The Project Gutenberg EBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen

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Title: Irmela
       Eine Geschichte aus alter Zeit

Author: Heinrich Steinhausen

Release Date: January 21, 2008 [EBook #24390]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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          IRMELA




          Eine Geschichte aus alter Zeit


          von


          Heinrich Steinhausen.

          -- -- --

          Achtzehnte Auflage.

          -- -- --

          Titelbild von W. Steinhausen.

          -- -- --



          Leipzig 1899.

          Verlag von E. Ungleich.





Eingang.


Die heitre Sonne des Pfingstsonntages im Jahre des HErrn 13.. sank
hinter die rebenbepflanzten Berge, welche von Westen her das liebliche
Thal einschlieen, in dem die stattlichen Gebude der wohlbekannten
Cisterzienser-Abtei Maulbronn sich erheben. Eben war der
Vespergottesdienst mit dem Magnificat beschlossen, das heute nicht nur
von den Brdern im Chor, sondern auch von dem zahlreich versammelten
Volke im vorderen Theile der Kirche gesungen worden war. Nur Bruder
Diether lie das rglein noch nicht schweigen, vor dem er sa, und
drckte die breiten Tasten durch krftige Schlge nieder, da sich
langhallende Tne hren lieen, whrend das Gotteshaus sich leerte.

Wie, schon All' hinaus? sagte er, als er, nach kurzer Weile sich
umwendend, den ganzen Raum unten verlassen fand. Sie haben halt Eil'
heut, setzte er hinzu, das Volk will des milden Maien genieen unter
der Linde, und die Confratres sind dem Refectorio am Pfingstabend auch
nicht feind. So wollen wir denn des Tnens genug sein lassen, uns mit
dem Paternoster segnen und von hinnen gehn!

Whrend er bedchtig die Treppe herniederstieg, welche vom Orgelchor
in's Schiff fhrte, schritten die Mnche bereits nach Gefallen einzeln
oder zu mehreren gesellt dem Klostergarten zu oder wohin sonst einem
Jeden sein Sinn stand; denn nach Gewohnheit ward St. Bernhards Regel
heut nicht eben ngstlich befolgt und Abt Rothad war zu keiner Zeit
der Mann, von dem ein straffes Anziehen derselben zu besorgen war. So
war es denn auch bald im Kreuzgang einsam, der sich an die Kirche
gegen Mitternacht anschliet und im Viereck einen Friedhof umgibt, der
doch schon damals mehr einem mit Bumen und Gestruch wohlbepflanzten
Grtlein glich.

Als Diether aus der nrdlichen niederen Kirchenpforte in die
kunstreich gewlbten Gnge trat, duchte ihn die abendliche Stille,
die ihn so mailich und freundlich anwehte, keineswegs unwillkommen,
sondern wie er langsam daherschritt und immer wieder zwischen den
Pfeilern still stehend zum blauklaren Himmel emporblickte und vor sich
auf die Pracht der Blthen im frischen Grn, da war's, als leuchtete
die Lenzwonne auch aus seinen dunklen Augen, so froh schauten sie
darein, und als fhlte seine Brust mit der Jugend des Jahres auch die
Jugend des Herzens wieder, so freudig und krftig hob sie sich. Dicht
neben ihm aus dem Gebsch erscholl die Stimme einer Nachtigall. Er
blieb stehen und lauschte. Ihm schien's, als wre das die Seele dieses
Maiabends, die wollte all' ihre reine und himmlische Freude ihm mit zu
empfinden geben. Sie schwieg. Aber als nach kurzer Weile ihre Tne
wieder erklangen, lang gezogen und klagend, da tauchten sie auch seine
Seele in sanfte Schwermuth und seine Gedanken wurden wie mit
freundlichem Zwange rckwrts gezogen; und wie um ihn her die
Dmmerung ihre ersten Schatten breitete, versank auch vor seinem
inneren Auge die Gegenwart allgemach und Blthenduft und Abendstille
trieben ihn der Erinnerung lngst vergangener Tage zu. So stt ein
Kahn sanft vom beschatteten Ufer ab und gleitet auf kaum bewegter
Fluth dem Eilande zu, das dem Schiffer sonnig entgegenwinkt!--

Leise hatte er sich niedergelassen auf die steinerne Brstung. Ein
Hauch der Abendluft rauschte durch den Garten und wehte wie kleine
Sterne weie Blthen des Flieders ihm auf Haupt und Gewand. Er blickte
auf, als wollt' er Jemand suchen, und Irmela klang es wie im Traume
von seinen Lippen. Der Name hallte wieder von den Pfeilern drben. Er
horchte auf wie freudig erschrocken; aber gleich darauf, sich
besinnend, sah er lchelnd auf seinen Blthenschmuck und verharrte
schweigend, in sich versunken.--

Da weckten ihn geruschvolle Schritte; sie kamen von der vorderen
Thr, die in die westliche Seite des Kreuzganges fhrt. Er wandte sich
um und sah zwei junge Gesellen munter herbeieilen. Sie grten ihn
frhlich und auch er hie sie von Herzensgrund willkommen; war er doch
den Beiden von ganzer Seele zugethan, wie das Alter an der
wohlgezogenen Jugend seine Lust hat und wie der Lehrer seine Schler
liebt, an denen seine Arbeit nicht umsonst ist. Vater, Meister! rief
der Eine, Zrnet uns nicht, da wir heute so spt erst nach Euch
Nachfrage thun. Muten wir doch gewrtig sein, htten es auch wohl
verdienet, Euer heut gar nicht mehr ansichtig zu werden. Aber der
wonnigliche Lenztag lockte uns in's Freie und so streiften wir durch
Wald und Feld, bis der Abend hereinbrach.

Wollten doch auch des Fiedlers Heiner neue Weisen mit anhren, der
sich in Hohenklingen auf dem Wiesenplan vernehmen lie, fiel der
Andere ein, aber als er zum Tanz aufspielte den Drflern, da war es
hier Rupert nicht, der nicht mit mir von dannen wollte und wieder
Rupert nicht, der hernach mit des Klosterbauern flachszpfiger Jutta
daherschwenkte.

Scherze nur! unterbrach ihn der Gemeinte. Es brauchte wenig
berredungskunst, um Dir das Verweilen lieb zu machen. O, Meister!
haltet solches Geschwtz unserer Thorheit zu gut. Wir htten zeitiger
bei Euch einsprechen sollen. Ihr waret einsam!

Da Ihr junges Volk Euch doch so gern fr unentbehrlich haltet uns
Alten! versetzte Diether mit freundlichem Ernst. Wtet Ihr, welch'
treffliche Gesellschaft ich gehabt habe, da Ihr kamt, so httet Ihr
sicher mich darum geneidet.

Wer war denn bei Euch? fragten die Beiden. Wir sahen Niemanden!

Eine Fraue und gar holde.

Wie heit sie?

Erinnerung! -- Sie hat mich sanft bei der Hand genommen und gern bin
ich ihr gefolgt.

So wei ich auch, Vater, sprach Waltram, Ruperts Geselle, was Euch
so bewegt, da Stimme, Auge und Gebrde davon zeugen. Das kommt von
den Gedanken, die inwendig in Euch Erinnerung lebendig gemacht hat.
Mcht' es Euch doch gefallen, auch uns davon zu erzhlen. Der Abend
ist warm und still der Ort.

Wohl, ich will's thun! erwiederte Diether willfahrend. Und wie Ihr
just mich also angetroffen habt, so soll zu Euch mein Mund sich
aufthun von dem, was Erinnerung mir gewiesen und wovon ich bis diesen
Tag geschwiegen. Kommt! und lat uns niedersitzen, wo dort die Halle
sich um den Steinbrunnen wlbt. -- Aber ob ich's wohl werde so
kurzweilig machen, wie Heiner seine Aventiuren? fragte er scherzend
zu Rupert gewandt, als sie sich setzten.

Ist's eine Aventiure?

So mgt Ihr sie wohl heien!

Dann gebt ihr einen Namen!

Irmela! sagte Diether nach kurzem Bedenken, das soll ihr Name
sein.





Diethers Geschichte,

von ihm selbst erzhlt.



       *       *       *       *       *



Erstes Capitel.

Meister Ulrich.


Das war vor Zeiten, da noch Abt Albrecht den Abtstab fhrte, ein viel
ander Wesen allhier im Kloster, als heutzutage. Er war ein gar
gestrenger Herr und manchem Novizen vergieng das Verlangen nach St.
Bernhards weier Kutte, weil ihm des Heiligen Regel ein allzuschweres
Joch fr die Schultern duchte, und manch' Anderen, der gern geblieben
wre, trieb der Abt selber hinweg. Denn, so pflegt' er zu sagen:
Unmigkeit mu auch in der Mue suchen, wer in's Kloster taugen
will. Und so mut' es denn zu seinen Zeiten hergehen, wie im
Bienenkorb, wo Jedes emsig am Werke schafft, das ihm angewiesen ist,
von frh bis spt, nur da unseres Volkes Meister seine Bienen gar
selten ausfliegen lie und wenig darnach fragte, ob sie frhlich
summten bei der Arbeit oder nicht. Fr Jeden fand er was zu thun und
wut' ihn an seinen Ort zu stellen, und dem Zaudern oder Widersprechen
war Niemand feinder als er. Und weil er allezeit etwas betrieb, was
ihm selbst am Herzen lag, so gab's auch immer Arbeit genug fr Alle.

Dazumal ward des Klosters Gebu mit Kirche und allem so stattlich
hergestellt, wie man sich heut dessen erfreut. Aber ohne viel Seufzen
gieng's bei Denen nicht ab, die sich des Bauwesens anzunehmen hatten.
Und der Abt nahm Keinen aus, so oder so mute Jeglicher mitschaffen.
_Impendere curam, impendere substantiam, impendere et se ipsum._
Diesen Spruch unseres Ordensheiligen legte er oft seinen Mnchen vor,
wenn er sie im Capitelsaal um sich versammelt hatte, und sorgte
weislich dafr, da sie durch bung solches Spruches Verstand um so
besser inne wrden.

Wie er dann die Trgen, Lssigen und die seinem scharfen Regiment
abhold waren, bald herausgefunden hatte, so verhehlten auch diese
unter einander ihren Groll nicht und hieen ihn, wenn sie von ihm
sprachen, nur immer: Monoceros. Ich fragte, was solches Namens Meinung
wre. Da erfuhr ich: Monoceros sei ein bs Thier, gar ungeschlacht,
habe ob dem Haupte ein groes Horn, gewaltiglich damit um sich zu
stoen. Ob dieser Auskunft entsetzt' ich mich schier und sah Abt
Albrecht darauf hin recht bedenklich und bnglich an. Doch konnt' ich
mich von ihm keines Bsen gewrtigen. Denn, wiewohl ich zu der Zeit
noch gar jung war, dazu ungeschickt und muthwillig nach Knabenart, so
war doch der gefrchtete Abt voll Gtigkeit gegen mich, und sein
Angesicht, wenn's noch so strenge sah, schaute sogleich freundlich
drein, wenn ich daher kam, mich ehrbarlich neigte und ihn grte:
_Salve, domine!_ Ja, er trug eine sonderliche Lieb zu mir und die that
mir gar wohl; denn ich war da fast ein schmchtig und schwchlich
Brschlein, stak noch halb in den Kinderschuhen, und des Lernens, dazu
Bruder Berthold mich anhielt, den der Abt mir zum Magister bestellt
hatte, duchte mich oft zu viel. Schon bei den ersten Schritten auf
der Bahn des Triviums vermeint' ich, es gienge nimmer weiter mit mir
und ich knnte ber all' die Blcke und Steine, so die Grammatik mir
in den Weg warf, gar nimmer hinwegklimmen. Dennoch verfuhr der Abt
nach Lindigkeit mit mir, auch wenn Magister Berthold ber seinen
uneifrigen Scholaren sich hart beklagte; ja, der sonst Monoceros war,
begtigte den unzufriedenen Lehrer von meinetwegen.

Geduldet Euch nur, Berthold, sagt' er wohl, und zwinget Dietherum
nicht allzu hart! Aus dem Schwarzaug schaut kein blder Geist; er wird
wohl noch durch gelehrte Kunst unsers Klosters Zierde, wenn ihm erst
die Flgel gewachsen sind. Noch ist er ja gar zart und mu sich erst
festigen.

Wie nun aber etliche Jahre herumgegangen waren, da hatte das
Dietherlein sich wohl gefestigt und war krftig in die Hh' gewachsen,
aber von den Flgeln, die sein Geist ansetzen sollte, sich in die
gelehrte Kunst zu schwingen, war leider noch gar wenig zu spren.
Dennoch blieb mir unser gestrenger Abt noch immer zugethan. Und das
gieng so zu.

Er hatte eine sonderliche Lust an allerlei Werk und Kunst, und wie er
vormals in Welschland gewesen war und sein Auge wohl gewhnt war zu
erkennen, was Tugend hatte und Wissenschaft, so trachtete er auch
eifrig danach, sein Kloster zu schmcken. Nun hatte er damals Meister
Ulrich von Prag herbeigerufen, der war in der Malkunst trefflich
geschickt. Welche Freude hat an ihm der Abt gehabt; wie hat er ihn
aber auch angespannt und angetrieben, zu schildern und zu schaffen in
der Kirch' und im Capitelsaal und an andern Orten, wie Ihr das Alles
nun fertig sehet. Ihm wr' es schier am liebsten gewesen, Meister
Ulrich wre gar nimmer von seinem Gerste herabgekommen oder htte
zehn Hnde gehabt, und in jeder einen Pinsel.

Was aber Meister Ulrich mit meinem ausbleibenden gelehrten Eifer zu
thun hatte, das war dieses. Seitdem er bei uns schuf und bildete,
trachtete ich nur danach, um ihn zu sein und ihm zuzuschauen, wenn er
am Werk war. Da verbracht' ich denn, wo er an Wand und Decke zu malen
hatte und drben im Abthaus, wo ihm ein helles Stblein zur Werkstatt
hergerichtet war, am liebsten meine Zeit. Mit Bewunderung sah ich ihm
zu, wie unter seiner kunstreichen Hand Christus und Unsre Frau und
Engel und Heilige, ja Gott Vater selbst sichtbar wurden, wo zuvor eine
weie Wand oder ein leeres Blatt gewesen war. Ich hatte immer meine
Augen an Gestalt und Farbe geweidet und Blumen und Blttlein, auch den
Wiesengrund, Baum und Berg fleiig betrachtet, nicht minder den Zug
der Wolken, den Glanz des Himmels. Nun dacht' ich oft: knntest du
doch auch so nachbilden, was ringsum ist; und oft betete ich zu St.
Niclas, meinem Schutzheiligen, er mchte fr mich auch solche Kunst
erbitten, wie Meister Ulrich sie verstund. Der hatte mir auch bald
abgemerkt, wonach mich's verlangte, und so sagt' er einst: Diether,
hast Du wohl auch Lust zu solcher Kunst, sie zu erlernen?

Gar gerne, Meister! antwortete ich. Wenn Ihr mich unterweisen
wolltet, und durch St. Niclasens Hilfe!

Da sagt' er: St. Niclas nicht, sondern St. Lucas Evangelista ist
dieser Kunst Patron. Der mag Dir wohl gnstig werden, wenn Du fromm
bist. Aber unterweisen will ich Dich gern nach allem Vermgen.

Und von Stund an durft' ich dann bei ihm nicht mehr mig sein,
sondern mit Stift und Kohle wies er mich an gar sorgfltig. Das
geschah heimlich, wenn Niemand bei uns war, weil wir frchteten, der
Abt mcht's nicht gerne wollen leiden.

Aber je heimlicher, je lieber!

Manche Stunde, die ich sonst drauen vertummelt hatte, die versa ich
jetzt bei Meister Ulrich, auch manche, die mich htte ber den Bchern
Magister Berthold's finden sollen. Der fand denn um so hufiger
Ursach', mich zu tadeln.

Du hast einen raschen Kopf, sagt' er zu mir, dringest geschwind ein
in den Verstand der Sachen; aber Du bleibst nicht im rechten Geleis,
bist nicht bedachtsam und ich bring' Dich nimmer durch's Quadrivium.
Diether, Du setzest nicht Deinen ganzen Eifer in die hohe
Wissenschaft! Ich glaube, Pragensis mit seinen Schildereien hat Dir's
angethan. Ich schwieg und trieb mein' Sach' nur um so mehr verhohlen;
aber sie blieb's nicht lange so.

Denn einmal, als Ulrich dort in der Geielkammer die Geschichte vom
reichen Mann malte, wie er in der Flamme Pein leidet, und Lazarum
droben in Abraham's Schoo, da war ich auch bei ihm, und weil's just
die Zeit am Tage war, in der nach der Cisterzienserregel die Brder in
ihren Zellen der Betrachtung obliegen, so waren wir im Geringsten
nicht einer Strung gewrtig. Meister Ulrich hatte mich heien einen
leinenen Kittel berthun, wie er selbst trug, wenn er mit Farben
umgieng; und da ich so in dieser Tracht vor ihm stund, hat er lachend
zu mir gesagt: Nun trgst Du den Rock wie Unsereiner und ich hab'
Dich fr unsern Heerbann angeworben; aber dem Kriegsmann frommt die
Rstung allein nicht, er mu auch bewehrt sein. So geb' ich denn Dir
auch unsrer Mannen Speer und Spie und verhoffe, Deine Hand wird
solchen allezeit mit Weisheit und Verstand Gott und Seinen Heiligen
zum Ruhme, unserer Zunft zu Ehren, den Guten zur Herzfreude fhren.

Damit fuhr er mir dreimal mit einem gar langen Pinsel ber Rcken und
Haupt und hndigte mir dann solches Gewaffen aus. Darauf sollt' ich,
wie er sagte, sogleich mit ihm die erste Ausfahrt thun, d. i., ich
mute zu ihm auf sein Gerst hinauf, allda ihm am Bilde zu helfen.
Aber weil er just dabei war, der Hlle Flammen herzustellen, darin die
armen Seelen brennen, so hie er mich rechts hintreten, wo hher oben
die Seligen schweben.

Es mcht', sagt' er dabei, eine bse Vorbedeutung geben, wenn Du
mit der preislichen Kunst an so unseligem Ort anhbest. An die
schimmernden Wlklein droben sollst Du Dich machen, aus denen die
Engel herfrlugen.

Mir klopfte schier das Herz vor Freuden, als drng' ich selber in den
wahrhaftigen Himmel, wie ich die Leiter noch hher hinanstieg, um nach
seiner Anweisung am gemalten mitzuhelfen. Ich war bald mit groem
Eifer in mein Thun vertieft, als pltzlich die Thr in den Angeln
knarrte und laute Schritte die steinernen Stufen herniederkamen. Ich
erschrak; denn zwischen den Brettern hindurch, auf denen meine Leiter
stund, sah ich Abt Albrecht's hohe Gestalt und Magister Berthold
hinter ihm.

Gebt Acht, hrt' ich diesen sagen, hier ist er und sonst nirgends.

Wartet nur, rief der Abt zorneifrig, wartet nur; ich will ihn wohl
zu Euern Bchern treiben; will er denn keine Gelahrtheit lernen, so
soll er doch lernen fleiig sein! He Diether, bist hier? Albertus
Abbas hat mit Dir zu sprechen?

Was half's! Ich konnt' ihm doch nicht entgehen. Zudem, wenn er so
scharf sprach, war es gefhrlich, ihm ungefgig zu sein. So rief ich
denn: Ja, Ew. Gnaden! aus meinem Himmel, aber meine Stimme klang gar
nicht wie eines Seligen.

Um aller Heiligen willen! sprach der Abt. Was schafft der da
droben. Sogleich komm hernieder und hurtig!

Aber ich konnt' nicht behender; denn mir wankten die Kniee, als ich
auf den Sprossen der Leiter ihm nher kam. So trat ich denn vor ihn im
leinenen berkleid mit vielerlei bunten Farben geziert wie eines
Stieglitzen, den Pinsel hinter mich haltend, und, wie ich meine, mit
gar erbrmlicher Miene.

O der Possen, begann er zu schelten, in meinem Kloster; o des
Migganges, der solche verschuldet! _Otiositas mater nugarum, noverca
virtutum!_ Mirathener Diether, jetzt sollst Du unsre Strenge fhlen,
denn unsre Gte hast Du mit solcher Verkehrtheit gelohnt! Du
versumest das Deine und bist eine Strung und Hinderung fr Meister
Ulrich obendrein. Fortan wirst Du besser in Zucht genommen werden und
Meister Ulrich wird Dein ledig sein.

Wie ich das vernahm, da entfiel mir mein Herz; ich konnte nichts
erwiedern; mir war's, als wrd' ich aus dem Paradies verwiesen. Da
aber ist Ulrich, mein lieber Meister, mein Engel worden, nicht der mit
dem hauenden Schwerte, den Eingang zu wehren, sondern wie einer, der
die Flgel um uns breitet, zu schirmen und zu erretten. Denn er trat
herfr, wagt' es und sprach:

Wollet verzeihen, Ew. Gnaden, aber der Diether hier ist mir nie keine
Hinderung oder Strung gewesen noch hat er hier Miggangs gepflogen
oder Possenspiels. In dem Anzug, der Euch so befremdet, steht er wohl
mit Fug hier; denn wer beim Malen ist, sollte dem solch Kleid nicht
ziemen? Lt es gleich bunt und scheckig, so bezeugt's damit die
Arbeit, so drin gethan wird. Und glaubt mir, Euch und dem Kloster
macht die Kunst keine Schand', die in Diether ist. -- Seht hier!

Damit zeigte er dem Abt etliche Zeichnungen von mir, die bei der Hand
waren. Der nahm sie mit groem Erstaunen und seine Augen glnzten, wie
er die Bltter prfte.

Das hat Diether gemacht; das hat Diether gemacht? fragt' er immer
wieder.

Ja! sagte Ulrich, all' das hat Diether gemacht und, ich sag' Euch,
er wird noch ganz Anderes machen Euch zum Erstaunen, wenn Ihr ihn bei
mir lat, da er mein Schler sei, so lang ich hier bin.

So nehmt ihn, nehmt ihn immer, lieber Meister! rief der Abt ganz
freudig. Snde war's, solche Gottesgabe zu unterdrcken. Diether, nun
magst Du doch noch unseres Klosters Zierde werden; halt Dich recht und
nimm Deines Meisters Lehren Dich an! Wie es forthin mit Deinen
gelehrten Studien zu halten sein wird, das wollen wir mit Magister
Berthold des Weiteren besprechen; aber nun mach' Dich wieder an Deine
Arbeit! -- Ei, Meister, Ihr habt wacker geschafft die letzten Tage.
Und wie das leuchtet und lebt! fuhr er fort, whrend er wieder
hinaufstieg.

Darauf giengen sie hinweg und wie sie an der Treppe waren, hrt' ich
den Abt noch sagen: Bruder Berthold, nun wachsen ihm doch noch die
Flgel, aber andere, als wir dachten. Wir knnen's nicht wehren,
wollen's auch nicht. Wenn Meister Ulrich Recht htte! Eine Zierde des
Klosters! Ich hofft' es immer!

Als sie hinaus waren, da sagte mein Meister: So bist Du denn,
Diether, des Malerordens heut wirklich ein Jnger worden. Gott gnade
Dir dazu und alle Heiligen. Und zum guten Anfang wollen wir heut Abend
beim Klostermeier nach Gebhr in Elsinger einen Trunk thun!

Aber Magister Berthold bracht' es auf, da sie mich von diesem Tage
her scherzweise nur nannten: _Pencillatus_, d. i. Pinselheld.

So war ich nun Ulrich's Schler und blieb es, so lang er bei uns war.
Das dauerte noch ganze zwei Jahre. Da zog er von dannen nach Speyer,
wohin Bischof Gebhard ihn gerufen, allda im Dom zu malen. Sein
Abschied geschah von uns mit groen Ehren und der Abt, der sehr wohl
mit all' seinen Werken zufrieden war, lohnte ihm reichlich. Mir aber
gieng am meisten sein Scheiden nah, und als ich ihn bis zur
Klostermhle am Teich drben geleitet hatte, mochte ich noch nicht
umkehren. Er aber sprach:

Diether, la genug hier sein! Gott strk' Dich in all' Deiner Kunst,
wie Du meine Freude gewesen bist diese ganze Zeit.

Gott la' Euch immer frhlich leben! sagt' ich.

Drauf gaben wir uns die Hnde, rissen uns von einander und Keiner sah
hinter sich.




Zweites Capitel.

Ausfahrt.


Seitdem mein Meister von uns geschieden war, mochte ein Jahr vergangen
sein. Die Zeit kam heran, da ich sollte das Gelbd' ablegen fr unsern
Convent. Mich bewegte das nicht sonderlich, denn ich wut's nicht
anders von Kindesbeinen an, als da ich ein Mnch von St. Bernards
Orden werden sollte. Mir war's weder lieb noch leid, wenigstens
glaubt' ich's so. Inzwischen hatte ich meine Kunst fleiig gebt und
mit dem Vermgen dazu war die Lust daran grer geworden. Damit mein'
ich gar nicht, da ich immer frhlich gewesen wre und guter Dinge von
ihretwegen, sondern oft machte sie mir einen sorgenhaften Sinn, als
wr' ich ihrer nicht werth und wre Gott nicht dankbar genug fr ihre
Gunst, die er mir zugewandt. Dazu machte sie mir die Einsamkeit lieb,
denn ich hatte keinen Genossen bei meiner Arbeit, und so sucht' ich
denn oft allein zu sein, auch wann ich Gesellschaft htte haben
knnen. Denn da konnt' ich am besten den Gedanken nachhngen, die mit
leuchtenden und glnzenden Farben und himmlischen heiligen Gestalten
in meiner Seele aufstiegen, da ich mich von Herzen daran erlabte und
ergetzte. So war ich denn um die Zeit des Lebens, wo die Kraft und
Lust der Jugend besonders laut zu werden pflegt, vielmehr stiller und
in mich gekehrter worden, denn zuvor. Sie merkten das im Kloster und
sagten: das wre die Melancholia. Ich lachte ganz frhlich dazu, denn
ich wut' es besser.

Die heiligen Ostertage waren vorber. Mit ihnen war der erste Frhling
in's Land gekommen. Der letzte Schnee war zergangen, und in den hellen
Strahlen der Sonne lchelte die Erde, wie ein erwachendes Kind die
Mutter anlacht, das sich die Wangen roth geschlafen hat. Von den
ckern wehte der frische Erdgeruch, die Wiesen berzogen sich mit
jungem Grn und aus den Nubumen drben pfiffen Abends und Morgens
mit lustigem Gelrme die heimgekehrten Staaren. Mit einem Wort: Es war
just so, wie es alle Jahr' ist, seit der Herr zu Noah gesprochen: es
soll nicht aufhren Sommer und Winter, und hat einen Bund darber
gemacht. Aber mir sind jene ersten Frhlingstage aus sonderlicher
Ursach in Erinnerung geblieben.

Denn an einem solchen Tage war ich mit Lust seit langer Zeit zum
ersten Male durch Feld und Wald gestreift und kam heim mit frischem
Muth, als wre meine Brust weiter worden von der Frhlingsluft, die
sie geschpft, und schlge mein Herz hher darin. Und doch wollt's mir
mit dem Malen nicht vorwrts rcken, als ich mich an das Bild machte,
das ich vor hatte. Das war im Brderchor rechts ber den Gefhlen, wo
mir der Abt eine gar groe Arbeit zugewiesen. Ich sollt' ihm da
schildern an der Wand den engelischen Gru, die Anbetung der heiligen
drei Knige und die Darstellung im Tempel, wie es jetzt Alles zu sehen
ist. Dazumal war ich mit der Verkndigung, die Unserer lieben Frau
geschieht, kaum ber den Anfang hinaus, und weil ich die heilige
Jungfrau recht in die Maienwonne hineinsetzen wollte, so hatt' ich
mich, wenn in den kurzen Wintertagen des Bildes Entwurf mir gar nicht
zu Gefallen gerieth, immer auf den Lenz vertrstet, der sollte Leben
schaffen drauen in der Welt und hier auf dem Bilde. Nun hatt' ich ja
seinen Gru empfangen und griff meine Arbeit mit allem Eifer an. Aber
meine Gedanken hafteten nicht daran.

Es hat keinen Segen heut, sprach ich da zu mir selbst, legte den
Pinsel weg und setzte mich vor den Lettner in's Gesthl.

Ich war wohl mde vom ungewohnten Gange, den ich im Freien gethan, und
so schlief ich ein. Da trumte mir, ich wandelte durch ein lieblich
Wiesenthal, allwo die Blumen im Morgenthau glnzten, und die Bume
rauschten ber dem Bach, der hart am Wege dahinflo. Wie ich voll
Freude frder schritt, sah ich vor mir einen seltsamen Wandersmann des
Weges ziehen. Sein Kleid war schneewei, seine Gestalt hoch, und wie
golden wehte sein Gelock im Morgenwinde. Ich eilte ihm nach und bot
ihm hfischen Gru. Jung und holdselig war das Angesicht, das er mir
zuwandte. Er dankte mir meinen Gru gar freundlich, doch wagt' ich
nicht, weiter ihn anzureden, so hochgemuth und feierlich war seine
Miene. Er aber erkannte mein Begehren und sagte: Ich kenne Dich wohl,
Diether, aber Dein Weggeselle kann ich nicht sein; denn ich mu meines
Herrn Gebot eilend thun.

Da sagt' ich: Das mu ein reicher und milder Herr sein, der solche
Boten sendet; und selig mag wohl sein, wem von Euch Botschaft wird.

Du findest mich auch wohl wieder, versetzte er, wenn Du hier auf
diesem Wege beharrst; denn das ist die Strae, die ich ziehe in
Maientagen.

Darauf verschwand er vor meinen Augen, als flg' er hinweg, und ich
betete an zur Erde; denn ich merkte, da es ein Engel gewesen war, der
Gott an einem seiner Heiligen dienen wollte. Ich beschlo, da zu
harren, bis er wiederkehrte, um ihn dann zu bitten, da er mich segnen
mchte. So setzt' ich mich nieder an des Baches Rand. Aber der fieng
an zu brausen und zu wallen von den Bergen her und stieg und trieb
mich hinweg. Er ward zum reienden Strome, drin alle Blumen ertranken,
und sein Gischt verhllte die Sonne. Ich schrie: Wehe! und entlief,
denn wie verderbliche Lindwrmer drangen die Wellen hinter mir her.

