wurden in seinem Munde
immer runder und gewichtiger. „Ich werde also nicht
vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich
formt; nicht von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom
Zeugen Heßling. Sie haben ihn gesehen! Ein Durchschnittsmensch
mit gewöhnlichem Verstand, abhängig von
Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die
Dinge schlecht für ihn standen, und von großem Selbstbewußtsein,
sobald sie sich gewendet hatten.“
</p>

<p>
Diederich auf seinem Platz schnaufte. Warum schützte
Sprezius ihn nicht? Es wäre seine Pflicht gewesen!
Einen nationalgesinnten Mann ließ er in öffentlicher
Sitzung verächtlich machen – von wem? Vom Verteidiger,
dem berufsmäßigen Vertreter der subversiven
Tendenzen! Da war etwas faul im Staat!... Es begann
in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah. Das war
der Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern!
Diese beleidigende Menschlichkeit in Bucks dickem
Profil! Man fühlte seine herablassende Liebe zu den
Worten, die er bildete, um Diederich zu kennzeichnen!
</p>

<p>
„Wie er“, sagte Buck, „waren zu jeder Zeit viele Tausende,
die ihr Geschäft versahen und eine politische Meinung
hatten. Was hinzukommt und ihn zu einem neuen
<pb n='253'/><anchor id='Pgp0253'/>Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des
Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persönlichkeit,
das Wirkenwollen um jeden Preis, wäre er
auch von anderen zu bezahlen. Die Andersdenkenden
sollen Feinde der Nation heißen, und wären sie zwei
Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen
durch Romantik. Eine romantische Prostration
vor einem Herrn, der seinem Untertan von seiner Macht
das Nötige leihen soll, um die noch kleineren niederzuhalten.
Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder
den Herrn noch den Untertan gibt, erhält das öffentliche
Leben einen Anstrich schlechten Komödiantentums. Die
Gesinnung trägt Kostüm, Reden fallen, wie von Kreuzrittern,
indes man Blech erzeugt oder Papier; und das
Pappschwert wird gezogen für einen Begriff wie den
der Majestät, den doch kein Mensch mehr, außer in
Märchenbüchern, ernsthaft erlebt. Majestät ...“ wiederholte
Buck, das Wort durchschmeckend, und einige Hörer
schmeckten es mit. Die Leute vom Theater, denen es
offenbar mehr auf die Worte als auf den Sinn ankam,
legten die Hand an die Ohren und murmelten beifällig.
Den anderen sprach Buck zu gewählt, und daß er an keinen
Dialekt anklang, befremdete. Aber Sprezius war im
Sessel emporgestiegen, er kreischte beutegierig: „Herr
Verteidiger, zum letzten Male fordere ich Sie auf, die
Person des Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen.“
Durch das Publikum lief eine Bewegung. Wie Buck
den Mund wieder öffnete, versuchte jemand zu klatschen,
Sprezius hackte noch rechtzeitig zu. Es war eins der
auffallenden Mädchen gewesen.
</p>

<p>
„Erst der Herr Vorsitzende“, sagte Buck, „hat die Person
des Monarchen genannt. Aber, da sie nun genannt
<pb n='254'/><anchor id='Pgp0254'/>ist, darf ich, ohne Verlegenheit für das Gericht, feststellen,
daß diese Person durch die Vollständigkeit, mit der sie
im heute gegebenen Moment die Tendenzen des Landes
ausdrückt und darstellt, etwas fast Verehrungswürdiges
bekommt. Ich will den Kaiser – und der Herr Vorsitzende
wird es nicht auf sich nehmen, mich zu unterbrechen
– einen großen Künstler nennen. Kann ich
mehr tun? Wir alle kennen nichts Höheres ... Ebendarum
sollte es nicht erlaubt sein, daß jeder mittelmäßige
Zeitgenosse ihm nachäfft. Im Glanz des Thrones mag
einer seine zweifellos einzige Persönlichkeit spielen lassen,
mag reden, ohne daß wir mehr von ihm erwarten
als Reden, mag blitzen, blenden, den Haß imaginärer
Rebellen herausfordern und den Beifall eines Parterres,
das seine bürgerliche Wirklichkeit darüber nicht vergißt ...“
</p>

<p>
Diederich erbebte; und alle hatten die Münder offen
und gespannte Augen, als bewegte Buck sich auf einem
Seil zwischen zwei Türmen. Ob er stürzte? Sprezius hielt
den Schnabel gezückt. Aber kein Zug von Ironie zeichnete
die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin
auf wie eine erbitterte Begeisterung. Plötzlich ließ er die
Mundwinkel fallen, grau schien es um ihn her zu werden.
</p>

<p>
„Aber ein Netziger Papierfabrikant?“ fragte er. Er war
nicht gestürzt, er hatte wieder Boden unter den Füßen!
Nun sah alles sich nach Diederich um, und man lächelte
sogar. Auch Emmi und Magda lächelten. Buck hatte
seine Wirkung, und Diederich mußte sich leider sagen,
daß ihr gestriges Gespräch auf der Straße hierfür die
Generalprobe gewesen sei. Er duckte sich unter dem offenen
Hohn des Redners.
</p>

<p>
„Die Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine
Rolle anzumaßen, für die sie nicht fabriziert sind. Zischen
<pb n='255'/><anchor id='Pgp0255'/>wir sie aus! Sie haben kein Talent! Das ästhetische
Niveau unseres öffentlichen Lebens, das vom Auftreten
Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erhöhung erfahren
hat, kann durch Kräfte wie den Zeugen Heßling
nur verlieren ... Und mit dem Ästhetischen, meine
Herren Richter, sinkt oder steigt das Moralische. Erlogene
Ideale ziehen unlautere Sitten nach sich, dem politischen
Schwindel folgt der bürgerliche.“
</p>

<p>
Buck hatte sein Organ streng gemacht. Zum ersten
Male erhob er es nun bis zum Pathos.
</p>

<p>
„Denn, meine Herren Richter, ich beschränke mich nicht
auf die mechanistische Doktrin, die der Partei des sogenannten
Umsturzes so teuer ist. Mehr Veränderung
als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das Beispiel
eines großen Mannes. Und wehe, wenn es ein
falsch verstandenes Beispiel war! Dann kann es geschehen,
daß über das Land sich ein neuer Typus verbreitet, der in
Härte und Unterdrückung nicht den traurigen Durchgang
zu menschlicheren Zuständen sieht, sondern den Sinn des
Lebens selbst. Schwach und friedfertig von Natur, übt er
sich, eisern zu scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck
es war. Und mit unberechtigter Berufung auf einen
noch Höheren wird er lärmend und unsolide. Kein Zweifel:
die Siege seiner Eitelkeit werden geschäftlichen Zwecken
dienen. Zuerst bringt die Komödie seiner Gesinnung
einen Majestätsbeleidiger ins Gefängnis. Später findet
sich, was daran zu verdienen ist. Meine Herren Richter!“
</p>

<p>
Buck breitete die Arme aus, als solle seine Toga die
Welt umfassen, er trug die gesammelte Miene eines
Führers. Und er legte los, mit allem, was er hatte.
</p>

<p>
„Sie sind souverän; und Ihre Souveränität ist die erste
und stärkste. In Ihrer Hand ist das Schicksal des
einzel<pb n='256'/><anchor id='Pgp0256'/>nen. Sie können ihn in das Leben schicken oder ihn sittlich
töten – was kein Fürst kann. Die Norm aber der
Individuen, die Sie gutheißen oder verwerfen, bildet
ein Geschlecht. Und so haben Sie Macht über unsere Zukunft.
Bei Ihnen liegt die unermeßliche Verantwortung,
ob künftig Männer wie der Angeklagte die Gefängnisse
füllen und Wesen wie der Zeuge Heßling der herrschende
Teil der Nation sein sollen. Entscheiden Sie sich zwischen
den beiden! Entscheiden Sie sich zwischen Streberei und
mutiger Arbeit, zwischen Komödie und Wahrheit!
Zwischen einem, der, um selbst emporzukommen, Opfer
verlangt, und dem anderen, der Opfer darbringt, damit
Menschen es besser haben! Der Angeklagte hat getan,
was erst wenige vermochten: er hat sich seines Herrentums
begeben, hat denen, die unter ihm standen, gleiches
Recht zugebilligt, Behagen und Hoffnungsfreude. Und
jemand, der in seinem Nächsten so sehr sich selbst achtet,
sollte fähig sein, von der Person des Kaisers mit Nichtachtung
zu sprechen?“
</p>

<p>
Die Hörer atmeten. Mit neuen Gefühlen blickte man
auf den Angeklagten, der die Stirn in die Hand stützte, auf
seine Frau, die starr vor sich hinsah. Mehrere schluchzten.
Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene. Seine
Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen saß er da,
als hätte Buck ihn eingefangen. Der alte Kühlemann
nickte achtungsvoll, und an Jadassohn zeigten sich unwillkürliche
Zuckungen.
</p>

<p>
Aber Buck mißbrauchte seinen Erfolg, er ließ sich berauschen.
„Das Erwachen des Bürgers!“ rief er aus.
„Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die stille Tat eines
Lauer tut mehr dafür als hundert hallende Monologe
selbst eines gekrönten Künstlers!“
</p>

<pb n='257'/><anchor id='Pgp0257'/>

<p>
Sofort klappte Sprezius wieder; und man sah ihm an,
er hatte sich besonnen, wie die Dinge eigentlich lagen, und
versprach sich, nicht zum zweiten Male auf den Leim zu
gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fühlten die meisten,
der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe
ließ der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden.
</p>

<p>
Als Buck sich dann setzte, wollten die Schauspieler
klatschen; aber Sprezius hackte nicht einmal mehr zu, er
warf nur einen gelangweilten Blick hin und fragte, ob der
Herr Staatsanwalt zu replizieren wünsche. Jadassohn verneinte
geringschätzig, und der Gerichtshof zog sich rasch
zurück. „Das Urteil wird bald gefunden sein“, sagte Diederich
mit Achselzucken – obwohl ihm von Bucks Rede noch
arg beklommen war. „Gott sei Dank!“ sagte die Schwiegermutter
des Bürgermeisters. „Man sollte nicht glauben,
daß vor fünf Minuten die Leute noch obenauf waren.“
Sie wies auf Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf
Buck, den wahrhaftig die Schauspieler beglückwünschten.
</p>

<p>
Schon kehrten die Richter zurück, und Sprezius verkündete
das Urteil: sechs Monate Gefängnis – was allen
die natürlichste Lösung schien. Dazu war noch auf Verlust
der vom Angeklagten bekleideten öffentlichen Ämter
erkannt worden.
</p>

<p>
Der Vorsitzende begründete das Urteil damit, daß eine
beleidigende Absicht zum Tatbestande des Delikts nicht
erforderlich sei. Daher tue auch die Frage, ob eine Provokation
stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im Gegenteil:
daß der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten
Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins
Gewicht. Die Behauptung des Angeklagten, daß er nicht
den Kaiser gemeint habe, sei vom Gericht für hinfällig
befunden. „Den Hörern der Rede mußte sich –
nament<pb n='258'/><anchor id='Pgp0258'/>lich bei ihrer Parteistellung und der ihnen bekannten
antimonarchischen Richtung des Angeklagten – die Ansicht
aufdrängen, daß seine Äußerung sich gegen den
Kaiser richte. Wenn der Angeklagte vorgibt, daß er sich
wohl gehütet habe, eine Majestätsbeleidigung zu begehen,
so hat er eben nicht die Beleidigung selbst, sondern nur
ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen.“
</p>

<p>
Dies leuchtete allen ein, man fand es von Lauer begreiflich,
aber hinterlistig. Der Verurteilte ward sofort
verhaftet; als man auch dies noch miterlebt hatte zerstreute
man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht günstig
waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was
sollte in dem halben Jahr, das er absitzen mußte, aus
seinem Geschäft werden! Infolge des Urteils war er
auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte künftig
weder nützen noch schaden! Dem Buckschen Klüngel,
der so dick tat, war der Denkzettel zu gönnen. Man sah
sich nach der Frau des Sträflings um; aber sie war verschwunden.
„Nicht einmal die Hand hat sie ihm gegeben!
Nette Verhältnisse!“
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Aber in den Tagen, die folgten, geschahen Dinge, die
zu noch herberen Urteilen nötigten. Judith Lauer hatte
sofort ihre Koffer gepackt und war nach dem Süden gereist.
Nach dem Süden! – indes ihr leiblicher Mann dort oben
in der Vogtei saß, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster.
Und – ein auffallendes Zusammentreffen!
</p>

<p>
Landgerichtsrat Fritzsche nahm plötzlich Urlaub. Eine
Karte von ihm aus Genua gelangte an Doktor Heuteufel,
der sie umherzeigte: wahrscheinlich, um sein eigenes Benehmen
in Vergessenheit zu bringen. Es wäre kaum
<pb n='259'/><anchor id='Pgp0259'/>noch nötig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die
armen verlassenen Kinder auszuforschen: man wußte Bescheid!
Der Skandal war so groß, daß die „Netziger Zeitung“
eingriff, mit einer an die oberen Zehntausend gerichteten
Warnung, nicht den umstürzlerischen Tendenzen
durch Zügellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten
Artikel legte Nothgroschen dar, daß man unrecht tue,
Reformen, wie die in Lauers Betrieb eingeführten, besonders
zu rühmen. Denn was hatten die Arbeiter von
der Beteiligung? Im Durchschnitt, nach Lauers eigenen
Aufstellungen, noch nicht achtzig Mark im Jahr. Das
konnte man ihnen auch in Form eines Weihnachtsgeschenkes
zuwenden! Aber freilich, dann war es keine
Demonstration mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung!
Dann hatte auch die vom Gericht festgestellte
antimonarchische Gesinnung des Fabrikherrn nichts dabei
zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank
der Arbeiter gezählt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren
belehren: vorausgesetzt, so fügte Nothgroschen hinzu,
daß er im Gefängnis das sozialdemokratische Blatt
zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, daß er durch
seine leichtsinnige Majestätsbeleidigung mehrere hundert
Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gefährdet habe.
</p>

<p>
Die „Netziger Zeitung“ trug der veränderten Lage noch
in anderer, sehr bezeichnender Weise Rechnung. Ihr
Direktor Tietz wandte sich an das Heßlingsche Werk wegen
eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage sei gestiegen
und Gausenfeld zur Zeit überlastet. Diederich sagte
sich sofort, daß dahinter der alte Klüsing selbst stecke. Er
war beteiligt an der Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts.
Wenn der etwas aus der Hand ließ, fürchtete er offenbar,
sonst noch mehr zu verlieren. Die Kreisblätter! Die
<pb n='260'/><anchor id='Pgp0260'/>Lieferungen für die Regierung! Angst vor Wulckow, das
war es. Daß Diederich durch seine Zeugenaussage den
Präsidenten auf sich aufmerksam gemacht hatte, mußte
der Alte wohl erfahren haben – obwohl er kaum mehr
in die Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten
in ihrem Netz, das über die Provinz und noch weiter gespannt
war, witterte Gefahr und ward unruhig. „Er
möchte mich abspeisen mit der ‚Netziger Zeitung‘! Aber
so billig tun wir’s nicht. In dieser harten Zeit! Hat er
’ne Ahnung von meiner Großzügigkeit. Wenn ich erst
Wulckow hinter mir habe: – ich beerbe ihn einfach!“
sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf das Schreibpult,
so daß Sötbier emporschrak. „Hüten Sie sich vor
Aufregungen!“ höhnte Diederich. „In Ihren Jahren,
Sötbier! Ich gebe zu, früher haben Sie manches geleistet
für die Firma. Aber die Geschichte mit dem Holländer
war schlimm; da haben Sie mich entmutigt, und
jetzt hätte ich ihn nötig für die ‚Netziger Zeitung‘. Sie
sollten sich ausruhen, es gelingt nichts mehr.“
</p>

<p>
Zu den Folgen, die der Prozeß für Diederich hatte, gehörte
auch ein Brief des Majors Kunze. Dieser wünschte
ein bedauerliches Mißverständnis aufzuklären und teilte
mit, daß der Aufnahme des hochverdienten Herrn Doktors
in den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich,
gerührt durch seinen Triumph, hätte am liebsten
gleich die beiden Hände des alten Soldaten ergriffen.
Glücklicherweise erkundigte er sich und erfuhr, daß der
Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurückzuführen war!
Der Regierungspräsident hatte den Kriegerverein mit
seinem Besuch beehrt und sich gewundert, den Doktor
Heßling nicht dort zu finden. Da ward Diederich es inne,
was für eine Macht er war. Er handelte demgemäß. Er
<pb n='261'/><anchor id='Pgp0261'/>antwortete auf die private Eröffnung des Majors durch
ein offizielles Schreiben an den Verein und forderte den
persönlichen Besuch von zwei Mitgliedern des Vorstandes,
der Herren Major Kunze und Professor Kühnchen.
Sie kamen auch; Diederich empfing sie, zwischen Geschäftsbesuchen,
die er absichtlich auf diese Stunde gelegt
hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die Adresse,
von deren Überreichung er die Annahme ihres ehrenvollen
Antrags abhängig machte. Darin ließ er sich bestätigen,
daß er, mit glänzender Unerschrockenheit allen
Verleumdungen trotzend, seine treudeutsche und kaisertreue
Gesinnung bewährt habe. Durch sein Eingreifen sei
es gelungen, den vaterlandslosen Elementen Netzigs eine
empfindliche Schlappe beizubringen. Aus einem unter den
größten persönlichen Opfern geführten Kampf sei Diederich
als lauterer, echt deutscher Charakter hervorgegangen.
</p>

<p>
Bei der Feier seiner Aufnahme verlas Kunze die
Adresse, und Diederich, Tränen in der Stimme, bekannte
sich unwürdig, so viel Lob entgegenzunehmen. Wenn in
Netzig die nationale Sache Fortschritte mache, so sei dies,
nächst Gott, einem Höheren zu danken, dessen erhabene
Weisungen er seinerseits in freudigem Gehorsam ausführe
... Alle, auch Kunze und Kühnchen, waren bewegt.
Es war ein großer Abend. Diederich stiftete einen
Pokal – und er hielt eine Rede, worin er die Schwierigkeiten
berührte, denen die neue Militärvorlage im Reichstage
begegnete. „Einzig unser scharfes Schwert“, rief
Diederich aus, „sichert unsere Stellung in der Welt, und
es scharf zu erhalten, ist der Beruf Seiner Majestät des
Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es herausfliegen aus
der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da was
dreinreden will, mag sich hüten, daß es sie nicht zuerst
<pb n='262'/><anchor id='Pgp0262'/>trifft! Mit Seiner Majestät ist nicht zu spaßen, meine
Herren, das kann ich Ihnen nur sagen.“ Diederich blitzte,
und er nickte schwerwiegend, als wüßte er manches. Im
selben Augenblick kam ihm wirklich ein Einfall. „Neulich
auf dem Brandenburgischen Provinziallandtag hat der
Kaiser dem Reichstag den Standpunkt klargemacht. Er
hat gesagt: ‚Wenn die Kerls mir meine Soldaten nicht
bewilligen, räum’ ich die ganze Bude aus!‘“ – Das
Wort erregte Begeisterung; und als Diederich allen, die
ihm zutranken, nachgekommen war, hätte er nicht mehr
sagen können, ob es von ihm selbst war oder nicht doch
vom Kaiser. Schauer der Macht strömten aus dem Wort
auf ihn ein, als wäre es echt gewesen ... Tags darauf
stand es in der „Netziger Zeitung“ und schon am Abend
im „Lokal-Anzeiger“. Schlechtgesinnte Blätter verlangten
ein Dementi, aber es blieb aus.
</p>

</div><div rend="page-break-before: always">
    <index index="toc" level1="V"/>
    <index index="pdf" level1="V"/>
<pb n='263'/><anchor id='Pgp0263'/>

<head>V.</head>

<p>
Noch schwellten solche Hochgefühle Diederichs Brust,
da bekamen Emmi und Magda eine Einladung von
Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte nur
wegen des Stückes sein, das die Regierungspräsidentin
beim nächsten Fest der „Harmonie“ aufführen ließ.
Emmi und Magda sollten Rollen bekommen. Freudegerötet
kehrten sie heim: Frau von Wulckow war überaus
gnädig gewesen; eigenhändig hatte sie ihnen immer
wieder Kuchen auf den Teller gelegt. Inge Tietz mochte
platzen. Offiziere spielten mit! Man brauchte besondere
Toiletten; wenn Diederich vielleicht glaubte, daß sie mit
ihren fünfzig Mark –. Aber Diederich eröffnete ihnen
einen unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie
kauften, fand er schön genug. Das Wohnzimmer lag voll
von Bändern und künstlichen Blumen, die Mädchen verloren
den Kopf, weil Diederich ihnen dreinredete: da
kam Besuch, Guste Daimchen.
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„Ich habe doch der glücklichen Braut noch gar nicht
richtig gratuliert“, sagte sie und versuchte gönnerhaft zu
lächeln; aber ihre Augen gingen besorgt über die Bänder
und Blumen. „Das ist wohl auch für das dumme Stück?“
fragte sie. „Wolfgang hat davon gehört, er sagt, es ist
unerhört dumm.“ Magda erwiderte: „Dir muß er es
doch sagen, weil du nicht mitspielst.“ Und Diederich erklärte:
„Damit entschuldigt er sich dafür, daß Sie seinetwegen
bei Wulckows nicht eingeladen werden.“ Guste
lachte geringschätzig. „Auf Wulckows verzichten wir, aber
zum Harmonieball gehen wir gerade.“ Diederich fragte:
<pb n='264'/><anchor id='Pgp0264'/>„Wollen Sie den ersten Eindruck des Prozesses nicht lieber
vorübergehen lassen?“ Er sah sie teilnehmend an.
„Liebes Fräulein Guste, wir sind so alte Bekannte, ich
darf Sie wohl darauf hinweisen, daß Ihre Verbindung
mit den Bucks Ihnen jetzt in der Gesellschaft nicht gerade
nützt.“ – Guste zuckte mit den Augen, man sah, sie hatte
sich das schon selbst gedacht. Magda bemerkte: „Gott sei
Dank, mit meinem Kienast ist es nicht so.“ Worauf Emmi:
„Aber Herr Buck ist interessanter. Neulich bei seiner Rede
hab’ ich geweint, wie im Theater.“ – „Und überhaupt!“
rief Guste ermutigt. „Erst gestern hat er mir diese Tasche
geschenkt.“ Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach
dem Emmi und Magda schon lange schielten. Magda
sagte spitz: „Er hat wohl viel verdient mit der Verteidigung.
Kienast und ich, wir sind für Sparsamkeit.“ Aber
Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. „Dann will ich auch
nicht länger stören“, sagte sie.
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Diederich begleitete sie hinunter. „Ich bringe Sie nach
Haus, wenn Sie artig sind,“ sagte er, „aber vorher muß
ich noch einen Blick in die Fabrik tun. Gleich wird Schicht
gemacht.“ – „Ich kann ja mitgehen“, meinte Guste. Um
ihr zu imponieren, führte er sie geradeswegs zu der
großen Papiermaschine. „So was haben Sie wohl noch
nicht gesehen?“ Und mit Wichtigkeit erläuterte er ihr das
System von Bassins, Walzen und Zylindern, worüber
hin, durch die ganze Länge des Saales, die Masse floß:
zuerst wässerig, dann immer trockener – und am Ende
der Maschine lief auf großen Rollen das fertige Papier ...
Guste schüttelte den Kopf. „Nein so was! Und der Krach,
den sie macht! Und die Hitze hier!“ Diederich, mit seiner
Wirkung noch nicht zufrieden, fand einen Grund, um die
Arbeiter anzudonnern; und wie Napoleon Fischer
dazu<pb n='265'/><anchor id='Pgp0265'/>kam, war nur er schuld! Beide schrien gegen den Lärm
der Maschine an, Guste verstand nichts; aber Diederichs
geheime Angst sah in dem dünnen Bart des Maschinenmeisters
immer das gewisse Grinsen, das an seine Mitwisserschaft
in der Angelegenheit des Holländers erinnerte
und die offene Verleugnung jeder Autorität war. Je
heftiger Diederich sich gebärdete, desto ruhiger ward der
andere. Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und
bebend öffnete Diederich die Tür zum Packraum und ließ
Guste eintreten. „Der Mann ist Sozialdemokrat!“ erklärte
er. „So ein Kerl wäre imstande, hier Feuer zu
legen. Aber ich entlass’ ihn nicht: nun gerade nicht!
Wollen sehen, wer der Stärkere ist. Die Sozialdemokratie
nehme ich auf mich!“ Und da Guste ihn bewundernd
ansah: „Das hätten Sie wohl nicht gedacht, auf was für
einem gefahrvollen Posten unsereiner steht. Furchtlos
und treu, ist mein Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige
hier unsere heiligsten nationalen Güter geradeso
gut wie unser Kaiser. Dazu gehört mehr Mut, als wenn
einer vor Gericht schöne Reden hält.“
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Guste sah es ein, sie hatte eine andächtige Miene. „Hier
ist es kühler,“ bemerkte sie, „wenn man aus der Hölle
nebenan kommt. Die Frauen hier können froh sein.“ –
„Die?“ erwiderte Diederich. „Die haben es wie im
Paradies!“ Er führte Guste zu dem Tisch: eine der
Frauen sortierte die Bogen, eine zweite prüfte nach, und
die dritte zählte immerfort bis fünfhundert. Alles ging
mit unerklärlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen ununterbrochen
einander nach, wie von selbst und ohne
Widerstand gegen die arbeitenden Hände, die im endlos
über sie hingehenden Papier sich aufzulösen schienen:
Hände und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr Gehirn,
<pb n='266'/><anchor id='Pgp0266'/>ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen
flogen ... Guste gähnte – indes Diederich erklärte,
daß diese Weiber, die im Akkord arbeiteten, sich schändliche
Nachlässigkeiten zuschulden kommen ließen. Er wollte
schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran
eine Ecke fehlte. Aber Guste sagte plötzlich mit einer Art
von Trotz: „Sie brauchen sich übrigens nicht einzubilden,
daß Käthchen Zillich sich für Sie besonders interessiert ...
Wenigstens nicht mehr als für gewisse andere Leute“,
setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte Frage, was sie
denn meine, lächelte sie bloß anzüglich. „Ich muß Sie
doch bitten“, wiederholte er. Darauf nahm Guste ihre
gönnerhafte Miene an. „Ich sage es nur zu Ihrem Besten.
Denn Sie scheinen nichts zu merken? Mit Assessor Jadassohn
zum Beispiel? Aber Käthchen ist überhaupt so
eine.“ Jetzt lachte Guste laut, so begossen sah Diederich
aus. Sie ging weiter, und er folgte. „Mit Jadassohn?“
forschte er angstvoll. Da hörte der Lärm der Maschine
auf, die Glocke ging, die den Schluß der Arbeit anzeigte,
und über den Hof entfernten sich schon Arbeiter. Diederich
zuckte die Achseln. „Was Fräulein Zillich macht,
läßt mich kalt“, erklärte er. „Höchstens um den alten
Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist. Wissen
Sie das denn genauer?“ Guste sah weg. „Überzeugen Sie
sich doch selbst!“ Worauf Diederich geschmeichelt lachte.
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„Lassen Sie das Gas brennen!“ rief er dem Maschinenmeister
zu, der vorbeiging. „Ich drehe selbst ab.“ Gerade
ward der Lumpensaal weit geöffnet für die Fortgehenden.
„Oh!“ rief Guste, „dort drinnen ist es aber romantisch!“
Denn sie erblickte dahinten in der Dämmerung
lauter bunte Flecken aus grauen Hügeln und darüber
einen Wald von Ästen. „Ach“, sagte sie im Nähertreten.
<pb n='267'/><anchor id='Pgp0267'/>„Ich dachte, weil es hier schon so dunkel ist ... Das sind
ja bloß Lumpensäcke und Heizungsrohre.“ Und sie verzog
das Gesicht. Diederich jagte die Arbeiterinnen empor,
die trotz der Betriebsordnung sich auf den Säcken ausruhten.
Mehrere, kaum, daß die Arbeit fortgelegt war,
strickten schon, andere aßen. „Das könnte euch passen“,
schnaubte er. „Wärme schinden auf meine Kosten!
Raus!“ Sie standen langsam auf, ohne ein Wort, ohne
Widerstand in der Miene; und vorbei an der fremden
Dame, nach der alle dumpf neugierig den Kopf wandten,
trabten sie in ihren Männerschuhen hinaus, schwerfällig
wie eine Herde und umgeben von dem Dunst, worin sie
lebten. Diederich behielt jede scharf im Auge, bis sie
draußen war. „Fischer!“ schrie er plötzlich. „Was hat
die Dicke da unterm Tuch?“ Der Maschinenmeister erklärte
mit seinem zweideutigen Grinsen: „Das ist nur,
weil sie was erwartet“, – worauf Diederich unzufrieden
den Rücken wandte. Er belehrte Guste. „Ich glaubte, ich
hätte eine erwischt. Sie stehlen nämlich Lumpen. Jawohl.
Sie machen Kinderkleider draus.“ Und da Guste die Nase
rümpfte: „Das ist doch zu gut für die Proletenkinder!“
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Mit den Spitzen ihrer Handschuhe hob Guste einen der
Fetzen vom Boden. Plötzlich hatte Diederich ihr Handgelenk
gefangen und küßte es gierig, im Spalt des Handschuhs.
Erschreckt sah sie sich um. „Ach so, alle Leute sind
schon fort.“ Sie lachte selbstsicher. „Ich hab’ mir doch
gleich gedacht, was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun
haben.“ Diederich machte ein herausforderndes Gesicht.
„Na und Sie? Warum sind Sie überhaupt gekommen
heute? Sie haben wohl gemerkt, daß ich doch nicht so
ohne bin? Freilich Ihr Wolfgang –. Jeder kann sich
nicht so blamieren wie er, neulich vor Gericht.“ Darauf
<pb n='268'/><anchor id='Pgp0268'/>sagte Guste entrüstet: „Seien Sie nur ganz still, Sie
werden doch nie so ein feiner Mann wie er.“ Aber ihre
Augen sagten etwas anderes. Diederich sah es; erregt
lachte er auf. „Wie der es eilig hat mit Ihnen! Wissen
Sie auch, wofür er Sie ansieht? Für einen Kochtopf
mit Wurst und Kohl, und ich soll ihn umrühren!“ –
„Jetzt lügen Sie“, sagte Guste vernichtend; aber Diederich
war im Zuge. „Ihm ist nämlich nicht genug Wurst
und Kohl drin. – Anfangs hat er natürlich auch gedacht,
Sie hätten eine Million geerbt. Aber für fünfzigtausend
Mark ist solch ein feiner Mann nicht zu haben.“ Da kochte
Guste auf. Diederich fuhr zurück, so gefährlich sah es aus.
„Fünfzigtausend! Ihnen ist gewiß nicht wohl? Wie
komme ich dazu, daß ich mir das muß sagen lassen! Wo
ich bare dreihundertfünfzigtausend auf der Bank zu
liegen hab’, in richtiggehenden Papieren! Fünfzigtausend!
Wer so etwas Ehrenrühriges von mir herumerzählt,
den kann ich überhaupt belangen!“ Sie hatte
Tränen in den Augen; Diederich stammelte Entschuldigungen.
„Lassen Sie nur“ – und Guste benutzte ihr
Taschentuch. „Wolfgang weiß genau, woran er bei mir ist.
Aber Sie selbst, Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum
waren Sie auch so frech!“ rief sie. Ihre rosigen Fettpolster
zitterten vor Zorn, und die kleine eingedrückte Nase war
ganz weiß geworden. Er sammelte sich. „Daran sehen Sie
doch, daß Sie mir auch ohne Geld gefallen“, gab er zu
bedenken. Sie biß sich auf die Lippen. „Wer weiß“, sagte
sie mit einem Blick von unten, schmollend und unsicher.
„Für Leute, wie Sie, sind fünfzigtausend auch schon Geld.“
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Er hielt es für angezeigt, eine Pause zu machen. Sie
zog aus ihrem goldenen Beutel den Puderquast, und sie
setzte sich. „Ich bin wirklich ganz echauffiert von Ihrem
<pb n='269'/><anchor id='Pgp0269'/>Betragen!“ Aber sie lachte wieder. „Haben Sie mir
vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten
Fabrik?“ Er nickte bedeutsam. „Wissen Sie wohl, wo
Sie jetzt sitzen?“ – „Na, auf einem Lumpensack.“ –
„Aber auf was für einem! In dieser Ecke, hinter den
Säcken hier hab’ ich mal einen Arbeiter und ein Mädchen
ertappt, wie sie gerade: Sie verstehen. Natürlich sind
beide geflogen; und am Abend, jawohl, am selben Abend –“
er hob den Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein
Schauder höherer Dinge – „haben sie den Kerl totgeschossen,
und das Mädchen ist verrückt geworden.“
Guste sprang auf. „War das –? Ach Gott, das war der
Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also
hinter den Säcken haben sie –?“ Ihre Augen gingen
über die Säcke, als suchte sie Blut darauf. Sie hatte sich
nahe zu Diederich geflüchtet. Plötzlich sahen sie einander
in die Augen: darin bewegten sich die gleichen abgründigen
Schauder, des Lasters oder des Übersinnlichen. Sie
atmeten hörbar einander an. Guste schloß, eine Sekunde
lang, die Lider: da plumpsten sie auch schon beide auf die
Säcke, rollten, ineinander verwickelt, hinab und durch
den dunkeln Raum dahinter, schlugen um sich, keuchten
und prusteten, als seien sie dort unten am Ertrinken.
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Guste zuerst erreichte wieder das Licht. Den Fuß, an
dem er sie festhalten wollte, stieß sie ihm ins Gesicht und
sprang heraus, daß es krachte. Als Diederich sich glücklich
ihr nachgearbeitet hatte, standen sie da und schnauften.
Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im Sturm.
Sie erlangte vor ihm die Sprache zurück. „Das müssen
Sie mit ’ner andern versuchen! Wie komm’ ich überhaupt
dazu!“ Immer erbitterter: „Ich hab’ Ihnen doch gesagt,
daß es dreihundertfünfzigtausend sind!“ Diederich
be<pb n='270'/><anchor id='Pgp0270'/>wegte die Hand, um auszudrücken, daß er seinen Mißgriff
zugebe. Aber Guste schrie auf: „Und wie ich aussehe!
Soll ich so vielleicht durch die Stadt gehen?“ Er erschrak
aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf.
„Haben Sie denn keine Bürste?“ Gehorsam machte er
sich auf den Weg; Guste rief ihm nach: „Daß gefälligst
Ihre Schwestern nichts merken! Sonst reden morgen
die Leute von mir!“ Er ging nur bis an das Kontor.
Wie er zurückkehrte, saß Guste wieder auf dem Sack, das
Gesicht in den Händen, und durch ihre lieben, dicken Finger
rannen Tränen. Diederich blieb stehen, hörte ihrem
Wimmern zu, und auf einmal begann er auch zu weinen.
Mit tröstender Hand bürstete er sie ab. „Es ist doch
nichts geschehen“, wiederholte er. Guste stand auf. „Das
wäre auch noch schöner“, – und sie musterte ihn mit
Ironie. Da faßte auch Diederich Mut. „Ihr Herr Bräutigam
braucht es ja nicht zu wissen“, bemerkte er. Und
Guste: „Wenn schon!“ – wobei sie sich auf die Lippen biß.
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Betroffen durch dies Wort bürstete er schweigend
weiter, zuerst sie, dann sich, indes Guste ihre Kleider
glättete. „Nun los!“ sagte sie. „Eine Papierfabrik sehe
ich mir so bald nicht wieder an.“ Er spähte ihr unter den
Hut. „Wer weiß“, sagte er. „Denn daß Sie Ihren Buck
lieben, das glaub’ ich Ihnen seit fünf Minuten nicht
mehr.“ Schnell rief Guste: „O doch!“ Und ohne Pause
fragte sie: „Was bedeutet denn das Zeug hier?“
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Er erklärte: „Das ist der Sandfang, durch die Rinne
schwemmen wir die Lumpen; Knöpfe und so weiter
bleiben zurück, wie Sie sehen. Die Leute haben natürlich
wieder nicht aufgeräumt.“ Mit der Schirmspitze stocherte
sie in dem Haufen; er setzte hinzu: „Im Jahr behalten wir
mehrere Säcke Überbleibsel!“ – „Und was ist das da?“
<pb n='271'/><anchor id='Pgp0271'/>fragte Guste und griff rasch hin, nach etwas, das glänzte.
Diederich riß die Augen auf. „Ein Brillantknopf!“ Sie
ließ ihn funkeln. „Echt sogar! Wenn Sie öfter so was
finden, ist Ihr Geschäft nicht so übel.“ Diederich sagte
zweifelnd: „Den muß ich natürlich abliefern.“ Sie
lachte. „An wen denn? Die Abfälle gehören doch Ihnen!“
Er lachte auch. „Na, nicht gerade die Brillanten. Wir
werden schon noch ausfindig machen, wer uns das geliefert
hat.“ Guste sah ihn von unten an. „Sie sind schön
dumm“, sagte sie. Er erwiderte mit Überzeugung: „Nein!
Sondern ich bin ein Ehrenmann!“ Darauf hob sie nur
die Schultern. Langsam zog sie den linken Handschuh
aus und legte sich den Brillanten auf den kleinen Finger.
„Er muß als Ring gefaßt werden!“ rief sie aus, wie erleuchtet,
betrachtete versunken ihre Hand und seufzte.
„Na, sollen ihn andere Leute finden!“ – und unvermutet
warf sie den Knopf zurück in die Lumpen. „Sind Sie
verrückt?“ Diederich bückte sich, sah ihn nicht gleich und
ließ sich schnaufend auf die Knie. In der Hast warf er
alles durcheinander. „Gott sei Dank!“ Er hielt ihr den
Brillanten hin; aber Guste nahm ihn nicht. „Ich gönne
ihn dem Arbeiter, der ihn morgen zuerst sieht. Der steckt
ihn ein, darauf können Sie sich verlassen, der ist nicht so
dumm.“ – „Ich auch nicht“, erklärte Diederich. „Denn
wahrscheinlich wäre der Stein doch weggeworfen worden.
Unter solchen Umständen brauche ich es nicht für inkorrekt
zu halten –.“ Er legte den Brillanten wieder auf ihren
Finger. „Und wenn es auch inkorrekt wäre, er steht
Ihnen so gut.“ Guste sagte überrascht: „Wieso? Wollen
Sie ihn mir denn schenken?“ Er stammelte: „Sie haben ihn
ja gefunden, da muß ich wohl.“ Da jubelte Guste. „Das
wird mein schönster Ring!“ – „Warum?“ fragte Diederich,
<pb n='272'/><anchor id='Pgp0272'/>voll banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend: „Überhaupt
...“ Und mit einem plötzlichen Blick: „Weil er
nichts kostet, wissen Sie.“ Hierüber errötete Diederich,
und sie sahen einander blinzelnd in die Augen.
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„Ach Herr Gott!“ rief Guste plötzlich. „Es muß schrecklich
spät sein. Schon sieben? Was sag’ ich nur meiner
Mutter?... Ich weiß, ich sag’ ihr, ich hab’ bei einem
Trödler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er
ist unecht, und hat bloß fünfzig Pfennig verlangt!“ Sie
öffnete ihren goldenen Sack und ließ den Knopf hineinfallen.
„Also adieu ... Aber Sie sehen aus! Wenigstens
müssen Sie sich die Krawatte binden.“ Im Sprechen
tat sie es schon selbst. Er fühlte ihre warmen Hände unter
seinem Kinn; ihre feuchten, dicken Lippen bewegten
sich ganz nahe. Ihm ward heiß, er hielt den Atem zurück.
„So“, machte Guste und brach ernstlich auf. „Ich
drehe nur das Gas ab“, rief er ihr nach. „Warten Sie
doch!“ – „Ich warte schon“, antwortete sie von draußen;
– aber als er auf den Hof trat, war sie fort. Verdutzt
sperrte er die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich
hin. „Nun sag’ mir einer, ist das Instinkt oder Berechnung?“
Er schüttelte sorgenvoll den Kopf über das ewige
Rätsel der Weiblichkeit, das in Guste verkörpert war.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Vielleicht, so sagte sich Diederich, ging es vorwärts mit
Guste, freilich ging es langsam. Die Ereignisse, die sich
um den Prozeß gruppierten, hatten ihr Eindruck gemacht,
aber noch nicht genug. Auch hörte er nichts mehr von
Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des
Regierungspräsidenten beim Kriegerverein wartete Diederich
unbedingt auf weiteres: eine Heranziehung, eine
vertrauliche Verwendung, er wußte nicht wie und was.
<pb n='273'/><anchor id='Pgp0273'/>Der Harmonieball konnte es bringen; warum hatten sonst
die Schwestern Rollen bekommen im Stück der Präsidentin.
Nur dauerte alles zu lange für Diederichs Tatenlust.
Es war eine Zeit voll Unruhe und Drang. Man
quoll über von Hoffnungen, Aussichten, Plänen; in
jeden Tag, der anfing, hätte man das alles auf einmal
ergießen wollen; und wenn er aus war, war er leer geblieben.
Ein Trieb nach Bewegung erfaßte Diederich.
Mehrmals versäumte er den Stammtisch und ging
spazieren, ohne Ziel und ins Freie, was sonst nicht vorkam.
Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt den Rücken,
stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren Mannes
die abendlich leere Meisestraße zu Ende, durchmaß
die lange Gäbbelchenstraße, mit den vorstädtischen Gasthäusern,
bei denen Fuhrleute ein- oder ausspannten, und
kam auch unter der Vogtei vorbei. Dort oben saß, bewacht
von einem Gitterfenster und einem Soldaten, der
Herr Lauer, der sich dies nicht hatte träumen lassen.
„Hochmut kommt vor dem Fall“, dachte Diederich. „Wie
man sich bettet, so liegt man.“ Und obwohl er den Ereignissen,
die den Fabrikbesitzer in die Vogtei geführt
hatten, nicht ganz fremd war, schien Lauer ihm jetzt ein
Wesen mit einem Kainsmal, ein unheimlicher Gesell.
Einmal glaubte er im Hof des Gefängnisses eine Gestalt
zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht –?
Ein Gruseln überlief Diederich, und er enteilte.
</p>

<p>
Hinter dem Burgtor führte die Landstraße zu dem
Hügel mit der Schweinichenburg, wo einst der kleine
Diederich gemeinsam mit Frau Heßling das Grausen vor
dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien
lagen ihm jetzt fern; – vielmehr bog er jedesmal, bald
hinter dem Tor, in die Gausenfelder Straße ein. Er hatte
<pb n='274'/><anchor id='Pgp0274'/>es sich nicht vorgenommen und tat es nur zögernd, denn
es wäre ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand ihn auf
diesem Wege überrascht hätte. Aber es ließ ihn nicht:
die große Papierfabrik zog ihn an wie ein verbotenes
Paradies, er mußte ihr auf einige Schritte nahekommen,
sie umkreisen, über ihre Mauer schnüffeln ... Eines
Abends ward Diederich aus dieser Tätigkeit aufgeschreckt
durch Stimmen, die im Dunkeln schon ganz nahe waren.
Kaum daß er noch Zeit behielt, sich in den Graben zu
kauern. Und während die Leute, wahrscheinlich Angestellte
der Fabrik, die sich verspätet hatten, an seinem
Versteck vorüberkamen, drückte Diederich die Augen zu,
aus Furcht, und auch weil er fühlte, ihr begehrliches Funkeln
hätte ihn verraten können.
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<p>
Als er schon wieder beim Burgtor war, hatte er noch
immer Herzklopfen und sah sich nach einem Glas Bier
um. Gleich im Winkel des Tores stand der „Grüne
Engel“, eins der niedersten Gasthäuser, krumm vor Alter,
schmutzig und übel beleumdet. Soeben verschwand in dem
gewölbten Gang eine Frauensperson. Diederich, von
jäher Abenteuerlust gepackt, drang hinterdrein. Wie sie
das rötliche Licht einer Stallaterne durchschreiten mußte,
wollte die Person ihr Gesicht, das verschleiert war, auch
noch mit dem Muff bedecken; aber Diederich hatte sie
schon erkannt. „Guten Abend, Fräulein Zillich!“ –
„Guten Abend, Herr Doktor!“ Und da standen sie beide
mit offenem Munde. Käthchen Zillich war die erste, die
etwas hervorbrachte, von Kindern, die hier im Hause
wohnten, und die sie in die Sonntagsschule ihres Vaters
bringen sollte. Diederich setzte zum Sprechen an, aber
sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die Kinder
wohnten eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten
<pb n='275'/><anchor id='Pgp0275'/>in der Schenke, und die Eltern durften nichts wissen von
der Sonntagsschule, denn sie waren Sozialdemokraten ...
Sie faselte; und Diederich, der zuerst nur an sein eigenes
schlechtes Gewissen gedacht hatte, ward darauf hingewiesen,
daß Käthchen in einer noch viel verdächtigeren
Lage sei. Er ersparte es sich also, seine Anwesenheit im
„Grünen Engel“ zu erklären, und schlug einfach vor,
dann könne man in der Gaststube auf die Kinder warten.
Käthchen weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren,
aber Diederich bestellte aus eigener Machtvollkommenheit
auch für sie Bier. „Prost!“ sagte er, und
in seiner Miene lag die ironische Erinnerung daran, daß
sie bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen Wohnzimmer
des Pfarrhauses sich beinahe verlobt hätten.
Käthchen ward unter ihrem Schleier rot und blaß und
verschüttete ihr Bier. Immerfort flatterte sie kraftlos
vom Stuhl auf und wollte fort; aber Diederich hatte sie
hinter den Tisch in die Ecke geschoben und saß breit davor.
„Nun müssen die Kinder aber gleich kommen!“ sagte er
gutmütig. Statt ihrer kam Jadassohn: plötzlich stand er
da und sah versteinert aus. Auch die beiden anderen
regten sich nicht. „Also doch!“ dachte Diederich. Jadassohn
schien etwas Ähnliches zu denken; keiner der Herren fand
Worte. Käthchen begann wieder von Kindern und Sonntagsschulen.
Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn
hörte ihr mit Mißbilligung zu, er ließ sogar die Bemerkung
fallen, gewisse Geschichten seien ihm zu verwickelt,
– und er blickte inquisitorisch auf Diederich.
</p>

<p>
„Im Grunde“, versetzte Diederich, „ist es doch einfach.
Fräulein Zillich sucht hier nach Kindern, und wir beide
helfen ihr.“
</p>

<p>
„Ob sie eins kriegt, kann man nicht wissen“, ergänzte
<pb n='276'/><anchor id='Pgp0276'/>Jadassohn schneidend; da sagte Käthchen: „Und von wem
auch nicht.“
</p>

<p>
Die Herren setzten die Gläser hin. Käthchen hatte es
aufgegeben zu weinen, sie schob sogar den Schleier hinauf
und sah mit merkwürdig hellen Augen von einem
zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverblümtes
bekommen. „Na ja, wenn Sie nun doch mal
beide da sind“, setzte sie hinzu, indes sie aus Jadassohns
Dose eine Zigarette nahm; und dann leerte sie auf einen
Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt war es
an Diederich, nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien
nicht unbekannt mit Käthchens anderem Gesicht. Die
beiden fuhren fort, Doppelsinnigkeiten auszutauschen,
bis Diederich sich gegen Käthchen entrüstete. „Heute
lernt man Sie aber gründlich kennen!“ rief er und schlug
auf den Tisch. Sofort hatte Käthchen ihr Damengesicht
zurück. „Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?“
Jadassohn ergänzte: „Ich nehme an, daß Sie der Ehre
der Dame nicht zu nahe treten wollen!“ – „Ich meine
nur,“ stammelte Diederich, „so gefällt Fräulein Zillich
mir viel besser.“ Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit.
„Neulich, wie wir uns beinahe verlobt hätten, hat sie
mir nicht halb so gefallen.“ Da lachte Käthchen los: ein
Gelächter, ganz frei aus dem Herzen, wie Diederich es
auch noch nicht kannte. Ihm ward warm dabei, er
lachte mit, Jadassohn auch, alle drei wälzten sich lachend
auf ihren Stühlen umher und riefen nach mehr Kognak.
</p>

<p>
„Nun muß ich aber gehen,“ sagte Käthchen, „sonst
kommt Papa vor mir nach Haus. Er hat Krankenbesuche
gemacht; dabei verteilt er immer solche Bilder.“ Sie
zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche.
„Da haben Sie auch welche.“ Jadassohn bekam die
<pb n='277'/><anchor id='Pgp0277'/>Sünderin Magdalena, Diederich das Lamm mit dem
Hirten; er war nicht zufrieden. „Ich will auch eine
Sünderin.“ Käthchen suchte, fand aber keine mehr.
„Also bleibt es bei dem Schaf“, entschied sie, und man
zog ab, Käthchen in der Mitte eingehängt. Ruckweise
und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich durch die
schlecht beleuchtete Gäbbelchenstraße dahin, wobei sie
ein Kirchenlied sangen, das Käthchen angestimmt hatte.
An einer Ecke erklärte sie, eilen zu müssen, und verschwand
in der Seitengasse. „Adieu Schaf!“ rief sie Diederich zu,
der ihr vergeblich nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest,
und plötzlich nahm er seine staatserhaltende Stimme an,
um Diederich zu überzeugen, daß dies alles nur ein zufälliger
Scherz sei. „Es liegt durchaus nichts Mißverständliches
vor, das möchte ich feststellen.“
</p>

<p>
„Ich denke nicht daran, hier etwas mißzuverstehen“,
sagte Diederich.
</p>

<p>
„Und wenn ich“, fuhr Jadassohn fort, „den Vorzug
hätte, von der Familie Zillich für eine nähere Verbindung
in Aussicht genommen zu sein, dieser Vorfall würde
mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht,
wenn ich dies ausspreche.“
</p>

<p>
Diederich erwiderte: „Ich weiß Ihr korrektes Verhalten
voll und ganz zu würdigen.“ Darauf schlugen die
Herren die Absätze zusammen, schüttelten einander die
Hände und trennten sich.
</p>

<p>
Käthchen und Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen
ausgetauscht; Diederich war überzeugt, sie würden sich gleich
jetzt wieder im „Grünen Engel“ zusammenfinden. Er öffnete
den Winterrock, ein Hochgefühl schwellte ihn, weil
er eine bösartige Falle aufgedeckt und sich streng kommentmäßig
aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine
<pb n='278'/><anchor id='Pgp0278'/>gewisse Achtung und Sympathie für Jadassohn. Auch
er selbst würde so gehandelt haben! Unter Männern verständigte
man sich. Aber so ein Weib! Käthchens anderes
Gesicht, die Pfarrerstochter, der unvermutet das entfesselte
Weib ins Gesicht gestiegen war, dies tückische Doppelwesen,
so fremd der Biederkeit, die Diederich am Grunde
seines eigenen Herzens wußte: es erschütterte ihn wie
ein Blick ins Bodenlose. Er knöpfte den Rock wieder zu.
Es gab also noch andere Welten außerhalb der bürgerlichen,
als nur die, worin jetzt der Herr Lauer lebte.
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<p>
Schnaufend setzte er sich zum Abendessen. Seine Stimmung
schien so bedrohlich, daß die drei Frauen Schweigen
bewahrten. Frau Heßling nahm ihren Mut zusammen.
„Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?“ Anstatt einer
Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. „Mit
Käthchen Zillich verkehrt ihr nicht mehr!“ Da sie ihn
ansahen, errötete er und stieß drohend aus: „Sie ist
eine Verworfene!“ Aber sie verzogen nur den Mund;
und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich
polternd erging, schienen sie nicht weiter aufzuregen.
„Du sprichst wohl von Jadassohn?“ fragte Magda endlich,
ganz gelassen. Diederich fuhr zurück. Sie waren
also eingeweiht und mitverschworen: alle Weiber wahrscheinlich.
Auch Guste Daimchen! Die hatte schon einmal
davon angefangen. Er mußte sich die Stirn trocknen.
Magda sagte: „Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt
hast bei Käthchen, uns hast du ja nicht gefragt“, worauf
Diederich, um sein Ansehen zu verteidigen, dem Tisch
einen Stoß gab, daß alle aufkreischten. Er verbitte sich
derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich noch
anständige Mädchen. Frau Heßling bat zitternd: „Du
brauchst ja nur deine Schwestern anzusehen, mein lieber
<pb n='279'/><anchor id='Pgp0279'/>Sohn.“ Und Diederich sah sie wirklich an; er blinzelte, und
er überlegte zum erstenmal, nicht ohne Bangen, was diese
beiden weiblichen Wesen, die seine Schwestern waren, bisher
wohl mit ihrem Leben angefangen hatten ... „Ach
was,“ entschied er und richtete sich stramm auf, „euch zieht
man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine Frau habe,
die soll sich wundern!“ Da die Mädchen einander zulächelten,
erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht,
und vielleicht dachten auch sie mit ihrem Lächeln an
Guste? Zu trauen war keiner. Er sah Guste vor sich, weißblond,
mit dem dicken, rosigen Gesicht. Ihre fleischigen
Lippen öffneten sich, sie streckte ihm die Zunge heraus.
Das hatte vorhin Käthchen Zillich getan, als sie ihm
„Adieu Schaf!“ zurief, und Guste, die ihr im Typus so
ähnlich war, würde mit ausgestreckter Zunge und in
halbbetrunkenem Zustand genau so ausgesehen haben!
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<p>
Magda sagte eben: „Käthchen ist schön dumm; aber
begreiflich ist es ja, wenn man so lange warten muß und
keiner kommt.“
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Sofort griff Emmi ein. „Wen meinst du, bitte? Wenn
Käthchen sich mit irgendeinem Kienast begnügt hätte,
würde sie wohl auch nicht mehr warten.“
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<p>
Magda, im Bewußtsein, die Tatsachen für sich zu haben,
blähte einfach ihre Bluse auf und schwieg.
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<p>
„Überhaupt“, Emmi warf die Serviette hin und erhob
sich. „Wie kannst du das gleich glauben, was die Männer
von Käthchen reden. Das ist abscheulich, sollen wir denn
alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?“ Empört ließ
sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda
hob nur die Schultern – indes Diederich angstvoll und
vergeblich nach einem Übergang suchte, um zu fragen,
ob vielleicht auch Guste Daimchen –? Bei einer so
<pb n='280'/><anchor id='Pgp0280'/>langen Verlobung –? „Es gibt Situationen,“ äußerte
er, „wo es nicht mehr Klatsch ist.“ Da schleuderte Emmi
auch das Buch hin.
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<p>
„Und wenn schon! Käthchen tut, was sie will! Wir
Mädchen haben ebensogut wie ihr das Recht, unsere
Individualität auszuleben! Die Männer sollen froh sein,
wenn sie uns dann nachher noch kriegen!“
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Diederich stand auf. „Das will ich in meinem Hause
nicht hören“, sagte er ernst, und er blitzte Magda so lange
an, bis sie nicht mehr lachte.
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<p>
Frau Heßling brachte ihm die Zigarre. „Von meinem
Diedel weiß ich ganz genau, daß er so eine niemals heiraten
wird;“ – sie streichelte ihn tröstend. Er versetzte
mit Nachdruck: „Ich kann mir nicht denken, Mutter, daß
ein echter deutscher Mann das jemals getan hat.“
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<p>
Sie schmeichelte. „O, alle sind nicht so ideal wie mein
lieber Sohn. Manche denken materieller und nehmen mit
dem Geld auch mal was in den Kauf, worüber die Leute
reden.“ Unter seinem gebieterischen Blick schwatzte sie angstvoll
weiter. „Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er ist tot,
und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch
viel geredet.“ Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an.
„Na ja,“ erklärte sie schüchtern. „Das mit Frau Daimchen
und dem Herrn Buck. Guste kam doch zu früh.“
</p>

<p>
Nach diesem Ausspruch mußte Frau Heßling sich hinter
den Ofenschirm zurückziehen, denn alle drei drangen gleichzeitig
auf sie ein. „Das ist das Neueste!“ riefen Emmi und
Magda. „Also wie war die Geschichte!“ Wogegen Diederich
donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. „Wenn
wir deinen Männerklatsch angehört haben!“ riefen die
Schwestern und suchten ihn fortzudrängen von dem Ofenschirm.
Die Mutter sah händeringend in das
Handge<pb n='281'/><anchor id='Pgp0281'/>menge. „Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals
sagten es alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen
doch auch die Mitgift geschenkt.“
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<p>
„Also daher!“ rief Magda. „So sehen in der Familie
Daimchen die Erbonkel aus! Daher die goldenen Taschen!“
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Diederich verteidigte Gustes Erbschaft. „Sie kommt
aus Magdeburg!“
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„Und der Bräutigam?“ fragte Emmi. „Kommt der
auch aus Magdeburg?“
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<p>
Plötzlich verstummten alle und sahen einander an, wie
betäubt. Dann kehrte Emmi ganz still auf das Sofa zurück,
sie nahm sogar das Buch wieder auf. Magda fing
an, den Tisch abzuräumen. Auf den Ofenschirm, hinter
dem Frau Heßling sich duckte, schritt Diederich zu. „Siehst
du nun, Mutter, wohin es führt, wenn man seine Zunge
nicht hütet? Du willst doch wohl nicht behaupten, daß
Wolfgang Buck seine eigene Schwester heiratet.“ Wimmernd
kam es aus der Tiefe: „Ich kann doch nichts dafür,
mein lieber Sohn. Ich dachte schon längst nicht mehr an
die alte Geschichte, und es ist ja auch nicht sicher. Kein
lebender Mensch weiß mehr etwas.“ Aus ihrem Buch
heraus warf Emmi dazwischen: „Der alte Herr Buck wird
wohl wissen, wo er jetzt das Geld für seinen Sohn holt.“
Und in das Tischtuch hinein, das sie faltete, sagte Magda:
„Es soll manches vorkommen.“ Da hob Diederich die
Arme, als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen.
Rechtzeitig unterdrückte er aber das Entsetzen, das ihn
übermannen wollte. „Bin ich denn hier unter Räuber
und Mörder gefallen?“ fragte er sachlich und ging in
strammer Haltung zur Tür. Dort wandte er sich um. „Ich
kann euch natürlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft
in die Stadt hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich
<pb n='282'/><anchor id='Pgp0282'/>werde erklären, daß ich mit euch nichts mehr zu tun habe.
In die Zeitung werde ich es setzen!“ Und er ging ab.
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<p>
Er vermied den Ratskeller und bedachte einsam bei
Klappsch eine Welt, in der solche Greuel umgingen. Dagegen
war mit kommentmäßigem Verhalten freilich nicht
aufzukommen. Wer den Bucks ihren schändlichen Raub abjagen
wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurückschrecken.
„Mit gepanzerter Faust“, sagte er ernst in sein
Bier hinein; und das Deckelklappen, womit er das vierte
Glas herbeirief, klang wie Schwertgeklirr ... Nach einer
Weile verlor seine Haltung an Härte; Bedenken kamen.
Sein Eingreifen würde immerhin bewirken, daß die ganze
Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein
Mann, der halbwegs Komment hatte, heiratete solch ein
Mädchen noch. Diederichs eigenstes Empfinden sagte es
ihm, seine eingewurzelte Erziehung zur Mannhaftigkeit und
zum Idealismus. Schade! Schade um Gustes dreihundertfünfzigtausend
Mark, die nun herrenlos und ohne Bestimmung
waren. Die Gelegenheit wäre günstig gewesen,
ihnen eine zu geben ... Diederich schüttelte den Gedanken
mit Entrüstung ab. Er erfüllte nur seine Pflicht! Ein
Verbrechen galt es zu verhindern. Das Weib mochte
dann sehen, wo es blieb im Kampf der Männer. Was
lag an einem dieser Geschöpfe, die ihrerseits, Diederich
hatte es erfahren, jedes Verrates fähig waren. Nur
noch des fünften Glases bedurfte es, und sein Entschluß
stand fest.
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<p>
Beim Morgenkaffee bekundete er ein großes Interesse
für die Toiletten der Schwestern zum Harmonieball.
Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig! Die Hausschneiderin
war so selten zu haben gewesen, sie nähte jetzt
bei Bucks, Tietz’, Harnischs und überall. Die große
In<pb n='283'/><anchor id='Pgp0283'/>anspruchnahme dieses Mädchens schien Diederich geradezu
mit Bewunderung zu erfüllen. Er erbot sich, selbst hinzugehen
und sie, koste es was es wolle, zur Stelle zu schaffen.
Nicht ohne Mühe gelang es ihm. Zum zweiten Frühstück
begab er sich alsdann so geräuschlos, daß nebenan im
Wohnzimmer das Gespräch nicht gestört ward. Gerade
erging sich die Hausschneiderin in Anspielungen auf einen
Skandal, der bestimmt sei, alles Dagewesene in den Schatten
zu stellen. Die Schwestern schienen ganz ahnungslos,
und als endlich Namen fielen, zeigten sie sich entsetzt und
ungläubig. Frau Heßling beklagte es am lautesten, daß
Fräulein Gehritz so etwas auch nur denken könne. Die
Schneiderin beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse
man es schon. Soeben komme sie von der Bürgermeisterin
Scheffelweis, deren Mutter geradezu verlangt habe, daß
ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch machte es ihr
Mühe, die Damen zu überzeugen. Diederich hatte den
Vorgang eher umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit
den Seinen. Aber hatten denn die Wände tatsächlich Ohren
gehabt? Man war zu glauben versucht, daß ein Gerücht,
in einem verschlossenen Zimmer ausgebrochen, mit dem
Rauch des Ofens hinaus und über die ganze Stadt zog.
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<p>
Beruhigt war er trotzdem noch nicht. Er sagte sich, daß
das gesunde Empfinden des arbeitenden Volkes unter
Umständen ein Faktor sei, den man billigen und sogar
benutzen könne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon
Fischer herum: da – es läutete schon – entstand bei
der Satiniermaschine ein gellendes Geschrei, und Diederich
und der Maschinenmeister, die gleichzeitig hinstürzten,
zogen gemeinsam den Arm einer jungen Arbeiterin
heraus, der von einer Stahlwalze ergriffen worden war.
Er troff von schwarzem Blut, Diederich ließ sofort nach
<pb n='284'/><anchor id='Pgp0284'/>dem städtischen Krankenhaus telephonieren. Inzwischen,
so übel der Anblick des Armes ihm machte, blieb er selbst
dabei, während der Person ein Notverband angelegt
ward. Sie sah zu, leise wimmernd und mit Augen, weich
im Entsetzen, wie ein junges Tier, das getroffen ist. Diederichs
menschenfreundliche Fragen nach ihren häuslichen
Verhältnissen verstand sie nicht. Napoleon Fischer antwortete
für sie. Ihr Vater war durchgegangen, die Mutter
bettlägerig; das Mädchen ernährte sich und ihre zwei kleinen
Geschwister. Sie war erst vierzehn Jahre alt. –
Das sehe man ihr nicht an, meinte Diederich. Übrigens
seien die Arbeiterinnen oft genug vor der Maschine gewarnt
worden. „Sie hat sich das Unglück selbst zuzuschreiben,
ich bin zu nichts verpflichtet. Na,“ sagte er
milder, „nun kommen Sie mal mit, Fischer!“
</p>

<p>
Im Kontor schenkte er zwei Kognaks ein. „Das kann
man brauchen auf den Schrecken ... Sagen Sie ehrlich,
Fischer, glauben Sie, daß ich zahlen muß? Die Schutzvorrichtung
an der Maschine halten Sie doch wohl für
genügend?“ Und da der Maschinenmeister die Achseln
zuckte: „Sie wollen sagen, ich kann es auf einen Prozeß
ankommen lassen? Das tue ich aber nicht, ich zahle gleich.“
</p>

<p>
Napoleon Fischer zeigte verständnislos sein großes
gelbes Gebiß, und Diederich fuhr fort: „Ja, so bin ich.
Sie dachten wohl, das könnte bloß der Herr Lauer? Was
den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes Parteiblatt
über seine Arbeiterfreundlichkeit aufgeklärt. Ich
lasse mich freilich nicht wegen Majestätsbeleidigung einsperren
und mache dadurch meine Arbeiter brotlos; ich
suche mir praktischere Mittel aus, um meine soziale Gesinnung
zu bekunden.“ Er machte eine feierliche Pause.
„Und darum habe ich mich entschlossen, dem Mädchen die
<pb n='285'/><anchor id='Pgp0285'/>ganze Zeit, die es im Krankenhaus liegt, seinen Lohn
weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?“ fragte er rasch.
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<p>
„Eine Mark fünfzig“, sagte Napoleon Fischer.
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<p>
„Na ja ... Soll sie acht Wochen liegen. Soll sie zwölf
Wochen liegen ... Ewig natürlich geht es nicht.“
</p>

<p>
„Sie ist erst vierzehn“, sagte Napoleon Fischer, von
unten. „Sie kann Schadenersatz verlangen.“ Diederich
erschrak, er schnaufte.
</p>

<p>
Napoleon Fischer hatte schon wieder sein unbestimmbares
Grinsen aufgesetzt und sah seinem Arbeitgeber auf
die Faust, die angstvoll in der Tasche geballt war. Diederich
zog sie hervor. „Nun setzen Sie die Leute von
meinem hochherzigen Entschluß in Kenntnis! Das paßt
Ihnen wohl nicht in den Kram? Die Gemeinheiten der
Kapitalisten erzählt ihr euch natürlich lieber. In euren
Versammlungen schwingt ihr jetzt wahrscheinlich große
Reden über Herrn Buck.“
</p>

