Project Gutenberg's Die Schaffnerin, Die Mchtigen, by Jakob Wassermann

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Title: Die Schaffnerin, Die Mchtigen
       Novellen

Author: Jakob Wassermann

Release Date: July 31, 2011 [EBook #36918]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHAFFNERIN, DIE MCHTIGEN ***




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                    Kleine Bibliothek Langen Bd. X


                           Jakob Wassermann


                            Die Schaffnerin
                             Die Mchtigen

                               Novellen


                    [Illustration: Verlagslogo AL]


                        Paris, Leipzig, Mnchen
                       Verlag von Albert Langen
                                 1898




Inhalt.


                       Seite

Die Schaffnerin            9

Die Mchtigen            103




Die Schaffnerin

[Illustration]

I.


In der Nhe einer unterfrnkischen Stadt lag ein hbsches Gut, das dem
Generalleutnant von Bruneck gehrte. Der Besitzer selbst wohnte niemals
dort, kam hchstens zwei- oder dreimal jhrlich zur Inspektion, wobei
die Zeit seines Aufenthaltes so kurz war, da der Bursche, der sein
Pferd hielt, whrend dieses Wartens durchaus nicht ermdete. Es ging die
Rede, da traurige Familien-Erinnerungen den Herrn von Bruneck an einen
lngeren Aufenthalt auf seinem Gut nicht denken lieen.

Seit zwei Jahren verwaltete das Besitztum der Amtmann Bdensa, ein
phlegmatischer alter Herr, der alle Geschfte, Schreibereien,
Abmachungen und Verkufe dem Belieben seines Untergebenen, des
Wirtschaftsschreibers Tarnow berlie. Tarnow war ein schweigsamer,
gutmtiger und mitleidiger Mensch. Er konnte Niemanden beleidigen oder
krnken, er konnte keinem Menschen ein bses Wort sagen. Ungefhr einen
Monat, nachdem er seine Stellung angetreten, ereignete sich folgender
Vorfall. Der Fuhrknecht Stauff hatte zu schwer aufgeladen. Das einzige
Pferd zog an dem bervollen Wagen, als ob ihm die Rippen springen
wollten; es war zum Erbarmen. Das schlecht genhrte Tier, das lngst
sein Gnadenbrot oder den Todesstreich verdient hatte, brachte den Wagen
kaum bis zum Hof, der etwas bergig anstieg, wie denn berhaupt das ganze
Gut auf einem Hgel lag, der die Form eines Katzenbuckels hatte. Die
Schindmhre bemhte sich umsonst, das chzende und knarrende Fuhrwerk in
die Hhe zu ziehen; sie verdrehte die Augen, hing den Kopf tief und
angespannt nach vorn, tappte mit den Hufen verzweifelt und in schnellen
Schlgen herum, zerrte und zerrte, aber der Wagen, der mit Ziegeln fr
den Bau einer Art Waschkche beladen war, rhrte sich nicht von der
Stelle. Der Knecht aber bildete sich ein, die Mhre sei nichts weiter
als starrkpfig; er schimpfte und wetterte deshalb und hieb sinnlos auf
den schweitriefenden Gaul ein, wobei er selbst mehr und mehr in Hitze
geriet. Da sprang Tarnow aus dem Thor des Hauptgebudes (er hatte den
Vorgang von den Fenstern des Bureaus aus verfolgt) und sagte zu dem
Knecht mit einer Stimme, deren Schchternheit und Weichheit in seltsamem
Gegensatz zu seinen erregten Bewegungen stand: Stauff, das taugt nicht!
Hren Sie auf, das arme Tier zu qulen. Hren Sie, Stauff? Sie sollen
aufhren. Er war bleich geworden. Aber der Knecht beachtete ihn nicht
und holte nur noch grimmiger mit der Peitsche aus. Da trat Tarnow nher
und fing den Arm des Knechtes auf, der darber vllig auer Fassung
geriet, einige Schritte zurcktrat und mit der Peitsche dem
Amtsschreiber ins Gesicht schlug.

Tarnow sagte nichts, sondern blieb ruhig stehen. Weil ihn die Haut
schmerzte, blinzelte er ein wenig mit den Augen. Der Knecht machte ein
finsteres Gesicht und schien Furcht zu haben. Er murmelte vor sich hin,
gab dem Gaul noch ein paar Ste mit der Faust, spannte ihn aber dann
aus.

Es wre Tarnow leicht gewesen, den rohen Knecht vom Gut zu entfernen. Er
that es nicht, sondern schwieg den Zwischenfall tot. Es widerstrebte
ihm, beim Amtmann den Anklger zu machen; er fhlte sich frmlich zu
schwach dazu. Wenn er nicht gleich vergessen hatte, so hatte er doch
gleich vergeben, und wenn auch die Magd Libuhn vom Kchenfenster aus
Zeugin von all dem gewesen war, fhlte er sich doch nicht in seinem
Stolz beleidigt, sondern ging ruhig wieder in seine Arbeitsstube, wo der
Amtmann in einem beraus breiten Lehnstuhl behaglich schnarchte.

Im ganzen war es ein ruhiges, ein friedliches Leben auf dem Gut. Selbst
zur Erntezeit war nirgends eine bermige Hast zu bemerken. Jeder
wute, was er zu thun hatte und jeder that, was er wute. Der
Hhnerstall war von prchtigen Exemplaren bevlkert, und ein Hahn von
wahrhaft patriarchalischem Ansehen bte eine liebenswrdige Autoritt
aus. Enten und Gnse lebten eintrchtig zusammen, die Schweine grunzten
glcklich hinter ihren Verschlgen, Khe, deren Euter von Milch
strotzte, verlebten in schwerer philosophischer Ruhe ihr Leben, die
Singvgel jubelten tagaus, tagein auf den Bumen und schwiegen erst
still, wenn der Knecht Stauff des abends zur Milchmagd schlich, um sie
zu kssen. Das Land umher besttigte und weihte diese Hlle von Frieden
und Eintracht. Sanfte Hgelketten, lagen die Weinberge ringsumher, in
der Ferne abgelst durch dunkle Wlder. Deutlich sichtbar lag die Stadt
mit vielen Trmen im Osten und mitten in der Ebene dazwischen erhob sich
der Riesenbacksteinbau der Infanterie-Kaserne. Nur wenige hundert Meter
weit wlzte der breite, majesttische Main seine Wogen dahin: gleichsam
das Symbol all der Fruchtbarkeit, die sich hier so mhelos entfaltete.

Tarnow liebte dieses Land. Wenn er sein Tagewerk beendet hatte, nahm er
Hut und Stock und verlie das Gut, um durch die Wiesen den Strom entlang
zu wandern. Zum Erstaunen aller sonstigen Fugnger begleitete ihn dabei
ein Kater, den er Hofmann genannt hatte und den er sehr liebte. Dieser
Kater folgte ihm berall hin; nichts was sonst die Seele einer Katze
verlockt, konnte ihn abziehen; folgsam, mit gesenktem, anmutig
gerndetem Schweif schritt das wunderliche Tier hinter seinem Herrn
einher.

So beraus zufriedenstellend lagen die Dinge auf Gut Bruneck, als mit
einem Male eine schroffe und folgenschwere Wandlung eintrat.




II.


In der dritten Woche des Mai wurde der Amtmann Bdensa pltzlich sehr
krank. Er konnte weder stehen noch gehen, und auch im Liegen chzte er.
Man holte den Arzt, der den Kopf schttelte und heie Wicklungen
verordnete. Aber an demselben Abend noch bemerkten alle vom Gut, da es
unaufhaltsam zu Ende gehe mit dem Alten. Am anderen Morgen um ein halb
fnf Uhr verschied er. Die Trauer um ihn war herzlich und aufrichtig,
denn er war ein seelenguter Mann gewesen. Zorn und Hrte waren ihm
ebenso fremd gewesen, wie Enthaltsamkeit und bermige Anstrengung. Nur
die Stadt war ihm verhat gewesen, und ein Stdter war in seinen Augen
ein untauglicher Mensch.

Dem Begrbnis wohnte der Generalleutnant selbst bei. Er hielt eine
kurze Ansprache in strengen militrischen Worten, die wie mit dem Messer
geschnitten von seinem lippenlosen Mund fielen und legte einen Kranz auf
den Sarg. Da der Amtmann keinerlei Anverwandte in der Welt hatte,
verlief die Feierlichkeit im ganzen ziemlich khl. Auf dem Gut wurde
nachmittags ein Gelage abgehalten, bei dem von Trauer nicht mehr viel zu
spren war. Tarnow hielt sich jedoch fern. Er war der Abrechnungen
halber mit den Bchern zum Generalleutnant gegangen. Die Knechte
spttelten darber; ob er wohl glaube, da er den ledigen Posten jetzt
fr sich bekomme? Da htte es aber gute Wege. Stauff sa mit der Libuhn
Arm in Arm, und beide lachten ber den ehrgeizigen Schreiber.

Mglich, da Tarnow gehofft hatte, Amtmann zu werden. Redlich und
geduldig genug hatte er gedient. Auf jeden Fall schlug sein Herz
gewaltig, als am Sonntag in der Frh der berlandbote einen an den
Wirtschaftsschreiber gerichteten Brief brachte, dessen Adresse von der
Hand des Generalleutnants stammte. Mit zitternden Fingern ri Tarnow den
Umschlag entzwei; die Augen gingen ihm fast ber, und er bat den Jger
Klein, der heute vom Forst gekommen war, um einen Stuhl. Aber der
Generalleutnant schrieb in seiner kurzen, gemessenen Weise nichts als
das, da der neue Amtmann am 1. Juni auf Bruneck eintreffen werde und
befahl, die ntigen Vorkehrungen unverzglich zu treffen.

Tarnow sa noch lange mit dem Papier in der Hand und starrte auf die
Wiesen hinaus. Dann aber streichelte er seinem Kater das pechschwarze,
glnzende Fell und lchelte in seiner geduldigen Weise.

Einige Tage spter traf der neue Amtmann ein. Er hie Truchs. Er war
weit ber Mittelma gewachsen. Dabei war er ziemlich dick, so da seine
Schultern etwas nach rckwrts gebeugt waren. Er hatte einen hellbraunen
Bart, der an manchen Stellen schon ins Graue spielte, eine Adlernase
und eine vollkommene Glatze. Seine Augen hatten etwas Unruhiges,
Sphendes, fast Irres. Sie waren stets wie in weite Ferne gerichtet,
schienen durch die Gegenstnde hindurchzublicken und nahmen oft einen
kalten, tckischen Ausdruck an.

Gegen Mittag war er in einer etwas altmodischen Kalesche vorgefahren, in
Begleitung eines jungen Weibes, die er dem Tarnow gegenber als seine
Wirtschafterin bezeichnete. Er besah das Herrenhaus vom Giebel bis zum
Keller, lie sich die Stlle zeigen, ging in den Garten, auf die cker
und in die Vorwerke, wobei ihn der Knecht Stauff begleitete. Als er
zurckkam, suchte er das fr ihn hergerichtete Wohnzimmer auf und lie
den Kaffee bringen, den Frau Leuthold, seine Wirtschafterin, inzwischen
bereitet hatte. Whrend er a, gab er seine Zufriedenheit zu erkennen.
Fanny, sagte er unter behaglichem Schmatzen, man wird sich hier gut
einnisten. Hier ist gut sein. Lachend ttschelte er ihre Hand.

Fanny Leuthold nickte nachdenklich.

Als er fertig war, rief der Amtmann nach Tarnow. Tarnow kam. Sein
Gesicht war etwas blasser als sonst, seine Haltung etwas gebckter. Mit
Augen, die fast den fragenden Augen eines Kindes glichen, sah er den
Amtmann an. Truchs warf sich mit bertriebenem Behbigthun auf seines
Vorgngers alten Lehnstuhl, den man hierherein geschafft hatte, und
fragte spttisch: Na, was machen _Sie_ denn fr ein Gesicht?

Tarnow senkte den Kopf und lchelte schchtern.

Mir scheint, das Gut wurde bisher ziemlich schlecht verwaltet, wa?
sagte Truchs pltzlich mit gleichsam drohendem Ernst und auf seine Stirn
legte sich eine lange, tiefe Falte wie ein Reifen.

Wir haben nach besten Krften gearbeitet, erwiderte Tarnow langsam und
unbefangen.

Der Amtmann brach in ein wieherndes Gelchter aus und patschte sich auf
die Schenkel. Vorzglich, hh! Haben Sie gehrt, Fanny, -- hh --?
Nach besten Krften ist doch vor -- zglich, hhh! wa? Der Mann hat
Talent. Wo haben _Sie_ denn die Schule besucht, Tarnow?

In Arnstein, sagte Tarnow mit vlliger Ruhe.

Der Amtmann schien dem Ersticken nahe; sein Gewieher wurde immer
dumpfer. Vor--zglich! chzte er, giebt's da mehr von der Sorte, in
Arnstein? Vor--zglich! Nach besten Krften ist unbezahlbar! Er klopfte
sich noch ein paarmal wie beschwichtigend auf seine fleischigen Schenkel
und verschnaufte dann. Pltzlich stand er auf, und sein Gesicht zeigte
nun unvermittelt eine bsartige Ruhe. Von heute ab wird das anders,
sagte er rauh. Oder sagen wir lieber von morgen frh ab, ich will nicht
tyrannisch sein. Also von morgen frh ab wird hier ein anderes Regiment
sein. Jetzt knnen Sie sich trollen, mein lieber Tarnow aus Arnstein.

Tarnow verlie die Stube und wie er in den langen, schmalen Flur trat,
glaubte er, die getnchten Mauern htten auf einmal eine andere Farbe
erhalten. Vor dem Thor mute er die flache Hand vor die Augen halten;
denn die untergehende Sonne blendete ihn. Die Berge und der Strom waren
verschwenderisch bergossen mit gelber Glut, die von Sekunde zu Sekunde
tieffarbiger wurde, bis die ersten scharlachroten Streifen ber einer
zerflieenden Wolke im Westen hervorquollen. Alles zitterte und bebte
auf den Feldern und Wiesen: die Halme der Grser und des Getreides, das
Insektengetier in den Lften, die Dcher ferner Htten und die
Eisenschienen der Bahn glitzerten an den Kurven so sehr, als seien sie
nahe daran, Feuer zu fangen. Tarnow erschrak fast vor all dem Leben in
Flammen. Er dachte: nun, heuer wird man guten Wein haben.

Er sah von der Richtung der Kaserne her ein Mdchen kommen. Zuerst war
er ungewi, wer es sei, denn die Gestalt schien vllig zu verflieen im
Sonnenglast. Dann aber nickte er beifllig vor sich hin; er wute schon,
es war Galeners Anna, eine Base der Libuhn, ein junges Ding von vierzehn
Jahren. Sie kam jeden Samstag auf das Gut heraus und schleppte einen
Korb mit sich, in welchem sich Fettnudeln befanden. Fr geringes Geld
verkaufte sie die an die Knechte und Mgde, und auch Tarnow nahm
bisweilen ein Stck, nicht, weil ihm die Mehlspeise besonders
wohlschmeckte, sondern aus Gutmtigkeit und weil er damit dem Mdchen
eine Freude zu machen glaubte. Nun kam sie wieder und lachte schon aus
aller Ferne dem Wirtschaftsschreiber zu. Auch der Knecht Stauff sah es
und kam und die Miresin, eine Magd, die schon mehr als zwanzig Jahre auf
Bruneck war, dazumal, als die Herrschaft noch da war.

Tarnow stand schon bei ihr, ffnete mit der einen Hand den Korb und
strich mit der andern sanft ber die erhitzten Wangen des Mdchens. Auch
die andern schauten neugierig, halb verschmitzt, halb begehrlich
lchelnd in den Korb, aus dem ein fettig-ser Geruch stieg. Auf einmal
machte sie eine harte, zornige Stimme auseinander fahren. Bestrzt sahen
sie sich um: es war der Amtmann. In des Teufels Namen, was ist hier
los! Er schrie so, da der Hofhund mit eingekniffenem Schwanz in seine
Htte kroch. Der Kopf des Amtmanns war blutrot vor Wut, er fletschte die
Zhne und seine Augen quollen vor. Herr, haben Sie nichts Besseres zu
thun, als hier zu stehen? schrie er Tarnow ins Ohr, der mit gesenktem
Kopf schweigend zurcktrat. Haben Sie keine Bcher, haben Sie keine
Abrechnungen?