Die Angst weckte mich auf. Ich war nicht mehr allein. Der Abt stund
vor mir. Ich wollt' eilig aufstehen vor ihm. Aber er hie mich sitzen
bleiben, lie sich neben mich in den nchsten Chorstuhl und redete
mich ganz freundlich an:

Diether, sprach er, ich sehe, Dir will's nicht mehr von der Hand
gehen mit Deiner Kunst, wie bisher. Ich glaub' wohl, da nicht
Trgheit daran Schuld ist. Denn Flei allein thut's nicht bei so edlem
Werk. Der Wille ist da, aber Seele und Sinn wollen nicht mit der alten
Lust dahin, und wo die nicht gefge sind, mssen wohl auch die Hnde
feiern. Denn gezwungen gedeiht solche Gotteswirkung nicht. Nun hr'
ich, merk' es auch selbst zum Theil, da Deine vorige Munterkeit
verschwunden und Du der Einsamkeit und des Sinnirens ein Liebhaber
worden bist. Wohl ziemt sich Dir ein ernster Sinn, und heilige
Betrachtung schickt sich fr Dich, da Du bald dem Convent Dich fr
immer geloben sollst. Aber weil ein Jeglicher dem Orden und der Kirche
mit der Gabe dienen mu, die er von Gott empfangen hat, so mssen wir
bedacht sein, Dich in Deiner Kunst zu frdern.

Wohlan, Diether, fuhr er fort, fast ist mir's lieb, da Du mit
Deinem Bilde da nicht weiter gekommen bist, wie ich sehe. Denn heut'
hab' ich Nachricht empfangen aus Speyer, da dahin zum Bischof ein
sonderlich kstliches Bild aus Welschland gebracht worden ist, darauf
die gebenedeite Gottesmutter so preislich und herrlich gemalt ist, wie
man ihres Gleichen noch nicht gesehen hat in deutschen Landen. Das
wre nun ein lblich und rhmlich Ding und eine rechte Freude fr
mich, wenn wir davon ein Conterfei htten hier bei uns. Darum hab' ich
gleich an Dich gedacht, da Du gen Speyer ziehest mit Briefen von mir,
dort vom Bild eine Copey nehmest und dieselbe Gestalt der heiligen
Jungfrau gebest hier auf Deinem Bilde. Da wirst Du zugleich Dein Auge
an vielen andern Werken Deiner Kunst weiden knnen, und ich bin gewi,
Du kommst mit erneuerter Lust und erhhter Kraft zurck. Da ich Dich
aber in die Welt allein hinauslasse, die Du bisher noch weiter nicht
gesehen als eine Meile um's Kloster, das zeigt Dir, ein wie gro
Vertrauen ich zu Dir trage, da Du bestndig im Herzen haben wirst,
wie Du zu Gottes und Deines Klosters Ehre diese Fahrt thust. Und
weil's Dir, setzte er lchelnd hinzu, mit Stift und Pinsel nicht
mehr recht vorwrts will diese letzte Zeit, so mgen Wald und Feld und
Wiese und Flur Dir vielleicht ntzer sein, Dich zu unterweisen, wenn
Du ziehest, wie auch St. Bernard gesagt hat: die Bcher, aus denen er
das Beste gelernet, seien die Bume des Waldes.

Whrend er so sprach, wut' ich selbst nicht, was ich denken sollte.
Der Traum, den ich getrumt, stund vor meiner Seele lieblich und
zugleich schrecklich, als lockt' er und drohte auch zugleich. Aus dem
Kloster in die Welt hinaus hatte ich nie ein Verlangen gehabt, auch
die letzte Zeit keine Wanderlust, wie der Abt zu denken schien. Mich
wirrte die unerwartete Aussicht. Fast htt' ich den Abt gebeten, mich
daheim zu lassen. Aber ich schmte mich dessen, weil es feigen und
stumpfen Sinn verrathen htte. Und so sagt' ich blo, als er geendet:

Hochwrdiger Vater, ich will Euch gern gehorsamen in allen Stcken.

Ei, Diether, rief er und klopfte mich auf die Schulter, das ist fr
Deinen Gehorsam wohl kein zu schweres Stck, das ich Dir auflege. Ich
wte Manchen im Convent, der tht es bergerne an Deiner Statt.--

Darauf gebot er mir, mich zu rsten und nach der Vesper zu ihm zu
kommen. Da wollt' er mir Briefe und Vollmacht geben und weitere
Anweisung. Denn morgen in der Frhe, sagt' er, sollst Du von
dannen, und um die Pfingstzeit bist Du wieder da durch Gottes unsers
Heilands Gnade.

Darauf reicht' er mir die Hand und gieng.

So schritt ich denn am anderen Morgen ganz frh wegfertig ber den
Klosterhof, nachdem ich Abends zuvor von Allen Abschied genommen
hatte. Aber Mancher kam mir nach, mir zur Letze nochmal die Hand zu
drcken. Am Bronnen blieb ich stehen und sagte: Lat mich hier noch
einmal aus diesem guten Quell, dessen Rauschen und Pltschern ich so
oft mit Freuden betrachtet, mit meinem Reisebecher schpfen, und wer
mit mir wnscht, da ich ihn frhlich wieder mit Euch trinke, wenn ich
heim bin, der thue mir Bescheid!

Da trat Rigbold heran, der Bruder Kellermeister, und sagte: Das ist
nicht Brauch, Diether, mit Wasser sich zuzutrinken. Hier hab' ich
Besseres, Dein Glas zu fllen, Liebfrauenmilch, geschpft zu Worms am
Rheine. Du sollst den Wein haben zur Labe auf Deiner Fahrt. Da
schenkt' ich ein, weil sie so wollten, und auch sie thaten einen Zug
und Gott gesegn'es! wnschten wir einander dabei. Darnach that mir
der Pfrtner auf; ich gieng ber die Brcke am Thor und war im Freien.

Rstig stieg ich den Weg hinan, der gen Mitternacht aufwrts fhrt. Es
war noch dunkel und dmmerte kaum. Als ich oben auf der Hh' war,
hatt' es sich genug erhellt, da ich rings umschauen konnte. Ich
wandte mich und sah das Kloster liegen im Thal, wie ich es zu tausend
Malen von hier aus betrachtet hatte. Nun lag doch die weite Welt vor
mir, und dennoch war mir's weh um's Herz, als ob's mich zurck sehnte.
Die ersten Strahlen der Morgensonne trafen da das Kirchdach und der
Wind trug das Gelut herber, das zur Matutine rief. Mir war's, als
klng' es anders wie sonst, lauter, feierlicher, und als wten die
Glocken, da ich hier oben stnd', und wollten mir auch einen
Gottessegen herbertnen zum Abschied. Da sprach ich das Benedictus im
Stillen mit, winkte noch einmal hinab und zog landein.

Ich schritt tapfer aus. Im ersten Dorf, durch das ich kam, zogen die
Leute eben zur Arbeit auf's Feld. Sie haben Alle ihr besonderes
Tagewerk, dacht' ich da, meines ist heute das Wandern. Mit dem
erwachten Tage wuchs auch meine Wanderlust. Ich hatte meine Freude an
Allem, was ich hrt' und sah, und fhlte mich gar nicht einsam. Die
hellen Wolken, die ber mir herzogen, die Finken, die von den Bumen
am Wege, die Ammern, die aus dem Wald her riefen, die ersten Blumen am
Rain, die ich mir zum Strulein pflckte, boten mir Gesellschaft
genug. Der Laubwald schimmerte im ersten, jungen Grn, als hienge ein
zarter Schleier ber dem Gezweig. Da hindurch spielten die
Sonnenstrahlen gar lieblich, denn es war ein heiterer, wonnesamer
Frhlingstag.

Gegen den Mittag kam ich in ein Waldgebirge, wo der Weg in Krmmungen
an der Seite der Berge sich hinzog. Unten brauste ein Wasser; aber nur
zuweilen sah ich's durch das dunkle Grn der Bume hervorblitzen. Denn
dicht und ragend stunden die Tannen rings umher, so da sie, wo der
Weg eng war, schier ein Dach ber mich bauten mit ihren Wipfeln. Die
Sonne war im Mittag, und ich htte hier gerne gerastet, mein Mahl zu
halten. Schon gedacht' ich, dazu niederzusitzen, als ich vor mir nicht
gar ferne Stimmen hrte. Bald darauf ward ich eines Weibes ansichtig,
das auf dem Arm ein Kindlein trug, und ein anderes fhrte sie an der
Hand. Das weinte sehr und wollte sich gar nicht beschwichtigen lassen.
Da eilt' ich hinzu, grte und fragte das Weib, aus was Ursach' das
Mgdlein weinte und ob ich ihr helfen knnte. Da sagte sie: 'S ist
mein Tchterlein, lieber Gesell, Else heit sie und bt jetzo ihren
Willen. Da seitwrts hinunter steht unsere Htte, und ich gehe jetzt
hinauf dorthin, wo Ihr den Rauch aufsteigen sehet. Der kommt von einem
Meiler; da ist mein Mann, der brennt Kohlen dorten fr den gndigen
Herrn, de wir eigen sind. Es ist ein beschwerlicher Weg dahin; aber
Else wollt' nicht daheim bleiben; sie hat mssen mitgenommen sein. Ich
hab's ihr zuvor gesagt, da ich sie nicht tragen knnt', wenn sie md'
wrde, weil ich das Bblein da auf dem Arm hab'. -- Bist still, Kind,
sonst kommst Du nimmer mit zu Deinem Vater. Da nahm ich die Kleine
auf meinen Arm, redete ihr freundlich zu und hatte sie bald so
zutraulich, da sie des Weinens und aller Furcht verga und freundlich
mich anlachte.

Ihr versteht's, Euch die Kinder zu befreunden, sagte das Weib, denn
sonst geht Elslein ihrer Mutter nicht von der Hand im Angesicht eines
Fremden. Das Kind kommt gar selten unter die Leute.

So gehren wir wohl zusammen, Elslein, rief ich ganz frhlich, denn
auch ich bin fremder Gesellschaft ungewohnt; und da Du mich magst,
thut mir gar wohl!

Ja, mit Fug, sagte die Frau, denn Kinderlachen bringt Glck, und so
mag Euch auch wohl gerathen, was Ihr vorhabt.

Nicht lange waren wir unter solchen Gesprchen vorwrts geschritten,
so kamen wir an eine Rodung, wo die Meiler dampften. Kaum hatte das
Kind den Vater erschaut, so mut ich's vom Arme lassen, und lustig
sprang es dem Khler entgegen. Da gab's zwischen den Leuten ein
freudiges Gren. Sie hielten das Mahl zusammen, ich setzte mich auch
dazu und wir theilten einander mit, was wir hatten. Sie sprachen von
ihrem Heimwesen, von ihren Sorgen, denn sie waren gar arm, und von
ihren Kindern. Ich hrt' ihnen stille zu, denn wir waren das Alles
fremde Dinge. Aber wie traurig auch Manches war, was sie sprachen; ich
htte sie nicht besser trsten knnen, wie sie selbst einander ihre
Last erleichterten durch die Herzlichkeit ihrer Rede. Und wie, nachdem
das Gratias gesprochen war, der Mann die Kinder beide auf seine Kniee
nahm, und sie ihn liebkosten, auch das Elslein nicht von ihm lie, so
geschwrzt und rauh er aussah, und mir ftermals zurief: Seht, das
ist mein Vater lieb! da wut' ich nicht, sollt' ich den armen Mann
oder die Kinder fr glcklicher halten, und zum ersten Mal in meinem
Leben fragt' ich mich, ob ich wohl auch je von Mutter oder Vater so
gekoset worden wre oder mit ihnen gekost htte, und ich wnschte, es
mchte geschehen sein, ob ich auch de nicht mehr gedenken knnte, und
die Hnde, die mich gestreichelt, eben so arbeitshart gewesen wren,
wie dieser Eltern ihre.

Nehmt's nicht fr ungut, sagte der Khler, wie er mich so schweigend
sitzen sah, da ich Euch versume. Ich sehe meine Herzkinder selten,
und so denken sie, es mu so sein.

Gott helf Euch, sprach ich da, da Ihr sie immer so in Freuden
sehet, und lasse sie Euch und Eurem Weibe zur Freude gesetzt sein all'
Euer Leben lang. Darnach gesegnet' ich sie, denn ich wollte weiter
ziehen, und auch Elslein reichte mir ihre Hand, sagte: Wohlauf zur
Fahrt! und lachte mir frhlich zu.

Oft noch beim Weitergehen sah ich zurck nach dem Weibe und dem Manne
mit den Kindern auf seinen Knieen, und wie ich sie nicht mehr
erschauen konnte, tnte doch des Mgdleins Lachen mir im Herzen nach
hell und lieblich, wie eines silbernen Glckleins Klingen beim
heiligen Amt, und ich sagte zu mir: Wohlan, Diether, Kinderlachen
bringt Glck!

Das war mir einsamem Wandersmann, wie es schien, an diesem Tage nicht
beschieden. Denn gegen Abend zog ein Wetter herauf mit einem
Sturmwind, der die gewaltigen Bume schier zu entwurzeln drohte. Der
Himmel berzog sich mit finstern Wolken und schwere Regentropfen
fielen hernieder. Ich beschleunigte meine Schritte, weil das Kloster
von Thngen, welches unseres Ordens ist und wo ich die Nacht herbergen
wollte, nicht mehr ferne sein konnte. Aber in dem wilden Gebirg'
verlor ich den rechten Weg. Ich hatte de eine ganze Meile gar nicht
Acht, weil ich so in Hast lief; denn ein wst Gewitter war
losgebrochen. Die Blitze flammten durch den dunkeln Wald und die
Donnerschlge hallten brllend von den Bergen wieder. Dazu go der
Regen in Strmen, da auch die Tannen mit ihrem dichten Gezweig kein
Schirmdach mehr boten und ich ber und ber durchnt war. Doch fragt'
ich wenig darnach; denn wie ich merkte, da ich irre gegangen, das
schuf mir grere Sorge. Ich war auf einen Weg gerathen, der Anfangs
abwrts fhrte, aber allgemach und in gleicher Richtung wie der, auf
dem ich bisher gezogen. Dann aber lenkt' er mich steiler hinab an das
Waldwasser und an dessen Rand entlang in ein Thal, das sich in
mancherlei Biegungen immer mehr verengte. Da war meine Wanderung
beschwerlich und voll Mhsal und ich duchte mich gar verlassen in
dieser Wildni. Dazu des Gewitters Zorn und des Wassers Getose! Hilf
Gott, sprach ich, wo soll ich rasten bei solchem Wetter in der
Einde, wenn die Nacht kommt? Und ich dachte an das Vespergelut im
Kloster, das alle Abend' die Brder in Frieden zu Ruhe und Schutz
zusammenruft.

Aber horch! war's da nicht wirklich wie ein Luten durch den Wald?
Jetzt vernahm ich's wieder; ich tuschte mich nicht. Wie mir das
trstlich und lockend erscholl! Ich frderte meine Schritte, und bald
ffnete sich vor mir das Thal zu einer freien Halde.

Die Berge traten zurck wie in einen Kreis, und an dem Abhang des
einen stund freundlich winkend ein Waldkirchlein, von dem das Luten
kam. Ich fand bald den Weg, der dahin fhrte. Wie ich ihn
eingeschlagen hatte, lie allgemach das Unwetter nach. Der Donner
verstummte, der Sturm legte sich und sanft fiel der Regen. Auf einem
Felsenvorsprung in halber Hhe des Bergabhanges sah ich das Kirchlein
vor mir.

Zu seinen Fen, seitwrts des Pfades, der hinaufleitete, ward eine
Klause sichtbar, von Holz erbaut, deren niederes Dach nur wenig aus
dem Gestein hervorlugte, an das sie sich lehnte. Ein Wsserlein
pltscherte von der Hhe daran vorbei und ergo sich in Sprngen auf
die Waldwiese, auf die das Blockhaus niedersah. Wie ich emporklomm,
strahlte das Thrmlein der Kirche, darin die Glocke hieng, im rothen
Schein der untergehenden Sonne, und darber hin wlbte sich gegen
Morgen schimmernd und feierlich ein Regenbogen. Ich hielt meine
Schritte an und freute mich des lieblichen Scheideblickes, mit dem der
Tag zu Ruhe gieng. Wie ich so stund, vernahm ich von der Klause her
die Klnge einer Laute und dazu die sanft schwebende Weise dieses
Liedes:

     Es liegt die Welt mit ihrem Glcke,
     Ein fernes Eiland, hinter mir,
     Und keine Fhre, keine Brcke,
     Trgt jemals mich zurck zu ihr.

     Ein ander Ziel hab' ich erlesen,
     De Bild die Seele fest umschlingt.
     Wie wird mein trbes Aug' genesen,
     Wenn die ersehnte Kste winkt!

     Schon rauscht der Kiel, die Segel blhen,
     An's Steuer denn mit fester Hand,
     La Strme brausen, Blitze sprhen,
     Doch endlich, Herr, mich rufen: Land!

Mir klang das Lied seltsam und fremd, voll Schwermuth und Freudigkeit,
voll Sehnsucht und Zuversicht. Aber es schien mir schn zu stimmen zu
dem heiteren Abend nach all' dem Sturm und bsen Wetter, und ich
dachte: Das kann nur das Land der zuknftigen Seligkeit, die
himmlische Heimath, sein, darnach das Lied Verlangen trgt, und es ist
wohl ein fromm Herz, welches zu solchen Gedanken erweckt wird durch
den Bogen Gottes.

So gieng ich mit gutem Vertrauen auf die Klause zu.

Aber ich ward fast entmuthigt, als ich ihren Bewohner ersah, der
unter der offenen Thr stund. Es war ein greiser Mann von gewaltigem
Wuchs, bekleidet mit einem Mantel von grobem Zeug, den ein Strick
zusammenhielt; unten sahen die Fe blo hervor. Sein Haupt war
mchtig und von breiter Stirn; unter den berhangenden Brauen blickten
lebhaft die blauen Augen. Die Nase war vorspringend und gebogen, der
Mund von festen entschlossenen Lippen und sein Angesicht tief
gefurcht, als stnde da manch Geheimni frherer Jahre geschrieben.
Ich merkte wohl, wie mein Anblick ihm wenig willkommen war; denn
forschend sah er mich an und bewegte sich nicht von der Stelle.

Ehrwrdiger, redete ich ihn an, ein wegmder Wandersmann, der in
die Irre gerathen ist, spricht Euch um Obdach an fr diese Nacht.
Wollet ihm solche Bitte um Gottes Lohn nicht versagen!

Das da droben, antwortete er, ist St. Wigbert's Kirchlein, und die
ihm da in Andacht dienen wollen, denen helf' ich dazu und geleite sie.
Aber zu herbergen ist meines Amtes und meiner Neigung nicht.

So verdienet an mir, sprach ich, St. Wigbert's Frsprach, in dessen
Bann und Schutz ich ohne meinen Willen gefhrt worden bin durch des
reichen Gottes Gte.

Du redest wie ein Pfaff, sagt' er darauf, und nach Deinem Kleid
mcht' man Dich fr einen Mnch halten; aber Dein Haar fllt Dir lang
auf die Schultern, und Dein Auge blickt frei umher, als wr's nicht
eben gewohnt, sich demthig zu senken. Die falsche Welt liebt sich
Gevgel mit allerlei Federn, auch wohl mit falschen, und sie ist weit
genug dazu.

Da sagt' ich: Ihr vertraut mir nun viel oder wenig, so will ich Euch
doch treulich berichten, wie es um meinen Weg steht, den ich ziehe,
und so erzhlt' ich ihm, von wannen ich kme und wozu der Abt mich
ausgesandt htte.

Dein Abt ist ein Narr, rief er mir da zu, Dich so jung und
unbehtet um solches Tandes willen aus dem Kloster zu stoen, kurz ehe
Du gemncht werden sollst, und wei nicht, was er thut. Dort die
Stufen hinan ist eine Kluft, wohlverwahrt, und reichlich Moos zum
Lager darin, wo die Pilger zu rasten pflegen nach der Wallfahrt. Da
lagere Dich. Denn in meiner Zelle geht's nicht an, ich habe mir jede
Gesellschaft widersagt fr immer. Sogleich komm' ich nach.

Da Ihr meinen Abt scheltet und meine Kunst verachtet, das thut Ihr
ohne meinen Dank, antwortet' ich gekrnkt. Aber ich bin mde und
will die Ruhe suchen, die Ihr mir erbietet.

Darauf wandt' ich mich, zu gehen. Doch er kam mir nach und ergriff
meine Hand, indem er sagte: Nu, nu, Junker Hochgemuth! Deine Kunst
bleibt unverachtet. Komm denn hinein zu mir, bist ja ganz klglich
zugerichtet vom Wetter. Aber Dein Abt ist ein Narr! -- ich sag's,
Brun, St. Wigbert's Meknecht und Einsiedel.

Mir fiel es auf, als ich an seiner Seite gieng und er so redete, wie
freundlich der Klang seiner Stimme ward und wie mild sein Angesicht
drein sah gegen vorhin.

Der Raum seiner Klause, in die wir traten, war niedrig und eng. Sie
hatte auer der Thre nur eine kleine Fensterffnung zu Luft und
Licht. Schmucklos waren die Wnde aus rohen Balken aufgerichtet: nur
ber der Thr ein Crucifix und zwischen ihr und dem Fenster, das in
der schmalen Seitenwand angebracht war, unter einem hlzernen
berdach das geschnitzte Bild unserer lieben Frau mit dem Schwert im
Herzen. Vor demselben stund ein eichener Tisch, kunstlos zugehauen und
ein Baumstumpf als Sitzschemel. Die dem Eingang gegenberliegende Wand
der Htte ward vom Gestein gebildet, das senkrecht abfiel. Darin war
eine Hhlung zu sehen, die zum Herde diente mit einem Sims, darauf
weniges Kochgerth stand. Unten davor lag Holz bereit. Die Hlfte aber
dieser Felsenwand wich zurck zu einer Nische, die ganz schicklich als
eine Kemenate zur Lagerstatt gelten konnte. Sie verengte sich nach
hinten und schien tief in das Gestein hineinzudringen. So leicht das
Alles zu bersehen war, so konnt' ich's doch nur mit Mhe wahrnehmen;
denn das Abendroth, welches zum Fenster hineinblickte, war im
Versinken, und der Raum fast dunkel.

Aber bald lenkte mein Wirth mein ganzes Aufmerken auf sich und sein
Thun. Er tummelte sich geschftig wie ein Schaffner fr mich, und je
rauher zuweilen seine Rede war, um so sorgsamer mhte er sich.

Setz' Dich da, Meister Irregang, sagte er halb spottend, halb
ernstlich, indem er in die glimmenden Herdkohlen blies und drres
Reisig darber legte, setz' Dich da auf den Klotz, der mir Bank,
Stuhl und Schemel zugleich ist. Wei nicht, welches Sitzes Du in
Deinem Convent gewohnt bist; htt'st Dir wohl einen weicheren gegnnt
zur Rast. -- Doch nein! fuhr er nach kurzer Weile fort, als das helle
Feuer knisternd zu flackern anhub, nein, junges Blut! rck' hier
heran an die Herdwrme. Denn es lt, als ob Dich's frre. -- Heilige
Mutter Gottes, wie bist Du durchnt! Hab's gar nicht so bemerkt,
welche Unbilden Dir zartem Knaben das Unwetter gethan hat. Wart', wie
Brun Dein pflegen wird.

Damit gieng er nach hinten und brachte mir von dort trockne Kleider.
Er war mir selbst behilflich, mein na Zeug abzuziehen, hngt' es
seitwrts gegen den Herd, half mir in's trockene Gewand und breitete
mir mglichst nah dem Herde, von Moos und mit Hilfe von wollenen
Decken, die er hervorholte, in der Nische, wo er seine Lagerstatt
hatte, ein Pfhl, darauf ich meine ermatteten Glieder gar gemchlich
ausstrecken konnte.

Ich dankt' ihm fr all' seine Lieb'; ich fhlte, wie wohl sie mir
that. Ja, sagte er, indem er mir mit Wein, den er vorgelangt hatte,
meine brennenden Fe wusch, das glaub' ich gern, da dem Tublein
nun sanfter ist; mit all' seiner Kunst und des Abts Vollmachten dazu
sollt' es sich wohl wenig trsten, wenn jetzt Brun nicht hinausgelangt
und's in seine Arche genommen htte.

Da er sich mit dem Erzvater Noah verglich, machte mich lachen; aber
es gieng mir nicht von Herzen. Vielmehr fhlt' ich, wie ich roth ward,
weil seine Rede mich an die ungefge Antwort erinnerte, mit der ich
ihm drauen begegnet war. Sie that mir leid und ich sagt' ihm das.

Wie heiest Du? fragt' er mich drauf und hngte den Kessel ber dem
Herdfeuer ein.

Diether, ehrwrdiger Vater.

Wohlan, Diether, darum mach' Dir keine Sorgen. Aber von Deinem Abt
und Deiner Fahrt wollen wir hernach reden; da will ich auch an Dich
eine Frage thun. Jetzo merk' nur dies, da ich Brun heie, und so
magst Du mich nennen. Das ist genug. Und nun gedenke des Mahles, denn
es ist bereit.

Drauf legt' er mir vor, was er hatte, Brot und Ks und von dem Brei,
den er gekocht hatte, und ein wenig Wein. Whrend ich a und trank,
durft' ich nicht sprechen, denn er hatte mir _Silentium_ auferlegt mit
strenger Miene, als wren wir im Refectorium. Mir war sein Gebot ganz
recht, und mit Lust und Eifer that ich der Mahlzeit Bescheid. Er sah
mir freundlich und ermunternd zu und bedachte dabei das Feuer, das,
den ganzen Raum angenehm erhellend und erwrmend, den felsigten Kamin
hinaufschlug und den Schatten seiner Gestalt in wunderlichem Wechsel
an die Wand malte.

Als ich vollendet hatte, hie er mich wieder meine vorige Lagersttte
einnehmen, that die Zurstung des Mahles beiseit und setzte sich mir
gegenber an den Herd.

Diether, sagt' er da, warum kam Dir vorhin das Lachen an?

Ich ward ob der Frage verlegen, und zgernd erwiederte ich: Wenn Ihr
die Wahrheit zu wissen begehrt, ehrwrdiger Vater--

Brun hei ich, unterbrach er mich ungeduldig.

Wenn Ihr die Wahrheit zu wissen begehrt, Brun: es geschah, weil Ihr
Eure Klause hier der Arche No verglicht und mich mit dem Tublein,
das der Erzvater hineinnahm.

Und warum that denn dem Thierlein der Einla in den Kasten noth?
fragt' er eindringlich.

Weil drauen die Wasser der Sintfluth allum es bedrohten, gab ich
zur Antwort.

Wohlan, Diether, sagt' er eifrig darauf. Was ist die Welt anders,
als ein tiefes Meer des Verderbens, gleich gefhrlich, ob's den blauen
Himmel spiegelt oder schumt und braust, voll Untreue, Gewalt und
Tcken? Und was hat Dein Abt anders gethan, als Dich hinausgescheucht
wie einen Vogel, der nicht schwimmen kann, auf die weite See?

Ihr seht wohl, sagt' ich bescheiden, von Eurer Klause die Welt zu
ungnstig an und urtheilet zu hart ber sie, weil Ihr sie nicht
genugsam kennet in Eurer Abgeschiedenheit.

Hoho! rief er, bitter lachend, ich kenne sie nicht? Ich kenne sie
nicht? und sah in's Feuer, als knnt' ihm das gar etwas Anderes
bezeugen. -- Du hast ihr Wesen wohl heut' schon lieb gewonnen beim
ersten Ausflug? wandt' er sich dann fragend an mich, fhlst Dich
schon wohl darin?

Ich wei darauf nicht zu antworten, erwiedert' ich, aber Ihr thut,
dnkt mich, zu viel, wenn Ihr die Welt schlecht nur der Untreue
zeihet. Ich hab' wohl befunden von ungefhr, da sie auch der Treue
die Probe hlt. Und so erzhlt' ich ihm mit Wrme, was ich von den
armen Khlerleuten heute gesehen hatte und wie sie durch ihre treue
Liebe gegen einander so glcklich wren in aller Drftigkeit. Die
hegen, schlo ich, gewi kein Falsch gegen einander.

Weit Du das fr gewi? fragt' er wieder. Hat ihre Treue schon die
letzte Versuchung bestanden? Wenn die Noth bis zu Hunger und Ble
steigt; wenn Siechthum und Jammer Heimrecht gewonnen haben bei ihnen,
wenn ihre Ehe zur klirrenden Kette geworden ist, welche ohne Hoffen
Mann und Weib an die Marterbank des gemeinsamen Elends schmiedet und
wenn die Kinder vergeblich Brot heischen, fr Vater und Mutter
unablssige Mahner ihrer Noth und Mehrer derselben: dann siehe zu, ob
Ungeduld, Mitrauen, berdru, die Unholde, der Lieb' und Treue noch
nicht das letzte Herzblut ausgesogen haben. Ja, wenn dann noch Mann
und Weib sich zum Trost da sind, die Kinder den Eltern zum Labsal der
Liebe, zu Dank und Gehorsam, -- dann magst Du sagen, sie haben Treue
gehalten. Und bis dahin, und wenn sie noch alsdann und immerdar sie
hielten, fuhr er ergriffen fort, wird sie ihnen doch zehn Tropfen
Bitterni einschenken neben einem Trpflein Se. Denn wo eine Quelle
ist, daraus dem Menschen reine Wonne zuflieen knnte, da leidet
solches der Welt Lauf nicht und wirft Gift hinein. Vielleicht brennt
Junker Schlapphahn schon morgen die Htte nieder, blo zur Kurzweil
und aus rger, da ihm ein Fang entgangen ist. Dann wird den Mann
nicht sein eignes, aber seines Weibes und seiner Kinder Elend
unglcklich machen, und das um so mehr, je treuer er sie liebt.

Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand ber die Stirne, als wollt'
er sich der Erregung, mit der er gesprochen hatte, entledigen. Darauf
fgt' er ruhiger hinzu: Diether, ich bleib' dabei, Dein Abt ist ein
Unweiser, da er Dich so unbesorgt in die Welt gesandt hat.

Aber, warf ich munter ein, Brun, lat die Welt so bs sein, wie sie
mag. Was gilt mir das, der ich in ihr weder streiten, noch arbeiten,
noch freien, noch ihres Theils sein will in keinerlei Weise, auch im
Geringsten nicht ein Verlangen danach trage, als der ich dem Kloster
von Kind an verlobt bin.