<p>
Napoleon Fischer sah verständnislos aus, was Diederich
nicht beachtete. „Ich finde es wohl auch nicht eben schön,“
fuhr er fort, „wenn jemand seinen Sohn ausgerechnet das
Mädchen heiraten läßt, mit dessen Mutter er selbst was gehabt
hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber –“
</p>

<p>
In Napoleon Fischers Gesicht begann es zu arbeiten.
</p>

<p>
„Aber!“ wiederholte Diederich stark. „Ich wäre durchaus
nicht einverstanden, wenn meine Leute sich deswegen
den Mund verrenken, und wenn Sie, Fischer, nun vielleicht
die Arbeiter gegen die städtischen Behörden aufhetzen,
weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner
beweisen kann.“ Seine Faust schlug entrüstet durch die
Luft. „Mir hat man schon nachgesagt, daß ich den Prozeß
gegen Lauer angezettelt habe. Ich will an nichts schuld
sein, meine Leute sollen sich ruhig halten.“
</p>

<pb n='286'/><anchor id='Pgp0286'/>

<p>
Seine Stimme ward vertraulicher, er neigte sich näher
zu dem anderen hin. „Na, und weil ich Ihren Einfluß
kenne, Fischer ...“
</p>

<p>
Plötzlich war seine Hand offen, und auf ihrer Fläche
lagen drei große Goldstücke.
</p>

<p>
Napoleon Fischer sah sie und verzerrte das Gesicht, als
erblickte er den Teufel. „Nein!“ rief er, „und abermals
nein! Meine Überzeugung kann ich nicht verraten! Für
allen Mammon der Welt nicht!“
</p>

<p>
Er hatte rote Augen und kreischte. Diederich wich
zurück; so nahe hatte er dem Umsturz noch nie ins Gesicht
gesehen. „Die Wahrheit muß ans Licht!“ kreischte Napoleon
Fischer. „Dafür werden wir Proletarier sorgen:
Das können Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die
Schandtaten der besitzenden Klassen ...“
</p>

<p>
Diederich hielt ihm schnell noch einen Kognak hin.
„Fischer,“ sagte er eindringlich, „das Geld biete ich Ihnen
dafür, daß mein Name in der Sache nicht genannt wird.“
Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz erschien
in seiner Miene.
</p>

<p>
„Zeugniszwang, Herr Doktor, üben wir nicht. Wir nicht.
Wer uns mit Agitationsstoff versorgt, hat nichts zu fürchten.“
</p>

<p>
„Dann ist alles in Ordnung“, sagte Diederich erleichtert.
„Ich wußte schon, Fischer, daß Sie ein großer Politiker
sind. Und darum, wegen des Mädchens, ich meine die
verunglückte Arbeiterin –. Ich habe Ihnen soeben mit
meiner Mitteilung über die Buckschen Schweinereien
einen Gefallen getan ...“
</p>

<p>
Napoleon Fischer grinste geschmeichelt. „Weil Herr Doktor
sagen, daß ich ein großer Politiker bin ... Ich will
von dem Schadenersatz weiter nicht reden. Intimitäten
aus den ersten Kreisen sind für uns doch wichtiger als –“
</p>

<pb n='287'/><anchor id='Pgp0287'/>

<p>
„– als so ein Mädchen“, ergänzte Diederich. „Sie
denken immer als Politiker.“
</p>

<p>
„Immer“, bestätigte Napoleon Fischer. „Mahlzeit,
Herr Doktor.“
</p>

<p>
Er zog sich zurück – indes Diederich feststellte, daß
die proletarische Politik ihre Vorzüge habe. Er schob seine
drei Goldstücke wieder in die Tasche.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Am Abend des nächsten Tages waren alle Spiegel des
Hauses im Wohnzimmer zusammengetragen. Emmi,
Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen umher,
bis ihnen die Hälse schmerzten; dann ließen sie sich nervös
auf den Rand eines Stuhles nieder. „Mein Gott, es ist
doch Zeit!“ Aber Diederich war fest entschlossen, nicht
wieder zu früh zu kommen, wie beim Prozeß Lauer. Die
ganze Wirkung der Persönlichkeit ging zum Teufel, wenn
man zu früh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte
Inge Tietz sich nochmals bei Frau Heßling, daß sie ihr
den Platz im Wagen wegnehme. Nochmals sagte Frau
Heßling: „Ach Gott, es ist gern geschehen. Ich alte Frau
bin zu schwach für so was Großes. Genießt ihr es nur,
Kinder!“ Und sie umarmte unter Tränen ihre Töchter,
die kühl abwehrten. Denn sie wußten, daß die Mutter
bloß Angst hatte, weil jetzt überall von nichts weiter gesprochen
wurde als von der furchtbaren Klatschgeschichte,
an der sie selbst schuld war.
</p>

<p>
Im Wagen fing Inge gleich wieder davon an. „Na, Bucks
und Daimchens! Gespannt bin ich bloß, ob sie heute die
edle Dreistigkeit haben und da sind.“ Magda sagte ruhig:
„Das müssen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, daß es wahr
ist.“ – „Wennschon“, erklärte Emmi. „Ich finde, daß das
ihre Sache ist. Ich rege mich darüber nicht auf.“ – „Ich
<pb n='288'/><anchor id='Pgp0288'/>auch nicht“, setzte Diederich hinzu. „Ich habe es eigentlich
erst heute abend von Ihnen gehört, Fräulein Tietz.“
</p>

<p>
Hierüber geriet Inge Tietz außer sich. So leicht dürfe
man den Skandal denn doch nicht nehmen. Ob er glaube,
daß sie sich das Ganze ausgedacht habe. „Die Bucks haben
schon längst Butter auf dem Kopf wegen der Sache: das
wissen ihre eigenen Dienstboten.“ – „Also Dienstbotenklatsch“,
sagte Diederich, während er einen kleinen Stoß
erwiderte, den Magda ihm mit dem Knie gab. Dann
mußte man schon aussteigen und die Stufen hinuntergehen,
die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Straße
mit der tief gelegenen alten Riekestraße verbanden. Diederich
fluchte; denn es begann zu regnen, die Ballschuhe
wurden naß; auch standen vor dem Festlokal Proleten,
die feindselig gafften. Hätte man nicht, als der ganze Stadtteil
höher gelegt wurde, auch dieses Gerümpel niederreißen
können? Das historische Harmoniehaus hatte erhalten
werden sollen – als ob die Stadt nicht die Mittel
gehabt hätte, in zentraler Lage ein modernes, erstklassiges
Gesellschaftsgebäude zu bauen. In dem alten Kasten
roch es ja nach Moder! Und gleich beim Eingang kicherten
immer die Damen, weil eine Statue der Freundschaft
dastand, die zwar eine hohe Perücke, aber sonst nichts anhatte.
„Vorsicht,“ sagte Diederich auf der Treppe, „sonst
brechen wir ein.“ Denn die beiden dünnen Bogen der
Treppe griffen durch die Luft wie zwei vom Alter abgemagerte
Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war
blaß geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten,
lächelte auf dem Geländer aus seinem blanken Marmorgesicht
noch immer der bezopfte Bürgermeister, der dies
alles der Stadt hinterlassen hatte und der ein Buck gewesen
war. Diederich sah ungnädig an ihm vorbei.
</p>

<pb n='289'/><anchor id='Pgp0289'/>

<p>
In der tiefen Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne
Dame nur hielt sich dahinten auf, sie schien durch
einen Türspalt in den Festsaal zu spähen – und plötzlich
wurden die Mädchen von Entsetzen ergriffen: die Vorstellung
hatte begonnen! Magda stürzte durch die Galerie
und brach in Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit
dem Finger auf den Lippen. Es war Frau von Wulckow,
die Dichterin. Sie lächelte erregt und flüsterte: „Es
geht gut, mein Stück gefällt. Sie kommen gerade rechtzeitig,
Fräulein Heßling, gehen Sie nur und kleiden sich
um.“ Ach ja! Emmi und Magda hatten erst im zweiten
Akt zu tun. Auch Diederich hatte den Kopf verloren.
Indes die Schwestern mit Inge Tietz, die ihnen helfen
sollte, durch die Nebenräume nach der Garderobe eilten,
stellte er sich der Präsidentin vor und blieb ratlos stehen.
„Jetzt dürfen Sie nicht hinein, es würde stören“, sagte sie.
Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte
er die Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der
halb erblindeten Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen
Abbild begegnete. Der zartgelbe Lack der Wände zeigte
launische Sprünge, und auf den Panneaus starben die
Farben der Blumen und Gesichter ... Frau von Wulckow
schloß eine kleine Tür, durch die jemand einzutreten schien,
eine Schäferin mit ihrem bebänderten Stab. Sie schloß
die Tür ganz vorsichtig, damit nur die Vorstellung nicht
gestört werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf,
als sei es Puder aus dem Haar der gemalten Schäferin.
</p>

<p>
„Dies Haus ist so romantisch“, flüsterte Frau von Wulckow.
„Finden Sie nicht auch, Herr Doktor? Wenn man
sich hier im Spiegel sieht, glaubt man einen Reifrock
anzuhaben“ – worauf Diederich, immer ratloser, ihr
Hängekleid ansah. Die entblößten Schultern waren hohl
<pb n='290'/><anchor id='Pgp0290'/>und nach vorn gebogen, die Haare von slawischem Weißblond,
und Frau von Wulckow trug einen Zwicker.
</p>

<p>
„Sie passen hier glänzend herein, Frau Präsidentin ...
Frau Gräfin“, verbesserte er und sah sich mit einem Lächeln
belohnt für seine kühne Schmeichelei. Nicht jeder würde
Frau von Wulckow so treffsicher daran erinnert haben,
daß sie eine geborene Gräfin Züsewitz war!
</p>

<p>
„Tatsächlich“, bemerkte sie, „sollte man kaum glauben,
daß dies Haus seinerzeit nicht für eine wirklich vornehme
Gesellschaft gebaut worden ist, sondern nur für die guten
Netziger Bürger.“ Sie lächelte nachsichtig.
</p>

<p>
„Ja, das ist komisch“, bestätigte Diederich mit einem
Kratzfuß. „Aber heute können sich zweifellos nur Frau
Gräfin hier ganz zu Hause fühlen.“
</p>

<p>
„Sie haben gewiß Sinn für das Schöne“, vermutete
Frau von Wulckow; und da Diederich es bestätigte, erklärte
sie, dann dürfe er den ersten Akt doch nicht ganz
versäumen, sondern müsse durch den Türspalt sehen.
Sie selbst trat schon längst von einem Fuß auf den anderen.
Sie wies mit dem Fächer nach der Bühne. „Herr Major
Kunze wird gleich abgehen. Er ist ja nicht besonders gut,
aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand der Harmonie
und hat den Leuten die künstlerische Bedeutung meines
Werkes erst zum Verständnis gebracht.“ Indes Diederich
den Major unschwer wiedererkannte, denn er hatte sich
gar nicht verändert, erläuterte die Dichterin ihm mit fliegender
Geläufigkeit die Vorgänge. Das junge Bauernmädchen,
mit dem Kunze sich unterhielt, war seine natürliche
Tochter, also eine Grafentochter, weshalb das Stück denn
auch „Die heimliche Gräfin“ hieß. Gerade klärte Kunze sie,
bärbeißig wie immer, über diesen Umstand auf. Auch eröffnete
er ihr, er werde sie mit einem armen Vetter
verhei<pb n='291'/><anchor id='Pgp0291'/>raten und ihr die Hälfte seiner Besitztümer vererben. Hierüber
herrschte, als er abgegangen war, laute Freude bei dem
Mädchen und ihrer Pflegemutter, der braven Pächtersfrau.
</p>

<p>
„Wer ist denn die schreckliche Person?“ fragte Diederich,
bevor er es bedacht hatte. Frau von Wulckow
war erstaunt.
</p>

<p>
„Es ist doch die komische Alte vom Stadttheater. Wir
hatten sonst niemand für die Rolle; aber meine Nichte
spielt ganz gern mit ihr.“
</p>

<p>
Und Diederich erschrak; mit der schrecklichen Person
hatte er die Nichte gemeint. „Das Fräulein Nichte ist
ganz reizend“, beteuerte er schnell und blinzelte entzückt
nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den Schultern
saß – und es waren Wulckows Schultern! „Talent
hat sie aber auch“, setzte er der Sicherheit wegen hinzu.
Frau von Wulckow wisperte: „Passen Sie nur auf“ –
und da kam aus der Kulisse Assessor Jadassohn. Welch
eine Überraschung! Er hatte ganz neue Bügelfalten und
trug in seinem imposant geschweiften Cutaway eine
riesenhafte Plastronkrawatte mit einem roten Funkelstein
von entsprechendem Umfang. Aber so sehr der Stein
auch funkelte, Jadassohns Ohren überstrahlten ihn. Da sein
Kopf frisch geschoren und sehr platt war, standen die Ohren
frei heraus und beleuchteten wie zwei Lampen seine festliche
Pracht. Er spreizte die gelb behandschuhten Hände, als
plädierte er für viele Jahre Zuchthaus; und tatsächlich sagte
er der Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der
heulenden komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau
von Wulckow wisperte: „Er ist ein schlechter Charakter.“
</p>

<p>
„Und ob“, sagte Diederich mit Überzeugung.
</p>

<p>
„Kennen Sie denn mein Stück?“
</p>

<p>
„Ach so. Nein. Aber ich sehe schon, was er will.“
</p>

<pb n='292'/><anchor id='Pgp0292'/>

<p>
Nämlich Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten
Grafen Kunze war, hatte gelauscht und war durchaus
nicht gesonnen, die Hälfte seiner ihm von Gott verliehenen
Besitztümer an die Nichte abzutreten. Er verlangte gebieterisch,
daß sie augenblicklich das Feld räume; widrigenfalls
er sie als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmündigen
lassen werde.
</p>

<p>
„Das ist eine Gemeinheit“, bemerkte Diederich. „Sie
ist doch seine Schwester.“ Die Dichterin erklärte ihm:
</p>

<p>
„Nun ja. Aber andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommiß
aus den Gütern machen will. Er arbeitet eben für
das ganze Geschlecht, mag auch der einzelne zu kurz kommen.
Für die heimliche Gräfin ist das natürlich tragisch.“
</p>

<p>
„Wenn man es recht bedenkt –“, Diederich war hocherfreut.
Dieser aristokratische Gesichtspunkt kam auch ihm
selbst zustatten, wenn er keine Neigung fühlte, Magda
bei ihrer Verheiratung am Geschäft zu beteiligen.
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<p>
„Frau Gräfin, Ihr Stück ist erstklassig“, sagte er, durchdrungen.
Aber da zog Frau von Wulckow ihn angstvoll
am Arm: im Publikum entstanden Geräusche, es scharrte,
schnupfte sich aus und kicherte. „Er übertreibt“, stöhnte
die Dichterin. „Ich habe es ihm immer gesagt.“
</p>

<p>
Denn Jadassohn führte sich wirklich unerhört auf. Die
Nichte samt der komischen Alten klemmte er hinter den
Tisch ein und füllte mit den tobenden Bekundungen seiner
gräflichen Persönlichkeit die ganze Bühne. Je mehr das
Haus ihn mißbilligte, desto herausfordernder lebte er dort
oben sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten
sich nach der Tür um, hinter der Frau von Wulckow bebte,
und zischten. Vielleicht geschah es nur, weil die Tür
kreischte – aber die Dichterin fuhr zurück, sie verlor den
Zwicker und tastete in hilflosem Entsetzen durch die Luft,
<pb n='293'/><anchor id='Pgp0293'/>bis Diederich ihn ihr zurückbrachte. Er versuchte, sie zu
trösten. „Es hat nichts zu sagen, Jadassohn geht doch
hoffentlich bald ab?“ Sie horchte durch die geschlossene
Tür. „Ja, Gott sei Dank“, plapperte sie, und die Zähne
schlugen ihr aufeinander. „Jetzt ist er fertig, jetzt flieht
meine Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt
Kunze wieder mit dem Leutnant, wissen Sie.“
</p>

<p>
„Ein Leutnant spielt auch mit?“ fragte Diederich
achtungsvoll.
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<p>
„Ja, das heißt, er ist noch auf dem Gymnasium, er ist
ein Sohn des Herrn Landgerichtsdirektors Sprezius: der
arme Verwandte, wissen Sie, den der alte Graf seiner Tochter
zum Mann geben will. Er verspricht dem Alten, daß er
die heimliche Gräfin in der ganzen Welt suchen wird.“
</p>

<p>
„Sehr begreiflich“, sagte Diederich. „Es liegt in seinem
eigenen Interesse.“
</p>

<p>
„Sie werden sehen, er ist ein edler Mensch.“
</p>

<p>
„Aber Jadassohn, wenn ich mir die Bemerkung erlauben
darf, Frau Gräfin, den hätten Sie nicht mitspielen
lassen sollen“, sagte Diederich vorwurfsvoll und
mit heimlicher Genugtuung. „Schon wegen der Ohren.“
</p>

<p>
Frau von Wulckow sagte niedergeschlagen:
</p>

<p>
„Ich dachte nicht, daß sie auf der Bühne so wirken würden.
Glauben Sie nun, daß es ein Mißerfolg wird?“
</p>

<p>
„Frau Gräfin!“ Diederich legte die Hand auf das Herz.
„Ein Stück wie die ‚heimliche Gräfin‘ ist nicht so leicht
Umzubringen!“
</p>

<p>
„Nicht wahr? Es kommt beim Theater doch wohl auf
die künstlerische Bedeutung an.“
</p>

<p>
„Gewiß. Freilich, so ein Paar Ohren haben auch viel
Einfluß“ – und Diederich machte ein bedenkliches Gesicht.
</p>

<p>
Frau von Wulckow rief flehend aus:
</p>

<pb n='294'/><anchor id='Pgp0294'/>

<p>
„Wo doch der zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt
in einer protzigen Fabrikantenfamilie, und die heimliche
Gräfin dient dort als Stubenmädchen. Dann ist da ein
Klavierlehrer, kein feiner Mensch, eine der Töchter hat
er sogar geküßt, und nun macht er der Gräfin einen Heiratsantrag,
den sie natürlich weit von sich weist. Ein Klavierlehrer!
Wie könnte sie!“
</p>

<p>
Diederich bestätigte, es sei ausgeschlossen.
</p>

<p>
„Aber nun sehen Sie, wie tragisch: die Tochter, die
sich von dem Klavierlehrer hat küssen lassen, verlobt sich
auf einem Ball mit einem Leutnant, und wie der Leutnant
ins Haus kommt, da ist es derselbe Leutnant, der –“
</p>

<p>
„O Gott, Frau Gräfin!“ Diederich streckte schützend
die Hände vor, ganz erregt durch so viele Verwicklungen.
„Wie kommen Sie nur auf all die Geschichten?“
</p>

<p>
Die Dichterin lächelte leidenschaftlich.
</p>

<p>
„Ja, nämlich das ist das Interessanteste: Nachher weiß
man es nicht mehr. Es geht so geheimnisvoll zu im Gemüt!
Manchmal denke ich mir, ich muß es geerbt haben.“
</p>

<p>
„Haben Sie denn so viele Dichter in Ihrer werten Familie?“
</p>

<p>
„Das nicht. Aber wenn nicht mein großer Vorfahre
die Schlacht bei Kröchenwerda gewonnen hätte, wer weiß,
ob ich die ‚heimliche Gräfin‘ geschrieben haben würde.
Es kommt schließlich immer auf das Blut an!“
</p>

<p>
Bei dem Namen der Schlacht machte Diederich einen
Kratzfuß, und er wagte nichts mehr zu fragen.
</p>

<p>
„Jetzt muß gleich der Vorhang fallen“, sagte Frau von
Wulckow. „Hören Sie etwas?“
</p>

<p>
Er hörte nichts; nur für die Dichterin gab es nicht Tür
noch Wände. „Jetzt schwört der Leutnant der fernen
Gräfin die ewige Treue“, flüsterte sie. „So“; und alles
<pb n='295'/><anchor id='Pgp0295'/>Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf schoß es
heftig zurück; man klatschte: nicht stürmisch; aber man
klatschte. Die Tür ward von drinnen geöffnet. Dort
hinten rollte nochmals der Vorhang hinauf, und da der
junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte hervorkamen,
ward der Beifall lebhafter. Plötzlich schnellte aus der
Kulisse Jadassohn, pflanzte sich vor die beiden und machte
Miene, den Erfolg einzuheimsen – worauf gezischt ward.
Frau von Wulckow wandte sich entrüstet ab. Der Schwiegermutter
des Bürgermeisters Scheffelweis und der
Landgerichtsrätin Harnisch, die ihr Glück wünschten, erklärte
sie: „Herr Assessor Jadassohn ist als Staatsanwalt
unmöglich. Ich werde es meinem Mann sagen.“
</p>

<p>
Die Damen gaben den Ausspruch sofort weiter und
hatten viel Erfolg damit. Plötzlich war die Spiegelgalerie
voll von Gruppen, die über Jadassohns Ohren herfielen.
„Die Präsidentin hat recht wacker gedichtet; nur Jadassohns
Ohren –.“ Als man hörte, daß Jadassohn im
zweiten Akt nicht mehr wiederkomme, war man doch enttäuscht.
Wolfgang Buck ging mit Guste Daimchen auf
Diederich zu. „Haben Sie gehört?“ fragte er. „Jadassohn
soll eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren konfiszieren.“
Diederich sagte mißbilligend: „Ich mache keine
Witze, wenn es jemandem schlecht geht.“ Und dabei überwachte
er eifrig die Blicke, die Buck und seine Begleiterin
trafen. Alle Mienen lebten auf, wenn sie die beiden erblickten;
Jadassohn war vergessen. Vom Ausgang trug
die dünne Schreistimme des Professor Kühnchen etwas
durch den Wirrwarr, das klang wie „Affenschande“. Da
die Pastorin Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den
Arm legte, wandte er sich her, und jetzt verstand man
es deutlich: „Eine ausgewachsene Affenschande ist es!“
</p>

<pb n='296'/><anchor id='Pgp0296'/>

<p>
Guste sah sich um; sie bekam Schlitzaugen. „Dort
sprechen sie auch davon“, sagte sie geheimnisvoll.
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<p>
„Wovon?“ stammelte Diederich.
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<p>
„Wir wissen schon. Und wer es aufgebracht hat, weiß
ich auch.“
</p>

<p>
Hier brach Diederich der Schweiß aus. „Was haben
Sie denn?“ fragte Guste. Buck, der durch die Seitentür
nach dem Büfett schielte, sagte phlegmatisch:
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<p>
„Heßling ist ein vorsichtiger Politiker, er hört nicht gern
mit an, daß der Bürgermeister zwar einerseits ein guter
Ehemann ist, aber andererseits auch seiner Schwiegermutter
nichts abschlagen kann.“
</p>

<p>
Sofort ward Diederich dunkelrot.
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<p>
„Das ist eine Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch
eine Gemeinheit ausdenken!“
</p>

<p>
Guste kicherte heftig. Buck blieb unbewegt. „Erstens
scheint es Tatsache zu sein, denn die Frau Bürgermeister
hat die beiden überrascht und sich einer Freundin anvertraut.
Dann aber lag es ja auf der Hand.“
</p>

<p>
Guste brachte hervor: „Na Sie, Herr Doktor, wären
natürlich nie darauf gekommen.“ Dabei blinzelte sie
verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich blitzte. „Aha!“
sagte er stramm. „Jetzt weiß ich freilich genug.“ Und er
drehte ihnen den Rücken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten,
noch dazu über den Bürgermeister! Diederich
durfte den Kopf hoch tragen. Er stieß zu der Gruppe
Kühnchens, die sich nach dem Büfett hin bewegte und ein
Kielwasser von sittlicher Entrüstung hinterließ. Die
Schwiegermutter des Bürgermeisters schwur mit rotem
Gesicht, „diese Gesellschaft“ werde ihr Haus künftig nur noch
von außen sehen, und mehrere Damen schlossen sich ihrem
Vorsatz an, trotz Abraten des Warenhausbesitzers Herrn
<pb n='297'/><anchor id='Pgp0297'/>Cohn, der bis auf weiteres alles in Zweifel zog, weil eine
derartige sittliche Entgleisung bei einem bewährten alten
Liberalen wie dem Herrn Buck ganz ausgeschlossen erscheine.
Professor Kühnchen war vielmehr der Meinung,
daß ein zu weit gehender Radikalismus auch die Moral
gefährde. Selbst Doktor Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern
für freie Menschen veranstaltete, machte die Bemerkung,
an Familiensinn, man könne auch sagen Nepotismus,
habe es dem alten Buck niemals gefehlt. „Beispiele
dafür liegen Ihnen allen auf der Zunge. Und daß er jetzt,
um das Geld in der Familie zu erhalten, sich anschickt, seine
unehelichen Kinder mit seinen ehelichen zu verheiraten,
das, meine Herrschaften, würde ich ärztlich als greisenhafte
Ausschreitung einer früher noch beherrschten Naturanlage
diagnostizieren.“ Hierbei bekamen die Damen erschreckte
Gesichter, und die Pastorin Zillich schickte ihr
Käthchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch.
</p>

<p>
Auf ihrem Wege kam Käthchen an Guste Daimchen
vorbei, aber sie begrüßte sie nicht, sondern schlug die Augen
nieder; da machte Guste ein betretenes Gesicht. Am Büfett
bemerkte man es und äußerte Mißbilligung, vermischt
mit Mitleid. Guste mußte nun eben erfahren, was es
hieß, sich über die öffentliche Moral hinwegzusetzen.
Mochte ihr zugebilligt werden, daß sie vielleicht getäuscht
und schlecht beeinflußt sei: Frau Oberinspektor Daimchen
aber, die wußte doch wohl Bescheid, und sie war gewarnt!
Die Schwiegermutter des Bürgermeisters berichtete von
ihrem Besuch bei Gustes Mutter und von ihren vergeblichen
Anstrengungen, durch Anklopfen ein Geständnis
hervorzulocken aus der verhärteten alten Frau, der eine
legitime Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen
Jugendtraum erfüllte!...
</p>

<pb n='298'/><anchor id='Pgp0298'/>

<p>
„Na, und der Herr Rechtsanwalt Buck!“ kreischte Kühnchen.
Tatsächlich, wen wollte dieser Herr glauben machen,
daß er über die neue Schande, die seine Familie traf,
nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen
im Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah
man ihn nicht zögern, die schmutzige Wäsche seiner Schwester
und seines Schwagers öffentlich vor Gericht auszubreiten,
nur um von sich reden zu machen! Doktor Heuteufel,
den es noch immer drängte, seine eigene Haltung
im Prozeß nachträglich zu verbessern, erklärte: „Das ist
kein Verteidiger, das ist ein Komödiant!“ Und als Diederich
zu bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse,
wenn auch anfechtbare Überzeugungen in Politik und
Moral, da ward ihm erwidert: „Herr Doktor, Sie sind sein
Freund. Daß Sie für ihn eintreten, spricht zu Ihren Gunsten,
aber Sie machen uns nichts weiß;“ – worauf Diederich
sich zurückzog, mit bekümmerter Miene, aber nicht
ohne einen Blick auf den Redakteur Nothgroschen, der bescheiden
an einer Schinkensemmel kaute und alles hörte.
</p>

<p>
Plötzlich entstand eine Stille, denn drinnen, nahe der
Bühne, erblickte man den alten Herrn Buck in einem Kreis
junger Mädchen. Es schien, er erklärte ihnen die Malereien
an den Wänden, das Leben von ehemals, das verblichen
und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis
der Stadt, wie sie gewesen war, mit verschwundenen
Wiesen und Gärten und den Menschen allen, lärmend einst
als Herren hier in diesem Festhaus, nun aber in hingetäuschte
Tiefen gebannt vor dem Geschlecht, das eben jetzt
lärmte ... Jetzt sah es gar aus, als ahmten sie, die Mädchen
und der Alte, den Figuren nach. Gerade über ihnen
war das Burgtor abgebildet, und ein Herr in Perücke und
Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu
<pb n='299'/><anchor id='Pgp0299'/>Häupten der Treppe stand. In dem lieblichen Gehölz
voller Blumen aber, das damals wohl dort, statt der
Papierfabrik Gausenfeld, geblüht hatte, tanzten ihm
helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz über ihn und
wollten ihn damit umherdrehen. Der Widerschein von
rosigen kleinen Wolken fiel auf sein glückliches Gesicht.
So glücklich lächelte in diesem Augenblick auch der alte
Buck, ließ sich von den Mädchen hin und her ziehen und
war von ihnen gefangen, wie in einem lebenden Kranz.
Seine Sorglosigkeit war unbegreiflich, sie war aufreizend.
Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem Grade
abgestumpft, daß er seine natürliche Tochter –: „<hi rend='gesperrt'>Unsere</hi>
Töchter sind eben doch keine natürlichen Kinder“, sagte
Frau Warenhausbesitzer Cohn. „Meine Sidonie mit
Guste Daimchen Arm in Arm!“... Buck und seine jungen
Freundinnen merkten gar nicht, daß sie sich am Ende
eines leeren Raumes befanden. Vorn bildete feindliches
Publikum eine Mauer; die Augen fingen zu funkeln an,
und der Mut wuchs. „Die Familie ist die längste Zeit
obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei,
gleich kommt Nummer zwei!“... „Das ist ja der reinste
Rattenfänger!“ murrte es; und drüben: „Ich sehe es nicht
noch länger mit an!“ Jäh entrangen sich zwei Damen
dem allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf und durchkreuzten
den leeren Raum. Frau Rat Harnisch, die in
ihrer roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am Ziel pünktlich
auf die gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bemächtigte
die eine sich ihrer Sidonie, die andere ihrer Meta,
und welch eine Genugtuung, als sie wieder anlangten!
„Ich war einer Ohnmacht nahe“, sagte die Pastorin
Zillich, da nun gottlob auch Käthchen sich einfand.
</p>

<p>
Die gute Laune kehrte zurück, man scherzte über den
<pb n='300'/><anchor id='Pgp0300'/>alten Sünder und verglich ihn mit dem Grafen im Stück
der Präsidentin. Freilich, Guste war keine heimliche
Gräfin; in einer Dichtung konnte man, der Präsidentin
zu gefallen, mit solchen Zuständen sympathisieren. Übrigens
waren sie dort noch erträglich, denn die Gräfin
sollte nur ihren Vetter heiraten, während Guste –!
</p>

<p>
Der alte Buck, der niemand mehr um sich sah, als seine
künftige Schwiegertochter und eine seiner Nichten, bekam
eine fragende Miene; ja, unter den Blicken, die ihn
in seiner Verlassenheit musterten, ward er sichtlich verlegen.
Man machte einander darauf aufmerksam; –
und Diederich sogar fragte sich, ob Frau Heßlings alte
Skandalgeschichte denn etwa gar wahr sei? Da er das
Phantom, das er selbst in die Welt geschickt hatte, hier
einen Körper annehmen und immer drohender um sich
greifen sah, war ihm selber bange geworden. Diesmal
galt es nicht irgendeinem Lauer, es galt dem alten Herrn
Buck, der ehrwürdigsten Figur aus Diederichs Kindertagen,
dem großen Mann der Stadt, der Verkörperung ihres
Bürgersinnes, dem zum Tode Verurteilten von Achtundvierzig!
Im eigenen Herzen fühlte Diederich ein Sträuben
gegen sein Unterfangen. Auch schien es Wahnwitz; ein
Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch längst
nicht. Kam es aber heraus, wer der Urheber war, dann
mußte Diederich darauf gefaßt sein, daß alle sich gegen ihn
wendeten ... Gleichwohl blieb es ein Streich, und er hatte
getroffen. Jetzt war es nicht mehr bloß die Familie, die
bröckelte und an dem Alten als Last hing: der Bruder vor
dem Bankerott, der Schwiegersohn im Gefängnis, die Tochter
auf Reisen mit einem Liebhaber, und von den Söhnen
einer verbauert, der andere verdächtig durch Gesinnung und
Lebensführung, – jetzt schwankte er, zum ersten Male,
<pb n='301'/><anchor id='Pgp0301'/>selbst. Herunter mit ihm, damit Diederich hinaufkam!
Trotzdem war es Diederich bange bis in den Leib hinein,
er machte sich auf, um die Nebenräume zu besuchen.
</p>

<p>
Er lief, denn es klingelte schon zum zweiten Akt: da
stieß er mit der Schwiegermutter des Bürgermeisters zusammen,
die es aus einem anderen Grund ebenso eilig
hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern,
daß ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf
den alten Buck zu bewege und ihn mit seiner Autorität
decke. „Mit deiner Autorität als Bürgermeister, einen
solchen Skandal!“ Sie war heiser vor Aufregung. Die
Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb dabei,
die Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und
noch gestern habe Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster
gegeben. Mit versteckten Püffen trieb jede ihn nach
ihrer Seite; er gab ihnen abwechselnd recht, seine blassen
Bartkotelettes flohen nach links und nach rechts, und er
hatte Augen wie ein Hase. Die Vorübergehenden stießen
einander an und wiederholten flüsternd als einen Witz, was
Diederich durch Wolfgang Buck wußte. Angesichts so wichtiger
Vorgänge vergaß er seine Leibschmerzen, blieb stehen
und beschrieb einen herausfordernden Gruß. Der Bürgermeister
gab sich Haltung, verließ seine Damen, er streckte
Diederich die Hand hin. „Mein lieber Doktor Heßling,
es freut mich, das ist einmal ein gelungenes Fest, wie?“
</p>

<p>
Aber Diederich zeigte sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende
Herzlichkeit einzugehen, die Doktor Scheffelweis so
sehr liebte. Er richtete sich auf wie das Verhängnis und blitzte.
</p>

<p>
„Herr Bürgermeister, ich fühle mich nicht berechtigt,
Sie im unklaren zu lassen über gewisse Dinge, die –“
</p>

<p>
„Die?“ fragte Doktor Scheffelweis, erbleicht.
</p>

<p>
„Die vorgehen“, sagte Diederich nicht ohne Härte. Der
<pb n='302'/><anchor id='Pgp0302'/>Bürgermeister bat um Erbarmen. „Ich weiß doch schon.
Es ist die fatale Geschichte mit unserem allverehrten –
ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck“, flüsterte
er vertraulich. Diederich blieb kalt.
</p>

<p>
„Es ist mehr. Sie dürfen sich nicht länger täuschen, Herr
Bürgermeister: es betrifft Sie selbst.“
</p>

<p>
„Junger Mann, ich muß doch bitten ...“
</p>

<p>
„Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Herr Bürgermeister!“
</p>

<p>
Doktor Scheffelweis irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch
sei durch Aufbegehren besser abzuwenden als durch Flehen!
Er war in Diederichs Hand; die Spiegelgalerie hatte
sich geleert, auch die beiden Damen verschwanden dahinten
im Gedränge.
</p>

<p>
„Buck und Genossen führen einen Gegenschlag“, sagte
Diederich sachlich. „Sie sind entlarvt und rächen sich.“
</p>

<p>
„An mir?“ Der Bürgermeister hüpfte auf.
</p>

<p>
„Verleumdungen, ich wiederhole: infame Verleumdungen
werden gegen Sie gerichtet. Kein Mensch würde sie
glauben, aber in diesen Zeiten der politischen Kämpfe –“
</p>

<p>
Er beendete nicht, sondern hob die Schultern. Doktor
Scheffelweis war sichtlich kleiner geworden. Er wollte
Diederich ansehen, irrte aber ab. Da bekam Diederich die
Stimme des Gerichts.
</p>

<p>
„Herr Bürgermeister! Sie erinnern sich an unsere erste
Unterredung in Ihrem Hause, mit Herrn Assessor Jadassohn.
Ich habe Sie schon damals darauf vorbereitet, daß
ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die schlappe
demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm
national muß man heut sein! Sie waren gewarnt!“
</p>

<p>
Doktor Scheffelweis stand Rede.
</p>

<p>
„Ich war innerlich schon immer auf Ihrer Seite, lieber
Freund: um so mehr, als ich ein besonderer Verehrer
<pb n='303'/><anchor id='Pgp0303'/>Seiner Majestät bin. Unser herrlicher junger Kaiser ist
ein so origineller Denker ... impulsiv ... und ...“
</p>

<p>
„Die persönlichste Persönlichkeit“, ergänzte Diederich
streng.
</p>

<p>
Der Bürgermeister sprach nach: „Persönlichkeit ...
Aber ich in meiner Stellung, die nach beiden Seiten
blickt, kann Ihnen auch heute nur wiederholen: Schaffen
Sie neue Tatsachen!“
</p>

<p>
„Und mein Prozeß? Ich habe die Feinde Seiner Majestät
glatt zerschmettert!“
</p>

<p>
„Ich habe Ihnen nichts in den Weg gelegt. Ich habe
Sie sogar beglückwünscht.“
</p>

<p>
„Mir nicht bekannt.“
</p>

<p>
„Wenigstens im stillen.“
</p>

<p>
„Heute muß man sich offen entscheiden, Herr Bürgermeister.
Seine Majestät haben es selbst gesagt: wer nicht
für mich ist, ist wider mich! Unsere Bürger sollen endlich
aus dem Schlummer erwachen und bei der Bekämpfung
der umwälzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!“
</p>

<p>
Hier schlug Doktor Scheffelweis die Augen nieder. Um
so gebieterischer reckte sich Diederich.
</p>

<p>
„Wo aber bleibt der Bürgermeister?“ fragte er, und
seine Frage klang in einer drohenden Stille so lange nach,
bis Doktor Scheffelweis sich entschloß, ihn anzublinzeln.
Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs Erscheinung,
blitzend, gesträubt und blond gedunsen, verschlug
ihm die Rede. In fliegender Verwirrung dachte er:
„Einerseits – andererseits“ – und blinzelte immerfort
das Bild der neuen Jugend an, die wußte, was sie wollte,
den Vertreter der harten Zeit, die nun kam!
</p>

<p>
Diederich, mit herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die
Huldigung entgegen. Er genoß einen der Augenblicke,
<pb n='304'/><anchor id='Pgp0304'/>in denen er mehr bedeutete als sich selbst, und im Geiste
eines Höheren handelte. Der Bürgermeister war länger
als er, aber Diederich sah auf ihn hinunter, als hätte er
gethront. „Nächstens haben wir Stadtverordnetenwahlen:
da kommt es nun ganz auf Sie an“, äußerte er gnädig
und knapp. „Der Prozeß Lauer hat einen Umschwung der
öffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute haben Angst vor
mir. Wer mir behilflich sein will, ist mir willkommen; wer
sich mir entgegenstellt –“
</p>

<p>
Den Nachsatz wartete Doktor Scheffelweis nicht ab. „Ich
bin ganz Ihrer Meinung,“ flüsterte er beflissen, „Freunde
des Herrn Buck dürfen nicht mehr gewählt werden.“
</p>

<p>
„Das liegt in Ihrem eigensten Interesse. Bei den
Schlechtgesinnten untergräbt man Ihren guten Ruf, Herr
Bürgermeister! Könnten Sie es heute überleben, daß die
Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr
widersprechen?“ Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis
zitterte; dann wiederholte Diederich, ermutigend: „Es
kommt nur auf Sie an.“ – Der Bürgermeister murmelte:
„Ihre Energie und anständige Gesinnung in Ehren –“
</p>

<p>
„Meine hochanständige Gesinnung!“
</p>

<p>
„Freilich ... Aber Sie sind ein politischer Heißsporn,
mein junger Freund. Die Stadt ist noch nicht reif für
Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig werden?“
</p>

<p>
Statt einer Antwort trat Diederich plötzlich zurück und
machte einen Kratzfuß. Im Eingang stand Wulckow.
</p>

<p>
Er kam herbei unter elastischem Schwenken des Bauches,
legte seine schwarze Tatze dem Doktor Scheffelweis auf die
Schulter und sagte dröhnend: „Na, Bürgermeisterchen, so
solo hier? Ihre Stadtverordneten haben Sie wohl hinausgeworfen?“
– worauf Doktor Scheffelweis bleich mitlachte.
Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltür um,
<pb n='305'/><anchor id='Pgp0305'/>die noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so daß der
Präsident von drinnen nicht zu sehen war, und flüsterte ihm
einige Worte zu, infolge deren der Präsident sich abwandte
und seine Kleider ordnete. Dann sagte er zu Diederich:
„Sie sind wirklich sehr brauchbar, Doktorchen.“
</p>

<p>
Diederich lächelte geschmeichelt. „Ihre Anerkennung,
Herr Präsident, macht mich glücklich.“
</p>

<p>
Wulckow äußerte gnädig: „Sie können gewiß auch sonst
noch allerlei. Wir müssen mal drüber reden.“ Er streckte
den Kopf vor, braunfleckig, mit slawischen Backenknochen,
und glotzte Diederich an aus den Mongolenfalten seiner
Augen, die voll einer warmblütigen, schalkhaften Gewaltsamkeit
waren: – glotzte, bis Diederich schnaufte. Dieser
Erfolg schien Wulckow zu befriedigen. Er bürstete vor dem
Spiegel seinen Bart, zerdrückte ihn aber sogleich wieder auf
dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug, und
sagte: „Nu los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?“
Und in der Mitte zwischen Diederich und dem Bürgermeister
schickte er sich an, mit Wucht die Vorstellung zu
stören: da kam vom Büfett her eine dünne Stimme:
</p>

<p>
„Ach Gott, Ottochen!“
</p>

<p>
„Na, da ist sie“, brummte Wulckow, und er ging seiner
Frau entgegen. „Dachte mir schon, wenn es zum Klappen
kommt, scheut sie. Mehr Reitergeist, meine beste Frieda!“
</p>

<p>
„Ach Gott, Ottochen, ich habe nun mal solche grauenhafte
Angst.“ Zu den beiden anderen Herrn gewandt plauderte
sie geläufig, wenn auch bebend. „Ich weiß wohl, man
sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen.“
</p>

<p>
„Besonders,“ sagte Diederich schlagfertig, „wenn sie
im voraus gewonnen ist.“ Und er verneigte sich ritterlich.
Frau von Wulckow berührte ihn mit dem Fächer.
</p>

<p>
„Herr Doktor Heßling hat mir nämlich schon während
<pb n='306'/><anchor id='Pgp0306'/>des ersten Aktes hier draußen Gesellschaft geleistet. Er hat
Sinn für das Schöne, er gibt einem sogar nützliche Winke.“
</p>

<p>
„Hab’ ich gemerkt“, sagte Wulckow; und indes Diederich
abwechselnd ihm und seiner Frau dankerfüllte Kratzfüße
machte, setzte der Präsident hinzu: „Bleiben wir lieber
gleich beim Büfett.“
</p>

<p>
„Das war auch mein Schlachtplan“, plauderte Frau von
Wulckow. „Um so mehr, als ich jetzt festgestellt habe, daß man
hier eine kleine Tür nach dem Saal öffnen kann. So erfreut
man sich der von den Ereignissen unberührten Isoliertheit,
die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch <foreign rend="antiqua">au fait</foreign>.“
</p>

<p>
„Bürgermeisterchen,“ sagte Wulckow und schnalzte, „den
Hummersalat sollten Sie sich auch kaufen.“ Er zog Doktor
Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu: „In der Sache
mit dem städtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat
mal wieder eine jammervolle Rolle gespielt.“
</p>

<p>
Der Bürgermeister aß gehorsam und hörte gehorsam
zu – indes Diederich neben Frau von Wulckow nach der
Bühne ausspähte. Dort hatte Magda Heßling Klavierstunde,
und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, küßte
sie feurig, was sie nicht übel zu vermerken schien. „Kienast
dürfte das nicht sehen“, dachte Diederich, aber auch
im eigenen Namen fühlte er sich gekränkt. Er äußerte:
</p>

<p>
„Finden Frau Gräfin nicht doch, daß der Klavierlehrer
zu naturalistisch spielt?“
</p>

<p>
Die Dichterin erwiderte befremdet: „Ganz so lag es in
meiner Intention.“
</p>

<p>
„Ich meinte auch nur“, sagte Diederich unsicher – und
dann erschrak er, denn in der Tür erschien Frau Heßling
oder eine Dame, die ihr ähnlich sah. Emmi kam auch,
und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um
so lauter sprach Wulckow.
</p>

<pb n='307'/><anchor id='Pgp0307'/>

<p>
„Nee, Bürgermeister. Auf den alten Buck können Sie
sich diesmal nicht ’rausreden. Wenn er damals den städtischen
Arbeitsnachweis durchgedrückt hat: die Anwendung
tut es, die ist Ihre Sache.“
</p>

<p>
Doktor Scheffelweis wollte etwas vorbringen, aber
Magda schrie, sie denke nicht daran, den Menschen zu
heiraten, dafür sei das Dienstmädchen gut genug. Die
Dichterin bemerkte:
</p>

<p>
„Das muß sie noch ordinärer bringen. Es sind doch
Parvenüs.“
</p>

<p>
Und Diederich lächelte zustimmend, obwohl er arg betreten
war durch diese Zustände in einem Heim, das dem seinen
glich. Innerlich gab er Emmi recht, die erklärte, der Skandal
müsse sogleich aus der Welt geschafft werden, und die das
Dienstmädchen hereinrief. Aber wie das Mädchen sich zeigte,
verdammt, da war es die heimliche Gräfin! In die Stille,
die ihr Auftreten bewirkte, tönte Wulckows Baßstimme.
</p>

<p>
„Bleiben Sie mir mal weg mit dem Schwindel von
Ihren sozialen Pflichten. Die Landwirtschaft ruinieren
soll sozial sein?“
</p>

<p>
Im Publikum wandten mehrere sich um; die Dichterin
wisperte angstvoll: „Ottochen, um Gottes willen!“
</p>

<p>
„Was ist denn los?“ Er trat in die Tür. „Nun sollen
sie mal zischen!“
</p>

<p>
Niemand zischte. Er wandte sich wieder dem Bürgermeister
zu:
</p>

<p>
„Mit Ihrem Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem,
der im Osten begütert ist, die Arbeiter fort, das ist mal
sicher. Und ferner: Sie haben sogar Vertreter der Arbeiter
in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis – und dabei vermitteln
Sie auch für die Landwirtschaft. Wohin steuern
Sie also? Nach der Koalition der Landarbeiter. Sehen
<pb n='308'/><anchor id='Pgp0308'/>Sie wohl, Bürgermeisterchen?“ Seine Tatze fiel auf
Doktor Scheffelweis’ nachgiebige Schulter. „Wir kommen
Ihnen hinter die Schliche. Wird nicht geduldet!“
</p>

<p>
Auf der Bühne sprach die Wulckowsche Nichte ins Publikum,
denn die Fabrikantenfamilie durfte nichts hören.
</p>

<p>
„Wie? Ich, ein Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten?
Das sei ferne von mir. Wenn die Leute mir auch
eine Ausstattung versprechen, für Geld mögen andere
sich erniedrigen. Ich aber weiß, was ich meiner edlen
Geburt schuldig bin!“
</p>

<p>
Hier ward applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz
sah man Tränen fortwischen, die der Edelsinn der Gräfin
ihnen hatte entquellen lassen. Aber die fortgewischten
Tränen kamen wieder, als die Nichte sagte:
</p>

<p>
„Doch ach! Wo finde ich als Dienstmädchen einen ebenso
Hochgeborenen.“
</p>

<p>
Der Bürgermeister mußte eine Erwiderung gewagt
haben, denn Wulckow grollte: „Dafür, daß es weniger
Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten. Mein Geld ist mein
Geld.“
</p>

<p>
Da konnte Diederich sich nicht länger enthalten, ihm
mit einem Kratzfuß zu danken. Aber auch die Dichterin
bezog mit Recht seinen Kratzfuß auf sich.
</p>

<p>
„Ich weiß,“ sagte sie, selbst gerührt, „die Stelle ist mir
gelungen.“
</p>

<p>
„Das ist Kunst, die zum Herzen spricht“, stellte Diederich
fest. Da Magda und Emmi das Klavier und die Türen
zuschlugen, ergänzte er: „Und hochdramatisch.“ Hierauf
nach der anderen Seite:
</p>

<p>
„Nächste Woche werden zwei Stadtverordnete gewählt
für Lauer und Buck junior. Gut, daß der von selbst geht.“
Wulckow sagte: „Dann sorgen Sie nur dafür, daß
an<pb n='309'/><anchor id='Pgp0309'/>ständige Leute ’reinkommen. Sie sollen ja mit der ‚Netziger
Zeitung‘ gut stehen.“
</p>

<p>
Diederich dämpfte vertraulich die Stimme. „Ich halte
mich vorläufig noch zurück, Herr Präsident. Für die nationale
Sache ist es besser.“
</p>

<p>
„Sieh mal an“, sagte Wulckow; und wirklich sah er
Diederich durchdringend an. „Sie möchten sich wohl
selbst wählen lassen?“ fragte er.
</p>

<p>
„Ich würde das Opfer bringen. Unsere städtischen
Körperschaften haben zu wenig Mitglieder, die in nationaler
Beziehung zuverlässig sind.“
</p>

<p>
„Und was wollen Sie machen, wenn Sie drin sind?“
</p>

<p>
„Dafür sorgen, daß der Arbeitsnachweis aufhört.“
</p>

<p>
„Na ja,“ sagte Wulckow, „als nationaler Mann.“
</p>

<p>
„Ich als Offizier,“ sagte auf der Bühne der Leutnant,
„kann nicht dulden, liebe Magda, daß dieses Mädchen,
wenn es auch nur eine arme Dienstmagd ist, irgendwie
mißhandelt wird.“
</p>

<p>
Der Leutnant aus dem ersten Akt, der arme Vetter, der
die heimliche Gräfin hätte heiraten sollen, er war Magdas
Verlobter! Man fühlte die Zuschauer vor Spannung
beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. „Die Erfindung
ist aber auch meine starke Seite“, sagte sie zu Diederich,
der tatsächlich verblüfft war. Doktor Scheffelweis hatte
keine Zeit, sich den Emotionen der dramatischen Dichtung
zu überlassen; er sah sich gefährdet.
</p>

<p>
„Niemand“, beteuerte er, „würde freudiger einen
Geist –“ Wulckow unterbrach ihn.
</p>

<p>
„Kennen wir, Bürgermeisterchen. Freudig begrüßen
können Sie, wenn’s nichts kostet.“
</p>

<p>
Diederich setzte hinzu: „Aber einen glatten Strich ziehen
zwischen Kaisertreuen und Umsturz!“
</p>

<pb n='310'/><anchor id='Pgp0310'/>

<p>
Der Bürgermeister hob flehend die Arme. „Meine
Herren! Verkennen Sie mich nicht, ich bin zu allem bereit.
Aber mit dem Strich ist nicht geholfen, denn bei uns hier
bedeutet er bloß, daß fast alle, die nicht freisinnig wählen,
sozialdemokratisch wählen.“
</p>

<p>
Wulckow stieß ein wütendes Grunzen aus, worauf er
sich eine Wurst vom Büfett langte. Diederich war es,
der eiserne Zuversicht bekundete.
</p>

<p>
„Wenn die guten Wahlen nicht von selbst kommen,
müssen sie eben gemacht werden!“
</p>

<p>
„Aber womit?“ sagte Wulckow.
</p>

<p>
Die Wulckowsche Nichte ihrerseits rief ins Publikum:
</p>

<p>
„Er muß doch sehen, daß ich eine Gräfin bin, er, der
demselben edlen Stamme entsprossen ist!“
</p>

<p>
„Oh! Frau Gräfin!“ sagte Diederich. „Jetzt bin ich
wirklich neugierig, ob er es sieht.“
</p>

<p>
„Selbstverständlich“, erwiderte die Dichterin. „Sie erkennen
einander doch schon an den besseren Manieren.“
</p>

<p>
In der Tat warfen der Leutnant und die Nichte sich
Blicke zu, weil Emmi und Magda samt Frau Heßling
einen Käse mit dem Messer aßen. Diederich behielt den
Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete
Betragen der Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung.
Die Töchter Buck, Frau Cohn und Guste Daimchen,
alle jubelten. Auch Wulckow ward aufmerksam; er
sog sich das Fett von den Fingern und sagte:
</p>

<p>
„Frieda, du bist fein ’raus, sie lachen.“
</p>

<p>
Wirklich blühte die Dichterin erstaunlich auf. Ihre
Augen hinter dem Zwicker glänzten wirr, sie seufzte, ihr
Busen wallte, es hielt sie nicht länger auf ihrem Stuhl.
Sie wagte sich halb heraus aus dem Büfettzimmer; sofort
wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern,
<pb n='311'/><anchor id='Pgp0311'/>und die Schwiegermutter des Bürgermeisters gab ihr Zeichen.
Frau von Wulckow rief fieberhaft über die Schulter:
</p>

<p>
„Meine Herren, die Schlacht ist gewonnen!“
</p>

<p>
„Wenn es bei uns auch so schnell ginge“, sagte ihr
Gatte. „Na, also, Doktor, wie wollen Sie den Netzigern
die Kandare anlegen?“
</p>

<p>
„Herr Präsident!“ Diederich drückte die Hand aufs
Herz. „Netzig wird kaisertreu, dafür bürge ich Ihnen mit
allem, was ich bin und habe!“
</p>

<p>
„Schön“, sagte Wulckow.
</p>

<p>
„Denn“, fuhr Diederich fort, „wir haben einen Agitator,
den ich als erstklassig bezeichnen möchte: jawohl,
erstklassig“, wiederholte er und umfaßte mit dem Wort
alles Große; „und das ist Seine Majestät selbst!“
</p>

<p>
Doktor Scheffelweis sammelte sich eilig. „Die persönlichste
Persönlichkeit“, brachte er hervor. „Originell.
Impulsiv.“
</p>

<p>
„Na ja“, sagte Wulckow. Er stemmte die Fäuste auf die
Knie und glotzte dazwischen auf den Boden, in der Haltung
eines sorgenvollen Menschenfressers. Auf einmal merkten
die beiden anderen, daß er sie von unten schief ansah.
</p>

<p>
„Meine Herren“ – er stockte wieder – „na, ich will
Ihnen mal was sagen. Ich glaube, der Reichstag wird
aufgelöst.“
</p>

<p>
Diederich und Doktor Scheffelweis streckten die Köpfe
vor, sie wisperten. „Herr Präsident wissen –?“
</p>

<p>
„Der Kriegsminister war neulich mit mir auf der Jagd,
bei meinem Vetter Herrn von Quitzin.“
</p>

<p>
Diederich machte einen Kratzfuß. Er stammelte, er
wußte selbst nicht was. Er hatte es vorausgesagt! Schon
bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein hatte er eine
Rede Seiner Majestät wiedergegeben, – und hatte er
<pb n='312'/><anchor id='Pgp0312'/>sie nur wiedergegeben? Darin kam ausdrücklich vor:
„Ich räume die ganze Bude aus!“ Und nun sollte es geschehen,
ganz so, als handelte er selbst. Es überlief ihn
mystisch ... Wulckow sagte inzwischen:
</p>

<p>
„Die Herren Eugen Richter und Konsorten passen uns
nicht mehr. Wenn sie die Militärvorlage nicht schlucken,
ist Schluß“; – und Wulckow strich sich mit der Faust über
den Mund, als beginne das Fressen.
</p>

<p>
Diederich faßte sich. „Das ist – das ist großzügig!
Das ist ganz sicher die persönliche Initiative Seiner
Majestät!“ Doktor Scheffelweis war erbleicht. „Dann
sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so
froh, daß wir unseren bewährten Abgeordneten hatten ...“
Er erschrak noch mehr. „Das heißt, natürlich, Kühlemann
ist auch ein Freund des Herrn Richter ...“
</p>

<p>
„Ein Nörgler!“ schnaubte Diederich. „Ein vaterlandsloser
Geselle!“ Er rollte die Augen. „Herr Präsident!
Diesmal ist es aus in Netzig mit den Leuten. Lassen Sie
mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr Bürgermeister!“
„Was dann?“ fragte Wulckow. Diederich wußte es nicht.
Glücklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall;
Stühle wurden gerückt, und jemand ließ sich die große Tür
öffnen: Kühlemann selbst war es. Der Greis schleppte
seine schwere kranke Masse eilig durch die Spiegelgalerie.
Am Büfett fand man, seit dem Prozeß sei er noch mehr
verfallen.
</p>

<p>
„Er hätte Lauer lieber freigesprochen, die anderen
Richter haben ihn überstimmt“, sagte Diederich. Doktor
Scheffelweis meinte: „Nierensteine führen wohl schließlich
zur Auflösung.“ Worauf Wulckow humoristisch: „Na,
und im Reichstag sind wir seine Nierensteine.“
</p>

<p>
Der Bürgermeister lachte gefällig. Aber Diederich riß
<pb n='313'/><anchor id='Pgp0313'/>die Augen auf. Er näherte sich dem Ohr des Präsidenten
und raunte:
</p>

<p>
„Sein Testament!“
</p>

<p>
„Was ist damit?“
</p>

<p>
„Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt“, erklärte Doktor
Scheffelweis wichtig. „Wahrscheinlich bauen wir von
dem Geld ein Säuglingsheim.“
</p>

<p>
„Bauen Sie?“ Diederich feixte verachtungsvoll. „Einen
nationaleren Zweck können Sie sich wohl nicht denken?“
</p>

<p>
„Ach so.“ Wulckow nickte Diederich anerkennend zu.
„Wieviel Pinke hat er denn?“
</p>

<p>
„Eine halbe Million wenigstens“, sagte der Bürgermeister,
und er beteuerte: „Ich wäre glücklich, wenn es zu
machen wäre, daß –“
</p>

<p>
„Es ist glatt zu machen“, behauptete Diederich.
</p>

<p>
Da hörte man draußen im Saal ein Lachen, das ganz
verschieden klang von dem vorigen. Es kam aus ungehemmter
Brust und drückte sicherlich Schadenfreude aus.
Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das Büfett
zurück; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. „Grundgütiger
Gott!“ wimmerte sie. „Alles ist verloren.“ „Nanu?“
machte ihr Gatte und stellte sich drohend in die Tür.
Aber selbst dieses konnte die Heiterkeit nicht mehr aufhalten.
Magda hatte zu der Gräfin gesagt: „Spute dich,
du dumme Landpomeranze, daß der Herr Leutnant
den Kaffee kriegt.“ Eine andere Stimme verbesserte
„Tee“, Magda wiederholte „Kaffee“, die andere blieb
bei ihrer Meinung und Magda auch. Das Publikum hatte
erfaßt, daß ein Mißverständnis zwischen ihr und der
Souffleuse vorlag. Übrigens griff der Leutnant mit Glück
ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: „Ich bitte
um beides“ – worauf das Lachen einen nachsichtigeren
<pb n='314'/><anchor id='Pgp0314'/>Charakter annahm. Aber die Dichterin war empört. „Das
Publikum! Es ist und bleibt eine Bestie!“ knirschte sie.
</p>

<p>
„Schiefgehen kann es immer“, sagte Wulckow – und
blinzelte Diederich an.
</p>

<p>
Diederich erwiderte ebenso bedeutsam: „Wenn man
einander versteht, Herr Präsident, dann nicht.“
</p>

<p>
Hierauf hielt er es für besser, sich ganz der Dichterin
und ihrem Werk zu widmen. Mochte der Bürgermeister
inzwischen seine Freunde verraten und sich für die Wahlen
auf alle Wünsche Wulckows verpflichten!
</p>

<p>
„Meine Schwester ist eine Gans“, erklärte Diederich.
„Ich werde ihr nachher die Meinung sagen!“
</p>

<p>
Frau von Wulckow lächelte wegwerfend. „Das arme
Ding, sie tut, was sie kann. Von seiten der Leute aber ist
es wahrhaftig eine unerträgliche Arroganz und Undankbarkeit.
Noch soeben hat man sie erhoben und für das
Ideale begeistert!“
</p>

<p>
Diederich sagte durchdrungen: „Frau Gräfin, diese
bittere Erfahrung machen Sie nicht allein. So ist es überall
im öffentlichen Leben.“ Denn er dachte an die allgemeinen
Hochgefühle damals nach seinem Zusammenstoß
mit dem Majestätsbeleidiger und an die Prüfungen,
die dann gefolgt waren. „Schließlich triumphiert doch
die gute Sache!“ stellte er fest.
</p>

<p>
„Nicht wahr?“ sagte sie mit einem Lächeln, das wie aus
Wolken brach. „Das Gute, Wahre, Schöne.“
</p>

<p>
Sie reichte ihm die schmale Rechte; „ich glaube, mein
Freund, wir verstehen uns“ – und Diederich, des Augenblicks
bewußt, drückte kühn die Lippen darauf, mit einem
Kratzfuß. Er legte die Hand an das Herz und brachte gepreßt
aus der Tiefe: „Glauben Sie mir, Frau Gräfin ...“
</p>

<p>
Die Nichte und der junge Sprezius waren jetzt allein
ge<pb n='315'/><anchor id='Pgp0315'/>blieben, hatten sich als erniedrigte Gräfin und armer Vetter
erkannt, wußten nun, daß sie einander bestimmt waren,
und schwärmten gemeinsam von künftigem Glanz, wenn
sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten, demütig
stolz, von der Sonne der Majestät beschienen sein
würden ... Da hörte Diederich die Dichterin aufseufzen.
</p>

<p>
„Ihnen kann ich es sagen“, seufzte sie. „Ich entbehre
hier doch sehr den Hof. Wenn man, wie ich, von Geburt
dem Hofadel angehört –. Und nun –.“
</p>

<p>
Hinter ihrem Zwicker sah Diederich zwei Tränen perlen.
Dieser Blick in die Tragik der Großen erschütterte
ihn so sehr, daß er strammstand. „Frau Gräfin!“ sagte
er, verhalten und stoßweise. „Die heimliche Gräfin sind
also –“ Er erschrak und schwieg.
</p>

<p>
Die bleiche Stimme des Bürgermeisters war eben dabei,
dem <anchor id="corr315"/><corr sic="Präs denten">Präsidenten</corr> zu verraten, daß Kühlemann nicht wieder
kandidieren werde, und daß die Freisinnigen den Doktor
Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow darin
einig, daß man Gegenmaßregeln treffen müsse, solange
noch niemand die Auflösung des Reichstages erwartete ...
</p>

<p>
Diederich wagte endlich wieder, leise und schonend:
</p>

<p>
„Frau Gräfin, aber, nicht wahr, es wird alles gut?
Sie kriegen sich doch?“
</p>

<p>
Frau von Wulckow, mit Takt und Selbstbeherrschung,
schränkte die Vertraulichkeit des Gefühls schon wieder
ein. In leichtem Plauderton erklärte sie:
</p>

<p>
„Mein Gott, lieber Doktor, was wollen Sie, die leidige
Geldfrage! Es ist wohl unmöglich, daß die jungen Leute
zusammen glücklich werden.“
</p>

<p>
„Sie können doch prozessieren!“ rief Diederich, in
seinem Rechtsgefühl gekränkt. Aber Frau von Wulckow
verzog die Nase. „<hi rend='antiqua'>Fi donc!</hi> Das würde zur Folge haben,
<pb n='316'/><anchor id='Pgp0316'/>daß der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater entmündigen
ließe. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden,
droht er dem Leutnant damit in einer Szene, die
mir, glaube ich, gelungen ist. Soll der Leutnant das auf
sich nehmen? Und die Zerstückelung des Familienbesitzes?
In Ihren Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei uns ist
eben manches nicht möglich.“
</p>

<p>
Diederich verneigte sich. „Dort oben herrschen natürlich
Begriffe, die sich unserem Urteil entziehen. Und dem der
Gerichte wohl auch“, setzte er hinzu. Die Dichterin lächelte
milde.
</p>

<p>
„Sehen Sie, und so verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise
auf die heimliche Gräfin und heiratet die
<anchor id="corr316"/><corr sic="Fabrikantentochter.">Fabrikantentochter.“</corr>
</p>

<p>
„Magda?“
</p>

<p>
„Jawohl. Und die heimliche Gräfin den Klavierlehrer.
So wollen es die höheren Mächte, lieber Herr Doktor,
denen wir –“ ihre Stimme verdunkelte sich ein wenig –
„uns nun einmal zu beugen haben.“
</p>

<p>
Diederich hatte noch einen Zweifel, äußerte ihn aber
nicht. Der Leutnant hätte die heimliche Gräfin auch ohne
Geld heiraten sollen, es würde Diederich tief befriedigt
haben in seinem weichen und idyllischen Herzen. Aber
ach! diese harte Zeit dachte anders.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Der Vorhang fiel, das Publikum entrang sich langsam
seiner Ergriffenheit, dann spendete es um so wärmeren
Beifall dem Dienstmädchen und dem Leutnant, die, es
ließ sich leider voraussehen, das schwere Geschick, nicht hoffähig
zu sein, wohl noch länger würden tragen müssen.
</p>

<p>
„Es ist wirklich ein Elend!“ seufzten Frau Harnisch und
Frau Cohn.
</p>

<pb n='317'/><anchor id='Pgp0317'/>

<p>
Beim Büfett sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen
mit dem Bürgermeister:
</p>

<p>
„Wir bringen der Bande noch Gesinnung bei!“
</p>

<p>
Dann ließ er seine Tatze schwer auf Diederichs Schulter
fallen. „Na, Doktorchen, hat meine Frau Sie schon zum
Tee geladen?“
</p>