Dann ging Truchs auf das Mdchen zu, das vor Schrecken zu zittern
begann. Nun Frulein Balg, schrie er sie an, wollen Sie sich wohl
vom Hof scheren! Und er packte das Kind wie ein Kleidungsstck, schlug
es ins Gesicht und gab ihm Ste in die Brust, dann warf er es wie ein
Scheit Holz mitten auf die Strae hinaus, wo es liegen blieb und leise
zu weinen begann. Selbst der Knecht Stauff schien entsetzt. Er ging hin,
sammelte die zur Erde gefallenen Fettnudeln wieder in den Korb, trug ihn
zu dem Mdchen hinaus, richtete es auf und staubte, mehr aus
Verlegenheit als weil es ntig war, mit der flachen Hand das Rckchen
ab.

Tarnow strich sich mit der Hand ber die Augen. Ruhig und bescheiden
antwortete er auf Truchs Frage, wieviel Uhr es sei: Einviertel vor
acht. Der Amtmann kniff das eine Auge zu, zerrte an der
Schnurrbartspitze und sah aus, als ob er sich nur mit Mhe das Lachen
verbeien knne. Weiches Herz, was? kicherte er und schlug Tarnow
leutselig auf die Schulter. Tarnow versuchte zu lcheln.

Dann wandte sich der Amtmann zu Fanny Leuthold, die unterdes auf die
Schwelle getreten war. Er rieb sich die Hnde, schnalzte mit der Zunge
und sagte: Was, liebe Leutholdin, das haben wir doch wieder mal fein
gemacht? Wie das Mdel flog! Ein Hui und weg war se. Er lachte und
schien ber alle Maen vergngt.

Fanny Leuthold sah ihn an, und es war ein seltsam sirenenhafter Blick,
den Tarnow auffing. Er dachte bei sich: lieber Gott, sie ist ein schnes
Weib.

Als er zu abend gegessen hatte, trat er wieder auf den Hof, um sich am
Brunnen die Hnde zu waschen. Da trat die Schaffnerin, wie man Frau
Leuthold auf dem Gut schon nannte, zu ihm heran und fragte: Sind Sie
denn traurig, Herr Tarnow?

Ihre Stimme, so nah, machte ihn aufmerksam, doch in einer ungewohnten
Weise, als lauschte er dem, was hinter der Stimme sei. Er errtete und
vermochte nicht zu antworten, sie tippte mit einem Zweig, den sie in
der Hand hielt an seine Ohren und flsterte schelmisch: Na, bin ich
denn so schrecklich, da man mir gar nicht antwortet?

Tarnow hatte seine Fassung wieder gewonnen und entgegnete in der
bescheidenen Art, die ihm stets eigen war: O nein, ich finde Sie nicht
schrecklich. Ich bin immer Ihr ergebener Diener. Wieder begegnete er
jenem sirenenhaften Blick, der diesmal ihm selbst galt und vor dem er
die Augen niederschlug wie ein Knabe.

Als sie ihn verlassen hatte, schritt er gegen die Scheune und lie einen
leisen Pfiff ertnen. Darauf sprang der Kater vom Boden der Scheune,
ging zu seinem Herrn und rieb sich schnurrend an den langen
Stiefelschften. Dann trabte er wohlgemut in gewohnter Weise hinter
Tarnow her, der in tiefen Gedanken hinauswandelte in die dunkelnden
Felder.




III.


Die Schaffnerin sa, mit einer Nharbeit beschftigt, in dem groen
Wohnzimmer. Es war am Nachmittag und schwer lag die Luft ber dem Thal.
Von den Exerziersttten klang der dumpfe Trommelwirbel bender Tamboure
herber, und von den tiefliegenden Stromufern hrte sie das Knattern der
Platzpatronen. Bisweilen hielt sie ein in ihrer Arbeit und blickte wie
erwartend nach der Thre. Wenn sie allein war, so war der Ausdruck ihres
Gesichts ganz stumpf, die Augen, unleuchtend und ohne Bewegung, blickten
mde und erinnerten an die eines Haustiers: und obwohl ihr Gesicht etwas
Liebliches hatte und ihr Teint sehr zart war, wurde dies unwirksam durch
die sonderbare Stirn, die eine Lgnerstirn war.

Als sie geraume Zeit, bald arbeitend, bald sinnend, gesessen war, wurde
die Thre aufgerissen und der Amtmann kam herein. Er setzte sich in
einen Winkel, der Schaffnerin gegenber und versuchte den Rhythmus der
fernen Trommeln nachzupfeifen.

Was giebt's? fragte die junge Frau, indem sie einen prfenden Blick in
sein Gesicht warf.

Er lachte leise und zischend. Jetzt willst du wohl, da ich dich
heirate, Fannychen? sagte er pltzlich und legte sein Gesicht in
kindische Falten.

Ich? Nein, Truchs. Ich nicht. Das weit du gut genug.

Also suchst dir wohl einen andern zum Heiraten?

Warum, Truchs? es mu ja nicht geheiratet sein.

Es mu nicht. Sehr richtig. Das war einmal vernnftig, sehr vernnftig.
Ein Feldwebel findet sich ja auch nicht alle Tage und noch weniger ein
Gutsverwalter, hh.

Wieso ein Feldwebel?

Na, dein erster war doch Feldwebel oder sowas. Was Leutholdin?

Du fhrst so bittere Reden, Truchs. Wo willst du hinaus? Was willst
von mir? Heiraten willst mich nicht. Loslassen willst mich auch nicht,
also was willst du, Truchs? Sag's doch lieber gleich, da ich mich
darnach richten kann. Ich frcht mich manchmal vor dir.

Das ist gut, Leutholdin. Das ist gut, wenn einen die Weiber frchten.
Aber heiraten will ich dich nicht, das schwr ich dir zu. Ich will eine
Reiche heiraten, jetzt, wo ich sig geworden bin, eine aus der Gegend
da. Und offen gestanden Fanny -- der Amtmann stand auf und trat ganz
nahe zur Schaffnerin -- offen gestanden, ich hab dich zu gern, als da
ich dich heiraten mchte. Wenn ich dir das aus freiem Willen sag, kannst
du's glauben. Sakerment, wenn ich dich heirat, verlierst deine runden
Backen, Fanny. Aber such dir doch einen. Wenn er gut und dumm und blind
ist, kannst ihn heiraten. Ich hab nichts dagegen.

Das sagst du jetzt, Truchs. Aber ich will's auch. Das Leben vor den
Leuten taugt mir nicht. Schlielich merken sie's ja doch. Und die
sechzig Mark, die mir der Generalleutnant giebt, reichen kaum fr die
Kleider. Geh jetzt weg von mir, Truchs, die Leut' sehn uns ja vom Hof
aus.

Das Gesicht des Amtmanns wurde finster und verzerrt. Die Leut, prete
er mit vorgebeugtem Kopf zwischen den Zhnen hervor, die Leut scheren
mich einen Pfifferling. Hier hat jeder zu thun, was ich will! Hier bin
ich Herr. Verstehst du? Steh auf und kss' mich!

Die Schaffnerin, die voll Furcht, mit weitgeffneten Augen, den Amtmann
angestarrt hatte, erhob sich fast mechanisch und drckte einen
hauchenden Ku auf Truchs Kinn.

Fester! gebot der Amtmann.

Sie gehorchte.

Es klopfte an der Thr und auf den Ruf des Amtmanns trat Tarnow ein.

Ah, guten Tag, lieber Tarnow, sagte Truchs freundlich; er hatte den
Wirtschaftsschreiber erst vor wenigen Minuten im Bureau verlassen.

Die Libuhn geht nach der Stadt, Herr Amtmann, und fragt, ob sie von
Ihnen aus etwas besorgen soll.

Fr mich, Herr Tarnow! rief die Schaffnerin mit auffallendem Eifer.
Ich brauche Nhgarn und Stopfwolle.

Nhgarn und Stopfwolle, murmelte Tarnow, indem er aus seinem Notizbuch
ein Blatt ri. Sonst etwas? Tarnow ffnete die Thr, der Amtmann
drehte sich um und sagte, er solle nachher wieder herein kommen und mit
Kaffee trinken.

Fanny deckte den Tisch und holte die Tassen. Der Amtmann stand am
Fenster und trommelte den Wirbel der Tamboure an die Scheiben. Er wandte
den Kopf, um etwas zu sagen, sah aber niemand im Zimmer. Er durchschritt
den Raum, um in die Kche zu gehen. Man mute da durch den ganzen
steingepflasterten Flur, bis dahin, wo er sich gegen den Hof zu
erweiterte. Dort war die Kche, die sehr gro war und, weil sie eine
weite Esse hatte, einer Schmiede glich. Der Amtmann blieb am Ende des
schmalen Ganges stehn. Er konnte von hier aus ein kleines Stck der
Kche berblicken. Die Schaffnerin sa auf dem zugedeckten Backtrog und
blickte beharrlich auf ihre Schrze. Vor ihr stand Tarnow, hielt den
Kopf tief gesenkt und seine Hnde lagen auf dem Rcken. Der Amtmann
strich mit festaneinandergedrckten Fingern ein paarmal ber die
Schlfenhaare und kehrte wieder um. Als ihm die Libuhn, fein
herausgeputzt, begegnete, trat er zur Seite, verbeugte sich ein paarmal
und nselte affektiert: Ah, mein Frulein, in die Stadt, wa?
Verabredung mit dem Schatz, wa? Messe besuchen, h? Haben Frulein denn
die Erlaubnis dazu?

Das Mdchen heftete den Blick erschrocken auf Truchs. Der Herr
Tarnow-- stammelte sie scheu.

Bataillon kehrt marsch! fuhr der Amtmann auf. Dageblieben! Den
Schlendrian hab ich satt. Er lachte bitter und lie die heulende Magd
stehen. Sie dachte an Stauff, der sie nun umsonst vor dem Cirkus
erwartete. Und drauen flutete der glnzende Sonnenschein! Am Me-Montag
ist sonst immer Feiertag gewesen, dachte sie bekmmert, als sie sich in
eine dunkle Ecke der Scheune verkrochen hatte, um dort nach Herzenslust
weiter zu schluchzen.

Die drei im Wohnzimmer nahmen am Kaffeetisch Platz. Nach einem langen
und seltsamen Schweigen, das nur durch Tassengeklapper unterbrochen
wurde, wandte sich der Amtmann an Tarnow. Nun sagen Sie mal, mein
lieber Tarnow, begann er mit freundlichem Augenzwinkern und richtete
den Zeigefinger wie einen Pfeil gegen seine Nasenspitze, Sie sind doch
so ein hbscher Mensch und jung sind Sie auch, kaum dreiig, und ein
angenehmes, sanftes Wesen haben Sie, -- gewi, gewiߠ--! nun sagen Sie,
waren Sie denn noch nicht verliebt?

Tarnow errtete und schttelte lchelnd den Kopf.

Nein, sagt er! Haben Sie's gehrt, Fanny? Nein, sagt er! rief der
Amtmann, ganz auer Rand und Band vor Freude und stie die Schaffnerin
in die Seite. Er lgt, er mu lgen, fuhr er heftig gestikulierend
fort. Er ist ein Heuchler, ein Windhund. Ein Schuft ist er, weil er
lgt.

Tarnow sah den Amtmann fest und erwartungsvoll an. Er hatte ein Gefhl
wie vor einer ungreifbaren Gestalt, die sich windet wie ein Rauch und in
Nichts verfliet, wenn man die Arme nach ihr streckt.

Wollen Sie nicht noch eine Semmelschnitte, Herr Tarnow? fragte Truchs
zuvorkommend. Oder mit ein wenig Mus darauf? Nicht? Zum Teufel, Herr,
fressen Sie! Glauben Sie, wenn Sie jeden Tag drrer werden, ntzt mir
Ihre Arbeit was?

Ich habe keinen Hunger mehr, Herr Amtmann, entgegnete Tarnow mit
vollkommener Ruhe.

Hunger mehr, was heit das? Wenn ich sage, fressen Sie, dann fressen
Sie! Verstanden? Stehen Sie auf, wenn ich mit Ihnen rede.

Tarnow stand auf.

Schlieen Sie das Fenster, befahl Truchs.

Tarnow schlo das Fenster.

ffnen Sie es wieder! befahl er und stie die Schaffnerin von neuem in
die Seite.

Tarnow ffnete es wieder. Er that es still und wie selbstverstndlich.
Nichts von Erbitterung war auf seinen Mienen zu lesen, nichts von
zurckgehaltenem Zorn. Geduldig wartete er, was der Amtmann noch mit ihm
beginnen wrde.

Jetzt knnen Sie gehen, sagte Truchs und sttzte den Kopf in die Hand,
whrend Tarnow mit einer linkischen Verbeugung, die der Schaffnerin
galt, hinaus ging. Er nahm seinen Hut und verlie alsbald den Hof, um
die Richtung nach der Stadt einzuschlagen. Soldaten mit
frischgewaschenen Drillichrcken blickten von den Stockwerken der
Kaserne auf ihn herab, und als er die Fahrstrae erreicht hatte, geriet
er in ein Gewimmel von Menschen, das immer grer wurde, je mehr er sich
der inneren Stadt nherte. Den Main hinab fuhren Boote, beglnzt von der
sich rtenden Sonnenscheibe; die vergoldete Domuhr brannte frmlich im
Feuer. Flatternde Fahnen ber den Wirtschaftsgrten, quietschende
Tanzmusik aus winkeligen Gassen, und dann das sinnlose Gedrnge auf den
Budensttten! Tarnow vermied die dichtesten Massen und besah nur, was er
eben besehen konnte, ohne viel Neugierde zu zeigen, aber auch ohne
Gleichgltigkeit, alles mit dem inneren Frieden und der merkwrdigen
Sanftheit, die ihm eigen waren. Vor dem Brettertisch des schreienden
Ausrufers, der seine Waren unter staunenswrdigen Witzen und Wortspielen
anpries, konnte er lachen wie das harmlose Kind neben ihm. Bei den
Mordthaten, die, serienweise abgebildet, am Quai aufgestellt waren und
mit Hilfe von sehr weinerlichen Reimen kommentiert wurden, blieb er
ebenso schaudernd stehen wie der simple Rekrut aus Unterdrrbach.
Besonders eines dieser Ungeheuer erregte sein Entsetzen. Auf der Tafel
seiner Schandthaten war zu lesen: Martin Jung, genannt Blutmartin. Ein
Teufel in Menschengestalt! Erschlug seine Opfer, siebzehn an der Zahl,
mit einer spitzen Hacke und hngte sie dann mit einem Strick auf.

Die Sonne war untergegangen. Allmhlich hatte sich die Menge verlaufen.
Die Bretterhtten, alle Huser und Grten schwammen in einem warmen
Dmmerungsdunst, als Tarnow sich anschickte, den Heimweg anzutreten. Er
hatte nichts getrunken whrend der ganzen Zeit, weder Wein noch Bier,
denn er war ein sehr enthaltsamer Mensch. Als die Buden schon hinter ihm
lagen und er auf dem ansteigenden Weg zur neuen Mainbrcke war, sah er
aus einer seitlich gelegenen Gasse Fanny Leuthold kommen.

Sie ging ohne weiteres auf ihn zu. Truchs ist im goldenen Hahn, sagte
sie, und ich wollte heim. Sie gehen doch mit, Tarnow?