Da sah er mich ernst, fast schwermthig an und sagte: Diether, hr'
nur zu! Wodurch die Welt die Leute schlimm macht und gottlos und
unglcklich, das wohnet inwendig in eines jeglichen Menschen Herzen.
Da schlft es und regt sich nicht, und er wei nichts davon, bis die
Welt es aufweckt und strkt. Sie thut es mit gar lieblicher Stimme,
denn Alles, was s und sanft thut dem Herzen, was wonnig ist und
holdselig, das nennt sie ihm mit Namen und verheit es ihm. Aber wenn
er dessen am frohsten zu werden gedenkt, dann mu er erfahren, da sie
auch das Verderben gro gezogen, das ihn um Fried' und Freude bringt.
Lang und schwer ist hernachmals der Weg zurck zu finden, und Mancher
kommt um unterwegs. Darum ist's besser, es bleibt Beides unerprobt,
der Welt Lust und der Welt Leid, denn sie lohnet jenes mit diesem
allzu hart, und recht erwogen, ist ihre Wonne ihres Wehes nicht
werth.

Mir war's, als seufzte er leise bei diesen Worten.

Nun denn, sagt' ich wie vorhin, ich hab' diesen Dingen noch wenig
nachgesonnen, acht's auch nicht fr wohlgethan, denn sie helfen nur
zur Herzensschwere, wie mich dnkt. Aber unter Gottes Schutz gedenke
ich getrost gen Speyer zu ziehen, dort meine Sache zu beschicken und
denselben Muth und Sinn heimzubringen, mit dem ich ausgezogen bin aus
unserm Kloster.

Du thtest besser, sprach er, so Du umkehrtest und lieest den Abt
ohne das Conterfey. Du sagtest ihm, Deine Seele mte Dir mehr gelten,
als das Bild.

Das wrde mir bel stehen, sagt' ich fast unwillig, und mich zum
Gelchter machen im ganzen Convent.

So will ich Dir noch einen Rath geben, fuhr er fort, als wollt' er
mich durch Scherz begtigen, sieh zu, da Du ihn besser befolgst.
Bleib hier und siedle bei St. Wigbert's Kirchlein. Wir leben hier in
Verborgenheit und edler Freiheit mit einander, bis Du mir mein Grab
grbst und mich hineinbettest. Wie? Du sagst nicht mit Freuden ja und
mikennest solche Ehre? So verbeut Dir Brun jede Ausrede und will, da
Du Dich auf's Ohr legest und schlafest.

Damit stund er auf und achtete nicht weiter auf mich.

Wirklich war ich so mde, da sich meine Augen willig senkten und ich
bald entschlief. Aber zu vielerlei und zu Neues hatte ich an diesem
ersten Wandertage durchlebt, als da mein Schlaf htte traumlos sein
knnen. Sonderlich des Alten eindrucksvolle Gestalt stund immer wieder
mir vor der Seele; bald rauh, bald milde erschien er mir, wie ich ihn
am Tage gesehen hatte. Zuletzt war mir's, als fhr' ich mit ihm ber
ein strudelndes Wasser und er sprche zu mir: Das ist die Welt!
Willst Du sie kennen lernen, so spring hinein und wag' es zu
schwimmen. Da warf er die Ruder weg, und unser Kahn tanzte in immer
engeren Kreisen dem Abgrunde zu. Ich bat ihn flehentlich, mich und
sich zu retten und wollte seine Knie' umfassen. Im Schlaf mocht' ich
da wohl eine heftige Bewegung gemacht haben, denn ich erwachte. Doch
wie! sa er da nicht noch immer an den letzten Gluthen des
verglimmenden Feuers?

Ich behielt den Anschein des Schlafens und sah ihm zu.

Vor sich hatte er eine geffnete Truhe, die er aus der Kluft
hervorgeholt haben mochte, und mit Staunen sah ich, wie er daraus
gestickte Zeuge, Schapel, Schleier, Spangen von groer Kostbarkeit
hervorlangte. Nur fr einen Augenblick kam mir der Gedanke, ich knnte
in die Hhle eines Rubers gerathen sein. Denn das waren nicht die
Blicke der Habgier, mit denen er die Kleinode betrachtete. Vielmehr
drckte sich ein tiefer Gram aus in seinem Angesicht, wie er mit
zgernden Hnden ein Stck nach dem anderen herausnahm und sorglich
wieder an seinen Ort legte. Endlich schien er gefunden zu haben, was
er suchte. Es war ein Bndlein von vergilbten Blttern. Es mochten
Handschriften oder Briefe sein; denn ich sah, wie er sich zu lesen
anschickte. Aber reichte das Licht nicht zu oder waren seine Augen
trbe, er lie die Hand, welche das Blatt hielt, auf die Knie' sinken.
Da entfiel dem Papier etwas, wie eine verwelkte Rose. Hastig hub er
sie auf, als wre die arme Blume ein groer Schatz. Er sah sie lange
an, fters seufzend, und sein Haupt sank ihm tief auf die Brust. Da
verlosch das Feuer, und das mildere Mondenlicht fiel durch das Fenster
in die Zelle. Seine Strahlen umflossen den Regungslosen. Er ist
eingeschlafen, dacht' ich. Aber im flimmernden Mond blinkten
reichliche Thrnen die Furchen seiner Wangen hinab in seinen Bart, und
was ich anfangs fr das Rauschen ferner Wipfel gehalten hatte, war
sein leises Schluchzen.

Trst' ihn, lieber Heiland, in seinem Leide, betet' ich da in meinem
Herzen, und gib Deine Gnad' uns Allen!

Und damit entschlief ich.




Drittes Capitel.

Irrfahrt.


Des andern Tages frh, da ich mich wieder auf den Weg machte, wollte
mich Brun doch nicht allein ziehen lassen, sondern er geleitete mich
eine gute Strecke. Das that er, nicht blo, weil er besorgte, ich
mchte aus der Irre, in die ich gestern gerathen war, die rechte
Strae allein nicht wieder finden, sondern auch, da ich an ihm einen
Schutz htte gegen Fhrlichkeiten. Denn, sagt' er, hier herum ist
das Wegelagern nicht selten, und wer sicher durchziehen will und
ungekrnkt an Hab und Leben, der sollt's, wenn er nicht selbst wohl
bewehrt ist, nicht wagen ohne Geleit. Da und dort auf den Bergen ragen
stolze Burgen, drin hausen gestrenge Ritter, wie man sie heit, die
aber das Rauben treiben wie ihr Handwerk.

Ich hab' wohl wenig zu frchten, Brun, sagt' ich gutes Muthes, da
mich dieser kampflichen Gesellen einer anrenne, der ich unbeschwert
von Gut und Habe meines Weges ziehe. Was sollte man an mir armem
Klsterling gewinnen, so man mich fienge?

Man knnt' Dich doch fr einen Andern halten, als Du bist, Diether,
wie auch ich Dich mikannte, als Du mich ansprachst. -- Da ich da so
rauh mit Dir fuhr, setzte er freundlich hinzu, mu Dich nicht irren:
es war aus guter Meinung geschehen. Denn sieh, so schlimm ist
heutzutage die Welt, da auch ein Einsiedel sein lblich Thun mit
groer Vorsicht und Heimlichkeit betreiben mu, als htte er dabei ein
bs Gewissen. Weil ich nmlich, was sich hier in Wald und Bergen
zutrgt, und das Gehen und Kommen der Herren, ihr Liegen und Kriegen,
Frieden und Fehde gut genug erkunde, so bin ich den redlichen Leuten,
die hierdurch in Frieden fahren wollen, gern zu Rath und Warnung
bereit. Sie kennen mich wohl auch und haben mich erprobt. So werd' ich
oft beschickt, da man mich fragt, ob's wohl stehe im Gebirg oder
nicht. Aber ich darf Keinem trauen, der mir nicht Brgschaft gibt, da
er sicher ist und kein Schelm, von den Geiern hier herum abgesandt,
die mir lngst auf der Lauer sind.

So habt Ihr auch an mir Euch als Helfer und Berather treulich
bewiesen und meinen armen Dank wohl verdient, sagte ich, indem ich
seine Hand ergriff, und nimmer werd' ich Euer vergessen.

Da schlug er ein, sah mich gar gtig an und sagte: Ist das Dein
Ernst, Diether, so hab' Du allerwege ein Vertrauen zu mir. Es mag sich
wohl fgen, da es Dir eine Freud' ist oder ein Trost, zu denken, es
lebe Einer, der Dir von Herzen gern diente, weil er Dir von Herzen
gern das Beste gnnt -- hauset er auch gleich einsam und hat nicht
Macht, Gut, noch Ehre in der Welt. Vielleicht ist's Dir dann lieb, den
Weg zu wissen, der durch den Wald fern zu St. Wigbert fhrt, und Du
verlangst, sein Kirchlein Dir winken zu sehen und in der Klause Deinen
getreuen Eckhart, den alten Brun. -- Nun, Jngling, fahr' wohl! Die
Landstrae, die da entlang sich zieht, heit uns scheiden. Aber in
aller Ferne bleibt's dabei: Brun gedenkt und, willst Du zu ihm, harret
Dein immerdar.

Ich wollt' ihm nochmals danken zum Abschied, aber er wollt's nicht
haben, drckte mir liebreich und herzhaft die Hand und gieng.

Ich sah ihm nach, bis er hinter den Tannen des Waldpfades verschwunden
war, der ihn in seine Siedelei zurckleitete.

Dann gieng auch ich wohlgemuth meine Strae.--

Ob wohl am jngsten Tage, wenn zum Endegerichte die Bcher werden
aufgeschlagen werden, darin eines Jeglichen Thun beschrieben ist,
welcherlei es gewesen ist bei Leibesleben, die Tage und Zeiten auch
werden leere Bltter weisen, an die wir uns wenig erinnern, weil uns
darin nichts Sonderliches begegnet ist, und dahingegen die, an denen
unsere Gedanken vor andern haften und unseres Herzens Sinn, auch dort
werden mit groen Buchstaben eingezeichnet sein? Dem hab' ich manchmal
nachgesonnen, und unsere Vernunft mu wohl also schlieen. Und doch
kann es leichtlich anders sein; denn ich achte, oft ohne da wir's
merken und spren, nimmt unser Herz ein Saatkrnlein auf, das
unvermerkt Wurzel darinne treibt, und dessen Frucht, bitter oder se,
unser ewiges Schicksal entscheidet. Hinwieder mag von hoher Lust und
tiefem Leid, darin unser Herz gestanden hat, da es durch's ganze
Leben de nicht vergit so lang' es schlgt, keine Spur uns nachfolgen
in die zuknftige Welt, wie man dem Wasser des stillen Gebirgsee's
nichts ansieht von dem Gebraus des Sturzbaches, der ihn nhrt.

Solcher Betrachtungen zu gedenken, dazu bewegt mich die Erinnerung an
das, was mir weiter auf meiner Wanderschaft begegnete. Sie gieng auch
in einem solchen Wechsel hin zwischen dem, was man schnell vergit und
was fest in der Seele haftet. So trug sich mir in den zween nchsten
Tagen, nachdem ich von Brun geschieden, nichts Sonderliches zu, und
schon hoffte ich in Tagesfrist in Heidelberg zu sein, allwo ich eine
Weile zur Rast in Herberge bei den Benedictiner Brdern liegen sollte.
Aber gar unerwartet und pltzlich wurde ich von meinem Ziele
abgelenkt, und wie das geschah, das steht noch so deutlich vor meiner
Seele, als htt' ich's gestern erlebt.

Der Tag war trb', und ein kalter Wind trieb mir feinen Regen in's
Angesicht. Ich hllte mich dichter in mein langes Gewand und
befrderte meinen Gang. Da hrte ich hinter mir Schritte wie von
Nacheilenden und ward gewahr, da sie mir schleunig nher kamen. Ich
wandte mich und erblickte ein gar seltsames Paar: zween Gesellen, von
denen Jeder fr sich verwunderlich genug anzusehen war, noch mehr
aber, wenn man ihn zugleich mit seinem Gespons betrachtete. Denn die
Beiden hielten sich in Allem das Widerspiel. War der Eine lang und
fast dnn, von schwarzem Haar, das tief auf die Schultern fiel, und
schmalen Wangen, so war der Andere gar kurz und wohl bei Leib', und
das runde Haupt mit ganz rothem Kraushaar sa ihm dicht auf dem
breiten Nacken. Nicht minder war die Tracht, in der sie daherzogen,
sonderbarlich anzusehen. Der Lange trug einen knappen, blauen Rock mit
silberglnzenden groen Knpfen, der kaum bis unter die Hften
reichte, mit buntfarbigen Schleifen hin und wieder ausgeziert. Auf dem
Scheitel sa ihm eine Kappe von gleicher Farbe mit langem
Federschmuck, von Wind und Wetter bel zerzaust. Seine Hosen aber
waren gelb und eng anliegend; an der Seite hieng ihm ein kurzes
Schwert, wie die Bauern tragen, wenn sie bewehrt sind. Der Kleine
hingegen trug einen groen, braunen Hut mit so mchtiger Krempe, als
wr's der vom wilden Jger selber, und seine kurze Gestalt erschien
noch breiter durch einen dunkelrothen, faltenreichen Mantel, der ihm
vom Halse bis zu den Knieen herunterhieng.

Wie ich die Beiden mit steigender Verwunderung betrachtete, hatten sie
mich bald eingeholt. Der Kurze Schwenkte mir zum Gru seinen Hut
entgegen und rief:

     Ja, wohlgethan, da Ihr bleibt stehn!

Darauf setzte der Andere ein:

     Selb dreie wll'n wir frder gehn.

Damit waren sie mir zur Seite, und ich fand mich in ihrer Mitte
wandelnd, als wren sie mir Geleitsmnner. Vielleicht sahen sie mir's
an, da ich bedenklich war ber ihre Gesellschaft und halb
entschlossen, mich ihrer so oder so zu erwehren. Darum war sonderlich
der Kleine geschftig, Wechselrede in Gang zu bringen. Ich war zu
arglos und, was ich an meinen beiden Gefhrten sah und von ihnen
erfuhr, mir zu neu, da Ihre Begleitung mir nicht ertrglich und nicht
auch bald erwnscht gewesen wre.

     Ihr seid gewi ein heilig Mann,

sagte der Kleine, und sah wie prfend zu mir auf.

     Man sieht's an Euerm Kleid Euch an.

Ja, erwiederte ich, einem heiligen Stande gehre ich an und bin dem
Kloster zugesprochen.

Da versetzte der mit dem blauen Rock gar ernsthaft:

     Ein selig Leben ist Euch beschieden,
     Voll guter Sicherheit und Frieden,

und sprach das in einem Ton, als htt' er solch Glck aus eigener
Erfahrung wenig erprobt.

Sogleich rief ihm der Andere zu, als wollt' er ihn trsten:

     Was mancher Mann zumeist begehrt,
     Wenn er's erlangt, hlt er's nicht werth.

Dann wandte er sich zu mir und sagte: Mein Geselle da hat die
Regenlaune; allemal, wenn's unhold Wetter gibt, ist er so.

     Scheint aber erst die Sonne frei,
     Dann singt er and're Melodei!

Nicht, Bruder? Ah, ob er's wohl kann auf Saitenspiel?

Damit strich er mit der Gerte, die er in der Hand hatte, hinter mir
vorbei seinem Gesellen auf den Rcken, und ich hrte die Saiten einer
Fiedel erklingen, die da, wie ich nun merkte, wohl eingehllt am Bande
hieng.

     Mischaffen ist dein Scherz und Schimpf!

murrte rgerlich der Gestrichene; aber der Andre lachte dazu und rief:

     Ei, nimm ihn auf mit Gunst und Glimpf!

Ich denke, sagte ich da, weil Ihr von mir erkundet habt,
welcherlei Stande ich angehre, so hab' ich wohl auch ein Recht, nach
dem Eurigen zu fragen. Doch das ist nicht noth; denn wiewohl ich mich
wenig auf der Welt Brauch und ihre Sitten verstehe, so fehl' ich gewi
nicht der Wahrheit, wenn ich dafr halte, da Ihr fahrende Spielleute
seid. Aus den gereimten Sprchen und der Fiedel schlie' ich das.

O, wohlgerathen, rief lustig der Kleine, ist Euch das _Studium
logices_. Euer Syllogismus ist demantfest. Und doch traft Ihr nicht
haarscharf das Ziel. Fahrende sind wir, das ist wahr, aber Spielende
nicht zumal, das gieng Euch fehl'. Wer die Braut hat, der ist der
Brutigam; wer die Fiedel trgt, der ist der edlen Sang- und
Klangkunst Adept.

     Der Tannhuser wird er genannt,
     Ich aber Klingsohr von Ungarland.

Und was ist +Eure+ Kunst? fragt' ich ihn.

Da blinzelte er mich mit den Augen schlauen Blickes an, sah dann in
den grauen Himmel und spitzte den Mund, als besnn' er sich, ob er mir
eine gerade Antwort geben sollte. Darauf blieb er pltzlich stehen und
schien zu horchen. Der Andere that desgleichen und fragte:

     Sag', Bruder, hrst du ichtes was?

worauf Klingsohr nach kurzer Weil':

     Nein, nichts! -- Doch lat uns eilen ba.

Ja, fuhr er im Gehen zu mir fort, indem er ausschritt, was seine
kurzen Beine vermochten, die Kunst, die ich be, ist eine hohe Kunst
und eine ntzliche Kunst und hat viel' Liebhaber im Volk. 'S ist aber
auch eine gefhrliche Kunst und wird arg befehdet von den
Hochgelahrten. Eure Heiligen und Scholastici zhlen sie nicht unter
die sieben freien Knste. Ich mcht' ihrer auch gern ledig sein. Aber
was hilft's! Jeder Vogel mu bei seinem Liede bleiben. Frau Aventiure
ist mir nicht gnstig gewesen und hat zu sagen und singen mich nicht
gelehrt, wie den da.

Aber Ihr reimet doch, als wret Ihr Worte zu stellen wohl gebt?

Macht der Gewohnheit und Freundschaft! Des Tannhusers edle Gabe ist
mir ein wenig zu Gut gekommen. Wenn man die Singekunst so liebt, wie
ich, da mu die Gesellschaft solchen Meisters wohl Etwas ntze sein.

     Was ich vermag, das ist allein
     Von seiner Kunst ein Wiederschein.

Doch Ihr habt, setzte er hinzu, in Eurem Brevier von solchen Dingen
allen nichts gefunden und begehrt ihrer nicht.

Da ist denn die Reihe des Fehlens an Euch gekommen, Meister
Klingsohr! sagt' ich munter, denn auch ich be eine Kunst, und mit
all' meinem Denken trag' ich Lust zu ihr.

Da sahen mich Beide verwundert an und Klingsohr fragte: Welche
ist's?

Zwar sollt' ich dem Klingsohr nicht offenbaren, was er mir hehlt,
erwiederte ich. Doch will ich's sagen: Zum Tannhuser dem Singer hat
Diether der Maler sich gesellt.

So wohl uns, da wir uns trafen! rief Klingsohr, streckte mir seine
Hand entgegen, und der Tannhuser reichte mir seine. Wir drei gehren
zusammen, ob Kutte, Wams oder Mantel; wir sind eines Ordens. He,
Bruder Tannhuser, nimm Deine Fiedel und streich eins auf!

Der aber sagte:

     In Regen und Wind des Fiedelns pflegen,
     Heit unterm Schnee nach Veiglein fegen.

Wohl, rief da der Kurze, so will ich ein neu Lied singen von den
drei jungen Gesellen, die sie in Augsburg henken wollten, wie sie
zusammen entrannen und hernach in England der eine Bischof, der
andere--

Sagt mir doch lieber, unterbrach ich ihn, was Eure Kunst sei!

Warum sollt' ich's nicht, erwiederte er, wenn's Euch, Malbruder, zu
wissen lieb ist? Kennt Ihr die schwarze Magia?

Alle guten Geister! rief ich und schlug ein Kreuz. Das ist ja eine
Teufelskunst!

Die treib' ich ja auch nicht, rief das Mnnlein und lachte unbndig.
Sie ist ja durch kaiserlich und ppstlich Recht verpnt und
vermaledeit. Der +weien+ Magia bin ich ein Jnger.

Wie ich ihn fragend und befremdet ansah, fuhr er fort: Das nimmt Euch
Wunder, da ein Biedermann die weie Magia bekennt, und Albertus
Magnus ist doch durch sie hoch zu Ehren gekommen? Macht +das+ den
Unterschied, da ich Jedermann, Brger und Bauer und Knecht und Magd,
wer's begehrt, die Wohlthaten meiner Kunst erweise? Htt' ich nur die
Instrumenta und wre in jungen Jahren lnger hinter's Latein gesessen
-- ich wollt' Euch einen redenden Kopf machen, der sollt' Euch noch
weit andere Geheimnisse sagen, als Albertus' seiner.

Dann thtest Du besser, spottete der Tannhuser, Du lieest den
Kopf und schfest uns einen Wintergarten, wie der Klner Meister, mit
warmer Sommerluft. Aber Deine weie Meisterschaft lt uns noch im
Aprilen frieren.

Ei, sagte gekrnkt der Kleine, Dir wr's doch in keinem Wege recht
zu machen. Hast Du nicht warm gesessen bei der Frau Venus? Und doch
hat Du's nicht behagt im Hrselberg.

Ach, Narrethei! rief der Tannhuser, samt Deiner Frau Venus und
Hrselberg! Wollt' lieber, ich htte jetzo was Gares zu kosten und was
Wrmendes auf dem Leib. Dabei schttelt' er sich verdrielich die
Tropfen von der Mtze ab.

     Frau Nachtigall, hat sie keine Speis',
     Schweigt oder singt nach Spatzenweis'.

Er dauerte mich und ich sagte: Mir ist's gar leid, da Ihr nicht
besser vor'm Unwetter bewahrt seid. Wie wohl thut mir doch heut' mein
langes Wollenkleid!

Oh! sagt' er und sah es fast begehrlich an,

     Im warmen Kleid und sichern Nest
     Den Mnchen Gott nichts mangeln lt.

Freilich, hub wieder der Kleine an, fahrende Meister mssen sich
alles Glckwechsels versehen: gestern willkommen und heut' schabab. Da
heit's oft:

     Duck Dich Hnnsl, la bergahn!
     Unwetter will seinen Willen han!

Sprich auch diesen Spruch jetzt, Gutgesell! Da hilft nichts Anderes.
Denn zum Wrmenden auf Deinen Leib ist hier kein Rath;

     Aber Gares zu kosten, das mag wohl sein,
     Hab' auch nicht die Meinung, mich zu kastei'n.

Wir wollen eine Mahlzeit halten, die lecker ist, und St. Bernhardt
selber wird mir die Gutthat danken, die ich an seinem Jnger thue. Wir
sind auf der Wanderung gebrdert und haben Alles gemein. Seid erst bei
Klingsohr zu Gast und dann gebt Acht, ob seine Kunst Dank verdient!

Ist's Eure Magie, die uns letzen wird? fragt' ich ihn.

Gewilich sie, rief er lachend, und immer die weie! Gleich sollt
Ihr de gewahr werden.

Nun fhrte der Weg an einem verlassenen Steinbruch vorbei, der manche
Wlbung darbot, wo man vor Wind und Regen wohl gesichert war. Da hatte
auch alsbald Klingsohr die zum Lager geschickteste erkrt und hie uns
folgen. Als wir angelangt waren, sprang er auf einen Stein, der da
lag, und sagte im Befehlston:

     Nun kommt herfr aus Eurer Haft!
     Sollt Euch nicht mehr verstecken.
     Beweist Eure edle Kraft und Saft!
     Wir wollen schmecken und schlecken.

Damit hockte er etwas von seinem Rcken, das schier einem gewaltigen
Buckel geglichen hatte, und langte drei Gnse hervor, die an ihren
Hlsen zusammengebunden waren, wie man pflegt, wenn man sie
geschlachtet zu Markte bringt. Sind Sie nicht wei߫, fragte er mich
vergngt, wie die Kunst, die sie mir eingebracht? Und fett dazu! Sie
drckten mich schier, da ich nicht mehr ausschreiten konnte. Aber
harret! Eine soll's nicht mehr thun, 's mte denn im Magen sein.

Darauf macht' er sich an's Kchenwerk und nahm uns dabei ganz
weidlich in seinen Dienst. Whrend er die Gans rupfte und zum Braten
bereitete, mute ihm sein Geselle Handreichung thun, der auch, wie ich
sah, in solchen Dingen wohl gebt war. Ich ward ausgeschickt, inde
zum Feuer Holz herbei zu holen. Dazu gab mir der Tannhuser sein
breites Schwert, und weil ringsum der Wald dicht war, so hatt' ich
nach kurzer Weile zum Brennen genug herzutragen. Der Singmeister hatte
bald ein Feuer angezndet, und die Flamme schlug hell empor. Sie
verbreitete in unserem Winkel eine willkommene Wrme und sollte unsern
durchnten Kleidern zu Gute kommen. Klingsohr und ich spreiteten
unsere Mntel und der Spielmann sein Wams vor der Gluth zum Trocknen
aus und rckten selber an ihr zusammen so nah, als wir konnten. Es war
mir lustig den Beiden zuzuschauen, mit welchem Eifer sie zursteten.
Bald war der Magus mit der Gans zu Stand, da sie zum Braten fertig
war. Hier noch das Leberlein und hier die Zwiebel (er nahm sie aus
seinem Ranzen) selbander hinein, sagt' er; jetzt geschwind Nadel und
Zwirn, -- so ist's gethan; -- nun kann sie rsten. Damit schrte er
das Feuer, wie er's haben wollte.

Das ist auch eine feine Meisterschaft, die Ihr versteht, sagt' ich
lobend.

Was ntzte sie, wenn ich sie nicht ben knnte! gab er zur Antwort.
An des heiligen rmischen Reiches Truchse selber wre sein Amt
verloren, trgen nicht Jger und Metzger und Bauer und Mller ihm die
Kche voll.

O, sagt' ich scherzend, ich merke wohl, Ihr wollt nur Eure
magischen Knste ausstreichen, und wahr ist's, das htt' ich nie
gedacht, da sie Gnse an den Spie zu bringen vermag. Aber nun seh'
ich's mit eigenen Augen.

Ja, und sollt's schmecken mit eigener Zunge, das ist die Hauptsach'.
Euer Heiliger mu sich freuen, wie man Euer auf der Wanderung pflegt.

Mein Treu, rief da der Fiedler dazwischen und wandte, wie der
Andere ihn anwies, die Gans um, die schon ganz lieblich zu duften sich
anschickte. Eine Schand' ist's, wenn ich gedenke, wie unmild
dahingegen die Singekunst heuer gelohnet wird. Man will unser nicht
mehr in Klstern und Burgen, und die Stdter, seit sie reich werden,
fangen selbst an, gar zierlich und frnehm zu singen, und weil sie's
umsonst herklimpern, verachten sie uns aus Geiz; bleibt nur das
gemeine Volk fr uns, sperrt's Maul auf, weint und lacht, wie man's
haben will, das ist Alles!

Drum auch, sagte der Kleine, sollst Du Dich gesegnen, da wir
zusammen fahren. Sind wir nicht noch immer ehrlich verbrdert gewesen?

     Sei's Gans oder Ferkel, sei's Huhn oder Hahn,
     Zusammen wird Alles und Jedes verthan!

Jetzt wend' sie um! Und frohmthig rieb er sich die Hnde.

Wie aber vermgt Ihr's denn, fragt' ich wieder, Eure magische Kunst
so in Ehren und gutem Lohn zu erhalten, da sie Euch Beiden zutrgt?

Sie hiee nicht Magia, wenn sie nicht Geheimni wre. Euch,
geistlicher Kunstbruder, sei's genug, da Ihr wisset: die weie ist
unverboten und gibt ehrliche Nahrung. Dabei blinzelte er wieder gar
listig mit den Augen mich an und lachte. Nur den Spruch merkt Euch
wohl:

     Wer sich der Welt gelieben will,
     Mu halten ihrem Treiben still;
     Denn will er wider ihre Art,
     So macht er bald allein die Fahrt.

Und jetzo, Bruder, ermunterte er seinen Gesellen, derweil der
Braten schmort und die Kleider trocknen, nimm die Fiedel zur Hand und
spiel'!

Da langte der Fiedler seine Geige her, stimmte die Saiten und lie
dann den Bogen ber dieselben springen, da die Tne wie Funken
heraussprhten. Darnach hub er auch an zu singen ein Lied, das zu der
frhlichen Weise wohl stimmte; aber ernst und traurig gieng es
hernach, und schwermthig endete es also:

     Auf den Bergen zergieng der Schnee,
     Die Brnnlein, sie rieseln ohn' Ende:
     O Vater und Mutter, Ihr seht mich nimmermeh',
     Mu sterben im Elende.--
     Gottes Wille, der mu ergehn.

Noch einmal holt' er dazu aus seiner Fiedel lauten und wilden Klang
hervor, als wr's ein Wehgeschrei. Dann verhallten seine Tne langsam
und leise. Ich war der Singekunst Freund immer gewesen und hatte der
Sequenzen und Leisen Kraft in der Kirche oft an mir erfahren. Aber
dieses Fiedlers Gewalt ber meine Seele war anderer Art. Seines
Spieles Lust wie Leid ergriffen mich gleich sehr, aber sie verwirrten
mich auch. Es war nicht die gewohnte Bahn, auf die sein Spiel mich
zog, und doch erweckte es in mir einen Wiederhall -- ich wut' mir
nicht zu deuten, wie?--

Heb' aber an, Bruder! rief da Klingsohr, leg nicht weg die Fiedel.
Hast da unserem geistlichen Gast schier das Herz im Leib' umgekehrt
mit Deinem Lied, wie ich merke. Noch eins! Und eine Weise, die sanfter
eingeht! Der Andere stimmte seine Fiedel wieder zurecht, und jetzt
giengen seine Tne ebenen Weg. Dies war sein Lied:

     Des Herzens Schwere zu verjagen,
     Gab ich es ganz der Minne hin;
     Hrt' ich doch viel die Meister sagen
     Von ihr als Leidverleiderin.

     Da hub sich's an in mir zu lenzen;
     Doch schwand die Slde allzujach,--
     Denn ach, von allen bunten Krnzen
     Blieb nur der Dorn im Herzen nach.

     So migerieth mir all' mein Whnen,
     Und was ich wollt', gedieh mir schlecht.
     Erst hochgemuth sein, dann in Thrnen:
     Das ist der Minne altes Recht.