<p>
„Selbstverständlich, und kommen Sie recht bald!“ Die
Präsidentin hielt ihm die Hand zum Kuß hin, und Diederich
entfernte sich beglückt. Wulckow selbst wollte ihn wiedersehen!
Mit Diederich zusammen wollte er Netzig erobern!
</p>

<p>
Indes die Präsidentin in der Spiegelgalerie Cercle
hielt und Glückwünsche entgegennahm, bearbeitete Diederich
die Stimmung. Heuteufel, Cohn, Harnisch und noch
einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben,
wenn auch vorsichtig, zu verstehen, daß sie das Ganze für
Quatsch hielten. Diederich war genötigt, ihnen Andeutungen
über den durchaus großzügigen dritten Akt zu
machen, damit sie verstummten. Dem Redakteur Nothgroschen
diktierte er ausführlich, was er von der Dichterin
wußte, denn Nothgroschen mußte fort, die Zeitung sollte in
Druck gehen. „Wenn Sie aber Blödsinn schreiben, Sie Zeilenschinder,
schlag’ ich Ihnen Ihren Wisch um die Ohren!“
– worauf Nothgroschen dankte und sich empfahl. Professor
Kühnchen seinerseits, der gehorcht hatte, ergriff Diederich
bei einem Knopf und kreischte: „Sie, mein Bester! Eens
hätten Se nu aber unserm Klatschdirektor ooch noch erzählen
können!“ Der Redakteur, der sich nennen hörte,
kehrte zurück, und Kühnchen fuhr fort: „Nämlich, daß die
herrliche Schöpfung unserer allverehrten Präsidentin schon
mal ist vorausgeahnt worden, und zwar von keinem Geringeren
als von unserem Altmeister Goethe in seiner
<pb n='318'/><anchor id='Pgp0318'/>Natürlichen Tochter. Nun, und das ist denn doch wohl das
Höchste, was sich zum Ruhme der Dichterin sagen läßt!“
</p>

<p>
Diederich hatte Bedenken über die Zweckmäßigkeit von
Kühnchens Entdeckung, fand es aber unnötig, sie ihm
mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon, mit flatternden
Haaren, durch das Gedränge; schon sah man, wie er
vor Frau von Wulckow den Boden scharrte und ihr das
Ergebnis seiner vergleichenden Forschung vortrug. Freilich,
ein Fiasko, wie er es erlitt, hatte auch Diederich nicht
vorausgesehen. Die Dichterin sagte eiskalt: „Was Sie
da bemerken, Herr Professor, kann nur auf Verwechselung
beruhen. Ist die Natürliche Tochter überhaupt von Goethe?“
fragte sie und rümpfte mißtrauisch die Nase. Kühnchen
beteuerte es, aber es half ihm nichts.
</p>

<p>
„Jedenfalls haben Sie in der Zeitschrift ‚Das traute
Heim‘ einen Roman von mir gelesen, und den habe ich
nun dramatisiert. Meine Schöpfungen sind sämtlich
Originalarbeiten. Die Herren –“ sie musterte den Kreis
– „wollen böswilligen Gerüchten entgegentreten.“
</p>

<p>
Damit war Kühnchen entlassen, trat ab und schnappte
nach Luft. Diederich erinnerte ihn, im Ton eines geringschätzigen
Erbarmens, an Nothgroschen, der mit seiner gefährlichen
Information schon von dannen war; und Kühnchen
stürzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhüten.
</p>

<p>
Wie Diederich den Kopf wandte, hatte im Saal das
Bild sich verändert: nicht nur die Präsidentin, auch der
alte Buck hielt Cercle. Es war erstaunlich, aber man lernte
die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht, daß sie vorhin
ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit beteuerndem
Gesicht machte einer nach dem anderen sich
an den Alten heran und wollte es nicht gewesen sein.
So groß war, noch nach schweren Erschütterungen, die
<pb n='319'/><anchor id='Pgp0319'/>Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten!
Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in auffälliger
Weise hinter der Mehrheit zurückzubleiben. Nachdem er
sich vergewissert hatte, daß Wulckow schon fort war,
machte er seine Aufwartung. Der Alte saß eben allein
in dem Polstersessel, der für ihn ganz vorn bei der Bühne
stand; er ließ seine weiße Hand merkwürdig zart über die
Lehne hängen und blickte zu Diederich hinauf.
</p>

<p>
„Da sind Sie, mein lieber Heßling. Ich habe es oft
bedauert, daß Sie nicht kamen“ – ganz schlicht und nachsichtig.
Diederich fühlte sofort wieder Tränen heraufsteigen.
Er gab ihm die Hand hin, freute sich, daß der
Herr Buck sie ein wenig länger in der seinen behielt, und
stammelte etwas von Geschäften, Sorgen und „um ehrlich
zu sein“ – denn ein jähes Bedürfnis nach Ehrlichkeit
erfaßte ihn – von Bedenken und Hemmungen.
</p>

<p>
„Es ist schön von Ihnen,“ sagte darauf der Alte, „daß
Sie mich das nicht nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen.
Sie sind jung und handeln wohl unter den Antrieben,
denen die Geister heute gehorchen. In die Unduldsamkeit
des Alters will ich nicht verfallen.“
</p>

<p>
Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden:
dies war die Verzeihung für den Prozeß, der
dem Schwiegersohn des Alten die bürgerliche Ehre gekostet
hatte; und ihm ward schwül unter so viel Milde –
und so viel Nichtachtung. Der Alte freilich sagte:
</p>

<p>
„Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand
zu hassen, der gegen die Meinen kämpft.“ Worauf Diederich,
von Furcht ergriffen, dies möchte zu weit führen, sich
aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht –. Man komme
in Sachen hinein –. Der Alte erleichterte es ihm. „Ich
weiß: Sie suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden.“
</p>

<pb n='320'/><anchor id='Pgp0320'/>

<p>
Er tauchte seinen weißen Knebelbart in die seidene
Halsbinde. Als er ihn wieder hervorholte, begriff Diederich,
daß etwas Neues kam.
</p>

<p>
„Sie haben das Haus hinter dem Ihren nun doch nicht
gekauft“, sagte der Herr Buck. „Ihre Pläne haben sich
wohl geändert?“
</p>

<p>
Diederich dachte: „Er weiß alles“, und sah schon seine
heimlichsten Berechnungen enthüllt.
</p>

<p>
Der Alte lächelte schlau und gütig. „Sollten Sie etwa
Ihre Fabrik zunächst verlegen und erst dann erweitern
wollen? Ich könnte mir denken, daß Sie Ihr Grundstück
zu verkaufen wünschen und nur auf eine gewisse Gelegenheit
warten – die auch ich in Betracht ziehe“, setzte er
hinzu, und mit einem Blick: „Die Stadt hat vor, ein Säuglingsheim
zu errichten.“
</p>

<p>
„Alter Hund!“ dachte Diederich. „Er spekuliert auf
den Tod seines besten Freundes!“ Gleichzeitig aber kam
ihm die Erleuchtung, was er Wulckow vorzuschlagen habe,
um Netzig zu erobern!... Er schnaufte.
</p>

<p>
„Durchaus nicht, Herr Buck. Mein väterliches Erbstück
geb’ ich nicht her!“
</p>

<p>
Da nahm der Alte nochmals seine Hand. „Ich bin kein
Versucher“, sagte er. „Ihre Pietät ehrt Sie.“
</p>

<p>
„Esel“, dachte Diederich.
</p>

<p>
„So werden wir uns eben ein anderes Terrain suchen.
Ja, vielleicht werden Sie dabei mitwirken. Uneigennützigen
Gemeinsinn, lieber Heßling, lassen wir uns nicht
entgehen – auch nicht, wenn er einen Augenblick in
falscher Richtung zu wirken scheint.“
</p>

<p>
Er stand auf.
</p>

<p>
„Wollen Sie Stadtverordneter werden, so haben Sie
meine Unterstützung.“
</p>

<pb n='321'/><anchor id='Pgp0321'/>

<p>
Diederich starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des
Alten waren blau und tief, und er bot Diederich eben das
Ehrenamt an, um das Diederich seinen Schwiegersohn
gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich verkriechen?
Diederich zog es vor, die Absätze zusammenzuschlagen
und korrekt seinen Dank abzustatten.
</p>

<p>
„Sie sehen,“ erwiderte der Alte, „der Gemeinsinn
schlägt Brücken von jung und alt und sogar bis zu
denen, die nicht mehr da sind.“
</p>

<p>
Er führte die Hand im Halbkreis über die Wände und
über das Geschlecht von einst, das verblichen und heiter aus
ihrer gemalten Tiefe trat. Er lächelte den jungen Mädchen
in Reifröcken zu und zugleich auch einer seiner Nichten
und Meta Harnisch, die vorübergingen. Als er das Gesicht
dem alten Bürgermeister zuwendete, der zwischen Blumen
und Kindern aus dem Stadttor schritt, bemerkte Diederich
die große Ähnlichkeit der beiden. Der alte Buck wies auf
den und jenen aus der gemalten Versammlung.
</p>

<p>
„Von dem da hab’ ich viel gehört. Diese Dame kannte
ich noch. Sieht der Geistliche nicht aus wie Pastor Zillich?
Nein, unter uns kann es keine ernstliche Entfremdung
geben, wir sind einander seit langem verpflichtet zum guten
Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene
da, die uns die ‚Harmonie‘ hinterließen.“
</p>

<p>
„Nette Harmonie“, dachte Diederich und sah umher, wie
er fortgelange. Der Alte hatte sich, nach seiner Gewohnheit,
einen Übergang gemacht von den Geschäften zum
sentimentalen Schwatz. „Immer kommt der Literat
heraus“, dachte Diederich.
</p>

<p>
Gerade gingen Guste Daimchen und Inge Tietz vorbei.
Guste hatte sich eingehängt, und Inge prahlte mit dem,
was sie hinter den Kulissen erlebt hatte. „Unsere Angst,
<pb n='322'/><anchor id='Pgp0322'/>als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee.“ Guste
behauptete: „Das nächste Mal schreibt Wolfgang ein viel
schöneres Stück, und ich spiele mit.“ Da machte Inge
sich los, sie bekam eine scheu ablehnende Miene. „So?“
sagte sie; und Gustes dickes Gesicht verlor plötzlich seinen
harmlosen Eifer. „Warum etwa nicht?“ fragte sie, weinerlich
empört. „Was hast du nun wieder?“
</p>

<p>
Diederich, der es ihr hätte sagen können, wandte sich
schleunig zum alten Buck zurück. Der schwatzte weiter.
</p>

<p>
„Dieselben Freunde, damals wie jetzt; und auch die
Feinde sind da. Schon recht verwischt, der eiserne Ritter,
der Kinderschreck dort in seiner Nische am Tor. Don Antonio
Manrique, grausamer Reitergeneral, der du im
Dreißigjährigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt
hast: wenn nun nicht die Riekestraße nach dir hieße, wohin
wäre dann selbst der letzte Klang von dir verweht?...
Auch einer, dem unser Freisinn nicht gefiel und der uns
zu vertilgen dachte.“
</p>

<p>
Plötzlich schüttelte den Alten ein stilles Kichern. Er
nahm Diederich bei der Hand.
</p>

<p>
„Hat er nicht Ähnlichkeit mit unserem Herrn von
Wulckow?“
</p>

<p>
Diederichs Miene ward hierauf noch korrekter, aber der
Alte bemerkte es nicht, er war nun einmal aufgeräumt,
ihm fiel noch etwas ein. Er winkte Diederich hinter eine
Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei
Figuren, einen jungen Schäfer, der sehnsüchtig die Arme
öffnete, und jenseits eines Baches eine Schäferin, die
sich anschickte, hinüberzuspringen. Der Alte wisperte:
„Was meinen Sie, werden die beiden zueinander kommen?
Das wissen nicht viele mehr. Ich weiß es noch.“
Er sah sich um, ob niemand ihn beachte, und plötzlich
öff<pb n='323'/><anchor id='Pgp0323'/>nete er eine kleine Tür, die man nie gefunden haben würde.
Die Schäferin auf der Tür bewegte sich dem Liebenden
entgegen. Noch ein wenig, und hinter der Tür im Dunkeln
mußte sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der
Alte wies in das Zimmer, das er aufgedeckt hatte. „Es
heißt das Liebeskabinett.“ Laternenschein von irgendeinem
Hof fiel durch das Fenster ohne Vorhang; er beglänzte
den Spiegel und das dünnbeinige Kanapee. Der
Alte zog die dumpfe Luft ein, die nach wer weiß wie langer
Zeit herausströmte, er lächelte verloren. Und dann schloß
er die kleine Tür.
</p>

<p>
Aber Diederich, den dies nur mäßig interessierte, sah
etwas kommen, das weit mehr Anregung versprach. Es
war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn er war da. Sein
Urlaub war wohl zu Ende, er war zurück aus dem Süden,
und er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas verspätet
und wenn auch ohne Judith Lauer, deren Urlaub ja noch
dauerte, solange ihr Gatte in der Vogtei saß. Wo er mit
Drehungen des Körpers, die nicht unbefangen wirkten,
hindurchkam, ward geflüstert, und jeder, den er begrüßte,
lugte verstohlen nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche
sah wohl, daß er in der Sache etwas tun müsse; er gab
sich einen Ruck und ging los. Der Alte, noch eben ahnungslos,
fand ihn plötzlich vor sich. Er ward vollkommen weiß;
Diederich erschrak und streckte schon die Arme aus. Aber
es geschah nichts, der Alte hatte sich zurück. Er stand da, so
steif, daß sein Rücken sich aushöhlte, und blickte kühl und unverwandt
auf den Mann, der seine Tochter entführt hatte.
</p>

<p>
„Schon zurück, Herr Landgerichtsrat?“ sagte er laut.
</p>

<p>
Fritzsche versuchte jovial zu lachen. „Schöneres Wetter
war dort unten, Herr Stadtrat. Na und die Kunst!“
</p>

<p>
„Davon haben wir hier nur einen Widerschein“ –
<pb n='324'/><anchor id='Pgp0324'/>und der Alte wies, ohne den anderen aus den Augen zu
lassen, über die Wände. Seine Haltung machte Eindruck
auf die meisten, die von dort hinten seine Schwäche belauerten.
Er hielt stand und repräsentierte, in einer Lage,
die einige Hemmungslosigkeit immerhin erklärt haben
würde. Er repräsentierte das alte Ansehen, er allein für
die zerfallende Familie, für das Gefolge, das schon ausblieb.
In diesem Augenblick gewann er, statt so vieles
Verlorenen, manche Sympathien ... Diederich hörte
ihn noch sagen, förmlich und klar: „Ich habe es durchgesetzt,
daß unser moderner Straßenzug eine andere
Richtung bekam, bloß um dies Haus zu erhalten und diese
Malereien. Sie haben nur den Wert von Schilderungen,
mag sein. Aber ein Gebilde, das seiner Zeit und ihren Sitten
Dauer verleihen möchte, kann hoffen, selbst zu dauern.“
Dann drückte Diederich sich, er schämte sich für Fritzsche.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Die Schwiegermutter des Bürgermeisters fragte ihn,
was der Alte über die „Heimliche Gräfin“ geäußert habe.
Diederich dachte nach, und er mußte gestehen, er habe das
Stück gar nicht erwähnt. Beide waren enttäuscht.
</p>

<p>
Indes bemerkte er, daß Käthchen Zillich spöttisch hersah,
und gerade sie hatte sich nichts zu erlauben. „Nun, Fräulein
Käthchen“, sagte er recht laut. „Was denken Sie über
den grünen Engel?“ Sie erwiderte noch lauter: „Der
grüne Engel? Sind Sie das?“ Und sie lachte ihm ins
Gesicht. „Sie sollten wirklich vorsichtiger sein“, meinte
er stirnrunzelnd. „Ich fühle mich geradezu verpflichtet,
Ihren Herrn Vater aufmerksam zu machen.“
</p>

<p>
„Papa!“ rief Käthchen sofort. Diederich erschrak.
Glücklicherweise hörte Pastor Zillich nicht.
</p>

<p>
„Natürlich hab’ ich meinem Papa gleich neulich von
<pb n='325'/><anchor id='Pgp0325'/>unserem kleinen Ausflug erzählt. Was macht es denn,
es waren doch nur Sie.“
</p>

<p>
Sie ging zu weit. Diederich schnaufte. „Na und für
Liebhaber schöner Ohren war auch noch Jadassohn da.“
Da er sah, daß es sie traf, setzte er hinzu: „Das nächste Mal
im grünen Engel streichen wir sie ihm grün an, das macht
Stimmung.“
</p>

<p>
„Wenn Sie meinen, daß es auf die Ohren ankommt.“
Dabei drückte Käthchens Blick eine so schrankenlose Verachtung
aus, daß Diederich den Entschluß faßte, mit allen
Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der Pflanzengruppe.
„Was glauben Sie?“ fragte er. „Wird die
Schäferin über den Bach springen und den Schäfer glücklich
machen?“
</p>

<p>
„Schaf“, sagte sie. Diederich überhörte es, ging hin
und tastete an der Wand umher. Nun hatte er die Tür.
„Sehen Sie? Sie springt.“
</p>

<p>
Käthchen kam näher, neugierig streckte sie ihren Hals
in das geheime Zimmer. Da hatte sie einen Stoß und
war ganz drinnen. Diederich warf die Tür zu, er fiel
stumm über Käthchen her, mit wildem Schnaufen.
</p>

<p>
„Lassen Sie mich hinaus, ich kratze!“ rief sie und wollte
kreischen. Aber sie mußte lachen, was sie wehrlos machte
und dem Sofa immer näher brachte. Der Kampf mit
ihren entblößten Armen und Schultern versetzte ihn vollends
außer sich. „Jawohl,“ keuchte er, „jetzt kommt was.“
Bei jedem Strich Boden, den er gewann, wiederholte er:
„Jetzt kommt was. Bin ich noch ein Schaf? Aha, wenn
man denkt, ein Mädchen ist anständig, und man hat ehrliche
Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt kommt was.“
Mit einem letzten Ruck schleuderte er sie hin. „Au“, sagte
sie; und vor Lachen erstickend: „Was kommt denn jetzt?“
</p>

<pb n='326'/><anchor id='Pgp0326'/>

<p>
Plötzlich ward ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich
hervor; der Streifen Gaslicht, den das kahle Fenster
hereinließ, beschien ihre Unordnung; und ihr Gesicht,
von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der Tür
gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen.
Sie starrte entgeistert her, Käthchen quollen die
Augen heraus, und Diederich, auf dem Sofa kniend, verrenkte
sich den Hals ... Endlich zog Guste die Tür an,
sie ging entschlossen auf Käthchen zu.
</p>

<p>
„Du gemeines Luder!“ sagte sie aus tiefem Innern.
</p>

<p>
„Selber eins!“ sagte Käthchen, schnell gefaßt. Da
schnappte Guste nur noch nach Luft. Von Käthchen sah
sie zu Diederich, ratlos und so empört, daß ihr Blick sich
mit feuchtem Glanz füllte. Er versicherte: „Fräulein
Guste, es handelt sich um einen Scherz“; aber er kam
schlecht an, Guste brach los. „Sie kenn’ ich, von Ihnen
kann ich es mir denken.“
</p>

<p>
„So, du kennst ihn“, bemerkte Käthchen höhnisch. Sie
stand auf, indes Guste ihr noch näher rückte. Diederich
seinerseits ergriff die Gelegenheit, gab seiner Haltung
Würde und trat zurück, um die Damen unter sich die Sache
erledigen zu lassen.
</p>

<p>
„Daß ich so was muß mit ansehen!“ rief Guste; und
Käthchen: „Du hast gar nichts gesehen! Wozu siehst du
es dir überhaupt an?“
</p>

<p>
Diederich begann gleichfalls dies auffallend zu finden,
zumal da Guste schwieg. Käthchen gewann sichtlich die
Oberhand. Sie warf den Kopf zurück und sagte: „Von
dir finde ich es überhaupt sonderbar. Wer so viel Butter
auf dem Kopf hat wie du!“
</p>

<p>
Sofort zeigte Guste sich tief beunruhigt. „Ich?“ fragte
sie gedehnt. „Was tu’ ich denn?“
</p>

<pb n='327'/><anchor id='Pgp0327'/>

<p>
Käthchen zierte sich plötzlich – indes Diederich vom
Schrecken gepackt ward.
</p>

<p>
„Das wirst du wohl selbst wissen. Mir ist es zu peinlich.“
</p>

<p>
„Ich weiß gar nichts“, sagte Guste klagend.
</p>

<p>
„So was hätte man gedacht, das es gar nicht gibt“,
sagte Käthchen und rümpfte die Nase. Guste verlor die Geduld.
„Nun bitte ich es mir aber aus! Was habt ihr alle?“
</p>

<p>
Diederich schlug vor: „Es ist doch wohl besser, wenn wir
jetzt das Lokal verlassen.“ Aber Guste stampfte auf.
</p>

<p>
„Keinen Schritt tu’ ich, bis ich es weiß. Den ganzen
Abend merke ich schon, daß sie mich anglotzen, als ob ich
einen toten Fisch verschluckt habe.“
</p>

<p>
Käthchen wandte sich weg. „Na, da siehst du es. Sei
froh, daß sie dich nicht hinauswerfen mitsamt deinem
Halbbruder Wolfgang.“
</p>

<p>
„Mit wem?... Mein Halbbruder ... Wieso Halbbruder?“
</p>

<p>
In einer tiefen Stille keuchte Guste leise und irrte mit
den Augen umher. Auf einmal hatte sie begriffen. „So
eine Gemeinheit!“ rief sie entsetzt. Über Käthchens Mienen
breitete sich ein Lächeln des Genusses aus. Diederich
seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger
aus gegen Käthchen. „Das habt ihr Mädchen euch ausgedacht!
Ihr seid mir neidisch wegen meinem Geld!“
</p>

<p>
„Pöh“, machte Käthchen. „Dein Geld wollen wir überhaupt
nicht, wenn so was dabei ist.“
</p>

<p>
„Es ist doch nicht wahr!“ Guste kreischte auf. Plötzlich
fiel sie vornüber auf das Sofa und wimmerte. „Ach Gott,
ach Gott, was haben wir da angerichtet.“
</p>

<p>
„Siehst du wohl“, sagte Käthchen, frei von Mitleid.
</p>

<p>
Guste schluchzte immer lauter; Diederich berührte ihre
Schulter. „Fräulein Guste, Sie wollen doch nicht, daß
<pb n='328'/><anchor id='Pgp0328'/>die Leute kommen.“ Er suchte nach einem Trost. „So
was kann man nie wissen. Ähnlich sehen Sie sich nicht.“
</p>

<p>
Aber der Trost wirkte anstachelnd auf Guste. Sie
sprang auf und ging zum Angriff über. „Du – du bist
überhaupt eine feine Nummer“, zischte sie Käthchen zu.
„Von dir sag’ ich, was ich gesehen habe!“
</p>

<p>
„Das werden sie dir glauben! So einer glaubt keiner
mehr was. Von mir weiß jeder, daß ich anständig bin.“
</p>

<p>
„Anständig! Streich dir wenigstens das Kleid glatt!“
</p>

<p>
„So gemein wie du –“
</p>

<p>
„Bist bloß noch du!“
</p>

<p>
Hierüber erschraken beide, brachen ab und verharrten
einander gegenüber, Haß und Angst in ihren dicken Gesichtern,
die sich so sehr glichen; und die Büsten nach vorn,
die Schultern hinauf, die Arme in die Hüften gestemmt,
sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider
vom Leibe platzen. Guste unternahm noch einen Vorstoß.
„Ich sag’ es doch!“
</p>

<p>
Da sprengte Käthchen die letzte Fessel. „Dann mach’
aber schnell, sonst komm’ ich früher und erzähl’ allen, daß
nicht du, sondern ich hier die Tür hab’ aufgemacht und
hab’ euch beide ertappt.“
</p>

<p>
Da hierauf Guste nur noch mit den Lidern klappte,
setzte Käthchen, plötzlich selbst ernüchtert, hinzu: „Nun
ja, das bin ich mir doch schuldig. Bei dir kommt es nicht
mehr darauf an.“
</p>

<p>
Aber Diederichs Blick war Gustes begegnet, verständigte
sich mit ihr und glitt hinunter, bis er auf ihrem kleinen
Finger den Brillanten traf, den sie gemeinsam aus
den Lumpen gezogen hatten. Da lächelte Diederich ritterlich,
und Guste, tief errötet, trat so nahe zu ihm, als lehnte
sie sich an. Käthchen schlich zur Tür. Über Gustes
Schul<pb n='329'/><anchor id='Pgp0329'/>ter geneigt, sagte Diederich leise: „Ihr Verlobter läßt
Sie aber lange allein.“ – „Ach der“, erwiderte sie. Er
senkte das Gesicht noch ein wenig und drückte es auf ihre
Schulter. Sie hielt ganz still. „Schade“, sagte er und zog
sich so unerwartet zurück, daß Guste ausglitt. Sie begriff
auf einmal, daß ihre Lage sich wesentlich verändert hatte.
Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es war entwertet,
ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam
sie einen Blick wie eine Hündin. Diederich sagte gemessen:
„An der Stelle Ihres Verlobten würde ich allerdings
anders vorgehen.“
</p>

<p>
Käthchen zog mit äußerster Behutsamkeit die Tür
wieder an, sie kehrte zurück, den Finger auf den Lippen.
</p>

<p>
„Wißt ihr was? Das Theater hat wieder angefangen –
schon lange, glaube ich.“
</p>

<p>
„O Gott!“ sagte Guste; und Diederich:
</p>

<p>
„Na, dann sitzen wir in der Falle.“
</p>

<p>
Er suchte die Wände ab nach einem Ausgang; er rückte sogar
das Sofa fort. Da keiner zu finden war, entrüstete er sich.
</p>

<p>
„Hier ist tatsächlich eine Falle. Und um der alten Baracke
willen hat der Herr Buck den ganzen Straßenzug
verlegt. Er soll es noch erleben, daß ich sie ihm einreiße!
Bloß erst Stadtverordneter sein!“
</p>

<p>
Käthchen kicherte. „Was schnauben Sie denn so? Hier
ist es doch ganz gemütlich. Jetzt können wir machen, was
wir wollen.“ Und sie sprang über das Sofa. Da gab
Guste sich einen Ruck und wollte auch hinüber. Sie blieb
aber hängen. Diederich fing sie auf. Auch Käthchen hängte
sich an ihn. Er zwinkerte beiden zu. „Also was machen
wir?“ Käthchen sagte: „Das müssen Sie wissen. Wir drei
kennen uns ja nun.“ – „Und zu verlieren haben wir auch
nichts mehr“, sagte Guste. Dann platzten sie alle aus.
</p>

<pb n='330'/><anchor id='Pgp0330'/>

<p>
Aber Käthchen entsetzte sich. „Kinder! In dem Spiegel
seh’ ich aus wie meine tote Großmutter.“
</p>

<p>
„Er ist ganz schwarz.“
</p>

<p>
„Und ganz bekritzelt.“
</p>

<p>
Sie legten die Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht
die Ausrufe und Kosenamen zu lesen, die zusammen mit
alten Jahreszahlen in den Umrissen verschlungener Herzen
standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und sogar
über Gräbern. „Auf der Urne hier unten, nein so was!“
sagte Käthchen. „‚Erst jetzt sollen wir leiden‘ ... Warum?
Weil sie hier drinnen waren? Die waren wohl verrückt.“
</p>

<p>
„Wir sind nicht verrückt“, behauptete Diederich. „Fräulein
Guste, Sie haben doch einen Brillanten.“ Er zeichnete
drei Herzen, versah sie mit einer Inschrift und ließ die Mädchen
das Werk enträtseln. Da sie sich kreischend abwandten,
sagte er stolz: „Wozu heißt dies das Liebeskabinett.“
</p>

<p>
Plötzlich stieß Guste einen Schreckensruf aus. „Hier
sieht jemand zu!“
</p>

<p>
Hinter dem Spiegel hervor streckte sich ein geisterbleicher
Kopf!... Käthchen war schon bei der Tür. „Kommen
Sie wieder her“, rief Diederich. „Es ist bloß gemalt.“
</p>

<p>
Der Spiegel hatte sich auf einer Seite von der Wand
gelöst, man konnte ihn noch weiter umwenden: da trat
die ganze Figur heraus.
</p>

<p>
„Es ist die Schäferin, die draußen über den Bach
springt!“
</p>

<p>
„Jetzt hat sie es hinter sich“, sagte Diederich; denn die
Schäferin saß da und weinte. Auf der Rückseite des Spiegels
aber entfernte sich der Schäfer.
</p>

<p>
„Und dort kommt man hinaus!“ Diederich wies auf
einen erleuchteten Spalt, er tastete, die Tapete öffnete sich.
</p>

<p>
„Dies ist der Ausgang, wenn man es hinter sich hat“,
<pb n='331'/><anchor id='Pgp0331'/>bemerkte er und ging voraus. Ihm im Rücken sagte Käthchen
spöttisch:
</p>

<p>
„Ich habe gar nichts hinter mir.“
</p>

<p>
Und Guste wehmütig: „Ich auch nicht.“
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Diederich überhörte dies, er stellte fest, daß man sich in
einem der kleinen Salons hinter dem Büfett befand.
Eilends erreichte er die Spiegelgalerie und verlor sich
unauffällig in der Menge, die soeben aus dem Saal quoll.
Man war erfüllt von dem tragischen Schicksal der heimlichen
Gräfin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet
hatte. Frau Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter
des Bürgermeisters, alle hatten verweinte Augen;
Jadassohn, der, schon abgeschminkt, Lorbeeren einzusammeln
kam, ward von den Damen nicht gut aufgenommen.
„Sie sind schuld, Herr Assessor, daß es so gekommen ist!
Schließlich war sie doch Ihre leibliche Schwester.“ –
„Pardon, meine Damen!“ Und Jadassohn verteidigte
seinen Standpunkt als legitimer Erbe der gräflichen
Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch:
</p>

<p>
„Aber so herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen.“
</p>

<p>
Sofort richteten sich alle Blicke auf seine Ohren; man
kicherte; und Jadassohn, der vergeblich krähte, was denn
los sei, ward von Diederich unter den Arm genommen.
Diederich, das süße Pochen der Rache im Herzen, führte
ihn eben dorthin, wo die Regierungspräsidentin unter
lebhafter Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk
sich vom Major Kunze verabschiedete. Kaum aber daß sie
Jadassohn erblickte, drehte sie einfach den Rücken. Jadassohn
blieb am Boden haften, Diederich brachte ihn nicht mehr
weiter. „Was ist denn?“ fragte er heuchlerisch. „Ach ja, die
<pb n='332'/><anchor id='Pgp0332'/>Präsidentin. Sie haben ihr nicht gefallen. Sie sollen auch
nicht Staatsanwalt werden. Man sah Ihre Ohren zu sehr.“
</p>

<p>
Was aber Diederich auch erwartet hatte, diese Spottgeburt
einer Grimasse hatte er nicht erwartet! Wo war
die hochgemute Schneidigkeit, der Jadassohn sein Leben
geweiht hatte? „Ich sage es ja“, äußerte er nur, ganz
leise; aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu
hören ... Dann kam er in Bewegung, tanzte am Fleck
umher und redete. „Sie können lachen, mein Bester! Sie
wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht haben. Ihr Gesicht,
nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich Minister.“
</p>

<p>
„Na, na“, sagte Diederich. Er setzte hinzu: „Das ganze
Gesicht brauchen Sie nicht einmal: bloß die Ohren.“
</p>

<p>
„Wollen Sie sie mir verkaufen?“ fragte Jadassohn
und sah ihn an, daß Diederich erschrak. „Kann man das?“
fragte er unsicher. Jadassohn ging schon, unter zynischem
Lachen, auf Heuteufel zu. „Sie sind doch Spezialist für
Ohren, Herr Doktor ...“
</p>

<p>
Heuteufel erklärte ihm, daß tatsächlich, wenn auch bisher
nur in Paris, Operationen ausgeführt würden, durch die
man Ohren auf die Hälfte ihres Umfanges herunterbringe.
„Wozu gleich das Ganze weg?“ sagte Heuteufel.
„Die Hälfte können Sie ruhig behalten.“ Jadassohn hatte
seine Haltung zurück. „Großartiger Witz! Erzähl’ ich bei Gericht.
Sie Gauner!“ Und er klopfte Heuteufel auf den Bauch.
</p>

<p>
Diederich inzwischen wandte sich seinen Schwestern
zu, die, zum Ball umgekleidet, aus der Garderobe kamen.
Sie wurden allerseits mit Beifall begrüßt und berichteten
von ihren Eindrücken auf der Bühne. „Tee – Kaffee:
Gott, war das aufregend!“ sagte Magda. Auch Diederich
als Bruder nahm Glückwünsche entgegen. Er schritt
zwischen ihnen, Magda hatte sich in ihn eingehängt,
<pb n='333'/><anchor id='Pgp0333'/>Emmis Arm dagegen mußte er gewaltsam festhalten.
Sie zischte: „Laß die Komödie“; und er schnob ihr zu,
zwischen Lachen und Grüßen: „Du hast zwar bloß die
kleine Rolle gehabt, aber sei froh, wenn du überhaupt
mal was vorstellst. Sieh Magda an!“ Denn Magda
schmiegte sich gefällig an ihn, sie schien bereit, das Glück
der einigen Familie so lange spazieren zu führen, als
er es irgend wünschte. „Kleine,“ sagte er mit zärtlicher
Achtung, „du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern,
ich auch.“ Er gab ihr sogar Schmeicheleien. „Du
siehst heute süß aus. Für Kienast bist du fast zu schade.“
Als dann noch die Regierungspräsidentin, schon im Fortgehen,
ihnen gnädig zuwinkte, begegneten die Geschwister
auf ihrem Weg nur den ergebensten Gesichtern. Der Saal
war ausgeräumt; hinter der Palmengruppe ward eine
Polonäse angestimmt. Diederich machte seine korrekteste
Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz,
triumphierend, gleich nach dem Major Kunze, der führte.
So zogen sie an Guste Daimchen vorüber, die saß. Sie
saß neben dem verwachsenen Fräulein Kühnchen und sah
ihnen nach, als habe sie Prügel bekommen. Ihr Anblick
berührte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn
Lauer in der Vogtei.
</p>

<p>
„Die arme Guste!“ sagte Magda. Diederich runzelte
die Brauen. „Ja ja, das kommt davon.“
</p>

<p>
„Aber eigentlich“ – und Magda blinzelte von unten,
„woher kommt es denn?“
</p>

<p>
„Das ist gleich, mein Kind, jetzt ist es mal so.“
</p>

<p>
„Diedel, du solltest sie nachher doch zum Walzer bitten.“
</p>

<p>
„Das darf ich nicht. Man muß wissen, was man sich
selbst schuldet.“
</p>

<p>
Dann verließ er sogleich den Saal. Soeben holte der
<pb n='334'/><anchor id='Pgp0334'/>junge Sprezius, der jetzt nicht mehr Leutnant, sondern
wieder Primaner war, das verwachsene Fräulein Kühnchen
von der Wand weg. Er nahm wohl Rücksicht auf
ihren Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich
machte einen Gang durch die Seitenzimmer, wo ältere
Herren Karten spielten, bekam eine lange Nase von Käthchen
Zillich, die er hinter einer Tür mit einem Schauspieler
überraschte, und gelangte zum Büfett. Dort saß
an einem Tischchen Wolfgang Buck und zeichnete in sein
Notizbuch die Mütter, die um den Saal herum warteten.
</p>

<p>
„Sehr talentvoll“, sagte Diederich. „Haben Sie auch
schon Ihr Fräulein Braut porträtiert?“
</p>

<p>
„In der Beziehung interessiert sie mich nicht,“ erwiderte
Buck, so phlegmatisch, daß Diederich Zweifel kamen, ob
seine Erlebnisse mit Guste im Liebeskabinett ihren Verlobten
interessiert haben würden.
</p>

<p>
„Mit Ihnen weiß man überhaupt nicht“, sagte er enttäuscht.
</p>

<p>
„Mit Ihnen weiß man immer“, sagte Buck. „Damals
vor Gericht, während Ihres großen Monologes, hätte ich
Sie zeichnen mögen.“
</p>

<p>
„Ihr Plädoyer hat mir genügt; es war ein Versuch,
wenn auch glücklicherweise ein mißlungener, meine Person
und mein Wirken vor der breitesten Öffentlichkeit in Mißkredit
zu bringen und verächtlich zu machen!“
</p>

<p>
Diederich blitzte, Buck bemerkte es erstaunt. „Mir
scheint, Sie sind beleidigt. Und ich habe es doch so gut
gesagt.“ Er bewegte den Kopf und lächelte, grüblerisch
und entzückt. „Wollen wir nicht ’ne Flasche Sekt zusammen
trinken?“ fragte er.
</p>

<p>
Diederich meinte: „Ob ich nun gerade mit Ihnen –.“
Aber er gab nach. „Das Gericht hat durch sein Urteil
<pb n='335'/><anchor id='Pgp0335'/>festgestellt, daß Ihre Vorwürfe sich nicht allein gegen mich,
sondern gegen alle national gesinnten Männer richteten.
Damit sehe ich die Sache als erledigt an.“
</p>

<p>
„Dann also Heidsieck?“ fragte Buck. Er nötigte Diederich,
mit ihm anzustoßen. „Das werden Sie doch zugeben,
bester Heßling, so eingehend wie ich, hat sich mit Ihnen
überhaupt noch niemand beschäftigt ... Jetzt kann ich
es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr
interessiert als meine eigene. Später, zu Hause vor meinem
Spiegel, habe ich sie Ihnen nachgespielt.“
</p>

<p>
„Meine Rolle? Sie wollen wohl sagen, meine Überzeugung.
Freilich, für Sie ist der repräsentative Typus
von heute der Schauspieler.“
</p>

<p>
„Das sagte ich mit Beziehung auf – einen anderen.
Aber Sie sehen, wieviel näher ich es habe zu der Beobachtung
... Wenn ich morgen nicht die Waschfrau zu verteidigen
hätte, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen
haben soll, vielleicht würde ich den Hamlet spielen. Prost!“
</p>

<p>
„Prost. Dazu brauchen Sie allerdings keine Überzeugungen!“
</p>

<p>
„Gott, ich habe auch welche. Aber immer dieselben?...
Sie würden mir also das Theater anraten?“ fragte Buck.
Diederich hatte schon den Mund geöffnet, um es ihm anzuraten,
da trat Guste ein, und Diederich errötete, denn
er hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte träumerisch:
„Inzwischen würde mein Topf mit Wurst und
Kohl mir überkochen, und es ist doch ein so gutes Gericht.“
Aber Guste, auf leisen Sohlen, legte ihm von rückwärts
die Hände auf die Augen und fragte: „Wer ist das?“ –
„Da ist er ja,“ sagte Buck und gab ihr einen Klaps.
</p>

<p>
„Die Herren unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder
gehen?“ fragte Guste. Diederich beeilte sich, ihr einen
<pb n='336'/><anchor id='Pgp0336'/>Stuhl zu holen; aber in Wirklichkeit wäre er lieber mit
Buck allein gewesen; der fiebrige Glanz in Gustes Augen
versprach nichts Gutes. Sie redete geläufiger als sonst.
</p>

<p>
„Ihr paßt eigentlich großartig zueinander, bloß daß
ihr so förmlich tut.“
</p>

<p>
Buck sagte: „Das ist die gegenseitige Achtung.“ Diederich
stutzte, und dann machte er eine Bemerkung, die ihn
selbst in Erstaunen setzte. „Eigentlich – sooft ich mich von
Ihrem Herrn Bräutigam trenne, hab’ ich Wut auf ihn;
beim nächsten Wiedersehen aber freu’ ich mich.“ Er
richtete sich auf. „Wenn ich nämlich noch kein national gesinnter
Mann wäre, würde er mich dazu machen.“
</p>

<p>
„Und wenn ich es wäre,“ sagte Buck, weich lächelnd,
„würde er es mir abgewöhnen. Das ist der Reiz.“
</p>

<p>
Aber Guste hatte sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht
und schluckte hinunter.
</p>

<p>
„Jetzt sag’ ich dir was, Wolfgang. Wetten, daß du
umfällst?“
</p>

<p>
„Herr Rose, Ihren Hennessy!“ rief Buck. Während er
Kognak mit Sekt mischte, umklammerte Diederich Gustes
Arm; und da die Ballmusik gerade sehr laut war, flüsterte
er beschwörend: „Sie werden doch keine Dummheiten
machen?“ Sie lachte wegwerfend. „Doktor Heßling hat
Angst! Er findet die Geschichte zu gemein, ich finde sie
bloß ulkig.“ Und laut lachend: „Was sagst du? Dein
Vater soll mit meiner Mutter: du verstehst. Und infolgedessen
sollen wir: du verstehst?“
</p>

<p>
Buck bewegte langsam den Kopf; und dann verzog er
den Mund. „Wenn schon.“ Da lachte Guste nicht mehr.
</p>

<p>
„Wieso, wenn schon?“
</p>

<p>
„Nun, wenn die Netziger an so etwas glauben, muß es
bei ihnen wohl alle Tage vorkommen, tut also nichts.“
</p>

<pb n='337'/><anchor id='Pgp0337'/>

<p>
„Redensarten machen den Kohl nicht fett“, entschied
Guste. Diederich glaubte sich denn doch verwahren zu
müssen.
</p>

<p>
„Überall können Fehltritte vorkommen. Aber über die
Meinung seiner Mitmenschen setzt niemand sich ungestraft
hinweg.“
</p>

<p>
<anchor id="corr337"/><corr sic="(überflüssiges Anführungszeichen)">Guste</corr> bemerkte: <corr sic="(fehlendes Anführungszeichen)">„Er</corr> glaubt immer, er ist zu gut für
diese Welt.“ Und Diederich: „Dies ist eine harte Zeit.
Wer sich nicht wehrt, muß dran glauben.“ Da rief Guste
voll schmerzlicher Begeisterung:
</p>

<p>
„Doktor Heßling ist nicht wie du! Er hat mich verteidigt!
Ich hab’ den Beweis, daß ich es weiß, von Meta
Harnisch, weil sie schließlich hat müssen den Mund auftun.
Er war überhaupt der einzige, der mich hat verteidigt.
Er an deiner Stelle täte sich die Leute kaufen, die
sich unterstehen und verklatschen mich!“
</p>

<p>
Diederich bestätigte es durch Nicken. Buck drehte immerfort
sein Glas und spiegelte sich darin. Plötzlich ließ er
es los.
</p>

<p>
„Wer sagt euch denn, daß ich mir nicht auch ganz gern
einmal einen kaufen würde – einen herausgreifen, ohne
besondere Auswahl, weil doch alle so ziemlich gleich dumm
und gemein sind?“ Dabei kniff er die Augen zu. Guste
hob die nackten Schultern.
</p>

<p>
„So was sagt man, aber sie sind gar nicht so dumm, sie
wissen, was sie wollen ... Der Dümmere ist der Klügere“,
schloß sie herausfordernd, und Diederich nickte mit Ironie.
Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal wie irrsinnig
waren. Die Fäuste bewegte er mit krampfigem
Zittern um seinen Hals her. „Wenn ich aber –“ er war
plötzlich ganz heiser – „wenn ich den einen am Kragen
hätte, von dem ich wüßte, er zettelt alles an, er faßt in
<pb n='338'/><anchor id='Pgp0338'/>seiner Person zusammen, was an allen häßlich und schlecht
ist: ihn am Kragen hätte, der das Gesamtbild wäre alles
Unmenschlichen, alles Untermenschlichen –.“ Diederich,
weiß wie sein Frackhemd, drückte sich seitwärts vom Stuhl
herunter und wich schrittweise zurück. Guste schrie auf,
sie stob panikartig nach der Wand. „Es ist der Kognak!“
rief Diederich ihr zu ... Aber Bucks Blicke, die zwischen
ihnen beiden, voll des gräßlichsten Unheils, umherrollten,
packten unvermittelt ein. Er zwinkerte, er glänzte heiter.
</p>

<p>
„An die Mischung bin ich leider gewöhnt“, erklärte er.
</p>

<p>
„Es ist nur, damit ihr seht, wir können auch das.“
</p>

<p>
Diederich setzte sich polternd wieder hin. „Sie sind
doch nur ein Komödiant“, sagte er entrüstet.
</p>

<p>
„Finden Sie?“ fragte Buck und glänzte noch heller.
Guste rümpfte die Nase. „Na dann amüsiert euch weiter“,
äußerte sie und wollte gehen. Aber der Landgerichtsrat
Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch vor
Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, daß er mit dem
Fräulein Braut den Kotillon tanze. Er sprach äußerst
höflich, beschwichtigend gewissermaßen. Buck antwortete
nicht, er faltete die Brauen. Guste indessen hatte schon
Fritzsches Arm genommen.
</p>

<p>
Buck sah ihnen nach, eine Falte zwischen den Brauen,
selbstvergessen. „Ja ja,“ dachte Diederich, „erfreulich
ist es nicht, wenn man einem Herrn begegnet, der mit
Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergnügungsreise
gemacht hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch
weg, und du kannst nichts machen, weil sonst der Skandal
noch größer wird, weil nämlich unsere Verlobung selbst
schon ein Skandal ist ...“
</p>

<p>
Aufschreckend sagte Buck: „Wissen Sie, daß ich erst jetzt
rechte Lust bekomme, Fräulein Daimchen zu ehelichen?
<pb n='339'/><anchor id='Pgp0339'/>Ich hielt die Sache für – nicht sehr sensationell; aber die
Einwohner von Netzig machen geradezu eine Pikanterie
daraus.“
</p>

<p>
Diederich war starr über diese Wirkung. „Wenn Sie
finden“, brachte er hervor.
</p>

<p>
„Warum nicht? Sie und ich, wir beiden Gegenpole,
führen doch hier die vorgeschrittenen Tendenzen der
moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb. Der Geist
der Zeit geht hier noch in Filzschuhen über die Straße.“
</p>

<p>
„Wir werden ihm Sporen anlegen“, verhieß Diederich.
</p>

<p>
„Prost!“
</p>

<p>
„Prost! Aber <hi rend='gesperrt'>meine</hi> Sporen“ – Diederich blitzte.
„Ihre Skepsis und Ihre schlappe Gesinnung sind nicht
zeitgemäß. Mit“ – er blies durch die Nase – „mit Geist
ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat“ – ein
Faustschlag auf den Tisch – „hat die Zukunft!“
</p>

<p>
Buck darauf mit verzeihendem Lächeln: „Die Zukunft?
Das ist eben die Verwechslung. Die nationale Tat hat
abgehaust, im Lauf von hundert Jahren. Was wir erleben
und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und
ihr Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein.“
</p>

<p>
„Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet, als daß
Sie das Heiligste in den Schmutz ziehen!“
</p>

<p>
„Heilig! Unantastbar! Sagen wir gleich ewig! Nicht
wahr? Außerhalb der Ideale eures Nationalismus wird
nie, nie wieder gelebt werden. Früher, mag sein, in der
dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte.
Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Dünkel
und Haß der Nationen, das ist das Ziel, darüber hinaus
geht es nicht.“
</p>

<p>
„Wir leben in einer harten Zeit“, bestätigte Diederich
ernst.
</p>

<pb n='340'/><anchor id='Pgp0340'/>

<p>
„Weniger hart als verkalkt ... Ich bin nicht überzeugt,
daß die Menschen, deren Dasein in den Dreißigjährigen
Krieg fiel, an die Unabänderlichkeit ihres auch nicht weichen
Zustandes geglaubt haben. Und ich bin überzeugt,
daß die Rokokowillkür von denen, die ihr unterlagen, für
überwindbar gehalten worden ist, sonst hätten sie nicht
die Revolution gemacht. Wo ist, in den Räumen der Geschichte,
die wir seelisch noch betreten können, die Zeit, die
sich in Permanenz erklärt und aufgetrumpft hätte vor der
Ewigkeit mit ihrer traurigen Beschränktheit. Die jeden
nicht ganz in ihr Befangenen abergläubisch bemäkelt hätte.
Nicht national gesinnt sein erregt bei euch noch mehr
Grauen als Haß! Aber die vaterlandslosen Gesellen
sind euch auf den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?“
</p>

<p>
Diederich verschüttete seinen Sekt, so schnell fuhr er
herum. War denn Napoleon Fischer eingedrungen, mit
den Genossen?... Buck lachte stumm und innig. „Bemühen
Sie sich nicht, ich meine nur das stille Volk auf
den Wänden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt
ihnen das Recht auf Blumenwege, leichten Schritt und
Harmonie? Ah! Ihr Freunde!“ Über die Tanzenden
hinweg schwenkte Buck sein Glas. „Ihr Freunde der
Menschheit und jeder guten Zukunft, weitherzig und unbekannt
mit der düsteren Selbstsucht eines nationalen
Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst
unter uns noch erwarten euch einige!“
</p>

<p>
Er trank aus, Diederich bemerkte mit Verachtung, daß
er weinte. Übrigens bekam er sogleich eine schlaue Miene.
„Ihr aber, Zeitgenossen, wißt wohl nicht, was der alte
Bürgermeister, der da hinten zwischen den Amtspersonen
und Schäferinnen rosig lächelt, als Schleife über der Brust
trägt? Die Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind
<pb n='341'/><anchor id='Pgp0341'/>die euren? Es ist aber die französische Trikolore. Sie war
neu damals und nicht die eines Landes, sondern der allgemeinen
Morgenröte. Sie zu tragen, war beste Gesinnung;
es war, wie ihr sagen würdet, streng korrekt. Prost!“
</p>

<p>
Aber Diederich war verstohlen mit seinem Stuhl davongerückt
und spähte umher, ob niemand höre. „Sie
sind ja besoffen,“ murmelte er; und um die Situation zu
retten, rief er: „Herr Rose! Noch eine Flasche!“ Darauf
setzte er sich achtunggebietend zurecht.
</p>

<p>
„Sie scheinen nicht daran zu denken, daß seitdem ein
Bismarck da war!“
</p>

<p>
„Nicht nur einer“, sagte Buck. „Von allen Seiten ist
Europa in diesen nationalen Durchgang getrieben worden.
Nehmen wir an, er war nicht zu vermeiden. Nach ihm werden
bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr eurem Bismarck
etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch
zerren lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt,
da ihr über ihn hinaus sein solltet, hängt ihr euch an seinen
kraftlosen Schatten! Denn euer nationaler Stoffwechsel
ist entmutigend langsam. Bis ihr begriffen habt, daß ein
großer Mann da ist, hat er schon aufgehört, groß zu sein.“
</p>

<p>
„Sie werden ihn kennenlernen!“ verhieß Diederich.
„Blut und Eisen bleibt die wirksamste Kur! Macht geht
vor Recht!“ Der Kopf schwoll ihm rot an bei diesen
Glaubenssätzen. Aber auch Buck regte sich auf.
</p>

<p>
„Die Macht! Die Macht läßt sich nicht ewig auf Bajonetten
davontragen wie eine aufgespießte Wurst. Die einzige
reale Macht ist heute der Friede! Spielt euch die
Komödie der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete
Feinde draußen und im Innern! Taten, glücklicherweise,
sind euch nicht erlaubt!“
</p>

<p>
„Nicht erlaubt?“ Diederich blies, als sollte Feuer
kom<pb n='342'/><anchor id='Pgp0342'/>men. „Seine Majestät hat gesagt: Lieber lassen wir
unsere gesamten achtzehn Armeekorps und zweiundvierzig
Millionen Einwohner auf der Strecke ...“
</p>

<p>
„Denn wo der deutsche Aar –!“ rief Buck, mit jähem
Schwung; und noch wilder: „Nicht Parlamentsbeschlüsse!
Die einzige Säule ist das Heer!“
</p>

<p>
Diederich gab ihm nichts nach. „Ihr seid berufen, mich in
erster Linie vor dem äußeren und inneren Feind zu schützen!“
</p>

<p>
„Einer hochverräterischen Schar zu wehren!“ schrie Buck.
</p>

<p>
„Eine Rotte von Menschen –“
</p>

<p>
Diederich fiel ein: „– nicht wert, den Namen Deutsche
zu tragen!“
</p>

<p>
Und beide einstimmig: „Verwandte und Brüder niederschießen!“
</p>

<p>
Tänzer, die sich am Büfett erfrischten, wurden aufmerksam
auf ihr Geschrei, sie holten auch ihre Damen
herbei, um ihnen den Anblick eines heldenhaften Rausches
zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten die
Köpfe herein; und alle bestaunten Diederich und seinen
Partner, die auf ihren Stühlen schwankend und an den
Tisch geklammert mit glasigen Augen und entblößten Gebissen
einander starke Worte ins Gesicht schleuderten.
</p>

<p>
„Einen Feind, und der ist mein Feind!“
</p>

<p>
„Einer nur ist Herr im Reich, keinen anderen dulde ich!“
</p>

<p>
„Ich kann sehr unangenehm sein!“
</p>

<p>
Die Stimmen überschlugen sich.
</p>

<p>
„Falsche Humanität!“
</p>

<p>
„Vaterlandslose Feinde der göttlichen Weltordnung!“
</p>

<p>
„Müssen ausgerottet werden bis auf den letzten Stumpf!“
</p>

<p>
Eine Flasche flog gegen die Wand.
</p>

<p>
„Zerschmettere ich!“
</p>

<p>
„Deutschen Staub!... Pantoffeln!... Herrliche Tage!“
</p>

<pb n='343'/><anchor id='Pgp0343'/>

<p>
Hier glitt durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen
Augen: Guste Daimchen, die sich auf diese Weise
einen Herrn suchen sollte. Von rückwärts betastete sie
Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er
machte sich steif und wiederholte drohend: „Herrliche
Tage!“ Sie riß das Tuch herunter, starrte ihn angstvoll
an und holte seine Schwestern. Auch Buck sah ein, daß
es angezeigt sei, aufzubrechen. Unauffällig stützte er den
Freund beim Abgang, konnte aber nicht verhindern, daß
Diederich in der Tür sich nochmals umwandte, der tanzenden,
gaffenden Menge zu, gebieterisch aufgereckt, wenn
auch verglast und ohne Blitzen.
</p>

<p>
„Zerschmettere ich!“
</p>

<p>
Dann ward er hinunter und in den Wagen befördert.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Als er gegen Mittag mit schweren Kopfschmerzen das
Familienzimmer betrat, war er sehr erstaunt, daß Emmi
es entrüstet verließ. Aber Magda brauchte ihm nur einige
vorsichtige Andeutungen zu machen, da wußte er schon
wieder, um was es sich handelte. „Hab’ ich das wirklich
gemacht? Na ja, ich gebe zu, es waren Damen dabei.
Es gibt verschiedene Arten, sich als deutscher Mann zu
zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere ... Natürlich
beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der
loyalsten und korrektesten Weise beizulegen.“
</p>

<p>
Obwohl er kaum aus den Augen sehen konnte, war ihm
klar, was zu geschehen hatte. Indes ein zweispänniger
Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete er sich mit
Gehrock, weißer Krawatte und Zylinder; dann überreichte
er dem Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr
los. Überall verlangte er nach den Damen; manche
schreckte er vom Mittagessen auf; – und ohne deutlich zu
<pb n='344'/><anchor id='Pgp0344'/>erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau Daimchen oder Frau
Tietz vor sich habe, sagte er mit rauher Katerstimme her:
</p>

<p>
„Ich gebe zu ... Als deutscher Mann, bei Damen ...
Loyalste und korrekteste Weise ...“
</p>

<p>
Um halb zwei war er zurück und ließ sich aufseufzend
zum Essen nieder. „Die Sache ist beigelegt.“
</p>

<p>
Der Nachmittag gehörte einer schwierigeren Aufgabe.
Diederich ließ Napoleon Fischer hinauf in seine Privatwohnung
kommen.
</p>

<p>
„Herr Fischer,“ sagte er und wies ihm einen Stuhl an,
„ich empfange Sie hier und nicht in meinem Bureau,
weil den Herrn Sötbier unsere Angelegenheiten nichts
angehen. Es betrifft nämlich die Politik.“
</p>

<p>
Napoleon Fischer nickte, als habe er sich dies schon gedacht.
Er schien an solche vertraulichen Unterredungen nunmehr
gewöhnt, auf Diederichs ersten Wink griff er sogleich
in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das Bein über. Diederich
war weit weniger sicher; er schnaufte – und dann entschloß
er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit auf
sein Ziel loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht.
</p>

<p>
„Ich will nämlich Stadtverordneter werden,“ erklärte
er, „und dazu brauche ich Sie.“
</p>

<p>
Der Maschinenmeister warf ihm einen Blick von unten
zu. „Ich Sie auch“, sagte er. „Denn ich will auch Stadtverordneter
werden.“
</p>

<p>
„Nanu, na hören Sie mal! Ich war auf manches gefaßt ...“
</p>

<p>
„Sie hatten wohl schon wieder ein paar Doppelkronen
in der Hand?“ – und der Proletarier fletschte die gelben
Zähne. Er versteckte sein Grinsen gar nicht mehr. Diederich
begriff, daß in Wahlsachen weniger leicht mit ihm zu
reden sein werde als über eine geschundene Arbeiterin.
<pb n='345'/><anchor id='Pgp0345'/>„Nämlich, Herr Doktor,“ begann Napoleon, „den einen
von den beiden Sitzen hat meine Partei bombensicher.
Den anderen kriegen wahrscheinlich die Freisinnigen.
Wenn Sie die ’rausschmeißen wollen, brauchen Sie uns.“
</p>

<p>
„So weit seh’ ich es ein“, sagte Diederich. „Ich habe
zwar auch den alten Buck für mich. Aber seine Leute sind
vielleicht nicht alle so vertrauensselig, daß sie mich wählen,
wenn ich mich als Freisinniger aufstellen lasse. Sicherer
ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen.“
</p>

<p>
„Und ich hab’ auch schon ’ne Ahnung, wieso Sie das
machen können“, erklärte Napoleon. „Weil ich nämlich
schon längst ’n Auge auf Herrn Doktor habe, ob er nun
nicht bald in die politische Arena ’reinsteigt.“
</p>

<p>
Napoleon blies Ringe, so sehr war er auf der Höhe!
</p>

<p>
„Ihr Prozeß, Herr Doktor, und dann das mit dem
Kriegerverein und so, das war alles ganz schön, als
Reklame. Aber für einen Politiker heißt es doch immer:
wie viele Stimmen krieg’ ich.“
</p>

<p>
Napoleon teilte aus dem Schatz seiner Erfahrungen mit!
Als er vom „nationalen Rummel“ sprach, wollte Diederich
protestieren; aber Napoleon fertigte ihn schnell ab.
</p>

<p>
„Was wollen Sie denn? Wir in unserer Partei haben
gewissermaßen allerhand Achtung vor dem nationalen
Rummel. Bessere Geschäfte sind allemal damit zu machen
als mit dem Freisinn. Die bürgerliche Demokratie fährt
bald in einer einzigen Droschke ab.“
</p>

<p>
„Und die vermöbeln wir ihr auch noch!“ rief Diederich.
Die Bundesgenossen lachten vor Vergnügen. Diederich
holte eine Flasche Bier.
</p>

<p>
„A–ber“, machte der Sozialdemokrat; und er rückte
mit seiner Bedingung heraus: ein Gewerkschaftshaus, bei
dessen Bau die Partei von der Stadt zu unterstützen war!
<pb n='346'/><anchor id='Pgp0346'/>... Diederich sprang vom Stuhl. „Und das erdreisten
Sie sich von einem nationalen Mann zu verlangen?“
</p>

<p>
Der andere blieb gelassen und ironisch. „Wenn wir
dem nationalen Mann nicht helfen, daß er gewählt wird,
wo bleibt dann der nationale Mann?“ – Und Diederich
mochte sich empören oder um Gnade flehen, er mußte
auf ein Blatt Papier schreiben, daß er für das Gewerkschaftshaus
nicht nur selbst stimmen, sondern auch die ihm
nahestehenden Stadtverordneten bearbeiten werde. Darauf
erklärte er barsch die Unterredung für beendet und
nahm dem Maschinenmeister die Bierflasche aus der
Hand. Aber Napoleon Fischer zwinkerte. Überhaupt dürfe
der Herr Doktor froh sein, daß er mit ihm und nicht mit
dem Parteibudiker Rille verhandele. Denn Rille, der für
seine eigene Wahl agitiere, wäre zu dem Kompromiß nicht
zu haben gewesen. Und in der Partei seien die Meinungen
geteilt; Diederich habe also allen Grund, in der ihm
nahestehenden Presse etwas für die Kandidatur Fischer
zu tun. „Wenn fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten
die Nase in Ihre Geschichten stecken, Herr Doktor, dafür
werden Sie sich wohl bedanken. Bei uns beiden ist es
was anderes. Wir haben schon mehr Dreck zusammen
verscharrt.“
</p>

<p>
Damit ging er und überließ Diederich seinen Gefühlen.
„Schon mehr Dreck zusammen verscharrt!“ dachte Diederich,
und Angstschauer kreuzten sich in ihm mit Wallungen
des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener
Kuli, den er jeden Augenblick auf die Straße werfen
konnte! Vielmehr, leider ging das nicht, denn es war
wahr, sie hatten Dreck verscharrt. Der Holländer! Die
geschundene Arbeiterin! Eine Vertraulichkeit zog die
andere nach sich: jetzt waren Diederich und sein Prolet
<pb n='347'/><anchor id='Pgp0347'/>nicht nur im Betrieb aufeinander angewiesen, sondern
auch politisch. Am liebsten hätte Diederich mit dem Parteibudiker
Rille angebunden; aber dann war zu fürchten,
daß Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was
er wußte. Diederich sah sich genötigt, ihm auch noch gegen
Rille zu helfen. „Aber“ – er schüttelte die Faust gegen
die Zimmerdecke – „wir sprechen uns wieder. Und wenn
es zehn Jahre dauert, die Abrechnung kommt!“
</p>

<p>
Hiernach oblag es ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch
zu machen und sein biedermännisches und schöngeistiges
Gerede mit Ergebenheit anzuhören. Dafür ward
er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der „Netziger
Zeitung“, die in einem warmen Artikel Herrn Doktor
Heßling als Mensch, Bürger und Politiker den Wählern
empfahl, ward gleich darunter, wenn auch in kleinerem
Druck, die Aufstellung des Arbeiters Fischer scharf beanstandet.
Die sozialdemokratische Partei verfügte, man
mußte es leider zugeben, über genug selbständige Gewerbetreibende,
sie brauchte den bürgerlichen Stadtverordneten
nicht den kollegialen Verkehr mit einem
gewöhnlichen Arbeiter zuzumuten. Sollte insbesondere
Herr Doktor Heßling im Schoße der städtischen Körperschaft
seinem eigenen Maschinenmeister begegnen?
</p>

<p>
Dieser Ausfall des bürgerlichen Blattes stellte unter den
Sozialdemokraten volle Einmütigkeit her; sogar Rille
mußte sich für Napoleon erklären, – der mit Glanz durch
das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei, die ihn
aufstellte, nur die Hälfte der Stimmen, aber ihn retteten
die Genossen. Die beiden Gewählten wurden gemeinsam
in die Versammlung eingeführt. Bürgermeister Doktor
Scheffelweis beglückwünschte sie, mit dem Hinweis, daß
einerseits der tätige Bürger, andererseits der
empor<pb n='348'/><anchor id='Pgp0348'/>strebende Arbeiter –. Und schon in der nächsten Sitzung
griff Diederich in die Verhandlungen ein.
</p>

<p>
Zur Debatte stand die Kanalisation der Gäbbelchenstraße.
Eine beträchtliche Anzahl jener alten Vorstadthäuser
befand sich noch heute, am Ende des neunzehnten
Jahrhunderts, im wenig rühmlichen Besitz von Abortgruben,
deren Ausdünstungen zuzeiten die ganze Gegend
überschwemmten. Bei seinem Besuch im „Grünen Engel“
hatte Diederich die Wahrnehmung gemacht. So wandte
er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen Bedenken
des Magistratsvertreters. Eine Forderung der
Kulturehre dürfe kleinlichen Rücksichten nicht weichen.
„Deutschtum heißt Kultur!“ rief Diederich aus. „Meine
Herren! Das hat kein Geringerer gesagt als Seine Majestät
der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit hat Seine
Majestät das Wort gesprochen: Die Schweinerei muß ein
Ende nehmen. Wo nur immer großzügig vorgegangen
wird, da leuchtet uns das erhabene Beispiel Seiner
Majestät voran, und darum, meine Herren –“
</p>

<p>
„Hurra!“ rief eine Stimme links, und Diederich begegnete
dem Grinsen Napoleon Fischers. Da reckte er
sich auf, er blitzte.
</p>

<p>
„Sehr richtig!“ versetzte er schneidend. „Ich kann nicht
besser schließen. Seine Majestät der Kaiser hurra, hurra,
hurra!“
</p>