Als sie ber die Wiesen gingen, auf denen weit und breit kein Mensch zu
sehen war, fing die Schaffnerin an, schwrmerische Reden ber die
Schnheit der Natur zu fhren. Sie sagte, sie liebe die Natur und die
Natur sei das einzige. Tarnow solle doch nur diese Wolken dort hinten
ansehen. Das sei so poetisch. Finden Sie nicht auch, Tarnow?

Tarnow bejahte etwas verstndnislos.

Ob er sich das Wachsfigurenkabinett angesehen habe? Sie finde es so
interessant. Sie liebe berhaupt die grausigen Sachen; sie trume dann
immer davon. Oft msse sie dann weinen, aber wenn sie dann erwache, das
sei wunderbar. Man recke dann die Glieder -- so! -- und das Deckbett sei
einem zu schwer, ja selbst das Hemd. Ob er das nicht auch habe?

Nein, erwiderte Tarnow leise, mit klopfendem Herzen.

Als sie auf dem Gutshof angelangt waren, ging die Schaffnerin ins Haus,
um den Hut abzulegen. Tarnow betrat den Garten, schlenderte trumerisch
zwischen den Beeten umher und setzte sich schlielich in die Laube. Es
war schon dunkel geworden. Der blhende Hollunder strmte seinen
schwlen Duft aus, und auf den Bumen der Nhe pfiff ein verspteter
Wasservogel. Sonst war es ruhig. Der Himmel war vollkommen wolkenlos.
Die traumhaft klare Helle des Westens machte deutliche Silhouetten aus
den Hgelreihen und kein Lftchen bewegte die Gestrucher. Tarnow fhlte
sich ermdet, aber darin war etwas Angenehmes. Er fhlte es auch
gleichsam wie eine freundliche Berhrung, als der Mond heraufstieg, das
gutmtig grinsende Gesicht eines alten Schlaukopfs, und wie er hher
glitt, als wrde er an einer Schnur gezogen, und wie er immer
leuchtender dastand, als wrde er von einer unsichtbaren Hand
allmhlich blank poliert.

Tarnow schreckte zusammen, als er Schritte im Garten vernahm. Es war die
Schaffnerin. Sie setzte sich ihm gegenber und schwieg einige Zeit. Dann
seufzte sie schwer und sagte: Ach, Tarnow!

Tarnow antwortete nichts. Befangen hob er den Kopf, senkte ihn aber
gleich wieder. Da erhob sich die Schaffnerin mit einer leidenschaftlichen
Bewegung, die er im Dunkel nur undeutlich sah; sie umging den Tisch,
setzte sich an Tarnows Seite, ergriff mit beiden Hnden seine Hand, und
es schien ihm, als ob sie damit kmpfe, ihr Schluchzen zu verbergen.
Fast unbewut streichelte Tarnow ihre Hand.

Ach, wenn Sie wten, begann die Schaffnerin wieder. Ich bin ja die
unglcklichste von allen. Er qult mich bestndig, der Amtmann, jeden
Tag, jeden Tag! und wenn es so weitergeht, ich kann es nicht mehr
aushalten. Dann mu ich eine schlechte Person werden. Dann mu ich thun
was er verlangt von mir, nur damit ich eine Ruh hab'. Retten Sie mich,
Tarnow. Thun Sie wenigstens eins. Gehn Sie abends nach dem Essen nie aus
dem Zimmer, bevor ich nicht weggegangen bin. Damit er mir nur da meinen
Frieden lt. Bleiben Sie immer, bis ich ins Bett bin. Wollen Sie's
thun, Tarnow, von heut an?

Ich will es thun, sagte Tarnow feierlich, und die Schaffnerin sah
seine Augen leuchten.

Und denken Sie nie was Schlimmes, Tarnow, denken Sie nicht schlecht von
mir. Alles ist zum besten, was geschieht. Wollen Sie's thun, Tarnow?

Ja, ich will, wiederholte Tarnow fest und atmete tief auf.

Und jetzt gehen wir hinein, sonst kommt er unversehens.

Tarnow beugte sich rasch herab und kte die Finger der jungen Frau.
Aber gleich darauf erschien ihm diese Khnheit so unverzeihlich, da er
angstvoll in das Gesicht der Schaffnerin starrte. Aber sie, die
inzwischen herausgetreten war in den beraus hellen Mondschein, lchelte
nur und brach eine Rosenknospe. Dann gingen sie ins Haus.

Nach einer halben Stunde kam der Amtmann. Er sagte, er htte schon
gegessen. Er schien viel getrunken zu haben, denn er war in einer
gerhrten Stimmung. Alle Menschen sind Trottel, sagte er mit einer
schwammigen Stimme. Aber einige Menschen sind nette Trottel. Sie,
Tarnow, Sie sind ein netter Trottel.

Die Schaffnerin lachte hellauf. Truchs kicherte frmlich atemlos in sich
hinein. Als es zehn Uhr schlug, sagte die Schaffnerin gute Nacht. Der
Amtmann rief ihr nach: Schlieen Sie fein Ihr Zimmer zu, Leutholdin!
und lachte cynisch. Tarnow erhob sich wie geqult, trat ans Fenster,
verlie aber nach kurzer Zeit ebenfalls die Stube. Der Amtmann
schttelte ihm die Hand mit einer Herzlichkeit, die bengstigend war
bei ihm.

Tarnow wandelte wieder in den Garten hinaus, -- durch den Hof, wo eine
wahrhaft kstliche Ruhe ausgebreitet war. Er brach eine Rose von
demselben Strauch, von dem die Schaffnerin genommen. Es war _auch_ eine
Knospe, zart und duftig und Tarnow drckte sie voll Bedacht an seine
Lippen. Dann setzte er sich in die Laube; aber er hatte nicht Ruhe,
sondern ging bald wieder ins Haus zurck. Gerade wie er in den Flur
trat, sah er den Amtmann aus seinem Schlafzimmer kommen. Er hatte
Pantoffeln an den Fen, die seinen Schritt unhrbar machten. Er
trllerte leise vor sich hin, und ohne Tarnow gewahrt zu haben, tappte
er den engen Flur entlang, bis er zu der Thre kam, die in das Zimmer
der Schaffnerin fhrte. Ohne zu atmen, harrte Tarnow, was er nun
beginnen wrde. Aber der Amtmann besann sich kaum, drckte auf die
Klinke und betrat das Zimmer. Totenbleich geworden, wartete Tarnow
immer noch. Er glaubte, Lrm hren zu mssen. Ja, er hoffte auf
Geschrei, auf erregten Wortwechsel, -- aber alles blieb still wie
vorher.

Nachdem er lange genug gelauscht hatte, drehte sich Tarnow um und trat
unter die Hausthr. Sein Blick war wie verhngt. Mechanisch ging er
hinaus, um zu sehen, ob das Auenthor geschlossen sei. Von der Richtung
der Kaserne hallte ein langgezogener Ruf durch die Nacht. Es klang
hnlich wie: Fedolar! Fedolar! Sonst war kein Laut zu hren.




IV.


Tarnow hatte dem Jger Klein Auftrag wegen der Abholzung im Zeller
Revier gegeben und stand dann, wie unfhig, weiter zu gehen, am Brunnen,
lehnte sich an den Trog und starrte vor sich hin. Da trat die
Schaffnerin aus dem Hause und ging auf ihn zu. Sie tippte mit den
Fingern kokett auf seinen Arm und fragte: So finster, Tarnow? Was haben
Sie? Was ist Ihnen?

Sie wissen es wohl, Schaffnerin, entgegnete Tarnow traurig. Was haben
Sie mir da alles erzhlt!

Was? Was denn? Reden Sie doch!

Nun, gestern abend--

Was? Ja, was denn, gestern abend--?

Ich hab es ja gesehen, Schaffnerin. Der Amtmann--

Die Schaffnerin wurde purpurrot. Ihre Nasenflgel zitterten. Reden Sie
nicht weiter, flsterte sie erregt. Sie sah ihn starr an, mit einem
Blick, der ihm etwas Unerbittliches zu enthalten schien. Sehen Sie,
Tarnow, wenn ich nicht so wre, wie ich bin, wr ich lngst ber alle
Berge oder wr ich tot. Das mssen Sie mir glauben. Ich wei, er war bei
mir gestern, Tarnow, aber Sie htten mich sehen sollen, Tarnow. Wie ein
Kind hab ich geheult und hab ihm gesagt, was das ist fr meine Ehre,
wenn er so kommt. Aber dann hat er gelacht und hat gesagt, er kann im
Haus herumgehen, wo er will. Sonst war nichts, bei meiner Ehr und
Seligkeit, hier haben Sie die Hand drauf.

Tarnow, gnzlich erschttert von ihrem Bekenntnis und ihrer bebenden Art
zu sprechen, legte unbedenklich seine Hand in die ihre. Ich glaube
Ihnen, Schaffnerin, sagte er einfach.

Indem sie so bei einander standen, hielt ein eleganter Kutschierwagen
vor dem Hofthor. Die am Bau der Waschkche beschftigten Maurer hielten
in ihrer Arbeit inne und sahen neugierig hinber. Der Adjutant des
Generalleutnants kam zur Besichtigung des kleinen Neubaus. Tarnow fhrte
ihn ehrerbietig herein und erstattete Bericht, bis der Amtmann selbst
kam. Als Truchs erschien, stand er mit der Schaffnerin in respektvoller
Entfernung, doch vernahm er deutlich, wie der Adjutant dem Amtmann
erzhlte, die Verwalterstelle auf Gut Strelentin, das ebenfalls dem
Herrn von Bruneck gehrte, sei frei geworden. Ein Gedanke, dessen
Khnheit ihn schwindeln machte, durchzuckte Tarnow. Aber es war, als ob
er seinen Bedenken und seiner Zaghaftigkeit diesmal die Zeit rauben
wollte; rasch trat er einige Schritte vor und sagte: Verzeihung, Herr
Adjutant; ich mchte wohl gerne Administrator auf Strelentin werden. Ich
wrde gewi mich sehr befleiigen, Exzellenz zufrieden zu stellen. Ich
bitte den Herrn Adjutanten sehr, sich dafr zu verwenden.

Der Adjutant runzelte die Brauen und musterte den Bittsteller vom Kopf
bis zu den Fen. Der Amtmann verzog keine Miene. Tarnow verwunderte
sich im stillen, da er die Worte so verstndlich hatte fgen knnen,
und achtete dabei kaum auf die Antwort, an die er sich erst erinnerte,
als der Adjutant sich wieder zu seinem Wagen gewandt hatte. Wir werden
ja sehen, hatte er gesagt und hatte Truchs fragend angeblickt, der in
unbestimmter Weise die Achseln gezuckt hatte.

Der Amtmann, die Schaffnerin und Tarnow standen dann auf der Strae und
sahen dem zierlichen Gefhrt nach. Na, Tarnow, wandte sich da die
Schaffnerin scherzend an ihn, Sie wollen wohl heiraten, weil Sie so
groe Plne haben?

O, das kann wohl sein, antwortete Tarnow ebenso scherzend.

Und haben Sie denn schon eine Braut? fragte die Schaffnerin lchelnd
weiter.

_Sie_ sind ja noch zu haben, Schaffnerin, erwiderte Tarnow lebhaft,
dem ber dieser neuen Khnheit das Herz strmisch zu klopfen begann.

Bei alledem blieb der Amtmann still und teilnahmlos.

Zu seiner groen Verwunderung erhielt Tarnow eine Stunde spter ein
Billet vom Amtmann. Er wute noch nicht, da es eine Liebhaberei von
Truchs war, solche kleine Nachrichten nicht mndlich abzumachen, sondern
zu schreiben. Es ist nunmehr ausgemacht, schrieb der Amtmann in einem
wohlgefllig verschnrkelten Stil, da Sie ein Liebesverstndnis mit
der Leuthold haben. Daher verlange ich und habe das Recht zu verlangen
eine bestimmte Erklrung, ob Sie die Leuthold heiraten wollen oder
nicht. Im ersten Fall will ich, Truchs, mich fr Sie und die Leuthold
bei der Exzellenz verwenden. Im entgegengesetzten Fall mssen Sie
entweder oder es mu die Schaffnerin das Gut verlassen. Truchs.

Tarnow wute nicht, wie ihm geschah. Er lachte kindisch, glaubte zu
trumen und besann sich, wo er sei. Endlich nahm er einen groen, weien
Bogen Papier und schrieb darauf mit der schnsten Schrift, deren seine
Hand fhig war: Geehrtester Herr Amtmann! Meine Gefhle zu der Leuthold
sollen dem Herrn Amtmann kein Geheimnis sein. Ich wnsche sehr, die
Schaffnerin zu heiraten und zwar noch in Bruneck. Und ist es mein
heiester Wunsch, mit ihr nach Strelentin zu kommen.

Dieses Schriftstck legte er auf den Platz, wo der Amtmann seine
Arbeiten vorzunehmen pflegte, und wo er es sogleich sehen mute, wenn er
kam. Und Truchs kam, las es, und obwohl er jetzt in demselben Raum mit
Tarnow war, schrieb er auf das Blatt Tarnows die Worte: Gut, ich werde
dem Generalleutnant Anzeige machen und ihm alles von der besten Seite
vorstellen, und reichte Tarnow stumm das Blatt zurck.

Darauf ging Tarnow hinaus, weil die Libuhn zum Mittagessen rief. Er fand
die Schaffnerin allein beim Tisch. Und jetzt, wie er sie sah in einer
blendend weien Schrze, dem schngeformten Hals, dem etwas geffneten
und feuchten Mund, jetzt glaubte er, sein unverdientes Glck frchten zu
mssen. Trotzdem ging er hin und ergriff Fanny Leutholds Hand.
Schaffnerin, sagte er bewegt und seine treuen Augen glnzten trunken,
ich habe beim Amtmann um Ihre Hand angehalten.

Nun, und? erwiderte sie, ohne berrascht zu sein.

Er ist doch ein generser Mann. Er will sich fr uns beide verwenden,
da wir Strelentin bekommen.

So? machte die Schaffnerin.

Jetzt erst bemerkte Tarnow, da sie ungewhnlich bleich war, und er
fragte, was ihr fehle.

Nennen Sie mich nicht Schaffnerin, sagte sie mit mder Betonung.
Sagen Sie Fanny zu mir.

Tarnow nickte und schwieg.

Der Amtmann trat ein und sein Gesicht zuckte kaum merklich zusammen, als
er die beiden am Tisch sah. Doch als er sich setzte und begonnen hatte,
die Suppe zu essen, wurde er pltzlich sehr aufgerumt. Also, ihr
Brautleutchen, sagte er lachend, jetzt kt euch einmal anstndig.

Tarnow gab es einen Ruck vom Kopf bis zu den Knien. Der Lffel entfiel
seiner Hand.

Na wird's? ermunterte der Amtmann freundlich und klopfte ungeduldig an
sein Trinkglas.

Die Schaffnerin beugte sich hinber zu Tarnow. Er sah ihr Gesicht unter
sich mit halbgeschlossenen Augen und ihren Mund immer noch ein wenig
geffnet. Er seufzte auf, schlo seine Augen, lie das Kinn gegen die
Brust sinken und in demselben Augenblick fhlte er ihre Lippen auf den
seinen, und er schauderte, als ob er nackten Leibes im Eis stnde.

Der Amtmann bog sich vor Lachen. Dann sagte er, ein Stck Brot abbeiend
und emsig kauend. Kinderchen, wenn ihr's redlich meint unter euch,
werde ich schon sorgen, da euch die Exzellenz Brot giebt und da ihr
euch noch in Bruneck nehmen knnt. Ja, der Tarnow, fuhr er dann fort,
das eine Auge zuzwickend, der hat's dick hinter den Ohren, wa? Ein
Schuftkerl, h! Er stand auf, nahm das Kinn Tarnows zwischen Daumen und
Zeigefinger, schob es zurck, und mit dem frhlichsten Gesicht der Welt
gab er ihm nun einen Schlag auf die Wangen. Jetzt lachte auch Tarnow,
aber etwas sonderbar.