'S ist auch in dem noch was vom Regenwetter, meinte Klingsohr. Und
doch bist Du unter Dach und berm Feuer brt die Gans. Wohlan thu sie
her! Ist sie nicht brunlich und schn? Und er betrachtete sie
wohlgefllig.

Pltzlich sah er auf. Das ist nicht des Windes Gerusch, murmelte er
bedenklich. Ihr seid jung und behend, Bruder Diether. Springt dort
hinan, wo der Ausblick offen ist auf den Weg, den wir kamen, und
schaut, was sich naht.

Was sollt' ich mich bedenken? Ich klomm mit Eil' die Hhe hinan, die
er mir angezeigt hatte. Als ich oben war, sah ich hinter der nchsten
Windung des Weges einen reisigen Haufen herankommen. Spiee und
Hellebarden konnt' ich wohl erkennen. Das rief ich den Beiden zu und
schickte mich an hinabzusteigen. Schon aber hrt' ich sie unten sich
tummeln, und bevor ich noch die Hlfte des Weges zurck war, kamen sie
eilig hervor und liefen grad ber den Weg dem Tannenwald zu, wo er
besonders dicht stund, als suchten sie dort eine Bergung. Fast lustig
war es anzusehen, wie sie all' ihr Gerth zusammengerafft hatten,
Jeder, was ihm die Hnde gefat, wie sie auch die zwo Gnse nicht
vergessen, die der Kleine hinter sich her zog. Aber wie ward mir zu
Sinne, als ich den Fiedler sah mit meiner Kutte von dannen rennen! Das
schuf mir groe Noth. He, Freunde! rief ich ihnen nach, was soll
das? Was fliehet Ihr? Harret doch, da ich mein Kleid anthue! Und mit
hchster Eil' stieg ich hinab. Aber sie hrten nicht, noch hemmten sie
ihre Flucht, und ich erkannte, da es mir ganz unmglich wre, sie
einzuholen. Denn mein Weg war behindert durch's Gestein, der ihrige
nicht. Da gerieth ich auer mir; denn ich sah, da sie unredlich
handelten mit mir, und schrie aus allem Vermgen: So wollet Ihr
treulos entlaufen, unehrliche Gesellen! Raubt mir mein Kleid, Schelme
und Unbiedermnner, die Ihr seid?

Sie aber hielten nicht an, als bis sie den Waldsaum erreicht hatten.
Da blieben sie stehen, und, indem der Groe meinen Rock anlegte, rief
der Kleine mir zu:

     O Freund, gedenk' der Sanftmuth Gebot!
     Frwahr uns zwingt wahrhafte Noth.
     Wir sind um's Mahl mit einand' betrogen,
     Von unserm Unstern fortgezogen.
     Lat Euch die Kutte nicht gereu'n!
     Sie wird den Fiedler ba erfreu'n.

Der aber fgte hinzu:

     Ich la Euch mein blaues Wams zurck,
     Es bring' Euch mehr als dem Fiedler Glck!

Darauf sah ich den Magus dem Singer die Gnse aufhocken und hrt' ihn
noch sagen:

     Sollt' ich die Gnslein liegen ln?
     Mein' Treu, das wr' nicht wohlgethan!

Er lupfte mir noch seinen Hut zum Abschied, und im nchsten Augenblick
waren sie behend in den Wald gedrungen und meinen Augen verschwunden.

Da stund ich, verlassener Diether, nun in groer Betrbni, betrogen,
beraubt, in der Fremde, schalt meinem Unbedacht und war meiner Reise
gram. Aber was half Zrnen und Klagen! Frieren berkam mich in meinem
Leinen unter dem kalten Himmel. Die Noth zwang mich unter das
steinerne berdach zurck; das Feuer brannte noch. Voll Unmuth stie
ich die Gluth auseinander. Die verlschende Flamme mahnte mich daran,
da ich in dieser Einsamkeit nicht bleiben knnte und eilen mte, ehe
der Abend kme. Unmglich aber konnte ich ohne Kleid durch den Regen
hinaus. Da lag das blaue Wams; ich durfte nicht zaudern und that es
an. Mir war's, als verwunderte sich Stein und Baum selbst ber mich
und ich wrde doch nicht bedauert, sondern Fink und Meise und Alles,
was im Walde lebte, mte mich verlachen. Das machte mich noch
unwirscher in meinem Gemth. So trat ich hinaus und hatte nie ein
solches Mifallen an mir selber.

Ehe ich noch wenige Schritte gethan hatte, hrt' ich hinter mir lautes
Gelrm. Die Reisigen waren herangekommen.

Wohl dran, Gesellen! Hier ist der Vgel einer. Fangt ihn geschwind!
Da er uns nicht entwische, dafr will ich wohl sorgen, so wahr ich
Peter Krummholz bin, der Bckerzunft Obermeister?

Der so mit schriller Stimme schrie, da ihm schier der Odem ausgieng,
sa auf einem Gaul, was wohl nothweise geschah. Denn er war so gar
fett, da ihn gewilich seine Fe nicht bis hieher getragen htten.
Neben und hinter ihm giengen etwa zwlf Fuknechte mit Eisenhauben.
Etlichen fehlten auch Schilde nicht.

Thut nicht so bel, rief ich da, da Ihr einen Unschuldigen
angreifet! Ich bin nicht der, fr den Ihr mich anseht, hab' weder Euch
noch sonst Keinem ein Leid zugefgt.

Ich wollte ihnen noch ferner zureden, aber der auf dem Rosse schrie
noch viel ungeberdiger denn zuvor die Seinen an:

Wohl dran, Gesellen, sage ich! Fangt mir den losen Buben! Ich kenn'
ihn wohl wieder am blauen Wams und dem schwarzen Langhaar. Wohl dran,
sag' ich noch einmal! Eine Kanne gut Bier Jeglichem, und wer ihn
zuerst angreift, zwo!

Wie er sie so muthig auf mich hetzte und ihrer zween oder drei mit
vorgehaltenen Spieen auf mich drangen, als wr' ich ein schndlich
Wild, da berkam mich ein Grimm und meinen Sehnen wuchs die Kraft. Mit
mchtigem Prall stie ich auf den Ersten, der auf mich einwollte, da
er zurcktaumelte, und sprang an den Andern vorbei, die sich de nicht
versahen, zurck zu unserer Feuersttte, wo ich noch des Fiedlers
Schwert liegen wute. Ich griff es auf, fat' es fest und schrie ganz
auer mir: Heran denn, wen's lstet, seinen Lohn an mir zu
verdienen!

Da ich mich mit einem Gewaffen zur Wehr setzen wrde, hatte sich
Keiner befahren, und so stunden sie einen Augenblick unentschlossen,
wie sie ihr Werk angreifen sollten. Da gedacht' ich, durch sie
hindurchzudringen und zu entrinnen. Des Einen Spie hielt mich auf.
Ich schlug ihn seitwrts und berrannte den Mann. Aber der Sto eines
Anderen traf mir den linken Arm und gab mir heftigen Schmerz. Alsbald
rannten sie Alle wider mich zusammen und es ward ein gro Getmmel.
Ihr Meister tobte mit bsen Worten und scharfem Kreischen, wie von
Sinnen, inde ich mich mit meinem Eisen wehrte, wild um mich
schlagend. Denn so viel ich von mir wute, wollt' ich eher mein Leben
lassen, als mich in ihre Hnde geben. So wr' mir's auch allerdinge
ergangen bei der bermacht meiner Feinde, und weil ich so ganz
ungebt war zu streiten, wenn nicht Gott mit mir ein Anderes
beschlossen htte.

Denn von Ungefhr trug sich's gewilich nicht zu, da just zu dieser
Zeit drei Reiter den Weg geritten kamen von der Richtung, nach der
meine Fahrt gieng. Es war ein rittermig angethaner Herr und zween
Knechte. Diese mochten von ihm, da er unseres Streitens ansichtig
geworden war, vorausgeschickt sein, denn sie sprengten, ohne da Einer
vor Eifer und Gedrang ihr Nahen wahrgenommen hatte, weil aller Blicke
und Gebrden auf mich gerichtet waren, mit hchster Eil' und ungedacht
in den Haufen meiner Widersacher mitten hinein, da mnniglich vor
ihnen zurckwich.

Stdter sind's, Helmbold, sagte der Eine zum Anderen und rief dann:
Seid Ihr so unbescheiden oder so erhitzt gegen einander, da Ihr es
wagen drft, unserm gndigen Herrn den Weg zu verlegen mit Eurem
Hadern?

Da schrieen sie zumal, der Eine dies, der Andere das, indem sie auf
mich wiesen, und schlugen auf's Neue auf mich ein.

Gebt Ruhe alsogleich! geboten die Beiden da drohend, ritten durch
sie hindurch nahe an mich heran und schirmten mich so vor ihrer Wuth.

Als dergestalt Niemand an mich durfte, ward der Bckermeister ganz
unsinnig auf seinem Ro und that des Tobens und Scheltens um so mehr.
Aber es whrte nur eine kleine Weile, da kam der Ritter selbst heran,
ein ltlicher Herr, der etwas gebckt, aber noch gar fest im Sattel
sa.

Bei Gottes Thron! rief er und sah Krummholz und seinen Tro mit
Staunen an, das sind Leute aus Waibstadt, das ist der ehrsamen
Bckerzunft Obermeister!

Peter Krummholz, edler Herr, antwortete der, sich verneigend, bei
dem Ihr vor drei Jahren, als Ihr durch Waibstadt gen Basel zogt, zur
Herberge gelegen.

Wo mir Euer Tchterlein, -- heit sie nicht Brbel? -- den Willkomm
credenzte; ich entsinne mich de wohl. Aber wie geschieht das, da Ihr
hier auf meinem Grunde zu Felde liegt und wider Gesetz und Recht den
Frieden brechet? Hat nicht auch Eure Stadt mir in die Hand gelobt,
ihre Streitsachen gtlich zu vertragen, auch dieselben an mich zu
bringen, ob sie nicht beizulegen? Und nun find' ich, nachdem ich
wenige Zeit von dannen gewesen, daheim wieder den alten Hader, und auf
offener Landstrae am helllichten Tage! Und unmuths schlug er sich
auf die Hfte.

Keine Streitsache ist es, Ew. Gnaden, erwiederte der Brger, sich
rechtfertigend, unter uns oder mit unsern Nachbarn entstanden, um die
wir allhier bewehrt von Euch angetroffen werden, sondern ein
Schelmenstck, uns und gemeiner Sicherheit zum Schaden zugefgt. Das
begehren wir zu richten.

Ehe er fortfuhr, weil die Luft ihm ausgegangen, rief ich, noch immer
im Zorn: Ohne Urtheil und Spruch oder einige Ursach' haben sie mich
ganz Schuldlosen wie einen Schcher berfallen. Ich bitte aber Euer
Gnaden durch Gottes Marter, da Ihr zur Beweisung meiner Sache mich
hren wollet; denn dieser da wei auf jeglich Wort, das ich ihm sage,
nichts Anderes, als mit Wthen und Toben auf mich zu hetzen, so er
doch frgibt, gemeiner Sicherheit zu dienen.

Ich wollte weiter reden, aber heftig brach der Bckermeister wieder
los: O wie listig der lose Bube plaudert! Das ist seine ausbndige
Kunst, sich mit Worten zu schmcken; aber sie soll, will's Gott! nun
am Lngsten geschadet haben! -- Euer Gnaden kennet meine Tochter, das
Brbel; hat Euch credenzet vor drei Jahren, eine feine Dirne und mein
einzig Kind. Sie hab' ich am letzten Andreastage des Schultheien
Sohne verlobt, Mathias Kaulfu, einem tugendhaften Jngling. Vor vier
Tagen haben wir den Brautleuten die Hochzeit ausgerichtet und
dieselbige gestern mit einem Freudenmahl zu beschlieen gedacht. Denn
unsere Freundschaft ist gro, und um des Schultheien willen war der
Stadtobrigkeit und um meinetwillen der Bckerinnung Ehr' und Ansehen
hchst nthig zu wahren. Doch Ihr mt wissen, edler Herr, in unserer
Stadt ist von Alters her leider zwischen den Bckern und Metzgern viel
Verdrie und Hinderung, welches Alles aber als Nichts zu rechnen ist
gegen die Feindschaft, die nun um sich gefressen. Denn Heinrich
Hsener, des Metzgergewerkes Obermeister, hat ftermalen bei mir um's
Brbel fr seinen Sohn werben lassen, auch ffentlich geprahlt, ich
mt' sie ihm geben. Wie er's nun nicht erlangte, auch nicht hindern
konnte, da Brbel des Schultheien Schwiegertochter ward, da hat er
sich hoch vermessen, er wolle uns mit seinem Anhang die Hochzeit
verderben. Darum muten wir beweisen, da wir auch trotz den Metzgern
etwas vermchten.

Macht's kurz, Meister! unterbrach ihn der Ritter. Was geht Eure
Hochzeit diesen Handel hier auf der Strae an?

Sehr viel, Euer Gnaden! Gebt nur Acht! Denn wie Hsener und sein
Anhang uns in allen Stcken den Widerpart hielt, so kommt' er doch dem
Zulauf bei uns und der Ehre, die wir einlegten, im Geringsten Nichts
abbrechen. Denn wir hatten die Stadt-Zinkenisten, da sie pfiffen und
bliesen bei der Heimholung und in meinem Haus; so hatten sie sich die
Stadtpfeifer von Bischofsheim verschrieben. Mit denen zogen sie den
Unsern nach und lieen sie gegen meinem Hause ber in der Metzger
Gesellenstube aufspielen, so oft unsere Zinkenisten mit Blasen
anhuben. Aber die Pfeifer stunden bald ab, denn sie sahen, da sie
gegen unsere Zinkenisten Nichts vermochten, sondern jedesmal bertnt
wurden. Gewilich auch wren die Metzger endlich zum Gelach geworden
der ganzen Stadt, denn sie konnten mir nicht +einen+ Hochzeitsgast
abwendig machen. Aber gestern hat der ble Teufel, der an jeglichem
Tuck seine Freud' hat, zwei fahrende Landstreicher dahergefhrt, den
Gauch da und seinen Gesellen; die haben ihnen das Spiel gewonnen. -- O
wartet ein klein wenig, Ew. Gnaden, fuhr er aufgeregt fort und
entknpfte seinen Brustlatz, mir versetzt es schier die Luft, wenn
ich daran gedenke, aber ich will's Euch ganz nach der Wahrheit
berichten.

Das sei Euch gespart, Meister! rief ihm der Ritter ungeduldig zu.
Wenngleich man Euch die Hochzeit verdorben hat, knnt Ihr doch darum
Keinen wollen kampflich anrennen und schlagen, wie Ihr thut.

Das ist mir wohl wissend, fuhr der Bcker fort, hier stehen meine
znftigen Gesellen alle, die sollen mir bezeugen, ob ich ein Einiges
aufbringe, das nicht nach der Wahrheit ist! Sind nicht die zween
fahrenden losen Leute auf den Markt gestanden gestern unter der
Metzger Geleite und haben mit ihrem losen Wesen schier Alt und Jung
nach sich gezogen? Der Eine nannte sich Klingsohr, mit Zauberspruch,
Arzeneiung und Teufelskunst, der brauchte kndlich Hllenlist. Der
Andere nannte sich Tannhuser, strich die Fiedel so ausbndig und
wute zu singen und zu sagen, was die Leute gern hren, von Walther,
Knig Rother, vom hrnenen Siegfried und allen Mren, die doch nicht
zur Gottseligkeit, noch zu ehrsamer Kunstbung dienen. Das ist der da
im blauen Rock! Ist nicht zu ihm Abends, als kaum der Brauttrunk
umgegangen war nach dem Schmaus, das junge Volk allsammt hinber
gewichen in der Metzger Gesellenstube, wohin Hsener sie genthigt
hatte, und konnte gar der Umtanz der Hochzeiter nicht gesprungen
werden, wie es doch Brauch ist, weil bei uns nur die Alten sitzen
geblieben waren auf der Bank und auch die nicht Alle! Und gar
trbselig und des rgers voll war uns der Hochzeit Ende schon in
frher Nachtstunde; die drben aber hatten der Kurzweil und des
Springens kein Ende bei dieses Buben losen Knsten. Denn ein Gauch ist
er, wie der Andere, sag' ich, und ein Dieb. Whrend der Fiedler Aller
Ohren und Sinne auf sich lenkte, da hat er dem Teufelsknstler Raum
geschafft zu seinen Schelmenstcken. Sagt, meine Gesellen, sind nicht
heute Morgen alle drei Gnse aus meinem Stalle weg gewesen, die ich
den Winter ber gefttert? Hat nicht Catherin, die Magd, bekannt, sie
selbst habe den Klingsohr in den Hof hinter die Kch' gefhrt, weil er
frgegeben, er wolle ihr da fr ihren ungetreuen Liebsten die Nestel
knpfen? Er ist entwischt, aber seinen Diebsgesellen haben wir durch
gutes Glck gefunden. Da steht er berfhrt, und seine Straf' soll
Andern, will's Gott, ein Exempel sein.

Als ich des Beleidigten und Bestohlenen Rede hrte, erschrak ich ber
die Maen sehr, und meine Wuth wich groer Besorgni; denn ich sah,
da mein Kleid, das Feuer und des Mahles Zurstung, meine wagende
Gegenwehr, Alles wider mich zeugte, und es entfiel mir mein Herz, da
ich daran gedachte, da mir des Abtes Schrift und Brief, wodurch ich
mir freilich htte leichtlich Glauben verschaffen knnen, samt der
Kutte geraubt waren.

Wohl mochte mir der Ritter ansehen, wie verstrzt ich war, als er mich
hart anredete:

Du bist also der Tannhuser?

Gewilich, Herr, das ist mein Name nicht; Diether bin ich genannt,
antwortet' ich ihm mit wenig kecklicher Stimme.

Freilich bist Du so wenig der Tannhuser selber, wie Dein Gefhrte
der Klingsohr, sagt' er. Aber Du bist es doch, der sich vom Volke
also heien lt?

Ja, er! riefen die Anderen zumal.

Du bist es, der die alten Mren von Siegfried und den ruhmeswerthen
Helden zu sagen so wohl verstanden?

Wieder bezeugten sie, es wre Alles wahr, was der Obermeister von mir
berichtet htte.

Genug denn des Sumens! sprach der Ritter und befahl seinen
Knechten, mich zu binden und zwischen ihren Rossen von dannen zu
fhren.

Ihr, ehrsamer Meister, sagt' er zu Krummholz, zieht in Frieden heim
mit Euren Leuten; den fahrenden Spielmann will ich bei mir in
Gewahrsam halten, ihn zu richten, wie ihm nach den Rechten
kaiserlicher Majestt fr seine begangene Untugend gebhrt. Und Ihr,
noch der Schulthei, sorget nicht, da es nicht nach Strenge geschehe.
Der Brbel bringt meinen Gru! -- Euch Allen freundlichen Dienst und
des reichen Gottes Geleit!

Der Obermeister wagt' ihm nicht zu widerreden. -- Sie reichten sich
die Hnde und schieden. Der Ritter hie seine Knechte eilen und ritt
gemach voraus. Sie hatten bald meine Hnde auf den Rcken gebunden und
trieben mich zwischen sich her. Die Stdter blieben noch an der
Sttte, zu verschnaufen, ehe sie die Rckfahrt anhben. Gedenkt Eures
Verspruchs, hrt' ich noch die Gesellen zum Meister sagen, der
erwiederte: Zwar es hat ihn Keiner gegriffen, doch das Bier sollt Ihr
haben, denn heut' bleibt die Zunft noch lange zusammen!

Mit der Weile war der Abend hereingebrochen, aber er hatte den
wehenden Wind nicht zur Ruhe gebracht. Wundersam gestaltet flogen die
Wolken ber uns, den Mond verbergend und von seinem Glanze rthlich
umsumt. Schwere Tropfen schttelten die rauschenden Buchen, die den
Waldweg berhiengen, den wir eingeschlagen hatten. Er war moosig und
von Baumwurzeln behindert, die, wenn ich sie vor mir sah, Schlangen
glichen, darber hin sich windend. Schweigend zogen wir hindannen, und
ich htte gute Mue gehabt, des Weiteren ber mein Geschick
nachzudenken, und wie ich mich frder am besten verhielte. Aber ich
vermochte nicht, meinen Gedanken zu gebieten; ich war wie mir selbst
entfremdet. Ich betrachtete genau die gebrunten Angesichter der
beiden Reiter, ihre Eisenhauben, Brnnen und die Falten ihrer wehenden
Mntel. Ich horchte auf das Schnauben der Rosse, deren feuchten Odem
ich an meinen Wangen fhlte, auf das Geknirsch ihrer Gebisse, auf das
Gestampf ihrer Hufen. An das, was ich vor wenigen Stunden gethan und
erlebt hatte, gedacht' ich nicht, auch nicht, was mir ferner zu
erleiden vorhanden wre. Nur als der Mond klar durch die Wolken trat
und mir hell in's Angesicht leuchtete desselben Glanzes, den er mir so
oft durch's kleine Fenster in meine Zelle gesendet hatte, wenn ich
nicht schlafen konnte, da gedacht' ich, ob auch wohl in der weiten
Christenheit Jemand zu finden wre, der in dieser Stunde so
sorgenhaften und elenden Herzens zu ihm aufblickte, als der hier
gefangen durch die Nacht getrieben ward, und fast wie ein Schrecken
berkam's mich, da ich das selber war, Diether von Maulbronn.




Viertes Kapitel.

Auf Elzeburg.


Das Elzewsserlein fliet im Gebirge durch ein freundliches
Wiesenthal gen den Neckar. Lngs seinem Lauf ziehen sich Berge hin von
miger Hhe, fast durchaus mit Buchen und andern Laubhlzern schn
geziert. Auf einem dieser Berge, der ber seine Brder in der
Nachbarschaft stattlich hervorragte, stund die Burg, dahin ich gefhrt
ward. Sie hatte von dem Fllein, das unten vorbeirauschte, den Namen,
und hie Elzeburg. Auf ihr hausete der Reichsgraf und Bannerherr Herr
Eberhard, wie auch sein Geschlecht seit undenklichen Zeiten da
eingesessen war. Derselbe war immer unbeweibt gewesen, hatte in
jngeren Jahren mit des Kaisers Kriegsvlkern viel zu Felde gelegen in
Welschland und stund bei der Kaiserlichen Majestt nicht blo wegen
seines tapferen Muthes, sondern auch wegen seines kundigen Rathes in
hohen Ehren. Aber je lter er ward, desto weniger machte es ihm
Freude, wenn er zu Hofe reiten mute, um allda groe Welthndel zu
Recht bringen zu helfen, obwohl er gehorsamte, so oft er entboten
ward; sondern am liebsten weilte er in waldgrner Einsamkeit auf
seiner Vter Burg, ringsum in der Gegend ein hoch angesehener, wohl
auch gefrchteter Herr.

Und wahr ist's: auf ein schn Stcklein Erde blickte man von der
Elzeburg nieder, sonderlich lustsam dem Auge zur Frhlingszeit, wie
ich es sah, wo allerlei bunte Blumen den Wiesengrund zierten und das
Elzewsserlein unter hellen Weiden und an dunklen Tannen vorbei in
munteren Sprngen daher brausete. Vom Fenster des Erkerstbleins oben
im Thurm ber dem Burgthor, wo mir die Wohnung zugewiesen war, konnte
das Auge weithin ber die Berge in die Ferne schweifen, ber den
rauschenden Wipfeln der Bume den Nebelwolken zuschauen, wenn sie wie
Geister des Waldes aus dem Dickicht emporstiegen und bald sich
zusammenballten, bald auseinander stoben, oder auch mit der Weihe in
den klaren Himmel schweben und ohne Schranken sich fhlen in dem
grenzenlosen Raume.

Aber auf irgend etwas dergleichen zu achten, trug ich an jenem ersten
Abend, da ich im Stblein oben allein war, wenig Verlangen. Schweigend
hatten sie mich dahinauf gebracht und die Thr zugeschlossen. Herrn
Eberhards war ich nicht mehr ansichtig geworden. Zur Nachtkost stand
ein Imbi auf dem Tisch, aber ich mocht' ihn nicht anrhren. Und so
sa ich verdrossenen Gemths vor dem Feuer, das im Kamin des weit in
die Stube vorgebauten Schornsteins mir zur Erwrmung angezndet war.

Nach einer Weile verdro mich doch diese meine Verdrielichkeit
selbst.

Diether, so schalt ich mich, bist Du nicht bei Deinen Jahren und
bei aller Kunst und Gabe, die Du hast, ein recht bldes, hilfeloses
Kind? Nun Dir der Abt nicht befiehlt, auch Brun Dir nicht rathen kann,
so willst Du gleich am Ende sein mit Witz und Wissen? Verzehrest Dich
und grmest Dir die Stunden hinweg mit Zrnen und Murren, weil Du von
Guchen Dich hast berlisten lassen und hernach mit Dreinschlagen Dir
auch nicht hast helfen knnen! Frisch an's Werk und brauch' Deinen
Kopf, wie Du mit Gott Dir am klglichsten heraushelfest aus dieser
Noth, darein Deine Unbedachtsamkeit Dich gebracht hat!

Damit schickte ich mich an, darber zu sinnen, wie ich morgen dem
Grafen am besten begegnen mchte, wenn ich zur Verhrung vor ihm
stnde. Denn da ich solches zu gewarten htte, war mir gewi. Recht
als ob es glte, eine _chria_ fr Magister Berthold zu Stand zu bringen
mit _Protasis_, _Aetiologia_, _Amplificatio_ und _Conclusio_, legt' ich mir
eine wohlgefgte Rede zurecht, mit beweglichen Worten trefflich
geziert und mit manchem guten Sprchlein durchflochten. Und als ich
Alles und Jedes gehrig berdacht hatte, war ich damit so gar
zufrieden, da ich mich wunderte ber meine Thorheit, da ich je htte
denken knnen: es wrde mir nicht ein Leichtes sein, mich als den
Klsterling auszuweisen, der ich war, und den Fahrenden von mir zu
thun, de Kleid ich trug.

Sonderlich wohl gefiel mir die Anrede, mit der ich anzuheben
gedachte: Weislich sonder Zweifel, gndiger Herr! so wollt' ich vor
ihn treten, weislich haben die wohlerfahrenen Alten den Spruch
gethan, da keine Sache so bel gerathe, sie habe denn auch etwas
Gutes bei sich, daran der verstndige Mann sich halten knne. Das ist
auch in dieser unfrohen Aventiure mein mchtiger Trost. Denn welches
Beistandes und welcherlei Rechtfertigung sollt' ich Gekrnkter mich
nicht von Eurer Lindigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit versehen und
wie sollt' ich unter ihre Fittiche aus aller Fhrni und Verlsterung
nicht gerne geflchtet sein?

Dieser Vorspruch duchte mich trefflich gestellt und ich wiederholte
ihn ftermalen, auf da ich ja keines Wortes verfehlen mchte.

Nach solcher Hirnarbeit war mir ganz snftiglich zu Muth und schon
gedacht' ich mich zum Schlaf auf's Pfhl zu strecken, als es mir
schwer auf die Seele fiel, da ich der Gebetszeiten dieses Tages keine
gehalten und nicht einmal aus den Brevierblttern, die sie im Kloster
mir mitgegeben, den Heiligen erfragt hatte, dem der Tag zugehrte. So
konnt' ich auch seiner Frbitte nicht gewarten, dacht' ich und griff
hurtig nach dem Brustlatz, das Brevier herfrzulangen. Aber das war ja
mit dem Rock dahin und sammt des Abtes Briefen den Fahrenden zur Beute
geworden! Doch sieh'! auch die Tasche von Klingsohrs Wamse war nicht
leer. Ich zog etliche arg vergilbte Bltter daraus hervor von gutem
alten Pergamen. Sie waren zierlich beschrieben, wie man in der
Klostermue der Schreibkunst pflegt; aber da war nichts darin, womit
ein Christenmensch seiner Seele zum Heil um die Matutin oder Vesper
dem waltenden Gott und Seinen Heiligen diesen mag, sondern Geschichten
stunden darin, deren gleichen ich zuvor nie gehrt hatte noch gedacht,
da sie jemals geschrieben wren. War's Anfangs nichts als Neugierde,
die mich zu lesen trieb, so zwang mich bald die Gewalt der Dinge, die
da berichtet waren, und die Kraft der Worte, die so mit Macht das Ohr
trafen, da ich nicht ablassen konnte, weiter zu lesen. Es war da
zuerst eine Aventiure, _wie Kriemhilde troumte!_ auf die eine andere
folgte: _von Sifride wie der erzogen wart_ und endlich stund noch zu
lesen: _wie Sifrid Kriemhilde alrrste ersach_. Aber wie die letzte
Aventiure sich begab, davon erfuhr ich nichts, wenngleich ich ber dem
Lesen leichtlich die ganze Nacht versessen htte, denn das Feuer im
Kamin verlosch allgemach und der Vorrath, es zu nhren, war zu Ende.

Lange sah ich wie trumend in die verglimmende Gluth. Mir war's, als
erblickt' ich den schnellen Sigfried und die anderen Recken und she
sie auf- und niederschweben in dem emporsteigenden rthlichen Rauch.
Ich sah Alles, was ich gelesen hatte, leibhaftig und wute doch, da
kein Anderer neben mir etwas davon erblicken wrde -- nur von
Kriemhilden konnt' ich nichts ersehen, wenngleich es mir war, als ob
ich sie wohl erkennen wrde, wenn sie neben den Andern erschiene.

Als die letzte Kohle erblindete, verschwanden auch die Gesichte und
ich besann mich wieder auf mich selbst.

Hilf Himmel! rief ich da, thrichter Diether, Dich plagen wohl gar
Klingsohrs magische Knste noch! Was gehen Dich die Ritter und
Aventiuren an, der Du geistlich bist und allhier ein gefangener Vogel
in fremden Federn. Wie Du Dich wieder hinaufschwingst aus Deinem Netz
und in das Nest zurckfleuchst, das St. Bernhard Dir gebaut hat, das
la Deine Sorge sein!

Und so gieng ich zur Ruhe.