<p>
Verblüfftes Schweigen, – aber da die Sozialdemokraten
lachten, riefen rechts einige hurra. Doktor Heuteufel
warf die Frage dazwischen, ob der merkwürdige
Zusammenhang, in den Herr Doktor Heßling die Person
des Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majestätsbeleidigung
darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte
schnell. In der Presse jedoch ward weiter debattiert. Die
<pb n='349'/><anchor id='Pgp0349'/>„Volksstimme“ behauptete, Herr Heßling trage in die
Stadtverordnetenversammlung den Geist des übelsten
Byzantinismus, wohingegen die „Netziger Zeitung“ seine
Rede als die erfrischende Tat eines unbefangenen Patrioten
bezeichnete. Daß es sich aber um einen wahrhaft bedeutsamen
Vorgang handelte, ward erst klar, als es im
„Berliner Lokal-Anzeiger“ stand. Das Blatt Seiner
Majestät war über das mutige Auftreten des Netziger
Stadtverordneten Doktor Heßling des Lobes voll. Es
stellte mit Genugtuung fest, daß der neue, entschlossen
nationale Geist, für den der Kaiser eintrete, nunmehr
auch im Lande Fortschritte mache. Die kaiserliche Mahnung
werde befolgt, der Bürger erwache aus dem Schlummer,
die Scheidung zwischen denen für ihn und denen
wider ihn vollziehe sich. „Möchten viele wackere Vertreter
unserer Städte dem Beispiel des Doktor Heßling folgen!“
</p>

<p>
Diese Nummer des Lokal-Anzeigers trug Diederich
schon acht Tage lang auf dem Herzen, da schlich er sich
um die stillste Vormittagsstunde, unter Vermeidung der
Kaiser-Wilhelm-Straße, von rückwärts in die Bierstube
von Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer
und der Parteiwirt Rille. Obwohl das Lokal ganz leer
war, zogen die drei sich in den äußersten Winkel zurück;
Fräulein Klappsch ward, kaum daß sie das Bier gebracht
hatte, hinausgeschickt; und Klappsch selbst, der an der Tür
horchte, hörte nur tuscheln. Er versuchte die Klappe zu Hilfe
zu nehmen, durch die er bei stärkerem Besuch die Gläser
hineinreichte; aber Rille, der damit Bescheid wußte, schlug
sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte der Wirt bemerkt,
daß Doktor Heßling aufgesprungen war und im Begriff
schien, wegzugehen. Dazu werde er als nationaler Mann
niemals die Hand bieten!... Später aber wollte Fräulein
<pb n='350'/><anchor id='Pgp0350'/>Klappsch, die zum Zahlen gerufen ward, doch ein Papier
gesehen haben, das von allen drei unterschrieben war.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Denselben Tag nachmittags hatten Emmi und Magda
eine Einladung zum Tee bei Frau von Wulckow, und
Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes schritten die
Geschwister über die Kaiser-Wilhelm-Straße, Diederich
lüftete kühl den Zylinder vor den Herren, die von den
Stufen der Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das
Gebäude der Regierung betrat. Den Wachtposten begrüßte
er mit einer jovialen Handbewegung. Droben in
der Garderobe stieß man auf Offiziere und ihre Damen,
denen die beiden Fräulein Heßling schon bekannt waren.
Die Sporen zusammenschlagend, zog der Leutnant von
Brietzen Emmi den Mantel aus, und sie dankte ihm über
die Schulter, wie eine Gräfin. Sodann trat sie Diederich
auf den Fuß, damit er merke, auf welchen heißen Boden
er versetzt sei. Und wirklich, als man nun Herrn von
Brietzen den Vortritt in den Salon aufgenötigt, vor der
Präsidentin entzückte Kratzfüße ausgeführt hatte und
mit allen bekannt geworden war: welche Aufgabe, so
ehrenvoll wie gefährlich, auf einem Stühlchen zwischen
Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht
zu erhalten, während man Kuchenteller weitergab, und
mit dem Kuchen ein huldigendes Lächeln zu spenden und
beim Essen ein schmelzendes Wort über die so gelungene
Aufführung der „Heimlichen Gräfin“ zu liefern, ein
männlich anerkennendes für die großzügige Verwaltungstätigkeit
des Präsidenten, ein gewichtiges über
Umsturz und Kaisertreue – und dabei noch den Wulckowschen
Hund zu füttern, der bettelte! An die anspruchslose
Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins durfte
<pb n='351'/><anchor id='Pgp0351'/>man hier nicht denken; es hieß mit aufreibendem Lächeln
in die wasserhellen Augen des Hauptmanns von Köckeritz
starren, dessen Glatze weiß, dessen Gesicht von der Mitte
der Stirn abwärts feuerrot war und der vom Exerzierplatz
erzählte. Und wenn einem vor Gespanntheit auf die
Frage, ob man gedient habe, schon der Schweiß ausbrach,
erlebte man es unversehens, daß die Dame neben einem,
die ihr weißblondes Haar glatt über den Kopf hinaufkämmte
und eine sonnenverbrannte Nase hatte, von
Pferden zu sprechen anfing ... Diesmal ward Diederich
durch Emmi gerettet, denn Emmi, unterstützt von Herrn
von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fuß
zu stehen schien, griff gewandt in das Pferdegespräch ein,
gebrauchte fachmännische Ausdrücke, ja, schreckte nicht davor
zurück, von Ritten ins Gelände zu phantasieren, die
sie auf dem Gut einer Tante unternommen haben wollte.
Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr auszureiten,
schützte sie die arme Frau Heßling vor, die es nicht erlaube.
Diederich erkannte Emmi nicht wieder. Ihre unheimlichen
Talente ließen Magda, der es doch gelungen war, sich zu
verloben, hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen
ward Diederich, wie nach seiner Rückkehr aus dem „grünen
Engel“, sich der unberechenbaren Wege bewußt, die ein
Mädchen, wenn man es nicht sah –. Da bemerkte er, daß
er eine Frage der Präsidentin überhört hatte, und daß man
schwieg, weil er antworten sollte. Er suchte in der Luft
umher nach Hilfe, stieß aber nur auf den unerbittlichen
Blick eines großen Bildnisses, bleich und steinern, in roter
Husarenuniform, eine Hand auf der Hüfte, der Schnurrbart
an den Augenwinkeln, und der Blick über die Schulter
hinweg kalt blitzend! Diederich erbebte, er verschluckte
sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte ihm den Rücken.
</p>

<pb n='352'/><anchor id='Pgp0352'/>

<p>
Eine Dame, die bisher nur immer gegessen hatte, sollte
jetzt singen. Im Musikzimmer hatte man sich gruppiert.
Diederich, an der Tür, zog verstohlen die Uhr, da hüstelte
hinter ihm die Präsidentin. „Ich weiß wohl, lieber Doktor,
daß Sie nicht uns und unserer leichten, ich möchte
sagen allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die
so ernsten Pflichten gehört. Mein Mann erwartet Sie,
kommen Sie nur.“ Den Finger auf den Lippen ging sie
voran, über einen Gang, durch ein leeres Vorzimmer ...
Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam, sah sie ängstlich
auf Diederich, dem auch nicht wohl war. „Ottochen“,
versuchte sie, zärtlich an die verschlossene Tür geschmiegt.
Nach einer Weile des Lauschens erhob sich drinnen die
fürchterliche Baßstimme: „Hier ist kein Ottochen! Sag’
den Schafsköpfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!“ –
„Er ist so sehr beschäftigt“, flüsterte Frau von Wulckow, ein
wenig bleicher. „Die Schlechtgesinnten untergraben seine
Gesundheit ... Leider muß ich mich jetzt meinen Gästen widmen,
der Diener soll Sie anmelden.“ Und sie entschwebte.
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<p>
Diederich wartete vergeblich auf den Diener, lange Minuten.
Dann aber trat der Wulckowsche Hund ein, schritt
riesenhaft und voll Verachtung an Diederich vorbei und
kratzte an der Tür. Sofort ertönte es drinnen: „Schnaps!
Komm herein!“ – worauf die Dogge die Tür aufklinkte.
Da sie vergaß, sie wieder zu schließen, erlaubte Diederich
sich, mit hineinzuschlüpfen. Herr von Wulckow saß in
einer Rauchwolke am Schreibtisch, er wendete den ungeheuren
Rücken her.
</p>

<p>
„Guten Tag, Herr Präsident“, sagte Diederich, mit
einem Kratzfuß. „Na nu, quatschst du auch schon, Schnaps?“
fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er faltete ein
Papier, zündete langsam eine neue Zigarre an ... „Jetzt
<pb n='353'/><anchor id='Pgp0353'/>kommt es“, dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow
etwas anderes zu schreiben. Interesse an Diederich nahm
nur der Hund. Offenbar fand er den Gast hier noch
weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit
über; mit gefletschten Zähnen beschnupperte er Diederichs
Hose, fast war es kein Schnuppern mehr. Diederich
tanzte, so geräuschlos wie möglich, von einem Fuß
auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend aber
leise, wohl wissend, ihr Herr könnte es sonst nicht weiter
kommen lassen. Endlich gelang es Diederich, zwischen sich
und seinen Feind einen Stuhl zu bringen, an den geklammert
er sich umherdrehte, bald langsamer, bald schneller,
und immer auf der Hut vor Schnaps’ Seitensprüngen. Einmal
sah er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte
ihn schmunzeln zu sehen. Dann hatte der Hund genug
von dem Spiel, er ging zum Herrn und ließ sich streicheln;
und neben Wulckows Stuhl hingelagert, maß er mit
kühnen Jägerblicken Diederich, der sich den Schweiß wischte.
</p>

<p>
„Gemeines Vieh!“ dachte Diederich – und plötzlich
wallte es auf in ihm. Empörung und der dicke Qualm
verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit unterdrücktem
Keuchen: „Wer bin ich, daß ich mir das bieten lassen muß?
Mein letzter Maschinenschmierer läßt sich das von mir
nicht bieten. Ich bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter!
Dieser ungebildete Flegel hat mich nötiger als ich ihn!“
Alles, was er heute nachmittag erlebt hatte, nahm den
übelsten Sinn an. Man hatte ihn verhöhnt, der Bengel
von Leutnant hatte ihm den Rücken geklopft! Diese
Kommißköpfe und adeligen Puten hatten die ganze Zeit
von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie
dumm dabei sitzen lassen! „Und wer bezahlt die frechen
Hungerleider? Wir!“ Gesinnung und Gefühle, alles
<pb n='354'/><anchor id='Pgp0354'/>stürzte in Diederichs Brust auf einmal zusammen, und
aus den Trümmern schlug wild die Lohe des Hasses.
„Menschenschinder! Säbelraßler! Hochnäsiges Pack!...
Wenn wir mal Schluß machen mit der ganzen Bande –!“
Die Fäuste ballten sich ihm von selbst, in einem Anfall
stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben:
die Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbände
und sie selbst, die Macht! Die Macht, die über
uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Gegen die wir
nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut
haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein
Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekül von
etwas, das sie ausgespuckt hat!... Von der Wand dort,
hinter blauen Wolken, sah eisern hernieder ihr bleiches
Gesicht, eisern, gesträubt, blitzend: Diederich aber, in
wüster Selbstvergessenheit, hob die Faust.
</p>

<p>
Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Präsidenten
hervor aber kam ein donnerndes Geräusch, ein
lang hinrollendes Geknatter – und Diederich erschrak
tief. Er verstand nicht, was dies für ein Anfall gewesen
war. Das Gebäude der Ordnung, wieder aufgerichtet
in seiner Brust, zitterte nur noch leise. Der Herr Regierungspräsident
hatte wichtige Staatsgeschäfte. Man
wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man
gute Gesinnung und sorgte für gute Geschäfte ...
</p>

<p>
„Na, Doktorchen?“ sagte Herr von Wulckow und drehte
seinen Sessel herum. „Was ist mit Ihnen los? Sie
werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie sich mal auf
diesen Ehrenplatz.“
</p>

<p>
„Ich darf mir schmeicheln“, stammelte Diederich.
„Einiges habe ich schon erreicht für die nationale Sache.“
</p>

<p>
Wulckow blies ihm einen mächtigen Rauchkegel ins
<pb n='355'/><anchor id='Pgp0355'/>Gesicht, dann kam er ihm ganz nahe mit seinen warmblütigen,
zynischen Augen und ihrer Mongolenfalte. „Sie
haben erstens erreicht, Doktorchen, daß Sie Stadtverordneter
geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich
beruhen lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn
Ihr Geschäft soll ja ’ne ziemlich faule Karre sein.“ Da
Diederich zusammenzuckte, lachte Wulckow dröhnend.
„Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was meinen
Sie, das ich da geschrieben habe?“ Das große Blatt
Papier verschwand unter der Pranke, die er darauf legte.
„Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz
für einen gewissen Doktor Heßling, in Anerkennung seiner
Verdienste um die gute Gesinnung in Netzig ... Für so
nett haben Sie mich wohl gar nicht gehalten?“ setzte er
hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und wie
mit Blödheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab
immerfort Verbeugungen. „Ich weiß tatsächlich nicht“,
brachte er hervor. „Meine bescheidenen Verdienste –“
</p>

<p>
„Aller Anfang ist schwer“, sagte Wulckow. „Es soll auch
nur eine Aufmunterung sein. Ihre Haltung im Prozeß
Lauer war nicht übel. Na und Ihr Kaiserhoch in der
Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse ganz
aus dem Häuschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande
ist deshalb Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben.
Da müssen wir uns Ihnen wohl erkenntlich zeigen.“
</p>

<p>
Diederich rief aus: „Mein schönster Lohn ist es, daß der
Lokal-Anzeiger meinen schlichtbürgerlichen Namen vor
die Allerhöchsten Augen selbst gebracht hat!“
</p>

<p>
„Na, nu nehmen Sie sich mal ’ne Zigarre“, schloß
Wulckow; und Diederich begriff, daß jetzt die Geschäfte
kamen. Schon inmitten der Hochgefühle waren ihm
Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem
<pb n='356'/><anchor id='Pgp0356'/>anderen nicht eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte
versuchsweise:
</p>

<p>
„Für die Bahn nach Ratzenhausen wird die Stadt nun
doch wohl den Beitrag bewilligen.“
</p>

<p>
Wulckow streckte den Kopf vor. „Ihr Glück. Wir haben
sonst ein billigeres Projekt, darauf wird Netzig überhaupt
nicht berührt. Also sorgen Sie dafür, daß die Leute Vernunft
annehmen. Unter der Bedingung dürft ihr dann
dem Rittergut Quitzin euer Licht liefern.“
</p>

<p>
„Das will der Magistrat auch nicht.“ Diederich bat mit
den Händen um Nachsicht. „Die Stadt hat Schaden dabei,
und Herr von Quitzin zahlt uns keine Steuern ... Aber
jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler Mann –“
</p>

<p>
„Das möchte ich mir ausbitten. Mein Vetter Herr von
Quitzin baut sich sonst einfach ein Elektrizitätswerk, das
hat er billig, was glauben Sie, zwei Minister kommen bei
ihm zur Jagd – und dann unterbietet er euch hier in
Netzig selbst.“
</p>

<p>
Diederich richtete sich auf. „Ich bin entschlossen, Herr
Präsident, allen Anfeindungen zum Trotz in Netzig das
nationale Banner hochzuhalten.“ Hierauf, mit gedämpfter
Stimme: „Einen Feind können wir übrigens
loswerden: einen besonders schlimmen, jawohl, den alten
Klüsing in Gausenfeld.“
</p>

<p>
„Der?“ Wulckow feixte verächtlich. „Der frißt mir aus
der Hand. Er liefert Papier für die Kreisblätter.“
</p>

<p>
„Wissen Sie, ob er für schlechte Blätter nicht noch mehr
liefert? Darüber, Herr Präsident verzeihen, bin ich doch
wohl besser informiert.“
</p>

<p>
„Die Netziger Zeitung ist jetzt in nationaler Beziehung
zuverlässiger geworden.“
</p>

<p>
„Und zwar –“ Diederich nickte gewichtig, „seit dem
<pb n='357'/><anchor id='Pgp0357'/>Tage, an dem der alte Klüsing mir, Herr Präsident, einen
Teil der Papierlieferung hat anbieten lassen. Gausenfeld
sei überlastet. Natürlich hatte er Angst, daß ich mich
an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige. Und vielleicht
hatte er auch Angst –“ eine bedeutsame Pause –
„daß der Herr Präsident das Papier für die Kreisblätter
lieber bei einem nationalen Werk bestellt.“
</p>

<p>
„Also – Sie liefern jetzt für die Netziger Zeitung?“
</p>

<p>
„Niemals, Herr Präsident, werde ich meine nationale
Gesinnung so sehr verleugnen, daß ich an eine Zeitung
liefere, solange noch freisinniges Geld drin ist.“
</p>

<p>
„Na schön.“ Wulckow stemmte die Fäuste auf die
Schenkel. „Jetzt brauchen Sie nichts mehr zu sagen. Sie
wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze. Die Kreisblätter
wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die Papierlieferungen
für die Regierung. Sonst noch was?“
</p>

<p>
Und Diederich, sachlich:
</p>

<p>
„Herr Präsident, ich bin nicht wie Klüsing, mit dem
Umsturz mach’ ich keine Geschäfte. Wenn Sie, Herr Präsident,
auch als Vorstand der Bibelgesellschaft mein
Unternehmen stützen wollten, ich darf sagen, die nationale
Sache würde nur gewinnen.“
</p>

<p>
„Na schön“, wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich
spielte seinen Trumpf aus.
</p>

<p>
„Herr Präsident! Unter Klüsing ist Gausenfeld eine
Brutstätte des Umsturzes. Bei seinen achthundert Arbeitern
ist nicht einer dabei, der anders wählt als sozialdemokratisch.“
</p>

<p>
„Na und bei Ihnen?“
</p>

<p>
Diederich schlug sich auf die Brust. „Gott ist mein
Zeuge, daß ich lieber noch heute die Bude zumache und
mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als daß ich einen
<pb n='358'/><anchor id='Pgp0358'/>einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich weiß, er ist
nicht kaisertreu.“
</p>

<p>
„Sehr brauchbare Gesinnung“, sagte Wulckow. Diederich
sah ihn mit blauen Augen an. „Ich nehme nur gediente
Leute, vierzig haben den Krieg mitgemacht.
Jugendliche beschäftige ich gar nicht mehr, seit der Geschichte
mit dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem
Felde der Ehre, wie Seine Majestät festzustellen geruhten,
niedergestreckt hat, nachdem der Kerl mit seiner Braut
hinter meinen Lumpen –“
</p>

<p>
Wulckow winkte ab. „Ihre Sorge, Doktorchen!“
</p>

<p>
Diederich ließ sich seinen Entwurf nicht verderben.
„Unter meinen Lumpen darf kein Umsturz vorkommen.
Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik, ist es anders.
Da können wir den Umsturz brauchen, damit
aus den freisinnigen Lumpen weißes, kaisertreues Papier
wird.“ Und er machte eine tief bedeutungsvolle Miene.
Wulckow schien nicht verblüfft, er schmunzelte furchtbar.
</p>

<p>
„Doktorchen, ich bin auch nicht von gestern. Legen Sie
los, was haben Sie mit Ihrem Maschinenmeister ausgeknobelt?“
</p>

<p>
Da er Diederich wanken sah, fuhr Wulckow fort: „Das
ist auch einer von den Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?“
</p>

<p>
Diederich schluckte, er sah, daß es keinen Umweg mehr
gab. „Herr Präsident“, sagte er mit einem Entschluß;
und dann leise und hastig: „Der Mann will in den Reichstag,
und vom nationalen Standpunkt ist er besser als
Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor
Schreck national werden, und zweitens kriegen wir,
wenn Napoleon Fischer gewählt wird, in Netzig ein
Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es schriftlich.“
</p>

<pb n='359'/><anchor id='Pgp0359'/>

<p>
Er breitete ein Papier hin vor den Präsidenten.
Wulckow las, dann stand er auf, warf den Stuhl mit dem
Fuß fort und ging, Rauch ausstoßend, durch das Zimmer.
„Also Kühlemann kratzt ab, und von seiner halben Million
baut die Stadt kein Säuglingsheim, sondern ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal.“
Er blieb stehen. „Merken Sie sich das, mein
Lieber, in Ihrem eigensten Interesse! Wenn Netzig nachher
einen Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen Wilhelm
den Großen hat, dann lernen Sie mich kennen. Ich
mache Frikassee aus Ihnen! Ich schlag’ Sie so klein, daß
Sie nicht mal mehr im Säuglingsheim Aufnahme finden!“
</p>

<p>
Diederich war mitsamt seinem Stuhl zurückgewichen
bis an die Wand. „Herr Präsident! Alles, was ich bin,
meine ganze Zukunft setze ich ein für diese große nationale
Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ...“
</p>

<p>
„Dann gnade Ihnen Gott!“
</p>

<p>
„Wenn nun Kühlemanns Nierensteine sich doch noch
verziehen?“
</p>

<p>
„Sie haben die Verantwortung! Um meinen Kopf geht
es auch!“ Wulckow ließ sich krachend auf seinen Sitz fallen.
Er rauchte wütend. Als die Wolken zergingen, hatte er
sich aufgeheitert. „Was ich Ihnen auf dem Harmoniefest
gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es
nicht mehr lange, arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen
Sie mir gegen Buck, ich helfe Ihnen gegen Klüsing.“
</p>

<p>
„Herr Präsident!“ Wulckows Lächeln schuf in Diederich
einen Überschwang von Hoffnung, er konnte nicht
an sich halten. „Wenn Sie es ihn unter der Hand wissen
ließen, daß Sie ihm eventuell die Aufträge entziehen!
An die große Glocke hängt er es nicht, das brauchen Sie
nicht zu fürchten; aber er wird seine Anstalten treffen.
Vielleicht verhandelt er –“
</p>

<pb n='360'/><anchor id='Pgp0360'/>

<p>
„Mit seinem Nachfolger“, schloß Wulckow. Da mußte
Diederich aufspringen und seinerseits durch das Zimmer
laufen. „Wenn Sie wüßten, Herr Präsident ... Gausenfeld
ist sozusagen eine Maschine mit Tausendpferdekraft,
und die steht da und verrostet, weil der Strom fehlt, ich
will sagen, der moderne, großzügige Geist!“
</p>

<p>
„Den scheinen Sie zu haben“, meinte Wulckow.
</p>

<p>
„Im Dienst der nationalen Sache“, beteuerte Diederich.
Er kehrte zurück. „Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee
wird sich glücklich schätzen, wenn es uns gelingen würde, daß
Sie so gut sind, Herr Präsident, und bekunden der Sache Ihr
geschätztes Interesse durch Annahme des Ehrenvorsitzes.“
</p>

<p>
„Gemacht“, sagte Wulckow.
</p>

<p>
„Die aufopfernde Tätigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden
wird das Komitee entsprechend zu würdigen wissen.“
</p>

<p>
„Erklären Sie sich mal näher!“ In Wulckows Stimme
grollte es unheilvoll, aber Diederich bei seiner Angeregtheit
überhörte es.
</p>

<p>
„Die Idee hat bereits zu gewissen Erörterungen im
Schoße des Komitees geführt. Man wünscht das Denkmal
in frequentester Lage zu errichten und mit einem
Volkspark zu umgeben, damit nämlich die unlösbare Verbindung
von Herrscher und Volk sinnfällig in die Erscheinung
tritt. Da haben wir nun im Zentrum der Stadt
an ein größeres Grundstück gedacht; auch die Nachbargebäude
wären zu haben; es ist in der Meisestraße.“
</p>

<p>
„Soso. Meisestraße.“ Wulckows Brauen hatten sich
gewitterhaft zusammengezogen. Diederich erschrak, aber
es gab kein Halten mehr.
</p>

<p>
„Der Gedanke ist aufgetaucht, daß wir uns, noch bevor
die Stadt der Sache näher tritt, die betreffenden Grundstücke
sichern und unbefugten Spekulationen zuvorkommen
<pb n='361'/><anchor id='Pgp0361'/>sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender hätte natürlich das
erste Anrecht ...“
</p>

<p>
Nach diesem Wort wich Diederich zurück, der Sturm brach
los. „Herr! Für wen halten Sie mich? Bin ich Ihr Geschäftsagent?
Das ist unerhört, das war noch nicht da! So
ein Koofmich mutet dem Königlichen Regierungspräsidenten
zu, er soll seine schmutzigen Geschäfte mitmachen!“
</p>

<p>
Wulckow dröhnte übermenschlich, er drang mit seiner
gewaltigen Körperwärme und mit seinem persönlichen
Geruch gegen Diederich vor, der sich rückwärts bewegte.
Auch der Hund war aufgestanden und ging kläffend zum
Angriff über. Das Zimmer war auf einmal erfüllt von
Graus und Getöse.
</p>

<p>
„Sie machen sich einer schweren Beamtenbeleidigung
schuldig, Herr!“ schrie Wulckow, und Diederich, der hinter
sich nach der Tür tastete, hatte nur Vermutungen darüber,
wer ihm früher an der Kehle sitzen werde, der Hund
oder der Präsident. Seine angstvoll irrenden Augen
trafen das bleiche Gesicht, das von der Wand herab drohte
und blitzte. Nun hatte er sie an der Kehle, die Macht!
Vermessen hatte er sich, mit der Macht auf vertrautem
Fuß zu verkehren. Das war sein Verderben, sie brach
über ihn herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs
... Die Tür hinter dem Schreibtisch ging auf, jemand in
Polizeiuniform trat ein. Den schlotternden Diederich
überraschte er nicht mehr. Wulckow ward durch die Gegenwart
der Uniform auf einen neuen furchtbaren Gedanken
gebracht. „Ich kann Sie augenblicklich verhaften lassen,
Sie Jammerprinz, wegen versuchter Beamtenbestechung,
wegen Bestechungsversuch an einer Behörde, an der
obersten Behörde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie
ins Zuchthaus, ich ruiniere Sie für Ihr Leben!“
</p>

<pb n='362'/><anchor id='Pgp0362'/>

<p>
Auf den Herrn von der Polizei schien dieses Jüngste
Gericht nicht entfernt den Eindruck zu machen wie auf
Diederich. Er legte das Papier, das er brachte, auf den
Schreibtisch nieder und verschwand. Übrigens drehte
auch Wulckow sich plötzlich um; er zündete seine Zigarre
wieder an, Diederich war nicht mehr da für ihn. Und auch
Schnaps ließ von ihm ab, als sei er Luft. Da wagte Diederich
es, die Hände zu falten.
</p>

<p>
„Herr Präsident,“ flüsterte er wankend, „Herr Präsident,
erlauben Herr Präsident, daß ich feststellen darf, es
liegt ein, darf ich feststellen, tief bedauerliches Mißverständnis
vor. Nie würde ich, bei meiner wohlbekannten
nationalen Gesinnung –. Wie könnte ich!“
</p>

<p>
Er wartete, aber niemand bekümmerte sich um ihn.
</p>

<p>
„Wenn ich auf meinen Vorteil sähe,“ begann er wieder,
um etwas vernehmlicher, „anstatt daß ich immer nur das
nationale Interesse im Auge habe, dann wäre ich heute
nicht hier, dann wäre ich bei dem Herrn Buck. Denn der
Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein
Grundstück an die Stadt verkaufen, für das freisinnige
Säuglingsheim. Aber das Ansinnen hab’ ich mit Entrüstung
zurückgewiesen und habe den geraden Weg gefunden
zu Ihnen, Herr Präsident. Denn besser, hab’ ich
gesagt, das Denkmal Kaiser Wilhelms des Großen im
Herzen als das Säuglingsheim in der Tasche, hab’ ich
gesagt und sag’ es auch hier mit lauter Stimme!“
</p>

<p>
Da Diederich in der Tat die Stimme erhob, wandte
Wulckow sich ihm zu. „Sind Sie noch immer da?“ fragte
er. Und Diederich, aufs neue ersterbend: „Herr Präsident –“
</p>

<p>
„Was wollen Sie noch? Ich kenne Sie überhaupt
nicht. Habe nie mit Ihnen verhandelt.“
</p>

<p>
„Herr Präsident, im nationalen Interesse –“
</p>

<pb n='363'/><anchor id='Pgp0363'/>

<p>
„Mit Grundstücksspekulanten verhandele ich nicht.
Verkaufen Sie Ihr Grundstück, und dalli; nachher können
wir reden.“
</p>

<p>
Diederich, erblaßt, mit dem Gefühl, als werde er an
der Wand zerquetscht: „In dem Fall bleibt es bei unseren
Bedingungen? Der Orden? Der Wink an Klüsing? Der
Ehrenvorsitz?“
</p>

<p>
Wulckow zog eine Grimasse. „Meinetwegen. Aber sofort
verkaufen!“
</p>

<p>
Diederich rang nach Atem. „Ich bringe das Opfer!“
erklärte er. „Denn das Höchste, was der kaisertreue Mann
hat, meine kaisertreue Gesinnung, muß über jedem Verdacht
stehen.“
</p>

<p>
„Na ja“, sagte Wulckow, indes Diederich sich zurückzog,
stolz auf seinen Abgang, wenn auch beengt durch die
Empfindung, daß der Präsident ihn als Bundesgenossen
nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister.
</p>

<p>
Im Salon fand er Emmi und Magda ganz allein in
einem Prachtwerk blätternd. Die Gäste waren fort, und
auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil sie sich
anziehen mußte zur Soiree bei der Frau Oberst von
Haffke. „Meine Unterredung mit dem Präsidenten ist
für beide Teile durchaus befriedigend verlaufen“, stellte
Diederich fest; und draußen auf der Straße: „Da sieht
man es, was es heißt, wenn zwei loyale Männer verhandeln.
In dem heutigen verjudeten Geschäftsbetrieb
kennt man das gar nicht mehr.“
</p>

<p>
Emmi, gleichfalls sehr angeregt, erklärte, daß sie Reitstunden
nehmen werde. „Wenn ich dir das Geld gebe“,
sagte Diederich, aber nur der Ordnung wegen, denn er
war stolz auf Emmi. „Hat Leutnant von Brietzen nicht
Schwestern?“ bemerkte er. „Du solltest bekannt werden
<pb n='364'/><anchor id='Pgp0364'/>und uns Einladungen verschaffen zur nächsten Soiree
der Frau Oberst.“ Gerade ging drüben der Oberst vorbei.
Diederich sah ihm lange nach. „Ich weiß wohl,“
sagte er, „man soll sich nicht umdrehen; aber das ist nun
mal das Höchste, es zieht einen hin!“
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Dennoch hatte der Vertrag mit Wulckow nur seine
Sorgen vergrößert. Der handgreiflichen Verpflichtung,
sein Haus zu verkaufen, stand nichts gegenüber als Hoffnungen
und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu
kühne Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag
in den Stadtpark, wo es schon dunkelte, und auf einem
einsamen Pfad begegnete er Wolfgang Buck.
</p>

<p>
„Ich habe mich nun doch entschlossen“, erklärte Buck.
„Ich gehe zur Bühne.“
</p>

<p>
„Und Ihre bürgerliche Stellung? Und Ihre Heirat?“
</p>

<p>
„Ich habe es versucht, aber das Theater ist vorzuziehen.
Es wird dort weniger Komödie gespielt, wissen Sie, man
ist ehrlicher bei der Sache. Auch sind die Weiber schöner.“
</p>

<p>
„Das ist kein Standpunkt“, erwiderte Diederich. Aber
Buck war es ernst. „Ich muß zugeben, das Gerücht über
Guste und mich hat mir Spaß gemacht. Andererseits: so
blödsinnig es ist, es ist nun einmal da, das Mädchen leidet
darunter, ich kann sie nicht länger kompromittieren.“
</p>

<p>
Diederich widmete ihm einen abschätzigen Seitenblick,
denn er hatte den Eindruck, Buck nahm das Gerücht zum
Vorwand, um sich zu drücken. „Sie werden wohl wissen,“
versetzte er streng, „was Sie da anrichten. Ein anderer
nimmt sie jetzt natürlich auch nicht mehr leicht. Es gehört
schon verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu.“
</p>

<p>
Buck bestätigte dies. „Für einen wirklich modernen,
großzügigen Mann“, sagte er bedeutungsvoll, „müßte
<pb n='365'/><anchor id='Pgp0365'/>es eine besondere Genugtuung sein, ein Mädchen unter
solchen Umständen zu sich hinaufzuziehen und für sie einzutreten.
Hier, wo auch Geld ist, würde zweifellos der
Edelmut zuletzt das Feld behaupten. Denken Sie an das
Gottesgericht im Lohengrin.“
</p>

<p>
„Wieso, Lohengrin?“
</p>

<p>
Hierauf antwortete Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor
erreicht hatten, ward er unruhig. „Kommen Sie mit
hinein?“ fragte er. – „Wo denn hinein?“ – „Gleich hier,
Schweinichenstraße 77. Ich muß es ihr doch sagen, Sie
könnten vielleicht –.“ Da pfiff Diederich durch die Zähne.
</p>

<p>
„Sie sind wirklich –. Sie haben ihr noch nichts gesagt?
Vorher erzählen Sie es in der Stadt umher? Ihre Sache,
mein Bester, aber mich lassen Sie aus dem Spiel, den
Bräuten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu
kündigen.“
</p>

<p>
„Machen Sie eine Ausnahme“, bat Buck. „Mir werden
Szenen im Leben so schwer.“
</p>

<p>
„Ich habe Grundsätze“, sagte Diederich. Buck lenkte ein.
</p>

<p>
„Sie brauchen nichts zu sagen; Sie sollen mir nur in
einer stummen Rolle als moralische Unterstützung dienen.“
</p>

<p>
„Moralisch?“ fragte Diederich.
</p>

<p>
„Als Vertreter sozusagen des verhängnisvollen Gerüchtes.“
</p>

<p>
„Was wollen Sie damit sagen?“
</p>

<p>
„Ich scherze. Da sind wir, kommen Sie.“
</p>

<p>
Und Diederich, betroffen durch Bucks letzte Wendung,
ging wortlos mit.
</p>

<p>
Frau Daimchen war ausgegangen, und Guste ließ auf sich
warten. Buck ging nachzusehen, was sie mache. Endlich kam
sie, aber allein. „War nicht auch Wolfgang da?“ fragte sie.
</p>

<p>
Buck war ausgerissen!
</p>

<pb n='366'/><anchor id='Pgp0366'/>

<p>
„Das begreife ich nicht“, sagte Diederich. „Er hatte doch
etwas ganz Dringendes bei Ihnen vor.“
</p>

<p>
Hierauf errötete Guste. Diederich wandte sich der Tür
zu. „Dann empfehle ich mich auch.“
</p>

<p>
„Was wollte er denn?“ forschte sie. „Das kommt bei
ihm doch nicht oft vor, daß er etwas will. Und wozu
bringt er Sie mit?“
</p>

<p>
„Das sehe ich auch nicht ein. Ich darf sogar sagen, daß ich
es entschieden mißbillige, wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit
Zeugen nimmt. Meine Schuld ist es nicht, adieu.“
</p>

<p>
Aber je verlegener er sie ansah, desto dringender ward sie.
</p>

<p>
„Ich muß es ablehnen,“ verriet er schließlich, „daß ich
mir mit den Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen,
noch dazu, wenn der Dritte durchgeht und entzieht
sich seinen nächstliegenden Verpflichtungen.“
</p>

<p>
Gustes aufgerissene Augen sahen die Worte einzeln aus
Diederichs Mund hervorkommen. Als das letzte gefallen
war, verharrte sie einen Augenblick reglos, und dann warf
sie die Hände vor das Gesicht. Sie schluchzte, man sah ihre
Wangen aufquellen und die Tränen ihr durch die Finger
rinnen. Sie hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr,
betreten durch ihren Schmerz. „Schließlich“, meinte er, „ist
ja so viel nicht an ihm verloren.“ Da aber empörte sich
Guste. „Das sagen Sie! Sie sind derjenige welcher und
haben immer gegen ihn gehetzt. Daß er ausgerechnet Sie
muß herschicken, das kommt mir mehr wie sonderbar vor.“
</p>

<p>
„Wie meinen Sie das, bitte?“ verlangte Diederich
seinerseits. „Sie mußten wohl reichlich so genau wissen
wie ich, geehrtes Fräulein, was Sie von dem betreffenden
Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung
schlapp ist, ist alles schlapp.“
</p>

<p>
Da sie ihn höhnisch musterte, versetzte er um so strenger:
</p>

<pb n='367'/><anchor id='Pgp0367'/>

<p>
„Ich habe Ihnen alles richtig vorausgesagt.“
</p>

<p>
„Weil es Ihnen so paßte“, erwiderte sie giftig. Und
Diederich, mit Ironie: „Er hat mich doch selbst angestellt,
daß ich seinen Kochtopf sollte umrühren. Und wenn der
Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt gewesen
wäre, hätte er ihn schon längst überkochen lassen.“
</p>

<p>
Da rang es sich los aus Guste. „Haben Sie ’ne Ahnung!
Das ist es ja, das kann und kann ich ihm nicht verzeihen,
daß ihm immer <hi rend='gesperrt'>alles</hi> wurscht war, sogar mein Geld!“
</p>

<p>
Diederich war erschüttert. „Mit so einem soll man sich
nicht einlassen“, stellte er fest. „Die haben keinen Halt
und laufen einem durch die Finger.“ Er nickte gewichtig.
„Wem das Geld wurscht ist, der versteht das Leben
nicht.“
</p>

<p>
Guste lächelte blaß. „Dann verstehen Sie es glänzend.“
</p>

<p>
„Das wollen wir hoffen“, sagte er. Sie kam näher zu
ihm, durch ihre letzten Tränen blinzelte sie ihn an.
</p>

<p>
„Recht haben Sie ja nun behalten. Was meinen Sie
wohl, das ich mir daraus mache?“ Sie verzog den Mund.
„Ich hab’ ihn doch überhaupt nicht geliebt. Bloß auf die
Gelegenheit hab’ ich gewartet, daß ich ihn loswerde. Nun
ist er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir
es ohne ihn“, setzte sie hinzu, mit einem verlockenden
Blick. Aber Diederich nahm nur sein Schnupftuch zurück,
für alles andere schien er zu danken. Guste begriff, daß
er noch ebenso streng dachte, wie damals im Liebeskabinett;
um so demütiger verhielt sie sich.
</p>

<p>
„Sie spielen gewiß auf meine Lage an, wo ich nun drin
bin.“
</p>

<p>
Er lehnte ab. „Ich habe nichts gesagt.“ Guste klagte
still. „Wenn die Leute Gemeinheiten über mich reden,
dafür kann ich doch nicht!“
</p>

<pb n='368'/><anchor id='Pgp0368'/>

<p>
„Ich auch nicht.“
</p>

<p>
Guste senkte den Kopf. „Na ja, ich muß es wohl einsehen.
So eine wie ich verdient nicht mehr, daß ein wirklich feiner
Mann mit ernsten Ansichten vom Leben sie noch nimmt.“
Und dabei schielte sie von unten nach der Wirkung.
</p>

<p>
Diederich schnaufte. „Es kann auch sein –“, begann er
und machte eine Pause. Guste atmete nicht. „Nehmen
wir einmal an,“ sagte er mit schneidender Betonung, „jemand
hat im Gegenteil die allerernstesten Ansichten vom
Leben, und er empfindet modern und großzügig, und im
vollen Gefühl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl
als gegen seine künftigen Kinder, wie gegen Kaiser
und Vaterland übernimmt er den Schutz des wehrlosen
Weibes und zieht es zu sich empor.“
</p>

<p>
Gustes Miene war immer frommer geworden. Sie
lehnte die Handflächen aneinander und sah ihn mit
schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien noch nicht
zu genügen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes:
und so fiel Guste plumps auf die Knie. Da nahte
Diederich ihr gnädig. „So soll es sein“, sagte er und
blitzte.
</p>

<p>
Hier trat Frau Daimchen ein. „Nanu,“ bemerkte sie, „was
ist denn los?“ Und Guste, mit Geistesgegenwart: „Ach Gott,
Mutter, wir suchen meinen Ring“, – worauf auch Frau
Daimchen sich am Boden niederließ. Diederich wollte nicht
zurückstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens
rief Guste: „Hat ihm schon!“ Sie stand entschlossen auf.
</p>

<p>
„Daß du es nur weißt, Mutter, ich habe mich verändert.“
</p>

<p>
Frau Daimchen, noch außer Atem, begriff nicht sogleich.
Guste und Diederich vereinten ihre Anstrengungen, um
sie aufzuklären. Schließlich gestand sie, daß sie selbst,
weil die Leute nun einmal redeten, an so etwas schon
<pb n='369'/><anchor id='Pgp0369'/>gedacht habe. „Wolfgang war sowieso ’n bißchen zu
miesepeterig, außer er hatte was getrunken. Bloß die
Familie, dagegen kommen Heßlings nicht auf.“
</p>

<p>
Das werde sie sehen, behauptete Diederich; und er kündigte
an, daß nichts abgemacht sei, solange das Praktische
auch nicht stimmte. Die Ausweise über Gustes Mitgift
mußten herbei, dann verlangte er Gütergemeinschaft –
und was er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand
hineinreden! Bei jedem Widerspruch hielt er den
Türgriff schon in der Hand, und jedesmal sprach Guste
leise und angstvoll zu ihrer Mutter: „Soll denn morgen
die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den
einen los bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?“
</p>

<p>
Als alles stimmte, ward Diederich jovial. Er aß zu
Abend mit den Damen und wollte schon, ohne lange zu
fragen, das Dienstmädchen nach dem Verlobungssekt
schicken. Dies kränkte Frau Daimchen, denn natürlich hatte
sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere,
die bei ihr verkehrten. „Überhaupt haben Sie mehr Glück
als Verstand, denn den Herrn Leutnant von Brietzen
hätte Guste auch gekriegt.“ Darauf lachte Diederich wohlgemut.
Alles ging gut. Für ihn das viele Geld, und der
Leutnant von Brietzen für Emmi!... Man ward sehr
lustig; bei der zweiten Flasche taumelte das Brautpaar
auf seinen Stühlen immer einer gegen den anderen, ihre
Füße waren umeinandergewickelt bis zum Knie, und
Diederichs Hand beschäftigte sich unten. Drüben drehte
Frau Daimchen die Daumen. Plötzlich verursachte Diederich
ein donnerndes Geräusch und erklärte sofort, er
übernehme dafür die volle Verantwortung, es sei in
aristokratischen Kreisen üblich, er verkehre bei Wulckows.
</p>

<pb n='370'/><anchor id='Pgp0370'/>

<p>
Welche Überraschung, als Netzig den Umschwung der
Dinge erfuhr! Auf die Erkundigungen der Gratulanten
erwiderte Diederich, was er mit den anderthalb Millionen
seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewiß. Vielleicht
ziehe er nach Berlin, für großzügige Unternehmungen sei
es das Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei
Gelegenheit zu verkaufen. „Die Papierindustrie macht
überhaupt eine Krise durch; diese mitten in Netzig gelegene
Klitsche hat in meinen Verhältnissen keinen Sinn mehr.“
</p>

<p>
Daheim gab es eitel Sonnenschein. Die Schwestern erhielten
ein erhöhtes Taschengeld, und seiner Mutter gestattete
Diederich so viele Rührszenen und Umarmungen,
als sie sich irgend wünschen konnte; ja, er nahm willig ihren
Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle
einer Fee auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen
Beuteln. An ihrer Seite schien Diederich über Blumen zu
wandeln. Die Tage entschwebten himmlisch leicht, unter
Einkäufen, Sektfrühstücken und den Brautvisiten, einen
vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen im
Wagen die Verlobten anregend miteinander beschäftigt.
</p>

<p>
Die schöne Laune, die mit ihrem Dasein spielte, führte
sie eines Abends in den Lohengrin. Die beiden Mütter
hatten sich dazu verstehen müssen, zu Hause zu bleiben;
es war der feste Wille des Brautpaares, der Schicklichkeit
zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das
breite rote Plüschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen
werden konnte, war eingedrückt und fleckig, es hatte
etwas Reizvoll-Fragwürdiges. Guste wollte wissen, daß
diese Loge eigentlich den Herren Offizieren gehörte, und
daß sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen!
</p>

<p>
„Über die Schauspielerinnen sind wir glücklich hinaus“,
erklärte Diederich, und er ließ durchblicken, daß er allerdings
<pb n='371'/><anchor id='Pgp0371'/>bis vor kurzem mit einer gewissen Dame vom Theater, die
er natürlich nicht nennen könne –. Gustes fieberhafte
Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch das Klopfen
des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Plätze ein.
</p>

<p>
„Hähnisch ist noch wabbeliger geworden“, bemerkte
Guste sogleich, und sie nickte nach dem Dirigenten hinab.
Er machte auf Diederich einen hochkünstlerischen, wenn
auch ungesunden Eindruck. Schwarze, verwirrte Haarsträhnen
wippten, indes er mit allen seinen Gliedmaßen
den Takt schlug, über seinem großen grauen Gesicht, dessen
Fettsäcke mitwippten; und in Frack und Hose wogte es
rhythmisch. Im Orchester war großer Betrieb, dennoch
gab Diederich zu verstehen, daß er auf Ouvertüren keinen
Wert lege. Überhaupt, meinte Guste, wenn man den
Lohengrin in Berlin kannte! Der Vorhang ging auf, und
schon kicherte sie verachtungsvoll. „Gott, die Ortrud! Sie
hat einen Schlafrock und ein Frontkorsett!“ Diederich
hielt sich mehr an den König unter der Eiche, der sichtlich
die prominenteste Persönlichkeit war. Sein Auftreten
wirkte nicht besonders schneidig; Wulckow brachte Baß
und Vollbart entschieden besser zur Geltung; aber was
er äußerte, war vom nationalen Standpunkt aus zu begrüßen.
„Des Reiches Ehr’ zu wahren, ob Ost, ob West.“
Bravo! So oft er das Wort deutsch sang, reckte er die
Hand hinauf, und die Musik bekräftigte es ihrerseits. Auch
sonst unterstrich sie einem markig, was man hören sollte.
Markig, das war das Wort. Diederich wünschte sich, er
hätte zu seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine
solche Musik gehabt. Der Heerrufer dagegen stimmte ihn
wehmütig, denn er glich aufs Haar dem dicken Delitzsch
in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit. Infolgedessen
sah Diederich die Gesichter der Mannen näher an und
<pb n='372'/><anchor id='Pgp0372'/>fand überall Neuteutonen. Sie hatten größere Bäuche
und Bärte bekommen und sich gegen die harte Zeit mit
Blech gerüstet. Auch schienen nicht alle sich in günstigen
Lebensumständen zu befinden; die Edlen sahen aus wie
mittlere Beamte des Mittelalters, mit Ledergesichtern
und Knickebeinen, die Unedlen noch weniger glänzend;
aber der Verkehr mit ihnen wäre unzweifelhaft in tadellosen
Formen verlaufen. Überhaupt ward Diederich gewahr,
daß man sich in dieser Oper sogleich wie zu Hause
fühlte. Schilder und Schwerter, viel rasselndes Blech, kaisertreue
Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene Banner,
und die deutsche Eiche: man hätte mitspielen mögen.
</p>

<p>
Was den weiblichen Teil der Brabanter Gesellschaft betraf,
der ließ freilich zu wünschen. Guste stellte spöttische
Fragen: welche es denn nun sei, mit der er –. „Vielleicht
die Ziege in dem Hängekleid? Oder die dicke Kuh mit
dem Goldreifen zwischen den Hörnern?“ Und Diederich
war nicht weit davon entfernt, sich für die schwarze Dame
mit dem Frontkorsett zu entscheiden, als er noch rechtzeitig
bemerkte, daß eben sie in der ganzen Angelegenheit
nicht einwandfrei dastand. Ihr Gatte Telramund schien
zunächst noch leidlich Komment zu haben, aber eine höchst
üble Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit.
Leider war die deutsche Treue, selbst wo sie ein so glänzendes
Bild darbot, bedroht von den jüdischen Machenschaften
der dunkelhaarigen Rasse.
</p>

<p>
Beim Auftreten Elsas war es ohne weiteres klar, auf
welcher Seite man Klasse voraussetzen durfte. Der biedere
König hätte es nicht nötig gehabt, die Sache dermaßen
objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer
Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen
boten von vornherein gewisse Garantien.
Diede<pb n='373'/><anchor id='Pgp0373'/>rich faßte sie ins Auge, sie sah herauf, sie lächelte lieblich.
Darauf griff er nach dem Opernglas, aber Guste entriß
es ihm. „Also die Merée ist es?“ zischte sie; und da er
vielsagend lächelte: „Einen feinen Geschmack hast du, ich
kann mich geschmeichelt fühlen. Die ausgemergelte Jüdin!“
– „Jüdin?“ – „Die Merée, selbstredend, sie heißt
doch Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt.“ – Betreten
nahm er das Glas, das Guste ihm höhnisch anbot, und
überzeugte sich. Na ja, die Welt des Scheins. Enttäuscht
lehnte Diederich sich zurück. Dennoch konnte er nicht hindern,
daß Elsas keusche Vorahnung weiblicher Lustempfindungen
ihn gerade so sehr rührte wie den König und
die Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend
praktischer Ausweg, auf die Weise ward niemand
kompromittiert. Daß die Edlen sich auf die faule Sache
nicht einlassen würden, war freilich vorherzusehen. Man
mußte schon mit etwas Außerordentlichem rechnen; die
Musik tat das ihre, sie machte einen geradezu auf alles
gefaßt. Diederich hatte den Mund offen und so dummselige
Augen, daß Guste heimlich einen Lachkrampf bekam.
Jetzt war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin
kommen. Er kam, funkelte, schickte den Zauberschwan
fort, funkelte noch betörender. Mannen, Edle und der
König unterlagen alle derselben Verblüffung wie Diederich.
Nicht umsonst gab es höhere Mächte.... Ja, die
allerhöchste Macht verkörperte sich hier, zauberhaft blitzend.
Ob Schwanen- oder Adlerhelm: Elsa wußte wohl, warum
sie plumps vor ihm auf die Knie fiel. Diederich seinerseits
blitzte Guste an, ihr verging das Lachen. Auch sie
hatte erfahren, wie es war, wenn alle einen verklatschten,
und den ersten war man los und konnte sich nirgends mehr
sehen lassen und hätte überhaupt wegziehen müssen: und
<pb n='374'/><anchor id='Pgp0374'/>da kam der Held und Retter und machte sich aus der
ganzen Geschichte nichts und nahm einen doch! „So soll
es sein!“ sagte Diederich und nickte auf die kniefällige
Elsa hinab – indes Guste, die Lider gesenkt, in reuevoller
Unterwerfung gegen seine Schulter fiel.
</p>

<p>
Das weitere konnte man an den Fingern abzählen.
Telramund machte sich einfach unmöglich. Gegen die
Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem Repräsentanten
Lohengrin verhielt sich sogar der König höchstens
wie ein besserer Bundesfürst. Er sang seinem Vorgesetzten
die Siegeshymne mit. Der Hort der guten Gesinnung
ward schwungvoll gefeiert, die Umstürzler mochten den
deutschen Staub von ihren Pantoffeln schütteln.
</p>

<p>
Der zweite Akt – Guste aß noch immer, sanft hingegeben,
Pralinees – brachte zunächst in erhebender
Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen dem glanzvollen,
ohne Mißton verlaufenden Fest der Gutgesinnten
in den vornehm erleuchteten Räumen des Palastes, und
den beiden dunkeln Empörern, die stark heruntergekommen
auf dem Pflaster lagen. „Erhebe dich, Genossin
meiner Schmach“, meinte Diederich bei passender Gelegenheit
selbst schon angewendet zu haben. Er verband
Ortrud mit gewissen persönlichen Erinnerungen: ein ganz
gemeines Luder, darüber war nichts zu sagen; aber irgendwas
regte sich in ihm, wenn sie ihren Kerl einwickelte und
unter sich hatte. Er träumte.... Vor Elsa, der dummen
Gans, mit der sie machte was sie wollte, hatte Ortrud das
gewisse Etwas voraus, das die energischen und strengen
Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte
nach Guste. „Es gibt ein Glück, das ohne Reu“, bemerkte
Elsa; und Diederich zu Guste: „Das wollen wir hoffen.“
</p>

<p>
Den frisch ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde
<pb n='375'/><anchor id='Pgp0375'/>sodann durch den dicken Delitzsch eröffnet, daß sie Dank
Gottes Gnade einen neuen Landesfürsten bekommen
hatten. Gestern standen sie noch treu und bieder zu Telramund,
heute waren sie biedere, treue Untertanen Lohengrins.
Sie erlaubten sich keine Meinung und schluckten
jede Vorlage. „Den Reichstag bringen wir auch noch so
weit“, gelobte Diederich.
</p>

<p>
Wie aber Ortrud vor Elsa in das Münster treten wollte,
empörte sich Guste. „Das hat sie nun nicht nötig, darüber
ärgere ich mich immer. Wo sie doch nichts mehr hat, und
überhaupt.“ – „Jüdische Frechheit“, murmelte Diederich.
Übrigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde gesagt,
unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand
legte, ob er seinen Namen verraten und dadurch das ganze
Geschäft in Frage stellen sollte oder nicht. So viel durfte
man Weibern nicht zumuten. Und wozu? Den Mannen
brauchte er nicht erst zu beweisen, daß er, trotz dem Nörgler
Telramund, reine Hände und keinen Fleck auf der Weste
habe: ihre nationale Gesinnung war durchaus unverdächtig.
</p>

<p>
Guste verhieß ihm, im dritten Akt käme das Allerschönste,
aber dafür müsse sie durchaus noch Pralinees
haben. Als man sie hatte, stieg der Hochzeitsmarsch, und
Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge verloren
entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin
hätte sich besser nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei
seinem Anblick wieder einmal von dem Wert der Uniform
durchdrungen. Die Damen waren glücklich fort, mit ihren
Stimmen wie saure Milch. Aber der König! Er konnte
nicht wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und
schien am liebsten als Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich,
dem der König schon immer zu konziliant gewesen
war für diese harte Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine Nulpe.
</p>

<pb n='376'/><anchor id='Pgp0376'/>

<p>
Endlich fand er die Tür, Lohengrin und Elsa machten
sich auf dem Sofa an die „Wonnen, die nur Gott verleiht“.
Zuerst umschlangen sie sich nur oben, die unteren Körperteile
saßen nach Möglichkeit voneinander entfernt. Je mehr
sie aber sangen, um so näher rutschten sie heran, – wobei
ihre Gesichter sich häufig auf Hähnisch richteten. Hähnisch
und sein Orchester schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich,
denn auch Diederich und Guste in ihrer stillen
Loge schnauften leise und sahen einander an mit erhitzten
Augen. Die Gefühle gingen den Weg der Zauberklänge,
die Hähnisch mit wogenden Gliedern hervorlockte, und die
Hände folgten ihnen. Diederich ließ die seine zwischen
Gustes Stuhl und ihrem Rücken hinabgleiten, umspannte
sie unten und murmelte betört: „Wie ich das zum erstenmal
gesehen habe, gleich hab’ ich gesagt, die oder keine!“
</p>

<p>
Aber da wurden sie aus dem Zauberbann gerissen durch
einen Zwischenfall, der bestimmt schien, die Kunstfreunde
Netzigs noch lange zu beschäftigen. Lohengrin zeigte sein
Jägerhemd! Eben stimmte er an: „Atmest du nicht mit
mir die süßen Düfte“, da kam es hinten aus dem Wams
hervor, das aufging. Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugeknöpft
hatte, herrschte im Hause lebhafte Unruhe; dann
erlag es wieder dem Zauberbann. Guste freilich, die sich
mit einem Pralinee verschluckt hatte, stieß auf ein Bedenken.
„Wie lange trägt er das Hemd schon? Und überhaupt,
er hat doch nichts mit, der Schwan ist mit seinem
Gepäck abgeschwommen!“ Diederich verwies ihr ernstlich
das Nachdenken. „Du bist gerade so eine Gans wie Elsa“,
stellte er fest. Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben,
weil sie es nicht lassen konnte, ihren Mann nach
seinen politischen Geheimnissen zu fragen. Der Umsturz
ward vollends zerschmettert, denn Telramunds feiges
<pb n='377'/><anchor id='Pgp0377'/>Attentat mißlang durch Gottes Fügung; aber die Weiber,
dies mußte Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen
nicht die Kandare fest anzog, eher noch subversiver.
</p>

<p>
Nach der Verwandlung ward dies vollends klar. Eiche,
Banner, alles nationale Zubehör war wieder da; und „für
deutsches Land das deutsche Schwert, so sei des Reiches
Kraft bewährt“: bravo! Aber Lohengrin schien nun wirklich
entschlossen, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.
„Überall wurde an mir gezweifelt“, durfte auch
er sagen. Nacheinander klagte er den toten Telramund
und die ohnmächtige Elsa an. Da keins von beiden ihm
widersprach, hätte er ohne weiteres recht behalten; dazu
kam aber noch, daß er tatsächlich in der Rangliste obenan
stand. Denn jetzt gab er sich zu erkennen. Die Nennung
seines Namens rief bei der ganzen Versammlung, die noch
nie von ihm gehört hatte, eine ungeheure Bewegung hervor.
Die Mannen konnten sich gar nicht beruhigen; alles
andere schienen sie erwartet zu haben, nur nicht, daß er
Lohengrin hieß. Um so dringlicher ersuchten sie den geliebten
Herrscher, von dem folgenschweren Schritt der Abdankung
diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb
heiser und unnahbar. Übrigens wartete schon der Schwan.
Eine letzte Frechheit Ortruds brach ihr zur allgemeinen Genugtuung
den Hals. Leider deckte gleich darauf auch Elsa
das Schlachtfeld, das Lohengrin, statt des entzauberten
Schwans von einer kräftigen Taube gezogen, hinter sich ließ.
Dafür war der junge, soeben eingetroffene Gottfried in drei
Tagen der dritte Landesfürst, dem Edle und Mannen,
treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten.
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<p>
„Das kommt davon“, bemerkte Diederich, indes er Guste
in den Mantel half. Alle diese Katastrophen, die Wesensäußerungen
der Macht waren, hatten ihn erhoben und tief
<pb n='378'/><anchor id='Pgp0378'/>befriedigt. „Wovon kommt es denn“, meinte Guste, zum
Widersprechen aufgelegt. „Bloß weil sie wissen will, wer
er ist? Das kann sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie
anständig.“ – „Es hat einen höheren Sinn“, erklärte ihr
Diederich streng. „Die Geschichte mit dem Gral, das soll
heißen, der allerhöchste Herr ist nächst Gott nur seinem
Gewissen verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn
das Interesse Seiner Majestät in Betracht kommt, kannst du
machen was du willst, ich sage nichts, und eventuell –.“
Eine Handbewegung gab zu verstehen, daß auch er, in einen
derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich dahinopfern
würde. Dies erboste Guste. „Das ist ja Mord!
Wie komm’ ich dazu, daß ich muß draufgehen, weil Lohengrin
ein temperamentloser Hammel ist. Nicht einmal in
der Hochzeitsnacht hat Elsa von ihm was gemerkt!“ Und
Guste rümpfte die Nase, wie damals beim Verlassen des
Liebeskabinetts, wo auch nichts geschehen war.
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<p>
Auf dem Heimweg versöhnten sich die Verlobten. „Das
ist die Kunst, die wir brauchen!“ rief Diederich aus. „Das
ist deutsche Kunst!“ Denn hier erschienen ihm, in Text
und Musik, alle nationalen Forderungen erfüllt. Empörung
war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende,
Legitime ward glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum
der höchste Wert gelegt, und das Volk, ein
von den Ereignissen ewig überraschter Chor, schlug sich
willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kriegerische
Unterbau und die mystischen Spitzen, beides war gewahrt.
Auch wirkte es bekannt und sympathisch, daß in dieser
Schöpfung der schönere und geliebtere Teil der Mann
war. „Ich fühl’ das Herze mir vergehn, schau ich den
wonniglichen Mann“, sangen auch die Männer samt dem
König. So war denn die Musik an ihrem Teil der
männ<pb n='379'/><anchor id='Pgp0379'/>lichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie üppig war, und
kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend
Aufführungen einer solchen Oper, und es gab niemand
mehr, der nicht national war! Diederich sprach es
aus: „Das Theater ist auch eine meiner Waffen.“ Kaum
ein Majestätsbeleidigungsprozeß konnte die Bürger so
gründlich aus dem Schlummer rütteln. „Ich habe den
Lauer in die Vogtei gebracht, aber wer den Lohengrin
geschrieben hat, vor dem nehm’ ich den Hut ab.“ Er schlug
ein Zustimmungstelegramm an Wagner vor. Guste
mußte ihn aufklären, es sei nicht mehr zu machen. Einmal
auf so hohem Gedankenflug begriffen, äußerte sich
Diederich über die Kunst im allgemeinen. Unter den Künsten
gab es eine Rangordnung. „Die höchste ist die Musik,
daher ist es die deutsche Kunst. Dann kommt das Drama.“
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<p>
„Warum?“ fragte Guste.
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„Weil man es manchmal in Musik setzen kann, und weil
man es nicht zu lesen braucht, und überhaupt.“
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„Und was kommt dann?“
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„Die Porträtmalerei natürlich, wegen der Kaiserbilder.
Das übrige ist nicht so wichtig.“
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„Und der Roman?“
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„Der ist keine Kunst. Wenigstens Gott sei Dank keine
deutsche: das sagt schon der Name.“
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Und dann war der Hochzeitstag da. Denn beide hatten
Eile: Guste wegen der Leute, Diederich aus Gründen der
Politik. Um mehr Eindruck zu machen, hatte man beschlossen,
daß Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten
sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete
ihn manchmal mit Unruhe, weil Kienast sich den
Bart hatte abnehmen lassen, den Schnurrbart an den
<pb n='380'/><anchor id='Pgp0380'/>Augenwinkeln trug und auch schon blitzte. In den Verhandlungen
über Magdas Gewinnanteil zeigte er einen schreckenerregenden
Geschäftsgeist. Diederich, nicht ohne Besorgnis
wegen des Ausgangs der Sache, wenn auch entschlossen,
seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu erfüllen, vertiefte sich
jetzt öfter in seine Geschäftsbücher ... Sogar am Morgen
vor seiner Trauung und schon im Frack, saß er im Kontor;
da ward eine Karte gebracht: Karnauke, Premierleutnant
a. D. „Was kann der wollen, Sötbier?“ Der alte Buchhalter
wußte es auch nicht. Na egal. „Einen Offizier kann
ich nicht abweisen.“ Und Diederich ging selbst zur Tür.
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In der Tür aber erschien ein ungewöhnlich strammer
Herr in einem grünlichen Sommermantel, der troff, und
den er am Halse fest geschlossen trug. Unter seinen spitzen
Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von seinem grünen
Agrarierhütchen, das er merkwürdigerweise aufbehielt,
regnete es. „Zunächst wollen wir uns mal trocken legen“,
versetzte der Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte,
zum Ofen. Hier sagte er schnarrend: „Verkaufen,
was? Klemme, was?“ Diederich begriff nicht sogleich;
dann warf er einen unruhigen Blick auf Sötbier. Der
Alte hatte sich wieder an seinen Brief gemacht. „Herr
Premierleutnant haben sich gewiß in der Hausnummer
geirrt“, bemerkte Diederich schonend; aber es half nichts.
„Quatsch. Weiß Bescheid. Nur keine Fisimatenten. Höherer
Befehl. Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott.“
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<p>
Diese Sprache war zu auffallend; Diederich konnte
nicht länger übersehen, daß trotz der militärischen Vergangenheit
des Herrn seine ungeheure Strammheit nicht
echt war und daß seine Augen verglast waren. In dem
Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr
sein grünes Agrarierhütchen vom Kopf und entleerte es
<pb n='381'/><anchor id='Pgp0381'/>seines Wassers auf Diederichs Frackhemd. Dies veranlaßte
Diederich zu einem Protest, aber der Herr nahm ihn
sehr übel. „Ich stehe Ihnen zur Verfügung“, schnarrte er.
„Die Herren von Quitzin und von Wulckow werden in
meinem Auftrag mit Ihnen reden.“ Dabei zwinkerte er
angestrengt – und Diederich, dem ein schrecklicher Verdacht
kam, vergaß seinen Zorn, er war einzig bedacht, den
Premierleutnant aus der Tür zu drängen. „Wir sprechen
draußen“, raunte er ihm zu, und nach der anderen Seite
zu Sötbier: „Der Herr ist sinnlos betrunken, ich muß sehen,
wie ich ihn los werde.“ Aber Sötbier hatte die Lippen zusammengepreßt,
die Stirn gefaltet und kehrte diesmal
nicht zu seinem Brief zurück.
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<p>
Der Herr ging geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich
folgte ihm. „Deswegen keine Feindschaft, reden kann
man doch.“ Erst nachdem auch er durchnäßt war, gelang es
ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen. Durch den leeren
Maschinenraum schrie der Premierleutnant: „Glas
Schnaps! Kaufe alles, Schnaps mit!“ Obwohl die Arbeiter
zur Feier seiner Hochzeit frei hatten, sah Diederich sich angstvoll
um; er öffnete den Verschlag, wo die Chlorsäcke lagen,
und beförderte mit verzweifeltem Schub den Herrn hinein.
Es stank furchtbar; der Herr nieste mehrmals, worauf er
sagte: „Karnauke mein Name, warum stinken Sie so?“
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<p>
„Haben Sie einen Hintermann?“ fragte Diederich. Der
Herr nahm auch das übel. „Was wollen Sie damit sagen?...
Ach so, kaufe, was Platz hat.“ Diederichs Blick folgend,
betrachtete er sein triefendes Sommermäntelchen.
„Momentane Verlegenheit“, schnarrte er. „Vermittle
Kavalieren. Ehrensache.“
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<p>
„Was bietet Ihr Auftraggeber?“
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<p>
„Hundertzwanzig die Kiste.“
</p>