Jedoch blieb die Stimmung bis zum Ende der Mahlzeit eine scherzhafte.
Nach dem Fleisch stand Tarnow auf und sagte, er wolle etwas holen. Mit
freudigem Gesicht kam er zurck und brachte Krachmandeln, die er auf der
Messe gekauft. Truchs machte sich emsig darber her. Wie ist's,
Leutholdin, wollen wir Vielliebchen essen? fragte er.

Die Schaffnerin schttelte den Kopf.

Warum denn nicht? fragte der Amtmann und verzog den Mund.

Ich will mit dem Tarnow Vielliebchen essen, sagte die Schaffnerin.

Da sehen Sie, Tarnow, was Sie voraus haben vor mir, scherzte der
Amtmann und hrte auf zu essen. Gleich darauf erhob er sich und verlie
den Raum. Sein eignes Arbeitszimmer lag ber dem Wohnzimmer und die
beiden vernahmen jetzt ein beunruhigendes Gepolter und Geklirr ber der
Decke. Tarnow sah die Miresin auf dem Hofe stehen und ngstlich in die
Hhe deuten. Da stand auch Tarnow auf und folgte dem Amtmann.

Als er oben in die Stube trat, sah er den Amtmann mit blutenden Hnden
umherrasen. Er hatte die Fensterscheiben mit der Faust eingeschlagen. Er
strzte nun auf Tarnow zu und stie ihn mit voller Kraft vor die Brust,
da Tarnow taumelte und rckwrts zur Erde fiel. Tarnow raffte sich
wieder auf, um still fortzugehen. Aber der Amtmann ergriff ihn, stie
ihn aus der Stube, durch den Vorplatz, ber die Treppe hinab bis in sein
Schlafzimmer. Sein Gesicht war scharlachrot geworden, Schaum stand vor
seinem Munde und er chzte: Gehen Sie zum Teufel, zu Ihrer Braut, zu
Ihrer ..... Nehmen Sie Ihre Bcher und bleiben Sie in Ihrem Loch, aber
kommen Sie nicht mehr in meine Zimmer.

Tarnow verhielt sich ruhig und erwiderte keine Silbe. Im Wohnzimmer fand
er die Schaffnerin nicht mehr. Auch im Hofe war sie nicht, auch im
Garten nicht. Whrend der Nachmittagsstunden hatte er Briefe zu
schreiben, und er that seine Arbeit mit derselben Genauigkeit wie immer.
Es war still im Hause. Die Leute waren auf den Feldern und es war
drckend hei. Der Bau der Waschkche war schon ziemlich weit
vorgeschritten. Die Hhner hockten schlfrig im Sand, der warme Geruch
aus den Stllen durchdrang auch das ganze Haus.

Als Feierabend kam und die Sonne rasch gegen Westen sank, sa Tarnow in
seinem eigenen Zimmer und las in einem alten Geschichtenbuch, das er
noch von seiner Mutter hatte. Pltzlich trat der Amtmann ein, den er
den ganzen Nachmittag hindurch nicht gesehen hatte.

Guten Abend, sagte der Amtmann rauh und zog einen Stuhl herbei. Seine
Stirn war gefurcht, seine Augen loderten bisweilen auf; im ganzen war
etwas Zerschlagenes in seinem Wesen.

Tarnow erwiderte den Gru.

Der Amtmann schwieg lange. Er starrte unbeweglich vor sich hin. Nun,
mein lieber Tarnow, sagte er endlich, wollen Sie denn wirklich die
Leutholdin heiraten? Sie drfen ganz offen mit mir reden. Aber ich komme
jetzt daherein zu Ihnen wie ein guter Freund. Passen Sie auf, sie hat ja
eine ganz hbsche Fratze, das lt sich nicht leugnen. Aber sie hat
keine Bildung, sie hat keine Erziehung, sie hat kein Vermgen. Na, sind
das nicht groe Fehler in Ihren Augen? Mein Gott, sie kann ja nhen und
flicken und kochen und sie hat ein ganz gutes Herz, aber da giebt's
viele. Haben Sie sich denn das nu genau berlegt?

Tarnow blickte furchtsam auf die Lippen des Amtmanns. Jedes neue Wort
vermehrte diese unbestimmte Furcht. Als Truchs schwieg und ihn forschend
ansah, sagte er leise: Ich htte ja nie daran gedacht, wenn der Herr
Amtmann nicht selbst--. Ich habe keine Stellung. So lange ich kein Brot
fr meine Frau habe, kann ich nicht heiraten.

Jetzt wurde der Amtmann auf einmal ganz heiter. Er stand auf, klopfte
Tarnow auf die Schulter und sagte: Ein guter Kerl sind Sie, Tarnow, ein
verflucht guter Bursche. Heute mssen wir zusammen anstoen beim
Trinken! Und kameradschaftlich zurckwinkend verlie er die Stube.

Die Essenszeit kam, aber Tarnow hatte heute nicht Lust zu essen. Er
versuchte sich zwar einzureden, da er Hunger habe, aber seine Gedanken
irrten bald wieder zu ganz anderen Dingen und fesselten ihn an seinen
Platz. Als er spter hinunterging, war es schon dunkel geworden. Niemand
hatte nach ihm gerufen. In einem Winkel des Hofes sah er auf
bereinandergeschichteten Backsteinen Stauff und die Libuhn sitzen,
engumschlungen. Sie kten sich, er konnte es sehen, seine Augen
schienen ihm doppelt so scharf als sonst. Die beiden achteten auf nichts
was rings um sie vorging. Tarnow wurde die Kehle trocken; er ging hin
zum Brunnen und schlrfte Wasser. Dann rief er seinen Kater und als er
den Hof verlie, hatte der Ku des Stauff und der Libuhn sein Ende noch
immer nicht erreicht.

Die Sonne war in Dnsten untergegangen; schlechtes Wetter stand bevor.
Ein khler Nachtwind strich ber das Thal. Tarnow glaubte den Flu
lauter rauschen zu hren als sonst. Scharf und durchdringend gellten die
Pfiffe der Maschinen vom Bahnhof, Schwalben flogen dicht ber dem
Wasserspiegel und das Gebimmel einer Kapelle stimmte ihn ganz elegisch.
Der Kater quietschte bisweilen oder blieb stehen und fixierte mit
flammenden Augen einen Nachtvogel.

Als der Zapfenstreich lang und melodisch ber die Wiesen hallte, kehrte
Tarnow zurck. Er suchte sofort sein Zimmer auf, aber eine peinigende
Unruhe berfiel ihn zu gleicher Zeit. Er entledigte sich der schweren
Stiefel und ging in Strmpfen auf und ab. Hierauf ffnete er die Thre,
lauschte hinaus, lehnte sie dann, als er keinen Laut vernahm, wieder
vorsichtig an, ohne sie ins Schlo fallen zu lassen. Da der Wind drauen
an Strke zunahm und ein Zug entstand, schlo er das Fenster und setzte
seine Wanderung im Dunkeln fort. Alles im Hause schien zu schlafen.

Aber als es zehn Uhr geschlagen hatte (man konnte deutlich die Turmuhren
von der Stadt hren), wurde ein knarrendes Gerusch, wie wenn eine Thre
geffnet wird, im Flur laut. Tarnow wute, es war vom Schlafzimmer des
Amtmanns, das dem seinen schrg gegenber lag. Als das Knarren zum
zweitenmal, durch das _Schlieen_ der Thre vernehmlich wurde, schlich
Tarnow hinaus in den Gang. Zehn Schritte vor ihm ging der Amtmann. Er
schien nicht besorgt, seine Schritte zu dmpfen, sondern trat mit der
ganzen Sohle auf. Seine Fe waren nackt; das Fleisch leuchtete durch
die Dunkelheit.

Der Amtmann betrat das Zimmer der Schaffnerin, das unverschlossen
gewesen war. Und als er die Thre wieder hinter sich geschlossen hatte,
hrte Tarnow auch nicht, da er den Riegel vorschob oder das Schlo
umdrehte.

Nun ist er also drin, dachte Tarnow mit einem Herzen, das ihm schwer war
von Bekmmertheit. Und er wartete wieder wie damals auf streitende
Stimmen und auf Geschrei, nur wartete er diesmal mit vielmehr Zuversicht
darauf.

Aber es blieb alles still. Nein, ich begreife das nicht, dachte Tarnow
jetzt und schlich an der Thr der Schaffnerin vorbei, hockte sich einige
Schritte davon auf die Flieen des Flurs und beschlo zu warten. Alles
war finster um ihn. Er konnte nicht die Mauer sehen und nichts auerdem.
Nur gleichsam in weiter Ferne fiel das Licht der Nacht durch das
Glasfenster ber den Hauseingang.

Einen Augenblick dachte Tarnow daran, hineinzugehen, aber diese
Vorstellung versetzte ihn in einen ttlichen Schrecken. Qulende Bilder
sah er, qulender wie die eines bsen Traums. Er hatte Durst; die
Finsternis flimmerte vor seinen Augen, hmmerte vor seinen Ohren und die
Nacht schritt vor um manche Viertelstunde. Es wre ihm gleich gewesen,
wenn der Amtmann mit einem Licht herausgekommen wre und ihn gesehen
htte.

Endlich, nach wie langer Zeit konnte er nicht schtzen, kam Truchs
wieder heraus. Er schlo die Thr ziemlich heftig und murmelte auf ein
Pst von drinnen etwas in den Bart. Er wankte schlfrig den Flur entlang.
Bald war wieder alles ruhig.

Auch Tarnow erhob sich nun. In seinem Zimmer warf er sich aufs Bett und
die Thrnen flossen ihm zu den Wangen herunter.




V.


Es kamen Fuhrleute von Strelentin, die Balkenholz fr den Neubau
brachten; denn Strelentin war von Wald umgeben und Zimmerleute waren
dort fortwhrend beschftigt. Tarnow stand hinter den Wagen und
notierte. Als er damit fertig war, wischte er sich den Schwei von der
Stirn, trotzdem es heute weder hei, noch die Arbeit da sehr anstrengend
war. Er schaute dann ermdet auf die Chaussee hinber, die auf dem
jenseitigen Stromufer lag, als ihn die Schaffnerin rief.

Sie wandte sich um, da er ihr langsam nahte und fast mechanisch folgte
er ihr in die Kche. Dort stand er vor ihr, kreidewei im Gesicht. Was
haben Sie heute Tarnow? fragte sie mit dumpfer Stimme.

Warum fragen Sie mich, Fanny? entgegnete Tarnow und sah sie fremd an.
Sie wissen es doch selbst! Sie wissen doch selbst, was geschehen ist
und da er stundenlang bei Ihnen war.

Ach Tarnow! rief die Schaffnerin aus und schlo hastig die Thre.
Kann man unglcklicher sein als ich? Was soll ich thun, wenn er kommt
und wenn er sagt, er schlgt mich, wenn ich mich rhre?

Ach, Schaffnerin, unterbrach sie Tarnow leise und kopfschttelnd,
sagen Sie das nicht. Knnen Sie nicht zusperren? Und kein Laut war,
Fanny, kein Laut war in Ihrem Zimmer.

Zusperren! rief die Schaffnerin aus und schlug strmisch die Hnde
zusammen. Er thte die Thr zerbrechen in seiner Wut und mich dazu.
Und kein Laut war, -- ja freilich kein Laut, fgte sie bitter hinzu,
weil ich stumm war wie ein Fisch, weil ich ihn angespieen hab, Tarnow,
wie er mir zu nahe kam. Da blieb er sitzen und sitzen, bis es ihm zu
dumm worden ist. Da haben Sie's, Tarnow. Ach wr ich doch tot, wr ich
doch tot!

Sie setzte sich auf den Backtrog und schlug die Hnde vors Gesicht.

Tarnow empfand ein tiefes Mitleiden. Er ging und streichelte ihr bers
Haar. Ich glaub's Ihnen ja, Fanny, sagte er gtig. Seien Sie doch
ruhig. Fassen Sie sich, Fanny. Es mu ja ein Ende nehmen, es mu ja,
sonst, -- ich wei nicht.

Die Schaffnerin erhob sich und schlang ihre Arme um seinen Hals und sah
ihm mit glhenden Blicken in die Augen. Jetzt gehn Sie nur, Tarnow,
sagte sie dann, indem sie sich zum Herd wandte und im Suppentopf rhrte.
Es wird schon werden. Und sie lchelte ber die Schulter zurck ihm
zu.

Ja, ich gehe, sagte Tarnow, betroffen von diesem Lcheln. Ich gehe
zum Amtmann und rede mit ihm.

Er wartete auf ihre Antwort, aber sie rhrte schweigend ihre Suppe
weiter, ohne da er ihr Gesicht sehen konnte.

Der Amtmann war in der Schreibstube. Entschlossen trat Tarnow dicht vor
ihn hin und sah ihm fest in die Augen, die seinem Blick entglitten.
Herr Amtmann, sagte er in einer bestimmten Weise, in der jedoch immer
das Beschwichtigende seines Wesens verborgen war, ich komme nur, um Sie
zu bitten, da Sie doch endlich Ihre nchtlichen Besuche bei der
Leuthold einstellen. Da das nicht sein darf, um keinen Preis, mssen
Sie ja einsehen, Herr Amtmann.

Der Amtmann nickte ihm, whrend er sprach, emsig und ermunternd zu.
Recht so, Tarnow, sagte er dann, indem er mit der Faust auf das Pult
schlug, das war einmal ein Wort! Recht so, Tarnow, das darf nicht sein,
um keinen Preis. Mein heiliges Ehrenwort, Tarnow, es soll nimmer
vorkommen. Verkrummen und verlahmen will ich an Hnden und Fen und
blind dazu will ich werden, wenn es noch einmal vorkommt, Tarnow. Hier,
Tarnow, meine Hand, Sie sind ein ehrenwerter Kerl.

Tarnow, der einen entsetzlichen Wutausbruch erwartet hatte, stand wie
betubt. Aber schlielich fate er sich und blickte unschlssig vor sich
hin. Ich bin dem Herrn Amtmann ja sehr dankbar, sagte er. Aber es mu
doch etwas anderes sein, wodurch die Schaffnerin sicher gestellt wird.

Natrlich, natrlich, pflichtete der Amtmann eifrig bei und ging
aufgeregt in der Stube auf und ab. Also lieber Tarnow, dann machen
wir's so. Wir gehen abends alle drei zu gleicher Zeit ins Bett, nicht?
Schn. Ferner soll und mu sich die Leutholdin in ihrer Stube
einschlieen. Einverstanden? Schn. Aber damit auch Sie mir keine
Dummheiten machen, lieber Tarnow, verlange ich, da bei Ihnen in der
Stube der Jger Klein schlft, der von morgen ab von Strelentin ganz
herber kommt. Er kann sein Bett dort aufschlagen. Einverstanden? Schn,
jetzt sind wir wieder die besten Freunde, wa?

An demselben Mittag veranlate der Amtmann die Schaffnerin, sich mit
Tarnow zu dutzen und erklrte sie fr Brautleute. Er holte das
Schreibzeug und Papier und schrieb eine Erklrung nieder, da Tarnow die
Schaffnerin heiraten wolle, wenn er Strelentin bekme. Tarnow
unterschrieb, und er fate wirklich Hoffnungen fr die Zukunft. Ich
gehe heute gegen Abend in die Stadt, sagte der Amtmann, weil ich zur
Exzellenz mu. Ich werde dann schon fr euch sprechen, Kinder.

Zu alldem blickte die Schaffnerin gleichgltig auf ihren Teller nieder.
Als der Amtmann hinaus war, lachte sie.

Warum das Lachen? fragte Tarnow verlegen, der auf solch plumpe Art
das du vermied.

Sie lachte noch mehr und schttelte dann leise den Kopf, als ob sie
etwas nicht begreifen knne. Tarnow ging an seine Arbeit, die ihm diesen
Nachmittag flink von statten geriet. Der Amtmann war wirklich in die
Stadt gegangen und als Tarnow fertig war, wanderte er zwischen den
Gartenbeeten auf und nieder. Aus diesem Ungestrtsein ri ihn erst der
Jger, der von Strelentin kam. Sogleich begann er, Tarnow zu erzhlen,
da ein neuer Verwalter auf Strelentin angekommen sei, ein ehemaliger
Student aus Berlin. Er habe gleich seine Frau mitgebracht.