Also gethan ist des Menschen unbestndig Gemth, da auch des liebsten
Gutes Genie uns endlich verleidet wrde, wenn wir nicht unterweilen
sein entbehren mten, und wenn er immer whrte, wrde selber der
wonnigliche Mai uns verdrieen; so lacht uns auch die liebe Sonne
freudenheller nicht an vom blauen Himmelsdach, als wenn sie sich mit
ihm eine Weile hinter dichtem Regengewlk gleich wie hinter einer
grauen Wand verborgen hat. Das fhlt' ich anderen Tages nicht blo an
mir selber, sondern ich merkt's auch den Andern auf Elzeburg an, so
viel ich ihrer sah. Wie wohl war mir zu Muthe, als ich frh morgens
Thal und Hhe im lichten Sonnenschein durch's Fenster glnzen sah!
Weier, zarter Nebel dampfte aus Wiese und Wald, aber der warme Strahl
zerstreute ihn bald und kein Wlkchen stund am Himmel. So tief blau
und spiegelklar wlbte der sich ber die Erde hin, als htte er sie
voll Liebe nher zu sich emporgezogen, damit sie seiner Klarheit
besser genieen mchte; und recht voll Wonne lag sie an seiner warmen
Brust und all' die unzhligen Trpflein an Halmen und Zweigen, die in
der Sonne erfunkelten, erschienen mir wie Freudenthrnen der irdischen
Creatur, die da fhlte, die selige Zeit des vollen Frhlingssegens sei
nun gekommen.

Da solcherlei Gedanken auch durch Herrn Eberhards Seele giengen an
jenem Morgen, das, duchte mich, war ihm anzusehen, als ich in der
Frhstunde unten im Saale auf sein Erfordern vor ihn gefhrt ward. Er
sa am Fenster beim Frhstck im hohen Gesthl, gemchlich
zurckgelehnt. ber die Berge und durch das kaum belaubte Gezweig des
Nubaums, der im Burggarten nahe dem Gemuer stund, schickte die Sonne
ihren warmen Strahl in's Gemach und schaute dem Burgherrn voll in's
Angesicht. Schon stund ich eine Weile in der Thr, der Anrede harrend,
whrenddem sein Haupt noch immer mit Wohlbehagen dem Licht des jungen
Tages und der weichen Frhlingsluft zugekehrt blieb, die durch das
Fenster hereinstrmte. Endlich schien er sich zu erinnern, da er
Helmbold geboten hatte, mich vor ihn zu bringen.

Ei sieh! rief er, indem er, sich umwendend, mir winkte nher zu
kommen, Meister Tannhuser! -- Gelt, Diether! heut' lt's sich
drau' besser an fr die fahrende Kunst als im unholden Wetter
gestern, und er wies mit der Hand in die frhliche Welt hinaus. Nun
freilich, das Schweifen ist Dir fr's Erste verlegt. Und doch sei de
nicht gar zu betrbt. -- Auch auf der Elzeburg lt's sich ganz
wohlgemuth hausen, setzte er behaglich hinzu; gibt's auch hier nicht
alltag Gnsebraten, so darf Dir zwischen Zursten und Niedersitzen
doch Niemand, auch kein Waibstdter nicht, das Mahl verderben.

Jetzt, glaubt' ich, wre der rechte Augenblick gekommen, meinen Spruch
anzuheben, und so sagt' ich, recht mit der Betonung, wie in der
Rhetorica ich's gelehrt worden:

Weislich, sonder Zweifel, gndiger Herr! haben die wohlerfahrenen
Alten gesagt, da kein Ding so bel gerathe, es habe denn auch etwas
Gutes bei sich, daran der verstndige Mann sich halten knne. Dies ist
auch in dieser unfrohen Aventiure mein mchtiger Trost. Denn welches
Beistandes und welcher Rechtfertigung sollte ich Gekrnkter----

La genug sein, Diether! unterbrach mich da der Graf. Spar' Deine
Worte; sie sind Dir hier nicht von nthen. Denn Du brauchst Dich
keines bels auf Elzeburg zu befahren. Vielmehr (und hier sah er mich
ernster an) la es Dich dnken, es sei Dir wohlgerathen, da ich von
Ungefhr gezogen kam und Dich den Waibstdtern entri. Denn mein'
Treu! sie htten Dir Dein Gefiedel zu Brbel's Hochzeit bel gelohnt.
Thurm und Stock wre Dein Singerlohn gewesen. Hier bist Du allerdinge
gefangen und das mit Recht; aber, so Du Dich fgst, soll Dir Deine
Kunst hier wohl zu Danke sein.

Ach! gndiger Herr, bat ich da, wollet doch nicht dafr halten,
da, was die Stdter wider mich geredet haben, etwas Anderes als
vermaledeite Lgen seien, und lat Euch sagen, da ich ebensowenig
ihnen die Hochzeit gestrt habe, als ich gewilich kein Fahrender noch
der Singekunst kundig bin, wovon ich allsogleich Euch berfhren
werde, so Ihr mich nach Eurer Gtigkeit weiter hren wollt.

Bei Gottes Thron! fuhr Herr Eberhard da heftig auf. So gedenkst Du
noch immer durch Lugnen Dich herauszuwinden? Kein Wort mehr davon!
sag' ich. Und das ist die Meinung. Du bekennst Dich frei offen zu
Deiner Kunst und willigst ein, auch auf Elzeburg mit ihr zu dienen,
oder Du wirst noch heut' nach Waibstadt zurckgefhrt und dort acht'
ich fr gewi, wird Krummholz und sein Anhang reichlich dafr sorgen,
da Du bald ein Liedlein zu singen anhebst, aber aus einem neuen Tone
und einem gar klglichen.

Und unmuthig wandte er sein Angesicht wieder von mir ab, dem Fenster
zu.

Da merkt' ich wohl, da ich mich meiner Chria nicht lnger trsten
knnte und ihre Kraft besser unversucht liee. Darum fragt' ich ihn
blo ganz kleinmthig:

Gndiger Herr! Was ist es, das Ihr von mir nothhaftem Mann begehrt?

Nichts, erwiedert er gelassener, als worber, wenn Du gefgen
Sinnes bist, Du eitel Freude haben mut. Dieselbe Kunst, die Dich in
Noth gebracht, soll Dir auch heraushelfen. Gerade dessen begehr' ich,
was Du, dummer Mann, zum eigenen Schaden hehlen willst. Deine Mren
und Aventiuren, um die sie Dir in Waibstadt gram worden sind, sollen
auf Elzeburg Dich und Andere erfreuen.

Ach Herr, betheuerte ich und legte die rechte Hand auf die Brust,
zrnet nicht! Aber ich habe nie von keiner Mre und dergleichen zu
singen und zu sagen gewut.

Gut denn! rief er unwillig und gebot dann seinem Knecht: Fort,
Helmbold, mit ihm nach Waibstadt und zwar noch heut', sobald ich ber
ihn an den ehrsamen Rath daselbst werde geschrieben haben! Sitz bald
auf und bind' ihn an's Pferd, da er Dir nicht entwischt!

Da stund mir denn sonder Frage ein jammerhaft Geschick bevor. Aber in
dieser hchsten Noth hat, wie ich whne, meiner heiligen Patrone einer
an mich gedacht und von Gott gewirkt, da da zu eben dieser Frist die
Thr aufgieng und ein Mgdlein leichten Schrittes hereintrat, Helmbold
und auch mir zunickte und frhlich Herrn Eberhard entgegeneilte, mit
heller, munterer Stimme ihn begrend. Wie sie den Arm um seine
Schulter legte und sich zu ihm niederbeugte, ihn zu kssen, bemerkte
ich wundernd, wie goldig ihr das Haar im Sonnenstrahl um ihr Haupt
flo; und ob ich gleich ihr Angesicht nicht sehen konnte, so wut' ich
doch, wie Herr Eberhard zu ihr aufblickte, da sie die rechte
Maiensonne war, die ber die Herbst- und Winterszeit seines Lebens den
herzerquickenden Schein des Glcks und der Freude breitete.

Da ich aber glaubte, durch Gottes Fgung wre das Mgdlein gerade
jetzo hereingetreten, um meinetwillen, das geschah darum, weil bei dem
klaren Ton ihrer Stimme mir Kriemhildens wieder vor die Seele trat,
wie ich gestern sie mir vorgestellt hatte. Und siehe! da ich an das
Pergamen mit den drei Aventiuren oben gedachte, schien ich mir auch
gefunden zu haben, wie ich die mir jetzt drohende Gefahr von mir
wenden knnte. War's nur die Sorge um Krummholtzens Rache oder war's
auch zugleich etwas vom Gelust der Jugend am Seltsamen: ich beschlo,
ihnen den Willen zu thun und mich fr das auszugeben, wofr sie mich
haben wollten. In jener Stunde wenigstens duchte es mich der einzige
kluge Rath. Die Wahrheit konnten sie ja jeder Zeit erfahren, wenn sie
es mglich machten, sie ihnen beizubringen. Sie wollten sie jetzt
nicht hren, und ihre Sache war es, die Tuschung zu verantworten, zu
der sie mich zwangen. Hatte nicht auch David, der hohe Gottesheld,
sich verstellt vor dem Philisterknig aus zwingender Noth?

Und so trat ich denn, da inzwischen Helmbold schon sich bereit
gemacht hatte, mich hinwegzufhren, zgernd einen Schritt vor,
verneigte mich und sprach: Mit Verlaub, gndiger Herr, wenn Ihr denn
befehlet, so will ich nach Vermgen mit meinen Mren Euch zu Diensten
sein; allein schicket mich nur nicht gen Waibstadt, denn vor den
Stdtern grauset's mir.

Das war vernnftig geredt, sagte begtigt der Graf. Auch wr's eine
ausbndige Thorheit, schier befremdlich an einem aus dem gewitzten
Volk der fahrenden Brderschaft, wenn Du bei Deinem Starrsinn
verharret wrest. Doch ich wute wohl, da Du Dich noch darauf
besinnen wrdest, was Dir das Klgste zu thun ist. -- Und hier,
Irmela, sagte er und ergriff des Mgdleins Hand, siehe, das ist
Diether, Dein Singemeister, von dem ich Dir gesagt. Wohlan, hei ihn
willkommen und hab' wohl Acht, da Du fleiig von ihm lernest, was zu
behalten Freude macht.

Seid mir Gottwillkommen, Meister Diether, auf Elzeburg! redete mich
da das Mgdlein an und ihr freundlich Gren that mir gar wohl. Es war
mir, als gewnn' ich davon eine Freudigkeit zu dem Amt, das sie mir
aufgezwungen hatten, und sagte getrost:

Habt Dank, Jungfrulein, und seid gebeten frlieb zu nehmen mit
meiner Kunst; denn sie ist geringen Vermgens.

Da lachte Herr Eberhard laut: Ei Diether, so magst Du aus Hflichkeit
reden; aber da Du mit Mren zu wenig vermagst, darum haben die
Waibstdter Dich nicht verklagt. De also sei sorgenohne und vermeld'
uns sogleich, welcher guten Aventiure Du zuerst Dich annehmen willst,
da meine Nichte sie von Dir hre.

Ich besann mich nicht lange und antwortete: _Wie Kriemhilde troumte_,
so es Eures Gefallens ist.

Ei wohl, Diether! rief er erfreut. Das ist eine gute alte
Aventiure, und die hernach folgen, sind es auch. Ach, ich hrte sie
einst in meinen jungen Jahren oft und gern. Da stunden dergleichen
Geschichten bei Rittern und Herren in hohen Ehren und selber des
Kaisers Pfalz herbergte die Singer, die ihrer wohl konnten. Jetzt
schmt man sich ihrer zu Hof und begehrt feinerer Kunst. Ich aber lobe
und liebe mir die alte. Und wenn Du, Irmela, zur Winterszeit Deinem
alten Ohm die langen Abende mit Lesen aus alten Bchern krzest, dann
sollst Du unterweilen auch die alten Mren mich hren lassen, wie ich
einst sie vernahm, und ich wei, sie werden mich erfreuen, wie
dazumal. Sorg' nur, da Du Alles wohl aufschreibest, was und wie er
Dir's sagt! -- Und Du, Diether, merk' Dir's wohl: je frher Du mit
Deinen Aventiuren zu Ende kommst, um so blder bist Du Deines Dienstes
hier entledigt und magst ziehen, wohin Du willst.

So war ich denn zu des Mgdleins Lehrmeister gar unversehens bestellt
und wute nicht, wie mir das gerathen wrde. Denn worin ich htte
unterweisen knnen, darin durft' ich's nicht, und was ich lehren
sollte, das hatte ich selbst nicht gelernt. Doch ich trstete mich mit
meinem Pergamen und dachte, wie so manch' ein Hochgelahrter auch
nichts vermchte der Welt zu Dank, wenn er nicht allezeit seine
Weisthmer aus der Bcherei erborgen knnte.

Soll ich nun berichten, wie mir's auf Elzeburg weiter ergieng, so
wundre ich mich darber, wie doch so oft Neid getragen wird von den
Alten gegen die Jungen um der frhlichen Hoffnungen willen fr die
Zukunft, mit denen diese in trbnivoller Gegenwart sich leichtlich zu
trsten und selber ber groe Widerwrtigkeit hochgemuth sich
hinwegzuschwingen vermchten; wohingegen das Alter leider gewitzigt
worden sei, von den kommenden Tagen so wenig zu erwarten, wie die
gegenwrtigen ihm Genge gebracht haben. Dem gegenber will mich's
immer bednken, da dem Alter die Erinnerungen an entwichene Tage zu
gleicher Hilfe an der Hand sind, als der Jugend die Hoffnungen auf
bessere knftige, ja zu noch grerer. Denn unser Herrgott hat dem
menschlichen Herzen eine wundersame Kraft geschaffen, da ihm jegliche
hohe Freude oder tiefe Trbni, je weiter sie zurckweichen in die
Vergangenheit, allgemach hinaufrcken in ein stilles, sanftes Licht,
wie es nicht Sonne, nicht Mond und liebe Sterne auf die Erde zu
schicken vermgen. Sondern ich achte: es strahlt aus der Tiefe des
menschlichen Gemths, dahinein Gott es versenkt hat aus der
unsichtbaren Welt. Darum streift alles Wichtige, an das wir
zurckdenken, mit der Zeit immer mehr das irdische Wesen ab und
leuchtet endlich ber uns in keinem minderen Glanz und Schimmer, als
das noch Unerlebte, was die Hoffnung oft mit trgerischem Glanz vor
die Seele stellt. So sehen wir ja auch Gold und Purpur und alle
Farben, womit die Sonne den Himmel zu zieren vermag, erst dann in
ihrer Pracht, wenn sie selbst nicht mehr am Himmel steht, und schauen
nach dem sen Licht am liebsten, wenn der Tag hinunter ist.

Also stehen auch die lngst geschwundenen wenigen Tage, die ich auf
Elzeburg war, so oft ich ihrer gedenke, in bestndiger Gegenwart mir
vor der Seele, als gen' ich ihrer noch: der frischen Morgenluft, die
mir um's Haupt wehte und in Lebensfreude die junge Brust dehnte, wenn
ich mit Helmbold in's Thal herniederreiten durfte und in den Wald
hinein auf bethauten Wegen; des sen Duftes der Linde, unter der ich
oftmals sa im Burggarten zur Mittagszeit, wenn die Bienen darin
summten mit freudigem Gebraus, oder des Abends, wenn die Luber leise
rauschten im sanften Mondenschein. Ach, es hat Alles und Jedes seine
Spur zurckgelassen in meiner Seele und ist ihr unverloren.--

Meine Unterweisungen, mit denen ich des Burgherrn junger Nichte zu
dienen hatte, nahmen noch in den ersten Tagen ihren Anfang. Da mut'
ich hinunter in den Saal kommen und ihr gegenber niedersitzen an
einen groen Tisch, allwo sie meiner schon wartete. Sie hatte ein
groes Buch vor sich mit vielen guten Sprchen und Liedern
unterschiedlicher Singer zum Theil beschrieben. Dahinein sollten nun
auch durch Irmela meine Mren kommen, wie sie das Mgdlein von mir
hren wrde. Darum sa sie auch da zum Werk bereit, die Feder in ihrer
zierlichen Hand.

Mir war doch, da ich mich vor dem Frulein sah, nicht muthiger zu Sinn
als vor Abt Albrecht im Capitelsaal und ich fhlte, ob ich gleich
vermied sie anzuschauen, da sie mein linkisch Wesen wohl bemerkte.
Als ich nun vor mich hinsah auf den Tisch, das Buch und die Feder in
ihrer Hand und mich besann, wie ich am besten anfangen mchte, sagte
sie, indem sie die Feder trnkte und das Buch zurechtlegte, bescheiden
aber im Geringsten nicht scheu oder furchtsam:

Hebet nun an, Meister Diether, wenn's Euch geliebt, und sprechet
recht langsam jegliche Zeile mir vor, damit ich im Schreiben nicht aus
bereilung mithue, und mir die Buchstaben wohl gerathen. Denn in
diesem Buch mu Alles ohne Tadel und lblich sein. Auch mag ich viel
lieber beim Schreiben der Unmue mehr haben, als da mich darnach beim
Lesen die ungleiche und belgerathene Schrift verdriee.

Dies sagte mir das Mgdlein gar sehr nach Wunsch. Denn weil ich,
solange sie mich fr einen fahrenden Singer hielten, doch nicht gar zu
wenig Ehre einlegen wollte mit meiner Kunst, so hielt ich's fr
ungeziemend, nur aus meinem Pergamen frzulesen als der Ungebten
Einer. Daher hatt' ich, so viel ich behalten konnte, von der ersten
Aventiure gelernet. Nun war mir das freilich ja ein Trost, da mir
Zeit gegnnet ward, mich auf Jegliches wohl zu besinnen und da mein
Vorrath nicht gar zu bald zu Ende gehen sollte; denn wie ich mir
helfen mchte, sobald mein geheimes lkrglein droben, aus dem ich
schpfte, leer geworden sein wrde: de wute ich keinen Rath.

So erwiedert' ich denn: Gerne, Jungfrulein, wie Ihr gebietet.

Und danach hub ich an: Ez troumte Kriemhilden in tugenden der sie
pflac und wie ich's eben oben weiter erlernet hatte. Ich sprach ganz
bedchtiglich und, indem ich auf ihr Schreiben Acht hatte, nur immer
dann ein weiteres Wort, wenn ich sah, da sie mit dem vorhergehenden
fertig war. Ihre Sorgfalt zu betrachten, mit der sie Jegliches
bedachte, und ihren Eifer, mit dem sie die Buchstaben zog, machte mir
groe Freude, und der Flei, mit dem sie Alles recht zierlich
herzurichten trachtete, erregte auch mich, aufzumerken auf das Werk.
Und so kam es wohl, da ich zu meiner Aventiure etwas hinzuthat, was
die Niederschrift angieng: Hier setzet ab, dieses Wort rckt nher
heran, denn die Zeile wird lang und Anderes mehr. Wie sie erfand, da
mein Rath allerorten das Richtige traf, hielt sie inne im Schreiben
und fragte mich: Ihr scheinet wohl erfahren in der Schreibekunst?

Ich antwortete: Guter Lehre darin habe ich genug gehabt!

Da sah sie mich verwundert an und sagte: Das htt' ich nicht gedacht,
da Ihr Mue gefunden zu solch sitzender Kunst.

So langsam nun auch ich Kriemhildens Traum in das Buch Wort nach Wort
niedertrpfeln lie, so war ich doch nach wenigen Tagen unserer
Schulzeit damit zu Ende, und wie Ute, die Mutter, den Traum gedeutet
hat von einem Manne, den Kriemhilde zu Lieb und Leide gewinnen sollte
und wie, um Beides zu meiden, die hehre Frau immer bleiben wollte ohne
Recken-Minne, -- das war nun Alles im Buch geschrieben. O weh,
dacht' ich da, als ich meine Kanzlerin das letzte Wort niederschreiben
sah, wie willst Du bestehen, wenn Dein Kunstvorrath so schnell zu
Ende geht? Da wird Deine zweite Noth hier grer werden als die erste.
Zum Wenigsten heut nimmst Du die zweite Aventiure nicht mehr vor.

Das that auch nicht Noth, denn Irmela, wie sie das letzte Wort
geschrieben, legte die Feder weg, that das Buch zu und sagte:
Erzhlet mir doch, Meister Diether, wie das nachher sich zutrug mit
Kriemhilden und ob denn wirklich Ute sie wahr beschieden hat.

Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig; denn ich sollte das Mgdlein
einen Weg fhren, den ich selber nie gegangen war, von dem ich auch im
Geringsten die Richtung nicht wute. Ich fate mich aber und sagte:
Nein Jungfrulein, das geht nicht an. Die Geschichte ist berlang und
jegliche Aventiure mu in ihrer Ordnung unverrckt bleiben. Jetzt
folgt die _von Sifride wie der erzogen wart!_ Auch mcht' Euch das
mhevolle Schreiben verdrielich werden, wenn Ihr allbereits am Anfang
des Fortgangs und Endes kundig seid.

Da versetzte Irmela lachend: Mit Verlaub, Meister, aber Ihr irret,
wenn Ihr denket, da ich an diesen Mren so gro Gefallen habe und
heftig verlange zu wissen, was sich weiter zugetragen hat. Wollt Ihr
es noch verschweigen, so thut es immerhin. Wr's nicht um meinen Ohm,
der daran so grliche Freude hat, ich schriebe wohl Anderes in dieses
Buch. Solche Kunst mit Worten, die blo zu sagen sind, acht' ich nicht
gro; wo die Worte nach einer Weise gehen, die zu singen ist, das ist
mir die rechte Kunst. Und, Meister Diether, wenn Ihr mich von Euren
Liedern hren lieet und ich knnt' etliche, die mir zumeist gefielen,
von Euch erlernen, das wre mir lieb. Eurer Fiedel freilich seid Ihr
ledig, aber nhmet Ihr die Laute zu Eurem Singen, so wre mir das zu
grerem Nutzen: ich gb' Euch die meinige in die Hand, und ich
vertrau' wohl, da ich die Griffe Euch bald wrde nachthun knnen.

Wie sie dabei fragend und bittend mich anblickte, htt' ich sie von
Herzen gern ihres Wunsches gewhrt. Aber ich sagte blo: Die Laute zu
schlagen, bin ich gnzlich unkundig.

Nun denn, fuhr sie fort, so mgt Ihr Eure Lieder blo singen, und
wenn ich eine Weise wohl aufgefat habe, so gedenk' ich selbst die
Griffe zu finden, die sich dazu schicken. Wagt nur immer mich in Eure
Schule zu nehmen!

Da mut' ich mir mit einer List helfen:

Gerne, Jungfrulein! Aber wisset, da es wider Recht und Brauch
unserer Kunstbrderschaft ist, unsere Lieder so bar mit der Stimme
hinauszusingen, ohne da Saitenklang dazu ertnt.

Das ist ein seltsam Recht, erwiederte sie darauf verwundert, das
Ihr da aufgerichtet habt. Doch, setzte sie munter hinzu, ist's Euch
ein Ernst, mich Eurer Singekunst froh werden zu lassen, so soll Euer
Recht und Brauch weder Euch noch mir leid sein. Ich will Euch lehren
die Laute schlagen, und, de bin ich gewi, ein Meister wie Ihr, wird
bald vermgen auf ihr zu spielen zu jedem Liede, das Ihr singet. Doch
knnet Ihr wohl unterdessen von Euren Liedern etwelche mir
aufschreiben, und an denen ich Gefallen finde, das sollen die sein,
deren Weise ich hernach zuerst von Euch zu hren gedenke.

Was aber, fragt' ich, wird aus _Sifride wie der erzogen wart_ und
den Aventiuren darnach?

O, sagte sie beschwichtigend, seid de unbesorgt. Die sollen nicht
versumet werden, drfen es auch nicht, um meines Ohms willen. Aber
jedesmal, wenn wir mit ihnen ein gut Stck vorwrts gekommen sind und
es verdriet Euch nicht, so fangen wir an mit Lautespielen.

Solch' Begehren des Mgdleins war mir lieb und auch leid. Lieb war es
mir, weil ich gedachte an ihrem Spiel und Gesang Freude zu haben, leid
aber, weil ich besorgte, ich wrde nun mit meinen zwo Aventiuren um so
geschwinder am Ende sein, wenn ihr Sinn erst eifrig nach meinen
Liedern stnde, und weil ich, je gelehrigerer Schler ich ihr ward, um
so blder ihr Lehrer werden sollte. Denn wie sollte ich als der
bestehen?

Aber ungedacht gerieth mir Irmela's Singelust durch meine Malkunst zum
Heile. Denn einst, als die Stunde unseres Schulhaltens gekommen, war
ich durch Helmbold zu ihr drauen in den Garten beschieden worden. Da
waren auf grnem Rasen mit wohlgepflegten Beeten, auf denen
buntfarbige Primeln und schlanke Narzissen blhten, ein weitstiger
Apfelbaum, der stund voll rother Blthenknospen recht wie mit
unzhligen Strulein geschmckt. Im Halbkreis um diesen Baum war wie
eine grne Wand dichtes Gebsch von Flieder gezogen, der dem Ort in
der heien Jahreszeit Khlung und Schatten lieh. Dahin hatte Irmela
Tisch und Sthle bringen lassen und dort sollt' ich ihrer warten. Ein
gar lieblicher Platz war es, den sie fr unser Schulhalten ausersehen
hatte. Denn man sah ber Blumen und Rasen vorn ber die Wipfel der
Obstbume, mit denen stufenweise der sich hinabsenkende Garten des
Burghofes bepflanzt war, weit hinauf und hinab in das Thal, wie da das
Elzewsserlein bald aus dem Grn hervorblitzte, bald hinter dem Laube
der Uferbume sich verbarg, und frei konnte zugleich der Blick
hinberschauen in's Gebirg. So sa man dort uneingeengt und doch
ungesehen und heimelich.

Mit rechter Lust schaute ich in die heitere Welt hinaus, die nah und
fern so friedlich vor mir lag, und da wir unser Werk so mitten in der
Lenzlust treiben sollten, machte mich recht herzensfroh, und dem
Mgdlein wut' ich's im Stillen Dank. Da sich von ungefhr ihr Kommen
verzgerte, nahm ich das groe, schn gebundene Buch, das schon bereit
lag, in die Hand und schlug es auf. Bald fand ich die Bltter, auf
denen Lieder und Sprche der besten Singer zu lesen waren. Ich staunte
nicht wenig ber die meisterliche Kunst, mit der da in Wort und Reim
gefat war, was des Menschen Herz zumeist bewegt, und immer wieder auf
neue Weise, wie wohl die Vglein alle im Mai dieselbe Lenzwonne
singen, doch aber jedes in seiner sonderlichen Art.

Reicher Gott! dacht' ich, wie mag dir das gute Mgdlein so hohe
Kunst zutrauen und wie knnt' ich sie je erlernen; sie mu von Gott
verliehen sein.

Whrend ich so der Mue geno, sah ich auch die Feder schon bereit
liegen, und das Tintenflein stund dabei. Ich nahm sie in die Hand
und schrieb, wo Irmela zuletzt aufgehrt hatte, oben auf das nchste
Blatt in den zierlichsten Buchstaben, die ich vermochte, was nun
weiter folgte: _Von Sifride wie der erzogen wart._ Ich that zu
mehrerem Schmuck manchen Zug hinzu fein und geschwungen, wie ich's in
den besten Schriften unserer Klosterbcherei gesehen hatte. Damit war
ich noch beschftigt, als das Mgdlein herzutrat.

Noch seh' ich die schlanke Gestalt, wie sie voll kindlich
jungfrulicher Heiterkeit durch die Blumen schritt, mit Aufmerksamkeit
hie und da vor einer neu entfalteten Blthe ihrer Frhlingsbeete
stille stund oder eine schimmernde Narzisse, die sie in der Hand
hatte, gegen die Sonne hielt und in die Betrachtung des leuchtenden
Blumensterns mit dem gelb-purpurnen Kern sich versenkte. Mir war's nun
erst, als wten Laub und Blthen um mich her, wem zur Freude sie von
Gott so schn geschmckt wren, und ich gedachte, da es am Anfang
auch ein Garten gewesen, in den unser Herrgott die unschuldigen
Menschen setzte.

Ich hab' Euch harren lassen heute, sagte sie zu mir nach
freundlichem Gru, als sie vor mir stund. Aber ich denke, der Lenz
macht's heute hier auen so schn, da einem wintermden Menschen die
Weile schwerlich zu lang wird. Um so fleiiger, gebt Acht, werd' ich
Euch nun beim Schreiben sein. Doch seht, rief sie mit Verwunderung,
als sie in das Buch sah, Ihr seid nicht mig gewesen; wie kunstreich
Ihr schreiben knnt! ich whne, ein Maler vermcht's nicht besser in
eines Kaisers Brevier.

Da sagt' ich: Wenn es Euch gefllt, Jungfrulein, so knnt' ich des
Schreibens Mhe Euch wohl ersparen und mit eigner Hand die Aventiure
in's Buch bringen, so gut ich's vermag. Whrend dem knnt Ihr die
Laute spielen, und beim Schreiben wrde mir das Hren Eures Spiels
wohl ntzlich sein, da ich hernach Eurer Unterweisung desto besser zu
folgen vermag.

Nicht wegen der Mue fr mich, erwiederte sie, sondern um Eurer
preislichen Schrift willen, die ich dem Buch wohl gnne, nehm' ich
gern Euer Erbieten an.

Und so geschah's denn von dem Tag an, da ich die Feder fhrte. Weil
mir aber aus glaublicher Ursach' Eile nicht am Herzen lag und ich
zugleich das Mgdlein erfreuen wollte, so that ich all' mein Bestes an
dem Buch. Ich brauchte zur Niederschrift nicht allein Rohr und Feder,
sondern auch Pinsel und Farbe, die ich mir von Irmela erbat oder
selber nach Malergewohnheit bereitete. Was waren das fr selige
Stunden in jenen Maientagen im Garten unter dem blhenden Apfelbaum!
Frhlicher hat wohl nie Keiner Unmue gehabt, noch grere,
herzlichere Lust zu seiner Arbeit getragen. Ist es ein Wunder, da ich
der Sorge um die Zukunft, wie es weiter mit mir werden sollte, gerne
verga und, unbekmmert um den morgenden Tag, ganz nur dem heutigen
lebte und dem reinen Glck, das er mir brachte? Gieng da, mir selbst
nicht bewut, eine nderung in meinem Gemth vor sich, so konnte sie
bs nicht sein; denn nie zuvor hatte ich hhere Freude an meiner Kunst
gehabt und ernsteren Eifer auf sie gewendet, als da ich wute: ihr
Auge ruhte mit Wohlgefallen auf meinem Schaffen. Die ganze herrliche
Gotteswelt um mich her sprach deutlicher zu mir, und es war, als ob
das inwendige Vermgen meiner Seele eine neue Kraft gewonnen htte.
Heller strahlte mir die Sonne, leuchtender schien mir der Frhling,
und wie von einem Gefhl stiller aber starker Freude am Leben und
allen Werken des HErrn ward mein Gemth beschwingt. Da solches Alles
eine Folge von dem Eindruck war, den das liebliche Wesen des Mgdleins
auf mich machte, war mir nicht verborgen. In ihrer Nhe htte kein
Mensch traurig bleiben knnen oder Arges hegen! Und an der
Anhnglichkeit, mit welcher alles Ingesinde in der Burg ihr zugethan
war, konnte man die Macht der Unschuld und Gte ersehen, zumal wenn zu
ihr holde Gestalt und frhliche Jugend sich gesellt. Keiner htt' es
vermocht, sie zu betrben, und Helmbold, dem der Graf (er hatte bald
nach meiner Ankunft wieder die Burg verlassen) ihren Dienst
zugewiesen, sah das Amt, das ihm vertraut war, als seine hchste Ehre
und Freude an. Von ihm erfuhr ich, da Irmela schon in frher
Kindheit, da sie Waise geworden, von ihrem Ohm aufgenommen und zwar
fern von der groen Welt, aber mit aller Sorgfalt und Liebe
unterrichtet und erzogen wre. Alsdann betheuerte der Alte, wie mit
ihr ein neuer Tag des Glcks fr Alle, sonderlich fr den Grafen in
der abgeschiedenen Burg aufgegangen wre und wie trbselig es hergehen
wrde auf Elzeburg, wenn das Frulein einmal da nicht mehr weilte. Und
gewi ein edler Freiersmann wrde sich bald genug finden, wenn sie nur
erst hinausgefhrt sein wrde in die Welt, die sie bis jetzt nur gar
wenig gesehen.