<pb n='382'/><anchor id='Pgp0382'/>

<p>
Und wie Diederich sich entsetzte oder empörte: zweihunderttausend
sei sein Grundstück wert, der Premierleutnant
blieb dabei: „Hundertzwanzig die Kiste.“
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<p>
„Nicht zu machen“ – Diederich vollführte eine unvorsichtige
Bewegung nach dem Ausgang, worauf der Herr
ernstlich gegen ihn vorging. Diederich mußte ringen, fiel
auf einen Chlorsack und der Herr über ihn. „Stehen Sie
auf,“ keuchte Diederich, „hier werden wir gebleicht.“ Der
Premierleutnant heulte auf, als brennte es ihm schon
durch die Kleider, – und plötzlich hatte er seine stramme
Haltung zurück. Er zwinkerte. „Präsident von Wulckow
eklig hinterher, daß Sie verkaufen, sonst kein Geschäft mit
ihm zu machen. Vetter Quitzin arrondiert Besitz hier
herum. Rechnet bestimmt auf Ihr Entgegenkommen.
Hundertzwanzig die Kiste.“ Diederich, bleicher als wäre
er im Chlor liegengeblieben, versuchte noch: „Hundertfünfzig“,
– aber die Stimme versagte ihm. Das war mehr,
als man loyalerweise fassen konnte! Wulckow starrend von
Beamtenehre, unbestechlich wie das Jüngste Gericht!...
Mit einem trostlosen Blick überflog er nochmals die Gestalt
dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte
Wulckow, dem lieferte er sich aus! Hätte man nicht neulich,
unter vier Augen, mit aller gebotenen Vorsicht und gegenseitigen
Achtung das Geschäft verhandeln können? Aber
diese Junker konnten nur den Leuten an die Kehle springen;
auf Geschäfte verstanden sie sich noch immer nicht. „Gehen
Sie nur voran zum Notar,“ raunte Diederich, „ich komme
gleich.“ Er ließ ihn hinaus. Wie er aber selbst fort wollte,
stand da der alte Sötbier, noch immer mit den gekniffenen
Lippen. „Was wünschen Sie?“ Diederich war ermattet.
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<p>
„Junger Herr,“ begann der Alte hohl, „was Sie jetzt vorhaben,
dafür kann ich nicht mehr die Verantwortung tragen.“
</p>

<pb n='383'/><anchor id='Pgp0383'/>

<p>
„Wird nicht verlangt.“ Diederich gab sich Haltung. „Ich
weiß allein, was ich tue.“ Der Alte hob beschwörend die
Hände.
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<p>
„Sie wissen es nicht, junger Herr! Unsere Lebensarbeit
von Ihrem seligen Vater und mir, die verteidige ich! Daß
wir das Geschäft aufgebaut haben mit Fleiß und solider
Arbeit, dadurch sind Sie groß geworden. Und wenn Sie
mal teure Maschinen kaufen und mal die Aufträge ablehnen,
das ist ein Zickzackkurs, damit bringen Sie das
Geschäft herunter. Und jetzt verkaufen Sie das alte Haus!“
</p>

<p>
„Sie haben an der Tür gehorcht. Wenn etwas geschieht,
ohne daß Sie dabei sind, das vertragen Sie noch immer
nicht recht. Erkälten Sie sich hier nur nicht.“ Diederich
höhnte.
</p>

<p>
„Sie dürfen es nicht verkaufen!“ jammerte Sötbier.
„Ich kann nicht zusehen, wie der Sohn und Erbe meines
alten Herrn die solide Grundlage der Firma untergräbt
und treibt Großmannspolitik.“
</p>

<p>
Diederich maß ihn mitleidig. „Großzügigkeit war zu
Ihrer Zeit noch nicht erfunden, Sötbier. Heute wagt man
was. Betrieb ist die Hauptsache. Später werden Sie
sehen, wozu es gut war, daß ich das Haus verkaufe.“
</p>

<p>
„Ja, das werden Sie auch erst später sehen. Vielleicht
wenn Sie bankerott sind oder wenn Ihnen Ihr Schwager
Herr Kienast einen Prozeß anhängt. Sie haben gewisse
Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern
und Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches
sagen wollte –: bloß daß ich Pietät habe, sonst könnte ich
Sie ins Unglück bringen!“
</p>

<p>
Der Alte war außer sich. Er kreischte, Tränen der Wut
in den roten Lidern. Diederich trat nahe an ihn hin, er
hielt ihm die geballte Hand unter die Nase. „Das
ver<pb n='384'/><anchor id='Pgp0384'/>suchen Sie mal! Ich beweise glatt, daß Sie die Firma
bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich
habe keine Vorkehrungen getroffen?“
</p>

<p>
Auch der Alte erhob seine zitternde Faust. Sie schnaubten
sich an; Sötbier rollte blutige Augäpfel, Diederich
blitzte. Dann trat der Alte zurück. „Nein, so soll es nicht
kommen. Ich war immer ein treuer Diener meines alten
Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger
meine bewährte Kraft so lange als möglich zu erhalten.“
</p>

<p>
„Das könnte Ihnen passen“, sagte Diederich hart und
kalt. „Seien Sie froh, wenn ich Sie nicht direkt hinauswerfe.
Schreiben Sie nur gleich Ihr Entlassungsgesuch,
es ist schon bewilligt.“ Und er schritt von dannen.
</p>

<p>
Beim Notar verlangte er, daß in den Kaufvertrag als
Käufer „Unbekannt“ gesetzt werde. Karnauke feixte. „Unbekannt
ist gut. Wir kennen doch Herrn von Quitzin.“
Darauf lächelte auch der Notar. „Ich sehe,“ sagte er,
„Herr von Quitzin arrondiert sich. Bislang gehörte ihm
in der Meisestraße nur die kleine Kneipe zum Huhn. Aber
wegen der beiden Grundstücke hinter dem Ihren, Herr
Doktor, verhandelt er auch schon. Dann grenzt er an
den Stadtpark und hat Platz für riesige Anlagen.“
</p>

<p>
Diederich zitterte schon wieder. Leise bat er den Notar
um Diskretion, solange es gehe. Dann nahm er Abschied,
er habe keine Zeit zu verlieren. „Weiß ich“, sagte der
Premierleutnant und hielt ihn fest. „Freudentag. Frühstück
Hotel Reichshof. Bin gerüstet.“ Er öffnete das
grüne Mäntelchen und zeigte auf seinen zerknitterten
Gesellschaftsanzug. Diederich sah ihn entsetzt an, er versuchte
sich zu wehren; aber der Leutnant drohte wieder
mit seinen Zeugen.
</p>

<p>
Die Braut wartete schon längst, die beiden Mütter
<pb n='385'/><anchor id='Pgp0385'/>trockneten ihr die Tränen, unter dem anzüglichen Lächeln
der anwesenden Damen. Auch dieser Bräutigam ging
durch! Magda und Kienast waren empört; und zwischen
Schweinichenstraße und Meisestraße liefen Boten ...
Endlich! Diederich war da, wenn auch in seinem alten
Frack. Er gab nicht einmal Erklärungen. Am Standesamt
und in der Kirche wirkte er verstört. Allerseits bemerkte
man, auf einer so zustande gekommenen Verbindung
ruhe kein Segen. Auch Pastor Zillich erwähnte in
seiner Ansprache, daß der irdische Besitz etwas Vergängliches
sei. Man begriff seine Enttäuschung. Käthchen war
gar nicht erschienen.
</p>

<p>
Beim Hochzeitsfrühstück saß Diederich schweigend und
sichtlich noch anders beschäftigt. Selbst das Essen vergaß
er oft und stierte in die Luft. Einzig der Premierleutnant
Karnauke hatte die Gabe, seine Aufmerksamkeit zu wecken.
Freilich tat der Leutnant das Seine; schon nach der Suppe
brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit Anspielungen,
denen die Versammlung nach Maßgabe ihres
bisherigen Weingenusses noch nicht gewachsen war. Mehr
beunruhigt ward Diederich durch gewisse andere Wendungen
Karnaukes, die er mit Zwinkern nach seinem Platz
begleitete und die leider auch Kienast nachdenklich stimmten.
Der Zeitpunkt, den Diederich mit Herzklopfen voraussah,
trat ein: Kienast stand auf und bat ihn um ein
Wort unter vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant
heftig ans Glas, stramm schnellte er vom
Sitz. Der schon vorgeschrittene Lärm des Festes brach
jäh ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein
blaues Band hängen und darunter ein Kreuz, dessen
Rand golden funkelte ... Ah! und Tumult und Glückwünsche.
Diederich reichte beide Hände hin, eine
Selig<pb n='386'/><anchor id='Pgp0386'/>keit, kaum zu ertragen, flutete ihm vom Herzen in den
Hals, er redete von selbst und bevor er wußte was. „Seine
Majestät ... Unerhörte Gnade ... Bescheidene Verdienste,
nie wankende Treue ...“ Er dienerte, er legte,
wie Karnauke ihm das Kreuz überreichte, die Hand auf
das Herz, schloß die Augen und versank: so als stände vor
ihm ein anderer, der Geber selbst. Unter der Gnadensonne
fühlte Diederich, dies war die Rettung und der
Sieg. Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich
den Pakt! Der Kronenorden vierter Klasse blitzte, und
es ward Ereignis, das Denkmal Wilhelm des Großen
und Gausenfeld, Geschäft und Ruhm!
</p>

<p>
Der Aufbruch drängte. Kienast, immerhin bewegt und
eingeschüchtert, bekam einige Worte allgemeinen Inhalts
hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen er entgegengeführt
werden sollte, von großen Dingen, die man mit
ihm und der ganzen Familie vorhabe – und fort war
Diederich mit Guste.
</p>

<p>
Sie bestiegen die erste Klasse, er spendete drei Mark und
zog die Vorhänge zu. Sein von Glück beschwingter
Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste hätte so viel Temperament
nie erwartet. „Du bist doch nicht wie Lohengrin“,
bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die
Augen schloß, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern
stand er vor ihr, ordenbehangen, eisern und blitzend. „Bevor
wir zur Sache selbst schreiten,“ sagte er abgehackt, „gedenken
wir Seiner Majestät unseres allergnädigsten Kaisers.
Denn die Sache hat den höheren Zweck, daß wir Seiner
Majestät Ehre machen und tüchtige Soldaten liefern.“
</p>

<p>
„Oh!“ machte Guste, von dem Gefunkel auf seiner
Brust entrückt in höheren Glanz. „Bist – du – das –
Diederich?“
</p>

</div><div rend="page-break-before: always">
    <index index="toc" level1="VI"/>
    <index index="pdf" level1="VI"/>
<pb n='387'/><anchor id='Pgp0387'/>

<head>VI.</head>

<p>
Herr und Frau Doktor Heßling aus Netzig sahen einander
stumm an im Lift des Züricher Hotels, denn
man fuhr sie in den vierten Stock. Dies war das Ergebnis
des Blickes, den der Geschäftsführer schnell und schonend
über sie hingeführt hatte. Diederich füllte gehorsam
den Meldezettel aus; erst als der Oberkellner fort war,
äußerte er seine Entrüstung über den Betrieb hier und
über Zürich. Sie ward immer lauter und verdichtete sich
zu dem Vorsatz, an Baedeker zu schreiben. Da diese Vergeltung
indes zu wenig greifbar schien, machte er kehrt
gegen Guste: ihr Hut sei schuld. Guste wieder schob es
auf Diederichs Hohenzollernmantel. So stürzten sie denn
zum Lunch mit hochroten Köpfen. An der Tür machten
sie halt und schnauften unter den Blicken der Gäste, Diederich
im Smoking, Guste aber mit einem Hut, der Bänder,
Federn und Schnalle, alles auf einmal, hatte und der
unzweifelhaft in die Beletage gehörte. Ihr Bekannter,
der Oberkellner, führte sie im Triumph zu ihren Plätzen.
</p>

<p>
Mit Zürich und auch mit dem Hotel versöhnten sie sich
am Abend. Denn erstens war das Zimmer im vierten
Stock nicht ehrenvoll, aber billig; und dann hing gerade
gegenüber den Betten des Ehepaares eine fast lebensgroße
Odaliske, der bräunliche Leib hinschwellend auf
üppigem Polster, mit den Händen unter dem Kopf, feuchtes
Schmachten im schwarzen Spalt der Augen. In der
Mitte war sie von dem Rahmen zerschnitten, was dem
Ehepaar Anlaß zu Scherzen gab. Am nächsten Tage
gingen sie umher mit Blei in den Lidern, verschlangen
<pb n='388'/><anchor id='Pgp0388'/>riesige Mahlzeiten und fragten sich nur, was erst geschehen
wäre, wenn die Odaliske nicht in der Mitte zerschnitten,
sondern ganz gewesen wäre. Aus Müdigkeit versäumten
sie den Zug und kehrten am Abend, so früh wie möglich,
in ihr billiges und aufreibendes Zimmer zurück. Ein Ende
dieser Art zu leben war nicht absehbar; da las Diederich
mit seinen schweren Lidern in der Zeitung, daß der Kaiser
unterwegs nach Rom sei zum Besuch des Königs von
Italien. Ein Schlag, er war aufgewacht. Elastisch bewegte
er sich zum Portier, ins Bureau, an den Lift; und mochte
Guste jammern, daß ihr schwindlig werde, die Koffer
waren schon fertig, Diederich schleifte Guste schon hinaus.
„Muß es denn sein?“ klagte sie, „wo doch das Bett so gut
ist!“ Aber Diederich hinterließ nur noch einen höhnischen
Blick für die Odaliske. „Amüsieren Sie sich weiter gut,
meine Gnädigste!“
</p>

<p>
Vor Aufregung schlief er lange nicht. Guste schnarchte
friedlich an seiner Schulter, indes Diederich, durch die
Nacht sausend, bedachte, wie nun auf einer anderen Linie,
aber nicht weniger sausend, demselben Ziel der Kaiser
selbst entgegenfuhr. Der Kaiser und Diederich machten
ein Wettrennen! Und da Diederich schon mehrmals im
Leben hatte Gedanken äußern dürfen, die auf mystische
Art mit denen des Allerhöchsten Herrn zusammenzufallen
schienen, vielleicht wußte Seine Majestät zu dieser Stunde
um Diederich: wußte, daß sein treuer Untertan ihm zur
Seite über die Alpen zog, um den feigen Welschen mal
klarzumachen, was Kaisertreue heißt. Er blitzte die Schläfer
auf der anderen Bank an, kleine schwarze Leute,
deren Gesichter im Schlaf verfallen aussahen. Germanische
Reckenhaftigkeit sollten sie kennenlernen!
</p>

<p>
Früh in Mailand und mittags in Florenz stiegen
Rei<pb n='389'/><anchor id='Pgp0389'/>sende aus, was Diederich nicht begriff. Er versuchte, ohne
merklichen Erfolg, den Übriggebliebenen beizubringen,
welches Ereignis sie in Rom erwarte. Zwei Amerikaner
zeigten sich empfänglicher, worauf Diederich triumphierend:
„Na, Sie beneiden uns wohl auch um unseren
Kaiser!“ Da sahen die Amerikaner einander an, mit einer
stummen Frage, die ergebnislos blieb.
</p>

<p>
Vor Rom ging Diederichs Aufregung in wilden Tätigkeitsdrang
über. Den Finger in einem Sprachführer, lief
er dem Zugpersonal nach und suchte in Erfahrung zu
bringen, wer früher ankommen werde, sein Kaiser oder er.
Gustes Leidenschaft hatte sich an der des Gatten entzündet.
„Diedel!“ rief sie. „Ich bin imstande und werf’ ihm
meinen Reiseschleier auf den Weg, damit daß er darüber
geht, und die Rosen von meinem Hut schmeiß’ ich auch
hin!“ – „Wenn er dich aber sieht und du machst ihm Eindruck?“
fragte Diederich und lächelte fieberhaft. Gustes
Busen begann zu wogen, sie senkte die Lider. Diederich, der
keuchte, riß sich los aus der furchtbaren Spannung. „Meine
Mannesehre ist mir heilig, was ich hiermit feststelle. In
diesem Falle aber –“ Und er schloß mit einer knappen Geste.
</p>

<p>
Da kam man an – aber ganz anders, als die Gatten es
erträumt hatten. In größter Verwirrung wurden die
Reisenden von Beamten aus dem Bahnhof gedrängt, bis
an den Rand eines weiten Platzes und in die Straßen
dahinter, die sofort wieder abgesperrt wurden. Aber Diederich,
in entfesselter Begeisterung, durchbrach die Schranken.
Guste, die entsetzt die Arme reckte, ließ er mit allem
Handgepäck dastehen und stürzte drauflos. Schon war er
inmitten des Platzes; zwei Soldaten mit Federhüten
jagten ihm nach, daß ihre bunten Frackschöße flogen. Da
schritten die Bahnhofsrampe mehrere Herren herab, und
<pb n='390'/><anchor id='Pgp0390'/>alsbald fuhr ein Wagen auf Diederich zu. Diederich
schwenkte den Hut, er brüllte auf, daß die Herren im
Wagen ihr Gespräch unterbrachen. Der rechts neigte sich
vor – und sie sahen einander an, Diederich und sein
Kaiser. Der Kaiser lächelte kalt prüfend mit den Augenfalten,
und die Falten am Mund ließ er ein wenig herab.
Diederich lief ein Stück mit, die Augen weit aufgerissen,
immer schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden
lang waren sie, indes ringsum dahinten eine
fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der Mitte des
leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz
miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan.
</p>

<p>
Schon verschwand der Wagen drüben in der beflaggten
Straße, die Hochrufe schwollen schon ab in der Ferne, und
Diederich, der aufseufzte und die Augen schloß, setzte den
Hut wieder auf.
</p>

<p>
Guste winkte ihn krampfhaft herbei, und die Leute, die
noch umherstanden, klatschten ihm zu, mit Gesichtern voll
heiteren Wohlwollens. Auch die Soldaten, die vorhin ihn
verfolgt hatten, lachten nun. Einer von ihnen ging in
seiner Teilnahme so weit, daß er einen Kutscher herbeirief.
Wie er abfuhr, grüßte Diederich die Menge. „Sie
sind wie die Kinder“, erklärte er seiner Gattin. „Na, aber
auch entsprechend schlapp“, setzte er hinzu, und er gestand:
„In Berlin wäre das denn doch nicht gegangen ... Wenn
ich an den Krawall Unter den Linden denke, der Betrieb
war ’n bißchen schärfer.“ Und er setzte sich zurecht, um
am Hotel vorzufahren. Dank seiner Haltung bekamen
sie ein Zimmer im zweiten Stock.
</p>

<p>
Die erste Morgensonne aber sah Diederich schon wieder
in den Straßen. „Der Kaiser steht früh auf“, hatte er
Guste bedeutet, die nur aus den Kissen grunzte. Übrigens
<pb n='391'/><anchor id='Pgp0391'/>konnte er sie nicht brauchen bei seiner Aufgabe. Den
Finger auf dem Plan der Stadt, gelangte er bis vor den
Quirinal und stellte sich hin. Der stille Platz war hellgolden
von schrägen Strahlen, grell und wuchtig im leeren
Himmel stand der Palast – und gegenüber Diederich,
der Majestät gewärtig, auf vorgestreckter Brust den Kronenorden
vierter Klasse. Die Treppen herauf aus der
Stadt trippelte eine Ziegenherde und verschwand hinter
dem Brunnen und den riesigen Rossebändigern. Diederich
sah sich nicht um. Zwei Stunden vergingen, die Passanten
wurden häufiger, eine Schildwache war hinter
ihrem Haus hervorgekommen, in einem der beiden Portale
bewegte sich ein Portier, und mehrere Personen
gingen ein oder aus. Diederich ward unruhig. Er machte
sich näher an die Fassade heran, strich langsam vorbei, gespannt
ins Innere spähend. Bei seinem dritten Erscheinen
führte der Portier, ein wenig zögernd, die Hand an den
Hut. Als Diederich stehenblieb und zurückgrüßte, ward
er vertraulich. „Alles in Ordnung“, sagte er hinter der
Hand; und Diederich nahm die Meldung mit einer Miene
des Einverständnisses entgegen. Es schien ihm nur natürlich,
daß man ihn über das Wohlergehen seines Kaisers
unterrichtete. Seine Fragen, wann der Kaiser ausfahren
werde und wohin, wurden anstandslos beantwortet. Der
Portier verfiel von selbst darauf, daß Diederich, um den
Kaiser zu begleiten, einen Wagen brauchen werde, und
er schickte danach. Inzwischen hatte ein Häuflein Neugieriger
sich gebildet, und dann trat der Portier beiseite;
hinter einem Vorreiter, im offenen Wagen, erschien, unter
dem Blitzen seines Adlerhelms, der blonde Herr des Nordens.
Diederichs Hut flog schon, Diederich schrie, wie aus
der Pistole geschossen, auf italienisch: „Es lebe der
<pb n='392'/><anchor id='Pgp0392'/>Kaiser!“ Und gefällig schrie das Häuflein mit ... Diederich
aber, ein Sprung in den Einspänner, der bereitstand,
und los, hinterdrein, den Kutscher angefeuert mit
rauhem Schrei und geschwungenem Trinkgeld. Und sieh:
schon hielt er, dahinten nahte erst der Allerhöchste Wagen.
Als der Kaiser ausstieg, war wieder ein Häuflein da, und
wiederum schrie Diederich auf italienisch ... Wache gehalten
vor dem Haus, worin sein Kaiser weilte! Die Brust
heraus und angeblitzt, wer sich in die Nähe traute! Nach
zehn Minuten war das Häuflein neu vervollständigt, der
Wagen entrollte dem Tor, und Diederich: „Es lebe der
Kaiser!“ – und, im Echo des Häufleins, wildbrausend
zurück zum Quirinal. Wache. Der Kaiser im Tschako.
Das Häuflein. Ein neues Ziel, eine neue Rückkehr, eine
neue Uniform, und wieder Diederich, und wieder jubelnder
Empfang. So ging es weiter, und nie hatte Diederich
ein schöneres Leben gekannt. Sein Freund, der Portier,
unterrichtete ihn zuverlässig, wohin man fuhr. Auch kam
es vor, daß ein salutierender Beamter ihm eine Meldung
machte, die er herablassend entgegennahm, oder daß einer
Direktiven zu erbitten schien – und dann erteilte Diederich
sie in unbestimmter Form, aber gebieterisch. Die
Sonne stieg hoch und höher; vor den brennenden Marmorquadern
der Fassaden, hinter denen sein Kaiser
weltumspannende Unterredungen pflog, litt Diederich,
ohne zu wanken, Hitze und Durst. So stramm er sich hielt,
war es ihm doch, als sinke sein Bauch unter der Last des
Mittags bis auf das Pflaster herab und als schmelze ihm
auf der Brust sein Kronenorden vierter Klasse ... Der
Kutscher, der immer häufiger die nächste Kneipe betrat,
empfand endlich Bewunderung für das heldenhafte
Pflichtgefühl des Deutschen und brachte ihm Wein mit.
<pb n='393'/><anchor id='Pgp0393'/>Neues Feuer in den Adern, machten sich beide an das
nächste Rennen. Denn die kaiserlichen Renner liefen
scharf; um ihnen vorauszukommen, mußte man Gassen
durchjagen, die aussahen wie Kanäle und deren spärliche
Passanten sich schreckensvoll gegen die Mauer drückten;
oder es hieß aussteigen und Hals über Kopf eine Treppe
nehmen. Dann aber stand Diederich pünktlich an der
Spitze seines Häufleins, sah die siebente Uniform aussteigen
und schrie. Und dann wandte der Kaiser den Kopf
und lächelte. Er erkannte ihn wieder, seinen Untertan!
Den, der schrie, den, der immer schon da war, wie Swinegel.
Diederich, federnd vor Hochgefühl über die Allerhöchste
Aufmerksamkeit, blitzte das Volk an, in dessen
Mienen heiteres Wohlwollen stand.
</p>

<p>
Erst die Versicherung des Portiers, daß Seine Majestät
nun frühstücke, erlaubte es Diederich, sich Gustes zu erinnern.
„Wie siehst du aus!“ rief sie bei seinem Anblick
und zog sich gegen die Wand zurück. Denn er war rot
wie eine Tomate, völlig aufgeweicht, und sein Blick war
hell und wild wie der eines germanischen Kriegers der
Vorzeit auf einem Eroberungszuge durch Welschland.
„Dies ist ein großer Tag für die nationale Sache!“ versetzte
er mit Wucht. „Seine Majestät und ich, wir machen
moralische Eroberungen!“ Wie er dastand! Guste vergaß
ihren Schrecken und den Ärger über das lange Warten:
sie kam herbei mit liebevollen Armen, und demütig rankte
sie sich an ihm hinauf.
</p>

<p>
Aber kaum das Stündchen zum Essen gönnte Diederich
sich. Er wußte wohl, nach dem Mittagsmahl ruhte der
Kaiser; dann hieß es, unter seinen Fenstern Wache stehen
und nicht weichen. Er wich nicht; und der Erfolg zeigte,
wie recht er tat. Denn noch hielt er seinen Posten, dem
<pb n='394'/><anchor id='Pgp0394'/>Portal gegenüber, nicht achtzig Minuten lang besetzt, als
es geschah, daß ein verdächtig aussehendes Individuum
unter Benutzung einer kurzen Abwesenheit des Portiers
sich einschlich, sich hinter eine Säule drückte und im lauernden
Schatten Pläne barg, die nicht anders sein konnten
als unheilvoll. Da aber Diederich! Wie den Sturm und
mit Kriegsgeschrei sah man ihn über den Platz tosen. Aufgescheuchtes
Volk stürzte sofort hinterdrein, die Wache eilte
herbei, im Portal lief Dienerschaft zusammen – und alle
bewunderten Diederich, wie er einen, der sich versteckt
hatte, wild ringend hervorzerrte. Die beiden schlugen dermaßen
um sich, daß nicht einmal die bewaffnete Macht an
sie herankam. Plötzlich sah man Diederichs Gegner, dem
es gelungen war, den rechten Arm zu befreien, eine
Büchse schwingen. Atemlose Sekunden – dann tobte
die aufheulende Panik dem Ausgang zu. Eine Bombe!
Er wirft!... Er hatte schon geworfen. In der Erwartung
des Knalles lagen die nächsten, im voraus wimmernd,
am Boden. Diederich aber: weiß auf Gesicht, Schultern
und Brust stand er da und nieste. Es roch stark nach Pfefferminz.
Die Kühnsten kehrten um und untersuchten ihn
mit der Nase; ein Soldat unter wallenden Federn betupfte
ihn mit dem benetzten Finger und kostete. Diederich
verstand wohl, was er hierauf der Menge mitteilte
und weshalb sogleich in alle Gesichter das heitere Wohlwollen
zurückkehrte, denn seit einem Augenblick blieb ihm
selbst kein Zweifel mehr darüber, daß er mit Zahnpulver
beworfen war. Dessenungeachtet behielt er die Gefahr
im Auge, der der Kaiser, dank seiner Wachsamkeit, vielleicht
entronnen war. Der Attentäter suchte – ganz vergebens
– an ihm vorbei das Weite zu gewinnen: Diederichs
eiserne Faust überlieferte ihn den Polizeiwächtern.
<pb n='395'/><anchor id='Pgp0395'/>Diese stellten fest, daß es sich um einen Deutschen handelte,
und baten Diederich, ihn zu inquirieren. Er unterzog sich
der Aufgabe, trotz dem Zahnpulver, das ihn bedeckte, mit
höchster Korrektheit. Die Antworten des Menschen, der
bezeichnenderweise Künstler war, hatten keine ausgesprochen
politische Färbung, verrieten aber durch ihre abgrundtiefe
Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die
Tendenzen des Umsturzes, weshalb Diederich seine Verhaftung
dringend empfahl. Die Wächter führten ihn ab,
nicht ohne vor Diederich zu salutieren, der nur noch Zeit
hatte, sich von seinem Freunde, dem Portier, abbürsten
zu lassen. Denn schon war der Kaiser gemeldet; Diederichs
persönlicher Dienst begann wieder.
</p>

<p>
Sein Dienst führte ihn rastlos umher bis in die Nacht
und endlich vor das Gebäude der deutschen Botschaft, wo
Seine Majestät Empfang hielt. Ein längerer Aufenthalt
des Allerhöchsten Herrn gab Diederich Gelegenheit, beim
nächsten Wirt seine Stimmung zu erhöhen. Er erklomm
vor der Tür einen Stuhl und richtete an das Volk eine
Ansprache, die von nationalem Geiste getragen war und
der schlappen Bande die Vorzüge eines strammen Regiments
klarmachte und eines Kaisers, der kein Schattenkaiser
war ... Sie sahen ihn, rot überstrahlt vom Licht
der offenen Becken, die vor dem Palaste des Deutschen
Reiches loderten, auf seinem Stuhl den eckig behaarten
Mund aufreißen, sahen ihn blitzen und wie von Eisen
starren – was ihnen offenbar genügte, um ihn zu verstehen,
denn sie jubelten, klatschten und ließen den Kaiser
leben, sooft Diederich ihn leben ließ. Mit einem Ernst,
der nicht ohne Drohung war, nahm Diederich für seinen
Herrn und die furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen
des Auslandes entgegen, worauf er von dem
<pb n='396'/><anchor id='Pgp0396'/>Stuhl herabkletterte und wieder zum Wein ging. Mehrere
Landsleute, kaum weniger angeregt als er, tranken
ihm zu und kamen nach in heimischer Weise. Einer entfaltete
eine Abendzeitung mit einem riesigen Bild des
Kaisers und las den Bericht eines Zwischenfalles vor, den
im Portal des Quirinals ein Deutscher hervorgerufen
hatte. Nur durch die Geistesgegenwart eines Beamten
im persönlichen Dienst des Kaisers war Schlimmeres verhindert
worden; und auch das Bildnis dieses Beamten
war dabei. Diederich erkannte ihn wohl. Wenn die Ähnlichkeit
auch nur allgemeiner Natur und der Name arg
entstellt war, der Umfang des Gesichtes und der Schnurrbart
stimmten. So sah denn Diederich den Kaiser und
sich selbst auf dem gleichen Zeitungsblatt vereinigt, den
Kaiser samt seinem Untertan der Welt zur Bewunderung
dargeboten. Es war zu viel. Feuchten Auges richtete Diederich
sich auf und stimmte die Wacht am Rhein an. Der
Wein, der so billig war, und die Begeisterung, die immer
neu genährt ward, bewirkten, daß die Kunde, der Kaiser
verlasse die Botschaft, Diederich nicht mehr in korrekter
Haltung fand. Er tat gleichwohl alles, was er noch vermochte,
um seiner Pflicht zu genügen. Er schoß im Zickzack
das Kapitol hinab, stolperte und rollte über die Stufen
weiter. Drunten in der Gasse holten seine Zechgenossen
ihn ein, er stand mit dem Gesicht der Mauer zugekehrt
... Fackelschein und Hufschlag: der Kaiser! Die
anderen schwankten hinterdrein, Diederich aber, kein Komment
half ihm mehr, glitt hin, wo er stand. Zwei städtische
Wächter fanden ihn, an die Mauer gelehnt, in einer
Lache sitzen. Sie erkannten den Beamten im persönlichen
Dienst des Deutschen Kaisers, und voll tiefer Besorgnisse
beugten sie sich über ihn. Gleich darauf aber sahen sie
<pb n='397'/><anchor id='Pgp0397'/>einander an und brachen in ungeheure Fröhlichkeit aus.
Der persönliche Beamte war gottlob nicht tot, denn er
schnarchte; und die Lache, in der er saß, war kein Blut.
</p>

<p>
Am nächsten Abend, bei der Galavorstellung im Theater,
sah der Kaiser ungewöhnlich ernst aus. Diederich
bemerkte es, er sagte zu Guste: „Jetzt weiß ich doch, wozu
ich das viele Geld hab’ ausgegeben. Paß auf, wir erleben
einen historischen Moment!“ Und seine Ahnung betrog
ihn nicht. Die Abendblätter verbreiteten sich im Theater,
und man erfuhr, der Kaiser werde noch nachts abreisen,
und er habe seinen Reichstag aufgelöst! Diederich, ebenso
ernst wie der Kaiser, erklärte allen, die in der Nähe saßen,
die Schwere des Ereignisses. Der Umsturz hatte sich nicht
entblödet, die Militärvorlage abzulehnen! Die Nationalgesinnten
gingen für ihren Kaiser in einen Kampf auf
Leben und Tod! Er selbst werde mit dem nächsten Zuge
nach Hause fahren, versicherte er, worauf man ihm sofort
den Zug nannte ... Wer nicht zufrieden war, war Guste.
„Endlich ist man mal woanders, und, Gott sei Dank, hat
man es und kann sich was leisten. Wie komm’ ich dazu,
daß ich mich soll zwei Tage im Hotel mopsen und dann
gleich wieder retour, bloß wegen –.“ Der Blick, den sie
nach der kaiserlichen Loge schleuderte, war so voll von
Auflehnung, daß Diederich mit äußerster Strenge einschritt.
Guste ward ihrerseits laut; ringsum zischte man,
und als Diederich den Widersachern blitzend die Stirne
bot, sah er sich von ihnen veranlaßt, mit Guste aufzubrechen,
noch bevor ihr Zug ging. „Komment hat das
Pack nun mal nicht“, stellte er draußen fest und schnaufte
stark. „Überhaupt, was ist hier los, möcht’ ich mal wissen.
Schönes Wetter, na ja ... Na, nu sieh dir wenigstens
noch das alte Zeug an, das da ’rumsteht!“ heischte er.
<pb n='398'/><anchor id='Pgp0398'/>Guste, wieder gebändigt, sagte klagend: „Ich genieß’ es
ja.“ Und dann fuhren sie in gemessenem Abstand hinter
dem Zug des Kaisers her. Guste, die in der Eile ihre
Schwämme und Bürsten vergessen hatte, wollte immer
aussteigen. Damit sie sechsunddreißig Stunden Geduld
hatte, mußte Diederich ihr unermüdlich die nationale
Sache vorhalten. Trotzdem waren, als sie endlich in Netzig
Fuß faßte, ihre erste Sorge die Schwämme. Am Sonntag
hatte man ankommen müssen! Zum Glück war
wenigstens die Löwenapotheke offen. Indes Diederich vor
dem Bahnhof auf die Koffer wartete, ging Guste schon
hinüber. Da sie aber nicht zurückkam, folgte er ihr.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Die Tür der Apotheke stand halb offen, drei junge Burschen
spähten hinein und wälzten sich. Diederich, der über
sie wegsah, erstarrte vor Staunen – denn drinnen hinter
dem Ladentisch schritt, die Arme gekreuzt und mit düsterem
Blick, hin und her sein alter Freund und Kommilitone
Gottlieb Hornung. Guste sagte gerade: „Nun bin ich doch
gespannt, ob ich bald meine Zahnbürste kriege“, da kam
Gottlieb Hornung hinter dem Ladentisch hervor, die
Arme immer verschränkt und Guste in seinen düsterm
Blick fassend. „Sie werden meiner Miene angesehen
haben,“ begann er mit Rednerstimme, „daß ich weder in
der Lage noch gewillt bin, Ihnen eine Zahnbürste zu
verkaufen.“ – „Nanu!“ machte Guste und wich zurück.
„Aber Sie haben doch das ganze Glas hier voll.“ Gottlieb
Hornung lächelte wie Luzifer. „Der Onkel dort oben“
– er warf den Kopf zurück und zeigte mit dem Kinn nach
der Decke, hinter der wohl sein Prinzipal hauste – „der
kann hier feilbieten, was ihm beliebt. Ich fühle mich dadurch
nicht berührt. Ich habe nicht sechs Semester studiert
<pb n='399'/><anchor id='Pgp0399'/>und einer hochfeinen Korporation angehört, damit ich
mich jetzt hier hinstelle und Zahnbürsten verkaufe.“ –
„Wozu sind Sie denn da?“ fragte Guste, merklich eingeschüchtert.
Da versetzte Hornung, majestätisch rollend:
„Ich bin für die Rezeptur da!“ Und Guste fühlte wohl,
sie sei zurückgeschlagen; sie wandte sich zum Gehen. Eins
fiel ihr doch noch ein. „Mit den Schwämmen wäre es
wohl dasselbe?“ – „Ganz dasselbe“, bestätigte Hornung.
Hierauf hatte Guste offenbar gewartet, um sich ernstlich
zu entrüsten. Sie streckte den Busen vor und wollte loslegen;
Diederich hatte aber noch Zeit, dazwischenzutreten.
Er gab dem Freunde recht darin, daß die Würde der Neuteutonia
zu wahren und ihr Banner hochzuhalten sei.
Wenn jemand trotzdem einen Schwamm brauchte, konnte
er ihn sich am Ende selbst nehmen und den Betrag hinlegen
– was Diederich hiermit tat. Gottlieb Hornung
ging inzwischen beiseite und pfiff, als sei er allein. Sodann
bekundete Diederich seine Teilnahme an dem bisherigen
Ergehen des Freundes. Leider war viel Mißgeschick
dabei; denn da Hornung niemals Schwämme und
Zahnbürsten hatte verkaufen wollen, war er schon aus
fünf Apotheken entlassen worden. Dennoch war er entschlossen,
weiter für seine Überzeugung einzustehen, auf
die Gefahr, daß es ihn auch hier wieder seine Stellung
kostete. „Da sieh dir einen echten Neuteutonen an!“ sagte
Diederich zu Guste, und sie sah ihn sich an.
</p>

<p>
Diederich hielt seinerseits nicht länger zurück mit dem,
was er erlebt und erreicht hatte. Er machte auf seinen
Orden aufmerksam, drehte Guste vor Hornung rundherum
und nannte die Ziffer ihres Vermögens. Der Kaiser,
dessen Feinde und Beleidiger dank Diederich hinter Schloß
und Riegel saßen, war in Rom ganz kürzlich und
gleich<pb n='400'/><anchor id='Pgp0400'/>falls dank Diederich einer persönlichen Gefahr entronnen.
Die Zeitungen sprachen, um eine Panik an den Höfen und
an der Börse zu vermeiden, nur von dem Bubenstreich
eines Halbwahnsinnigen, „aber im Vertrauen gesagt, ich
habe Anlaß, zu glauben, daß ein weitverzweigtes Komplott
bestanden hat. Du wirst verstehen, Hornung, daß
das nationale Interesse die größte Zurückhaltung gebietet,
denn du bist sicher auch ein national gesinnter
Mann.“ Hornung war es natürlich, und so konnte Diederich
sich über die hochwichtige Aufgabe verbreiten, die
ihn genötigt hatte, von seiner Hochzeitsreise plötzlich
zurückzukehren. Es galt, in Netzig den nationalen Kandidaten
durchzubringen! Die Schwierigkeiten durfte man
sich nicht verhehlen. Netzig war eine Hochburg des Freisinns,
der Umsturz rüttelte an den Grundlagen.... Hier
begann Guste zu drohen, daß sie mit dem Gepäck nach
Hause fahren werde. Diederich konnte den Freund nur
noch dringend einladen, ihn gleich heute abend zu besuchen,
er habe dringend mit ihm zu reden. Wie er in den
Wagen stieg, sah er einen der Schlingel, die draußen gewartet
hatten, die Apotheke betreten und eine Zahnbürste
verlangen. Diederich bedachte, daß Gottlieb Hornung
eben vermöge seiner aristokratischen Richtung, die ihm
beim Verkauf von Schwämmen und Zahnbürsten so hinderlich
war, im Kampf gegen die Demokratie ein wertvoller
Bundesgenosse werden könne. Aber dies war die
geringste seiner schleunigen Sorgen. Der alten Frau
Heßling wurden nur schnell ein paar Tränen erlaubt,
dann mußte sie wieder in das obere Stockwerk hinauf,
wo früher nur das Dienstmädchen und die nasse Wäsche
untergebracht waren und wohin Diederich jetzt seine
Mutter und Emmi beseitigt hatte. Den Ruß von der
<pb n='401'/><anchor id='Pgp0401'/>Reise noch im Bart, begab er sich hintenherum zum Präsidenten
von Wulckow, ließ darauf, nicht weniger unauffällig,
Napoleon Fischer zu sich kommen und hatte inzwischen
schon Schritte getan, um ohne Verzug eine Zusammenkunft
mit Kunze, Kühnchen und Zillich zu bewirken.
</p>

<p>
Der Sonntagnachmittag erschwerte das Unternehmen;
der Major konnte nur mit Mühe seiner Kegelpartie entrissen
werden, den Pastor mußte man an einem Familienausflug
mit Käthchen und Assessor Jadassohn verhindern,
und der Professor befand sich in den Händen seiner beiden
Pensionäre, die ihn schon halb betrunken gemacht hatten.
Schließlich gelang es, alle im Lokal des Kriegervereins
zusammenzutreiben, und Diederich eröffnete ihnen ohne
weiteren Zeitverlust, daß ein nationaler Kandidat aufgestellt
werden müsse und daß nach Lage der Dinge nur
einer in Frage komme, nämlich Herr Major Kunze.
„Hurra!“ rief Kühnchen ohne weiteres, aber die Miene
des Majors zog sich noch gewitterhafter zusammen. Ob
man ihn denn für naiv halte, knirschte er hervor. Ob man
glaube, er lechze nach einer Blamage. „Ein nationaler
Kandidat in Netzig, was dem passiert, darauf bin ich nicht
neugierig. Wenn alles so gewiß wäre wie der nationale
Durchfall!“ Diederich ließ dies keineswegs gelten. „Wir
haben den Kriegerverein, den wollen die Herren in Rechnung
stellen. Der Kriegerverein ist eine unschätzbare
Operationsbasis. Von ihr aus schlagen wir uns in gerader
Linie durch, wenn ich so sagen darf, bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal,
und dort wird die Schlacht gewonnen.“
„Hurra!“ schrie Kühnchen wieder, die beiden anderen
aber wünschten doch zu wissen, was es mit dem Denkmal
sei, und Diederich weihte sie ein in seine Erfindung –
wobei er lieber darüber hinwegging, daß das Denkmal
<pb n='402'/><anchor id='Pgp0402'/>der Gegenstand eines Paktes zwischen ihm und Napoleon
Fischer sei. Das freisinnige Säuglingsheim, so viel verriet
er, war nicht populär, eine Menge Wähler ließen sich
zu der nationalen Sache herüberziehen, wenn man ihnen
aus dem Nachlaß des alten Kühlemann ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal
versprach. Erstens wurden dabei mehr
Handwerker beschäftigt, und dann kam Betrieb in die
Stadt, die Einweihung solch eines Denkmals zog weite
Kreise, Netzig hatte Aussicht, seinen schlechten Ruf als
demokratischer Sumpf zu verlieren und in die Gnadensonne
zu rücken. Dabei dachte Diederich an seinen Pakt
mit Wulckow, über den er auch lieber hinging. „Dem
Manne aber, der so unendlich viel für uns alle erreicht
und errungen hat“ – er zeigte schwungvoll auf Kunze –
„dem Manne wird unsere liebe alte Stadt ganz sicher auch
dereinst ein Denkmal setzen. Er und Kaiser Wilhelm der
Große werden einander anblicken –“ „Und die Zunge
zeigen“, schloß der Major, der bei seinem Unglauben verharrte.
„Wenn Sie meinen, die Netziger warten nur auf
den großen Mann, der sie mit klingendem Spiel in das
nationale Lager führt, warum spielen Sie dann nicht
selbst den großen Mann?“ Und er bohrte sich in Diederichs
Augen. Aber Diederich riß sie nur noch ehrlicher auf;
er legte die Hand auf das Herz. „Herr Major! Meine wohlbekannte
kaisertreue Gesinnung hat mir schon schwerere
Prüfungen auferlegt als eine Kandidatur für den Reichstag,
und die Prüfungen, das darf ich sagen, hab’ ich bestanden!
Dabei hab’ ich mich nicht gescheut, als Vorkämpfer
der guten Sache, allen Haß der Schlechtgesinnten
auf meine Person zu laden, und hab’ es mir dadurch unmöglich
gemacht, die Frucht meiner Opfer selbst einzustecken.
Mich würden die Netziger nicht wählen, meine Sache
<pb n='403'/><anchor id='Pgp0403'/>werden sie wählen, und darum trete ich zurück, denn sachlich
sein heißt deutsch sein, und lasse Ihnen, Herr Major, neidlos
die Ehren und die Freuden!“ Allgemeine Bewegung.
Kühnchens Bravo klang tränenfeucht, der Pastor nickte
weihevoll, und Kunze starrte, sichtlich erschüttert, unter den
Tisch. Diederich aber fühlte sich leicht und gut, er hatte sein
Herz sprechen lassen, und es hatte Treue, Opfersinn und
mannhaften Idealismus ausgedrückt. Diederichs blond
behaarte Hand streckte sich über den Tisch, und die braun
behaarte des Majors schlug zögernd, doch kräftig hinein.
</p>

<p>
Nach dem Herzen freilich ergriff bei allen vier Männern
wieder die Vernunft das Wort. Der Major erkundigte
sich, ob Diederich bereit sei, ihn zu entschädigen für die
ideellen und materiellen Verluste, von denen er bedroht
sei, falls er gegen den Kandidaten des freisinnigen Klüngels
in die Schranken trete und ihm unterliege. „Sehen
Sie wohl!“ – und er reckte den Finger gegen Diederich,
der angesichts dieser Geradlinigkeit nicht gleich Worte fand.
„So ganz koscher kommt Ihnen die nationale Sache auch
nicht vor, und daß Sie mich durchaus ’rankriegen wollen,
wie ich Sie kenne, Herr Doktor, hängt das mit irgendwelchen
Fisimatenten Ihrerseits zusammen, von denen
ich als gerader Soldat gottlob nichts verstehe.“ Hierauf
beeilte Diederich sich, dem geraden Soldaten einen Orden
zu versprechen, und da er sein Einverständnis mit Wulckow
durchblicken ließ, war der nationale Kandidat endlich rückhaltlos
gewonnen.... Inzwischen aber hatte Pastor
Zillich es sich überlegt, ob seine Stellung in der Stadt es
ihm erlaube, den Vorsitz des nationalen Wahlkomitees
zu übernehmen. Sollte er die Zwietracht in seine Gemeinde
tragen? Sein leiblicher Schwager Heuteufel war
der Kandidat der Liberalen! Freilich, wenn man statt
<pb n='404'/><anchor id='Pgp0404'/>des Denkmals eine Kirche gebaut hätte! „Denn wahrlich,
Gotteshäuser tun mehr denn je not, und meine liebe Kirche
von Sankt Marien wird von der Stadt so sehr vernachlässigt,
daß sie heute oder morgen mir und meinen Christen
auf den Kopf fallen kann.“ Ohne Säumen verbürgte
Diederich sich für alle gewünschten Reparaturen. Zur
Bedingung machte er nur, daß der Pastor von den Vertrauensstellungen
der neuen Partei alle diejenigen Elemente
fernhalte, die schon durch gewisse Äußerlichkeiten
berechtigte Zweifel an der Echtheit ihrer nationalen Gesinnung
erregten. „Ohne in Familienverhältnisse eingreifen
zu wollen“, setzte Diederich hinzu und sah Käthchens
Vater an, der offenbar begriffen hatte, denn er
muckte nicht.... Aber auch Kühnchen, der längst nicht
mehr hurra schrie, meldete sich. Die beiden anderen hatten
ihn, während sie selbst sprachen, nur mit Gewalt auf seinem
Sitz festgehalten; kaum daß sie ihn losließen, riß er stürmisch
die Debatte an sich. Wo mußte die nationale Gesinnung
vor allem wurzeln? In der Jugend? Wie aber
war das möglich, wenn der Rektor des Gymnasiums ein
Freund des Herrn Buck war. „Da kann ich mir die
Schwindsucht an den Hals reden von unseren glorreichen
Taten im Jahre siebzig...“ Genug, Kühnchen wollte
Rektor werden, und Diederich bewilligte es ihm großmütig.
</p>

<p>
Nachdem dermaßen die politische Haltung auf der gesunden
Grundlage der Interessen festgelegt war, konnte
man sich mit gutem Gewissen der Begeisterung hingeben,
die, wie Pastor Zillich erklärte, von Gott kam und auch der
besten Sache erst die höhere Weihe lieh, und so begab man
sich in den Ratskeller.
</p>

<p>
In aller Frühe, als die vier Herren heimgingen, klebten
an den Mauern zwischen den weißen Wahlaufrufen
Heu<pb n='405'/><anchor id='Pgp0405'/>teufels und den roten des Genossen Fischer die schwarzweißrot
geränderten Plakate, die Herrn Major Kunze
als Kandidaten der „Partei des Kaisers“ empfahlen. Diederich
pflanzte sich so fest, als es ihm möglich war, davor
auf und las mit schneidiger Tenorstimme. „Vaterlandslose
Gesellen des aufgelösten Reichstages haben es gewagt,
unserem herrlichen Kaiser die Machtmittel zu versagen,
deren er zur Größe des Reiches bedarf.... Wollen
uns des großen Monarchen würdig erweisen und seine
Feinde zerschmettern! Einziges Programm: Der Kaiser!
Die für mich und die wider mich: Umsturz und Partei
des Kaisers!“ Kühnchen, Zillich und Kunze bekräftigten
alles mit Geschrei; und da einige Arbeiter, die in die
Fabrik gingen, erstaunt stehenblieben, drehte Diederich
sich um und erläuterte ihnen das nationale Manifest.
„Leute!“ rief er. „Ihr wißt gar nicht, was ihr für ein
Schwein habt, daß ihr Deutsche seid. Denn um unseren
Kaiser beneidet uns die ganze Welt, habe mich soeben im
Ausland persönlich davon überzeugt.“ Hier schlug Kühnchen
mit der Faust auf dem Anschlagbrett einen Tusch,
und die vier Herren schrien hurra, indes die Arbeiter ihnen
zusahen. „Wollt ihr, daß euer Kaiser euch Kolonien
schenkt?“ fragte Diederich sie. „Na also. Dann schärft
ihm gefälligst das Schwert! Wählt keinen vaterlandslosen
Gesellen, das verbitte ich mir, sondern einzig den Kandidaten
des Kaisers, Herrn Major Kunze: sonst garantiere
ich euch keinen Augenblick für unsere Stellung in der
Welt, und es kann euch passieren, daß ihr mit zwanzig
Mark weniger Lohn alle vierzehn Tage nach Haus geht!“
Hier sahen die Arbeiter stumm einander an, und dann
setzten sie sich wieder in Bewegung.
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<p>
Aber auch die Herren verloren keine Zeit. Kunze selbst
<pb n='406'/><anchor id='Pgp0406'/>ging auf steifen Beinen an die Aufgabe, den Mitgliedern
des Kriegervereins den Standpunkt klarzumachen. „Wenn
die Kerls glauben,“ erklärte er, „sie können künftig noch
den freien Gewerkschaften angehören! Den Freisinn
treiben wir ihnen auch aus! Von heute ab greift ’ne
schärfere Tonart Platz!“ Pastor Zillich verhieß eine verwandte
Tätigkeit in den christlichen Vereinen, indes Kühnchen
zum voraus von der frischen Begeisterung seiner
Primaner schwärmte, die auf Fahrrädern die Stadt durcheilen
und Wähler herbeischleppen sollten. Das rastloseste
Pflichtgefühl aber beseelte doch Diederich. Er verschmähte
jede Ruhe; seiner Gattin, die im Bett lag und ihn mit
Vorwürfen empfing, erwiderte er blitzend: „Mein Kaiser
hat ans Schwert geschlagen, und wenn mein Kaiser ans
Schwert schlägt, dann gibt es keine ehelichen Pflichten
mehr. Verstanden?“ Worauf Guste sich schroff herumwarf
und das mit ihren hinteren Reizen ausgefüllte Federbett
wie einen Turm zwischen sich und den Ungefälligen
stellte. Diederich unterdrückte das Bedauern, das ihn
beschleichen wollte, und schrieb ungesäumt einen Warnruf
gegen das freisinnige Säuglingsheim. Die „Netziger Zeitung“
brachte ihn auch, obwohl sie vor zwei Tagen aus
der Feder des Herrn Doktors Heuteufel eine überaus
warme Empfehlung des Säuglingsheims gebracht hatte.
Denn, wie der Redakteur Nothgroschen hinzusetzte, das
Organ des gebildeten Bürgertums war es seinen Abonnenten
schuldig, an jede neu auftauchende Idee vor allem
den Prüfstein seines Kulturgewissens zu legen. Und dies
tat Diederich in geradezu vernichtender Weise. Für wen
war so ein Säuglingsheim naturgemäß in erster Linie
bestimmt? Für die unehelichen Kinder. Was begünstigte
es also? Das Laster. Hatten wir das nötig? Nicht die
<pb n='407'/><anchor id='Pgp0407'/>Spur; „denn wir sind Gott sei Dank nicht in der traurigen
Lage der Franzosen, die durch die Folgen ihrer demokratischen
Zuchtlosigkeit schon so gut wie auf den Aussterbeetat
gesetzt sind. Die mögen uneheliche Geburten
preiskrönen, weil sie sonst keine Soldaten mehr haben.
Wir aber sind nicht angefault, wir erfreuen uns eines
unerschöpflichen Nachwuchses! Wir sind das Salz der
Erde!“ Und Diederich rechnete den Abonnenten der
„Netziger Zeitung“ vor, bis wann sie und ihresgleichen
hundert Millionen betragen würden, und wie lange es
höchstens noch dauern könne, bis die Erde deutsch sei.
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<p>
Hiermit waren, nach der Meinung des nationalen Komitees,
die Vorbereitungen getroffen für die erste Wahlversammlung
der „Partei des Kaisers“. Sie sollte bei
Klappsch sein, der seinen Saal patriotisch aufgemacht
hatte. In Tannenkränzen glühten Transparente: „Der
Wille des Königs ist das höchste Gebot.“ „Es gibt für
euch nur einen Feind, und der ist mein Feind.“ „Die
Sozialdemokratie nehme ich auf mich.“ „Mein Kurs ist
der richtige.“ „Bürger, erwacht aus dem Schlummer!“
Für das Erwachen sorgten Klappsch und Fräulein
Klappsch, indem sie überall immer frisches Bier hinstellte,
ohne so peinlich wie sonst die Bierfilze aufzuhäufen. So
ward Kunze, als der Vorsitzende, Pastor Zillich, ihn der
Versammlung vorstellte, schon mit Stimmung aufgenommen.
Diederich freilich, hinter der Rauchwolke, in
der das Bureau saß, machte die unliebsame Bemerkung,
daß auch Heuteufel, Cohn und einige von ihrem Anhang
in den Saal gelangt waren. Er stellte Gottlieb Hornung
zur Rede, denn Hornung hatte die Aufsicht. Aber er
wollte sich nichts sagen lassen, er war gereizt, es hatte ihn
zu große Mühe gekostet, die Leute zusammenzutreiben.
<pb n='408'/><anchor id='Pgp0408'/>So viele Lieferanten wie das Kaiser-Wilhelm-Denkmal
dank seiner Agitation nun schon hatte, konnte die Stadt
nie bezahlen, und wenn der alte Kühlemann dreimal
starb! Geschwollene Hände hatte Hornung von den Begrüßungen
all der neubekehrten Patrioten! Zumutungen
hatten sie an ihn gestellt! Daß er sich mit einem Drogisten
assoziieren sollte, war noch das wenigste. Aber Gottlieb
Hornung protestierte gegen diesen demokratischen Mangel
an Distanz. Der Besitzer der Löwenapotheke hatte ihm
soeben gekündigt, und er war entschlossener als je, weder
Schwämme noch Zahnbürsten zu verkaufen.... Inzwischen
stammelte Kunze an seiner Kandidatenrede.
Denn seine finstere Miene täuschte Diederich nicht darüber,
daß der Major dessen, was er sagen wollte, durchaus
nicht sicher war und daß der Wahlkampf ihn befangener
machte, als der Ernstfall es getan haben würde. Er sagte:
„Meine Herren, das Heer ist die einzige Säule“, da
jedoch einer aus der Gegend Heuteufels dazwischenrief:
„Schon faul!“, verwirrte Kunze sich sogleich und setzte
hinzu: „Aber wer bezahlt es? Der Bürger.“ Worauf die
um Heuteufel Bravo riefen. Hierdurch in eine falsche
Richtung gedrängt, erklärte Kunze: „Darum sind wir alle
Säulen, das dürfen wir wohl verlangen, und wehe dem
Monarchen –“ „Sehr richtig!“ antworteten freisinnige
Stimmen, und die gutgläubigen Patrioten schrien mit.
Der Major wischte sich den Schweiß; ohne sein Zutun
nahm seine Rede einen Verlauf, als hielte er sie im liberalen
Verein. Diederich zog ihn von hinten am Rockschoß,
er beschwor ihn, Schluß zu machen, aber Kunze
versuchte es vergebens: den Übergang zur Wahlparole
der „Partei des Kaisers“ fand er nicht. Am Ende verlor
er die Geduld, ward jäh dunkelrot und stieß mit
unver<pb n='409'/><anchor id='Pgp0409'/>mittelter Wildheit hervor: „Ausrotten bis auf den letzten
Stumpf! Hurra!“ Der Kriegerverein donnerte Beifall.
Wo nicht mitgeschrien wurde, erschienen auf Diederichs
Wink eilends Klappsch oder Fräulein Klappsch.
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<p>
Zur Diskussion meldete sich alsbald Doktor Heuteufel,
aber Gottlieb Hornung kam ihm zuvor. Diederich für
seine Person blieb lieber im Hintergrund, hinter der Rauchwolke
des Präsidiums. Er hatte Hornung zehn Mark
versprochen, und Hornung war nicht in der Lage, sie
auszuschlagen. Knirschend trat er an den Rand der Bühne
und erläuterte die Rede des verehrten Herrn Majors
dahin, daß das Heer, für das wir alle zu jedem Opfer bereit
seien, unser Bollwerk gegen die Schlammflut der
Demokratie sei. „Die Demokratie ist die Weltanschauung
der Halbgebildeten“, stellte der Apotheker fest. „Die
Wissenschaft hat sie überwunden.“ „Sehr richtig!“ rief
jemand; es war der Drogist, der sich mit ihm assoziieren
wollte. „Herren und Knechte wird es immer geben!“
bestimmte Gottlieb Hornung, „denn in der Natur ist es
auch so. Und es ist daß einzig Wahre, denn jeder muß
über sich einen haben, vor dem er Angst hat, und einen
unter sich, der vor ihm Angst hat. Wohin kämen wir sonst!
Wenn der erste beste sich einbildet, er ist ganz für sich
selbst was und alle sind gleich! Wehe dem Volk, dessen
überkommene, ehrwürdige Formen sich erst in den demokratischen
Mischmasch auflösen, und wo der zersetzende
Standpunkt der Persönlichkeit das Übergewicht bekommt!“
Hier verschränkte Gottlieb Hornung die Arme und schob
den Nacken vor. „Ich,“ rief er, „der ich einer hochfeinen
Verbindung angehört habe und den freudigen Blutverlust
für die Ehre der Farben kenne, ich bedanke mich
dafür, daß ich Zahnbürsten verkaufen soll!“
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<pb n='410'/><anchor id='Pgp0410'/>

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„Und Schwämme auch nicht?“ fragte jemand.
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<p>
„Auch nicht!“ entschied Hornung. „Ich verbitte mir ganz
energisch, daß noch mal einer kommt. Man soll immer wissen,
wen man vor sich hat. Jedem das Seine. Und in diesem
Sinne geben wir unsere Stimme nur einem Kandidaten,
der dem Kaiser so viel Soldaten bewilligt, als er haben
will. Denn entweder haben wir einen Kaiser oder nicht!“
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<p>
Damit trat Gottlieb Hornung zurück und sah, den
Unterkiefer vorgeschoben, aus gefalteten Brauen in das
Beifallsgebrause. Der Kriegerverein ließ es sich nicht
nehmen, mit geschwungenen Biergläsern an ihm und
Kunze vorbeizudefilieren. Kunze nahm Händedrücke entgegen,
Hornung stand ehern da – und Diederich konnte
nicht umhin, mit Bitterkeit zu empfinden, daß diese beiden
zweitklassigen Persönlichkeiten den Vorteil hatten von
einer Gelegenheit, die sein Werk war. Er mußte ihnen
die Volksgunst des Augenblicks wohl lassen, denn er wußte
besser als die beiden Gimpel, wo dies hinauswollte. Da
der nationale Kandidat am Ende nur dazu da war, eine
Hilfstruppe für Napoleon Fischer anzuwerben, tat man
gut daran, sich nicht selbst hinauszustellen. Heuteufel
freilich legte es darauf an, Diederich hervorzulocken. Der
Vorsitzende, Pastor Zillich, konnte ihm das Wort nicht
länger verweigern, sofort begann er vom Säuglingsheim.
Das Säuglingsheim sei eine Sache des sozialen Gewissens
und der Humanität. Was aber sei das Kaiser-Wilhelm-Denkmal?
Eine Spekulation, und die Eitelkeit sei noch
der anständigste der Triebe, auf die spekuliert werde....
Die Lieferanten dort unten hörten zu in einer Stille voll
peinlicher Gefühle, denen hier und da ein dumpfes Murren
entstieg. Diederich bebte. „Es gibt Leute,“ behauptete
Heuteufel, „denen es auf hundert Millionen mehr für das
<pb n='411'/><anchor id='Pgp0411'/>Militär nicht ankommt, denn sie wissen schon, womit sie es
für ihre Person wieder hereinbringen.“ Da schnellte Diederich
auf: „Ich bitte ums Wort!“ und mit Bravo! Hoho!
Abtreten! explodierten die Gefühle der Lieferanten. Sie
grölten, bis Heuteufel fort war und Diederich dastand.
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<p>
Diederich wartete lange, bevor das Meer der nationalen
Empörung sich beruhigte. Dann begann er. „Meine
Herren!“ „Bravo!“ schrien die Lieferanten, und Diederich
mußte weiter warten in der Atmosphäre gleichgestimmter
Gemüter, worin das Atmen ihm leicht war. Als sie
ihn reden ließen, gab er der allgemeinen Empörung
Worte, daß der Vorredner es habe wagen können, die
Versammlung in ihrer nationalen Gesinnung zu verdächtigen.
„Unerhört!“ riefen die Lieferanten. „Das beweist
uns nur,“ rief Diederich, „wie zeitgemäß die Gründung
der ‚Partei des Kaisers‘ war! Der Kaiser selbst hat befohlen,
daß alle diejenigen sich zusammenschließen, die,
ob edel oder unfrei, ihn von der Pest des Umsturzes befreien
wollen. Das wollen wir, und darum steht unsere
nationale und kaisertreue Gesinnung hoch über den Verdächtigungen
derer, die selbst bloß eine Vorfrucht des Umsturzes
sind!“ Noch bevor der Beifall losbrechen konnte,
sagte Heuteufel sehr deutlich: „Abwarten! Stichwahl!“
Und obwohl die Lieferanten sogleich alles weitere im Getöse
ihrer Hände erstickten, fand Diederich doch schon in
diesen zwei Worten so gefährliche Andeutungen versteckt,
daß er schnell ablenkte. Das Säuglingsheim war ein
weniger verfängliches Gebiet. Wie? Eine Sache des
sozialen Gewissens sollte es sein? Ein Ausfluß des Lasters
war es! „Wir Deutschen überlassen so was den Franzosen,
die ein sterbendes Volk sind!“ Diederich brauchte
nur seinen Artikel aus der „Netziger Zeitung“ herzusagen.
<pb n='412'/><anchor id='Pgp0412'/>Der vom Pastor Zillich geleitete Jünglingsverein sowie
die christlichen Handlungsgehilfen klatschten bei jedem
Wort. „Der Germane ist keusch!“ rief Diederich, „darum
haben wir im Jahre siebzig gesiegt!“ Jetzt war die Reihe
am Kriegerverein, von Begeisterung zu dröhnen. Hinter
dem Tisch des Vorstandes sprang Kühnchen auf, schwenkte
seine Zigarre und kreischte: „Nu verklobben mer sie bald
noch emal!“ Diederich hob sich auf die Zehen. „Meine
Herren!“ schrie er angestrengt in die nationalen Wogen,
„das Kaiser-Wilhelm-Denkmal soll eine Huldigung für den
erhabenen Großvater sein, den wir, ich darf es sagen, alle
fast wie einen Heiligen verehren, und zugleich ein Versprechen
an den erhabenen Enkel, unseren herrlichen jungen
Kaiser, daß wir so bleiben wollen wie wir sind, nämlich
keusch, freiheitsliebend, wahrhaftig, treu und tapfer!“
</p>