Es war Tarnow, als ob ihm die Beine pltzlich abgehauen wrden. Ein
konvulsivisches Zittern berlief ihn und zog ihm die Haut zusammen. Aber
trotzdem fate er sich schnell, und er fhlte etwas wie Scham wegen
seiner Erregung. Beinahe gleichzeitig kam auch Truchs aus der Stadt
zurck und rief Tarnow zum Tisch. Also Kinderchen, sagte er, lustig
mit den Augen blinzelnd, es geht alles aufs beste. Die Exzellenz will
sich die Sache berlegen, und es ist sehr wahrscheinlich, da ihr nach
Strelentin kommt.

Tarnow erhob sich unwillkrlich und blickte den Amtmann vorwurfsvoll an.
Truchs merkte sofort, woran er war. Er verschrnkte die Arme ber der
Brust und schwieg trotzig still. Seine funkelnden Augen waren auf Tarnow
gerichtet. Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche, entfaltete es und
reichte es Tarnow hinber. Tarnow las die vom Amtmann geschriebene
Erklrung wegen der Heirat, unter die er in freudigen Zgen seinen Namen
gesetzt hatte. Er begriff nicht, was der Amtmann meinte und mit
fragendem Blick gab er das Blatt zurck. Truchs lchelte mit einem
finsteren Lcheln, strich einige Male zrtlich ber das Papier und ri
es dann mitten durch.

Tarnow senkte den Kopf.

Eine Viertelstunde spter ging er auf die Vorwerke hinaus, wo trotz der
abendlichen Stunde etwas nachzusehen war. Er ging und wute nicht, da
er ging. Tausend zerflieende Gedanken durchkreuzten seinen Kopf. Eine
allgemeine Angst erfate ihn, und einige Male blieb er stehen, um
entmutigt die Hand auf die Stirn zu legen.

Als er von den Vorwerken zurckkam, stand die Schaffnerin vor dem Haus.
Es dmmerte schon. Graue, lange Wolken bedeckten den Himmel. Als Tarnow
der Schaffnerin ins Gesicht sah, erschrak er. Sie hatte eine
Leichenfarbe. Ihre Augen waren wie verquollen, ihre Haare verwirrt, ihre
Lippen zusammengepret.

Was hast du, Fanny? fragte Tarnow.

Sie gab ihm keine Antwort, sondern blickte mit zuckendem Mund zur Seite.
Und er wiederholte seine Frage. Sie legte ihre Hand leicht auf die seine
und wollte sprechen, als der Amtmann aus dem Haus trat und mit rauher
Stimme nach ihr rief. Er gewahrte auch Tarnow, kam nher, begrte ihn
freundlich, legte seinen Arm in den des Wirtschaftsschreibers und zog
ihn fort.

Wollen Sie eine Zigarre haben, lieber Tarnow? fragte Truchs, als sie
im Hof auf und ab gingen.

Danke, Herr Amtmann, ich rauche nicht, erwiderte Tarnow, der eine
atemlose Spannung empfand.

Aber zum Teufel, Herr, nehmen Sie doch eine Zigarre, wenn ich Ihnen
eine anbiete.

Ich habe noch nie geraucht, Herr Amtmann.

Das ist mir egal.

Tarnow nahm eine Zigarre und zndete sie unbeholfen an, als ihm der
Amtmann Streichhlzer gegeben hatte.

Der Amtmann barst vor Lachen. Sie haben ja die Spitze nicht
abgeschnitten, keuchte er, sich auf den Bauch klopfend. Sie sind mir
ein rechter Maulwurf.

Tarnow schnitt die Spitze ab und bemhte sich mechanisch, den Rauch aus
der Zigarre zu ziehen. Der Amtmann war in einem Nu ernst geworden. So,
jetzt knnen wir ja reden, sagte er. Also was ich Ihnen mitteilen
wollte, ist das: nmlich, -- aber bleiben Sie nur hbsch ruhig --
nmlich, die Leutholdin ist _meine_ Braut. Sie gefllt mir und ich will
sie heiraten. Das wollt ich Ihnen nur mitteilen.

Tarnow lehnte sich an den Gartenzaun und warf die glimmende Zigarre in
den Sand. In seinem Gesicht ging eine wunderliche Vernderung vor. Es
war, als ob der Mund sich verschoben htte und das Kinn schief geworden
sei. Dann drehte er sich um und hustete, indem er sich an einem Pfahl
festhielt und die Kniee daran prete.

Na was ist, Tarnow, was ist? was haben Sie? rief der Amtmann
ungeduldig und kratzte sich den Kopf.

Tarnow wandte sich wieder um und mit gesenktem Haupt sagte er ruhig:
Ich wnsche dem Herrn Amtmann viel Glck. Ich werde Sie trotzdem so
schtzen, als ob Sie eine Baronesse zur Frau bekommen htten.

Die seltsame Antwort machte den Amtmann stutzig. Aber er hatte nicht
Lust, weiter zu fragen, sondern ging ins Haus. Tarnow folgte ihm und
suchte gleich sein Zimmer auf, wo der Jger Klein schon im tiefen Schlaf
lag.

Tarnows Arbeit am nchsten Tag glich einer Arbeit, die man im Traum
verrichtet. Aber er beherrschte sich so, da es nicht auffallend war. Er
konnte die Schaffnerin von da an nicht mehr sprechen. Der Amtmann war
stets zugegen, wenn er sie irgendwo traf, und schlielich kam es so, da
er sich davor frchtete, sie irgendwo allein zu treffen. Seine Augen
waren immer umschleiert, so da sein Blick etwas dumpf Sinnendes bekam.
Sein Gang war schlendernder geworden. Eine merkbare Vernderung war mit
ihm vorgegangen.

Auf den Wiesen wurde das Gras gemht. Die Libuhn war bei den Khen und
melkte. Das Dach des kleinen Neubaues war schon aufgesetzt. Tarnow
schrieb im Bureau. Die Schaffnerin und Truchs saen in der Wohnstube.

Nun Fanny, was hast du mir zu sagen? fragte der Amtmann, der die
Ellbogen auf seine Kniee gesttzt hatte und ganz vorgebeugt sa.

Ich, Truchs? Was soll ich dir zu sagen haben?

Heut frh hast du gesagt, nachmittags wrdest du's sagen, murmelte der
Amtmann.

Es ist nichts, Truchs, ich hab's schon vergessen.

Ich will es aber wissen, Leutholdin, hrst du?

Ich sag es aber nicht, Truchs.

Du bist in den Schreiber verliebt, Leutholdin, leugn' es nicht. Das
hast du mir sagen wollen. Bist du in den Schreiber verliebt, Fanny?

Die Schaffnerin lachte kurz auf. Was bist du so erregt, Truchs. Nein,
zum Verlieben reichts bei mir nicht mehr hin. Aber ich mcht ihn haben.
Ich mcht ihn haben, Truchs, das ist die Wahrheit. Ich mcht _auch_ ein
Leben fhren wie ein Mensch.

Die eine Hand des Amtmanns griff nach dem Vogelkfig, der neben ihm auf
einem kleinen Tischchen stand, und bog die starken Drhte zusammen, als
ob sie aus Wachs bestnden. Das Rotkelchen im Kfig flatterte angstvoll
auf und nieder. Die Schaffnerin begann zu erblassen vor dem Blick des
Amtmanns und stand auf wie unter einem Alp. Er zog sie her zu sich und
sie kniete vor ihm. Ihre Augen wandten sich keine Sekunde lang von ihm
ab. Er beugte sich nieder, fate sie um die Hften und lachte sie an.
Auch sie lachte gezwungen. Er hob sie auf sein Knie und sagte: Schwer
bist du, Schaffnerin. Sie nickte geistesabwesend. Er nherte den Mund
ihrem Ohr und bi sie ins Ohr. Sie schrie auf und klammerte sich an
ihn. Nun wie ists mit dem Schreiber? fragte er. Jetzt schttelte sie
krampfhaft eilig den Kopf. Sie deutete hinaus in den Hof oder in den
Garten, wo sie Tarnow sah. Der Amtmann machte sich los von ihr, ging
hinaus und stand bald vor Tarnow, den er fragte, wie es ihm gehe.

Aber Tarnow erwiderte ihm nichts.

Machen Sie sich keine Hoffnungen, lieber Tarnow, sagte Truchs boshaft.
Ich lebe schon ein Jahr und lnger mit der Leuthold zusammen. Da knnen
Sie sich denken, da es mit der Keuschheit schon lngst am letzten ist,
-- h? Pfui Teufel, was sind Sie fr ein Kerl, Tarnow, was fr ein
Pfaffengesicht haben Sie, pfui Teufel. Man kann Ihnen die Finger
abhauen, ohne da Sie schreien.

Ist das wahr, Herr Amtmann, was Sie eben gesagt haben mit der
Schaffnerin? fragte Tarnow, der ein Gefhl hatte, als ob eine Faust
sich in seine Brust senke.

Der Amtmann schwieg und wandte sich kurz ab. Und als dann kurze Zeit
nach diesem Zwiegesprch Tarnow durch den Flur gegen die Kche schritt,
fhlte er auf einmal zwei Arme um seinen Hals, die ihn zurckhielten. Es
war die Schaffnerin. Sie atmete erregt, sie drngte ihren Leib dicht an
ihn und suchte seinen Mund mit den Lippen, doch kte sie in die leere
Luft. Tarnow hielt sich an der Mauer fest. Er machte eine verzweifelte
Bewegung mit dem ganzen Krper, sein Gesicht rtete sich und wie ein
zermalmendes Gewicht drckte es auf seinen Schdel.

Stunden vergingen, ohne da es ihm gelungen wre, sich einigermaen zu
fassen. Eine geheimnisvolle Stimme in seinem Innern rief ihn fortwhrend
bei seinem eignen Namen, und diese Stimme verwirrte sein Nachdenken
gnzlich. Es war schon spt nachts, als er immer noch auf der Treppe vor
dem Haus sa, seinen Kater auf dem Scho hielt und grbelnd vor sich
hin sah. Es wehte ihm ein khler Wind ins Gesicht.

Auf einmal kam der Amtmann zu ihm heraus; Tarnow schien es, als kme er
aus dem Zimmer der Schaffnerin. Er wunderte sich im stillen, da er
diesem Umstand so wenig Wichtigkeit beima. Des Amtmanns Haare waren
verwirrt und hingen in Strhnen herab. Sein Gesicht war verstrt.

Warum gehen Sie nicht in Ihr Nest? fuhr er Tarnow wild an.

Tarnow stand auf und blickte schweigend vor sich hin.

Warum Sie nicht in Ihr Nest gehen? schrie Truchs mit heiserer Stimme.

Ich bin nicht mde, Herr Amtmann, sagte Tarnow gefat.

Der Amtmann sah jetzt die Katze in Tarnows Arm. Er lachte kichernd in
sich hinein. Ach so, sagte er gedehnt, Sie pflegen das Vieh da! Jetzt
wei ich doch, wohin die jungen Hhner kommen. Bis jetzt hab ich immer
gemeint, der Herr Tarnow selbst stiehlt sie und verkauft sie. Marsch!
Mit diesen Worten ri Truchs den Kater an sich, packte mit der einen
Hand den Kopf des Tiers und drehte ihn, whrend er den Krper festhielt,
ein paarmal rundherum. Einen raubvogelartigen Pfiff ausstoend warf er
den Kadaver mitten in den Hof.

Tarnow strmte alles Blut, so da er es deutlich empfand, zum Herzen. Er
chzte und hielt sich nur mit groer Mhe aufrecht. Der Amtmann nickte
ihm hmisch zu und ging in den Flur zurck.

Tarnow hob das Tier vom Boden auf. Es war tot. Die Augen waren ganz aus
den Hhlen getreten. Mit weitgeffneten Lidern blickte Tarnow zum
bewlkten Himmel empor. Aber noch immer gewannen seine Sanftheit und die
angeborene Demut seines Wesens Macht ber ihn. Er fhlte jetzt nur noch
groes Mitleid mit dem treuen Gefhrten seiner Spaziergnge.

Doch erwachte zugleich eine nagende Furcht vor dem Wiederanbruch des
Tages in ihm.




VI.


Der Prediger und der Organist von Veitshchheim waren zu Gast bei dem
Amtmann. Sie waren schon nachmittags herber gekommen und hatten ein
Spielchen arrangiert. Ihre Bekanntschaft mit Truchs lag hchstens um
einen Sonntag zurck.

Die Unterhaltung bei der Abendmahlzeit zwischen dem Amtmann und seinen
Gsten war laut und ungezwungen. Die Schaffnerin, die Truchs gegenber
sa, blickte ohne eine Bewegung zu machen und ohne ein Wort zu sprechen,
auf ihren Teller nieder und berhrte die Suppe nicht, die vor ihr stand.
Tarnow, der neben der Schaffnerin sa, war ebenso schweigsam.

Es gab Brotsuppe. Der Amtmann hatte sich und seinen Gsten Suppe
gegeben und reichte nun Tarnow den Vorlegelffel, damit er sich selbst
nehme. Tarnow nahm den Lffel und schpfte sich Suppe, aber er vermied
dabei das Brot, das er nie a, wenn es in der Brhe gelegen hatte. Da
fuhr ihn der Amtmann zornig an: Das thun ungezogene Leute. Das ist
unschicklich.

Tarnow schwieg.

Der Organist platzte mit Lachen heraus. Der Prediger, ein noch junger
Mann, der unter widerwrtigem Schlrfen seine Suppe a, nickte etwas
stupid vor sich hin. Der Amtmann stie whrend der ganzen Dauer der
Mahlzeit beleidigende und krnkende Worte gegen Tarnow aus, machte sogar
zotenhafte Witze, bei denen der Prediger errtete und wie beschwrend
die Hand erhob, whrend der Organist krampfhaft Brotrinden zerbi. Na,
Leutholdin, sagte dann der Amtmann jedesmal und warf der Schaffnerin
funkelnde Blicke zu, meinen Sie nicht auch? Die junge Frau lchelte
dann, -- aber mit welch einem rtselhaften Lcheln! Ihr Gesicht erhielt
dadurch fast gar keine Vernderung, auer da der Mund sich in die Lnge
zog.

Tarnow schwieg zu allem.

Es war schon zehn Uhr vorbei, als der Amtmann mit seinen Gsten
aufbrach, um sie zu begleiten. Die Nacht war finster. Ein strmischer
Wind ging und die Fensterscheiben klapperten in ihrer Einfassung.

Zum erstenmal wieder befand sich Tarnow mit der Schaffnerin allein. Er
hatte gezittert vor diesem Alleinsein und hatte es doch auch gewnscht.
Sie saen lange Zeit, ohne etwas zu sagen und hrten der schaurigen
Windmusik zu. Im Haus selbst war es ganz still. Tarnow glaubte
bisweilen, er hre eine Glocke luten. Es war nur ein ganz dumpfes,
hinsterbendes Gerusch, das sich seinen Sinnen darstellte, nicht als ob
es die Stille, sondern nur die Finsternis durchbreche, die sich drauen
um die Mauern schmiegte. Und wieder glaubte er dann seinen Namen von
irgend einem Unsichtbaren gerufen und lauschte voll Angst.

Fanny, was haben Sie mit dem Amtmann gehabt? fragte er endlich ohne
weitere berlegung.

Sie schttelte den Kopf und sagte nichts. Es qulte ihn, da sie
schwieg, aber er wiederholte seine Frage nicht.

Da reichte sie ihm einen Zettel. Er nahm ihn und las mit Bleistift
geschriebene Worte: Ich darf nichts reden, wenn ich Ruhe haben will.
Heiraten werd ich ihn nicht, nein. Ich werd mich nicht mit dir
auseinanderbringen lassen, Tarnow. Eher zieh ich fort.