So war denn auch sie wie ich ohne Vater und Mutter aufgewachsen und
in der engsten Umgebung, und bei aller Verschiedenheit sonst, kam doch
darin die Gestalt ihres und meines Lebens berein. Wohl gern htt' ich
ihr die Wahrheit ber mich gesagt; und da sie von mir, wenn auch
unfreiwillig, getuscht ward, that mir oftmals leid, und der Vorwurf
darber legte sich je zuweilen wie der einzige Schatten jener hellen
Maienzeit ber meine Seele. Aber ich konnt's doch nimmer ber's Herz
bringen, ihren immer sich gleich bleibenden heiteren Sinn durch eine
Mittheilung zu betrben, die sie an ihrer Arglosigkeit irre machen
mute. Zudem wr' es mir schrecklich gewesen, ihren Zorn zu tragen.
War es dennoch unrecht von mir, da ich mir den Trug, in den man mich
hineingestoen hatte, gefallen lie, ja hernach zu scheinen selber
fortfuhr, was ich nicht war: so wei ich's nicht und will's nicht
widerfechten. Gutes und Schlimmes sind durch eine tiefe Kluft von
einander geschieden, aber in des Menschen Gemth liegt oft Beides gar
nahe bei einander.

Indessen wuchs ich tglich mehr in den Singerstand hinein, dem ich
zugewiesen war; mit dem Lauteschlagen gelang es mir zu grlichem Lobe
meiner Lehrmeisterin und, wie ich fand, zu meiner eignen Freude; ja es
regte sich in mir auch die Lust, selbst ein Lied zu ersinnen nach der
Art derer, die in Irmela's Buche geschrieben stunden und eine Weise
dazu zu suchen. Doch dies that ich heimlich, damit das Mgdlein an der
Versicherung, die ich ihr, um Zeit zu gewinnen, gegeben hatte, nicht
ohne Noth irre wrde. Aber da sie ftermalen in mich drang, aus dem,
wie sie meinte, groen Vorrath meiner Kunst doch endlich ihr etliche
Probestcklein herfrzulangen, so durft' ich nicht gnzlich ungefge
sein, noch ihr Mitrauen erwecken.

Lat mich doch nun einmal die Worte eines Liedes hren, bat sie
einst, als ich Griffel und Pinsel zusammenlegte, womit ich die
Siegfrieds-Aventiure nach Krften geziert hatte, das Ihr auf Euren
Fahrten sonderlich gerne gesungen habt oder das von den Leuten Euch
zumeist Beifall eingetragen.

Da erwiedert' ich: Jungfrulein, lat mich darber sinnen und morgen
will ich Eurem Wunsch gengen, wie ich kann.

Tags darauf bracht' ich ihr, zierlich auf ein Blttlein geschrieben,
ein Lied, das ich erdacht hatte.

So giengen die Worte:

     Ein Vglein sang so wohl hienacht
     Und lockt' und rief;
     Ich hatt' des Sanges wenig Acht
     Und schlief und schlief.

     Doch mir im Traume bracht' er nah
     Ein ses Bild;
     Ach, all mein Sehnen wurde da
     Gestillt, gestillt.
     Doch es zerflo im Morgenlicht;
     In Fern und Nh'
     Irr' ich nun um und ruhe nicht
     Und sph' und sph'.--
     Mach wieder, ses Vgelein,
     Den Trumer froh:
     Wo wohnest Du, in welchem Hain,
     Ach wo, ach wo?
     Vom Suchen bin ich worden krank--
     Sag' an, sag' an:
     Wann hr' ich wieder Deinem Sang,
     Ach wann? ach wann?

Wohl, sagte sie zufrieden, als sie zu Ende gelesen hatte. Die Worte
gefallen mir, und wenn auch die Weise eben klingt, so will ich das
Lied von Euch lernen. -- Ich denke, fuhr sie fort, Ihr msset nun
bald vermgen, zu jeglichem Ton, den Ihr singet, die Laute erklingen
zu lassen. Wollt Ihr's nicht jetzt versuchen?

Als wollte sie mir Frist geben, mich besser zu besinnen, beugte sie
sich wieder zu dem Werke, das sie unter den Hnden hatte. Es war ein
kstlich Gewand, wie wohl die Leute im Gefolg eines edlen Herrn
tragen. Wie mir nun alles Besinnen nicht geholfen htte, dem Mgdlein
vorzusingen, was ich selber noch nicht vermochte, ich aber in Noth
war, was ich auf ihre Bitte erwiedern sollte, ohne ihre
Unzufriedenheit zu erregen, so fiel mein Blick auf das kunstreiche
Thun ihrer feinen Hnde. Um denn vielleicht ihre Gedanken abzulenken,
fragt' ich sie nach dem Werk, das sie da schuf, fr wen und wozu es
wohl bestimmt wre. Da sah sie mich fest an und sagte: Ja, Meister
Diether! solltet von uns Beiden nur Ihr ein Geheimni haben?

Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig, fate mich aber und fragte
mit verwunderter Miene zurck: Jungfrulein, welches?

Wie, Lehrmeister! hub sie da wieder an, Ihr whnet doch nicht, da
ich meine, Ihr habt mir damals Eures Nichtsingens wahren Grund gesagt?
Gewi, einen solchen Brauch des Singerstandes gibt es nicht und wenn
ja, warum solltet Ihr hier auf Elzeburg daran gebunden sein! Nein, mit
dem Singen, das Ihr mich nicht wollt hren lassen, hat es eine
besondere Bewandni.

Nun ja! erwiedert' ich noch immer nicht ohne Unruhe des Gemthes,
weil es doch vergeblich ist, Euch etwas vorzuwenden: da ich mit
Singen Euch nicht zu Willen gewesen bin bisher, die eigentliche
Ursach' davon hab' ich Euch verschwiegen. Doch zrnet mir darum nicht,
denn es ist nicht aus Leichtfertigkeit geschehen oder Eigensinn.

Da lachte sie in ihrer Weise, sah mich ganz frhlich an und sagte
begtigend: Seid de sorgenohne, Meister! Bin ich gleich Evens
Tochter, so gelstet's nach Eurem Geheimni mich nicht so sehr, wie
Ihr zu denken scheint, noch plagt mich irgend ein bser Argwohn. Aber
nun sagt mir zur Stunde: wann werd' ich Euch das Lied zur Laute singen
hren, das Ihr mir aufgeschrieben? Oder bindet Euch etwan ein Gelbde,
da Ihr der bung Eurer Kunst auf Elzeburg vllig widersagt habt?--
Wenn's nicht der Fall ist, Meister Diether, setzte sie hinzu und
schickte sich wieder zu ihrer Arbeit, so lat mich auf Euer Singen
nicht lnger harren, als bis Ihr das Geheimni hiervon -- sie wies auf
ihr Werk hin -- erfahren habt. Noch bleibt's Euch eines und, schlo
sie scherzend, geduldet Euch, so gut Ihr knnt.

Es war, denk' ich, nur wenige Tage nach diesem Gesprch, als wir an
der gewohnten Stelle uns wieder gegeneinander ber saen. Durchsichtig
im Strahl der hellen Junisonne leuchtete das grne Laub, das uns
berhieng, und wo es den Himmel durchlie, schimmerte er in tiefem
glnzendem Blau; um uns her blhten die ersten Rosen und mischten
ihren Duft mit dem des Flieders. Weithin lag die Welt vor uns in
ruhiger Pracht und nur zuweilen schwebte der leise Schatten einer
Wolke ber Thal und Gebirg, die selbst glnzend das Licht der
Junisonne zugleich wiederstrahlte und milderte, wie die Cherubinen die
Herrlichkeit der gttlichen Majestt abglnzen zugleich und verhllen,
deren Thron sie umgeben.

Ja, es war ber alle Gottescreatur jene friedliche und selige Ruhe
ausgebreitet, wie sie wohl ein schwacher Wiederschein sein mag des
Schpfungssabbaths am Anfang, den Gott der HErr heiligte und segnete,
da Er selber ruhte und die Morgensterne Ihn lobten und Ihm zujauchzten
alle Kinder Gottes. Nur das Gesumme der nimmer ruhenden Immen und im
Sonnenschein spielender Thierlein mit buntem Flgelkleid traf unser
Ohr und zuweilen vom Thal herauf der Ruf der Ammer, der immer so wohl
in die Sommerstille hineintnt.

Wir saen schweigend, Jeder ber seinem Werk. Doch konnt' ich's nicht
lassen, unterweilen mit Bewunderung zu ihr hinberzublicken, wie sie
gesenkten Hauptes mit kunstreichen Fingern gar emsiglich den zarten
Faden zog.

Da erscholl ganz nah aus dem Gebsch der laute Gesang der Nachtigall.
So lieblich-pltzlich ward die vorige Stille unterbrochen, da wir
Beide unwillkrlich aufsahen und lauschten. Wie mit frohem Jubel
klangen zuerst hell die Tne, danach wandelten sie sich wie in ein
dumpfes Schluchzen und verhallten endlich langsam und leise.

Schweigend sah Irmela vor sich hin, dann sagte sie nachdenklich: Wer
doch der Vogelsprache kundig wre, wie Salomo!

Vielleicht, versetzte ich, machten uns ihre Geheimnisse selten
froh.

Aber die der Nachtigall zu verstehen, meinte das Mgdlein, dnkt
mich doch ein selig Ding sein. Sie ist doch alles Gesanges Meisterin.
-- Habt Ihr auch davon gehrt, Meister Diether, da sie mit der Gewalt
ihrer Tne ihre Brut hervorlocke aus dem Ei in Licht und Leben, und
also dies Vglein selber sein Dasein der Macht des sen Gesanges
verdanke?

Wohl hab' ich davon gehrt, sagt' ich. Die Creatur Gottes ist
berall voll tiefer Wunder.

Ein Windhauch rauschte durch die Bsche und schttete die Flle weier
Fliederblthen just ber das liebe Mgdlein, so da sie vom Haupt bis
hernieder zu den Fen mit den schimmernden Sternlein bestreut ward.

Seht, rief ich da, wie sie mit Lcheln sich betrachtete, hat sich
das nicht wunderbar gefgt, und sollen wir nicht whnen: Frau
Nachtigall habe Euch gren wollen und habe die duftenden Blthen
ermahnt, ein Gleiches zu thun? Euch huldigt heute der Frhling auf's
Beste!

Nun wahrlich, sagte sie darauf heiter, wer liee solchen Schnee im
Lenz sich nicht gefallen? Er ist eine Erinnerung an den rauhen Winter,
die nimmer Wehe thut. Zu Rom, so ward mir erzhlt, haben sie eine
Kirche, die trgt von der h. Maria zum Schnee ihren Namen.
Vielleicht, Meister, mag es Euch thricht dnken: aber ich stelle mir
da die hehre Gottesmutter auch so im Blthenschnee fr, und es scheint
mir ein gar lieblich Bild.

Wie ward ich ungedacht durch solche Rede gemahnt an meine Sache! Ein
gepriesenes Bild Unsrer lieben Frau heimzubringen in's Kloster war ich
ausgezogen und auf wie andere Bahn war ich nun gerathen! Drob erschrak
ich; und doch, vermochte irgend ein Meister mir ein Bild gegenber zu
stellen, fr Sinn und Seele zu so hoher Freude der Betrachtung als
diese liebliche Gestalt des Mgdleins vor mir? War ich denn ausgesandt
nach einem hochpreislichen Gegenstand edler Kunst -- konnt' ich in der
Welt ein edler Ziel finden, als ich hier angetroffen hatte? So ergriff
mich denn der Wunsch, des Mgdleins Bild, wie ich es vor mir
erschaute, nach Vermgen fest zu halten, wr' es auch nur zu eignem
Erinnern. Denn ach! Damals fiel es mir schwerer als sonst auf das
Herz, da es von Elzeburg geschieden sein mute, und ich schon zu
lange hinausgeschoben hatte, was doch unabwendig war.

Gern war es das Mgdlein bereit, da ich mich sogleich anschickte,
wie Ort und Zeit es zulie, ihr Bildni zu entwerfen. Whrend ich mit
Stift und Pinsel geschftig war, Alles, wie ich es sah, das Mgdlein,
die Pracht des Gartens um sie her und den hellen Himmel ber ihr in
allen Treuen auf mein Papier zu bringen, pflog sie nach ihrer Art
munterer Rede. Aber mir wuchs unter meinem Thun die Herzensschwere.
Immer lauter tnte in meiner Seele der Ruf: Diether, was weilest du
noch hier, besinne dich, wer du bist, und mach dich hinweg! -- immer
drckender legte sich die Frage auf mein Gemth: wie ich
hinwegzuziehen vermgen wrde, ohne auf Elzeburg die Leute, sonderlich
Irmela, an mir irre zu machen. Ich fand da keinen Ausweg und nur das
Gefhl blieb zurck, da das Bildni, an dem ich da schaffte, den
Abschied bedeutete, den ich nehmen mute aber nicht zu sagen wagte. So
von mancherlei Gedanken bestrmt, frderte ich schweigend mein Werk
und hinter meinem eifrigen Thun suchte ich vor dem Jungfrulein meinen
sorgenhaften Sinn zu verbergen. Aber sie war wohl in meinen Mienen der
ungewohnten Traurigkeit gewahr worden, und so ward auch sie
schweigsam. Wie in stilles Wundern versunken, sah sie vor sich nieder,
wenn ich meinen Blick auf sie richtete, um ihr Conterfey zu gewinnen.
Die Nachmittagssonne war nun mehrere Stunden gen Abend gerckt, als
ich es, so weit es nthig war, vollendet hatte. Ich reichte ihr das
Bild.

So will ich ihm denn auch seine Unterschrift setzen! sagte sie,
nachdem sie es betrachtet hatte. Sie nahm den Griffel, schrieb damit
auf das Blatt und gab es mir zurck. Ich las: Irmela zum Schnee!

Ja! rief ich bewegt, so walte es der reiche Gott vom Himmel, da
nie kein andrer Schnee in die Lenzzeit Eures Lebens falle als der Euch
so mit duftenden Blthen bestreut, und unselig immer sei die Hand, die
Euch auch nur Eine zerdrckt, an der Ihr Freude habt.

So wohl mir Eures Wunsches, sagte sie ruhig. Ich denk' auch nicht,
da ich Jemand wte, von dem mir Harm kommen sollte.

Und auch von mir, Jungfrulein, sprach ich da, denket das nimmer!

Nur wenn Ihr Euren Verspruch nicht haltet von wegen des Liedes, den
Ihr mir gabt, sagte sie lachend. -- Doch nun, Meister, fuhr sie
fort, lat mich auch die Aventiure sehen, die Ihr zuletzt in das Buch
niedergeschrieben und mit Eurer Kunst geziert habt.

Sie trat zu mir herber und beugte sich ber die Bltter. Es war die
Aventiure: _Wie Sifrid Kriemhilde alrrste ersach_. Da stunden die
Worte:

     Der Held in seinem Muthe war da hocherfreut.
     Er trug in seinem Herzen Liebe sonder Leid,
     Da er der schnen Ute Tochter sollte sehn:
     Minniglicher Weise sie grte Siegfrieden schn.

     Als er die Hochgemuthe vor sich stehen sah,
     Da erglhte seine Farbe; die Schne sagte da:
     Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut.
     Da ward ihm von dem Grue wohl erhhet der Muth.

Wie sie das las, hatte von ungefhr ihre Hand die meine ber dem Buch
berhrt, ich sprte ihren Odem an meiner Wange und fhlte das Geflecht
ihrer Haare an meinem Schlaf. Aber das whrte nur einen kurzen
Augenblick; es war, als htte ich nur getrumt. Wieder stund sie vor
mir in voriger Ruhe, ihr Angesicht ein klarer Spiegel ihres schuldlos
heiteren Gemthes, nur da es mir schien, als htte sich der
Lieblichkeit ihres Wesens eine gebietende Hoheit zugesellt.

Ich mu nun eilen, Meister, sagte sie freundlich. Der Abend kommt
und schon zu lange wird man droben meiner harren.

Mit Aufmerken meiner ganzen Seele sah ich ihr nach, wie sie die
Laubgnge des Gartens dahin wandelte und die Stufen zur Burghofspforte
leichtschreitend hinanstieg. Dann erhub auch ich mich. Aber ich gieng
zgernd und langsam wie Einer, der sich zu einem Entschlu gedrngt
sieht, von dem Neigung und Wunsch ihn zurckhalten. Wie sehr diese mir
zum Bleiben auf Elzeburg riethen, so lang es gieng, und auch hinwieder
wie stark Pflicht und Treue mich hinwegmahnten, beides war mir heute
wie von ungefhr vor die Seele gehalten. Es war ein schmerzlicher
Widerstreit in ihr. Aber wagt auch eines Jnglings Muth und Wille in's
Unerreichbare die Fahrt, so war mir doch, sobald ich nur ein Wenig
mich besann, diese ganze Welt, in die mich unversehens ein Irrthum
geworfen, auf ewig verschlossen: nur unter fremdem Namen hatt' ich
hier eine Sttte und auf der weiten Erde nur +eine+ Heimath, das
Kloster, in dem ich erzogen und fr das ich bestimmt war. War es nicht
die hchste Zeit, mich dahin wieder aufzumachen und mir gengen zu
lassen wie an des Mgdleins Bilde, das ich durch eine freundliche
Fgung erlangt hatte, so am Bild all' meines Erlebnisses -- nmlich an
seiner Erinnerung?

Solches bedacht' ich oben in meinem Gemach, dahin ich mich begeben
hatte, und heute noch nahm ich mir vor von dannen zu ziehen, sollte es
auch fluchtweise geschehen mssen. Aber leider die Einsicht in das,
was uns das Beste zu thun ist, und der Wille, ihr zu folgen, bringt
nicht auch das Herz zur Ruhe, und solches sein Widersprechen, sei es
nun seiner Schwche oder seines Trotzes ein Beweis, dnkt mich des
menschlichen Elends hufigster Ursprung.

So sah ich nun mit gar trben Blicken, unterm Fensterbogen sitzend, in
das Thal und ber die Berge hin, welche die heitere Sonne mit goldnem
Dufte bekrnte. Eine Landschaft, die wir zum ersten Male erschauen,
prgt sich tief in unser Gemth, aber ich whne: tiefer noch haftet
der Anblick in der Seele, von dem uns die Ahnung sagt: er erfreut uns
zum letzten Mal. -- Zum letzten Mal! welch' tiefe Schwermuth von
solchem Wort ber unsere Seele fliet, das erfuhr ich in jener stillen
Abendstunde. Aber siehe! da gerieth mir die Kunst, die ich auf
Elzeburg von dem Mgdlein erlernt hatte zu erquicklichem Trost. Manche
Weise, die ich von ihr vernommen, schwebte mir ber die Lippen, und
ungesucht, als vernhme sie mein Ohr, kamen mir auch die Tne zu dem
Liede, das ich fr Irmela aufgeschrieben hatte.

Schon senkten sich unten ber das Wiesenthal tiefer die Schatten und
der khler von den Bergen her wehende Hauch mahnte mich an den
vergehenden Tag, und da, wenn der nchste anbrche, ich von hinnen
sein mte. Da man schon seit lange sich von mir keiner Flucht
gewahrte, so ward ich auch nicht mehr gehalten wie ein Gefangener, und
ich konnte gewi sein, da manche Stunde vergehen wrde, bevor man
sich von meinetwegen beunruhigte. Nur das Bild des Mgdleins nahm ich
zu mir und war entschlossen, nach dem Abendimbi mir eine Gelegenheit
zum unbemerkten Enteilen zu ersehen.

Da trat Helmbold in's Gemach.

Ich bin Euch, sprach er nach freundlichem Gru, ein Bringer
unerwarteter und, wie ich whne, froher Zeitung, auch komm' ich Euch
als Bote nicht mit leeren Hnden. Seht hier die Gabe, die Euch das
Frulein reichen lt zugleich als Lohn, den Euch mein Herr, der Graf,
bestimmt hat fr den Dienst, mit dem Ihr ihm zu Willen gewesen seid.

Dabei reichte er mir eben das Gewand dar, das ich Irmela hatte
zursten sehen. Wie ich's verwundert und verwirrt in Hnden hielt,
fuhr Helmbold fort: Die Zeitung ist aber diese, da Briefe gekommen
sind vom Grafen, darin er anzeigt, da er gen Speyer zieht, allda
lngere Zeit zu verweilen, und da er dabei aus besonderer Ursach
seine Nichte an den Hof des Bischofs zu fhren gedenkt. Euch nun,
Meister, will er Eurer Haft allhier entlassen haben und gibt Euch frei
-- und da Ihr Euch hinfort so schlimmen Gesellen entzieht, als die
waren, mit denen man Euch betroffen hat vor Waibstadt, brauch' er Euch
nicht zu mahnen. Wret Ihr aber des fahrenden Wesens satt, so wolle er
Euch als Schreiber in seinen Dienst nehmen, weil er ein Vertrauen zu
Euch gewonnen, und von wegen Eurer sonderlichen Kunst, mit Feder und
Schrift umzugehen, Euch ehrlich halten. -- Wenn Ihr dann, Meister,
solch' gndig Anerbieten annehmet, so sollet Ihr mit mir und etlichen
Knechten zusammen zu ihm stoen in Bretten, allwo er jetzo in
kaiserlichen Geschften weilt und Eures Dienstes sogleich brauchen
kann. Aber eiligen Auftrag hab' ich von ihm und so drfen wir nicht
sumen; noch heute mssen wir reiten. Habt Ihr doch nun nicht umsonst
von mir gelernet im Sattel sitzen.

Guter Helmbold, erwiedert' ich, es ist so; Eure Botschaft ist mir
hochwillkommen. Ich ziehe mit Euch. ber Anderes, was ich meine und
sinne, lat mich zu Euch reden, wenn wir auf der Fahrt sind.

Wohl denn, versetzte er darauf, indem er noch im Gehen auf das mir
geschenkte Gewand deutete, so macht Euch fertig; sobald der Tro
zugerstet ist, mssen wir auf sein!

Schon drang der Wiederhall der Geschftigkeit, die bald in der Burg
laut ward, in mein Ohr und mahnte auch mich zur Eile. Schnell legte
ich das Kleid an, das mir so unerwartet zum Lohne geworden war.
Darnach trieb es mich noch einmal, die Sttten der Burg zu besuchen.
Wo die Leute mich sahen, riefen sie mir gutes Wort zum Abschied zu;
denn sie hatten schon erfahren, da ich mitzge. Ich kam an die
Gartenpforte, ffnete sie und stieg die Stufen hinab. Die Sonne war
nun lang hinunter und das Dmmerlicht der Juninacht umhllte Laub und
Blthen. Ser Duft hauchte mir aus den Blumen entgegen, und die
Bltter, die ich streifte, netzten mir die Schlfe mit khlem Thau.
Ohne Widerstand zog es mich hin zur gewohnten Stelle. Dort sa ich
nieder und sah hinaus in die nchtliche Stille. Tiefer Friede wehte
mich von aller Gottes-Creatur an. Mir war es, als ob Ferne und Nhe
zusammenflssen in Eines und jegliche Creatur gerne ihre eigne
Schnheit verbrge, damit nur die Macht, Weisheit und Gte des Ewigen
verherrlicht wrde, der sie alle zu seiner Ehre geschaffen. Da
gedacht' ich daran, da es auch des Menschen bestes Theil und reinste
Seligkeit wre, fr sich nichts zu sein und zu begehren, sondern nur
ganz in Gott zu ruhn; ich gedachte daran, da fr alle Herzensfreude,
die mir je geworden, ich Ihm die Ehre schuldig wre, und da ich Ihm
gerne dienen wollte nach Seinem Willen in allem Gehorsam.

ber solchem Sinnen gewahrte ich vor mir auf dem Tisch die Laute des
Mgdleins. Aus dem Dunkel um mich her trat ihr Bild glnzend vor meine
Seele. Ich nahm die Laute zur Hand und stimmte zu ihr die Weise von
vorhin an. So wenig auch ich daran gedacht hatte, als das Lied
entstanden war, so flossen nun meine Herzensgedanken mit Wort und
Weise zusammen, und wohl von Grund der Seele klang es hinaus in die
Stille:

     Mach' wieder, ses Vgelein,
     Den Trumer froh;
     Wo wohnest Du, in welchem Hain,
     Ach wo? ach wo?
     Vom Suchen bin ich worden krank,
     Sag' an, sag' an!
     Wann hr' ich wieder Deinen Sang,
     Ach wann? ach wann?

Ja, zum Traumbild, das der Erwachte doch nicht vergit, ward Alles,
was ich hier erlebt hatte, und der wachende Trumer fhlte, es wrde
ihm nie wieder erscheinen!

Nun war der volle Mond ber das Gebirge emporgestiegen; von seinem
Licht erblichen die Sterne am wolkenlosen Himmel, aber ringsumher
erblitzten in seinem Strahl auf Blttern und Blthen viel tausend
Tropfen. So war mir hier Irmela erschienen und hatte ber meine Seele
und ber die Welt um mich her ein mildes, verklrendes Licht
gebreitet. Leise trat ich hinaus in den vollen Schein. Da vernahm ich
leichte Schritte, und dort, umglnzt vom leuchtenden Gestirn, trat sie
selbst hervor wie ein schimmerndes Traumbild. Als sie auf mich zukam,
nahte ich mich ihr mit ehrerbietigem Gru und dankte ihr fr die
reiche Gabe, mit der sie mich erfreut hatte.

Meister, sagte sie gtig, es ist nur die Antwort auf Eure Frage um
mein Geheimni. Und ob Ihr wohl Eures behalten habt, so seid Ihr doch
nun auch Eures Verspruchs ledig, denn wie er lautete, so habt Ihr auf
Euer Singen mich jetzt nicht lnger harren lassen. Ich hrte droben
Euer Lied und das eben lockte mich hierher. Wohlklingend ist die
Weise, die Ihr als die erste mir gesungen habt, doch gar traurig.

Es hat auch die letzte sein sollen, Jungfrulein! erwiedert' ich.
Ihr wit, ich scheide heut' von Elzeburg.

Aber doch nicht fr immer, fuhr sie fort. Ich denke, Ihr bleibt
fortan in meines Oheims Dienst und schon in Speyer nach wenigen Wochen
verhoff' ich Euch bei ihm zu finden; denn zum Johannisfest hat er mich
dorthin beschieden.

Wr' es aber doch vom waltenden Gott anders gefgt, sagt' ich
wieder, denn ungewi von einem Tag zum anderen ist des Menschen
Vornehmen, so vergesset, Jungfrulein, nicht meiner Bitte und denket
nimmer Arges von mir!

Da reichte sie mir die Hand und sprach: Das versprech' ich Euch,
Meister Diether! Aber ich achte, Ihr seid zu besorglich und habt wohl
noch Euer unsicher fahrend Leben im Sinn. Nein, noch manch Lied hoff'
ich Euch singen zu hren und manch frhliches.

Das walte der reiche Gott, da frohen Gesanges immer Euer Sinn
begehre! rief ich da.

Gott und Seine Engel geleiten Euch! gab sie zurck, ihre Hand lste
sich aus der meinigen und flchtigen Schrittes eilte sie durch die
Schattenwege der Pforte zu. Dort im hellen Mondenlicht sah ich sie
noch einmal sich wenden, mir den Scheidegru zu winken. Dann war ich
allein.--

Um Mitternacht brachen wir auf zur Fahrt, so viel ihrer Helmbold zur
Reise sich ausersehen hatte. Der Hof hallte wieder von den Rufen der
Scheidenden. Als wir durch das Thor ber die Brcke zogen, stie der
Thrmer in's Horn und der Gesang erscholl: In Gottes Namen fahren
wir.

Unten im Thal lie ich die Anderen hindann reiten und blieb an der
Lichtung zurck, von wo aus man die Burg droben liegen sah. Hell
erglnzten Dcher und Zinnen im Spiegellicht des Mondes. Aber wo aus
kleinem Fenster durch tiefen Schatten ein Lichtschein herniederdrang,
dahin richtete ich unverwandt meinen Blick.

Darauf lenkte ich mein Ro herum und sang leise im Weiterreiten:

     Sag' an, sag' an!
     Wann hr' ich wieder Deinen Sang,
     Ach wann? ach wann?




Fnftes Capitel.

Heimfahrt.


Unsere Reise fhrte uns ebendenselben Weg zurck, auf dem ich vor
wenigen Wochen unter vermeldeten sonderbarlichen Umstnden und wider
meinen Willen gen Elzeburg gebracht war. Kein Wunder wr's gewesen,
wenn ich das nicht bemerkt htte; denn wie gar anders sah mich heut'
die Welt an und ich sie! Aber wenn auch der liebe Mond so viel
heiterer vom wolkenlosen Himmel durch das Laubdach der Bume zu mir
herniedersah denn damals, als ich fast erschrak bei seinem Anblick,
und sein heller Schein schier lauter lichte Bilder vor meine Augen
brachte: die vom sommerlichen Nebel silbern erschimmernden Waldwiesen,
den frhlichen Zug meiner mannlichen Reisegesellen und endlich mich
selber hoch zu Ro und zierlich geschmckt: ich erkannte wohl die
Sttte meines vormaligen trbseligen Abenteuers wieder und dachte nur
bei mir selber ganz frhlich: Was gilt's, die Welt hier auen hat
seitdem Pracht angezogen und ich auch!