<p>
Hier waren wieder die Lieferanten nicht mehr zu halten.
Selbstvergessen schwelgten sie im Idealen – und auch
Diederich war sich keiner weltlichen Hintergedanken mehr
bewußt, nicht seines Paktes mit Wulckow, nicht seiner Verschwörung
mit Napoleon Fischer, noch seiner dunkeln Absichten
für die Stichwahl. Reine Begeisterung entführte
seine Seele auf einen Flug, von dem ihr schwindelte. Erst
nach einer Weile konnte er wieder schreien. „Abzuweisen
und mit aller Schärfe hinter die ihnen gebührenden
Schranken zurückzudämmen sind daher die Anwürfe derer,
die weiter nichts wollen, als uns verweichlichen mit ihrer
falschen Humanität!“ – „Wo haben Sie Ihre echte
sitzen?“ fragte die Stimme Heuteufels und stachelte dadurch
die nationale Gesinnung der Versammelten so hoch
auf, daß Diederich nur noch stellenweise zu hören war.
Man verstand, er wollte keinen ewigen Frieden, denn
das war ein Traum und nicht einmal ein schöner.
Da<pb n='413'/><anchor id='Pgp0413'/>gegen wollte er eine spartanische Zucht der Rasse. Blödsinnige
und Sittlichkeitsverbrecher waren durch einen
chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung zu verhindern.
Bei diesem Punkt verließ Heuteufel mit den Seinen
das Lokal. Von der Tür rief er noch her: „Den Umsturz
kastrieren Sie auch!“ Diederich antwortete: „Machen
wir, wenn Sie noch lange nörgeln!“ „Machen wir!“
tönte es zurück von allen Seiten. Alle waren plötzlich
auf den Füßen, prosteten, jauchzten und vermischten ihre
Hochgefühle. Diederich, umbraust von Huldigungen,
wankend unter dem Ansturm treudeutscher Hände, die die
seinen schütteln wollten, und nationaler Biergläser, die
mit ihm anstießen, sah von seiner Bühne in den Saal
hinaus, der seinem durch Rausch getrübten Blick weiter
und höher schien. Aus den höchsten Tabakswolken glühten
ihn mystisch die Gebote seines Herrn an: „Der Wille des
Königs!“ „Mein Feind!“ „Mein Kurs!“ Er wollte sie
in das brausende Volk hineinschreien – aber er griff sich
an die Kehle, kein Ton kam mehr: Diederich war stockheiser.
Da sah er sich voll Sorge nach Heuteufel um, der
leider fort war. „Ich hätte ihn nicht so reizen sollen. Jetzt
gnade mir Gott, wenn er mich pinselt.“
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Die schlimmste Rache Heuteufels war, daß er Diederich
das Ausgehen verbot. Draußen tobte der Kampf täglich
wilder, und alle standen in der Zeitung, weil alle redeten:
Pastor Zillich sogar und selbst der Redakteur Nothgroschen,
zu schweigen von Kühnchen, der überall zugleich redete.
Nur Diederich in seinem neu altdeutsch möblierten Salon
gurgelte stumm. Von der Estrade beim Fenster sahen
drei Bronzefiguren in zweidrittel Lebensgröße ihm zu:
der Kaiser, die Kaiserin und der Trompeter von Säckingen.
<pb n='414'/><anchor id='Pgp0414'/>Sie waren ein Gelegenheitskauf bei Cohn gewesen;
obwohl Cohn das Heßlingsche Papier abbestellt hatte und
noch immer nicht national empfand, hatte Diederich sie
in seiner Einrichtung nicht missen wollen. Guste warf
sie ihm vor, wenn er ihren Hut zu teuer fand.
</p>

<p>
Guste begann in letzter Zeit launisch zu werden, auch
kamen ihr Übelkeiten, während deren sie sich im Schlafzimmer
von der alten Frau Heßling pflegen ließ. Sobald
es ihr besser ging, erinnerte sie die Alte daran, daß hier
eigentlich alles mit ihrem Geld bezahlt war. Frau Heßling
verfehlte nicht, die Heirat mit ihrem Diedel als eine
wahre Gnade hinzustellen für Guste, in ihrer damaligen
Lage. Zum Schluß war Guste rot aufgebläht und
schnaufte, Frau Heßling aber vergoß Tränen. Diederich
hatte den Nutzen davon, denn beide waren nachher mit
ihm die Liebe selbst, in der Absicht, ihn, der nichts ahnte,
auf ihre Seite zu bringen.
</p>

<p>
Was Emmi betraf, so schlug sie, ihrer Gewohnheit folgend,
einfach die Tür zu und ging hinauf in ihr Zimmer,
das eine schräge Decke hatte. Guste sann darauf, sie auch
daraus noch zu vertreiben. Wo sollte man bei Regen die
Wäsche trocknen. Wenn Emmi, weil sie nichts hatte,
keinen Mann fand, mußte man sie eben unter ihrem
Stande verheiraten, mit einem braven Handwerker!
Aber freilich, Emmi spielte sich auf die Feinste in der Familie
hinaus, sie verkehrte mit Brietzens.... Denn dies
erbitterte Guste am meisten, Emmi ward zu den Fräulein
von Brietzen eingeladen – obwohl diese das Haus
nie betreten hatten. Ihr Bruder, der Leutnant, würde
Guste, von den Soupers bei ihrer Mutter her, wenigstens
einen Besuch geschuldet haben, aber nur der zweite Stock
des Heßlingschen Hauses ward von ihm für würdig
be<pb n='415'/><anchor id='Pgp0415'/>funden, es war nachgerade auffallend.... Ihre gesellschaftlichen
Erfolge behüteten Emmi freilich nicht vor
Tagen großer Niedergeschlagenheit; dann verließ sie ihr
Zimmer nicht einmal zu den Mahlzeiten, die gemeinsam
waren. Einmal ging Guste, aus Mitgefühl und Langeweile,
hinauf zu ihr, Emmi schloß aber, wie sie sie sah, die
Augen, sie lag in ihrer hinfließenden Matinee bleich und
starr da. Guste, die keine Antwort bekam, versuchte es
ihrerseits mit Vertraulichkeiten über Diederich und über
ihren Zustand. Da zog Emmis starres Gesicht sich jäh
zusammen, sie wälzte sich auf einen ihrer Arme, und mit
dem anderen winkte sie heftig nach der Tür. Guste blieb
den Ausdruck ihrer Empörung nicht schuldig; Emmi, jäh
aufgesprungen, gab ihrem Wunsch, alleinzubleiben, die
deutlichsten Worte; und als die alte Frau Heßling hinzukam,
war es schon beschlossene Sache, daß die beiden
Teile der Familie künftig getrennt essen würden. Diederich,
dem Guste vorweinte, war peinlich berührt von
den Weibergeschichten. Zum Glück kam ihm ein Gedanke,
der geeignet schien, zunächst mal Ruhe zu schaffen. Da er
wieder über ein wenig Stimme verfügte, ging er gleich zu
Emmi und verkündete ihr seinen Entschluß, sie für einige
Zeit nach Eschweiler zu schicken, zu Magda. Erstaunlicherweise
lehnte sie ab. Da er nicht nachließ, wollte sie aufbegehren,
ward aber plötzlich wie von Angst befallen und
begann leise und inständig zu bitten, daß sie dableiben dürfe.
Diederich, dem, er wußte nicht was, ans Herz griff, ließ ratlos
die Augen umhergehen, und dann zog er sich zurück.
</p>

<p>
Am Tage darauf erschien Emmi, als sei nichts geschehen,
beim Mittagessen, frisch gerötet und in bester Laune.
Guste, die um so zurückhaltender blieb, warf Diederich
Blicke zu. Er glaubte zu verstehen; er erhob sein Glas
<pb n='416'/><anchor id='Pgp0416'/>gegen Emmi und sagte schalkhaft: „Prost, Frau von
Brietzen“. Da erblaßte Emmi. „Mach’ dich nicht lächerlich!“
rief sie zornig, warf die Serviette hin und schlug die
Tür zu. „Nanu“, knurrte Diederich; aber Guste hob nur
die Schultern. Erst als die alte Frau Heßling fort war,
sah sie Diederich merkwürdig in die Augen und fragte:
„Glaubst du wirklich?“ Er erschrak, machte aber ein fragendes
Gesicht. „Ich meine,“ erklärte Guste, „dann
könnte mich der Herr Leutnant wenigstens auf der Straße
grüßen. Aber heute hat er einen Bogen gemacht.“ Diederich
bezeichnete dies als Unsinn. Guste erwiderte:
„Wenn ich es mir bloß einbilde, dann bilde ich mir noch
mehr ein, weil ich nämlich in der Nacht schon öfter was
durchs Haus schleichen gehört habe, und heute sagte auch
Minna –.“ Weiter kam Guste nicht. „Aha!“ Diederich
schnob. „Mit den Dienstboten steckst du zusammen! Das
tat Mutter auch immer. Aber ich kann dir nur sagen,
daß ich das nicht dulde. Über der Ehre meines Hauses
wache ich allein, dazu brauche ich weder Minna noch dich,
und wenn ihr anderer Meinung seid, dann seht lieber
gleich beide zu, daß ihr die Tür wiederfindet, wo ihr hereingekommen
seid!“ Vor dieser mannhaften Haltung
konnte Guste sich freilich nur ducken, aber sie lächelte ihm
von unten nach, wie er davonging.
</p>

<p>
Diederich seinerseits war froh, durch sein festes Auftreten
die Sache aus der Welt geschafft zu haben. Denn noch
verwickelter, als es in diesen Zeiten schon war, durfte das
Leben nicht werden. Seine Heiserkeit, die ihn leider nun
drei Tage lang dem Kampfe fernhielt, war von den Feinden
nicht unbenutzt gelassen. Ja, Napoleon Fischer hatte
ihn noch heute morgen davon unterrichtet, daß die „Partei
des Kaisers“ ihm zu stark werde und daß sie neuerdings
<pb n='417'/><anchor id='Pgp0417'/>zu viel gegen die Sozialdemokratie hetze. Unter diesen
Umständen –. Um ihn zu beruhigen, hatte Diederich
ihm versprechen müssen, gleich heute werde er die übernommenen
Verpflichtungen erfüllen und von den Stadtverordneten
das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus
verlangen.... So begab er sich, durchaus noch nicht hergestellt,
in die Versammlung – und hier mußte er erleben,
daß der Antrag betreffend das Gewerkschaftshaus
soeben eingebracht worden war, und zwar von den Herren
Cohn und Genossen. Die Liberalen stimmten dafür, er
ging durch, so glatt, als sei er der erste beste. Diederich,
der den nationalen Verrat der Cohn und Genossen laut
geißeln wollte, konnte nur bellen: der tückische Streich
hatte ihn abermals der Stimme beraubt. Kaum heimgekehrt,
ließ er sich Napoleon Fischer kommen.
</p>

<p>
„Sie sind entlassen!“ bellte Diederich. Der Maschinenmeister
grinste verdächtig. „Schön“, sagte er und wollte
abziehen.
</p>

<p>
„Halt!“ bellte Diederich. „Wenn Sie meinen, Sie
kommen so leicht los. Gehen Sie mit dem Freisinn zusammen,
dann verlassen Sie sich darauf, daß ich unseren
Vertrag bekanntmache! Sie sollen was erleben!“
</p>

<p>
„Politik ist Politik“, bemerkte Napoleon Fischer achselzuckend.
Und da Diederich vor so viel Zynismus nicht
einmal mehr bellen konnte, trat Napoleon Fischer vertraulich
näher, fast hätte er Diederich auf die Schulter
geklopft. „Herr Doktor,“ sagte er wohlwollend, „tun Sie
doch nur nicht so. Wir beide: – na ja, ich sage bloß, wir
beide ...“ Und sein Grinsen war so voll Mahnungen, daß
Diederich erschauerte. Schnell bot er Napoleon Fischer
eine Zigarre an. Fischer rauchte und sagte:
</p>

<p>
„Wenn einer von uns beiden erst anfängt zu reden, wo
<pb n='418'/><anchor id='Pgp0418'/>hört dann der andere auf! Hab’ ich recht, Herr Doktor? Aber
wir sind doch keine alten Seichtbeutel, die immer gleich
mit allem herausmüssen, wie zum Beispiel der Herr Buck.“
</p>

<p>
„Wieso?“ fragte Diederich tonlos und fiel von einer
Angst in die andere. Der Maschinenmeister tat erstaunt.
„Das wissen Sie nicht? Der Herr Buck erzählt doch überall,
daß Sie den nationalen Rummel nicht so schlimm
meinen. Sie möchten bloß Gausenfeld billig haben, und
denken, Sie kriegen es billiger, wenn Klüsing Angst wegen
gewisser Aufträge hat, weil er nicht national ist.“
</p>

<p>
„Das sagt er?“ fragte Diederich, zu Stein geworden.
</p>

<p>
„Das sagt er“, wiederholte Fischer. „Und er sagt auch, er
tut Ihnen den Gefallen und spricht für Sie mit Klüsing.
Dann werden Sie sich wohl wieder beruhigen, sagt er.“
</p>

<p>
Da wich der Bann von Diederich. „Fischer!“ versetzte er
mit kurzem Gebell. „Merken Sie sich, was jetzt kommt. Den
alten Buck werden Sie noch im Rinnstein stehen und betteln
sehen. Jawohl! Dafür werd’ ich sorgen, Fischer. Adieu.“
</p>

<p>
Napoleon Fischer war hinaus, aber Diederich bellte
noch lange, im Zimmer umherstampfend, vor sich hin.
Der Schuft, der falsche Biedermann! Hinter allen Widerständen
stak der alte Buck, Diederich hatte es immer geahnt.
Der Antrag Cohn und Genossen war sein Werk
gewesen – und jetzt die infame Verleumdung mit Gausenfeld.
Diederichs ganzes Innere bäumte sich auf, in der
Unbestechlichkeit seiner kaisertreuen Gesinnung. „Und
woher weiß er es?“ dachte er mit zornigem Entsetzen.
„Hat Wulckow mich verkauft? Sie glauben wohl alle
schon, ich treibe doppeltes Spiel?“ Denn Kunze und die
anderen waren ihm heute merklich abgekühlt erschienen;
sie hielten es scheinbar nicht mehr für nötig, ihn einzuweihen
in das, was vorging? Diederich gehörte nicht dem
<pb n='419'/><anchor id='Pgp0419'/>Komitee an, er hatte der Sache das Opfer seines persönlichen
Ehrgeizes gebracht. War er darum vielleicht nicht
der eigentliche Gründer der Partei des Kaisers?...
Verrat überall, Intrigen, feindseliger Verdacht – und
nirgends schlichte deutsche Treue.
</p>

<p>
Da er nur bellen konnte, mußte er in der nächsten Wahlversammlung
hilflos zusehen, wie Zillich – es war klar,
aus welchem persönlichen Interesse – Jadassohn reden
ließ, und wie Jadassohn stürmischen Beifall erntete, als
er gegen die Elenden und die vaterlandslosen Gesellen
loszog, die Napoleon Fischer wählen würden. Diederich
bemitleidete dieses wenig staatsmännische Vorgehen, er
wußte sich Jadassohn hoch überlegen. Andererseits war
es nicht zu verkennen, daß Jadassohn, je weiter er sich
durch seinen Erfolg hinreißen ließ, desto lautere Zustimmung
bei gewissen Zuhörern fand, die keineswegs national
anmuteten, sondern sichtlich zu Cohn und Heuteufel
gehörten. Sie waren in verdächtiger Menge erschienen –
und Diederich, überreizt durch die Fallen ringsum, sah
am Ursprung auch dieses Manövers wieder den Erzfeind
stehen, ihn, der überall das Böse lenkte, den alten Buck.
</p>

<p>
Der alte Buck hatte blaue Augen, ein menschenfreundliches
Lächeln, und er war der falscheste Hund von allen,
die die Gutgesinnten umdrohten. Der Gedanke an den
alten Buck hielt Diederich noch im Traum besessen. Am
folgenden Abend unter der Familienlampe gab er den
Seinen keine Antworten; er führte eingebildete Streiche
gegen den alten Buck. Besonders erbitterte es ihn, daß
er den Alten für einen schon zahnlosen Schwätzer gehalten
hatte, und jetzt zeigte er die Zähne. Nach all seinen humanitären
Redensarten wirkte es auf Diederich wie eine
Herausforderung, daß er sich nun doch nicht einfach fressen
<pb n='420'/><anchor id='Pgp0420'/>ließ. Die heuchlerische Milde, mit der er getan hatte, als
verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes!
Wozu hatte er ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung
gebracht? Nur damit Diederich sich Blößen
gebe und leichter zu fassen sei. Die Frage des Alten damals,
ob Diederich der Stadt sein Grundstück verkaufen wolle,
stellte sich jetzt als die gefährlichste Falle heraus. Diederich
fühlte sich durchschaut von jeher; ihm war jetzt, als sei
bei seiner geheimen Unterredung mit dem Präsidenten
von Wulckow der alte Buck, unsichtbar im Tabaksqualm,
dabei gewesen; und als Diederich, in einer dunklen Winternacht
an Gausenfeld hinangeschlichen, sich in den Graben
geduckt und die Augen, die vielleicht funkelten, geschlossen
hatte, da war droben der alte Buck vorbeigegangen und
hatte zu ihm hinabgespäht ... Im Geiste sah Diederich
den Alten sich über ihn beugen und die weiße, weiche
Hand hinhalten, um ihm aus dem Graben zu helfen. Die
Güte in seinen Zügen war krasser Hohn, sie war das Unerträglichste.
Er dachte Diederich kirre zu machen und mit
seinen Schlichen leise zurückzuleiten wie einen verlorenen
Sohn. Aber man sollte sehen, wer schließlich die Treber fraß!
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„Was hast du, mein lieber Sohn?“ fragte Frau Heßling,
denn Diederich hatte vor Haß und Angst schwer aufgestöhnt.
Er erschrak; in diesem Augenblick betrat Emmi
das Zimmer, sie hatte es, so meinte Diederich, schon mehrmals
betreten – ging zum Fenster, streckte den Kopf hinaus,
seufzte, als sei sie allein, und begab sich auf den Rückweg.
Guste sah ihr nach; wie Emmi an Diederich vorbeikam,
umfaßte Gustes spöttischer Blick sie beide, und Diederich
erschrak noch tiefer: denn dies war das Lächeln des Umsturzes,
das er an Napoleon Fischer kannte. So lächelte
Guste. Vor Schrecken runzelte er die Stirn und rief
<pb n='421'/><anchor id='Pgp0421'/>barsch: „Was gibt es!“ Schleunigst verkroch sich Guste in
ihre Flickerei, Emmi aber blieb stehen und sah ihn mit den
entgeisterten Augen an, die sie jetzt manchmal hatte. „Was
ist mit dir?“ fragte er, und da sie stumm blieb: „Wen suchst
du auf der Straße?“ Sie hob nur die Schultern, in ihrer
Miene geschah gar nichts. „Nun?“ wiederholte er leiser;
denn ihr Blick, ihre Haltung, die merkwürdig unbeteiligt
und dadurch überlegen schienen, erschwerten es ihm, laut
zu sein. Sie ließ sich endlich herbei zu sprechen.
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„Es hätte sein können, daß die beiden Fräulein von
Brietzen noch gekommen wären.“
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„Am späten Abend?“ fragte Diederich. Da sagte Guste:
„Weil wir an die Ehre doch gewöhnt sind. Und überhaupt,
sie sind schon gestern mit ihrer Mama abgereist. Wenn sie
einem nicht adieu sagen, weil sie einen gar nicht kennen,
braucht man bloß an der Villa vorbeizugehen.“
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„Wie?“ machte Emmi.
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„Na gewiß doch!“ Und das Gesicht überglänzt, triumphierend
ließ Guste das Ganze los. „Der Leutnant reist
auch bald hinterher. Er ist doch versetzt.“ Eine Pause,
ein Blick. „Er hat sich versetzen lassen.“
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„Du lügst“, sagte Emmi. Sie hatte gewankt, man sah,
wie sie sich steif machte. Den Kopf sehr hoch, wandte sie
sich ab und ließ hinter sich den Vorhang fallen. Im Zimmer
war Stille. Die alte Frau Heßling auf ihrem Sofa
faltete die Hände, Guste sah herausfordernd Diederich
nach, der schnaufend umherlief. Als er wieder bei der
Tür war, gab er sich einen Ruck. Durch den Spalt erblickte
er Emmi, die im Eßzimmer auf einem Stuhl saß
oder hing, zusammengekrümmt, als habe man sie gebunden
und dort hingeworfen. Sie zuckte, dann kehrte sie
das Gesicht der Lampe zu; vorhin war es ganz weiß
ge<pb n='422'/><anchor id='Pgp0422'/>wesen und war jetzt stark gerötet, der Blick sah nichts – und
plötzlich sprang sie auf, fuhr los wie gebrannt, und mit
zornigen, unsicheren Schritten stürmte sie fort, sich anschlagend,
ohne Schmerz zu fühlen, fort, wie in Nebel
hinein, wie in Qualm ... Diederich drehte sich in steigender
Angst nach Frau und Mutter um. Da Guste zur
Respektlosigkeit geneigt schien, raffte er den gewohnten
Komment zusammen und stampfte stramm hinter Emmi her.
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Noch hatte er nicht die Treppe erreicht, und droben
ward schon heftig die Tür versperrt, mit Schlüssel und
Riegel. Da begann Diederichs Herz so stark zu klopfen,
daß er anhalten mußte. Als er hinaufgelangt war, blieb
ihm nur noch eine schwache, atemlose Stimme, um Einlaß
zu verlangen. Keine Antwort, aber er hörte etwas
klirren auf dem Waschtisch, – und plötzlich schwenkte er
die Arme, schrie, schlug gegen die Tür und schrie unförmlich.
Vor seinem eigenen Lärm hörte er nicht, wie sie
öffnete, und schrie noch, als sie schon vor ihm stand. „Was
willst du?“ fragte sie zornig, worauf Diederich sich sammelte.
Von der Treppe spähten mit fragendem Entsetzen
Frau Heßling und Guste hinauf. „Unten bleiben!“ befahl
er, und er drängte Emmi in das Zimmer zurück. Er schloß
die Tür. „Das brauchen die anderen nicht zu riechen“, sagte
er knapp, und er nahm aus der Waschschüssel einen kleinen
Schwamm, der von Chloroform troff. Er hielt ihn mit
gestrecktem Arm von sich fort und heischte: „Woher hast du
das?“ Sie warf den Kopf zurück und sah ihn an, sagte aber
nichts. Je länger dies dauerte, um so weniger wichtig fühlte
Diederich die Frage werden, die doch von Rechts wegen
die erste war. Schließlich ging er einfach zum Fenster und
warf den Schwamm in den dunklen Hof. Es platschte, er
war in den Bach gefallen. Diederich seufzte erleichtert.
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<pb n='423'/><anchor id='Pgp0423'/>

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Jetzt hatte Emmi eine Frage. „Was führst du hier eigentlich
auf? Laß mich gefälligst machen, was ich will!“
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Dies kam ihm unerwartet. „Ja, was – was willst
du denn?“
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Sie sah weg, sie sagte achselzuckend: „Dir kann es gleich
sein.“
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„Na, höre mal!“ Diederich empörte sich. „Wenn du
vor deinem himmlischen Richter dich nicht mehr genierst,
was ich persönlich durchaus mißbillige: ein bißchen Rücksicht
könntest du wohl auch auf uns hier nehmen. Man
ist nicht allein auf der Welt.“
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Ihre Gleichgültigkeit verletzte ihn ernstlich. „Einen
Skandal in meinem Hause verbitte ich mir! Ich bin der
erste, den es trifft.“
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Plötzlich sah sie ihn an. „Und ich?“
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Er schnappte. „Meine Ehre –!“ Aber er hörte gleich
wieder auf; ihre Miene, die er nie so ausdrucksvoll gekannt
hatte, klagte und höhnte zugleich. In seiner Verwirrung
ging er zur Tür. Hier fiel ihm ein, was das
Gegebene sei.
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„Im übrigen werde ich meinerseits als Bruder und
Ehrenmann natürlich voll und ganz meine Pflicht tun.
Ich darf erwarten, daß du dir inzwischen die äußerste
Zurückhaltung auferlegst.“ Mit einem Blick nach der
Waschschüssel, aus der noch immer der Geruch kam.
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„Dein Ehrenwort!“
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„Laß mich in Ruhe“, sagte Emmi. Da kehrte Diederich
zurück.
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„Du scheinst dir des Ernstes der Lage denn doch nicht
bewußt zu sein. Du hast, wenn das, was ich fürchten muß,
wahr ist –“
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„Es ist wahr“, sagte Emmi.
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<pb n='424'/><anchor id='Pgp0424'/>

<p>
„Dann hast du nicht nur deine eigene Existenz, zum
mindesten deine gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern
eine ganze Familie mit Schande bedeckt. Und wenn ich
nun im Namen von Pflicht und Ehre vor dich hintrete –“
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„Dann ist es auch noch so“, sagte Emmi.
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Er erschrak; er setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden
vor so viel Zynismus, aber in Emmis Gesicht stand zu
deutlich, was alles sie durchschaut und abgetan hinter
sich ließ. Vor der Überlegenheit ihrer Verzweiflung
kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es
wie künstliche Federn. Die Beine wurden ihm weich,
er setzte sich und brachte hervor: „So sag’ mir doch nur –.
Ich will dir auch –.“ Er sah an Emmis Erscheinung hin,
das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. „Ich will dir
helfen“, sagte er. Sie sagte müde: „Wie willst du das
wohl machen?“ und sie lehnte sich drüben an die Wand.
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Er sah vor sich nieder. „Du mußt mir freilich einige
Aufklärungen geben: ich meine, über gewisse Einzelheiten.
Ich vermute, daß es schon seit deinen Reitstunden
dauert?...“
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<p>
Sie ließ ihn weiter vermuten, sie bestätigte nicht, noch
widersprach sie – wie er aber zu ihr aufsah, hatte sie
weich geöffnete Lippen, und ihr Blick hing an ihm mit
Staunen. Er begriff, daß sie staunte, weil er vieles, das
sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach.
Ein unbekannter Stolz erfaßte sein Herz, er stand
auf und sagte vertraulich: „Verlaß dich auf mich. Gleich
morgen früh gehe ich hin.“
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Sie bewegte leise und angstvoll den Kopf.
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„Du kennst das nicht. Es ist aus.“
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<p>
Da machte er seine Stimme wohlgemut. „Ganz wehrlos
sind wir auch nicht! Ich möchte doch sehen!“
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<pb n='425'/><anchor id='Pgp0425'/>

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Zum Abschied gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals
zurück.
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„Du wirst ihn fordern?“ Sie riß die Augen auf und
hielt die Hand vor den Mund.
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„Wieso?“ machte Diederich, denn hieran hatte er nicht
mehr gedacht.
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„Schwöre mir, daß du ihn nicht forderst!“
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<p>
Er versprach es. Zugleich errötete er, denn er hätte
gern noch gewußt, für wen sie fürchtete, für ihn oder für
den anderen. Dem anderen würde er es nicht gegönnt
haben. Aber er unterdrückte die Frage, weil die Antwort
ihr peinlich sein konnte; und er verließ das Zimmer beinahe
auf den Fußspitzen.
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<p>
Die beiden Frauen, die noch immer drunten warteten,
schickte er streng zu Bett. Er selbst legte sich erst dann
neben Guste, als sie schon schlief. Er hatte zu bedenken,
wie er morgen auftreten würde. Natürlich imponieren!
Zweifel am Ausgang der Sache überhaupt nicht zulassen!
Aber anstatt seiner eigenen, schneidigen Gestalt erschien
vor Diederichs Geist immer wieder ein gedrungener Mann
mit blanken bekümmerten Augen, der bat, aufbrauste und
ganz zusammenbrach: Herr Göppel, Agnes Göppels Vater.
Jetzt verstand Diederich in banger Seele, wie damals dem
Vater zumute gewesen war. „Du kennst das nicht“,
meinte Emmi. Er kannte es – weil er es zugefügt hatte.
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„Gott bewahre!“ sagte er laut und wälzte sich herum.
„Ich lasse mich auf die Sache nicht ein. Emmi hat doch
nur geblufft mit dem Chloroform. Die Weiber sind raffiniert
genug dafür. Ich werf’ sie hinaus, wie es sich gehört!“
Da stand vor ihm auf regnerischer Straße Agnes
und starrte, das Gesicht weiß von Gaslicht, zu seinem
Fenster hinauf. Er deckte das Bettuch über seine Augen.
<pb n='426'/><anchor id='Pgp0426'/>„Ich kann sie nicht auf die Straße jagen!“ Es ward Morgen,
und er sah verwundert, was mit ihm geschehen war.
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<p>
„Ein Leutnant steht früh auf“, dachte er und entwischte,
bevor Guste wach wurde. Hinter dem Sachsentor die
Gärten zwitscherten und dufteten zum Frühlingshimmel.
Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch gewaschen aus
und als seien lauter Neuvermählte hineingezogen. „Wer
weiß,“ dachte Diederich und atmete die gute Luft ein,
„vielleicht ist es gar nicht schwer. Es gibt anständige
Menschen. Auch liegen die Dinge doch wesentlich günstiger
als –“ Er ließ den Gedanken lieber fallen. Dort
hinten hielt ein Wagen – vor welchem Haus denn? Also
doch. Das Gitter stand offen, auch die Tür. Der Bursche
kam ihm entgegen. „Lassen Sie nur,“ sagte Diederich,
„ich sehe den Herrn Leutnant schon.“ Denn im Zimmer
geradeaus packte Herr von Brietzen einen Koffer. „So
früh?“ fragte er, ließ den Deckel des Koffers fallen und
klemmte sich den Finger ein. „Verdammt.“ Diederich
dachte entmutigt: „Er ist auch beim Packen.“
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<p>
„Welchem Zufall verdanke ich denn –“ begann Herr
von Brietzen, aber Diederich machte, ohne es zu wollen,
eine Bewegung, des Sinnes, daß dies unnütz sei. Trotzdem
natürlich leugnete Herr von Brietzen. Er leugnete
sogar länger als damals Diederich, und Diederich erkannte
dies innerlich an, denn wenn es auf die Ehre eines Mädchens
ankam, hatte ein Leutnant immerhin noch um einige
Grade genauer zu sein als ein Neuteutone. Als man endlich
über die Lage der Dinge im reinen war, stellte Herr
von Brietzen sich dem Bruder sofort zur Verfügung, was
von ihm gewiß nicht anders zu erwarten war. Aber Diederich,
trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit heiterer
Stirn, er hoffe, eine Austragung mit den Waffen
er<pb n='427'/><anchor id='Pgp0427'/>übrige sich, wenn nämlich Herr von Brietzen –. Und
Herr von Brietzen machte eben das Gesicht, das Diederich
vorhergesehen hatte, und brauchte eben die Ausreden,
die in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die
Enge getrieben, sagte er den Satz, den Diederich vor allem
fürchtete und der, er sah es ein, nicht zu vermeiden war.
Ein Mädchen, das ihre Ehre nicht mehr hatte, machte man
nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich antwortete
darauf, was Herr Göppel geantwortet hatte, niedergeschlagen
wie Herr Göppel. Den rechten Zorn fand er erst,
als er an seine große Drohung gelangte, die Drohung,
von der er sich schon seit gestern den Erfolg versprach.
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<p>
„Angesichts Ihrer unritterlichen Weigerung, Herr
Leutnant, sehe ich mich leider veranlaßt, Ihren Oberst
von der Sache in Kenntnis zu setzen.“
</p>

<p>
Wirklich schien Herr von Brietzen peinlich getroffen.
Er fragte unsicher: „Was wollen Sie damit erreichen?
Daß ich eine Moralpredigt kriege? Na schön. Im übrigen
aber –“ Herr von Brietzen festigte sich wieder, „was Ritterlichkeit
ist, darüber denkt der Oberst denn doch wohl
etwas anders als ein Herr, der sich nicht schlägt.“
</p>

<p>
Da aber stieg Diederich. Herr von Brietzen möge gefälligst
seine Zunge hüten, sonst könne es ihm passieren,
daß er es mit der Neuteutonia zu tun bekomme! Ihm,
Diederich, sei der freudige Blutverlust für die Ehre der
Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem
Herrn Leutnant wünschen, daß er einmal in den Fall
komme, einen Grafen von Tauern-Bärenheim zu fordern!
„Ich hab’ ihn glatt gefordert!“ Und im selben
Atem behauptete er, daß er so einem frechen Junker noch
lange nicht das Recht einräume, einen bürgerlichen Mann
und Familienvater nur so abzuschießen. „Die Schwester
<pb n='428'/><anchor id='Pgp0428'/>verführen und den Bruder abschießen, das möchten Sie
wohl!“ rief er, außer sich. Herr von Brietzen, in einem ähnlichen
Zustand wie Diederich, sprach davon, dem Koofmich
von seinem Burschen die Fresse einschlagen zu lassen; und
da der Bursche schon bereitstand, räumte Diederich das Feld,
aber nicht ohne einen letzten Schuß. „Wenn Sie meinen,
für Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch noch die
Militärvorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!“
</p>

<p>
Draußen in der einsamen Allee wütete er weiter, zeigte
dem unsichtbaren Feinde die Faust und stieß Drohungen
aus. „Das kann euch schlecht bekommen! Wenn wir
mal Schluß machen!“ Plötzlich bemerkte er, daß die
Gärten noch immer zum Frühlingshimmel zwitscherten
und dufteten, und es ward ihm klar, selbst die Natur,
mochte sie schmeicheln oder die Zähne zeigen, war ohne
Einfluß auf die Macht, die Macht über uns, die ganz unerschütterlich
ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen;
aber das Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld?
Wer treten wollte, mußte sich treten lassen, das
war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach seinem
Anfall von Auflehnung, fühlte schon wieder den heimlichen
Schauer dessen, den sie tritt ... Ein Wagen kam
von dort hinten: Herr von Brietzen mit seinem Koffer.
Diederich, ehe er es bedachte, machte halb Front, bereit
zu grüßen. Aber Herr von Brietzen sah weg. Diederich
freute sich, trotz allem, des frischen und ritterlichen jungen
Offiziers. „Den macht uns niemand nach“, stellte er fest.
</p>

<p>
Freilich, nun er die Meisestraße betrat, ward ihm beklommen.
Von weitem sah er Emmi nach ihm ausspähen.
Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der vergangenen
Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht
haben mußte. Arme Emmi, nun war es entschieden.
<pb n='429'/><anchor id='Pgp0429'/>Die Macht war wohl erhebend, aber wenn es die eigene
Schwester traf –. „Ich habe nicht gewußt, daß es mir so
nahegehen würde.“ Er nickte hinauf, so ermunternd wie
möglich. Sie war viel schmaler geworden, warum sah
das niemand? Unter ihrem blaß flimmernden Haar hatte
sie große schlaflose Augen, ihre Lippe zitterte, als er ihr
zuwinkte; auch das fing er auf in seiner scharfsichtigen
Angst. Die Treppe hinauf schlich er fast. Im ersten Stock
kam sie aus dem Zimmer und ging vor ihm her in den
zweiten. Oben drehte sie sich um – und als sie sein Gesicht
gesehen hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging
bis zum Fenster und blieb abgewendet stehen. Er raffte
sich zusammen, er sagte laut: „Oh! noch ist nichts verloren.“
Darauf erschrak er und schloß die Augen. Da er
aufstöhnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und
legte, um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter.
</p>

<p>
Nachher hatte er einen Auftritt mit Guste, die hetzen
wollte. Diederich sagte ihr auf den Kopf zu, daß sie
Emmis Unglück nur mißbrauche, um sich zu rächen für
die ihr nicht gerade günstigen Umstände, unter denen sie
selbst geheiratet worden war. „Emmi läuft wenigstens
keinem nach.“ Guste kreischte auf. „Bin ich dir vielleicht
nachgelaufen?“ Er schnitt ab. „Überhaupt ist sie meine
Schwester!“ ... Und da sie nun unter seinem Schutz
lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine
ungewöhnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen küßte
er ihr die Hand, mochte Guste grinsen. Er verglich die
beiden; wieviel gemeiner war Guste! Magda selbst, die er
bevorzugt hatte, weil sie Erfolg gehabt hatte, kam in seiner
Erinnerung nicht mehr auf gegen die verlassene Emmi.
Denn Emmi war durch ihr Unglück feiner und gewissermaßen
ungreifbarer geworden. Wenn ihre Hand so bleich
<pb n='430'/><anchor id='Pgp0430'/>und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war
wie in einen unbekannten Abgrund, fühlte Diederich sich
berührt von der Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft
als Gefallene, unheimlich und verächtlich bei jeder
anderen, um Emmi, Diederichs Schwester, legte sie eine
Luft von seltsamem Schimmer und fragwürdiger Anziehung.
Glänzender zugleich und rührender war nun Emmi.
</p>

<p>
Der Leutnant, der das alles veranlaßt hatte, verlor erheblich
gegen sie – und mit ihm die Macht, in deren Namen
er triumphiert hatte. Diederich erfuhr, daß sie manchmal
einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten könne:
die Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg,
Ehre, Gesinnung. Er sah Emmi an und mußte zweifeln
an dem Wert dessen, was er erreicht hatte oder noch erstrebte:
Gustes und ihres Geldes, des Denkmals, der
hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und
Ämter. Er sah Emmi an und dachte auch an Agnes.
Agnes, die Weichheit und Liebe in ihm gepflegt hatte, sie
war in seinem Leben das Wahre gewesen, er hätte es
festhalten sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er saß manchmal
da, den Kopf in den Händen. Was hatte er nun?
Was hatte man vom Dienst der Macht? Wieder einmal versagte
alles, alle verrieten ihn, mißbrauchten seine reinsten
Absichten, und der alte Buck beherrschte die Lage. Agnes,
die nichts vermochte als leiden, es beschlich ihn, als ob sie
gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin und erkundigte sich
nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich gesund. Das
erleichterte ihn, aber irgendwie enttäuschte es ihn auch.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Aber während er, den Kopf in den Händen, dasaß, kam
der Wahltag herbei. Erfüllt von der Eitelkeit der Dinge,
hatte Diederich von allem, was vorging, nichts mehr sehen
<pb n='431'/><anchor id='Pgp0431'/>wollen, auch nicht, daß die Miene seines Maschinenmeisters
immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl, frühmorgens,
als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon
Fischer bei ihm ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen,
begann er: „Ein ernstes Wort in letzter Stunde,
Herr Doktor!“ Diesmal war er es, der Verrat witterte
und sich auf den Pakt berief. „Ihre Politik, Herr Doktor,
hat ein doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen
gemacht, und loyal, wie wir sind, haben wir gegen Sie
nicht agitiert, sondern bloß gegen den Freisinn.“
</p>

<p>
„Wir auch“, behauptete Diederich.
</p>

<p>
„Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel
angebiedert. Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt.
Wenn Sie nicht gleich heute mit fliegenden Fahnen
zu ihm übergehen, dann tun Sie es sicher bei der Stichwahl
und treiben schnöden Volksverrat.“
</p>

<p>
Napoleon Fischer tat, die Arme verschränkt, noch einen
langen Schritt auf das Bett zu. „Sie sollen bloß wissen,
Herr Doktor, daß wir die Augen offen halten.“
</p>

<p>
Diederich sah sich in seinem Bett hilflos dem politischen
Gegner ausgeliefert. Er suchte ihn zu besänftigen.
„Ich weiß, Fischer, Sie sind ein großer Politiker. Sie
sollten in den Reichstag kommen.“
</p>

<p>
„Stimmt.“ Napoleon blinzte von unten. „Denn wenn
ich nicht hineinkomme, dann geht in Netzig in mehreren
Betrieben ein Streik los. Einen von den Betrieben kennen
Sie ziemlich genau, Herr Doktor.“ Er machte kehrt. Von
der Tür her faßte er Diederich, der vor Schreck ganz in die
Federn gerutscht war, nochmals ins Auge. „Und darum hoch
die internationale Sozialdemokratie!“ rief er und ging ab.
</p>

<p>
Diederich rief aus seinen Federn: „Seine Majestät,
der Kaiser hurra!“ Dann aber blieb nichts übrig, als
<pb n='432'/><anchor id='Pgp0432'/>der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah drohend genug
aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Straße, in
den Kriegerverein, zu Klappsch, und überall mußte er
erkennen, daß in den Tagen seiner Mutlosigkeit die tückische
Taktik des alten Buck weitere Erfolge zu verzeichnen
gehabt hatte. Die Partei des Kaisers war verwässert
durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der Abstand
Kunzes von Heuteufel unbeträchtlich gegen die Kluft
zwischen ihm und Napoleon Fischer. Pastor Zillich, der
mit seinem Schwager Heuteufel einen verschämten Gruß
austauschte, erklärte, daß die Partei des Kaisers mit ihrem
Erfolg zufrieden sein dürfe, denn sicher habe sie dem Kandidaten
des Freisinns, wenn er schließlich siege, das
nationale Gewissen gestärkt. Da Professor Kühnchen sich
ähnlich äußerte, war der Verdacht nicht von der Hand zu
weisen, daß ihnen die von Diederich und Wulckow erpreßten
Versprechungen noch nicht genügten, und daß
sie sich durch weitere persönliche Vorteile vom alten Buck
hatten gewinnen lassen. Der Korruption des demokratischen
Klüngels war alles zuzutrauen! Was Kunze
betraf, so wollte er auf jeden Fall selbst gewählt werden,
notfalls mit Hilfe der Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz
korrumpiert, er hatte ihn schon dahin gebracht, zu
versprechen, daß er für das Säuglingsheim eintreten
werde! Diederich entrüstete sich; Heuteufel sei hundertmal
schlimmer als irgendein Prolet; und er spielte auf
die düsteren Folgen an, die eine so unpatriotische Haltung
haben müsse. Leider durfte er nicht deutlicher werden –
und vor sich das Bild des Streiks, im Herzen schon die
Trümmer des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Gausenfelds,
aller seiner Träume, lief er im Regen umher zwischen den
Wahllokalen und schleppte gutgesinnte Wähler herbei,
<pb n='433'/><anchor id='Pgp0433'/>im vollen Bewußtsein, daß ihre Kaisertreue den Weg
verfehlte und den schlimmsten Feinden des Kaisers helfe.
Abends bei Klappsch, kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig
entrückt durch den Lärm des langen Tages, durch das
viele Bier und das Nahen der Entscheidung, vernahm er
das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen für Heuteufel,
sechstausend und einige für Napoleon Fischer, Kunze aber
hatte dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl
zwischen Heuteufel und Fischer. „Hurra!“ schrie Diederich,
denn nichts war verloren und Zeit war gewonnen.
</p>

<p>
Mit starkem Schritt ging er von dannen, den Schwur
im Herzen, daß er fortan das Äußerste tun werde, um die
nationale Sache noch zu retten. Es eilte, denn Pastor
Zillich hätte am liebsten sofort alle Mauern mit Zetteln
bedeckt, die den Anhängern der Partei des Kaisers empfahlen,
in der Stichwahl für Heuteufel zu stimmen. Kunze
freilich gab sich der eitlen Hoffnung hin, Heuteufel werde
ihm zu Gefallen zurücktreten. Welche Verblendung!
Gleich am Morgen las man die weißen Zettel, auf denen
der Freisinn heuchlerisch erklärte, national sei auch er,
die nationale Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit,
und darum –. Der Trick des alten Buck enthüllte
sich vollends; wenn nicht die ganze Partei des Kaisers
in den Schoß des Freisinns zurückkehren sollte, hieß es
handeln. Mächtig von Energie gespannt, traf Diederich
von seinen Erkundigungen heimkehrend, im Hausflur
auf Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht hatte und
sich bewegte, als sei alles gleich. „Danke,“ dachte er, „es
ist durchaus nicht gleich. Wohin kämen wir.“ Und er
grüßte Emmi verstohlen und mit einer Art von Scheu.
</p>

<p>
Er zog sich in sein Bureau zurück, aus dem der alte Sötbier
verschwunden war und wo nun Diederich, sein eigener
<pb n='434'/><anchor id='Pgp0434'/>Prokurist und nur seinem Gott verantwortlich, seine folgenschweren
Entschlüsse faßte. Er trat zum Telephon, er
verlangte Gausenfeld. Da ging die Tür auf, der Briefträger
legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf:
Gausenfeld. Er hängte wieder ein, er betrachtete,
nickend wie das Schicksal, den Brief. Schon gemacht.
Der Alte hatte ohne Worte begriffen, daß er seinen Freunden
Buck und Konsorten kein Geld mehr geben dürfe,
und daß man nötigenfalls imstande sei, ihn persönlich
verantwortlich zu machen. Gelassen zerriß Diederich den
Umschlag – aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was
für eine Überraschung! Klüsing wollte verkaufen! Er
war alt, er sah seinen natürlichen Nachfolger in Diederich!
</p>

<p>
Was hieß dies? Diederich setzte sich in die Ecke und
dachte tief. Es hieß vor allem, daß Wulckow schon eingegriffen
hatte. Der Alte war in blasser Angst wegen
der Regierungsaufträge, und der Streik, mit dem Napoleon
Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die
Zeit, als er sich aus der Klemme zu ziehen glaubte, wenn
er Diederich einen Teil des Papiers für die „Netziger Zeitung“
anbot. Jetzt bot er ihm ganz Gausenfeld an! „Man
ist eine Macht“, stellte Diederich fest – und es ging ihm
auf, daß Klüsings Zumutung, die Fabrik zu kaufen und
richtig nach ihrem Wert zu bezahlen, wie die Dinge lagen,
einfach lächerlich sei. Worauf er wirklich laut lachte ...
Da nahm er wahr, daß am Schlusse des Briefes, nach der
Unterschrift, noch etwas stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben
als das übrige und so unscheinbar, daß Diederich
ihn vorhin übersehen hatte. Er entzifferte – und der
Mund ging ihm von selbst auf. Plötzlich tat er einen
Sprung. „Na also!“ rief er frohlockend durch sein einsames
Bureau. „Da haben wir sie!“ Hierauf bemerkte
<pb n='435'/><anchor id='Pgp0435'/>er tiefernst: „Es ist schauerlich. Ein Abgrund.“ Er las
noch einmal, Wort für Wort, den verhängnisvollen Zusatz,
legte den Brief in den Geldschrank und schloß mit
hartem Griff. Dort innen schlummerte nun das Gift für
Buck und die Seinen – geliefert von ihrem Freund.
Nicht nur, daß Klüsing sie nicht mehr mit Geld versah,
er verriet sie auch. Aber sie hatten es verdient, das konnte
man sagen; eine solche Verderbnis hatte wahrscheinlich
selbst Klüsing angeekelt. Wer da noch Schonung übte,
machte sich mitschuldig. Diederich prüfte sich. „Schonung
wäre geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe!
Hier heißt es rücksichtslos vorgehen. Dem Geschwür die
Maske herunterreißen und es mit eisernem Besen auskehren!
Ich übernehme es im Interesse des öffentlichen
Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es
mir vor. Es ist nun mal eine harte Zeit!“
</p>

<p>
Den Abend darauf war eine große öffentliche Volksversammlung,
einberufen vom freisinnigen Wahlkomitee
in den Riesensaal der „Walhalla“. Mit der regen Hilfe
Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen,
daß die Wähler Heuteufels keineswegs unter sich blieben.
Er selbst fand es unnütz, die Programmrede des Kandidaten
mit anzuhören; er ging hin, als schon die Diskussion
begonnen haben mußte. Gleich im Vorraum stieß er auf
Kunze, der in übler Verfassung war. „Ausrangierter
Schlagetot!“ rief er. „Sehen Sie mich an, Herr, und
sagen Sie mir, ob so ein Mann aussieht, der sich das sagen
läßt!“ Da er vor Aufregung sich nicht weiter erklären
konnte, löste Kühnchen ihn ab. „Zu mir hätte Heuteufel
das sagen sollen!“ schrie er. „Da hätte er nun aber
Kühnchen kennengelernt!“ Diederich empfahl dem Major
dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze
<pb n='436'/><anchor id='Pgp0436'/>brauchte keinen Ansporn mehr, er vermaß sich, Heuteufel
ganz einfach in die Pfanne zu hauen. Auch dies war Diederich
recht, und er stimmte lebhaft zu, als Kunze erkennen
ließ, daß er unter diesen Umständen lieber mit dem ärgsten
Umsturz gehe als mit dem Freisinn. Hiergegen äußerten
Kühnchen und auch Pastor Zillich, der hinzukam, ihre
Bedenken. Die Reichsfeinde – und die Partei des
Kaisers! „Bestochene Feiglinge!“ sagte Diederichs Blick
– indes der Major fortfuhr, Rache zu schnauben. Blutige
Tränen sollte die Bande weinen! „Und zwar noch heute
abend“, verhieß darauf Diederich mit einer so eisernen
Bestimmtheit, daß alle stutzten. Er machte eine Pause
und blitzte jeden einzeln an. „Was würden Sie sagen,
Herr Pastor, wenn ich Ihren Freunden vom Freisinn
gewisse Machenschaften nachwiese ...“ Pastor Zillich
war erbleicht, Diederich ging zu Kühnchen über. „Betrügerische
Manipulationen mit öffentlichen Geldern ...“
Kühnchen hüpfte. „Nu leg’ sich eener lang hin!“ rief er
schreckensvoll. Kunze aber brüllte auf. „An mein Herz!“
und er riß Diederich in seine Arme. „Ich bin ein schlichter
Soldat“, versicherte er. „Die Schale mag rauh sein, aber
der Kern ist echt. Beweisen Sie den Kanaillen ihre Schurkerei,
und Major Kunze ist Ihr Freund, als ob Sie mit
ihm im Feuer gestanden hätten bei Marslatuhr!“
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<p>
Der Major hatte Tränen in den Augen, Diederich auch.
Und so hochgespannt wie ihre beiden Seelen war die
Stimmung im Saal. Der Eintretende sah überall Arme
in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und
hier und dort schrie eine Brust: „Pfui!“ „Sehr richtig!“
oder „Gemeinheit!“ Der Wahlkampf war auf der Höhe,
Diederich stürzte sich hinein, mit unerhörter Erbitterung,
denn vor dem Bureau, das der alte Buck in Person leitete,
<pb n='437'/><anchor id='Pgp0437'/>wer stand am Rand der Bühne und redete? Sötbier,
Diederichs entlassener Prokurist! Aus Rache hielt Sötbier
eine Hetzrede, worin er über die Arbeiterfreundlichkeit
gewisser Herren auf das abfälligste urteilte. Sie sei nichts
als ein demagogischer Kniff, womit man, um gewisser
persönlicher Vorteile willen, das Bürgertum spalten und
dem Umsturz Wähler zutreiben wolle. Früher habe der
Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer Knecht ist, soll
Knecht bleiben. „Pfui!“ riefen die Organisierten. Diederich
stieß um sich, bis er unter der Bühne stand. „Gemeine
Verleumdung!“ schrie er Sötbier ins Gesicht.
„Schämen Sie sich, seit Ihrer Entlassung sind Sie unter
die Nörgler gegangen!“ Der von Kunze kommandierte
Kriegerverein brüllte wie ein Mann: „Gemeinheit!“
und „Hört, hört!“ – indes die Organisierten pfiffen und
Sötbier eine zitterige Faust machte gegen Diederich, der
ihm drohte, er werde ihn einsperren lassen. Da erhob der
alte Buck sich und klingelte.
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<p>
Als man wieder hören konnte, sagte er mit weicher
Stimme, die anschwoll und erwärmte: „Mitbürger!
Wollt doch dem persönlichen Ehrgeiz einzelner nicht
Nahrung gewähren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind
hier Personen? Was selbst Klassen? Es geht um das
Volk, dazu gehören alle, nur die Herren nicht. Wir müssen
zusammenhalten, wir Bürger dürfen nicht immer aufs
neue den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen
wurde, daß wir unser Heil den Bajonetten anvertrauen,
sobald auch die Arbeiter ihr Recht wollen.
Daß wir den Arbeitern niemals ihr Recht geben wollten,
das hat den Herren die Macht verschafft, auch uns das
unsere zu nehmen.“
</p>

<p>
„Sehr wahr!“
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<pb n='438'/><anchor id='Pgp0438'/>

<p>
„Das Volk, wir alle haben angesichts der uns abgeforderten
Heeresvermehrung die vielleicht letzte Gelegenheit,
unsere Freiheit zu behaupten gegen Herren, die uns
nur noch rüsten, damit wir unfrei sind. Wer Knecht ist, soll
Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern gesagt:
das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen
sollen, uns allen!“
</p>

<p>
„Sehr wahr! Bravo! Keinen Mann und keinen Groschen!“
Inmitten bewegter Zustimmung setzte der alte
Buck sich. Diederich, dem äußersten Kampf nahe und im
voraus schweißtriefend, sandte noch einen Blick durch den
Saal und bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten
des Kaiser-Wilhelm-Denkmals befehligte. Pastor
Zillich bewegte sich unter den christlichen Jünglingen, der
Kriegerverein war um Kunze geschart: da zog Diederich
blank. „Der Erbfeind erhebt wieder mal das Haupt!“
schrie er mit Todesverachtung. „Ein Vaterlandsverräter,
wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er“ – „Hu,
hu!“ riefen die Vaterlandsverräter; aber Diederich, unter
den Beifallssalven der Gutgesinnten, schrie weiter, wenn
ihm auch die Stimme überschnappte. „Ein französischer
General hat Revanche verlangt!“ Vom Bureau her fragte
jemand: „Wieviel hat er aus Berlin dafür bekommen?“
Worauf man lachte – indes Diederich mit den Armen
hinaufgriff, als wollte er in die Luft steigen. „Schimmernde
Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte Ideale! Starkes
Kaisertum!“ Seine Kraftworte stießen rasselnd aneinander,
umlärmt vom Getöse der Gutgesinnten. „Festes Regiment!
Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie!“
</p>

<p>
„Ihr Bollwerk heißt Wulckow!“ rief wieder die Stimme
vom Bureau. Diederich fuhr herum, er erkannte Heuteufel.
„Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner Majestät –?“
</p>

<pb n='439'/><anchor id='Pgp0439'/>

<p>
„Auch ein Bollwerk!“ sagte Heuteufel. Diederich reckte
den Finger nach ihm. „Sie haben den Kaiser beleidigt!“
rief er mit äußerster Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte
jemand: „Spitzel!“ Es war Napoleon Fischer, und seine
Genossen wiederholten es aus rauhen Kehlen. Sie waren
aufgesprungen, sie umringten Diederich in unglückverheißender
Weise. „Er provoziert schon wieder! Er will
noch einen ins Loch bringen! ’raus!“ Und Diederich
ward angepackt. Angstverzerrt wand er den Hals, den
schwielige Fäuste beengten, nach dem Vorsitzenden hin
und flehte erstickt um Hilfe. Der alte Buck gewährte sie
ihm, er klingelte anhaltend, und er schickte sogar einige
junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen Feinden
erretteten. Kaum daß er sich rühren konnte, schwang
Diederich den Finger gegen den alten Buck. „Die demokratische
Korruption!“ schrie er, tanzend vor Leidenschaft.
„Ich will sie ihm beweisen!“ „Bravo! Reden
lassen!“ – und das Lager der nationalen Männer setzte
sich in Bewegung, überrannte die Tische und maß sich
Aug’ in Auge mit dem Umsturz. Ein Handgemenge
schien bevorzustehen: schon faßte der Polizeileutnant
dort oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken; es
war ein kritischer Moment – da hörte man von der Bühne
herab befehlen: „Ruhe! Er soll sprechen!“ Und es ward
fast still, man hatte einen Zorn vernommen, größer als
irgendeiner hier. Der alte Buck, heraufgewachsen hinter
seinem Tisch dort oben, war kein würdiger Greis mehr, er
schien schlanker vor Kraft, vom Haß war er bleich, und einen
Blick schnellte er gegen Diederich: der Atem stockte einem.
</p>

<p>
„Er soll sprechen!“ wiederholte der Alte. „Auch Verräter
haben das Wort, bevor sie abgeurteilt werden. So
sehen die Verräter an der Nation aus. Sie haben sich
<pb n='440'/><anchor id='Pgp0440'/>nur äußerlich verändert seit den Zeiten, da mein Geschlecht
kämpfte, fiel, ins Gefängnis und auf die Richtstätte ging.“
</p>

<p>
„Haha“, machte hier Gottlieb Hornung, voll überlegenen
Spottes. Zu seinem Unglück saß er im Armbereich
eines starken Arbeiters, der so furchtbar nach ihm ausholte,
daß Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel mitsamt
seinem Stuhl.
</p>

<p>
„Schon damals“, rief der Alte, „gab es solche, die statt
der Ehre den Nutzen wählten und denen keine Herrschaft
demütigend schien, wenn sie sie bereicherte. Der sklavische
Materialismus, Frucht und Mittel jeder Tyrannei, er
war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbürger –“
</p>

<p>
Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem
letzten Schrei seines Gewissens.
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<p>
„Mitbürger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten
und seine Beute zu werden! Dieser Mensch soll sprechen.“
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<p>
„Nein!“
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<p>
„Er soll sprechen. Dann aber fragt ihn, wieviel eine
Gesinnung, die national zu nennen er die Stirn hat, in
barem Gelde beträgt. Fragt ihn, wem er sein Haus verkauft
hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!“
</p>

<p>
„Wulckow!“ Der Ruf kam von der Bühne, aber der
Saal nahm ihn auf. Diederich, gebieterische Fäuste hinter
sich, gelangte nicht ganz freiwillig die Stufen zur Bühne
hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der alte Buck
saß regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und ließ
ihn nicht aus dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren
des Bureaus erwarteten mit kalter Gier im Gesicht seinen
Zusammenbruch; und „Wulckow!“ rief der Saal ihm zu,
„Wulckow!“ Er stammelte etwas von Verleumdung, das
Herz flog ihm, einen Augenblick schloß er die Augen, in
der Hoffnung, er werde umfallen und der Sache
über<pb n='441'/><anchor id='Pgp0441'/>hoben sein. Aber er fiel nicht um – und als nichts anderes
mehr möglich war, kam ihm ein ungeheurer Mut. Er
griff an seine Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er maß
kampfesfreudig den Feind, jenen tückischen Alten, der
nun endlich die Maske des väterlichen Gönners verloren
hatte und seinen Haß bekannte. Diederich blitzte ihn an,
er stieß vor ihm beide Fäuste gegen den Boden. Dann
trat er kraftvoll vor den Saal her.
</p>

<p>
„Wollen Sie was verdienen?“ brüllte er wie ein Ausrufer
in den Tumult – und es ward still, wie auf ein
Zauberwort. „Jeder kann bei mir verdienen!“ brüllte
Diederich; mit unverminderter Gewalt. „Jedem, der
mir nachweist, wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient
habe, zahle ich ebensoviel!“
</p>

<p>
Hierauf schien niemand gefaßt. Die Lieferanten zuerst
riefen „Bravo“, dann entschlossen sich auch die Christen
und die Krieger, aber ohne rechte Zuversicht, denn es ward
wieder „Wulckow!“ gerufen, noch dazu nach dem Takt
von Biergläsern, die man auf die Tische stieß. Diederich
erkannte, daß dies ein vorbereiteter Streich war, der nicht
nur ihm, sondern weit höheren Mächten galt. Er sah sich
unruhig um, und wirklich zückte der Polizeileutnant schon
wieder den Helm. Diederich bedeutete ihm mit der Hand,
daß er es schon machen werde, und er brüllte:
</p>

<p>
„Nicht Wulckow, ganz andere Leute! Das freisinnige
Säuglingsheim! Dafür hätte ich mein Haus hergeben
sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich kann es beschwören.
Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt
gegen die Zumutung, die Stadt zu betrügen und den
Raub zu teilen mit einem gewissenlosen Magistratsrat!“
</p>

<p>
„Sie lügen!“ rief der alte Buck und stand flammend da.
Aber Diederich flammte noch höher, im Vollgefühl seines
<pb n='442'/><anchor id='Pgp0442'/>Rechtes und seiner sittlichen Sendung. Er griff in die
Brusttasche, und vor dem tausendköpfigen Drachen dort
unten, der ihn anspritzte: „Lügner! Schwindler!“
schwenkte er furchtlos seinen Schein. „Beweis!“ brüllte
er und schwenkte so lange, bis sie hörten.
</p>

<p>
„Bei mir ist es nicht geglückt, aber in Gausenfeld. Jawohl,
Mitbürger! In Gausenfeld ... Wieso? Gleich.
Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind beim Besitzer
gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf
ein gewisses Terrain, für den Fall, daß das Säuglingsheim
dorthin kommt.“
</p>

<p>
„Namen! Namen!“
</p>

<p>
Diederich schlug sich auf die Brust, auch zum letzten
bereit. Klüsing hatte ihm alles verraten, nur nicht die
Namen. Blitzend faßte er die Herren des Vorstandes ins
Auge; einer schien zu erbleichen. „Wer wagt, gewinnt“,
dachte Diederich, und er brüllte:
</p>

<p>
„Der eine ist Herr Warenhausbesitzer Cohn!“
</p>

<p>
Und er trat ab, mit der Miene erfüllter Pflicht. Drunten
nahm Kunze ihn entgegen und küßte ihn selbstvergessen
rechts und links ins Gesicht, wozu die Nationalgesinnten
klatschten. Die anderen schrien: „Beweis!“
oder „Schwindel!“ Aber „Cohn soll reden!“, das wollten
alle, Cohn konnte sich den Anforderungen unmöglich entziehen.
Der alte Buck sah ihn an, starr, mit einem sichtbaren
Zittern der Wangen; und dann erteilte er ihm von
selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem Stoß
versehen, kam ohne rechte Überzeugung hinter dem langen
Tisch des Komitees hervor, schleppte die Füße nach und
hatte ungünstig gewirkt, noch bevor er anfing. Er lächelte
entschuldigend. „Meine Herren, das werden Sie dem Herrn
Vorredner doch nicht glauben,“ sagte er so sanft, daß fast
<pb n='443'/><anchor id='Pgp0443'/>niemand es verstand. Dennoch meinte Cohn schon zu weit
gegangen zu sein. „Ich will den Herrn Vorredner nicht
geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht.“
</p>

<p>
„Aha! Er gibt es zu!“ – und jäh brach ein Aufruhr
los, daß Cohn, auf nichts vorbereitet, einen Sprung rückwärts
tat. Der Saal war nur noch ein Fuchteln und
Schäumen. Schon fielen da und dort Gegner übereinander
her. „Hurra!“ kreischte Kühnchen und sauste durch
die Reihen mit flatterndem Haar, die Fäuste geschwungen,
anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der Bühne war alles
auf den Beinen, außer dem Polizeileutnant. Der alte
Buck hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt
von dem Volk, über das der letzte Schrei seines
Gewissens vergebens hingegangen war, abseits und allein,
richtete er die Augen dorthin, wo niemand sah, daß sie
weinten. Heuteufel sprach entrüstet auf den Polizeileutnant
ein, der sich von seinem Stuhl nicht rührte, ward aber
darüber belehrt, daß der Beamte allein entscheide, ob
und wann er auflöse. Es brauchte nicht gerade in dem
Augenblick zu geschehen, wo es für den Freisinn schlecht
stand! Worauf Heuteufel zum Tisch ging und die Glocke
führte. Dazu schrie er: „Der zweite Name!“ Und da
alle Herren auf der Bühne mitschrien, hörte man es endlich
und Heuteufel konnte fortfahren.
</p>

<p>
„Der zweite, der in Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat
Kühlemann! Stimmt. Kühlemann selbst.
Derselbe Kühlemann, aus dessen Nachlaß das Säuglingsheim
gebaut werden soll. Will jemand behaupten,
Kühlemann bestiehlt seinen eigenen Nachlaß? Na also!“
– und Heuteufel zuckte die Achseln, woraus beifällig
gelacht ward. Nicht lange; die Leidenschaften pfauchten
schon wieder. „Beweise! Kühlemann soll selbst reden!
<pb n='444'/><anchor id='Pgp0444'/>Diebe!“ Herr Kühlemann sei schwerkrank, erklärte Heuteufel.
Man werde hinschicken, man telephoniere schon.
„Auweh“, raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu.
„Wenn Kühlemann es war, sind wir fertig und können
einpacken.“ „Noch lange nicht!“ verhieß Diederich, tollkühn.
Pastor Zillich seinerseits setzte seine Hoffnung nur
mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner Tollkühnheit
sagte: „Brauchen wir gar nicht!“ – und er
machte sich über einen Zweifler her, dem er zuredete.
Die Gutgesinnten reizte er zu entschiedener Stellungnahme,
ja, er drückte Sozialdemokraten die Hand, um
ihren Haß gegen die bürgerliche Korruption zu verstärken
– und überall hielt er den Leuten Klüsings Brief
vor die Augen. Er schlug so heftig mit dem Handrücken
auf das Papier, daß niemand lesen konnte, und rief:
„Steht da Kühlemann? Da steht Buck! Wenn Kühlemann
noch japsen kann, wird er zugeben müssen, daß er
es nicht war. Buck war es!“
</p>

<p>
Dabei überwachte er dennoch die Bühne, wo es merkwürdig
still geworden war. Die Herren des Komitees
liefen durcheinander, aber sie flüsterten nur. Den alten
Buck sah man nicht mehr. „Was ist los?“ Auch im Saal
ward es ruhiger, noch wußte man nicht, warum. Plötzlich
hieß es: „Kühlemann soll tot sein.“ Diederich fühlte es
mehr, als daß er es hörte. Er gab es plötzlich auf, zu reden
und sich abzuarbeiten. Vor Spannung schnitt er Gesichter.
Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht, er vernahm
ringsum ein wesenloses Gewirr von Lauten und wußte
nicht mehr deutlich, wo er war. Dann kam aber Gottlieb
Hornung und sagte: „Er ist weiß Gott tot. Ich war oben,
sie haben telephoniert. Im Moment ist er gestorben.“
</p>