Der Umstand, da sie dies geschrieben hatte und offenbar schon lange
vorher geschrieben, und da sie nicht redete, machte einen furchtbaren
Eindruck auf Tarnow. Flsternd, als knne selbst die Stille sie
belauschen, fragte er: Warum sprechen Sie denn nichts, Fanny?

Sie sah ihn an und blickte dann deutend nach den Fenstern, nach der
Thre, als sei sie gewi, da des Amtmanns Ohr eiferschtig daran
gepret sei, oder als sei sie gewi, da die Luft, in die sie ihre Worte
hauchte, ihm den Schall zutragen mte. Das erfllte Tarnow mit
Schrecken, und er schwieg gleichfalls, obwohl er wute, da Truchs in
Wirklichkeit mit den beiden Mnnern fortgegangen war, da er sie selbst
bis zur Hausthr begleitet und noch von ferne das drhnende Lachen des
Amtmanns gehrt hatte.

Und es dauerte auch noch eine Viertelstunde, bis er zurckkam. Er schien
in sehr heiterer Stimmung, that aber, als ob Tarnow gar nicht da sei.

Dieses Verhalten erregte Tarnow auf unerklrliche Art. Aufmerksam
verfolgte er jeden Schritt, jede Geste des Amtmanns, und erst als man
dann aufbrach, um sich zu Bett zu begeben, hatte sich die Unruhe in ihm
etwas gelegt. Aber schlafen konnte er nicht. Er setzte sich an das
kleine Tischchen, das zwischen dem Bett des Jgers und dem seinen stand,
zndete eine gebrechliche Lampe an, die auf dem eisernen Ofen stand und
die ein mageres Licht in der Stube verbreitete, und schrieb einen Brief
an seine Mutter, die in einem Weiler in der Nhe von Aschaffenburg
wohnte. Er schrieb, da es ihm gut gehe und da er sich fr ihre
sorgliche Nachfrage bedanke; da er seine Stelle nicht so bald zu
verlassen gedenke wegen der Mutter, und da er bald eine eintrgliche
Befrderung zu erfahren hoffe; da er sich zwar nicht viel ersparen
knne, da ihm aber trotzdem an leiblichen Dingen nichts abgehe. Sein
Stil war plump, aber zrtlich; all das sanfte Licht, das in seiner Seele
wohnte, strmte dabei in die Zeilen ber, die ganze Gte seines Wesens
kam in wunderlichen Wortverschnrkelungen zum Ausdruck, wie diese: da
du, meine so hochgeliebte Mutter, mich immer ermahnst, beim Rechten zu
bleiben, ist ein herrliches Zeugnis deiner Tugend und kann mir nichts
Lieberes geschehen. Diese altmodischen Banalitten nahmen in seiner
Schrift, unter seiner langsam sich ber das Papier schiebenden Hand
etwas Edles und Rhrendes an und zeigten, wie sein Gemt an diesem Tag
noch sein Gleichgewicht besa.

Als Tarnow am nchsten Morgen in das Bureau trat, war der Amtmann schon
anwesend. Tarnow war erstaunt, denn es war das erste Mal, da dies der
Fall war. Der Amtmann erwiderte seinen Gutenmorgengru nicht. Er war mit
keiner Arbeit beschftigt, sondern starrte nur dumpf vor sich hin. Ich
mu mit Ihnen reden, Tarnow, sagte er einmal, aber als Tarnow den Kopf
erhob und lauschte, schwieg der Amtmann. Dagegen wurde er pltzlich
aufgerumt und redselig, als Tarnow sagte, er msse nach den Vorwerken
und dann nach Strelentin hinber und kme erst Nachmittag zurck.

Aber Tarnow kam schon frher zurck und begegnete am Kloster
Himmelspforta der Schaffnerin, die in der Stadt gewesen war. Es hatte zu
regnen begonnen, auch der Wind hatte seit gestern noch nicht aufgehrt.
Tarnow hatte keinen Schirm und bat die Schaffnerin, ihn unter ihrem
Schirm mitzunehmen. Frmlich gepeitscht, rasten zerfaserte Wolken ber
den Himmel. Kein Mensch war weitherum zu sehen. Das Kloster lag in einer
gleichsam steinernen Stille da, und die Akazien, die zum Portal fhrten,
krmmten sich und chzten und die Bltter rauschten laut. Die
Schaffnerin war wieder schweigsam und in Tarnow kehrte die Furcht des
letzten Abends zurck. Oft glaubte er, die Schaffnerin lchle, aber dann
schlo er, da er sich getuscht haben msse. Er meinte es immer dann zu
sehen, wenn sie beide schwer gegen den Wind ankmpften, und wenn sie
sich dann an ihn prete oder seine Hand zufllig die ihre berhrte. Sein
Herz klopfte, wenn er sie ansah, -- das liebliche Oval ihrer Wangen, das
duftige Rot, das der Sturm darber gehaucht, die feine, weie Haut des
Halses, unter der die Adern pochten, das blaue Band, das den Nacken
umschlo; und er dachte sich aus, was er ihr vielleicht sagen knnte, um
ihr zu gefallen. Aber es blieb beim Denken. Sie nherten sich dem Gut
und aus dem Fenster des Bureaus blickte der Amtmann nach ihnen.

Kurze Zeit nachher kam der Krger Kitz, der eine Zahlung leisten wollte,
und Tarnow hatte die Quittung zu schreiben. Er datierte sie, wie es
richtig war, auf den 28. Juni, den Tag der Zahlung. Die Zahlung war
schon im Mai zu leisten gewesen. Der Amtmann geriet pltzlich in groe
Wut, als er das Datum der Quittung sah. Er warf das Quittungsbuch des
Krgers auf den Tisch und schrie Tarnow aus allen Krften an: Herr, zum
tausend Teufel, was haben Sie da wieder fr dummes Zeug gemacht!

Tarnow fragte gelassen: Wieso, Herr Amtmann?

Mit dem dummen Quittieren! schrie der Amtmann. Der Kitz bezahlt den
Branntwein, den er im Mai schuldig geblieben ist, und der mu auch bei
dem Monat quittiert werden! Sie sind ein Mensch, der nie eine richtige
Rechnung gefhrt haben kann. Sie sind nichts wert. Dabei warf er die
Sandbchse mit solcher Heftigkeit auf den Tisch, da er sich an der Hand
verwundete, und da das Tintenfa aufflog und die Tinte auf das Papier
und auf die Mbel verspritzte. Zugleich schrie er, der Tarnow solle
binnen acht Tagen aus dem Hause; er habe sich durch seine Untreue und
Durchstechereien der Kondition unwrdig gemacht. Ich werde Sie
unglcklich machen, schrie er, ich werde Sie ins Zuchthaus bringen.

Der Krger Kitz machte sich ngstlich davon, aber der Amtmann hrte
nicht auf zu toben. Herr, ich schwre zu Gott, ich halte mein Wort, --
ich will Sie verfolgen, Sie mgen sein, wo Sie wollen, Sie Duckmuser
und Heuchler! Ich werde Sie schon aus ihrer Ruhe bringen, da knnen Sie
sich drauf verlassen.

Die Leute im Hof waren zusammengelaufen und horchten. Tarnow erlitt
ruhig diese Beschimpfungen, als wre er schon stumpf dagegen geworden.
Er hatte sich still an den Ofen gestellt und nur darber nachgedacht,
wie er aus dieser Kondition kommen knne. Dann fragte er mit bebender
Stimme: Was wollen Sie von mir, Herr Amtmann?

Der Amtmann blickte stier in Tarnows Gesicht. Er geriet in eine
unsinnige Wut und stie Tarnow mit der geballten Faust ins Auge.

Diese Mihandlung brachte eine Wandlung in das Innere Tarnows.




VII.


Auf einmal erhielt er diesen Sto, der so heftig war, da er mit dem
Kopf gegen den Ofen zurckstie. Er fhlte pltzlich ein Kribbeln in
der Nase. Dieses stieg ihm dann nach dem Kopfe, und es war ihm zu Mute,
als wenn das Gehirn gleich einem Uhrwerk sich ihm herumdrehe. Dann lief
es ihm ganz kalt durch das Genick in die Schultern und er meinte, es
falle ihm durch die Zimmerdecke geschmolzener Schnee auf den Rcken.
Darauf versetzte es ihm einen heftigen Ruck in der Brust und er hatte
eine heftige uere und innere Hitze. Die Brust wurde ihm aufgetrieben,
und er mute sich Rock und Weste aufknpfen, um sich Luft zu
verschaffen. Er bemerkte nicht mehr, da die Schaffnerin bleich und
aufgeregt hereinkam, um den Amtmann zu beruhigen; er hrte nicht, da
sie ihm leidenschaftlich zuredete und ihm seine Hitze verwies, und da
sie dann die beiden Mnner zum Abendessen bat. Etwas spter fand er sich
am Tisch sitzend, ohne da er wute, wie er herbergekommen.

Der Amtmann war jetzt pltzlich wieder ein anderer Mensch. Man mu doch
endlich einmal aufhren, sagte er, als er das Fleisch von der Schssel
nahm. Er redete gegen Tarnow hinber ganz ruhig ber Geschfte und ber
eine Fahrt, die sie zusammen nach dem Rottendorfer Jahrmarkt machen
wollten. Tarnow, der sonst stets glcklich war, wenn der Amtmann wieder
freundlich wurde, sagte diesmal kein Wort.

Gleich nach dem Essen fing der Amtmann an, Stiefel und Jacke auszuziehen
und sagte: Kinder, wenn euch so schlfert wie mich, dann geht
schlafen. Er wnschte gute Nacht und ging in sein Schlafzimmer.

Auch Tarnow legte sich zu Bett. Der Jger, der sonst zugleich mit ihm
schlafen ging, war noch nicht da. Er hrte ihn bald darauf im Wohnzimmer
mit der Schaffnerin sprechen, so deutlich, als ob es in der Stube
nebenan wre. Die Schaffnerin sagte ihm, er solle jetzt auch schlafen
gehen. Der Jger kam nun und sagte zu Tarnow, der Amtmann sei schon zu
Bett.

Tarnow lag in unertrglicher Hitze da. Er hrte in der Nebenstube die
Libuhn buttern. Nach einer Weile hrte sie damit auf, verlie die Stube,
war aber nach kurzer Zeit an Tarnows Thr und rief leise durch die Thr:
Herr Tarnow, schlafen Sie?

Warum? fragte er.

Wenn Sie mal rauskommen knnten, thten Sie was Schnes belauern,
entgegnete sie kichernd.

Was denn? fragte er.

Wie der Jger fort war, ist die Schaffnerin zum Amtmann ins Zimmer. Und
jetzt ist sie immer noch drin, flsterte die schwatzhafte Magd.

Tarnow erwiderte nichts, und die Libuhn fuhr fort zu buttern. Zu dem
Jger, der noch nicht schlief, und der alles gehrt hatte, sagte Tarnow:
Sehen Sie nur, Klein, was das fr eine Hundezucht ist. So heilig hat
mir der Amtmann versprochen und zugeschworen, da er und ich und die
Schaffnerin gleichzeitig in unsere Stuben sollen und jetzt ist es doch
nichts!

Der Jger lachte. Ob denn das was Neues sei, meinte er.

Nun kam die Libuhn abermals vor die Thre. Herr Tarnow, raunte sie,
ich hab gehorcht an der Thr. Sie ist noch drin.

Tarnow richtete sich ein wenig auf und sttzte den Kopf auf die Hand. Er
empfand immer grere Hitze im Kopfe und am ganzen Krper. Er konnte
nicht einmal die Augen zumachen und warf sich wild im Bett umher.

Es schlug zehn und es schlug halb elf und da kam jemand in die Stube
nebenan, wo die Magd immer noch butterte. Das mu die Schaffnerin sein,
dachte Tarnow. Und als er dann wirklich ihre Stimme hrte, schlugen
seine Zhne aneinander wie im Fieber. Er wollte ihr merken lassen, da
er noch wach sei, da er bis jetzt gewacht habe, und mit einer seltsam
metallisch klingenden Stimme schrie er lauter als ntig war hinber:
Haben Sie jetzt Butter, Libuhnin?

Statt ihrer antwortete die Schaffnerin: Wir werden bald welche
bekommen; ich brhe jetzt. Und Tarnow lauschte ihren Worten, als sie
schon lngst verklungen waren. Es kam ihm vor, als klngen sie nach in
der Stille der Stube, als wiederhole sie der Wind drauen tausendzngig.
Er hatte eine Lust in sich zu klagen, was ihm alles widerfahren, aber
die Hitze, die er empfand, drckte seine Kehle zusammen. O Gott,
murmelte er, wirst du mich denn nicht erlsen!

Eine kleine Weile darauf wurde es nebenan still. Dann wnschte die
Schaffnerin durch die Thr in einem freundlichen Ton Tarnow gute Nacht.

Gut Nacht, sagte auch Tarnow.

Er horchte gespannt. Ihre leichten Schritte verhallten auf dem Flur. Sie
ging in ihr Zimmer, aber sie verschlo die Thre nicht, wie es doch
verabredet war.

Sehen Sie, Klein, jetzt schliet sie doch ihre Thr nicht zu, sagte
Tarnow und bi wie verzweifelt in sein Kissen.

Der Jger, verwundert, den Tarnow heute so redselig zu finden, brummte
besttigend.

Es schlug elf Uhr.

Die Hitze, in der Tarnow lag, wurde zu einer furchtbaren Glut. Alle
Beleidigungen, die er in diesem Haus erlitten, vom ersten Tag an bis
heute, alles trat ihm vor die Seele. Dann lag er gedankenlos im Bett. Er
fhlte nur noch ein Sausen und Brausen, als ob ihm das Gehirn im Kopf
herumgewlzt wrde. Er konnte es nicht mehr aushalten im Bette; auch die
Stille im Haus war ihm zu gro. Sie drckte weniger auf ihn, wenn er
sa, als wenn er lag. Er setzte seine Fe hinaus, zog seine Pantoffeln
an, blieb aber so sitzen und sitzen, hrte halb zwlf und zwlf und halb
eins und eins schlagen. Dann zog er seine Strmpfe und Beinkleider und
seinen berrock an und fragte: Schlafen Sie, Klein?

Keine Antwort kam. Klein schlief.

Er verlie die Stube. Er riegelte das Hausthor auf und ging in den Hof,
wo ihn ein jagender Wind empfing. Er lief ein ganzes Stck hinaus in die
Wiesen und kehrte dann ebenso schnell laufend wieder um. Er ging dann in
die Amtsregistratur. Er wute, da der Amtmann in der Registratur an
einem Nagel einen Strick aufbewahrte. Er ging immer schnell und fhlte
nur das Sausen und Brausen in seinem Kopf. Er fand den Strick nicht an
dem Nagel. Aber im Finstern suchte er und fand den Strick an einem
zweiten Nagel. Und er nahm den Strick und steckte ihn in die Tasche.

Dann stand er wie erstarrt still und sagte ziemlich laut: Nein, mit dem
Strick geht es nicht. In einem Zimmer nebenan stand eine Kiepe mit
Eisenzeug. Er nahm einen Hammer daraus, den grten und schwersten, den
er fand. Sobald er den Hammer in der Hand hatte, wurde es ruhig um ihn
und das Sausen und Brausen hrte auf. Er dachte: ich mache es wie der
Blutmartin, dessen Bild ich auf der Messe gesehen habe. Und wenn er
seine Thr zugesperrt hat, will ich ihn um Zndhlzer bitten; will
sagen, es ist mir recht schlecht, Herr Amtmann, znden Sie mir die Kerze
an.

Er stand vor der Thr der Schaffnerin, kniete hin und betete.




VIII.


Zwei Stunden spter, ungefhr um drei Uhr morgens, kehrte er in seine
Stube zurck. Es tagte schon. Drben, in der Richtung des Klosters,
wurde der Himmel schon fahl; die Vgel begannen zu zwitschern, erst
schchtern, gleichsam fragend, dann zuversichtlich, dann ganz
strmisch.