Weil denn nun bei mir allerdinge beschlossen war, (auch mir der
Gedanke nicht kam, es knnte nicht geschehen) in mein Kloster
heimzukehren, so berlie ich mich der stattlichen Freiheit, deren ich
hie geno, mit rechter Lust, und je ferner Elzeburg hinter uns wich,
desto mehr wich auch meine nachdenksame Schweigsamkeit, und ich
gesellte mich den Andern zu, ritt und redete mit ihnen, als wr' ich
des Dinges lngst gewohnt.

He! rief da Helmbold mir zu und lenkte sein Ro an meine Seite; das
thut mir heut' noch sanft, da wir Euch dazumal nicht haben entwischen
lassen; denn, Meister Diether, man ersieht's wohl, Euch geliebt's viel
mehr mit Graf Eberhard's Leuten hier durch den grnen Wald zu reiten,
als bei den Waibstdtern zu liegen. Und traun! uns auch. Ihr seid uns
Allen ein werther Reisegesell', und auch ein wackerer Reitersmann seid
Ihr worden.

Das bekrftigten die Anderen einmthig, und Einer sagte, solcher
Gewalt und Gefangenschaft, wie ich sie erlitten htte, wrd' er auch
nicht gram sein.

Da entstund ein Gelchter, und ich lachte auch und sagte: Mit den
Stdtern wr' ich wohl noch allein fertig worden und von der
Waibstdter Herberge frei geblieben ohne die Elzeburger.

Ja freilich, sagte Helmbold wieder, frei wie der Vogel in der Luft
und das Wild im Busch immer auf der Flucht ohne Nest und Rast!

O, erwiederte ich munter, Ihr scheltet mir mein frher Leben zur
Ungebhr; es war ganz anders, als Ihr denket und weit so elend nicht.

Hrt Ihr's? rief da Helmbold wieder. Er hat die Lust zum fahrenden
Wesen noch in den Gliedern, und gebt Acht, 's ist ihm schon leid auf
des Grafen Ro, schliche lieber zu Fu.

Hm, sagt' ich rgerlich, was nicht reitet, das gilt Euch nichts.

     Ein Mann, sitzt er nur hoch zu Pferd,
     Dnkt zwier sich mehr als Andre werth!

So ist's recht! rief da Helmbold wieder mit Lachen. Jetzt, Diether,
kommt Ihr auf Eure Kunst. Und weil sie trefflich geschickt ist, den
Weg zu krzen, so ist's billig, da wir des Singemeisters in unserer
Mitte genieen. Hebt denn an und lat uns etwas hren!

Da stimmten sie alle zu: Ja, Diether! singt uns vor und herzhaft.

Weil sie also anhielten, einen Gesang zu heischen, so that ich ihnen
den Willen und sang

     Das Lied vom Schtzen Oswald.

     Und htt' ich gegriffen ihn nicht in der Schlucht
     Mit Listen: noch wr' ich vor ihm auf der Flucht;
       Geweiht
     War dem Tode zu jeglicher Zeit,
     Was lebend sein Pfeil zum Ziel sich ersah,
       Ob fern, ob nah:
     Den Hirsch im Sprung und den Aar im Flug,
     Herr Oswald der Schtz traf ihn gut genug.

     Nun liegt er gefangen im tiefen Thurm,
     Umkrchzt von den Krhen, umheult vom Sturm,
       Und aus
     Stach ich ihm (ba schmeckt nun der Schmaus
     Und ungekrnkt trag' ich die Grafenkron')
       Die Augen zum Hohn;
     Graf Otto ruft's laut. Ich sag's Euch mit Fug,
     Herr Oswald der Schtze traf gut genug.

     Und der Graf ruft wieder, da Wahrheit dies:
     Auf, holt mir den Schtzen hervor vom Verlie!
       Wohlan!
     Herr Oswald, du blinder Mann,
     Deine Augen zwar sind Dir nun nimmer zu Dank,
     Doch das Ohr merkt den Klang.
     Nun hab' mir wohl Acht, wie ich schlage den Krug,
     Ziel', Oswald, und schie und triff gut genug!

     Und Oswald lauscht, wo der Klang herkam,
     Er lauscht auch, woher er die Stimme vernahm.
       Die Hand,
     Schon hat sie den Bogen gespannt--
     Hui, schwirrt von der Sehne der Pfeil durch den Saal!
     Mit Geschrei sinkt zu Thal
     Graf Otto, getroffen in's Herz. 'S war kein Trug,
     Weh, Oswald du Schtze, trafst gut genug!

Als ich geendet hatte, bezeugten sie Alle: Ja, das wr' ein tapfer
Lied! und den Snger lobten sie ausbndig und sagten auch dabei, es
wre doch eine auserwhlte Kunst, der ich gedienet htte.

Unter so gethaner Kurzweil gieng die Nacht bald herum und weil wir
auch im Reiten nicht la gewesen waren, so hatten wir, als wir frh
das Morgenlied anstimmten: Der Tag vertreibt die finstre Nacht,
schon manch' gute Meile hinter uns. Den Tag ber, der sehr hei ward,
hielten wir Rast, und erst mit der Abendkhle saen wir wieder auf.
Alle aus dem Tro sahen mich an als einen der Ihren und ich hielt mich
auch so. Zwar dacht' ich ftermalen, mich Helmbolden zu offenbaren und
gefgen Abschied von ihnen zu nehmen, wie ich mir solches zu thun auch
von Anfang der Reise an vorgesetzt hatte. Aber es war immer, als
knnt' ich den Weg zu solchem Gestndni gegen ihn nicht finden, und
eh' ich mich's versah, war er oder ein Anderer mit einer Scherzrede
dazwischen, auf welche ich dann auch (der frohe Muth trieb mich dazu)
die scherzende Antwort nicht schuldig blieb. Und so sah ich's denn zum
zweiten Mal licht Morgen werden, als ich zwar Albrecht's Abtei ein
erheblich Theil nher war denn Tage zuvor, aber dafr noch ebenso fest
auf des Grafen Pferd sa und so dicht unter seine Leute gemengt, da
ich schier selber nicht wute, wie ich mir heraushelfen sollte und
beinah' wnschte, es sprengte uns wieder unversehens eine Aventiure
auseinander, wie vormals den fahrenden Leuten und mir geschehen war.

Aber dergleichen begab sich nichts, und weil wir just wieder durch
dichten Wald ritten, den ich von Brun's Begleitung her wohl wieder
erkannte, so gedacht' ich hier, da es doch einmal geschehen mte,
mich von ihnen zu reien und fr's Erste zu Brun zu entfliehen. Ich
ersphte mir also die Gelegenheit und ritt, als geschh' es von
Ungefhr, dem Tro eine gute Strecke voraus, wo der Weg sich krmmte,
bis ich vor ihrer Aller Augen entschwunden war. Da sa ich eilend ab,
band mein Ro an den Ast des nchsten Baumes und sprang flugs waldein,
wo Gebsch und Gezweig am dichtesten mich verbargen. Zuvor aber hatte
ich unvermerkt an den Sattelknopf meines Thieres ein Blttlein
geheftet, darauf mein Abschiedsspruch zu lesen stund:

     Nicht weiter folgt Euch Diether mehr,
     Und sang
     Er je, trugt Ihr darnach Begehr,
     Zu Dank,
     So forschet nicht--
     Dieweil er schied
     Mit Weh--
     Wohin?
     Ihn ruft die Pflicht,
     Ernst klingt das Lied:
     Ade;
     Fahr' hin!

Es mochte gegen Mittag sein, als ich auf verschlungenen Waldpfaden
endlich in die Schlucht gelangt war, von der ich wute, da von da St.
Wigbert's Kirchlein nicht fern wre. Wie war ich froh, da sich die
Halde vor mir aufthat und die beblmte Wiese mit dem muntern
Bergwsserlein, und mir von drben das Ziel meiner Flucht
entgegenwinkte. Wohl klopfte mein Herz strker, je nher ich die Hhe
zur Klause hinanstieg, und die Unruhe meines Gemths wuchs in der
Erwartung, welcherlei Weise mich Brun empfangen wrde, wenn er zuerst
meiner ansichtig werden wrde in dieser Umwandlung. Darum hielt ich
mir selbst recht eifrig seine freundliche Zusage vor die Seele, mit
der er von mir schied, da er all'zeit mit willigem Herzen mich
aufnehmen wolle, und was er sonst Liebreiches damals zu mir gesprochen
hatte.

Und so schritt ich getrost der Klause zu. Aber wie erschrak ich, als
ich pltzlich hinter dichtem Gerank von Waldreben und Geisblatt, das
sich der Alte seitwrts seiner Behausung zu einer Sommerlaube zurecht
gezogen hatte, seine Stimme hrte, laut und fast heftig wie von
Jemand, dem die Einsamkeit das Reden mit sich selbst zur Gewohnheit
gemacht hat.

Wohl gesprochen, St. Augustine! _Pereant omnia et dimittantur haec
vana et inania! conferamus nos ad solam inquisitionem veritatis! Vita
haec misera, mors incerta_.[A]

[Funote A: Hinweg mit all' diesen eitlen und leeren Dingen! Die
Wahrheit allein lat uns suchen. Dies Leben ist elend, die Todesstunde
ungewi.]

Hilf Gott! sagt' ich da zu mir selbst mit Bangen, ich hre mein
Urtheil; wie werd' ich vor ihm besteh'n, wenn er so gemuthet ist! Und
zgernd schritt ich vorwrts, whrend er fortfuhr lateinisch zu reden,
wie vorhin.

Als ich seiner ansichtig ward, sa er tiefgebckt ber ein groes
Buch, darin er eifrig las, als straft' und vermahnt' er daraus sich
selbst. Ich stund beinah' vor ihm und noch immer hatt' er mein Kommen
nicht wahrgenommen. Endlich wagt' ich's und sprach, aber zaghaft kam
es heraus:

Gelobt sei Jesus Christus!

In Ewigkeit, Amen, fuhr er fort und hielt mit seinem Finger die
Stelle im Buche fest, bei der ich ihn unterbrochen hatte. Dann erst
sah er auf.

Wie! rief er da mit hchstem Erstaunen, und schob das Buch zur
Seite. Du, Diether? Du selbst? Bist Du's wirklich? Dich seh' ich
wieder und in solchem Aufzug! Treibst Du Mummenschanz mitten zur
Sommerzeit; oder bist Du so bald bezaubert, der Du Dich so sicher
duchtest, als ich Dich warnte?

Und wie zierlich der Knabe aussieht, fuhr er fort, nachdem er mich
wieder und wieder betrachtet, ein Herzog knnt' sich mit Dir sehen
lassen, so er Dich in seinem Gefolg' htte, und mit Dir zu Hofe ziehn.
Aber nicht zu mir, Diether, mut Du als ein solcher kommen, wenn Du
gelobt sein willst.

Streng sah er mich an, und dennoch war mir's, als htt' er ein
Wohlgefallen an mir.

Ihr thut mir Unrecht, Brun, sagt' ich da, und trat ihm einen Schritt
nher, Ihr thut mir zur Wahrheit Unrecht, wenn Ihr whnet, ich komme
im bermuth zu Euch und zeige mich Euch in diesem hfischen Kleide,
weil ich bethrt sei von der Welt Eitelkeit. Sondern gedenket, wie Ihr
einst selbst Eure Klause mit des Erzvaters No Arche verglichet, da
Ihr mir Verirrtem eine Rast hier schufet vor des Wetters Ungestm.
Heut' gleich' ich dem Tublein, das drauen nirgend haften kann, mehr
denn damals, und bitte, schleut vor dem Flchtigen Euer Fenster nicht
zu!

Aber, sagte der Alte hinwieder mit einem scharfen Blick auf mich,
Du hast das Ansehen nicht, als htte Dir die Welt bei Deinem ersten
Ausflug bel gelohnt und reute Dich der Dank, der Dir von ihr
geworden.

O, Brun! versetzte ich darauf. Vergnnt mir nur bei Euch wenige
Tage zu weilen und mich zu bergen; ein Anderes begehr' ich nicht. Und
wenn ich Euch werde berichtet haben, was mir begegnet ist, so werdet
Ihr selbst erkennen, wie ich aus Noth in dieses Kleid gekommen bin und
nicht aus Frwitz, und Ihr werdet mir heim helfen, wohin mein Sinn
steht, in's Kloster.

Wie? fragt' er mit Staunen. In's Kloster begehrst Du zurck?

Ja, ich! betheuert' ich; heim gen Maulbronn.

Nun, Diether! sprach da Brun, derweil er aufstund und sich
anschickte, mich in seine Htte zu geleiten. Traun! Seltsames mu
sich zugetragen haben, oder Du bist in Deinen Jahren gewitzigter als
Viele, wenn in so wenigen Wochen die Welt Dich Unerfahrenen auf ihren
Kloben pfeifen konnte, aber nicht lnger Dich festhalten, und Du schon
gelernt hast, ihres Wesens berdrssig zu sein. Manch' Einer lernt's
mit grauen Haaren kaum! Doch komm und pflege Dein! Du sollst mir
hernach erzhlen. Und vor wem Du Dich auch zu bergen hast, sorge Dich
nicht. St. Wigbert's Schutz ist gut, wem der einmal zugesagt worden
ist.

So war ich denn den Tag ber in seiner Klause, und sanft that mir da
die Ruh. Mein Wirth trug auf's Beste Sorge fr mich und sphte
fleiig, ob sich Jemand nahte. Aber den Waldpfad entlang ward nichts
sichtbar, als etwa ein Wild, das zum sen der Lichtung zuschritt aus
dem Dickicht; und auer durch das Geschrei des Hhers oder der Weihe
droben in der blauen Luft und den Gesang der Waldvgel aus dem
Erlengebsch am Bach und dessen Rauschen ward die Stille der
Einsamkeit durch Nichts unterbrochen.

ber das, was mit mir vorgegangen, vermied Brun jede Frage. Aber als
der Abend hereingekommen war und der Alte droben zur Vesper gelutet
hatte, rief er mich hinaus und fhrte mich in seine Sommerlaube. Dort
hie er mich erzhlen, was ich erlebt htte, seit ich von ihm gezogen
wre. Da berichtete ich die Aventiure mit den zween Fahrenden, und wie
ich durch sie um Klosterkleid und Briefe gekommen; ich schilderte
meinen Strau mit den Stdtern, wie sie an mich wollten und ich mich
ihrer erwehrte, ich erzhlte auch darnach von Elzeburg, wie ich wre
dahin gebracht worden, wie sie mich fr einen fahrenden Singemeister
gehalten htten und wie ich zuletzt mir anders nicht Rath's gewut,
als von der Heerstrae hier zu ihm zu entweichen, da ich bei ihm, so
viel es Noth wre, stille lge und darnach ungesumt heimkehrte, woher
ich ausgesandt.

Als so mit der Erzhlung mein Gemth all' den Dingen nachgieng, wie
sie sich zugetragen, wurden sie selbst in meiner Seele wieder
lebendig, als erlebt' ich sie zum zweiten Male. So trachtete ich denn
auch darnach, was ich zu schildern hatte, mit rechtem Nachdruck meinem
Zuhrer frzustellen. Der, merkt' ich wohl, hatte so Seltsames zu
hren sich nicht versehen, und so bezeugt' er mit Blick und Gebrde,
welchen Antheil er am Erzhlen nhme und am Erzhler. Ja, ich
berichtete Alles, nur Eines, ich war mir selber nicht wissend, welche
Scheu mich davon abhielt, verschwieg ich ihm. Ich sagt' ihm nichts von
Irmela und meinem Schulhalten, sondern nur, wie ich htte mssen die
Aventiure von Sifride niederschreiben fr Herrn Eberhard. Da Brun den
Namen des Grafen zum ersten Mal vernahm und den seiner Burg, so
horcht' er auf, schien es mir, aber er sagte nichts.

Als ich zu Ende war, sah er mich noch eine Weile schweigend an und wie
mit prfendem Aufmerken, und wieder wundert' ich mich, wie milden
Glanzes seine Augen blicken konnten, die doch zu Zeiten so gewaltig
ernst und strenge, ja finster hinter den Brauen hervorsahen, die sie
tief berdeckten.

Diether, hub er darnach an, Du bist unverbrchlich dem Kloster
zugesprochen?

Seine Frage kam mir unerwartet und es geschah wohl mit gar
zweifelhafter Miene, da ich zu ihm aufblickte.

Bescheide mich immer, sagte er ruhig weiter, was Du von Deinem
Verlbni weit.

Nur das, erwiedert' ich, da man mir immer gesagt hat, wie ich noch
gar jung als hilfeloser Findling vom Abt um Gottes Willen aufgenommen
und zuerst zu Leuten, die des Klosters eigen waren, ausgethan worden
sei. Hernach bin ich zu den Brdern gekommen und fr St. Bernhard's
Orden ausersehen, dem ich auch, wie sie mir sagen, nach heiligen
canonischen Rechten versprochen bin.

Wohlan, Diether! sagte Brun wieder, ich merke wohl, Du bist durch
Gottes Walten ohne Dein Wollen und Zuthun von Deiner Bahn gelenkt.
Danke dem reichen Christ, da Du so geschwind Dich auf den Weg
zurckgefunden hast, der Dir der vertraute ist von Kindesbeinen an.
Dank ihm auch dafr, da Du, so wechselsvoll diese Fahrt fr Dich
gewesen ist, dennoch in Deinem Sinnen und Meinen nicht ein Anderer
worden bist, denn zuvor. Aber begehre nie ein Mehreres von der Welt zu
sehen! Bist Du jetzt noch unbetrogen geblieben und ungeblendet, so hat
sie wohl andere Larven, die noch ser lcheln, aber die Hlle hinter
sich haben. Darum, Jngling, zeuch zurck in Deinen Frieden, und ich
will Dir wohl dazu helfen. -- Sollte sich's aber, fuhr er fort,
anders befinden, als ich halte, und Du hegst ein heimlich Verlangen
zurck in das Wesen, dem Du entronnen bist, und Dein waglicher Sinn
ist Dir erweckt, o Diether, so vertrau' auch dann Dich mir an und
hehle mir nichts!

Wohl fhlt' ich die Rthe mir in's Angesicht steigen bei solchen
Worten. Denn sie erinnerten mich an das, was ich ihm schon jetzt
verschwiegen hatte, und ich mute gedenken, wie leichtlich seine Worte
anders lauten wrden, htt' ich ihm Alles erzhlt. Um so mehr gieng
mir seine redliche Art zu Herzen, und dankerfllt wagt' ich's, seine
Hand zu fassen, und sagte, indem ich sie kte: Da sei Gott fr,
Brun! da ich so mit frevlem Sinn hinwegtrachte aus dem heiligen
Stand, in den ich berufen bin, und Euer treues Mahnen vergesse.

So wohl Dir, Diether! sagte da der Alte wieder, hielt mit einer Hand
die meine fest und legte die andere mir auf's Haupt. So wohl Dir,
wenn Du Dein Leben lang vor dem schwersten Streit bewahrt bleibst, dem
mit Dir selber. Denn in seinem eignen Herzen hegt der Mensch seinen
schlimmsten Feind. Er ist bermchtig und in allen Listen geschickt.
Weh' dem Manne, der ihn erst aufgeregt hat! Bittere Schmerzen sind des
berwundenen Theil. Wohl erwhlen sich die Meisten unter den
Menschenkindern, lieber nachher zu ben, als vorher dem Streit aus
dem Wege zu gehen. Sie achten's fr leichter, aber der ble Teufel
betrgt sie darin allzumal.

Wohl hrt' ich's am Klang seiner Worte, da er mit sonderlicher
Bewegung seines Gemthes redete, und als wir nun aus dem Dunkel der
Laube hinaustraten, zeigte mir ein Blick in sein gefurchtes Angesicht,
da er da mir von Schmerzen gesagt hatte, die ihm selber wohl bekannt
waren.

Alles war still ringsum. Nur das leise Gesumme der um die duftenden
Blthen des Geisblattes schwirrenden Schmetterlinge nahebei und von
unten her das Rauschen des Wassers vernahm unser Ohr. Drben streifte
das letzte Roth die Bergesspitzen, und ber die Wiese senkte sich
braune Dmmerung, whrend droben die ersten Sterne erglommen, wie
Augen der seligen Engel Gottes sich aufschlagen, in denen die
Herrlichkeit seiner Schpfung sich schner wiederspiegelt.

Schweigend versenkte ich meinen Blick in die wonnesame Ruhe. Und auch
Brun stand ohne Regung und schaute hinaus, als eilten seine Blicke dem
schwindenden Lichte des Tages nach.

Noch hielt er mich bei der Hand. Als nach kurzer Weile der letzte
Abendschein von den Gipfeln der Berge verschwunden war, wandte er sich
zu mir.

Diether! sprach er, la uns selbander hinangehen, dem Bergwasser
nach. Nicht lange, so geht drben der Mond auf, denn schon hellt sich
dort ber den Bumen der Himmel. Ich weile gern in seinem Licht auf
der Hhe, wenn unten das Thal im Schatten liegt. Und er zeigte
hinauf.

Mit Freuden folgt' ich ihm, und wir stiegen den Pfad hart am Bach
hinan, der bald in Sprngen von Gestein zu Gestein sich
hindurchzwngte, bald sanfter dahinglitt. Da ward zwischen uns wenig
geredet. Vielleicht waren von vorhin die Gedanken noch zu lebendig in
Brun's Seele. Und auch ich hatte meine Betrachtung. Ich gedachte, wenn
ich ber mir zu den Sternen emporblickte: wie sie bestndig in ihrer
ersten Pracht scheinen unverndert, so oft nur die Wolkendecken sich
vor ihnen hinwegthun; wie ich's dagegen nun erfahren, da ber das
menschliche Gemth sich Schatten legen, von denen es nimmer geneset,
und dann trat vor meine Seele der Garten, den jetzt dieselbe gestirnte
Nacht umfieng, und ich wnschte, sie, die mich dort zum letzten Mal
gegrt hatte, mchte niemals weniger heiter zu den Lichtern droben
hinaufblicken, als diese zur Stunde hernieder zu ihr.

Rauher ward unser Weg, von manchem Felsblock behindert und so von Baum
und Gestrpp beschattet, da ohne des Alten Fhrung mein Fu nicht
vermocht htte, weiter zu dringen. Aber der leitete mich sicher bei
der Hand und zog mich ihm nach. So klommen wir empor, bis wir zu einer
moosigen Felsplatte kamen, von wo der Ausblick frei war in die
Waldeinsamkeit ringsum. Hier sah man weithin die Zge des Gebirges mit
endlosen Waldungen, gleich Wellen eines dunklen Meeres fern und ferner
sich dehnend, und unter uns das Kirchlein mit Brun's Clause und tiefer
das Wiesenthal. Alles lag da vor uns ausgebreitet im Dmmer der
Sommernacht. Da stieg drben der Mond hinter den Bergen hervor und
erhellte die Hhe, die wir erstiegen hatten.

La uns hier, sagte Brun, indem er sich setzte, und mich einlud zu
thun wie er, la uns hier der Betrachtung pflegen und dazu das
Silentium halten! Ort und Stunde sind geschickt dazu.

Nach diesen Worten verharrt' er schweigend und blickte in die Tiefe
vor uns hinunter, als stiegen von dort Gestalten zu ihm auf, dicht vor
seine Seele hin; je zuweilen wandt' er sein Haupt und fuhr mit der
Hand ber Stirn und Angesicht, als begehrte er sie nicht lnger zu
schauen und sprche zu ihnen: Vorber, vorber!

Wie er so, als mich duchte, geschlossenen Auges da sa, im vollen
Mondlicht regungslos, und nur unterweilen im Hauche der Nacht sein
Barthaar sich bewegte, so mut' ich denken beim Anblick der mchtigen
Felsblcke umher, die durch eine Riesenhand hier zersprengt und
verstreut zu sein schienen: Er wie diese Steine, jetzt so friedlich
beglnzt vom sanften Mondlicht -- von welchen Strmen und Ungewittern,
die ber sie ergangen, knnten sie wohl berichten!

Immer tiefer inde sanken unter uns die Schatten und immer hher
rckte der Bergeshang in den Glanz, der uns umflo. Es war, als wollt'
er hienacht mit seinen Strahlen zwischen Farn- und Baumgezweig manche
feuchte Kluft besuchen, die sonst im ewigen Dunkel lag.

Da ich so dieses Spieles des freundlichen Lichts gewahrte, wie es
emsig immer weiter seine gldnen Fden zog, siehe! da blitzte mir
etwas aus einer Hhlung nicht weit von uns entgegen, darin das
Mondenlicht sich hell und heller spiegelte, als htt' es einen
unverhofften Fund gethan und wollte den mir mit Freuden zeigen.

Es waren nur wenige Schritte dahin und die Neugier trieb mich
hinzugehen. Ein glden Ringlein lag da am wohlbeschirmten Ort und
seltsam beigesellt dicht neben eine Eidechse, als htte sie des
Schatzes zu hten. Da ich nher zusah, merkt' ich, sie war todt und
ihre Vorderfe hatte sie gekreuzt ber ihrer Brust. Ich wute wohl,
da Solches die Art dieser Thierlein ist, wenn sie gestorben sind,
aber es duchte mich, als waltete hier mehr als ein Ungefhr, und Ring
und Thier wren Hter +eines+ Geheimnisses.

Der Ausruf des Erstaunens, der mir entfuhr, ob dem unerwarteten
Anblick, weckte den Alten aus seinen Trumen. Auf seine Frage, was es
gbe, brachte ich den Ring herbei und sagte ihm von der Eidechse hart
daneben, und wie es mir geschienen htte, als wre dieser Hort ihr und
sie knnte nicht von ihm lassen auch im Tode nicht, und htt' an ihm
eine groe Schuld auf sich; darum lge sie da so ausgestreckt mit
gekreuzten Armen gleich einer armen Seele, die Bue thut.

Mit Hast griff Brun nach dem Ringe und hielt ihn prfend gegen das
Mondenlicht.

Joconda! rief er dann und ein Seufzer aus tiefstem Herzen gesellte
sich zu dem Namen. Ach, und nie wird die arme Seele genug ben um
Deinetwillen!

Euer Gemth ist in groe Bewegung gebracht durch den Ring, sagt' ich
und trat zu ihm.

Wohl, Diether! erwiedert' er, nachdem er eine Weile schweigend vor
sich hin gesehen, wei ich um dies Kleinod. Frage nicht, wie ich's
erfahren. Besser vielleicht bliebe die Geschichte von ihm so jungen
Ohren verschwiegen; aber da das Licht dieser Mondnacht durch Dich
diesen Reif herwiedergebracht hat, sollst Du hren, wie sie sich
zutrug, und dann gedenk' auch Du in heil'gen Stunden der armen Seele,
von der Du sagtest, und bitte Gott im Himmel fr sie, da ihre Bue
recht gethan sei und ihm wohlgefalle!

Wieder schwieg er eine kurze Weile. Dann winkt' er mir, mich zu ihm zu
setzen, und hub also an zu erzhlen.


     Die Geschichte, so Brun Diethern erzhlte.

Es ist manches Jahr her, Diether, da lagen in Welschland deutsche
Kriegsvlker vor der Stadt Bologna. Aber sie konnten sie nicht
gewinnen, ob sie gleich die Stadt berannten und mit Einschlieung
lange und hart ngstigten. Da mehrte sich die Erbitterung tglich auf
beiden Seiten, und wer wei, wieviel Jammers und Elends da noch
zugefgt und erlitten wre, wenn gttlicher Wille es nicht gndig
abgewendet htte. Denn die deutschen Herren, so das Heer fhrten,
hielten es endlich aus trefflichen Ursachen fr wohlgerathener, die
entstandene Fehde gtlich zu vertragen. Und so ward denn den Stdtern
entboten, da sie, was Leute hohen Ansehens und klugen Raths wren,
aus den Ihren verordneten, damit man sich miteinander der Sachen
annhme, wie sie beizulegen.

Unter den deutschen Rittern, die da den Herren, wenn sie zur
Berathung zusammenkamen drauen im Lager oder drinnen in der Stadt, zu
Schutz und Beistand zugesellt wurden, war Einer, den Jedermann solcher
Ehre vor Andern fr wrdig auserkannte. Bruno war sein Name, er hatte
in allen Dingen, die dem Manne wohl stehen, den ersten Preis. Er war
edler Gestalt und reichen Gutes; sein Wuchs war hoch und sein Ansehen
stattlich und gebietend; sein Arm eben so tapfer zu streiten, wie sein
Geist hell und auch, wo es schwierige Entscheidung galt, das Richtige
zu treffen, geschwind. Dazu hatte er die sonderliche Gabe, die
Gemther der Menschen, welche er wollte, fr sich zu gewinnen und die
Vorzge, die ihn zierten, so zu brauchen, da sie in Andern nur
Bewunderung schufen und Freude ihrer mitzugenieen, und Willigkeit ihm
zu dienen. Darum war's kein Wunder, da Bruno sich der Macht bewut
war, die er ber die Menschen hatte, noch, da er ihrer brauchte. Sein
hochfliegender Geist war es nicht anders gewohnt, als da seines
Gleichen sich ihm unterordnete. In so hohen Ehren und von jedem Glck,
dessen er begehrte, umgeben, war Bruno bis an den Mittag seines Lebens
gekommen. Aber gewohnt, Alles, wonach ihm sein Trachten stund, wie
spielend und nur zur bung seiner berlegenen Kraft zu erreichen,
glnzte sein Angesicht noch im ungedmpften Feuer der ersten Jugend.

Doch, Diether, all' diese hohen Vorzge waren ihm verliehen, nur um in
seinem Herzen die schlimmsten Krfte gro zu ziehen, ihm selber
unbewut, ihm zur Unseligkeit und Andern. In so langen Jahren des
Gelingens seiner Plne und der aus seinem Thun wachsenden Ehre war er
sicher geworden, da recht wre, was ihm gut duchte, und whrend er
Andere berieth und leitete, wachte er nicht ber seine eigenen
Wnsche.

Die Zeit kam, ihn auf die Probe zu stellen, Diether! und Du wirst
sehen: er bestund die Probe nicht.