<p>
„Im richtigen Moment“, sagte Diederich und sah sich
<pb n='445'/><anchor id='Pgp0445'/>um, erstaunt, als erwachte er. „Der Finger Gottes hat
sich wieder mal bewährt“, stellte Pastor Zillich fest, und
Diederich ward sich bewußt, daß dieser Finger doch nicht
zu verachten war. Wie, wenn er dem Schicksal einen anderen
Lauf angewiesen hätte?... Die Parteien im Saale
lösten sich auf; das Eingreifen des Todes in die Politik
machte aus den Parteien Leute; sie sprachen gedämpft
und verzogen sich. Als er schon draußen war, erfuhr Diederich
noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Die „Netziger Zeitung“ berichtete über die „tragisch
verlaufene Wahlversammlung“ und schloß daran einen
ehrenvollen Nachruf für den hochverdienten Mitbürger
Kühlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn
etwa Dinge vorgefallen waren, die der Aufklärung bedurften
... Das weitere geschah, nachdem Diederich
und Napoleon Fischer eine Besprechung unter vier Augen
gehabt hatten. Noch am Abend vor der Wahl hielt die
„Partei des Kaisers“ eine Versammlung ab, von der die
Gegner nicht ausgeschlossen waren. Diederich trat auf
und geißelte mit flammenden Worten die demokratische
Korruption und ihr Haupt in Netzig, das mit Namen zu
nennen die Pflicht eines kaisertreuen Mannes sei –
aber er nannte es doch lieber nicht. „Denn, meine Herren,
das Hochgefühl schwellt mir die Brust, daß ich mich verdient
mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem
gefährlichsten Feinde die Maske abreiße und Ihnen beweise,
daß er auch nur verdienen will.“ Hier kam ihm ein
Einfall, oder war es eine Erinnerung, er wußte nicht.
„Seine Majestät haben das erhabene Wort gesprochen:
‚Mein afrikanisches Kolonialreich für einen Haftbefehl
gegen Eugen Richter!‘ Ich aber, meine Herren, liefere
<pb n='446'/><anchor id='Pgp0446'/>Seiner Majestät die nächsten Freunde Richters!“ Er
ließ die Begeisterung verrauschen; dann, mit verhältnismäßig
gedämpfter Stimme: „Und darum, meine Herren,
habe ich besondere Gründe, zu vermuten, was man an
hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers erwartet.“
Er griff an seine Brusttasche, als trüge er dort
auch diesmal die Entscheidung; und plötzlich aus voller
Lunge: „Wer jetzt noch seine Stimme dem Freisinnigen
gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!“ Da die Versammlung
dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen
war, den Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen
ihrer Haltung hinzuweisen. Sofort fuhr Diederich dazwischen.
Die nationalen Wähler würden schweren Herzens
ihre Pflicht tun und das kleinere Übel wählen. „Aber
ich bin der erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz
weit von sich weist!“ Er schlug so lange auf das Rednerpult,
bis Napoleon in der Versenkung verschwand. Und
daß Diederichs Entrüstung echt war, ersah man in der
Frühe des Stichwahltages aus der sozialdemokratischen
„Volksstimme“, die unter höhnischen Ausfällen gegen
Diederich selbst alles wiedergab, was er über den alten
Buck gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. „Heßling
fällt hinein,“ sagten die Wähler, „denn jetzt muß
Buck ihn verklagen.“ Aber viele antworteten: „Buck
fällt hinein, der andere weiß zuviel.“ Auch die Freisinnigen,
soweit sie der Vernunft zugänglich waren,
fanden jetzt, es sei an der Zeit, vorsichtig zu werden.
Wenn die Nationalen, mit denen nicht zu spaßen schien,
nun einmal meinten, man solle für den Sozialdemokraten
stimmen –. Und war der Sozialdemokrat erst gewählt,
dann war es gut, daß man ihn mitgewählt hatte,
sonst ward man noch boykottiert von den Arbeitern ...
<pb n='447'/><anchor id='Pgp0447'/>Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In der
Kaiser-Wilhelm-Straße erscholl Alarmgebläse, alles stürzte
an die Fenster und unter die Ladentüren, um zu sehen,
wo es brenne. Es war der Kriegerverein in Uniform,
der herbeimarschierte. Seine Fahne zeigte ihm den Weg
der Ehre. Kühnchen, der das Kommando führte, hatte
die Pickelhaube wild im Nacken sitzen und schwang auf
furchterregende Weise seinen Degen. Diederich in Reih’
und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht, daß
nun in Reih’ und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem
Wege alles Weitere sich abwickeln werde. Man
brauchte nur zu stapfen, und aus dem alten Buck ward
Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!...
Am anderen Ende der Straße holte man die neue Fahne
ab und empfing sie, bei schmetternder Musik, mit stolzem
Hurra. Unabsehbar verlängert durch die Werbungen des
Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche’sche Lokal.
Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Kühnchen befahl
„Küren“. Der Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor
Zillich, wartete schon, festlich gekleidet, im Hausflur.
Kühnchen kommandierte mit Kampfgeschrei: „Auf,
Kameraden, zur Wahl! Wir wählen Fischer!“ – worauf
es vom rechten Flügel ab, unter schmetternder Musik,
in das Wahllokal ging. Dem Kriegerverein aber folgte
der ganze Zug. Klappsch, der auf so viel Begeisterung
nicht vorbereitet war, hatte schon kein Bier mehr. Zuletzt,
als die nationale Sache alles abgeworfen zu haben
schien, dessen sie fähig war, kam noch, von Hurra empfangen,
der Bürgermeister Doktor Scheffelweis. Er ließ
sich ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand drücken,
und bei der Rückkehr von der Urne sah man ihn freudig
bewegt. „Endlich!“ sagte er und drückte Diederich die Hand.
<pb n='448'/><anchor id='Pgp0448'/>„Heute haben wir den Drachen besiegt.“ Diederich erwiderte
schonungslos: „Sie, Herr Bürgermeister? Sie
stecken noch halb in seinem Rachen. Daß er Sie nur nicht
mitnimmt, jetzt wo er verreckt!“ Während Doktor Scheffelweis
erbleichte, stieg wieder ein Hurra. Wulckow!...
</p>

<p>
Fünftausend und mehr Stimmen für Fischer! Heuteufel
mit kaum dreitausend war fortgefegt von der
nationalen Woge, und in den Reichstag zog der Sozialdemokrat.
Die „Netziger Zeitung“ stellte einen Sieg der
„Partei des Kaisers“ fest, denn ihr verdanke man es,
daß eine Hochburg des Freisinns gefallen sei – womit
aber Nothgroschen weder große Befriedigung noch lauten
Widerspruch weckte. Die eingetretene Tatsache fanden
alle natürlich, aber gleichgültig. Nach dem Rummel der
Wahlzeit hieß es nun wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal,
noch soeben der Mittelpunkt eines
Bürgerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Kühlemann
hatte der Stadt sechshunderttausend Mark für gemeinnützige
Zwecke vermacht, sehr anständig. Säuglingsheim
oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es war wie
Schwamm oder Zahnbürste, wenn man zu Gottlieb Hornung
kam. In der entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten
zeigte es sich, daß die Sozialdemokraten für
das Denkmal waren, also schön. Irgend jemand schlug
vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn Regierungspräsidenten
von Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten.
Hier erhob sich Heuteufel, den seine Niederlage
wohl doch geärgert hatte, und äußerte Bedenken, ob der
Regierungspräsident, der einem gewissen Grundstücksgeschäft
nicht fernstehe, sich selbst für berufen halten
werde, das Grundstück mitzubestimmen, auf dem das Denkmal
stehen solle. Man schmunzelte und zwinkerte ein
<pb n='449'/><anchor id='Pgp0449'/>wenig; und Diederich, dem es kalt durch den Leib schnitt,
wartete, ob jetzt der Skandal kam. Er wartete still, mit
einem verstohlenen Kitzel, wie es der Macht ergehen
werde, nun jemand rüttelte. Er hätte nicht sagen können,
was er sich wünschte. Da nichts kam, erhob er sich stramm
und protestierte, ohne übertriebene Anstrengung, gegen
eine Unterstellung, die er schon einmal öffentlich widerlegt
habe. Die andere Seite dagegen habe die ihr zur
Last gelegten Mißbräuche bisher nicht im mindesten entkräftet.
„Trösten Sie sich,“ erwiderte Heuteufel, „Sie
werden es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht.“
</p>

<p>
Dies bewirkte immerhin eine Bewegung. Der Eindruck
ward freilich abgeschwächt, als Heuteufel gestehen
mußte, daß sein Freund Buck nicht den Stadtverordneten
Doktor Heßling, sondern nur die „Volksstimme“ verklagt
habe. „Heßling weiß zuviel“, wiederholte man – und
neben Wulckow, dem der Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich
zum Vorsitzenden des Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees
ernannt. Im Magistrat fanden diese Beschlüsse
in dem Bürgermeister Doktor Scheffelweis einen warmen
Fürsprecher, und sie gingen durch, wobei der alte Buck
durch Abwesenheit glänzte. Wenn er seine Sache selbst
nicht höher einschätzte! Heuteufel sagte: „Soll er sich
die Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch noch
persönlich ansehen?“ Aber damit schadete Heuteufel nur
sich selbst. Da der alte Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen
erlitten hatte, sah man voraus, der Prozeß gegen
die „Volksstimme“ werde seine dritte sein. Die Aussage,
die man vor Gericht zu machen haben würde, paßte jeder
schon im voraus den gegebenen Umständen an. Heßling
war natürlich zu weit gegangen, sagten vernünftig Denkende.
Der alte Buck, den alle von jeher kannten, war
<pb n='450'/><anchor id='Pgp0450'/>kein Schwindler und Gauner. Eine Unvorsichtigkeit
wäre ihm vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders jetzt,
wo er die Schulden seines Bruders bezahlte und selbst
schon das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun wirklich
mit Cohn bei Klüsing gewesen war wegen des Terrains?
Ein gutes Geschäft: – es hätte nur nicht herauskommen
dürfen! Und warum mußte Kühlemann genau in der
Minute abkratzen, wo er seinen Freund hätte freischwören
sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der kaufmännische
Leiter der „Netziger Zeitung“, der in Gausenfeld
ein und aus ging, sagte ausdrücklich, man begehe nur
ein Verbrechen gegen sich selbst, wenn man für Leute eintrete,
die augenscheinlich ausgespielt hätten. Auch machte
Tietz darauf aufmerksam, daß der alte Klüsing, der mit
einem Wort die ganze Sache hätte beenden können, sich
hütete zu reden. Er war krank, nur seinetwegen mußte
die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt werden.
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<p>
Was ihn aber nicht abhielt, seine Fabrik zu verkaufen.
Dies war das Neueste, dies waren die „einschneidenden
Veränderungen in einem großen, für das wirtschaftliche
Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen“, von
denen die „Netziger Zeitung“ dunkel meldete. Klüsing war
mit einem Berliner Konsortium in Verbindung getreten.
Diederich, gefragt, warum er nicht mittue, zeigte den
Brief vor, worin Klüsing ihm, früher als jedem anderen,
den Kauf angeboten hatte. „Und zwar unter Bedingungen,
die nie wiederkommen“, setzte er hinzu. „Leider bin
ich stark engagiert bei meinem Schwager in Eschweiler,
ich weiß nicht einmal, ob ich nicht von Netzig wegziehen
muß.“ Aber als Sachverständiger erklärte er auf Befragen
Nothgroschens, der seine Antwort veröffentlichte, daß
der Prospekt eher noch hinter der Wahrheit zurückbleibe.
<pb n='451'/><anchor id='Pgp0451'/>Gausenfeld sei tatsächlich eine Goldgrube; der Ankauf
der Aktien, die an der Börse zugelassen seien, könne nur
auf das wärmste empfohlen werden. Tatsächlich wurden
die Aktien in Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von
persönlichem Interesse unbeeinflußt Diederichs Urteil
gewesen war, zeigte sich bei einer besonderen Gelegenheit,
als nämlich der alte Buck Geld suchte. Denn er war
so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn hatten ihn
glücklich so weit gebracht, daß auch seine Freunde nicht
mehr mitgingen. Da griff Diederich ein. Er gab dem
Alten zweite Hypothek für sein Haus in der Fleischhauergrube.
„Er muß es verzweifelt nötig gehabt haben“, bemerkte
Diederich, sooft er davon erzählte. „Wenn er es von
mir, seinem entschiedensten politischen Gegner, annimmt!
Wer hätte das früher von ihm gedacht!“ Und Diederich
sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte hinzu, das
Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm
zufalle. Freilich, aus dem seinen müsse er bald heraus.
Und auch dies zeigte, daß er auf Gausenfeld nicht rechnete ...
„Aber“, erklärte Diederich, „der Alte ist nicht auf Rosen
gebettet, wer weiß, wie sein Prozeß ausgeht – und gerade
weil ich ihn politisch bekämpfen muß, wollte ich zeigen –
Sie verstehen.“ Man verstand, und man beglückwünschte
Diederich zu seinem mehr als korrekten Verhalten. Diederich
wehrte ab. „Er hat mir Mangel an Idealismus vorgeworfen,
das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen.“ Männliche
Rührung zitterte in seiner Stimme.
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<p>
Die Schicksale nahmen ihren Lauf; und wenn man
manche auf Terrainschwierigkeiten stoßen sah, durfte man
um so freudiger anerkennen, daß das eigene glatt ging.
Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als Napoleon
Fischer nach Berlin reiste, um die Militärvorlage
abzu<pb n='452'/><anchor id='Pgp0452'/>lehnen. Die „Volksstimme“ hatte eine Massendemonstration
angekündigt, der Bahnhof sollte polizeilich besetzt
sein; Pflicht eines nationalen Mannes war es, dabei zu
sein. Unterwegs stieß Diederich auf Jadassohn. Man
begrüßte einander so förmlich, wie die kühl gewordenen
Beziehungen es vorschrieben. „Sie wollen sich auch den
Klimbim ansehen?“ fragte Diederich.
</p>

<p>
„Ich gehe in Urlaub – nach Paris.“ Tatsächlich trug
Jadassohn Kniehosen. Er setzte hinzu: „Schon um den
politischen Dummheiten auszuweichen, die hier begangen
worden sind.“
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Diederich beschloß, vornehm hinwegzuhören über die
Verärgerung eines Menschen, der keinen Erfolg gehabt
hatte. „Man dachte eigentlich,“ sagte er, „Sie würden
jetzt Ernst machen.“
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„Ich? Wieso?“
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„Fräulein Zillich ist freilich fort zu ihrer Tante.“
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„Tante ist gut“, Jadassohn feixte. „Und man dachte.
Sie wohl auch?“
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„Mich lassen Sie nur aus dem Spiel.“ Diederich
machte ein Gesicht voll Einverständnis. „Aber wieso ist
Tante gut? Wo ist sie denn hin?“
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<p>
„Durchgegangen“, sagte Jadassohn. Da blieb Diederich
denn doch stehen und schnaufte. Käthchen Zillich durchgegangen!
In was für Abenteuer hätte man verwickelt
werden können!... Jadassohn sagte weltmännisch:
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<p>
„Nun ja, nach Berlin. Die guten Eltern haben noch
keine Ahnung. Ich bin weiter nicht böse mit ihr, Sie verstehen,
es mußte mal zum Klappen kommen.“
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„So oder so“, ergänzte Diederich, der sich gefaßt hatte.
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„Lieber so als so“, berichtigte Jadassohn; worauf
Diederich, vertraulich die Stimme gesenkt: „Jetzt kann
<pb n='453'/><anchor id='Pgp0453'/>ich es Ihnen ja sagen, mir kam das Mädchen schon immer
so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden würde.“
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<p>
Aber Jadassohn verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe.
„Was glauben Sie denn? Ich selbst habe ihr Empfehlungen
mitgegeben. Passen Sie auf, sie macht Karriere
in Berlin.“
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<p>
„Daran zweifle ich nicht.“ Diederich zwinkerte. „Ich
kenne ihre Qualitäten ... Sie allerdings haben mich für
naiv gehalten.“ Jadassohns Abwehr ließ er nicht gelten.
„Sie haben mich für naiv gehalten. Und zur selben Zeit
bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann
ich es ja sagen.“ Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger
ward, sein Erlebnis mit Käthchen im Liebeskabinett
– berichtete es so vollständig, wie es in Wahrheit
nicht stattgefunden hatte. Mit einem Lächeln befriedigter
Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im Zweifel war,
ob hier der Ehrenpunkt Platz greifen müsse. Schließlich
entschied er sich dafür, Diederich auf die Schulter zu klopfen,
und man zog in freundschaftlicher Weise die gebotenen
Schlüsse. „Die Sache bleibt natürlich streng unter uns ...
So ein Mädchen muß man auch gerecht beurteilen, denn
woher soll die bessere Lebewelt sich ergänzen ... Die
Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach
Berlin, so weiß man doch, woran man ist.“ „Es hätte
sogar einen gewissen Reiz“, bemerkte Diederich, in sich
hineinblickend; und da Jadassohn sein Gepäck sah, nahmen
sie Abschied. „Die Politik hat uns leider etwas auseinander
gebracht, aber im Menschlichen findet man sich,
Gott sei Dank, wieder. Viel Vergnügen in Paris.“
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<p>
„Vergnügen kommt nicht in Frage.“ Jadassohn wandte
sich um, mit einem Gesicht, als sei er im Begriff, jemand
hineinzulegen. Da er Diederichs beunruhigte Miene sah,
<pb n='454'/><anchor id='Pgp0454'/>kam er zurück. „In vier Wochen“, sagte er merkwürdig ernst
und gefaßt, „werden Sie es selbst sehen. Vielleicht ist es
vorzuziehen, wenn Sie die Öffentlichkeit schon jetzt darauf
vorbereiten.“ Diederich, ergriffen wider Willen, fragte:
„Was haben Sie vor?“ Und Jadassohn, bedeutungsschwer,
mit dem Lächeln eines opfervollen Entschlusses: „Ich stehe
im Begriff, meine äußere Erscheinung in Einklang zu
bringen mit meinen nationalen Überzeugungen“ ... Als
Diederich den Sinn dieser Worte erfaßt hatte, konnte
er nur noch eine achtungsvolle Verbeugung machen;
Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er
die Halle betrat, seine Ohren noch einmal – das letztemal!
– auf, wie zwei Kirchenfenster im Abendschein.
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<p>
Auf den Bahnhof zu rückte eine Gruppe von Männern,
in deren Mitte eine Standarte schwebte. Einige Schutzleute
kamen nicht eben leichtfüßig die Treppe herab und
stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe
die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm
von den Vertretern der Macht erfolgreich zurückgeschlagen.
Mehrere kamen freilich durch und scharten sich um Napoleon
Fischer, der, langatmig wie er war, seine bestickte
Reisetasche beinahe am Boden schleppte. Beim Büfett
erfrischte man sich nach diesen, in der Julisonne für die
Sache des Umsturzes bestandenen Strapazen. Dann versuchte
Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig, da der Zug
ohnedies Verspätung hatte, eine Ansprache zu halten;
aber ein Polizist untersagte es dem Abgeordneten. Napoleon
setzte die bestickte Tasche hin und fletschte die Zähne.
Wie Diederich ihn kannte, war er im Begriff, einen Widerstand
gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem
Glück fuhr der Zug ein – und erst jetzt ward Diederich
auf einen untersetzten Herrn aufmerksam, der sich aber
<pb n='455'/><anchor id='Pgp0455'/>abwandte, wenn man um ihn herumging. Er hielt einen
großen Blumenstrauß vor sich hin und sah dem Zug entgegen.
Diederich kannte doch diese Schultern ... Das
ging mit dem Teufel zu! Aus einem Coupé grüßte Judith
Lauer, ihr Mann half ihr herunter, ja, er überreichte ihr
den Blumenstrauß, und sie nahm ihn mit dem ernsten
Lächeln, das sie hatte. Wie die beiden sich nach dem Ausgang
wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem
Weg, und er schnaufte dabei. Mit dem Teufel ging es
nicht zu, Lauers Zeit war einfach herum, er war wieder
frei. Nicht daß von ihm etwas zu fürchten stand, immerhin
mußte man sich erst wieder daran gewöhnen, ihn
draußen zu wissen ... Und mit einem Bukett holte er
sie ab! Wußte er denn nichts? Er hatte doch Zeit gehabt,
nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurückkehrte, nachdem er
fertig gesessen hatte! Es gab Verhältnisse, von denen man
sich als anständiger Mensch nichts träumen ließ. Übrigens
stand Diederich den Dingen nicht näher als jeder andere;
er hatte damals nur seine Pflicht getan. „Alle werden
dieselbe peinliche Empfindung haben wie ich. Man wird
ihm allerseits zu verstehen geben, daß er am besten zu
Hause bleibt ... Denn wie man sich bettet, liegt man.“
Käthchen Zillich hatte es begriffen und die richtige Folgerung
gezogen. Was ihr recht war, konnte gewissen
anderen Leuten billig sein, nicht nur dem Herrn Lauer.
</p>

<p>
Diederich selbst, der von achtungsvollen Grüßen geleitet
durch die Stadt schritt, nahm jetzt auf die natürlichste
Weise den Platz ein, den seine Verdienste ihm bereitet
hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun so
weit hindurchgekämpft, daß bloß noch die Früchte zu
pflücken waren. Die anderen hatten angefangen an ihn
zu glauben: alsbald kannte auch er keinen Zweifel mehr ...
<pb n='456'/><anchor id='Pgp0456'/>Über Gausenfeld liefen neuerdings ungünstige Gerüchte
um, und die Aktien fielen. Woher wußte man, daß die
Regierung der Fabrik ihre Aufträge entzogen und sie
dem Heßlingschen Werk übertragen hatte? Diederich
hatte nichts verlauten lassen, aber man wußte es, noch
bevor die Arbeiterentlassungen kamen, die die „Netziger
Zeitung“ so sehr bedauerte. Der alte Buck, als Vorsitzender
des Aufsichtsrates, mußte sie leider persönlich anregen,
was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging wahrscheinlich
nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war
ein Fehler gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu wählen.
Überhaupt hätte er mit dem Geld, das Heßling ihm anständigerweise
gegeben hatte, lieber Schulden bezahlen
sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen. Diederich
selbst äußerte überall diese Ansicht. „Wer hätte das früher
von ihm gedacht!“ bemerkte er auch hierzu wieder, und
wieder tat er einen gedankenvollen Blick in das Schicksal.
„Man sieht, wozu einer imstande ist, der den Boden unter
den Füßen verliert.“ Worauf jeder den beklemmenden
Eindruck mitnahm, der alte Buck werde auch ihn selbst,
als Aktionär von Gausenfeld, in seinen Ruin hineinreißen.
Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen drohte
ein Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast
sich Freunde. Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen,
zur Erholung, wie er sagte. Keiner gestand es
gern dem anderen ein, daß er Gausenfelder hatte und
hereingefallen war. Kienast hinterbrachte es dem, daß
jener schon verkauft habe. Seine persönliche Meinung
war, daß es hohe Zeit sei. Ein Makler, den er übrigens
nicht kannte, saß dann und wann im Café und kaufte.
Einige Monate später brachte die Zeitung ein tägliches
Inserat des Bankhauses Sanft &amp; Co. Wer noch
Gausen<pb n='457'/><anchor id='Pgp0457'/>felder hatte, konnte sie hier mühelos abstoßen. Tatsächlich
besaß zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen
Papiere. Dagegen ging das Gerede, Heßling und Gausenfeld
sollten fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert.
„Und der alte Herr Buck?“ fragte er. „Als Vorsitzender
des Aufsichtsrates wird er wohl noch mitreden
wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?“ – „Der hat mehr
Sorgen“, hieß es dann. Denn in seiner Beleidigungssache
gegen die „Volksstimme“ war jetzt die Verhandlung anberaumt.
„Er wird wohl hineinfliegen“, meinte man; und
Diederich, mit vollkommener Sachlichkeit: „Schade um
ihn. Dann hat er in seinem letzten Aufsichtsrat gesessen.“
</p>

<p>
In diesem Vorgefühl gingen alle zu der Verhandlung.
Die auftretenden Zeugen erinnerten sich nicht. Klüsing
hatte schon längst zu jedem vom Verkauf der Fabrik gesprochen.
Hatte er von jenem Terrain besonders gesprochen?
Und hatte er als den Unterhändler den alten Buck
genannt? Dies alles blieb zweifelhaft. In den Kreisen
der Stadtverordneten war bekannt gewesen, daß das
Grundstück in Frage komme für das damals in Aussicht
genommene Säuglingsheim. War Buck dafür gewesen?
Jedenfalls nicht dagegen. Mehreren war es aufgefallen,
wie lebhaft er sich für den Platz interessierte. Klüsing
selbst, der noch immer krank war, hatte in seiner kommissarischen
Vernehmung ausgesagt, sein Freund Buck sei
bis vor kurzem bei ihm ein und aus gegangen. Wenn
Buck ihm von dem Vorkaufsrecht auf das Terrain gesprochen
haben sollte, so habe er dies keinesfalls in einem
für Buck ehrenrührigen Sinne aufgefaßt ... Der Kläger
Buck wünschte festgestellt zu sehen, daß der verstorbene
Kühlemann es gewesen sei, der mit Klüsing verhandelt
habe: Kühlemann selbst, der Spender des Geldes. Aber die
<pb n='458'/><anchor id='Pgp0458'/>Feststellung mißlang, Klüsings Aussage war unentschieden
auch hierin. Daß Cohn es behauptete, war nicht wesentlich,
da Cohn ein Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in
Gausenfeld harmlos erscheinen zu lassen. Als gewichtigster
Zeuge blieb Diederich übrig, dem Klüsing geschrieben
und der gleich darauf mit ihm eine Unterredung gehabt
hatte. War damals ein Name gefallen? Er sagte aus:
</p>

<p>
„Mir lag nicht daran, den oder jenen Namen zu erfahren.
Ich stelle fest, daß ich, was alle Zeugen bestätigen,
niemals öffentlich den Namen des Herrn Buck genannt
habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der
Stadt, die nicht durch einzelne geschädigt werden sollte.
Ich bin für die politische Moral eingetreten. Persönliche
Gehässigkeit liegt mir fern, und es würde mir leid tun,
wenn der Herr Kläger aus dieser Verhandlung nicht ganz
vorwurfsfrei hervorgehen sollte.“
</p>

<p>
Seinen Worten folgte ein anerkennendes Gemurmel.
Nur Buck schien unzufrieden; er fuhr auf, rot im Gesicht ...
Diederich sollte nun angeben, welches seine persönliche
Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat Buck vor,
straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie
in der tragisch verlaufenen Wahlversammlung.
</p>

<p>
„Ich erlasse es dem Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten
abzugeben über meine Person und mein Leben.
Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge sind mit anderen
Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben
einen anderen Gegenstand. Mein Haus war immer jedem
offen und zugänglich, auch dem Herrn Zeugen. Mein
Leben gehört seit mehr als fünfzig Jahren nicht mir,
es gehört einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere
hatten, der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war
vermögend, als ich in die Öffentlichkeit trat. Wenn ich
<pb n='459'/><anchor id='Pgp0459'/>sie verlasse, werde ich arm sein. Ich brauche keine Verteidigung!“
</p>

<p>
Er schwieg, sein Gesicht zitterte noch – aber Diederich
zuckte nur die Achseln. Auf welche Erfolge berief sich der
Alte? Er hatte schon längst keine mehr und brachte nun
hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek gab.
Er tat erhaben und befand sich schon unter den Rädern.
Konnte ein Mensch seine Lage so sehr verkennen? „Wenn
einer von uns den anderen von oben herab zu behandeln
hat –“ Und Diederich blitzte. Er blitzte den Alten,
der vergebens flammte, einfach nieder, und diesmal
endgültig, mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller.
Zuerst das eigene Wohl – und gerecht war die Sache,
die Erfolg hatte!... Er fühlte deutlich, daß dies für alle
feststand. Auch der Alte fühlte es, er setzte sich wieder,
er bekam runde Schultern, in seine Miene trat etwas wie
Scham. Zu den Schöffen gewendet, sagte er: „Ich verlange
keine Ausnahmestellung, ich unterwerfe mich dem
Urteil meiner Mitbürger.“
</p>

<p>
Worauf denn Diederich, als sei nichts geschehen, in
seiner Aussage fortfuhr. Sie war wirklich sehr schonend
und machte den besten Eindruck. Seit dem Prozeß Lauer
fand man ihn durchaus günstig verändert; er hatte an
überlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststück
hieß, da er jetzt ein gemachter Mann und fein heraus war.
Gerade schlug es Mittag, und im Saal verbreitete sich summend
das Neueste aus der „Netziger Zeitung“: es war
Tatsache, Heßling, Großaktionär von Gausenfeld, war
als Generaldirektor berufen worden ... Neugierig
musterte man ihn – und ihm gegenüber den alten Buck,
auf dessen Kosten er Seide gesponnen hatte. Die zwanzigtausend,
die er dem Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam
<pb n='460'/><anchor id='Pgp0460'/>er nun mit hundert Prozent zurück, und war noch edel. Daß
der Alte sich für das Geld gerade Gausenfelder gekauft
hatte, wirkte wie ein guter Witz von Heßling und tröstete
im Augenblick manchen über den eigenen Verlust. Bei
Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Grüße
drückten Achtung in dem Grade aus, wo sie in Unterwürfigkeit
übergeht. Die Hereingefallenen grüßten den Erfolg.
</p>

<p>
Mit dem alten Buck verfuhren sie unwirscher. Als der
Vorsitzende das Urteil verkündete, ward geklatscht. Nur
fünfzig Mark für den Redakteur der „Volksstimme“!
Der Beweis war nicht vollständig erbracht, guter Glaube
ward zugebilligt. Vernichtend für den Kläger, sagten die
Juristen – und wie Buck das Gerichtsgebäude verließ,
wichen auch die Freunde ihm aus. Kleine Leute, die an
Gausenfeld ihre Ersparnisse verloren hatten, schüttelten
die Fäuste hinter ihm her. Und allen brachte dieser Spruch
des Gerichts die Erleuchtung, daß sie mit ihrer Meinung
über den alten Buck eigentlich schon längst fertig waren.
Ein Geschäft wie das mit dem Terrain für das Säuglingsheim
mußte wenigstens glücken: das Wort war von Heßling,
und es stimmte. Aber daran lag es: dem alten Buck
war seiner Lebtage kein Geschäft geglückt. Er dünkte sich
was Wunder, wenn er als Stadtvater und Parteiführer
mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr!
Der geschäftlichen Fragwürdigkeit aber entsprach die
moralische, dafür zeugte die nie recht aufgeklärte Geschichte
mit der Verlobung seines Sohnes, desselben, der sich jetzt
beim Theater umhertrieb. Und Bucks Politik? Eine
internationale Gesinnung, immer nur Opfer fordern für
demagogische Zwecke, aber wie Hund und Katz’ mit der Regierung,
was dann wieder auf die Geschäfte zurückwirkte:
das war die Politik eines Menschen, der nichts mehr zu
<pb n='461'/><anchor id='Pgp0461'/>verlieren hat und dem es an gutbürgerlicher Mündelsicherheit
gebricht. Entrüstet erkannte man, daß man sich
auf Gedeih und Verderb in der Hand eines Abenteurers
befunden hatte. Ihn unschädlich zu machen, war der
allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden
Urteil die Folgerungen nicht zog, mußten
andere sie ihm nahelegen. Das Verwaltungsrecht enthielt
doch wohl eine Bestimmung, wonach ein Gemeindebeamter
sich durch sein Verhalten in und außer dem Amte
der Achtung, die dieses erfordert, würdig zu erweisen
hatte. Ob der alte Buck diese Bestimmung erfüllte? Die
Frage aufwerfen, hieß sie verneinen, wie die „Netziger
Zeitung“, ohne natürlich seinen Namen zu nennen, feststellte.
Aber es mußte erst so weit kommen, daß die Stadtverordnetenversammlung
mit der Angelegenheit befaßt
ward. Da endlich, einen Tag vor der Debatte, nahm
der hartgesottene Alte Vernunft an und legte sein Amt
als Stadtrat nieder. Seine politischen Freunde konnten
ihn hiernach, bei Gefahr, die letzten Anhänger zu verlieren,
nicht länger an der Spitze der Partei lassen. Er machte
es ihnen nicht leicht, wie es schien; mehrfache Besuche bei
ihm und ein sanfter Druck waren nötig, bevor in der
Zeitung sein Brief erschien: das Wohl der Demokratie
sei ihm wichtiger als seins. Da ihr, unter der Einwirkung
von Leidenschaften, die er für vergänglich halten wolle,
jetzt Schaden drohe durch seinen Namen, trete er zurück.
„Wenn es dem Ganzen nützen kann, bin ich bereit, den
ungerechten Makel, den der getäuschte Volkswille mir auferlegt,
zu tragen, im Glauben an die ewige Gerechtigkeit
des Volkes, das ihn dereinst wieder von mir nehmen wird.“
</p>

<p>
Dies faßte man als Heuchelei und Überhebung auf; die
Wohlmeinenden entschuldigten es mit Greisenhaftigkeit.
<pb n='462'/><anchor id='Pgp0462'/>Übrigens hatte, was er schrieb oder nicht schrieb, keinen
Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die ihm
Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm plötzlich
ins Gesicht, ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten
und machten laute Bemerkungen: es waren die, denen
er nichts zu befehlen gehabt hatte und die dennoch voll
Ergebenheit gewesen waren, solange er das allgemeine
Ansehen genoß. Statt der alten Freunde aber, die auf
seinem täglichen Spaziergang sich niemals vorfanden,
kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er heimkehrte
und es schon dämmerte, und es war etwa ein kleiner
Geschäftsmann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im
Nacken saß, oder ein düsterer Trunkenbold, oder irgendein
die Häuser entlang streichender Schatten. Diese sahen ihm,
den Schritt verlangsamend, entgegen mit scheuer oder
frecher Vertraulichkeit. Sie rückten wohl zögernd ihre Kopfbedeckung,
dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die
Hand, die hingehalten ward, nahm er, ganz gleich welche.
</p>

<p>
Da die Zeit verging, beachtete auch der Haß ihn nicht
mehr. Wer mit Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgültig
vorbei, und manchmal grüßte er wieder, aus alter
Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn bei
sich hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren
sie vorüber, erklärte er dem Kinde: „Hast du den alten
Herrn gesehen, der da so allein hinschleicht und niemand
ansieht? Dann merke dir für dein Leben, was aus einem
Menschen die Schande machen kann.“ Und das Kind
ward fortan beim Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen
Grauen überlaufen, gleich wie das erwachsene
Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick
einen unerklärten Stolz gefühlt hatte. Junge Leute freilich
gab es, die der herrschenden Meinung nicht folgten.
<pb n='463'/><anchor id='Pgp0463'/>Manchmal, wenn der Alte das Haus verließ, war eben
die Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten
davon, ehrfürchtig machten sie ihren Lehrern Platz,
und Kühnchen, jetzt rückhaltlos national, oder Pastor
Zillich, sittenstrenger als je seit dem Unglück mit Käthchen,
eilten hindurch, ohne einen Blick für den Gefallenen.
Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen,
jeder für sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb.
Ihre Stirnen sahen weniger glatt aus als die meisten; sie
hatten Ausdruck in den Augen, nun sie Kühnchen und
Zillich den Rücken kehrten und vor dem alten Buck den
Kopf entblößten. Unwillkürlich hielt er dann den Schritt
an und sah in diese zukunftsträchtigen Gesichter, noch einmal
voll der Hoffnung, mit der er sein Leben lang in
alle Menschengesichter gesehen hatte.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel
Aufmerksamkeit zu wenden an nebensächliche Begleiterscheinungen
seines Aufstiegs. Die „Netziger Zeitung“,
jetzt unbedingt zu Diederichs Verfügung, stellte fest, daß
Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den
Vorsitz im Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn
Doktor Heßling zum Generaldirektor befürworten mußte.
An der Tatsache spürte mancher einen eigenartigen Geschmack.
Doch gab Nothgroschen zu bedenken, daß Herr
Generaldirektor Doktor Heßling sich ein großes und unbestrittenes
Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe.
Ohne ihn, der mehr als die Hälfte der Aktien in aller
Stille an sich gebracht hatte, wären sie sicherlich immer
tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur
Herrn Doktor Heßling, daß sie vor dem Zusammenbruch bewahrt
blieb. Der Streik war durch die Energie des neuen
<pb n='464'/><anchor id='Pgp0464'/>Generaldirektors glücklich beschworen. Seine nationale
und kaisertreue Gesinnung bürgte dafür, daß die Regierungssonne
künftig über Gausenfeld nicht mehr untergehen
werde. Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an für
das wirtschaftliche Leben Netzigs und besonders für die
Papierindustrie – zumal das Gerücht von einer Fusion
des Heßlingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer
Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen
konnte verraten, daß Herr Doktor Heßling nur unter dieser
Bedingung sich habe bewegen lassen, die Leitung Gausenfelds
zu übernehmen.
</p>

<p>
Tatsächlich hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als
das Aktienkapital erhöhen zu lassen. Für das neue
Kapital ward das Heßlingsche Werk erworben. Diederich
hatte ein glänzendes Geschäft gemacht. Seine erste Regierungshandlung
hatte der Erfolg gekrönt, er war Herr
der Lage, mit seinem Aufsichtsrat aus gefügigen Männern,
und konnte daran gehen, der inneren Organisation
des Unternehmens seinen Herrscherwillen aufzudrücken.
Gleich anfangs versammelte er sein ganzes Volk von
Arbeitern und Angestellten. „Einige von euch“, sagte er,
„kennen mich schon, vom Heßlingschen Werk her. Na,
und ihr anderen sollt mich kennenlernen! Wer mir behilflich
sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht
geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab’ ich das einem
kleinen Teil von euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie
viele ich jetzt unter meinem Befehle habe. Ihr könnt stolz
auf einen solchen Herrn sein! Verlaßt euch auf mich,
ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen
Sinn zu wecken und euch zu treuen Anhängern der bestehenden
Ordnung zu machen.“ Und er verhieß ihnen
eigene Wohnhäuser, Krankenunterstützungen, billige
<pb n='465'/><anchor id='Pgp0465'/>Lebensmittel. „Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich
mir! Wer in Zukunft anders wählt, als ich will, fliegt!“
Auch dem Unglauben, sagte Diederich, sei er zu steuern
entschlossen; jeden Sonntag werde er sich überzeugen,
wer in der Kirche sei und wer nicht. „Solange in der Welt
die unerlöste Sünde herrscht, wird es Krieg und Haß, Neid
und Zwietracht geben. Und darum: einer muß Herr sein!“
</p>

<p>
Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen,
wurden alle Räume der Fabrik bedeckt mit Inschriften,
die ihn verkündeten. Durchgang verboten! Wasserholen
mit den Eimern der Feuerlöschapparate verboten!
Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich
hatte nicht versäumt, mit einer Brauerei einen Vertrag
zu schließen, der ihm Vorteile sicherte vom Konsum seiner
Leute ... Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder mitbringen,
„Poussieren, Schäkern, Knutschen, überhaupt jede Unzucht“
strengstens verboten! In den Arbeiterhäusern waren,
noch bevor sie wirklich dastanden, Pflegekinder verboten.
Ein in freier Liebe dahinlebendes Paar, das unter Klüsing
zehn Jahre lang sich der Entdeckung zu entziehen gewußt
hatte, wurde feierlich entlassen. Dieser Vorfall war für
Diederich sogar der Anlaß, ein neues Mittel zur sittlichen
Hebung des Volkes zu verwenden. An den geeigneten
Orten ließ er ein in Gausenfeld selbst erzeugtes Papier
aufhängen, bei dessen Benutzung niemand umhin konnte,
die moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten,
mit denen es bedruckt war. Zuweilen hörte er die
Arbeiter einen von hoher Stelle stammenden Ausspruch
einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege überzeugt
worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied,
das sich ihnen bei derselben Gelegenheit eingeprägt hatte.
Ermutigt durch diese Erfolge, brachte Diederich seine
Er<pb n='466'/><anchor id='Pgp0466'/>findung in den Handel. Sie trat unter dem Zeichen
„Weltmacht“ auf, und wirklich trug sie, wie eine großzügige
Reklame es verkündete, deutschen Geist, gestützt
auf deutsche Technik, siegreich durch die Welt.
</p>

<p>
Alle Konfliktsstoffe zwischen Herrn und Arbeitern
konnten auch diese erzieherischen Papiere nicht entfernen.
Eines Tages sah Diederich sich veranlaßt, bekanntzugeben,
daß er vom Versicherungsgeld nur Zahnbehandlung,
nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann
hatte sich ein ganzes Gebiß verfertigen lassen! Da Diederich
sich auf seine, freilich erst nachträglich erlassene Bekanntmachung
berief, prozessierte der Mann und bekam
abenteuerlicherweise sogar recht. Hierdurch in seinem
Glauben an die herrschende Ordnung erschüttert, ward
er zum Aufwiegler, verkam sittlich und wäre unter anderen
Umständen unbedingt entlassen worden. So aber konnte
Diederich sich nicht entschließen, das Gebiß, das ihn teuer
zu stehen kam, dahinzugeben, und behielt daher auch den
Mann.... Die ganze Angelegenheit, er verhehlte es sich
nicht, war dem Geiste der Arbeiterschaft nicht zuträglich.
Hinzu kam die Einwirkung gefährlicher politischer Ereignisse.
Als im neu eröffneten Reichstagsgebäude mehrere
sozialdemokratische Abgeordnete beim Kaiserhoch sitzengeblieben
waren, da konnte man nicht mehr zweifeln,
die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war bewiesen.
Diederich machte in der Öffentlichkeit dafür Stimmung;
seine Leute bereitete er darauf in einer Ansprache vor,
die sie mit düsterem Schweigen aufnahmen. Die Mehrheit
des Reichstages war gewissenlos genug, die Vorlage
abzulehnen, und der Erfolg ließ nicht warten, ein Industrieller
ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller!
Der Mörder behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber
<pb n='467'/><anchor id='Pgp0467'/>das kannte Diederich von seinen eigenen Leuten her; und
der Ermordete sollte arbeiterfreundlich gewesen sein, aber
das kannte Diederich an sich selbst. Tage- und wochenlang
öffnete er keine Tür ohne Bangen vor einem dahinter
schon gezückten Messer. Sein Bureau erhielt Selbstschüsse,
und gemeinsam mit Guste kroch er jeden Abend durch das
Schlafzimmer und suchte. Seine Telegramme an den
Kaiser, mochten sie von der Stadtverordnetenversammlung
ausgehen, vom Vorstand der „Partei des Kaisers“,
vom Unternehmerverband oder vom Kriegerverein: die
Telegramme, mit denen Diederich den Allerhöchsten
Herrn überschüttete, schrien nach Hilfe gegen die von den
Sozialisten angefachte Revolutionsbewegung, der wieder
ein Opfer mehr erlegen war; nach Befreiung von dieser
Pest, nach schleunigen gesetzlichen Maßnahmen, militärischem
Schutz der Autorität und des Eigentums, nach
Zuchthausstrafen für Streikende, die jemand abhielten
zu arbeiten.... Die „Netziger Zeitung“, die alles dies
pünktlich wiedergab, vergaß aber keinesfalls hinzuzufügen,
wie sehr gerade Herr Generaldirektor Doktor Heßling
sich verdient mache um den sozialen Frieden und die
Arbeiterfürsorge. Jedes von Diederich neuerbaute Arbeiterhaus
führte Nothgroschen stark geschmeichelt im
Bilde vor und schrieb dazu einen hochgestimmten Artikel.
Mochten gewisse andere Arbeitgeber, deren Einfluß in
Netzig glücklicherweise nicht mehr in Frage kam, unter
ihren Angestellten subversive Tendenzen schüren, indem
sie sie am Gewinn beteiligten. Die von Herrn Generaldirektor
Doktor Heßling vertretenen Grundsätze zeitigten
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar beste
Verhältnis, wie Seine Majestät der Kaiser es überall
in der deutschen Industrie zu sehen wünschten. Ein
kräf<pb n='468'/><anchor id='Pgp0468'/>tiger Widerstand gegen die unberechtigten Forderungen
der Arbeiter sowie eine Koalition der Arbeitgeber gehörten
bekanntlich gleichfalls zum sozialen Programm des
Kaisers, das mit zu verwirklichen ein Ruhmestitel des
Herrn Generaldirektor Doktor Heßling war. – Und daneben
stand Diederichs Bild.
</p>

<p>
Solche Anerkennung spornte zu immer eifrigerer Betätigung
an – trotz der unerlösten Sünde, die ihre verheerende
Wirkung übrigens nicht nur geschäftlich, sondern
auch in der Familie äußerte. Hier war es leider Kienast,
der Neid und Zwietracht säte. Er behauptete, daß ohne
ihn und seine unauffällige Vermittlung beim Ankauf
der Aktien Diederich seine glänzende Stellung gar nicht
erlangt haben würde. Worauf Diederich erwiderte, daß
Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden Aktienbesitz
entschädigt sei. Dies erkannte der Schwager nicht
an, vielmehr vermaß er sich, für seine pietätlosen Ansprüche
eine rechtliche Grundlage gefunden zu haben.
War er nicht als Gatte Magdas der Mitbesitzer, zu einem
Achtel ihres Wertes, der alten Heßlingschen Fabrik gewesen?
Die Fabrik war verkauft, Diederich hatte bares
Geld und Gausenfelder Vorzugsaktien dafür bekommen.
Kienast verlangte ein Achtel der Kapitalrente und der
jährlichen Dividende der Vorzugsaktien. Auf dieses unerhörte
Ansinnen erwiderte Diederich mit aller Energie,
daß er weder seinem Schwager noch seiner Schwester
irgend etwas mehr schuldig sei. „Ich war nur verpflichtet,
euch euren Anteil vom jährlichen Gewinn meiner Fabrik
zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld gehört
nicht mir, sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital
betrifft, das ist mein Privatvermögen. Ihr habt nichts zu
fordern.“ – Kienast nannte dies einen offenen Raub,
Die<pb n='469'/><anchor id='Pgp0469'/>derich, durch die eigenen Argumente vollkommen überzeugt,
sprach von Erpressung, und dann folgte ein Prozeß.
</p>

<p>
Der Prozeß dauerte drei Jahre. Er ward mit immer
wachsender Erbitterung geführt, besonders von seiten
Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen, seine Stellung
in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog.
Als Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten Sötbier
aufgestellt, der in seiner Rachsucht nun wirklich beweisen
wollte, daß Diederich schon früher an seine Verwandten
nicht die ihnen zustehenden Summen abgeführt
habe. Auch verfiel Kienast darauf, gewisse Punkte in
Diederichs Vergangenheit mit Hilfe des jetzigen Abgeordneten
Napoleon Fischer aufhellen zu wollen: was ihm
freilich niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich
durch dieses Vorgehen genötigt, zu verschiedenen
Malen größere Beträge für die sozialdemokratische Parteikasse
zu erlegen. Und er durfte es sich sagen, sein persönlicher
Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch,
den dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren
Blick so weit nicht reichte, schürte den Streit der Männer
mehr aus weiblichen Motiven. Ihr Erstes war ein Mädchen,
und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda,
die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegengebracht
hatte, leitete den Beginn der Feindseligkeiten
von dem Tage her, als Emmi mit einem aus Berlin
bezogenen unerhörten Hut erschien. Magda stellte fest,
daß Emmi jetzt von Diederich in der empörendsten Weise
bevorzugt wurde. Emmi bewohnte in Gausenfeld ein
eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die Höhe ihres
Toilettegeldes stellte eine Unverschämtheit gegen die
verheiratete Schwester dar. Magda mußte sehen, daß
der Vorrang, den ihre Verheiratung ihr eingetragen hatte,
<pb n='470'/><anchor id='Pgp0470'/>sich in das Gegenteil verkehrte; und sie beschuldigte Diederich,
er habe sich ihrer, vor dem Anbruch seiner Glanzzeit,
heimtückisch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen
Mann fand, schien dies besondere Gründe zu haben –
die man sich in Netzig denn auch ins Ohr sagte. Magda
sah kein Hindernis, sie laut auszusprechen. Durch Inge
Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte
zugleich eine Waffe gegen die Verleumderin mit, weil
sie nämlich bei Kienasts der Hebamme begegnet war,
und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein furchtbarer
Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen
von Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlicher
Klage, wofür man Stoff sammelte, indem jede der beiden
Frauen das Zimmermädchen der anderen anwarb.
</p>

<p>
Und bald nachdem Diederich und Kienast mit männlicher
Besonnenheit den äußersten Familienskandal für
diesmal noch verhütet hatten, brach er dennoch aus.
Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie
vor jedem Dritten und sogar voreinander verstecken mußten,
so grenzenlos frivol war ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten
ihn Zeichnungen, die jedes erlaubte Maß einer
wenn auch realistischen Kunst überschritten. Pünktlich
jeden Morgen lagen die harmlos grauen Umschläge auf
dem Frühstückstisch, und jeder ließ den seinen verschwinden,
wobei man tat, als habe man den des anderen nicht bemerkt.
Eines Tages freilich war es aus mit dem Versteckenspiel,
denn Magda hatte die Kühnheit, in Gausenfeld
zu erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleichartiger
Briefe, die sie selbst erhalten haben wollte. Dies
fand Guste zu stark. „Du wirst wohl wissen, wer sie dir
schreibt!“ brachte sie hervor, erstickt und rot angelaufen.
Magda sagte, sie könne es sich denken, und darum sei
<pb n='471'/><anchor id='Pgp0471'/>sie gekommen. „Wenn du es nötig hast,“ erwiderte Guste
und zischte, „daß du dir selbst mußt solche Briefe schreiben,
damit du in Stimmung kommst, dann schreib’ sie wenigstens
anderen Leuten nicht, die es nicht nötig haben!“ Magda
protestierte und stieß ihrerseits, grün im Gesicht, Beschuldigungen
aus. Aber Guste war zum Telephon gestürzt,
sie rief Diederich aus dem Bureau herbei; dann lief
sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe zurück. Gegenüber
trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei.
Als die drei interessanten Sammlungen wirkungsvoll
ausgebreitet auf dem Tisch lagen, sahen die drei Verwandten
entgeistert einander an. Dann faßten sie sich
und schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht
an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres
Mannes an, der gleichfalls heimgesucht sei. Guste behauptete,
auch bei Emmi etwas gesehen zu haben. Emmi
ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden
Art, daß auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht
habe. Die meisten habe sie vernichtet. Die alte Frau
Heßling sogar war nicht verschont geblieben! Sie leugnete
zwar weinend, solange es ging, ward aber überführt
... Da dies alles die Angelegenheit nur erweiterte,
aber nicht klärte, trennte man sich beiderseits mit Drohungen,
die innerlich haltlos, aber keineswegs ohne Schrecken
waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der
Parteien Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zunächst
herausstellte, daß auch Inge Tietz zu den Empfängern
der unpassenden Darbietungen gehörte. Was hiernach
zu vermuten stand, bestätigte sich. Der unheimliche
Briefschreiber hatte überall in das Privatleben eingegriffen,
sogar bei Pastor Zillich, ja beim Bürgermeister
und den Seinen. Soweit man blickte, hatte er um das
<pb n='472'/><anchor id='Pgp0472'/>Haus Heßling und alle guten Häuser, die ihm nahestanden,
eine Atmosphäre der krassesten Obszönität geschaffen.
Wochenlang wagte Guste sich nicht hinaus. Ihr und
Diederichs Argwohn warf sich entsetzensvoll von dem auf
jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem Vertrautesten.
Der Tag kam und die Frühstücksstunde, da im Schoß
der Familie Heßling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte.
Ein Dokument, unbeirrbar wie noch keins, zitterte in
Gustes Hand; es hielt Augenblicke fest, die in ihrer Eigentümlichkeit
nur ihr und ihrem Gatten, tief verschwiegen,
bewußt waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hörte alles
auf. Dann aber?... Guste sandte über den Kaffeetisch
einen prüfenden Blick zu Diederich: in seiner Hand zitterte
das gleiche Papier, und auch sein Blick prüfte. Schnell
schlugen beide, schreckengepackt, die Augen nieder.
</p>

<p>
Der Verräter war überall. Wo niemand sonst war, da
war er ein zweites Ich. Durch ihn ward in nie geahnter
Weise alle bürgerliche Ehrbarkeit in Frage gestellt. Dank
seiner Tätigkeit wäre in Netzig jedes moralische Selbstgefühl
und alle gegenseitige Achtung zum Untergang
verurteilt gewesen, hätte man nicht, wie auf allseitige
Verabredung, Gegenmaßregeln getroffen, die sie wiederherstellten.
Die tausendfältigen Ängste, unterirdisch fortarbeitend
nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen
Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigten Angst den
Kanal, der ans Licht führte, und konnten endlich ihre
dunkeln Fluten ergießen über einen Mann. Gottlieb
Hornung wußte nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen
mit Diederich hatte er nach seiner Weise groß getan und
sich gewisser Briefe gerühmt, die er geschrieben haben
wollte. Auf Diederichs strenge Vorhaltungen bemerkte
er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt jeder, es sei Mode,
<pb n='473'/><anchor id='Pgp0473'/>ein Gesellschaftsspiel – was Diederich sofort gebührend
zurückwies. Er nahm aus der Unterredung den Eindruck
mit, sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung,
der schon so manche nützlichen Dienste geleistet
hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten, wäre
es selbst unfreiwillig; weshalb er ihn pflichtgemäß anzeigte.
Und als Hornung erst einmal laut genannt war,
zeigte es sich, daß er schon längst überall verdächtigt war.
Er hatte während der Wahlen zahlreiche Einblicke erhalten,
war übrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was
ihm den Unfug offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein
Verzweiflungskampf um das Recht, weder Schwämme
noch Zahnbürsten zu verkaufen; dieser Kampf verbitterte
ihn zusehends, er hatte ihm gewisse höhnische Äußerungen
entrissen, über Herrschaften, die die Schwämme
wohl nicht nur außen nötig hätten, und bei denen mit
Zähneputzen noch nichts geschehen sei. Er ward angeklagt
und gab in mehreren Fällen seine Urheberschaft
ohne weiteres zu. In den meisten freilich leugnete er
sie um so kräftiger, aber dafür gab es Schreibsachverständige.
Gegenüber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel,
der von einer Epidemie sprach und behauptete,
ein einzelner sei zu schwach für diesen ungeheuren Haufen
Mist, standen alle übrigen Aussagen, stand der öffentliche
Wille. Auf das glücklichste vertrat ihn Jadassohn, der seit
seiner Rückkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum
Staatsanwalt befördert war. Der Erfolg und das Bewußtsein,
einwandfrei dazustehen, hatten ihn sogar Mäßigung
gelehrt; er sah ein, daß Rücksicht auf das große Ganze
es gebiete, den Stimmen Gehör zu schenken, die Hornung
für nervös überreizt ausgaben. Am bestimmtesten tat
dies Diederich, der für seinen unglücklichen Jugendfreund
<pb n='474'/><anchor id='Pgp0474'/>in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem Aufenthalt
im Sanatorium davon, und als er herausdurfte,
versah Diederich ihn, wenn er nur Netzig verließ, mit
Mitteln, die ihn gegen die Schwämme und Zahnbürsten
für einige Zeit wappneten. Auf die Dauer freilich waren
sie wohl die Stärkeren, und ein gutes Ende ließ sich kaum
vorhersagen für Gottlieb Hornung.... Natürlich hörten,
sobald er wohlverwahrt in der Anstalt saß, die Briefe auf.
Oder wenigstens ließ man sich, wenn noch einer kam, nichts
mehr merken, die Affäre war abgetan.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
Diederich durfte wieder sagen: „Mein Haus ist meine
Burg.“ Die Familie, nicht länger schmutzigen Eingriffen
ausgesetzt, blühte auf das reinste empor. Nach Gretchen,
die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte 1896
Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der
Kinder, noch bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst
die Kosten der Ausstattung und der Hebamme ein.
Seine Auffassung vom Eheleben war die strengste. Horst
kam nicht ohne Mühe zur Welt. Als es vorüber war,
erklärte Diederich seiner Gattin, daß er, vor die Wahl
gestellt, sie glatt hätte sterben lassen. „So peinlich es mir
gewesen wäre“, setzte er hinzu. „Aber die Rasse ist wichtiger,
und für meine Söhne bin ich dem Kaiser verantwortlich.“
Die Frauen waren der Kinder wegen da,
Frivolitäten und Ungehörigkeiten versagte Diederich
ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen Erhebung und
Erholung zu gönnen. „Halte dich an die drei <anchor id="corr474"/><corr sic="großen G">großen G“</corr>,
bedeutete er Guste. „Gott, Gafee und Gören.“ Auf dem
rotgewürfelten Tischtuch, mit Reichsadler und Kaiserkrone
in den Würfeln, lag neben der Kaffeekanne immer
die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen daraus
<pb n='475'/><anchor id='Pgp0475'/>vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. „Es
ist oben erwünscht“, sagte Diederich ernst, wenn Guste
sich sträubte. Wie Diederich in der Furcht seines Herrn,
hatte Guste in der Furcht des ihren zu leben. Beim Eintritt
ins Zimmer war es ihr bewußt, daß dem Gatten
der Vortritt gebühre. Die Kinder wieder mußten ihr
selbst die Ehre erweisen, und der Teckel Männe hatte alle
zu Vorgesetzten. Beim Essen dann oblag es Hund und
Kindern, sich schweigend zu verhalten; Gustes Sache war
es, aus den Stirnfalten des Gatten zu ersehen, ob es
geboten sei, daß man ihn ungestört lasse, oder aber ihm
durch Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte
wurden nur für den Hausherrn aufgetragen, und
Diederich warf an guten Tagen ein Stück davon über
den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es erwischte,
Gretchen, Guste oder Männe. Sein Nachmittagsschlaf
war öfters durch eine Verdauungsstörung beschwert;
Gustes Pflicht erheischte dann, ihm warme Bauchbinden
anzulegen. Diederich verhieß ihr, ächzend und schwer
beängstet, daß er sein Testament machen und einen Vormund
einsetzen werde. Guste werde kein Geld in die Hand
bekommen. „Ich hab’ für meine Söhne gearbeitet, aber
nicht, damit du dich nachher amüsierst!“ Guste machte
geltend, ihr eigenes Vermögen sei die Grundlage von
allem, aber sie kam schön an ... Freilich, wenn Guste
den Schnupfen hatte, durfte sie nicht erwarten, daß Diederich
nun seinerseits ihre Pflege übernahm. Sie hatte sich
dann nach Möglichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich
war entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik
betrat er nur mit desinfizierenden Tabletten im Munde;
und eines Nachts entstand großer Lärm, weil die Köchin
an Influenza erkrankt war und vierzig Grad Fieber hatte.
<pb n='476'/><anchor id='Pgp0476'/>„Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!“ befahl
Diederich; und als sie fort war, irrte er noch lange, keimtötende
Flüssigkeiten verspritzend, durch die Wohnung.
</p>

<p>
Am Abend bei der Lektüre des „Lokal-Anzeigers“ erklärte
er seiner Gattin immer wieder, daß leben nicht notwendig
sei, wohl aber schiffahren – was Guste schon
darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht
mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen
von gewissen häuslichen Zuständen in Schloß
Friedrichskron, die Guste lebhaft mißbilligte. Gegen England
brauchten wir eine starke Flotte; es mußte unbedingt
zerschmettert werden, es war der ärgste Feind des Kaisers.
Und warum? Man wußte es in Netzig ganz genau:
nur weil Seine Majestät einst in angeregter Laune dem
Prinzen von Wales dort, wo es am verlockendsten erschien,
einen freundschaftlichen Schlag versetzt hatte. Außerdem
kamen aus England gewisse feine Papiersorten, deren
Einfuhr durch einen siegreichen Krieg am sichersten abgestellt
worden wäre. Über die Zeitung hinweg sagte
Diederich zu Guste: „So wie ich England hasse, hat nur
Friedrich der Große dies Volk von Dieben und Händlern
gehaßt. Das ist ein Wort Seiner Majestät, und ich unterschreibe
es.“ Er unterschrieb jedes Wort in jeder Rede
des Kaisers, und zwar in der ersten, stärkeren Form, nicht
in der abgeschwächten, die sie am Tage darauf annahmen.
Alle diese Kernworte deutschen und zeitgemäßen Wesens
– Diederich lebte und webte in ihnen, wie in Ausstrahlungen
seiner eigenen Natur, sein Gedächtnis bewahrte
sie, als habe er sie selbst gesprochen. Manchmal hatte er
sie wirklich schon gesprochen. Andere untermischte er bei
öffentlichen Gelegenheiten seinen eigenen Erfindungen,
und weder er noch ein anderer unterschied, was von ihm
<pb n='477'/><anchor id='Pgp0477'/>kam und was von einem Höheren ... „Dies ist süß“,
sagte Guste, die das Vermischte las. „Der Dreizack gehört
in unsere Faust“, behauptete Diederich unbeirrt,
indes Guste ein Erlebnis der Kaiserin zum besten gab,
das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel sich die
hohe Frau in einfacher, beinahe bürgerlicher Kleidung.
Ein Briefträger, dem sie sich auf der Landstraße zu erkennen
gab, hatte ihr nicht geglaubt, daß sie es sei, und
sie ausgelacht. Nachher war er vernichtet auf die Knie
gesunken und hatte eine Mark erhalten. Dies entzückte
auch Diederich – wie es ihm andererseits an das Herz
griff, daß der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Straße
ging, um mit 57 Mark neugeprägten Geldes den Armen
Berlins ein frohes Fest zu bereiten – und wie es ihn
ahnungsvoll erschauern ließ, daß Seine Majestät Ehrenbailli
des Maltheserordens geworden war. Welten, nie
geahnt, erschloß der „Lokal-Anzeiger“, und dann wieder
brachte er einem die Allerhöchsten Herrschaften gemütlich
nahe. Im Erker dort die dreiviertel lebensgroßen Bronzefiguren
der Majestäten schienen lächelnd näher zu rücken,
und den Trompeter von Säckingen, der sie begleitete,
hörte man traulich blasen. „Himmlisch muß es bei Kaisers
sein,“ meinte Guste, „wenn große Wäsche ist. Sie haben
hundert Leute zum Waschen!“ Wohingegen Diederich
von tiefem Wohlgefallen erfüllt ward durch die Teckel
des Kaisers, die vor den Schleppen der Hofdamen keine
Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte in ihm,
bei seiner nächsten Soiree seinem Männe volle diesbezügliche
Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden
Spalte machte ein Telegramm ihm ernste Sorge, weil
es noch immer nicht feststand, ob der Kaiser und der Zar
sich treffen würden. „Wenn es nicht bald kommt,“ sagte
<pb n='478'/><anchor id='Pgp0478'/>er gewichtig, „müssen wir uns auf alles gefaßt machen.
Die Weltgeschichte läßt nicht mit sich spaßen.“ Gern hielt
er sich länger bei drohenden Katastrophen auf, denn „die
deutsche Seele ist ernst, fast tragisch“, stellte er fest.
</p>

<p>
Aber Guste zeigte keine Teilnahme mehr, sie gähnte
immer häufiger. Unter dem strafenden Blick des Gatten
schien sie sich an eine Pflicht zu erinnern, sie machte
herausfordernde Schlitzaugen und bedrängte ihn sogar
mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken
äußern, da sagte Guste mit ungewohnt strenger
Stimme „Quatsch“; Diederich aber, weit entfernt, diesen
Übergriff zu bestrafen, blinzelte sie an, als erwartete er
noch mehr ... Da er sie unten zu umspannen versuchte,
verscheuchte sie vollends ihre Müdigkeit, und plötzlich
hatte er eine mächtige Ohrfeige – worauf er nichts erwiderte,
sondern aufstand und sich schnaufend hinter einen
Vorhang drückte. Und als er wieder in das Licht kam,
zeigte es sich, daß seine Augen keineswegs blitzten, sondern
voll Angst und dunkeln Verlangens standen ...
Dies schien Guste die letzten Bedenken zu nehmen. Sie
erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den Hüften
schaukelte, begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den
wurstförmigen Finger gebieterisch gegen den Boden gestreckt,
zischte sie: „Auf die Knie, elender Schklafe!“ Und
Diederich tat, was sie heischte! In einer unerhörten und
wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm
befehlen: „Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!“ –
und dann auf den Rücken gelagert, ließ er sich von ihr
in den Bauch treten. Freilich unterbrach sie sich inmitten
dieser Tätigkeit und fragte plötzlich ohne ihr grausames
Pathos und streng sachlich: „Haste genug?“ Diederich
rührte sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin.
<pb n='479'/><anchor id='Pgp0479'/>„Ich bin die Herrin, du bist der Untertan“, versicherte
sie ausdrücklich. „Aufgestanden! Marsch!“ – und sie
stieß ihn mit ihren Grübchenfäusten vor sich her nach dem
ehelichen Schlafgemach. „Freu’ dich!“ verhieß sie ihm
schon, da gelang es Diederich, zu entwischen und das Licht
abzudrehen. Im Dunkeln, versagenden Herzens vernahm
er, wie Guste dort hinten ihm die wenigst anständigen
Namen gab, wobei sie freilich schon wieder gähnte.
Etwas später lag sie vielleicht schon und schlief – Diederich
aber, noch immer des Äußersten gewärtig, kroch auf
allen Vieren die Estrade hinan und versteckte sich hinter
dem bronzenen Kaiser ...
</p>