Tarnow trat herein, und in seinem Gesicht glnzten die Augen, wie sie
gewi nie zuvor geglnzt hatten, -- als wollte er sagen: jetzt kann ich
wieder rein dastehen vor mir selber. Aber das dauerte kaum Sekunden, die
man zhlt. Er warf sich neben das Bett des Jgers hin und schttelte
ihn. Klein! rief er aus, Klein, der Kerl, der Amtmann schlft schon!

Der Jger war sofort wach geworden. Er sah Tarnow an, dessen Gesicht wie
Wachs war. Was ist geschehen? fragte er und stand auf. Und er sah nun
auch, da Gesicht und Hnde und Kleider des Tarnow mit Blut besudelt
waren. Was ist geschehen, Tarnow? fragte er noch einmal erregt und
packte den Knieenden am Nacken.

Da haben Sie den Schlssel, Klein, sagte Tarnow. Er schliet ins
Schlafzimmer vom Amtmann. Und gren Sie halt meine Mutter schnstens
von mir, lieber Klein.

Tarnow streckte sich ganz auf den Boden, legte die Stirn auf den Arm und
schlo mde die Augen.

[Illustration]




Die Mchtigen

[Illustration]


Wenn ein Gewitter im Anzug ist, darf die Kompagnie auf Heimkehr ins
Quartier hoffen. Die Posten werden zusammengezogen, der Leutnant nimmt
den Rapport entgegen, die Unteroffiziere versammeln ihre
Korporalschaften um sich, die Kolonne wird formiert und setzt sich in
dumpfem Trab in Bewegung. Die Soldaten sind mde und staubbedeckt; sie
sollen singen, damit ihnen der Marsch mheloser werde, aber sie knnen
nicht singen. Es ist eine schwere und schwle Stimmung in der Natur und
es ist, als ob diese rohen Shne des Dorfes und der Fabrik zum
Nachdenken gezwungen wrden, ber etwas, das bisher nur als dumpfe
Sehnsucht oder als starrer Groll in ihrer Brust gewohnt. Der Leutnant
fragt den Sergeanten, warum nicht gesungen wrde; der Sergeant giebt
einigen Unteroffizieren freundschaftliche Rippenste und diese fluchen
leise in die Sektionen hinein und kommandieren das Lied: Der Feind, der
kommt von Frankreich her. Aber kaum begonnen, ersterben die unwillig
hingemurmelten Laute wieder und der Leutnant verzichtet fr heute auf
den Gesang. Tief und dunkel hngen die Wolken, und die Schwalben fliegen
mit einem fast klagenden Zwitschern am Rand der Felder hin. Und der Wald
in der Ferne, ist es nicht, als ob er zu fliehen versuchte vor dem
Anmarsch der Kolonne? Leiser Donner rollt ber den Wald und der dicke
Staub liegt ber und zwischen den Reihen und der Wind erhebt sich und
treibt ihn den Mnnern ins Gesicht, und alle sind sie so stumpf
geworden, da sie sich nicht einmal bemhen, ihn von den Augenlidern
oder von den Lippen zu wischen. Und es geht durch ein Dorf, wo aus
kleinen schmutzigen Fenstern neugierige oder mitleidige oder finstere
Gesichter schauen und dralle Mgde stehen an den Scheunen und lachen
ziemlich grundlos. Und dann kommt wieder die Ebene und die Landschaft
wird trber und der Donner zieht heran, langsam hallend, gleichsam Gehr
fordernd. Eine bissige Bemerkung wird laut unter den Soldaten oder eine
derbe Zote, dann ist es wieder lange Zeit hindurch still. Sie denken an
die Nacht: da knnen sie schlafen; manche wnschen immer schlafen zu
drfen, bis die Jahre des Dienstes vorbei sind. Viele haben einen Schatz
und sie denken an den Urlaub des letzten Sonntags und an das einsame
Liebesbett in einem stillen Waldwinkel oder auf einem hohen
Scheunenboden. Die meisten aber denken an gar nichts; wie eine Decke
hngt es vor ihren Augen und ihre Fe sind schwer. Das Gewehr drckt
die Schulter und der Tornister drckt den Rcken. Der Schwei hat die
Gewnder an den Leib festgeklebt und alle Sinne sind erschlafft und
abgestorben. Sie sind keinem Eindruck mehr zugnglich auer dem
gleichmigen Gerusch der Schritte; und es klingt wie ein schwerer
Rhythmus in die Unermelichkeit hinein: eins zwei, eins zwei ...

Der Wald kam nher und leichte Dnste hoben sich von ihm. Die ersten
Regentropfen fielen, als die Spitze unter den Schutz der dichten Wipfel
einzog. Jetzt geht's der Heimat zu, dachte Frank Aschenbrenner und er
allein lchelte in diesem groen Haufen mder und gleichgltiger Mnner.
Wenn auch der Schwei in heien Perlen von der Stirn und den roten
Haaren troff, er hrte doch nicht auf, an Veni Escher zu denken.
Eigentlich hie sie Juvenia und es kam ihm so seltsam und der
Bewunderung wrdig vor, da eine Bauerntochter Juvenia heien konnte.
Stets zwinkerte er so eigen vertraulich mit den Augen, wenn er an sie
dachte, an ihre dicken Zpfe, an die weien, schnen Zhne, an die
festen starken Arme, an ihren Trotz, an ihren Hochmut, an ihre Wildheit
und an ihre guten Ksse. Und das ganze Dorf sah er im Innern, so wie es
damals beim Abschied gewesen war: wie es still und feierlich am See
ausgebreitet lag, ein wenig gehoben durch die sanfte Krmmung der Hgel;
und in der Ferne flimmerte der Mondschein auf dem Wasser wie ein
Schleier, der leise flattert im leisen Wind. Und ein wohlthuender
Frieden war allenthalben und in manchem Huschen war noch ein Fenster
rot und dann kamen lange Wolken und legten den Mond gleichsam in ein
Grab, und die Wellen pltscherten ans Ufer, da die Kieselsteine
klirrten wie geschwtzige Gnomen, und es war auch wie eine Klage, wenn
die ste knisterten und sich furchtsam niederbogen vor dem schwellenden
Nachtwind. Oder wenn er an den Morgen dachte! Wie frisch erschien das
ganze Dorf, gleichsam gebadet! Am Anger blkten die Schafe und am Haus
der Veni roch es so angenehm nach neugebackenem Brot (denn ihr Vater war
der Bcker des Orts), und da kam sie oft unters Thor und lachte aller
Welt keck ins Gesicht.

Fort mit den Trumen--: er erhielt von hinten einen Sto mit dem
Gewehrkolben, weil er den Schritt verloren hatte. Auf allen Seiten rief
es: Tritt fassen! Tritt fassen! Es war, als wolle sich die Ordnung des
Marsches im Nu auflsen vor der Macht des Gewitters. Donnerschlag auf
Donnerschlag durchdrhnte den Wald und die Luft zitterte; es war
mhselig und bengstigend, taktmig weiter zu marschieren. Manche
bittere Anspielung wurde laut, von den Unteroffizieren geflissentlich
berhrt; mancher Fluch drngte sich durch zusammengeprete Zhne. Aber
selbst dazu waren sie zu md, mit ihren Gedanken bei ihrem Groll zu
bleiben; vielmehr wurde die krankhaft erregte Phantasie beschftigt von
den Bildern der Rast, von den Bildern des Schlummers und einem
Strohsack, von einem fetten Glas Milch und einem saftigen Stck Fleisch
bei den Bauern des Quartiers. Aber der Wald wurde immer dichter und die
Dmmerung nahm zu und der Regen strmte herab und rann von den Helmen
auf die Riemen des Tornisters, und rauschte und trommelte in den Kronen
und die Blitze erleuchteten die Tiefen des Forstes, da es aussah, als
ob eine gespenstige Rotte hinter fernen Stmmen vorbeiraste.

Frank Aschenbrenner, erregt von dem Bild der Heimat, verga die Vorgnge
der Umgebung und wie ein Schlummernder, dessen Schlaf unterbrochen
wurde, alsbald von neuem die Augen schliet, versank er beinahe hilflos
und ganz selbstvergessen in eine Folge von phantastischen Vorstellungen,
von wunderbaren Zufllen und Ereignissen, die von den Wnschen und von
der Erwartung in uns geweckt werden. Warum empfand er im Innern seines
Herzens ein bitteres Gefhl, einen Zweifel, wenn er an Veni dachte? Und
gerade dies trieb ihn dazu, Luftschlsser zu bauen, die seiner
buerischen Natur sonst ganz fremd waren.

Die Kompagnie sollte in Sankt Heinrich bernachten und den nchsten
Tag, der ein Rasttag war, dort verbringen. Der Hauptmann und drei
Offiziere ritten mehrere Kilometer hinter der Abteilung und dem Leutnant
Baron Gerlach war die Fhrung whrend des Marsches anvertraut worden. Er
war ein hbscher und sympathischer junger Mann, der es wohl zu meinen
glaubte mit der Mannschaft, und der sich jene von den Vorgesetzten so
wohlgelittene Schneidigkeit angeeignet hatte, die den Untergebenen
gleichsam in Atem hlt. Er stammte aus einer alten und angesehenen
Familie, war jedoch ganz arm und besa keine Garantien fr die Zukunft
als seinen Degen und seinen Ehrgeiz. Etwas von einem Trumer war in ihm.
Still und in sich gekehrt, schien er mit einer wachsenden Verachtung des
Lebens zu kmpfen und die Unerfllbarkeit seiner Wnsche schien er nicht
lnger zu bezweifeln. Der Wald lichtete sich und die erschpfte
Kompagnie sah das Dorf vor sich liegen, eingehllt in einen zarten,
grauen Regenschleier, mit regenglnzenden Ziegeldchern, mit plumpen
Schlten, aus denen sich blulicher Rauch langsam in die reine, khle
Luft erhob; und dahinter lag der See, matt schimmernd wie eine
Eisenplatte. Alles war voll Frieden in dieser Weltabgeschiedenheit, und
die Soldaten atmeten freier, und manche wurden wieder froher Laune in
der Hoffnung auf ein Stck Fleisch und auf einen Tag der Ruhe. Denn bei
den Bauern hatten sie es immer am besten, wenn sie nicht durch die
boshafte Parteiischkeit des Quartiermachers gleich dutzendweise in den
Stadel eines armen oder eines geizigen Mannes geworfen wurden.

Frank Aschenbrenner wohnte mit zwei Kameraden bei seinen Eltern. Die
beiden alten Leute standen unterm Thor und ihre Gesichter leuchteten vor
Stolz. Es gab keine Redensarten und keine langen Erzhlungen; nachdem
die drei Soldaten sich ihres Gepcks entledigt hatten, nahmen sie auf
der Bank hinter dem riesigen Tisch Platz und der Bauer brachte Brot und
sauren Rahm. Dann setzte er sich den erschpften Mnnern gegenber und
sah mit breitem Lcheln zu, wie es ihnen schmeckte. Und bald fiel der
Abend nieder ber das Dorf. Frank, der noch nicht gewagt hatte, nach
Veni zu fragen, weil ihn eine seltsame Angst daran hinderte, zog, als es
schon ziemlich spt war, den frischgewaschenen Drillichrock an, setzte
die Mtze auf und ging lssigen Schritts die Dorfstrae entlang. Er
sphte scheu nach den Mdchen, die am Brunnen standen, doch er fand die
nicht, die er suchte. Vor manchem Thor blieb er stehen und begrte die
Freunde und die Bekannten, und oft lie man ihn kaum weitergehen; man
wollte sich etwas von ihm erzhlen lassen, man sagte ihm Komplimente und
alle waren stolz darauf, da ein so schmucker Soldat ein Sohn des Dorfes
war. Doch seine Sehnsucht trieb ihn gebieterisch zum Ziel, und schnell
schritt er zum Haus des Bckers Escher. Entschlossen wollte er
hineingehen, da sah er sie trumerisch im Flur stehen und vor sich
hinstarren. Sie blickte berrascht auf, als er ihre Hand nahm; erst
schien sie nicht zu wissen, wer es sei, dann wurde sie feuerrot und
stotterte eine verlegene Begrung. Wie verndert ist sie, dachte Frank,
und er verga, da er sie strmisch in die Arme hatte schlieen wollen.
Da standen sie nun schweigend beisammen und wuten sich nicht ein
einziges Wort zu sagen. Bist du mir denn bs? fragte endlich der junge
Soldat. Sie schttelte den Kopf und wollte unbefangen lcheln. Aber
selbst in der Dunkelheit gewahrte er wohl, da ihr Lcheln gezwungen
war, und er fhlte, da sie ein beklommenes Herz hatte. Geh fort,
sagte das Mdchen pltzlich eindringlich und voll Hast, der Leutnant
kommt gleich wieder. Er braucht dich doch da nicht zu sehen; morgen
wollen wir uns treffen, ich geh morgen nach Drnbach, da wollen wir
mitsammen gehn, -- aber jetzt geh fort, hrst? -- Der Leutnant?
murmelte Frank und sah bestrzt vor sich hin; er konnte noch nicht
begreifen, was vorging, er wollte Veni umarmen und wollte sie zwingen,
da sie ihn ksse, aber sie entwand sich seinem Arm und huschte im
dunkeln Flur lautlos dahin.

Der junge Mensch dachte nicht ans Heimgehen, obgleich kein Soldat nach
zehn Uhr mehr auf der Strae sein durfte. Noch immer hatte er nichts
begriffen, und er schlich ums Haus herum, die Hnde in den Taschen und
die Blicke an den Boden geheftet. Es roch gut nach Heu und Dnger; das
Gewitter und alle Wolken hatten sich verzogen, die Sterne schimmerten am
Himmel wie reine, klare Perlen, und es war wieder so schwl wie am Abend
vorher.

Zwei Nachtfalter flatterten durch den Hof und ber die Schultern Frank
Aschenbrenners, und wie er sie mit den Augen verfolgte, sah er, da ein
Fenster oben erleuchtet war, und er wute aus frherer Zeit, da dies
Venis Fenster war. Dann sah er zwei Schatten droben. Da in der Nhe ein
alter Birnbaum stand, kletterte er rasch daran hinauf, und bald konnte
er in die Kammer hineinschauen, wo der Leutnant sa und die junge Veni
umschlungen hielt. Sie strubte sich nicht, nein, sie ergab sich seiner
Umarmung, sie suchte seine Umarmung, sie hatte das Gesicht an seiner
Brust verborgen. Das ist aber schnell gegangen, dachte der Soldat in
seinem Stumpfsinn, und der Ast, auf dem er sa, wollte schier brechen.
Die reifen Frchte des Baumes schienen um ihn herumzutanzen; unten lief
eine Katze ber den Hof und stie ein klagendes und sehnschtiges
Geschrei aus; eine Fledermaus schwirrte vorbei. Jetzt lschte der
Leutnant das Licht aus, und Frank starrte noch immer und wute nicht wie
lange, da auf einmal erscholl die Trommel, die die Kompagnie zum Appell
rief. Oho, dachte Frank Aschenbrenner und brach zornig einen Zweig
mitten durch, gnnen sie uns nicht mal die Rast? Das bedeutet
Nachtbung -- Brigadebefehl ... und er lachte hhnisch vor sich hin,
stieg herab vom Baum, trottete nach Haus, wo die beiden Eltern mit
Bangen auf ihn warteten, und begann sich marschfertig zu machen wie die
andern auch.

Das ganze Dorf war in Bewegung. Die Korporalschaften ordneten sich, und
in den Gesichtern der Mannschaft lag ein dsterer Verdru. Schwer und
schleppend setzten sich die Zge in Bewegung, um sich zu sammeln und der
Mond stieg gro und glhend ber der Landschaft auf, eine halbvollendete
Scheibe. Der Hauptmann ritt vor die Front und feuerte in einer
pathetischen Ansprache die Soldaten an. In kurzen Zgen gab er dann den
Plan des nchtlichen Manvers kund. Die Ordre ging vom Armeekorps aus:
die dritte Brigade sollte den Waldrand von Heumdern besetzen und die
Position bis Tagesanbruch zu halten versuchen. Die Offiziere
orientierten sich auf ihren Karten und die Korporle machten sich
Notizen, weniger weil es notwendig war, als um ihr waches und
unermdetes Interesse deutlich zu zeigen. Whrend all dem standen die
Dorfbewohner schweigend um die Kompagnie und beobachteten neugierig das
fremdartige Thun. Die Nacht war voll von einer bedrckenden Schwlnis,
ber den Feldern lagerte ein seltsamer Dunst, und heimliche Lichter
schienen oft aufzublitzen unter dem schweren Mantel der Nacht. Endlich
wurde der Marschbefehl erteilt, und dumpf und echolos ertnten die
gleichmigen Schritte der Kolonne auf der Dorfstrae. Hinter ihnen lag
der See; stumm und langen Schleiern gleich glitten zarte Nebel ber die
glatte Flche. Es war wie eine geheime Emprung unter den Leuten, die
aus ihrer Nachtruhe aufgescheucht, neuen Mdigkeiten und Erschpfungen
preisgegeben waren. Die Vorgesetzten fhlten es, da hier ein Geist der
Widersetzlichkeit zu Gast war, jener stumme Unwille, der wie ein mhsam
eingedmmtes Feuer weiterlodert und weiterlodert, bis er alle ergriffen
hat und der vernnftigen Zurckhaltung unfhig macht. Weithin glnzte
die Landschaft in der Nacht und der zitternde, dmmerige Mondschein
beleuchtete etwas gespenstisch die bewegliche Schlange, die auf der
Chaussee fortschlich, langsam und anscheinend ohne Ziel, wie eine
seltsame Maschinerie. Die Gewehrlufe und die Knpfe der Uniformen
blitzten sanft, und keiner in der Kolonne hatte Lust zu plaudern. Nur
wenn einer im Marsch nachlie und den Schritt verlor, wurde ein
boshaftes Murren laut und die ganze stille Emprung der Gequlten kehrte
sich gegen den frhzeitig ermatteten Kameraden. Viele hatten sich
offenbar schon die Fe wund gelaufen, denn ihr Gang war zag und
vorsichtig; sie traten nur noch mit der Sohle des Stiefels auf, und
manche waren wund zwischen den Schenkeln und schritten mit gespreizten
Beinen dahin.

Auf dem langen Marsch bis zum Wald von Heumdern vereinigten sich die
zwlf Kompagnien des Regiments; kurz vor Erreichung des Zieles traf das
andere Regiment ein, und die Brigade konnte nun plangem das Terrain
besetzen. Lautlos ging all dies vor sich, der Mond stieg immer hher und
ein schwler, leichter Wind kam von der Seegegend her. Gedmpfte
Kommandorufe: ausschwrmen! langsam! hinlegen! zurck! u.s.w. strten
den Nachtfrieden des Waldes. Und Frank Aschenbrenner wollte sich eben
niederlegen, beglckt, da er nun endlich ruhen knne und unfhig, an
etwas anderes zu denken als an diese zerstrende Mdigkeit, die den
Krper frmlich aushhlte; da vernahm er, wie man ihn und zwei Kameraden
dazu bestimmte, mit dem Leutnant von Gerlach einen Patrouillengang
anzutreten. Er dachte nicht mehr an seine Erschpfung. Er htte lachen
mgen, und die Begierde, jemandem seine Befriedigung mitzuteilen,
berkam ihn; die seltsame Fgung des Zufalls, die gerade ihn mit dem
Leutnant auf einen einsamen Wachtposten stellte, veranlate ihn nicht
einmal zum Nachdenken, sondern machte ihn nur froh und erwartungsvoll.

Der Leutnant hatte die wichtige Aufgabe erhalten, die Stellung des
Feindes an seinem linken Flgel auszukundschaften und marschierte nun
mit seinen drei Leuten am Wald entlang und dann gegen die Ebene hinber.
Er verfolgte eine Zeitlang den Lauf des Zonhofer Baches, streifte das
herzogliche Jagdrevier Birkenfeld und dann breitete sich ein weites
flaches Land vor der mdhinschleichenden Patrouille aus. Durch
Wiesenwege gings und durch den Rain der Felder, und bald war es so
einsam rings, da kein Baum und kein Strauch mehr zu sehen war. Und im
Osten zogen weiliche, dnne Wolken empor, gefrbt vom Licht des Mondes;
oft huschte ein scheuer Nachtvogel vorbei und die Grillen wurden laut
und lauter: ein wechselloser Rhythmus, gleichsam die Melodie des
Schweigens; dabei fielen den Soldaten ganz alte, fast vergessene
Volkslieder ein und Jrg Kohlmann summte sogar die stille Wacht vor
sich hin. Unfern von Obermdern war ein Kreuzweg, und am Wegweiser dort
teilte Leutnant von Gerlach seine Patrouille: Jrg Kohlmann und Stephan
Weyh sollten langsam und mit groer Vorsicht bis zur Staatsstrae
vordringen, er selbst wollte mit Frank Aschenbrenner in nrdlicher
Richtung rekognoscieren. Frank lachte heiser, fast unhrbar vor sich
hin. In seltsamer Glut starrten die Herbstzeitlosen aus den Wiesen, und
der Mond wurde schon rot und neigte sich dem Horizonte zu. Die
nachttaunassen Grser feuchteten die Stiefel; die Sterne schienen mit
den beiden Einsamen zu wandeln. Die Ebene schien gar kein Ende nehmen zu
wollen: in sanften Linien malte sich der Horizont vom schwarzblauen
Himmel ab, und bisweilen ragte ein Baum auf, die Dunkelheit wie ein
Schwert durchschneidend. Pltzlich lachte Frank Aschenbrenner mit einem
sonderbar glucksenden Lachen: der Leutnant blieb stehen und sah ihn an;
es war ein unsicherer Blick, voll Schuldbewutsein und Unmut. Frank
erwiderte ihn furchtlos, ja, er bohrte seine Augen tief in die seines
Leutnants; er prete die Lippen zusammen und rhrte sich nicht von der
Stelle, bis der Leutnant sich umkehrte und wortlos weitermarschierte.
Aber es war von diesem Augenblick an, wie wenn der junge Offizier die
dsteren und haerfllten Augen seines Soldaten bestndig auf sich ruhen
gefhlt htte, als ob er dabei einen krperlichen Schmerz empfnde. Und
dies Unbehagen nahm zu. Frank Aschenbrenner, todmde und so erschpft
wie er noch nie im Leben gewesen war, kam gleichwohl nicht eigentlich
zum Bewutsein dieser Mdigkeit, sondern sein Kopf war ausgefllt von
einem einzigen Gedanken, der ihn weit ber alles leibliche Ungemach
hinwegtrug. Als der Leutnant vor einem mageren Weidengebsch Halt
machte, nahm Frank das Gewehr ab und hrte wie im Traum, da ihm der
Offizier befahl, niederzuknien und hinberzusphen nach der Chaussee,
whrend er selbst sein Taschenbuch zog und sich anschickte, Notizen zu
machen. Aber Frank gehorchte dem Befehl nicht, und der Leutnant that,
als habe er es nicht bemerkt. Er schien vertieft in seine Beobachtungen;
in Wirklichkeit empfand er eine unbestimmte, aber intensive Angst. Diese
stille Nacht, der starke und heibltige, von glhenden Instinkten
erregte Mensch hinter ihm lieen ihn gar nicht zur Klarheit ber seine
wichtige militrische Mission kommen. Nicht als ob er sich gefrchtet
htte, aber es herrschte eine fremdartige Verwirrung in seinem Innern,
die ihm nicht einmal zu einem bestimmten Befehl fr den stummen
Untergebenen Mut verlieh.

Die Landstrae erstreckte sich drben, ein ein graues, dnnes Band, und
jetzt sah der Leutnant eine feindliche Patrouille sich auf das ferne
Dorf zu bewegen. Wir mssen in die Schonung hinein, sagte er mit
leiser Stimme und deutete mit der Hand auf einen kleinen Fichtenhain,
der sich hinter einer hgeligen Erhebung der nahen Wiesen ausbreitete.
Wieder sah er dem Soldaten starr ins Gesicht, und diesmal zuckte er
zusammen und drehte krampfhaft an seinem dnnen Bart. Frank folgte ihm:
Vergangene Jahre blhten pltzlich auf in seiner Phantasie, das
Liebesglck stiller Jugendzeit und das Glck, das selbst im Abschied
lag, und seine Augen wurden nun gro; gleichsam verlangend sah er in die
Nacht, voll Rachedurst und voll Durst nach Freiheit, die er so lange
entbehrt hatte und deren Entbehrung ihm erst jetzt bewut wurde. Er
heftete den Blick, von Ha und Wildheit erfllt auf den jungen Offizier,
der es immer strker empfand, welche Gefahr ihm drohte, als htte der
tiefe Friede und die lautlose Nacht seine Nerven bis ins feinste
verschrft.

Sie standen unter den Bumen des finsteren Wldchens. Die Stille war
hier noch bedrckender, die Luft noch schwler. Herr Leutnant, sagte
Frank Aschenbrenner. -- Der Offizier wandte sich um. Nun? -- Die Veni
war mein Schatz. -- Der Leutnant begann zu zittern. Er wute nicht zu
antworten. Nach einer Weile befahl er mit heiserer Stimme: Sie haben
sich ruhig zu verhalten. Was wollen Sie? -- Du bist ein Hund, sagte
Frank mit einer Bestimmtheit, die ihm selbst unerwartet erschien. Du
bist ein Hund, wiederholte er, als der Leutnant schwieg. -- Gewehr und
Seitengewehr ablegen! schrie der Leutnant gleichsam mit einem letzten
Kraftaufwand und ging entschlossen auf den Soldaten zu, der da stand
ohne eine Hand zu rhren. Doch pltzlich sprang er wie ein wildes Tier
auf seinen Offizier los.

Der Morgen naht: auf die Fluren legt sich ein silberner Nebel und der
Himmel erblat im Osten. Es ist die fahle Stirn des Tages, die langsam
emportaucht; erschrocken ziehen weiliche Wolken eilig gegen Westen und
weit in der Ferne ertnt das Kleingewehrfeuer der manvrierenden
Brigaden. Frank Aschenbrenner sitzt an der Leiche des Offiziers, dem er
den Waffenrock vom Leib gerissen hat und starrt fortwhrend nieder in
das vom Morgenschein immer bleicher werdende Gesicht des Toten. Jetzt,
da er nicht mehr den bunten Rock mit den Epauletten am Krper des jungen
Leutnants erblickte, war es auch nicht mehr der Vorgesetzte, den er
gettet, sondern es war ein Mensch gleich ihm. Er hatte seine Ehre
verteidigt und seine Pflicht erfllt, indem er sich gercht hatte. Er
sitzt da und starrt und bereut nichts; er fhlt sich seltsam zufrieden
durch das, was er gethan. Ob man ihn suchen wrde? Es kmmert ihn nicht.

Endlich erhebt er sich, -- lngst schon war das Signal zum Sammeln
ertnt, -- ordnet seinen Anzug, nimmt das Gewehr ber und schreitet
langsam ber die cker, als ob nichts geschehen wre. Leicht und heiter
ist ihm zu Mut, mit glnzenden Augen schaut er in den heller werdenden
Himmel und nie hat er das Leben so golden vor sich liegen gesehen als
gerade jetzt, da er doch eigentlich mit dem Leben abgeschlossen haben
sollte. Ja, er beginnt leise vor sich hinzusummen und gut gelaunt stt
er die Steine fort, die in seinem Weg liegen. Auf einmal bleibt er
stehen. Er dachte daran, da er arm sei, und da er noch nie einen
berflssigen Pfennig besessen hatte. Ein Offizier hat doch immer viel
Geld, dachte er, und es that ihm sehr leid, da er nicht einmal die
Kleider des toten Leutnants untersucht hatte. Dann wuchs die Vorstellung
von dem Reichtum des Offiziers so sehr in seiner Phantasie, da er
umkehrte und mit hastigen Schritten den Schauplatz seiner nchtlichen
That wieder aufsuchte. Bald stand er wieder unter den niedern Bumen des
Wldchens. Er durchsuchte mit zitternden Hnden alle Taschen, aber er
fand nichts, als einen Geldbeutel mit einem Inhalt von wenig mehr als
sieben Mark. Das machte ihn bestrzt und erschtterte ihn. Da ein
Leutnant arm sein sollte, rmer als er selbst, konnte er nicht fassen
und versetzte ihn in einen kindischen Schrecken.

Und Frank Aschenbrenner steckte das gefundene Geld zu sich und ging.
Sein Gesicht war bleich und auf einmal empfand er Furcht. Das Geld in
seiner Tasche bedrckte ihn, es schien den ganzen Krper niederzuziehen
in eine Schlucht oder in das Ackerfeld da neben ihm. Alle Heiterkeit und
alle Befriedigung war mit einemmal fort und er stierte in die Ebene
hinaus, ob man ihn nicht verfolge. Er glaubte Schreie zu hren, er
glaubte, der Tote sei aufgewacht und springe hinter ihm her, und die
Mutter des Todten sah er, die ihm zurief .... Er nahm das Geld und warf
es weit von sich, aber da half nichts, die heie Angst in seiner Seele
wurde unertrglicher, und pltzlich sah er eine militrische Patrouille
am Horizont auftauchen. Da warf er das Gewehr von sich und begann zu
laufen, aber ein seltsamer Wahnsinn lie ihn gerade auf die Patrouille
zulaufen, -- er sthnte in seinem tollen Lauf, Geld, Geld rollte in
hunderttausend Plttchen um ihn her und als die Sonne heraufstieg, war
ihm, als she er ein groes glnzendes Geldstck vor sich, das langsam
auf ihn zukam, um ihn zu zermalmen. Dann kamen mehrere; sie liefen viel
schneller als er vermochte, strzten sich ber ihn, schienen seinen
Krper zu durchschneiden wie Messer und wie ein unvertilgbarer Jammer
kam die Erkenntnis ber ihn, wodurch er unterlegen war und was jene
Mchtigen dort ber ihm so mchtig werden lie: jenes gute Gesetz, das
jeden ihrer Pfennige schtzt und das hhnisch und unnahbar jedes
verzweifelte Aufraffen der Schwachen und Reinen ttet.

Bald hatte ihn eine militrische Eskorte aufgegriffen.

Mit Zintara und Bumtara marschiert die Brigade ins Quartier. Ein bichen
Blechmusik und die Kraft der erschpften Armeen belebt sich wieder.
Aller Groll ist vergessen, die Gewehre und die Degen der Offiziere
blitzen im Sonnenschein. Nichts erinnert an die Qualen des nchtlichen
Marsches; der Geist der Ordnung und der Disciplin ist wieder eingekehrt,
und als die Musik schweigt, erschallt das kecke Soldatenlied von tausend
Kehlen:

    Der Feind, der kommt von Frankreich her,
    Zu Fu und auch zu Pferd.


[Illustration]


Druck von Hesse & Becker in Leipzig.



Von _Jakob Wassermann_ erschienen im gleichen Verlag:

_Melusine._ Roman 1896

_Schlfst du Mutter?_ _Ruth._ Novellen 1896

_Die Juden von Zirndorf._ Roman 1897



Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1898 erschienenen Originalausgabe erstellt.
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, kleinere
Unregelmigkeiten in der Schreibweise wurden beibehalten. Gesperrt
gedruckter Text wurde folgendermaen ersetzt: _gesperrter Text_


Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the original
print edition, published in 1898. Obvious printing errors have been
corrected, while minor irregularities in the spelling have been
retained. Spaced out text has been replaced like this: _spaced out text_





End of Project Gutenberg's Die Schaffnerin, Die Mchtigen, by Jakob Wassermann

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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