<p>
Regelmäßig nach solchen nächtlichen Phantasien ließ
er sich am Morgen das Wirtschaftsbuch vorlegen, und
wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt aufging. Durch
ein fürchterliches Strafgericht in Gegenwart aller Dienstboten
setzte Diederich ihrem kurzen Machtdünkel, falls
sie noch eine Erinnerung daran bewahrte, ein jähes Ende.
Autorität und Sitte triumphierten wieder. Auch sonst
war dafür gesorgt, daß die ehelichen Beziehungen nicht
allzusehr zum Vorteil Gustes ausschlugen, denn jeden
zweiten, dritten Abend, manchmal noch öfter, ging Diederich
fort – zum Stammtisch in den Ratskeller, wie er
sagte, aber das stimmte nicht immer ... Am Stammtisch
war Diederichs Platz unter einem gotischen Bogen, in
dem zu lesen stand: „Je schöner die Kneip’, desto schlimmer
das Weib, je schlimmer das Weib, desto schöner die Kneip’.“
Und auch die kernigen alten Sinnsprüche in den übrigen
Bogen rächten einen in wohltuender Weise für die Zugeständnisse,
die man, durch die Natur genötigt, der Frau
daheim zuweilen machte. „Wer nicht liebt Wein und Gesang,
verdient ein Weib sein Leben lang“, oder „Behüt
<pb n='480'/><anchor id='Pgp0480'/>euch Gott vor Schmerz und Wunden, vor bösen Weibern
und bösen Hunden“. Dagegen las, wer zwischen Jadassohn
und Heuteufel die Augen zur Decke erhob: „Friedliche
Rast am traulichen Herd, und an der Wand ein schneidiges
Schwert. Nach alter Sitt’ in deutscher Mitt’, kommt
trinkt euch aller Sorgen quitt“. Was allerseits geschah,
ohne Unterschied der Konfession und Partei. Denn auch
Cohn und Heuteufel samt ihren näheren Freunden und
Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich eingefunden,
einer nach dem anderen und ohne viel Aufsehen,
weil es eben auf die Dauer niemandem möglich
war, den Erfolg zu bestreiten oder zu übersehen, der den
nationalen Gedanken beflügelte und immer höher trug.
Das Verhältnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich
litt nach wie vor unter Mißhelligkeiten. Zwischen den
Weltanschauungen lagen denn doch unübersteigbare
Schranken, und „in seine religiösen Überzeugungen läßt
sich der Deutsche nicht hineinreden“, wie man auf beiden
Seiten feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich
jede Ideologie vom Übel. Seinerzeit im Frankfurter
Parlament hatten gewisse hochbedeutende Männer gesessen,
aber es waren noch keine Realpolitiker gewesen,
und darum hatten sie nichts als Unsinn gemacht, wie Diederich
bemerkte. Übrigens milde gestimmt durch seine
Erfolge, gab er zu, daß das Deutschland der Dichter und
Denker vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe.
„Aber es war doch nur eine Vorstufe, unsere geistigen
Leistungen heute liegen auf dem Gebiet der Industrie
und Technik. Der Erfolg beweist.“ Heuteufel mußte es
zugeben. Seine Äußerungen über den Kaiser, über Wirksamkeit
und Bedeutung Seiner Majestät klangen wesentlich
zurückhaltender als ehedem; bei jedem neuen
Auf<pb n='481'/><anchor id='Pgp0481'/>treten des allerhöchsten Redners stutzte er, versuchte zu
nörgeln und ließ doch erkennen, daß er am liebsten sich
einfach angeschlossen hätte. Der entschiedene Liberalismus,
dies ward nachgerade allgemein anerkannt, konnte
nur gewinnen, wenn auch er sich mit der Energie des nationalen
Gedankens erfüllte, wenn er positiv mitarbeitete
und bei zielbewußtem Hochhalten des freiheitlichen Banners
doch den Feinden, die uns den Platz in der Sonne
nicht gönnten, ein unerbittliches <foreign rend="antiqua">quos ego</foreign> zurief. Denn
nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer aufs
neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unverschämten
Engländern rückte näher! Die Flotte, für deren
Ausbau die geniale Propaganda unseres genialen Kaisers
unermüdlich wirkte, tat uns bitter not, und unsere Zukunft
lag tatsächlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis
gewann immer mehr an Boden. Rings um den Stammtisch
griff die Idee der Flotte Platz und ward zur lodernden
Flamme, die immer neu mit deutschem Wein genährt,
ihrem Schöpfer huldigte. Die Flotte, diese Schiffe,
verblüffende Maschinen bürgerlicher Erfindung, die in
Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten, genau wie in
Gausenfeld gewisse Maschinen ein gewisses „Weltmacht“
benanntes Papier produzierten, sie lag Diederich mehr
als alles am Herzen, und Cohn wie Heuteufel wurden
dem nationalen Gedanken vor allem durch die Flotte
gewonnen: Eine Landung in England war der Traum,
der unter den gotischen Gewölben des Ratskellers nebelte.
Die Augen funkelten, und die Beschießung Londons ward
verhandelt. Die Beschießung von Paris war eine Begleiterscheinung
und vollendete die Pläne, die Gott mit
uns vorhatte. Denn „die christlichen Kanonen tun gute
Arbeit“, wie Pastor Zillich sagte. Nur Major Kunze
be<pb n='482'/><anchor id='Pgp0482'/>zweifelte dies, er erging sich in den düstersten Voraussagen.
Seit er, Kunze, von dem Genossen Fischer besiegt
worden war, hielt er jede Niederlage für möglich.
Aber er blieb der einzige Nörgler. Wer am meisten
triumphierte, war Kühnchen. Die Taten, die der schreckliche
kleine Greis einst im großen Krieg vollführt hatte,
jetzt endlich, ein Vierteljahrhundert später, fanden sie
ihre wahre Bestätigung in der allgemeinen Gesinnung.
„Die Saat,“ sagte er, „die wir dunnemals gesät haben, na
nu geht se auf. Daß meine alten Augen das noch sehen
dürfen!“ – und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche.
</p>

<p>
Im ganzen erfreulich gestaltete sich auch Diederichs
Verhältnis zu Jadassohn. Die ehemaligen Rivalen, beide
gereift und in die Sphäre der gesättigten Existenzen vorgerückt,
beeinträchtigten einander weder politisch noch
am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen
Villa, die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte,
wo er ohne Gustes Wissen dem Stammtisch fernblieb.
Sie lag vor dem Sachsentor, es war die ehemals von
Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer einzelnen
Dame, die selten öffentlich gesehen ward und dann
niemals zu Fuß. In einer Proszeniumsloge der „Walhalla“
saß sie zuweilen in großer Aufmachung, ward allgemein
durch die Operngläser betrachtet, aber von niemand
gegrüßt; und ihrerseits verhielt sie sich wie eine
Königin, die ihr Inkognito wahrt. Natürlich wußte trotz
der Aufmachung alle Welt, das war Käthchen Zillich,
die, in Berlin für ihren Beruf vorgebildet, ihn in der
von Brietzenschen Villa nunmehr erfolgreich ausübte.
Auch verkannte niemand, daß dieser Tatbestand nicht
geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu heben.
Die Gemeinde nahm schweres Ärgernis, zu schweigen
<pb n='483'/><anchor id='Pgp0483'/>von den Spöttern, die entzückt waren. Um eine Katastrophe
abzuwenden, beantragte der Pastor bei der Polizei
die Beseitigung des Übels, stieß aber auf einen Widerstand,
der nur erklärlich schien, wenn man gewisse Zusammenhänge
annahm zwischen der Villa von Brietzen
und den höchsten Stellen der Stadt. An der irdischen Gerechtigkeit
nicht weniger als an der göttlichen verzweifelnd,
schwor der Vater, das Amt des Richters selbst zu übernehmen,
und wirklich sollte er eines Nachmittags, als
sie noch im Bette lag, die verlorene Tochter einer Züchtigung
unterzogen haben. Nur der Mutter, die ihm, alles
ahnend, gefolgt war, verdankte Käthchen ihr nacktes
Leben, wie die Gemeinde behauptete. Der Mutter
sagte man eine verwerfliche Schwäche nach für die Tochter
in ihrem sündigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf,
so erklärte er von der Kanzel herab Käthchen für tot und
verfault, wodurch er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums
rettete. Mit der Zeit verstärkte die ihm widerfahrene
Prüfung seine Autorität ... Diederich seinerseits
kannte von den Herren, die an Käthchens Lebenswandel
mit Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn,
obwohl Jadassohn von allen die kleinsten Einlagen
machte, Diederich vermutete sogar, gar keine. Jadassohns
Beziehungen zu Käthchen lagen eben, noch von früher
her, als Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm Diederich
keinen Anstand, die Sorgen, die es ihm machte, mit
Jadassohn zu besprechen. Die beiden rückten am Stammtisch
in der Nische zusammen, die die Inschrift trug: „Was
einem Mann zur Lust ein minnig Weiblein brät, gar wohl
gerät“; und mit der gebotenen Rücksicht auf Pastor Zillich,
der nicht weit davon über die christlichen Kanonen handelte,
besprachen sie die Angelegenheiten der Villa von
<pb n='484'/><anchor id='Pgp0484'/>Brietzen. Diederich beklagte sich über Käthchens unersättliche
Ansprüche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete
er einen günstigen Einfluß auf sie in dieser Beziehung.
Aber Jadassohn fragte nur: „Wozu haben Sie
sie denn? Sie soll doch Geld kosten?“ Und dies war auch
wieder richtig. Denn nach seiner ersten kurzen Genugtuung,
Käthchen auf diesem Wege doch noch erworben
zu haben, betrachtete Diederich sie nachgerade nur mehr
als einen Posten, einen stattlichen Posten auf seinem
Reklamekonto. „Meine Stellung,“ sagte er zu Jadassohn,
„erfordert eine großzügige Repräsentation. Sonst
würde ich, offen gestanden, das ganze Geschäft fallen
lassen, denn unter uns, Käthchen bietet nicht genug.“ Hier
lächelte Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. „Überhaupt,“
fuhr Diederich fort, „ist sie dasselbe Genre wie
meine Frau, und meine Frau“ – er hielt die Hand vor –
„ist leistungsfähiger. Sehen Sie, gegen sein Gemüt kann
man nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa
von Brietzen kommt es mir vor, als ob ich meiner Frau
etwas schulde. Lachen Sie nur, tatsächlich schenke ich
ihr dann immer was. Wenn es ihr nur nicht auffällt!“
Jadassohn lachte mit noch mehr Grund, als Diederich
meinte; denn er hatte es schon längst für seine sittliche
Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor Heßling aufzuklären
über diese Zusammenhänge.
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<p>
Im Politischen ergab sich für Diederich und Jadassohn
ein ähnlich ersprießliches Zusammenwirken wie bei
Käthchen; denn gemeinsam beeiferten sie sich, die Stadt
von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von solchen,
die die Pest der Majestätsbeleidigungen weiter verbreiteten.
Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte
sie ausfindig, worauf Jadassohn sie ans Messer lieferte.
<pb n='485'/><anchor id='Pgp0485'/>Nach dem Erscheinen des Sanges an Aegir gestaltete sich
ihre Tätigkeit besonders fruchtbar. In Diederichs eigenem
Hause nannte die Klavierlehrerin, die mit Guste übte, den
Sang an Aegir einen –! In das, was sie gesagt hatte,
flog sie selbst ... Wolfgang Buck sogar, der neuerdings
wieder in Netzig weilte, erklärte die Verurteilung für
durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische
Gefühl. „Einen Freispruch hätte das Volk nicht verstanden“,
sagte er am Stammtisch. „Die Monarchie ist unter
den politischen Regimen eben das, was in der Liebe die
strengen und energischen Damen sind. Wer dementsprechend
veranlagt ist, verlangt, daß etwas geschieht,
und mit Milde ist ihm nicht gedient.“ Hier errötete Diederich
... Leider bekundete Buck solche Gesinnungen nur,
solange er nüchtern war. Späterhin gab er durch seine
von früher her sattsam bekannte Art, die heiligsten Güter
in den Schmutz zu ziehen, Gelegenheit genug, ihn aus
jeder anständigen Gesellschaft auszuschließen. Diederich
war es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte. Er verteidigte
seinen Freund. „Die Herren müssen bedenken,
er ist erblich belastet, denn die Familie weist Anzeichen
einer schon ziemlich weit vorgeschrittenen Degeneration
auf. Andererseits spricht es für einen gesunden Kern
in ihm, daß das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht
befriedigt hat und daß er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt
zurückgefunden hat.“ Man erwiderte, es sei verdächtig,
wenn Buck sich über seine fast dreijährigen Erfahrungen
beim Theater so völlig ausschweige. War er
überhaupt noch satisfaktionsfähig? Diese Frage konnte
Diederich nicht beantworten; es war ein logisch nicht begründeter,
aber tiefsitzender Drang, der ihn dem Sohn
des alten Buck immer wieder näherte. Immer wieder
<pb n='486'/><anchor id='Pgp0486'/>nahm er mit Eifer eine Unterredung auf, die doch jedesmal
schroff abbrach, nachdem sie die schärfsten Gegensätze
bloßgelegt hatte. Er führte Buck sogar in sein Heim ein,
erlebte dabei aber eine Überraschung. Denn wenn Buck
anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe
kam, bald kam er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden
sich über Diederich hinweg und in einer Art,
die ihn befremdete. Sie führten spitze und scharfe Gespräche,
anscheinend ohne das Gemüt oder die anderen
Faktoren, die der Verkehr der Geschlechter normalerweise
in Betrieb setzte; und senkten sie die Stimmen und
wurden vertraulich, fand Diederich sie vollends unheimlich.
Er hatte nur die Wahl, ob er dazwischenfahren und
korrekte Verhältnisse herstellen oder aber das Zimmer
verlassen sollte. Zu seinem eigenen Erstaunen entschied
er sich für das letztere. „Sie haben beide sozusagen ihre
Schicksale gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren“,
sagte er sich mit der Überlegenheit, die ihm zukam, und
ohne viel darauf zu achten, daß er im Grunde stolz war
auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine eigene Schwester, fein
genug, besonders genug, ja, fragwürdig genug schien,
um sich mit Wolfgang Buck zu verständigen. „Wer weiß“,
dachte er zögernd, und dann entschlossen: „Warum nicht!
Bismarck hat es auch so gemacht, mit Österreich. Zuerst
niedergeworfen, dann ein Bündnis!“
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<p>
Aus diesen noch dunklen Überlegungen heraus widmete
Diederich auch dem Vater Wolfgangs wieder ein gewisses
Interesse. Der alte Buck, von einem Herzleiden befallen,
kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann stand
er die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar
in die Auslage vertieft, in Wirklichkeit aber einzig
bemüht, zu verbergen, daß er nicht atmen konnte. Was
<pb n='487'/><anchor id='Pgp0487'/>dachte er? Wie urteilte er über die neue geschäftliche Blüte
Netzigs, den nationalen Aufschwung und über die, die jetzt
die Macht hatten? War er überzeugt und auch innerlich
besiegt? Es kam vor, daß Generaldirektor Doktor Heßling,
der mächtigste Mann der Bürgerschaft, sich heimlich
in ein Haustor drückte, um dann ungesehen hinterdrein zu
schleichen hinter diesem einflußlosen, schon halb vergessenen
Alten: er auf seiner Höhe rätselhaft beunruhigt durch einen
Sterbenden ... Da der alte Buck seine Hypothekenzinsen
nur noch mit Verspätung zahlte, schlug Diederich dem
Sohn vor, er wolle das Haus übernehmen. Natürlich
dürfe der alte Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch
die Einrichtung wollte Diederich kaufen und sogleich bezahlen.
Wolfgang bestimmte den Vater, anzunehmen.
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<p>
Inzwischen ging der 22. März vorüber, Wilhelm der
Große war hundert Jahre alt geworden, und sein Denkmal
stand noch immer nicht im Volkspark. Die Interpellationen
in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein
Ende, mehrmals waren unter schweren Kämpfen Nachtragskredite
bewilligt und wieder überschritten worden.
Der schwerste Schlag hatte die Gemeinde getroffen, als
Seine Majestät den höchstseligen Großvater als Fußgänger
ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen. Diederich,
von Ungeduld getrieben, ging des öfteren am Abend in
die Meisestraße, um sich vom Stand der Arbeiten zu
überzeugen. Es war Mai und peinlich warm noch in der
Dämmerung, aber auf dem leeren, neu angepflanzten
Areal des Volksparkes ging ein Luftzug. Diederich sann
wieder einmal mit gereizten Gefühlen dem glänzenden
Geschäft nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin
hier gemacht hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstücksgeschäfte
waren kein Kunststück, wenn der Vetter
<pb n='488'/><anchor id='Pgp0488'/>Regierungspräsident war. Die Stadt mußte ihm einfach
das Ganze abnehmen für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal
und mußte zahlen, was er verlangte ... Da tauchten
zwei Gestalten auf; Diederich sah rechtzeitig, wer es
war und zog sich ins Gebüsch zurück.
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<p>
„Hier läßt sich atmen“, sagte der alte Buck. Sein Sohn
erwiderte:
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<p>
„Wenn einem hier nicht die Lust dazu vergeht. Sie
haben anderthalb Millionen Schulden gemacht, um dieses
Müllager zu schaffen.“ Und er zeigte auf den unfertigen
Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundbänken,
Löwen, Tempeln und Figuren. Die Adler setzten flügelschlagend
ihre Krallen in den noch leeren Sockel, andere
Exemplare nisteten wieder auf jenen, die Rundbänke
symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort holten aber
auch Löwen zum Sprung aus nach dem Vordergrund,
wo ohnehin Aufregung genug herrschte durch flatternde
Fahnen und heftig agierende Menschen. Napoleon der
Dritte, in der geknickten Haltung von Wilhelmshöhe die
Rückwand des Sockels zierend, als Besiegter hinter dem
Triumphwagen, war überdies immer in Gefahr, von
einem Löwen angefallen zu werden, der gerade hinter
ihm, auf der Treppe des Monuments, seinen schlimmsten
Buckel machte – wohingegen Bismarck und die anderen
Paladine, mitten im Tierkäfig wie zu Hause, vom Fuß
des Sockels mit allen Händen hinauflangten, um mit
anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers.
</p>

<p>
„Wer müßte nun dort oben einhersprengen?“ fragte
Wolfgang Buck. „Der Alte war nur ein Vorläufer. Dies
mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit Ketten von
uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was
von allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes.“
</p>

<pb n='489'/><anchor id='Pgp0489'/>

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Nach einer Weile – die Dämmerung graute – sagte
der Vater: „Und du, mein Sohn? Auch dir schien es
einmal der Endzweck, zu spielen.“
</p>

<p>
„Wie meinem ganzen Geschlecht. Mehr können wir
nicht. Wir sollten uns leicht und klein nehmen heute, es
ist die sicherste Haltung angesichts der Zukunft; und ich
sage nicht, daß es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich die
Bühne wieder verlassen habe. Lächerlich, Vater, ich bin
gegangen, weil einmal, als ich spielte, ein Polizeipräsident
geweint hatte. Aber bedenke auch, ob dies erträglich
war. Feinheiten letzten Grades, Einsicht in Herzen, hohe
Moral, Modernität des Intellektes und der Seele stelle
ich für Menschen dar, die meinesgleichen scheinen, weil
sie mir zuwinken und betroffene Gesichter haben. Nachher
aber liefern sie Revolutionäre aus und schießen auf
Streikende. Denn mein Polizeipräsident steht für alle.“
</p>

<p>
Hier wandte Buck sich genau dem Busch zu, der Diederich
barg.
</p>

<p>
„Kunst bleibt euch Kunst, und alles Ungestüm des
Geistes rührt nie an euer Leben. Den Tag, an dem die
Meister eurer Kultur dies begriffen hätten wie ich,
würden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden
Tieren.“ Und er zeigte nach den Löwen und Adlern.
Auch der Alte sah auf das Denkmal; er sagte:
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<p>
„Sie sind sehr mächtig geworden; aber durch ihre Macht
ist in die Welt weder mehr Geist noch mehr Güte gekommen.
Also war es umsonst. Auch wir waren scheinbar
umsonst da.“ Er blickte auf den Sohn. „Dennoch dürft
ihr ihnen das Feld nicht lassen.“
</p>

<p>
Wolfgang seufzte schwer. „Worauf hoffen, Vater?
Sie hüten sich, die Dinge auf die Spitze zu treiben, wie
jene Privilegierten vor der Revolution. Aus der Geschichte
<pb n='490'/><anchor id='Pgp0490'/>haben sie leider Mäßigung gelernt. Ihre soziale Gesetzgebung
baut vor und korrumpiert. Sie sättigt das Volk
gerade so weit, daß es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich
zu kämpfen, um Brot, geschweige Freiheit. Wer
zeugt noch gegen sie?“
</p>

<p>
Da reckte der Alte sich auf, seine Stimme ward noch einmal
klangvoll. „Der Geist der Menschheit“, sagte er, und
nach einer Pause, da der Junge den Kopf gesenkt hielt:
</p>

<p>
„Du mußt ihm glauben, mein Sohn. Wenn die Katastrophe,
der sie auszuweichen denken, vorüber sein wird,
sei gewiß, die Menschheit wird das, worauf die erste Revolution
folgte, nicht scham- und vernunftloser nennen,
als die Zustände, die die unseren waren.“
</p>

<p>
Er sagte leise wie aus der Ferne: „Der würde nicht
gelebt haben, der nur in der Gegenwart lebte.“
</p>

<p>
Plötzlich schien es, als schwankte er. Der Sohn griff rasch
hin, und an seinem Arm, zusammengesunken und stockenden
Schrittes, verschwand der Alte im Dunkel. Diederich
aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das Gefühl,
aus einem bösen, wenn auch größtenteils unbegreiflichen
Traum zu kommen, worin an den Grundlagen gerüttelt
worden war. Und trotz dem Unwirklichen, das alles Gehörte
an sich hatte, schien hier tiefer gerüttelt worden zu
sein, als je der ihm bekannte Umsturz rüttelte. Dem einen
dieser beiden waren die Tage gezählt, der andere hatte
auch nicht viel vor sich, aber Diederich fühlte, es wäre besser
gewesen, sie hätten einen gesunden Lärm im Lande geschlagen,
als daß sie hier im Dunkeln diese Dinge flüsterten,
die doch nur von Geist und Zukunft handelten.
</p>

<milestone unit="tb"/>

<p>
In der Gegenwart gab es freilich greifbarere Angelegenheiten.
Gemeinsam mit dem Schöpfer des Denkmals
ent<pb n='491'/><anchor id='Pgp0491'/>warf Diederich das künstlerische Arrangement für die
Feier der Enthüllung – wobei der Schöpfer mehr Entgegenkommen
bewies, als man von ihm erwartet haben
würde. Überhaupt kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten
seines Berufes hervor, nämlich Genie und vornehme Gesinnung,
während er sich im übrigen durchaus korrekt und
geschäftstüchtig zeigte. Der junge Mann, ein Neffe des
Bürgermeisters Doktor Scheffelweis, lieferte ein Beispiel
dafür, daß es, veralteter Vorurteile ungeachtet, überall
Anständigkeit gibt, und daß noch kein Grund zum Verzweifeln
ist, wenn ein junger Mensch für ein Brotstudium
zu faul ist und Künstler wird. Als er das erstemal von
Berlin nach Netzig zurückkehrte, trug er noch eine Samtjacke
und zog der Familie nur Unannehmlichkeiten zu;
aber bei seinem zweiten Besuch besaß er schon einen
Zylinder, und nicht lange, so ward er von Seiner Majestät
entdeckt und durfte für die Siegesallee das wohlgetroffene
Bildnis des Markgrafen Hatto des Gewaltigen
schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden bedeutendsten
Zeitgenossen, des Mönches Tassilo, der an einem Tage hundert
Liter Bier trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz,
der die Berliner robotten lehrte, wenn sie ihn dann auch
hängten. Auf die Verdienste des Ritters Klitzenzitz hatten
Seine Majestät den Oberbürgermeister noch besonders aufmerksam
gemacht, was wieder günstig zurückgewirkt hatte
auf die Karriere des Bildhauers. Man konnte nicht Zuvorkommenheit
genug haben für einen Mann, auf dem ein
unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag; Diederich
stellte ihm sein Haus zur Verfügung, er mietete ihm auch
das Reitpferd, das der Künstler brauchte, um seine Kräfte
spielen zu lassen – und welche Aussichten, als der berühmte
Gast die ersten Zeichenversuche des kleinen Horst
<pb n='492'/><anchor id='Pgp0492'/>vielversprechend nannte! Diederich bestimmte stehenden
Fußes Horst der Kunst, dieser so zeitgemäßen Laufbahn.
</p>

<p>
Wulckow, der keinen Sinn für die Kunst hatte und sich
mit dem Günstling Seiner Majestät nicht zu stellen
wußte, bekam vom Denkmalskomitee die Ehrengabe von
2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht
hatte; die bei der Enthüllung zu haltende Festrede aber
übertrug das Komitee seinem ordentlichen Vorsitzenden,
dem geistigen Schöpfer des Denkmals und Begründer
der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung geführt
hatte, Herrn Stadtverordneten Generaldirektor
Doktor Heßling, bravo! Diederich, bewegt und geschwellt,
sah sich am Fuße neuer Erhöhungen. Der Oberpräsident
selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz sollte Diederich
reden, welche Folgen versprach das! Wulckow freilich
schickte sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil ausgeschaltet,
weigerte er sich sogar, auf der Tribüne der
offiziellen Damen auch Guste zuzulassen. Diederich hatte
dieserhalb mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief, aber
ohne Ergebnis blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste
heim. „Es bleibt dabei, du sollst keine offizielle Dame
sein. Man wird ja sehen, wer offizieller ist, du oder er!
Er soll dich noch bitten! Ich hab’ ihn Gott sei Dank nicht
mehr nötig, aber er vielleicht mich.“ – Und so kam es,
denn als das nächste Heft der „Woche“ erschien, was
brachte es außer den gewohnten Kaiserbildern? Zwei
Porträtaufnahmen, die eine den Schöpfer des Netziger
Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend, wie er gerade an
seinem Werk den letzten Hammerschlag tat, die andere aber
den Vorsitzenden des Komitees und seine Gattin, Diederich
samt Guste. Von Wulckow nichts – was allgemein
bemerkt und als Zeichen angesehen ward, daß seine
Stel<pb n='493'/><anchor id='Pgp0493'/>lung erschüttert sei. Er selbst mußte es fühlen, denn er
tat Schritte, um doch noch in die „Woche“ zu kommen.
Er suchte Diederich auf, aber Diederich ließ sich verleugnen.
Der Künstler seinerseits brauchte Ausflüchte. Da
geschah es tatsächlich, daß Wulckow auf der Straße an
Guste herantrat. Die Geschichte mit dem Platz bei den
offiziellen Damen sei ein Mißverständnis ... „Schön hat er
gemacht wie unser Männe“, berichtete Guste. „Aber nun
gerade nicht!“ entschied Diederich, und er nahm keinen
Anstand, die Geschichte umherzuerzählen. „Soll man sich
Zwang antun,“ sagte er zu Wolfgang Buck, „wo der Mann
doch geliefert ist? Herr Oberst von Haffke gibt ihn auch
schon auf.“ Kühn setzte er hinzu: „Jetzt sieht er, es gibt
noch andere Mächte. Wulckow hat es zu seinem Schaden
nicht verstanden, sich beizeiten den modernen Lebensbedingungen
einer großzügigen Öffentlichkeit anzupassen, die
dem heutigen Kurs ihren Stempel aufdrücken.“ – „Absolutismus,
gemildert durch Reklamesucht“, ergänzte Buck.
</p>

<p>
Angesichts des Wulckowschen Niederganges fand Diederich
jenen Grundstückshandel, der ihn selbst so sehr benachteiligt
hatte, immer anstößiger. Seine Entrüstung nahm
einen solchen Umfang an, daß der Besuch, den gerade
jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte,
für Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit
ward. Parlamentarismus und Immunität hatten doch
ihr Gutes! Denn Napoleon Fischer stellte sich umgehend
im Reichstag hin und enthüllte. Er enthüllte, ohne daß
ihm das geringste geschehen konnte, die Schiebungen des
Regierungspräsidenten von Wulckow in Netzig, seinen
Riesengewinn am Grundstück des Kaiser-Wilhelm-Denkmals,
der nach Napoleon Fischers Behauptung von der
Stadt erpreßt war, und das Ehrengeschenk von angeblich
<pb n='494'/><anchor id='Pgp0494'/>5000 Mark, dem er den Titel „Schmiergeld“ gab. Der
Zeitung zufolge bemächtigte hier der Volksvertreter sich
ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht Wulckow,
sondern dem Enthüller. Wütend verlangte man Beweise
und Zeugen; Diederich zitterte, in der nächsten Zeile
konnte sein Name kommen. Zum Glück kam er nicht,
Napoleon Fischer blieb sich der Pflicht seines Amtes bewußt.
Statt dessen redete der Minister, er überließ den
unerhörten, leider unter dem Schutze der Immunität
begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich nicht
verteidigen konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus
urteilte, indem es dem Herrn Minister Beifall klatschte.
Parlamentarisch war der Fall erledigt, es erübrigte nur
noch, daß auch die Presse ihren Abscheu äußerte und,
soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei
mit dem Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische
Blätter, die die Vorsicht außer acht gelassen hatten,
mußten ihren verantwortlichen Redakteur den Gerichten
ausliefern, so auch die Netziger „Volksstimme“. Diederich
benutzte diesen Anlaß, um zwischen sich und denen,
die an dem Herrn Regierungspräsidenten hatten zweifeln
können, glatt das Tischtuch zu zerschneiden. Er und Guste
machten Besuch bei Wulckows. „Ich weiß aus erster Quelle,“
sagte er nachher, „dem Mann ist die größte Zukunft
gewiß. Er war neulich auf der Jagd mit Majestät und
hat einen großartigen Witz gerissen.“ Acht Tage später
brachte die „Woche“ ein ganzseitiges Bildnis, Glatze und
Bart auf der einen Hälfte, ein Bauch auf der anderen, und
dazu die Unterschrift: „Regierungspräsident von Wulckow,
der geistige Schöpfer des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals,
gegen den kürzlich ein allgemein als empörend empfundener
Angriff im Reichstag erfolgte und dessen
Ernenn<pb n='495'/><anchor id='Pgp0495'/>ung zum Oberpräsidenten bevorsteht“ ... Das Bild des
Generaldirektors Heßling mit Frau hatte nur eine Viertelseite
eingenommen. Diederich überzeugte sich, daß der gebührende
Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb,
auch unter den modernen Lebensbedingungen einer großzügigen
Öffentlichkeit, unangreifbar wie je – was ihn trotz
allem tief befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das
günstigste vorbereitet für seine Festrede.
</p>

<p>
Sie war entstanden in den ehrgeizigen Gesichten vom
Schlaf gemiedener Nächte und bei regem Gedankenaustausch
mit Wolfgang Buck und besonders mit Käthchen
Zillich, die für die Größe des kommenden Ereignisses
ein merkwürdig klares Verständnis zeigte. Am Schicksalstage,
als Diederich, das Herz klopfend gegen die Niederschrift
seiner Rede, um halb elf mit seiner Gattin
beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig belebten,
aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem,
der Militärkordon war schon gezogen! – und gelangte
man auch nur nach Gewährung aller Garantien hindurch,
so lag doch eben hierin eine feierliche Erhebung angesichts
des nicht privilegierten Volkes, das hinter unseren Soldaten
und am Fuß einer großen schwarzen Brandmauer
in der Sonne die schwitzenden Hälse reckte. Die Tribünen,
links und rechts von den langen weißen Tüchern,
hinter denen man Wilhelm den Großen vermuten durfte,
empfingen den Schatten ihrer Zeltdächer sowie zahlreicher
Fahnen. Links die Herren Offiziere waren, wie Diederich
feststellte, durch ihre ins Blut übergegangene Disziplin
befähigt, sich und ihre Damen ohne fremde Hilfe einzurichten;
alle Strenge der polizeilichen Überwachung war
nach rechts verlegt, wo das Zivil sich um die Sitze balgte.
Auch Guste gab sich nicht zufrieden mit dem ihren, einzig
<pb n='496'/><anchor id='Pgp0496'/>das offizielle Festzelt gegenüber dem Denkmal schien
ihr würdig, sie aufzunehmen, sie war eine offizielle Dame,
Wulckow hatte es anerkannt. Diederich mußte hin mit
ihr, wenn er kein Feigling war, aber natürlich ward sein
tollkühner Angriff so nachdrücklich zurückgewiesen, wie
er es vorausgesehen hatte. Der Form wegen und damit
Guste nicht an ihm zweifelte, verwahrte er sich gegen
den Ton des Polizeileutnants und wäre beinahe verhaftet
worden. Sein Kronenorden vierter Klasse, seine
schwarzweißrote Schärpe und die Rede, die er vorzeigte,
retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder
vor der Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz
gelten für die Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre,
gebrach ihm nun einmal, und Diederich mußte auch hier
wieder bemerken, daß man ohne Uniform, trotz sonstiger
Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben
ging.
</p>

<p>
Im Zustand der Auflösung trat das Ehepaar Heßling
seinen allseitig bemerkten Rückzug an, Guste bläulich geschwollen
in ihren Federn, Spitzen und Brillanten. Diederich
schnaufend und nach Kräften den Bauch mit der
Schärpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben
über seine Niederlage. So mußten sie hindurch zwischen
dem Kriegerverein, der, Eichenkränze um die Zylinderhüte,
unterhalb der Militärtribüne stand, an seiner Spitze
Kühnchen als Landwehrleutnant, und den Ehrenjungfrauen
drüben, weiß mit schwarzweißroten Schärpen
und befehligt von Pastor Zillich im Talar. Nun sie aber
anlangten, wer saß, in der Haltung einer Königin, auf
Gustes Stuhl? Man war starr: Käthchen Zillich. Hier
fühlte Diederich sich denn doch bemüßigt, seinerseits ein
Machtwort zu sprechen. „Die Dame hat sich geirrt, der
<pb n='497'/><anchor id='Pgp0497'/>Platz ist nicht für die Dame“, sagte er, keineswegs zu
Käthchen Zillich, die er für ebenso fremd wie zweideutig
zu halten schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten –
und hätten ihm auch nicht die menschlichen Laute ringsum
recht gegeben, Diederich stand hier für die stummen Gewalten
von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher wäre die
Tribüne eingestürzt, als daß Käthchen Zillich auf ihr verblieb
... Dennoch geschah das Außerordentliche, daß
der Beamte unter Käthchens ironischem Lächeln die
Achseln zuckte, und selbst der Schutzmann, den Diederich
anrief, gab nur einen weiteren unbegreiflichen Stützpunkt
ab für den Übergriff der Unmoral. Diederich,
betäubt vor einer Welt, deren Betrieb gestört schien, ließ
es geschehen, daß Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe
ganz oben, wobei sie mit Käthchen Zillich einige
die Gegensätze betonende Worte wechselte. Der Meinungsaustausch
griff schon auf Unbeteiligte über und
drohte auszuarten: da schmetterte Musik los, der Einzugsmarsch
der Gäste auf der Wartburg, und wirklich bezogen
sie das offizielle Zelt, voran Wulckow, unverkennbar trotz
seiner roten Husarenuniform, zwischen einem Herrn in
Frack und Ordensstern und einem hohen General. War
es möglich? Noch zwei hohe Generale! Und ihre Adjutanten,
Uniformen in allen Farben, Sternenblitzen
und ein Wuchs! „Wer ist der Gelbe, der Lange?“ forschte
Guste innig. „Ist das ein schöner Mann!“ – „Wollen
Sie mich gefälligst nicht treten!“ verlangte Diederich,
denn auch sein Nachbar war aufgesprungen, alle verrenkten
sich, fieberten und schwelgten. „Sieh sie dir an, Guste!
Emmi ist eine Gans, daß sie nicht mitwollte. Das ist
das einzige, erstklassige Theater, es ist das Höchste, da
kann man nichts machen!“ – „Aber der mit den gelben
<pb n='498'/><anchor id='Pgp0498'/>Aufschlägen!“ schwärmte Guste. „Der Schlanke! Der
muß ein echter Aristokrat sein, das seh’ ich gleich.“ Diederich
lachte wollüstig. „Da ist überhaupt keiner dabei,
der nicht ein echter Aristokrat ist, darauf kannst du Gift
nehmen. Wenn ich dir sage, ein Flügeladjutant Seiner
Majestät ist hier!“ – „Der Gelbe!“ – „Persönlich
hier!“
</p>

<p>
Man suchte sich zurecht. „Der Flügeladjutant! Zwei
Divisionsgenerale, Donnerwetter!“ Und die schneidige
Anmut der Begrüßungen; sogar der Bürgermeister Doktor
Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund
gezogen und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform
stramm stehen vor seinen hohen Vorgesetzten.
Herr von Quitzin als Ulan besichtigte durch sein Monokel
den Grund und Boden der Veranstaltung, der vorübergehend
ihm selbst gehört hatte. Wulckow aber, der rote
Husar, brachte die volle Bedeutung eines Regierungspräsidenten
erst jetzt zur Geltung, wo er salutierend das
gewaltige, von Schnüren umrahmte Profil seiner unteren
Körperteile hervorkehrte. „Das sind die Säulen
unserer Macht!“ rief Diederich in die wuchtigen Klänge
des Einzugsmarsches. „Solange wir solche Herren haben,
werden wir der Schrecken der ganzen Welt sein!“ Und
voll überwältigenden Dranges, in der Meinung, seine
Stunde sei da, stürzte er hinunter, nach dem Rednerpodium.
Aber der Schutzmann, der es bewachte, trat
ihm entgegen. „Nee, nee, Sie komm’ noch nich’ran“,
sagte der Schutzmann. Jäh in seinem Schwunge gehemmt,
stieß Diederich gegen einen Aufsichtsbeamten, der ihm
nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin, ein Magistratsdiener,
der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz der
Dame mit den gelben Haaren gehöre dem Herrn
Stadt<pb n='499'/><anchor id='Pgp0499'/>verordneten, „aber auf höheren Befehl hat ihn die Dame
gekriegt“. Das weitere verriet der Mann in ersterbendem
Flüsterton, und Diederich entließ ihn mit einer Bewegung,
die sagte: „Dann allerdings.“ Der Flügeladjutant Seiner
Majestät! Dann allerdings! Diederich überlegte, ob es
nicht geboten sei, umzukehren und Käthchen Zillich öffentlich
seine Huldigung zu entbieten.
</p>

<p>
Er kam nicht mehr dazu, Oberst von Haffke kommandierte
der Fahnenkompagnie Rührt euch, und auch Kühnchen
ließ seine Krieger sich rühren; hinter dem Festzelt
intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten.
Dies geschah, sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie
des Kriegervereins. Kühnchen in seiner historischen Landwehruniform,
die außer vom Eisernen Kreuz von einem
ruhmreichen Flicken geziert ward – denn hier war eine
französische Kugel hindurchgegangen, traf inmitten des
Geländes auf Pastor Zillich in seinem Talar – auch die
Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter dem
Vortritt Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der
Ziviltribüne ward das Publikum von den Beamten gehalten,
sich zu erheben, die Herren Offiziere taten es von
selbst. Überdies stimmte die Kapelle „Ein’ feste Burg“ an.
Zillich schien trotzdem noch irgend etwas vorzuhaben, aber
der Oberpräsident, offenbar in der Annahme, daß der alte
Alliierte nun genug habe, ließ sich, gelblichen Gesichts,
auf seinen Sessel nieder, rechts von ihm der blühende
Flügeladjutant, links die Divisionsgenerale. Als die
ganze Versammlung im offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden
Gesetzen gruppiert war, sah man den Regierungspräsidenten
von Wulckow einen Wink erteilen, infolgedessen
ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er
begab sich zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium
<pb n='500'/><anchor id='Pgp0500'/>bewachte, worauf dieser das Wort an Diederich richtete.
„Na, nu komm Se man ’ran“, sagte der Schutzmann.
</p>

<p>
Diederich gab acht, daß er beim Hinaufsteigen nicht stolperte,
denn die Beine waren ihm plötzlich weich geworden,
auch sah er verschwommen. Nach einigem Schnaufen
unterschied er im kahlen Umkreis ein Bäumchen, das keine
Blätter hatte, aber mit schwarzweißroten Blüten aus
Papier übersät war. Der Anblick des Bäumchens gab
ihm Gedächtnis und Kraft zurück; er begann.
</p>

<p>
„Eure Exzellenzen! Höchste, hohe und geehrte Herren!
</p>

<p>
Hundert Jahre sind es, daß der große Kaiser, dessen
Denkmal der Enthüllung harrt durch den Vertreter Seiner
Majestät, uns und dem Vaterlande geschenkt ward; gleichzeitig
aber – das macht diese Stunde noch bedeutsamer
– ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein großer Enkel
den Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor
allem auf die große Zeit, die wir selbst miterleben durften,
einen stolzen und dankbaren Rückblick werfen.“
</p>

<p>
Diederich warf ihn. Er feierte abwechselnd den beispiellosen
Aufschwung der Wirtschaft und des nationalen Gedankens.
Längere Zeit verweilte er beim Ozean. „Der
Ozean ist unentbehrlich für Deutschlands Größe. Der
Ozean beweist uns, daß auf ihm und jenseits von ihm ohne
Deutschland und ohne den Deutschen Kaiser keine Entscheidung
mehr fallen darf, denn das Weltgeschäft ist heute
das Hauptgeschäft!“ Aber nicht nur vom geschäftlichen
Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der Aufschwung
ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn
früher aus mit uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes
Bild des älteren Geschlechts, das durch eine
einseitige humanitäre Bildung zu zuchtlosen Anschauungen
verführt, in nationaler Hinsicht noch keinen Komment
<pb n='501'/><anchor id='Pgp0501'/>gehabt hatte. Wenn das jetzt gründlich anders geworden
war, wenn wir, im berechtigten Selbstgefühl, das tüchtigste
Volk Europas und der Welt zu sein, von Nörglern
und Elenden abgesehen, nur noch eine einzige nationale
Partei bildeten, wem verdankten wir es? Allein Seiner
Majestät, antwortete Diederich. „Er hat den Bürger
aus dem Schlummer gerüttelt, sein erhabenes Beispiel
hat uns zu dem gemacht, was wir sind!“ – wobei Diederich
sich auf die Brust schlug. „Seine Persönlichkeit,
seine einzige, unvergleichliche Persönlichkeit ist stark genug,
daß wir allesamt uns efeuartig an ihr emporranken
dürfen!“ rief er aus, obwohl es nicht in seinem Entwurf
stand. „Was Seine Majestät der Kaiser zum Wohl des
deutschen Volkes beschließt, dabei wollen wir ihm jubelnd
behilflich sein, ob wir nun edel sind oder unfrei. Auch der
einfache Mann aus der Werkstatt ist willkommen!“ fügte
er wieder aus dem Stegreif hinzu, jäh inspiriert durch
den Geruch des schwitzenden Volkes hinter dem Militärkordon;
denn der Wind, der aufkam, trug ihn her.
</p>

<p>
„In staunender Weise ertüchtigt, voll hoher sittlicher
Kraft zu positiver Betätigung, und in unserer blanken
Wehr der Schrecken aller Feinde, die uns neidisch umdrohen,
so sind wir die Elite unter den Nationen und bezeichnen
eine zum ersten Male erreichte Höhe germanischer
Herrenkultur, die bestimmt niemals und von niemandem,
er sei wer er sei, wird überboten werden können!“
</p>

<p>
Hier sah man den Oberpräsidenten mit dem Kopf
nicken, indes der Flügeladjutant die Hände gegeneinander
bewegte: da brachen die Tribünen in Beifall aus. Bei
den Zivilisten wehten Taschentücher, Guste ließ es im
Wind flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin,
auch Käthchen Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie
<pb n='502'/><anchor id='Pgp0502'/>die wehenden Taschentücher, nahm seinen hohen Flug
wieder auf.
</p>

<p>
„Eine solche, nie dagewesene Blüte aber erreicht ein
Herrenvolk nicht in einem schlaffen, faulen Frieden: nein,
sondern unser alter Alliierter hat es für notwendig gehalten,
das deutsche Gold im Feuer zu bewahren. Durch
den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemußt,
und schließlich ist es uns doch gelungen, siegreich
überall unsere Fahnen aufzupflanzen und auf dem
Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu schmieden!“
</p>

<p>
Und er erinnerte an das prüfungsreiche Leben Wilhelms
des Großen, woraus wir, wie Diederich feststellte, erkannten,
daß der Weltenschöpfer das Volk im Auge behält,
das er sich erwählt hat, und sich auch das entsprechende
Instrument baut. Der große Kaiser seinerseits hatte sich
hierüber niemals Irrtümern hingegeben, dies ward besonders
deutlich in dem großen historischen Augenblick,
wo er als König von Gottes Gnaden, das Zepter in der
einen und das Reichsschwert in der anderen Hand, nur
Gott die Ehre gab und von ihm die Krone nahm. In erhabenem
Pflichtgefühl hatte er es weit von sich gewiesen,
dem Volk die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu
nehmen, und nicht zurückgeschreckt war er vor der furchtbaren
Verantwortung gegenüber Gott allein, von der kein
Minister, kein Parlament ihn hatte entbinden können!
Diederichs Stimme bebte ergriffen. „Dies erkennt das
Volk denn auch an, indem es die Persönlichkeit des dahingegangenen
Kaisers geradezu vergöttert. Hat er doch
Erfolg gehabt; und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im
Mittelalter wäre Wilhelm der Große heilig gesprochen
worden. Heute setzen wir ihm ein erstklassiges Denkmal!“
</p>

<p>
Wieder nickte der Oberpräsident und löste damit wieder
<pb n='503'/><anchor id='Pgp0503'/>ungestüme Zustimmung aus. Die Sonne war fort, es
wehte kälter; und als sei er angeregt durch den verdüsterten
Himmel, ging Diederich zu einer tiefernsten Frage über.
</p>

<p>
„Wer hat sich ihm nun in den Weg gestellt, vor seinem
hohen Ziel? Wer war der Feind des großen Kaisers und
seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm glücklich zerschmetterte
Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott,
sondern vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch
der Geschichte erst seinen ewigen, überwältigenden Sinn!“
Hier unternahm Diederich es, zu malen, wie es in dem
demokratisch verseuchten, daher von Gott verlassenen Reich
Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in leerer
Religiosität versteckte krasse Materialismus hatte den unbedenklichsten
Geschäftssinn großgezogen, Mißachtung des
Geistes schloß ihr natürliches Bündnis mit niederer Genußgier.
Der Nerv der Öffentlichkeit war Reklamesucht, und
jeden Augenblick schlug sie um in Verfolgungssucht. Im
Äußern nur auf das Prestige gestellt, im Innern nur auf die
Polizei, ohne andern Glauben als die Gewalt, trachtete man
nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb ruhmredigen
Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige
Gipfel, den man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus
... „Von all dem wissen wir nichts!“ rief Diederich und
reckte die Hand gegen den Zeugen dort oben. „Darum kann
es mit uns nie und nimmer das Ende mit Schrecken nehmen,
das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten war!“
</p>

<p>
An dieser Stelle blitzte es: zwischen dem Militärkordon
und der Brandmauer, in der Gegend, wo das Volk zu vermuten
war, durchzuckte es grell die schwarze Wolke, und
ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu weit ging.
Die Herren im offiziellen Zelt bekamen mißbilligende
Mienen, und der Oberpräsident hatte gezuckt. Auf der
<pb n='504'/><anchor id='Pgp0504'/>Offizierstribüne litt selbstverständlich die Haltung nicht
im geringsten, beim Zivil machte sich immerhin eine gewisse
Unruhe merklich. Diederich brachte das Gekreisch
zum Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd:
„Unser alter Alliierter bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir
sind ernst, treu und wahr! Deutsch sein, heißt eine Sache
um ihrer selbst willen tun! Wer von uns hätte je aus
seiner Gesinnung ein Geschäft gemacht? Wo gar wären
die bestechlichen Beamten? Biederkeit des Mannes eint
hier sich weiblicher Reine, denn das Weibliche zieht uns
hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergnügens.
Das strahlende Bild echt deutschen Wesens aber erhebt
sich auf dem Boden des Christentums, und das ist der
einzig richtige Boden, denn jede heidnische Kultur, mag
sie noch so schön und herrlich sein, wird bei der ersten Katastrophe
erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist
die Verehrung der Macht, der überlieferten und von Gott
geweihten Macht, gegen die man nichts machen kann.
Darum sollen wir nach wie vor die höchste Pflicht in der Verteidigung
des Vaterlandes sehen, die höchste Ehre im Rock
des Königs und die höchste Arbeit im Waffenhandwerk!“
</p>

<p>
Der Donner grollte, wenn auch eingeschüchtert, wie es
schien, durch Diederichs immer gewaltigere Stimme; dagegen
fielen Tropfen, die man einzeln hörte, so schwer
waren sie.
</p>

<p>
„Aus dem Lande des Erbfeindes,“ schrie Diederich,
„wälzt sich immer wieder die Schlammflut der Demokratie
her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und deutscher
Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die
vaterlandslosen Feinde der göttlichen Weltordnung aber,
die unsere staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind
auszurotten bis auf den letzten Stumpf, damit, wenn wir
<pb n='505'/><anchor id='Pgp0505'/>dereinst zum himmlischen Appell berufen werden, daß dann
ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen
alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er
aus ganzem Herzen für des Reiches Wohl mitgearbeitet
habe, er an seine Brust schlagen und offen sagen darf: Ja!“
</p>

<p>
Wobei Diederich sich einen solchen Schlag auf die Brust
versetzte, daß ihm die Luft ausblieb. Die notgedrungene
Pause, die er eintreten ließ, benutzte die Ziviltribüne, um
durch Unruhe zu bekunden, daß sie seine Rede für beendet
halte; denn das Gewitter stand jetzt genau über den Köpfen
der Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln,
langsam und als warnten sie, klopften immerfort diese
eigroßen Regentropfen ... Diederich hatte wieder Luft.
</p>

<p>
„Wenn jetzt die Hülle fällt,“ begann er mit neuem
Schwung, „wenn zum Gruß die Fahnen und Standarten
sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette im Präsentiergriff
blitzen –“ Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich,
daß Diederich sich duckte und, bevor er es sich
versah, unter seinem Pult hockte. Zum Glück kam er
wieder hervor, ohne daß sein Verschwinden bemerkt
worden wäre, denn allen war es ähnlich ergangen. Kaum
daß noch jemand hörte, wie Diederich Seine Exzellenz
den Herrn Oberpräsidenten bat, er möge geruhen zu befehlen,
daß die Hülle falle. Immerhin trat der Oberpräsident
vor das offizielle Zelt hinaus, er war gelber als es
seine Natur war, das Funkeln seines Sterns war erloschen,
und er sagte schwach: „Im Namen Seiner Majestät befehle
ich: die Hülle falle“ – woraus sie fiel. Auch ertönte
die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des
Großen, wie er durch die Luft ritt, in der Haltung eines
Familienvaters, aber umringt von allen Furchtbarkeiten
der Macht, stählte die Untertanen noch einmal gegen die
<pb n='506'/><anchor id='Pgp0506'/>Drohungen von oben, das Kaiserhoch des Oberpräsidenten
fand lebhaften Widerhall. Freilich, die Klänge von Heil
dir im Siegerkranz gaben Seiner Exzellenz das Zeichen,
daß sie sich nun bis an den Fuß des Denkmals zu begeben,
es zu besichtigen und den Schöpfer, der schon wartete,
durch eine Anrede auszuzeichnen hatten. Jeder begriff
es, daß der hohe Herr zweifelnd den Blick zum Himmel
richtete; aber, wie nicht anders zu erwarten stand, siegte
sein Pflichtgefühl, und siegte um so glänzender, als er der
einzige Herr im Frack war unter so vielen tapferen Militärs.
Er wagte sich kühn hinaus, hin ging er unter den
großen langsamen Tropfen, und mit ihm Ulanen, Kürassiere,
Husaren und Train ... Schon war die Inschrift
„Wilhelm der Große“ zur Kenntnis genommen worden,
der Schöpfer, durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam
seinen Orden, und gerade sollte auch der geistige Schöpfer
Heßling vorgestellt und geschmückt werden, da platzte der
Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit,
die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor
noch die Herren sich umgedreht hatten, standen sie
im Wasser bis an die Knöchel, Seiner Exzellenz lief es aus
Ärmeln und Hosen. Die Tribünen verschwanden hinter
Stürzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte
man, daß die Zeltdächer sich gesenkt hatten unter der
Wucht des Wolkenbruches, in ihren nassen Umschlingungen
wälzten links und rechts sich schreiende Massen. Die Herren
Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken
Waffe Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten
sie sich den Ausweg. Das Zivil gelangte nur als graue
Wickelschlange hinab, die mit wilden Zuckungen im überschwemmten
Gelände badete. Unter solchen Umständen
sah der Oberpräsident es ein, daß der weitere Verlauf
<pb n='507'/><anchor id='Pgp0507'/>des Festprogramms aus Zweckmäßigkeitsgründen zu
unterbleiben habe. Blitzeumlodert und wasserspritzend
wie ein Springbrunnen, trat er einen beschleunigten Rückzug
an, und ihm nach der Flügeladjutant, die beiden Divisionsgenerale,
Dragoner, Husaren, Ulanen und Train.
Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz sich des noch immer
an ihrem Finger hängenden Ordens für den geistigen
Schöpfer, und pflichttreu bis zum Äußersten, aber bestrebt,
jeden Aufenthalt zu vermeiden, händigten sie ihn, laufend
und wasserspritzend, dem Präsidenten von Wulckow aus.
Wulckow seinerseits begegnete einem Schutzmann, der den
Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der Übergabe
der Allerhöchsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann
durch Sturm und Grausen irrte, auf der Suche nach
Diederich. Schließlich fand er ihn unter dem Rednerpult im
Wasser hockend. „Da hamse ’n Willemsorden“, sagte der
Schutzmann und machte, daß er weiterkam, denn gerade
schlug ein Blitz ein, so nahe, als sollte er die Verleihung
des Ordens verhindern. Diederich hatte nur geseufzt.
</p>

<p>
Als er es endlich unternahm, mit einer Gesichtshälfte
auf die Erde zu spähen, war der Umsturz auf ihr noch
immer im Wachsen. Drüben die große schwarze Brandmauer
klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem
Haus dahinter. Über einen Knäuel von Geschöpfen in
jagendem Geisterlicht, schwefelgelb und blau, bäumten
sich die Pferde der Paradekutschen und nahmen Reißaus.
Glücklich das nicht privilegierte Volk, das draußen und
über alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten dagegen
waren in der Lage, daß sie auf ihren Köpfen schon
die fliegenden Trümmer des Umsturzes fühlten, samt dem
Feuer von oben. Kein Wunder, wenn die Umstände ihr
Verhalten bestimmten und manche Damen, in nicht
kom<pb n='508'/><anchor id='Pgp0508'/>mentmäßiger Weise vom Ausgang zurückgestoßen, schlankweg
übereinander rollten. Nur ihrer Tapferkeit vertrauend,
machten die Herren Offiziere gegen jeden, der sich
ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch
– indes Fahnentücher, losgerissen im Sturm von den
Überresten der Tribünen und des offiziellen Zeltes,
schwarzweißrot durch die Luft sausten, den Kämpfern
um die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen,
spielte die Regimentsmusik immer weiter Heil dir
im Siegerkranz, spielte selbst nach der Durchbrechung des
Militärkordons und der Weltordnung, spielte wie auf
einem untergehenden Schiff dem Entsetzen auf und der
Auflösung. Ein neuer Anlauf des Orkans warf auch sie
auseinander – und Diederich, die Augen zugedrückt und
schwindelnd des Endes von allem gewärtig, tauchte zurück
in die kühle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte
wie das letzte auf Erden. Sein Abschiedsblick aber
hatte umfaßt, was über alle Begriffe war: das Gehege,
das schwarzweißrot behangene rund um den Volkspark,
zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der
auf ihm Lastenden, und dann dies Drunter und Drüber,
dies Umeinanderkugeln, Sichaufhäufen und Abrutschen,
dies Kopfstehen und Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen
– und dies Gefegtwerden von den Peitschen
der Höhe, unter Strömen Feuers, diesen Kehraus, wie der
einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei,
vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem
Bürger, einzigen Säulen, gottgesandten Männern,
idealen Gütern, Husaren, Ulanen, Dragonern und Train!
</p>

<p>
Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich
merkte es, sie hatten nur ein Manöver abgehalten für
den Jüngsten Tag, der Ernstfall war es nicht. Unter
Vor<pb n='509'/><anchor id='Pgp0509'/>behalt verließ er seine Zuflucht und stellte fest, daß es nur
noch goß, und daß Kaiser Wilhelm der Große noch da war,
mit allem Zubehör der Macht. Diederich hatte die ganze
Zeit das Gefühl gehabt, das Denkmal sei zerschmettert
und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah aus wie
eine wüste Erinnerung, keine Seele belebte seine Trümmer.
Doch, da hinten bewegte sich eine, sie trug sogar
Ulanenuniform: Herr von Quitzin, der das eingestürzte
Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen, rauchte es hinter
den Resten seiner großen schwarzen Brandmauer; und
in der Flucht aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten,
denn ihn stärkte ein Gedanke. Diederich sah ihm
ins Herz. „Das Haus“, dachte Herr von Quitzin, „hätten
wir auch noch loswerden sollen an das Pack. Aber nicht
zu machen gewesen, haben es mit aller Gewalt nicht durchgedrückt.
Na nu kriege ich die Versicherung. Es gibt einen
Gott.“ Und dann ging er der Feuerwehr entgegen, die
zum Glück nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das
Geschäft.
</p>

<p>
Auch Diederich, durch das Beispiel ermutigt, machte sich
auf den Weg. Er hatte seinen Hut verloren, am Boden
seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und in der rückwärtigen
Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pfütze mit sich
herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschloß er,
die innere Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten
Straßen fingen den Wind ab, ihm ward es wärmer. „Von
einem Katarrh ist nicht die Rede. Guste soll mir aber doch
einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie nur gefälligst
keine Influenza ins Haus einschleppt!“ Nach dieser
Sorge erinnerte er sich seines Ordens: „Der Wilhelms-Orden,
Stiftung Seiner Majestät, wird nur verliehen für
hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und
Ver<pb n='510'/><anchor id='Pgp0510'/>edelung des Volkes ... Den haben wir!“ sagte Diederich
laut in der leeren Gasse. „Und wenn es Dynamit regnet!“
Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war ein
Versuch mit unzulänglichen Mitteln gewesen. Diederich
zeigte dem Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte
„Etsch“ – worauf er ihn sich ansteckte, neben den Kronenorden
vierter Klasse.
</p>

<p>
In der Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke:
merkwürdig, vor dem Haus des alten Buck. Eins war
noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa –? Diederich
spähte in das Haus: die gläserne Flurtür stand außerordentlicherweise
offen, so als würde jemand erwartet, der
selten kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an
der Küche vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd,
mit dem Gesicht auf den Armen. „Also ist es so weit“ –
und plötzlich ward Diederich von einem Schauer angerührt,
er blieb stehen, bereit, den Rückzug anzutreten. „Dabei
habe ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich zu tun,
denn hier ist jedes Stück mein, ich habe die Pflicht, dafür
zu sorgen, daß sie mir nachher nichts forttragen.“ Aber
nicht nur dies drängte ihn vorwärts; Schwierigeres und
Tieferes kündigte sich an mit Schnaufen und Bauchklemmen.
Gehaltenen Schrittes erstieg er die flachen
alten Stufen und dachte: „Respekt vor einem tapferen
Feind, wenn er das Feld der Ehre deckt! Gott hat gerichtet,
ja, ja, so geht es, keiner kann sagen, ob er nicht
eines Tages –. Na hören Sie, es gibt denn doch Unterschiede,
eine Sache ist gut oder nicht gut. Und für den
Ruhm der guten Sache soll man nichts versäumen, unser
alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch zusammennehmen
müssen, als er nach Wilhelmshöhe zu dem gänzlich erledigten
Napoleon ging.“
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<pb n='511'/><anchor id='Pgp0511'/>

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Hier war er schon im Zwischengeschoß und betrat vorsichtig
den langen Gang, an dessen Ende die Tür offen,
auch hier wieder offen stand. Sich gegen die Wand
drücken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fuß
hergewendet, darin lehnte an gehäuften Kissen der alte
Buck und schien nicht bei sich. Kein Laut; war er denn
allein? Behutsam auf die Gegenseite – nun sah man
die verhängten Fenster und davor im Halbkreis die Familie:
dem Bett zunächst Judith Lauer ganz starr, dann
Wolfgang mit einem Gesicht, das niemand erwartet
hätte; zwischen den Fenstern die zusammengedrängte
Herde der fünf Töchter neben dem bankerotten Vater,
der nicht einmal mehr elegant war; weiterhin der verbauerte
Sohn mit seiner stumpfblickenden Frau, und
endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem Grund
hielten alle sich so still; zu dieser Stunde verloren sie die
letzte Aussicht, noch einmal mitzureden! Sie waren
obenauf gewesen und hatten sich in Sicherheit gewiegt,
solange der Alte standhielt. Er war gefallen, und sie mit,
er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf
Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand.
Nichtig Ziele, die fortführten von der Macht! Fruchtlos
der Geist, denn nichts hinterließ er als Verfall! Verblendung
jeder Ehrgeiz, der nicht Fäuste hatte und Geld in
den Fäusten!
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Woher aber dies Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah
nicht aus wie Trauer, obwohl Tränen aus seinen dort
hinüberverlangenden Augen fielen; es sah aus wie Neid,
gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer,
deren Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der
aufseufzte – und die Frau des Ältesten sogar faltete vor
dem Gesicht ihre Arbeiterinnenhände. Diederich, in
ent<pb n='512'/><anchor id='Pgp0512'/>schlossener Haltung, stellte sich mitten vor die Tür. Es
war dunkel im Gang, die da sahen nicht, und mochten sie;
aber der Alte? Sein Gesicht war genau hierhergerichtet,
und wo es hinsah, ahnte man dennoch mehr als hier war,
Erscheinungen, die niemand ihm verstellen konnte. Ihren
Widerschein in seinen überraschten Augen, öffnete er auf
den Kissen langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob,
bewegte sie, winkend und empfangend – wen doch?
Wie viele wohl, mit so langem Winken und Empfangen?
Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens,
daß es durch sein Kommen dies geisterhafte Glück hervorrief
in den Zügen des alten Buck?
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<p>
Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der
Grauen mitbrachte: erschrak und rang nach Atem. Diederich,
ihm gegenüber, machte sich noch strammer, wölbte
die schwarzweißrote Schärpe, streckte die Orden vor,
und für alle Fälle blitzte er. Der Alte ließ auf einmal
den Kopf fallen, tief vornüber fiel er ganz, wie gebrochen.
Die Seinen schrien auf. Vom Entsetzen gedämpft, rief
die Frau des Ältesten: „Er hat etwas gesehen! Er hat
den Teufel gesehen!“ Judith Lauer stand langsam auf
und schloß die Tür. Diederich war schon entwichen.
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                <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
                
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                    <then>
                      <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. Einzelne Wörter aus
                          fremden Sprachen in Antiqua (bis auf den Titel „Dr.“) und gesperrt gesetzte Passagen
                          sind hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet.</p>  
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                      <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
                          einzelne Wörter aus
                          fremden Sprachen (hier kursiv wiedergegeben, bis auf den Titel „Dr.“).</p>  
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                <p>Inkonsistente Zeichensetzung, insbesondere bei wörtlicher Rede, und Schreibweisenvariationen
                    wurden nicht verändert, bis auf folgende offensichtliche Druckfehler:</p>
                
                <list>
                    <item><ref target="corr025">Seite 25</ref>: Punkt ergänzt hinter „aufschlug“</item>
                    <item><ref target="corr096">Seite 96</ref>: Punkt ergänzt hinter „mehr“</item>
                    <item><ref target="corr100">Seite 100</ref>: Punkt ergänzt hinter „sollte“</item>
                    <item><ref target="corr126">Seite 126</ref>: „Diedrich“ geändert in „Diederich“</item>
                    <item><ref target="corr148">Seite 148</ref>: Punkt geändert in Komma hinter „verstummt“</item>
                    <item><ref target="corr162">Seite 162</ref>: „aufzuspi ßen“ geändert in „aufzuspießen“</item>
                    <item><ref target="corr163">Seite 163</ref>: Punkt ergänzt hinter „Haltung“</item>
                    <item><ref target="corr179">Seite 179</ref>: „se bst“ geändert in „selbst“</item>
                    <item><ref target="corr190">Seite 190</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „möchte.“</item>
                    <item><ref target="corr200">Seite 200</ref>: Punkt ergänzt hinter „erlegen“,
                    „Diederichs“ geändert in „Diederich“</item>
                    <item><ref target="corr202">Seite 202</ref>: Punkt ergänzt hinter „Cie“
                        und hinter <ref target="corr202a">„dabei“</ref></item>
                    <item><ref target="corr238">Seite 238</ref>: „Wulckowin“ geändert in „Wulckow in“</item>
                    <item><ref target="corr243">Seite 243</ref>: „Offentlichkeit“ geändert in „Öffentlichkeit“</item>
                    <item><ref target="corr315">Seite 315</ref>: „Präs denten“ geändert in „Präsidenten“</item>
                    <item><ref target="corr316">Seite 316</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „Fabrikantentochter.“</item>
                    <item><ref target="corr337">Seite 337</ref>: Anführungszeichen entfernt vor „Guste“
                    und ergänzt vor „Er“</item>
                    <item><ref target="corr474">Seite 474</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „großen G“</item>
                                   </list>
            </div>
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