Unter den Edlen Bologna's war Einer auserlesen vor Allen. Wie die
Sonne am Frhlingstage heraustritt aus den Thoren des Morgenroths,
ihren Lauf zu beginnen mit Freuden, so schritt Guido, noch prangend im
Thau der ersten Jugend, die Bahn der Ehre und des ruhmvollen Thuns
hinan. Ihn konnte Niemand sehen, ohne ihn zu lieben. Und nur wenige
Male hatten Bruno und Guido bei den Berathungen, die zum Frieden
helfen sollten, sich gegenbergestanden, als der deutsche Mann mit
sonderlichem Wohlgefallen sich hingezogen fhlte zum welschen
Jngling. Der aber war ihm bald mit der vollen Hingabe seines
jugendlich entflammten Herzens zugethan, und wiewohl die Beiden in
dem, worber sie zu rathschlagen hatten, sich nur als Feinde
betrachten durften, so sah Bruno doch, wie der Jngling mit
zunehmendem Eifer sich jegliche Gelegenheit zu freundschaftlicher
Zwiesprach erlas und wie er zu ihm aufsah, als dem Manne erfahrener
Ehre und erwiesen in jeder edlen ritterlichen Tugend. Solches sah
Bruno mit Freuden, und was er vermochte, des Jnglings Herz an sich zu
fesseln und sein Vertrauen zu gewinnen, davon unterlie er nichts,
denn er liebte ihn. Schneren Bund sah man wohl selten, als da diese
Freundschaft erblhte zwischen den Beiden, gleichwie eine Blume sich
aufthut, lieblich im rauhen Nordsturm, und wenn, nachdem man Raths
gepflogen, Guido an Bruno's Seite durch Bologna's Straen schritt, ihn
zu geleiten, so blieben wohl die Leute stehen, die vorbergiengen, und
sahen mit Bewunderung den Beiden nach.

Nicht lange, so erbat sich Guido vom Rath die Gunst, Bruno in sein
Haus zu fhren, und weil er Brgschaft leistete und die Hoffnung auf
nahen Vergleich und Frieden sich mehrte, so ward ihm solches
verwilligt. Er wohnte im weiten Palast allein mit seiner Schwester.
Seinem Schutz hatten die Eltern, die beide unlange an der Pest
gestorben waren, Joconda bergeben. Treuerer brderlicher Hut ward nie
eine Schwester anvertraut, als die Liebe war, mit welcher Guido ber
Joconda wachte, und wie zwei nachbarliche Pflanzen einem Licht
entgegenwachsen, gepflegt von einer Hand und genhrt von einer Quelle,
so waren diese Geschwister. Oft schon hatte Guido zu Bruno von seiner
Schwester gesprochen, und wenn er ihrer gedachte, leuchtete sein Auge
von brderlichem Stolz. Ja, Alles was von ser Zrtlichkeit und
Weichheit in der Seele des Jnglings wohnte, ward mit +einem+ Namen
gerufen, mit dem Namen: Joconda. Von ihr hatte er Bruno auch gesagt,
da sie aus Verabredung beider Vter mit einem Jnglinge zu Pisa
verlobt wre, und da, wenn ruhige Zeiten wiederkehrten, auf die
Hochzeit gedacht werden sollte.

Vornehmlich also, da Bruno seine Schwester sehen mchte und sie ihn,
den Freund, den er sich gewonnen, fhrte Guido diesen in seines Vaters
Haus. O, wre es doch nimmer geschehen, Diether! Oder wre einer von
den Blitzen, die an jenem Abend bei Bruno's Rckkehr aus der Stadt vom
Himmel flammten, auf ihn herniedergezuckt! Freundlich war zwar das
Gren, das zwischen dem Freunde des Bruders und der Schwester
geschah, aber unsglich Weh und groen Jammer hatte es hinter sich.
Und htte Guido bei jenem ersten Gru das sanfte Errthen im Angesicht
seiner Schwester und in Bruno's das frohe Erstaunen ber ihre groe
Schnheit besser verstanden, frwahr, er htte sich nicht, wie er
that, des Anblicks im brderlichen Stolz gefreut, sondern ganz andere,
schreckliche Weissagung darin erkannt.

Von Stund an war Bruno's Sinn von heftiger Liebe zu Joconda erfllt
und allein darauf gerichtet, ihre Liebe sich zu gewinnen. Klugheit,
Ehre und Treue riefen ihm zu, abzulassen und nicht zu begehren, was
Gott ihm versagte. Denn heilig war Guido die Pflicht, dem Verlobten
die Schwester zu erhalten. Aber ein Sturzbach wre mit einem Strohhalm
eher aufzuhalten gewesen, als Bruno's Gemth mit allen Einreden der
Pflicht und des Gewissens vom Trachten nach dem, wovon es jetzt einzig
entflammt war. Nun erst duchte er sich ein Ziel gefunden zu haben,
werth, all' seine Krfte daran zu setzen, und wie er sich der Gewalt
der Leidenschaft, die ihn beseelte, ganz berlie, so zeigte auch
Liebe, die Zauberin, Alles, was er in ihrem Dienste that oder dachte,
in einem hellen, reizenden Lichte, aber die dunklen Abgrnde seines
Herzens, aus denen sein Trachten hervorgieng, lie sie ihn nicht
sehen; ja jeglich Hinderni und jegliche Gefahr, welche auf dieser
seiner Bahn ihn bedrohte, steigerte nur mehr seinen verwegenen Muth.

Ohne Arg trat Joconda dem Freunde ihres Bruders gegenber und voll
heiteren Vertrauens. Aus Wahrheit ihres Herzens stimmte sie in Guido's
Lob, wenn er Bruno's Tugend lobte, und wie sie immer sorgloser seinem
Worte lauschte und seines Kommens immer gewohnter ward, so ward sie
von der sen Macht der Liebe bezwungen wie unvermerkt, und da sie das
Geheimni ihres Herzens von dem Einzigen errathen sah und solches aus
Scheu ihrem Bruder verschwieg, da hub sich allererst auch ihre
Mitschuld an. Und von Stund an ward sie glcklich, als schwebt' ihr
Herz in Wonne, durch Bruno's Liebe, die dem Fluge des Adlers glich,
ber alle Hhen sich schwingend -- und elend zugleich. Die Heimlichkeit
ihres Bundes und seine bestndige Gefahr trieben ihr gengstet Herz
nur um so mehr, sich Bruno zu vertrauen und seiner Fhrung, dessen
Zuversicht und Khnheit nur zu wachsen schien wie eines seines Auges
und seiner Hand sicheren Steuermanns, wenn er das Schiff durch tosende
Brandung lenkt.

Bald kamen sie heimlich zusammen zu ser Zwiesprach. Wohl wute
Bruno, da er damit wider Ehre und Treue den Freund betrog, aber er
achtete es nicht und fuhr fort, den Arglosen zu tuschen.

Und wenn er wute, sie harrte seiner, so galt ihm Nichts die Bedrohung
der feindlichen Wchter an den Thoren und ihr Gescho, sondern
vermummt in der Dmmerung schlich er hindurch bis unter die Hallen der
Palste und harrte seiner lieben Trauten.

Da hrte ihr Ohr manch ses Wort, wenn er kam, und manch heien
Schwur, wenn er von ihr schied, und die Todesgefahr, in der er
schwebte um ihretwillen und die er verlachte, drngte ihr Herz immer
nher an seines.

O! wohl mag der Jngling sich hten, wenn starke Leidenschaft ihn
beseelt, da ihr Wirbel sein leicht erregtes Herz nicht berwltigt
und sein Lebensschifflein rettungslos in die Brandung reit. Doch wehe
dem gereiften Manne, wenn die Liebe seines Herzens ihn von Pflicht und
Ehre scheiden! Er mu seinen Wnschen ganz entsagen oder er fllt der
finstern Macht anheim, die alle seine Tugenden verzehrt und alle seine
Krfte in ihren Dienst nimmt, um ihn und durch ihn zu verderben.

So, Diether, ward Bruno's Liebe verderblich fr Joconda, fr Guido,
fr ihn selbst!

Schuldvoll war diese Liebe schon mit ihrer ersten zarten Regung und
fluchvoll mute sie endigen. Ihr stand kein Engel gttlichen Heiles
und gttlichen Schutzes zur Seite.

Die Fehde ward vertragen, der Friede geschlossen.

Just am Tage der Fastnacht ward er feierlich verkndigt. Die Thore
der Stadt wurden aufgethan und unter dem Gelute der Glocken erscholl
der Ruf der Freude von Deutschen und Welschen wie aus einem Munde. Da
berlie sich Jeglicher mit ganzem Herzen dem frohen Gefhle der
wieder erlangten Sicherheit, und die, so sich bis dahin so hart
befehdet hatten, zogen in munterem Gedrnge verbrdert durch die
Straen der befreiten Stadt, und weil man so lange in Furcht gelebt
und der Freude entbehrt hatte, so war auf diesen Tag die Stadt zu
ausgelassener Lustbarkeit gerstet. Da man Gott gedienet hatte und das
Tedeum in der Kirche St. Petronii verklungen war, wurde auf dem
Rathhause von den Herren Bologna's den edelsten unter den Rittern eine
stattliche Bewirthung gethan, inde das Volk auen auf Straen und
Pltzen seine Kurzweil hatte. Zum Abend sollte die Stadt, wie es in
Welschland Brauch ist an Freudentagen, mit Fackeln und bunten Lichtern
erleuchtet und zu Ehren der Fastnacht Schimpfspiel und Mummenschanz
gehalten werden. Da nicht etwan von den Stdtern den Deutschen,
welche hineinkamen, ein bel geschhe, hatte der Rath jegliche
Strung des Friedens mit Todesstrafe bedroht; so war auch den
Deutschen verboten, die in der Stadt weilen wollten, an dem Tage
Waffen oder Wehre zu tragen.

So war da auf Aller Angesicht Freude und Jubel. Vor Andern erschienen
Bruno und Guido hochbeglckt, da sie sich trafen an der Kirchthr, als
man die heilige Messe gelesen. Droben im Festsaal saen sie bei
einander und wie stolz schien Guido, allen den Herren es zeigen zu
knnen, welchen Freund er sich gewonnen habe! Und wahrlich! Bruno ward
da als ein Muster ritterlicher Tugend und hfischer Sitte auserkannt.
So edel war sein Wesen, so zierlich und klug seine Rede, da Jedermann
im Saal auf ihn achtete.

Treue und Freundschaft auf ewig! rief ihm Guido zu, als man wieder
die Becher gefllt hatte und ergriff seine Hand.

So sei es! that ihm der Angeredete Bescheid und schlug ein: Treue
und Freundschaft auf ewig!

Und indem sie sich mit den Augen zuwinkten, setzten sie die Becher an
die Lippen.

Halt! rief da Guido, dessen Herz vor Freude berwallte. Harre noch,
Bruder, ehe Du trinkest den Trunk der Treue; es gilt noch ein Wort:
Joconda!

Und Bruno hrte dieses Wort, Diether, und er las seine Bedeutung in
der Seele des Jnglings, der es aussprach, aber er zgerte nicht und
rief den Namen auch und trank den Becher bis zur Neige.

Ward ihm denn die Frucht des Weinstocks nicht zum Feuer in seinen
Gebeinen, da er diesen Becher dem Bruder zutrank, den er an diesem
Tage so treulos zu betrgen entschlossen war? Erstarb ihm nicht jener
holde Name auf den Lippen, den er in einem Athem mit dem Bruder
auszusprechen wagte, obwohl er wute, da er damit schndlich log?

Aber Bruno's Angesicht blieb heiter wie zuvor und kein Laut seines
Mundes verrieth das Vorhaben, von dem sein Herz jetzt einzig erfllt
war.

Als die Bewirthung zu Ende war, und man das Rathhaus verlie, gab er
vor, wegen nthiger Geschfte hinaus in's Lager zu mssen, und mit
trglichem Wort ward er eins mit Guido, da er ihn dort an bestimmter
Stelle aufsuchen mchte gegen Abend, dann selbander in die Stadt
zurckzukehren, das Fest zu beschauen und an der Lust des Volkes Theil
zu nehmen. So trennten sich die Beiden.

Bruno hatte einen Waffengenossen, der ihm in Allem ergeben war.

Adelbert wute um Bruno's Liebe; er wute auch, da heute die Flucht
geschehen sollte, und gerne war er bereit, dazu zu helfen. Die Stadt
Bologna hat ein Thor, das ist vor andern klein, und Wenige ziehen
hindurch. Die Straen, die dahin fhren, sind gar enge und einsam, so
auch die Landstrae, wenn man das Thor hinter sich hat. Das duchte
ihnen am sichersten da hindurch zu entkommen. Weil an dem Tage auch
unter den Rittern und Fuknechten einer auf den andern wenig Acht
hatte, denn nach der langen Belagerung berlie sich Jedermann der
ungewohnten Lust, und keiner mignnte sie ihm, so ward verabredet,
da Adelbert mit Rossen und einem Huflein Knechten, wenn es wrde
vllig dunkel geworden sein, nach dem Thor S. Rocco aufbrechen und
allda seiner harren sollte.

Zur selben Stunde barg der tiefste Schatten eines Pfeilers der Kirche
des heiligen Petronius Bruno's vermummte Gestalt. Er hatte sich
angethan, als einer, der an der Lustbarkeit theilnehmen wollte, und
auch sein Angesicht war verlarvt. Er drckte sich hart an's Gemuer
und regte sich nicht. Mit Eifer forschte sein Auge durch das Dunkel,
und so Schritte sich nahten, schlug sein Herz strker, inde sein Ohr
ohne Aufhren auf das Getn der Orgel und die Stimme des Priesters
drinnen in der Kirche lauschte, wo man die Vesper sang. Aber seine
Seele war da fern vom Verlangen nach Gott. Sie war nur bei der, die er
jetzt drinnen im Gotteshause wute und mit der er eins geworden war,
heut zu entfliehen. Hier von dieser Stelle aus sollte es geschehen.

Der heilige Dienst war zu Ende. Hunderte giengen an dem Harrenden
vorber, ohne sein zu achten, aber als jetzt zgernd und mit kaum
hrbaren Schritten eine verhllte Gestalt sich nahte, so bewegte auch
er sich wie mit freudigem Schreck ihr einen Schritt entgegen.

Als er leise ihren Namen nannte und sie mit heier Inbrunst umschlang,
fhlte er, wie sie zitterte, und da sie nach kurzem Geflster jetzt
hinaustraten und das Licht festlich erhellter Huser ihr Angesicht
traf, so fiel es ihm auf, wie bleich es war und wie schn. Der Stolz
und das Glck, solch ein Weib sich gewonnen zu haben, sthlte seinen
Muth und sein Vertrauen zu sich; sein Gang war so sicher und sorglos,
als suchte er keine andere Frhlichkeit als die, welcher die Menge
nachgieng, die an ihnen vorber wogte. Manchen neckischen Zuruf mute
er hren, wie man dergleichen treibt zu solchen Zeiten; er erwiederte
jeden Scherz mit Lachen und beschleunigte seine Schritte.

Schon hatten sie die Straen, die am meisten belebt und am hellsten
erleuchtet waren, hinter sich; durch die engen Gassen, die heute noch
stiller waren denn sonst, kamen sie dem Roccothore nher. Bruno
migte Joconda zu lieb seine Eile, denn nachdem sie bis dahin
unerkannt und unaufgehalten geblieben, war er keiner Hinderung ferner
gewrtig.

Da, als sie in die letzte Gasse einlenkten, die zum Thore fhrte,
that sich unweit von ihnen die Thr eines Hauses auf, und hervor kam
lrmend eine Schaar Vermummter mit Fackeln und Windlichtern als
solche, die auch noch zum Feste ziehen wollten. Der Ort, da die
Flchtigen an ihnen vorber muten, war gar enge und so geriethen die
beiden in die helle Beleuchtung ihrer Lichter. Alsbald ward Bruno von
dem Kecksten unter ihnen angeredet.

Eure Dame, Freund, rief er, wird's Euch wenig danken, da Ihr sie
so frh hinwegfhrt vom Fest, das schnen Frauen so vieles zu schauen
gibt.

Kehrt um und kommt mit uns! riefen die Anderen da und umringten die
Beiden, als wollten sie in ihre Mitte sie nehmen.

Da Bruno ihrer nicht achtete und ohne sich aufzuhalten weiter schritt,
so ward dadurch der bermuth der trunkenen Gesellen nur noch mehr
erregt.

Das macht: er ist eiferschtig, Nicolo! sagte wieder einer, und
mignnt Bologna den Anblick seiner Schnen.

Er hat wohl Grund dazu, erwiederte der Angeredete, wenn das
Angesicht der Dame hlt, was ihre reizende Gestalt verspricht.

O, hebt den Schleier! riefen sie, und hatten das Ansehen, als
wollten sie Joconda nher treten.

Wie die Erschreckte sich dichter an ihren Begleiter anschmiegte, so
stie der mit gewaltiger Faust den, der sich zumeist herangedrngt
hatte, zu Boden, und ein deutscher Fluch entfuhr seinen Lippen, indem
er durch die nun wieder geffnete Bahn weiter schritt. Einen
Augenblick waren die Zudringlichen zurckgewichen, aber die berzahl
und das Gelage, von dem sie kamen, machte sie khn, und mit dem Ruf:
Wie! die deutsche Bestie will uns schlagen und wider ergangenes
Gesetz beleidigen? drngten sie sich auf's neue heran und vertraten
den Weg.

Da reckte sich Bruno in die Hhe und drohend rief er, da es laut
erscholl: Ha, ihr welschen Hunde, wem sein Leben lieb ist, der lasse
uns hindurch! Und es wrde ihn wohl keiner aufgehalten haben, wenn er
allein gewesen wre, aber, wie er die Zitternde an seinem Arme fhlte,
so stund er unschlssig, ob er jetzt das uerste thun sollte seinen
Gegnern gegenber, die fortfuhren, durch Toben und Schreien sich Muth
zu machen. Inzwischen war vom entstandenen Gelrme die Strae an
beiden Seiten in Aufruhr gebracht. Lichter erschienen, Fenster und
Thren wurden aufgethan und eine Menge Neugieriger strmte herbei.

Da sah Bruno den Augenblick hchster Noth gekommen; whrend rings um
ihn das Wuthgeschrei wider den Deutschen die Luft erfllte, umfate er
fest Joconda, entschlossen, sich mit Gewalt hindurchzuschlagen. Aber
das wre sonder Zweifel Beider Verderben gewesen, wenn nicht da vom
Thor aus Rettung gekommen wre. Denn da dort Adelbert und seine Leute,
die mit Eifer nach dem Wege suchten, von dem Bruno zu ihnen stoen
sollte, nun hrten, wie sich von da Geschrei erhub und vernahmen den
Ruf wider den Deutschen, so drangen sie eilend in die Stadt hinein.
Sie sprengten unter das Gedrnge, und unter ihren Hieben rechts und
links stoben die Welschen auseinander. Die nun Bruno bedrngten, wie
sie das neue Getmmel hinter sich hrten und die streitbaren Stimmen
der Deutschen, wandten sie sich, die Meisten, um zu entfliehen,
Etliche, um sich zur Wehre zu setzen. Da gewannen die beiden
Flchtigen, auf die nun Keiner mehr Acht hatte, Raum, und froh der
ihnen ungedacht gewordenen Hlfe eilte Bruno dem Thore zu.

Wohl wankten Joconda's Schritte an seiner Seite, aber er wies sie hin
auf die Nhe ihres Zieles, und die Hoffnung belebte ihre sinkende
Kraft. Nun traten sie unter den Bogen des Thores. Aus dem dichten
Dunkel, das da herrschte, sah Bruno's scharfes Auge, wie von drauen
eine Gestalt ihnen entgegenschritt. Als sie zum Thore hinaus traten,
gieng diese Gestalt hart an ihnen vorber in das Dunkel des Thores,
das die Beiden eben hinter sich lieen.

Eilig waren die Schritte der sich Begegnenden, und der Abendhimmel,
wenn auch vom Mondenlicht erhellt, war regentrb; so konnte Bruno das
Angesicht des an ihm Vorbergehenden nur einen Augenblick sehen. Er
hatte nicht Acht darauf, denn sein Gemth war auf Anderes gerichtet,
und doch war es ihm, als htte er in diese Augen schon geblickt.
Verstummte da nicht pltzlich der Hall der im Thorbogen drhnenden
Schritte hinter ihm? Als er zurcksah im Weiterschreiten, stund, so
schien es ihm, im Thor noch immer die Gestalt, als she sie ihm nach.

Etwa hundert Schritt vom Thor am Wege war eine vorlngst verfallene
Kapelle. Allda sollte Adelbert mit den Rossen und Knechten halten.

Als Bruno dort Niemand fand, denn sie waren Alle, da der Streit sich
in der Stadt erhoben, von da gewichen, so rief er laut das Wort, bei
dem sie unter einander bereingekommen waren sich zu erkennen, wie man
pflegt, wenn man zu Felde liegt. Alsbald erscholl die Antwort nher
vom Thor her und Bruno gedachte da die Rosse zu finden. Er wandte sich
also zurck und lie inde Joconda an der Kapelle. Da er unweit dem
Thore war und auch schon den Tritt der Rosse hrte, die herzu gebracht
wurden, sah er wieder dieselbe Gestalt von vorhin im Schatten des
Thores und noch an derselben Stelle und wieder war's, als suchte sie
nach ihm. Da zerri eine Wolke und das Mondenlicht ergo sich hell.
Wie es mit voller Klarheit Bruno beleuchtete, der hier auen vor der
Stadt die Larve von seinem Angesicht gethan hatte, drang an sein Ohr
aus dem Dunkel des Thores ein Aufschrei, den er nimmer vergessen hat;
es war ein Schrei des heftigsten Zornes und auch der unsglichsten
Trauer. Und mit diesem Aufschrei lste sich die Gestalt aus der
Finsterni der Beschattung, darin sie bis jetzt geharrt, und strzte
ungestm auf Bruno zu, der eilend sich den Rossen nherte, welche
jetzt ihm zugefhrt wurden. Er wandte sich und sah in des Anstrmenden
Angesicht. Nicht lnger als bis man eins zhlt, sah er hinein. Aber er
ward von einem Blick getroffen, der so gethan war, da vor ihm ein
Teufel aus der untersten Hlle htte zur Umkehr oder der hehrste der
heiligen Engel zu Fall und Verstockung gebracht werden knnen.
Bruno! hrte er sich rufen. Aber er sagte nichts und packte mit
mchtigem Griff den sich zwischen ihn und die Rosse Drngenden. Da hub
sich ein Arm gegen ihn und ein Dolch blitzte im Mondlicht. Doch im Nu
hatte Bruno den Stahl der Hand entwunden, die ihn fhrte, und stie
ihn tief in seines Gegners Brust. Schwester! rief der mit
versagender Stimme und brach lautlos zusammen.

Starr stund Bruno, in der Hand die Waffe, mit welcher der tdtliche
Streich geschehen war.

Die Mahnung der Knechte, sich zu eilen, und ihr Ruf, da das Frulein
kme, brachte ihn zu sich.

Geschwind verhllte Bruno des Erschlagenen Angesicht, und als Joconda
neben ihm stund und zitternd auf die klaffende Wunde deutete, da sagte
er. Es galt mein Leben und das Gelingen unserer Flucht, Joconda, oder
seines. -- Hinweg, hinweg!

Doch auch seine Stimme bebte und war tonlos, und er fhlte eine eisige
Klte in seinem Gebein.

Hinweg, hinweg! riefen da wieder die Knechte und vom Thor her hrte
man Getmmel.

Noch wenige Augenblicke, und die hurtigen Rosse trugen die Fliehenden
auf verschlungenen Wegen durch die Nacht. Bald hatten sie die Stadt
weit hinter sich. Aber Bruno war's noch immer, als schlge das Brausen
der emprten Volksmenge laut und lauter an sein Ohr und wrden die
Sturmglocken gezogen und ihre ehernen Stimmen riefen vernehmlicher und
immer vernehmlicher: Mord, Mord!

Es ist nicht noth, Diether, Dir von den Tagen zu berichten, die nun
folgten, welcherlei sie gewesen sind fr die Beiden: Tage der Flucht,
Gefahr und Noth.

Bologna's Rath und Volk forderte Rache fr den Friedensbruch und die
Blutthat. Bruno's Leben ward in ihre Hand gegeben, er ward all' seiner
Gter beraubt und schlagen durft' ihn, wer ihn fnde. Mit groem
Verlangen trachtete er darum aus Welschland hinweg und auch weil er
keine Ruhe fand unter dem Himmel dort und die welsche Zunge Pein schuf
seinen Ohren; wenn er nur erst wieder deutsche Tannen ershe und
deutschen Laut vernhme, whnte er, wrde sein Gemth sich entledigter
fhlen und frei. Unter groen Mhseligkeiten ward die Flucht gethan.
Aber endlich kamen sie an in deutschem Lande und fanden Rast und
Bergung auf der Burg Adelberts. Allda gedachte Bruno zu harren, ob
etwa der Sache Rath wrde und seine Freunde fr ihn Gnade erwirkten
beim Kaiser. Aber als der Sommer herum war, gelangte Zeitung an ihn,
da das Urtheil wider ihn besttiget und all' sein Lehn vom
kaiserlichen Vogt eingenommen wre. Da zeigte es sich, was die treue
Liebe eines Weibes vermag. Joconda schien nur das Ungemach zu fhlen,
was Bruno bereitet war; ja sie theilte seine Sorgen, als trge sie den
greren Theil der Schuld daran, und ber das eigene Elend lie sie
nie eine Klage laut werden. Da ward seine Seele durch solche Geduld
mchtig ermuthigt und durch ihre Zuversicht, darin sie nicht wankte,
da bessere Tage nahe wren. Aber so oft sie ihre Rede zu ihrem Bruder
hinkehrte, was wohl tglich geschah, und dabei gedachte, wie gewilich
sie hoffte, er wrde ihr noch verzeihen; und wenn sie dann fragte, ob
von ihm noch keine Kunde gekommen: dann trat vor Bruno's Seele
jedesmal das blutige Bild des Erschlagenen und jenes Wort ward wieder
laut in seinem Herzen, das die Sturmglocken Bologna's ihm nachgerufen
hatten in der Nacht, da die Flucht geschah. -- Dann wandte er sich und
sein Blick ward finster und immer finsterer, je beweglicher sein Weib
ihm Trost zusprach; denn sie whnte, das sehnende Verlangen der
Freundschaft nach Guido und ihr heimliches Entfliehen beschwerte ihm
den Muth also. Bruno aber, wie oft er's auch beschlossen hatte, und
wie gewi er erkannte, da es einmal geschehen mte, gewann das Herz
nicht, ihr zu sagen von Guido's Tod.

So kam der Herbst heran, und wie den Beiden der gute Bote noch immer
verzog, so wollte Joconda nicht lnger leiden, da Bruno ferner in
trger Ruhe seine Tage verse und allein fremder Hlfe harrete. Wenn
er selber sein Vermgen brauchte, so wrd' es nicht vergeblich sein;
oder warum sollte fr ihn kein Mitleid vorhanden sein, der bis dahin
so werth gehalten worden und dessen Ritterdienste dem Kaiser selber
nicht unbekannt geblieben. Und weil zu der Zeit ihnen Kunde geworden
war, da die Majestt zu Costnitz Hof hielt, so lag Joconda ihrem
Gemahl mit vielen Bitten an, dahin zu ziehen, als Bittender seine
Sache zu betreiben, Shne zu bieten und Gnade zu suchen. Es war schier
ihm eine Bufahrt, die da ihm zu thun vorhanden war, und schwer ward
es ihm, den stolzgewohnten Sinn dahin zu kehren. Denn er mute ohne
Geleit ziehen und verhohlen, da es nicht schiene, als gedchte er
sich wider das Urtheil mit Gewalt zu setzen, das ihm gesprochen war.
Sein Weib wollte nicht von ihm weichen in keiner Fhrni und Noth und
zog mit ihm. Das geschah ihr zum Leide. Denn da sie auf dem Wege
waren, kam ihre Stunde. In groen Schmerzen gelangte sie, von Bruno
gefhrt, in eine Hhle, die sie da ersphten, denn sie wanderten im
Waldgebirg. Allda genas sie eines Sohnes. Als Bruno mit Weh und Wonne
das feine Knblein in seinen Armen hielt, da hatte es ein Mal,
gestaltet wie eine blutende Wunde. Er erschrack des Anblickes, doch
sagt' er nichts.

Wie gro nun die Noth in jener Hhle war, lt sich leicht ermessen,
und Bruno, da er sah, da er ihm und den Seinen anstatt Honigs lauter
Gallen erlesen hatte, hub an, seinem Leben feind zu werden. Der Frst
der Hllenschlnde sandte ihm einen bsen Geist des Unmuths und der
Ungeduld.

Da ward auch Joconda ihm nicht mehr zum lichten Engel, das Banner der
Hoffnung, des Heils und der Ehre ihm frzutragen. Selber im Elend zu
sein und im Ungemach auszuharren ohne Murren, hatte sie ihr hoher Sinn
gelehrt und ihre starke Herzensliebe; aber da sie das Kind, das sie
gewonnen, in gleiches Weh verschlungen sah, verzagte sie, und gegen
die mtterlichen Sorgen aufrecht zu bleiben, gebrach ihr die Kraft. Da
hrt Bruno sie oft, ber ihr Kind gebeugt, weinen und desselben
jammerhaftes Loos beklagen. Dann trat er nicht hinzu, ihr Trost zu
sagen mit liebem Wort, sondern er wandte sich hinweg mrrisch, da sie
vor ihm ihren Jammer ausliee, der wohl gleich sehr zu klagen htte
oder mehr. Und einst in solcher Stunde, da sie ihres Bruders gedachte,
und wie er ihrer Noth sich gewilich erbarmen wrde, da murmelte er,
die Hoffnung auf Guido wre verloren.

Joconda sah ihn fragend an.

Der Todte, dessen Anblick vor Bologna's Thor Dich erschreckte -- hub
er an, und finster waren seine Brauen zusammengezogen, da er redete.

War mein Bruder? schrie sie auf.

Bruno nickte und sah zur Erde.

Und Deine Hand war's, die ihn schlug? keuchte sie schwer athmend und
richtete sich hoch empor.

Die Liebe zu Dir bezwang mich also, da ich's that, sagt' er, dster
blickend wie vorhin.

So Fluch Deiner Liebe! hrt' er sie rufen, und schrecklich klang
ihre Stimme. -- Fluch Deiner Liebe, Fluch jeder Augenweide, damit ich
geschmckt war, sie zu wecken, und Fluch jeglichem Wort und Lcheln,
dadurch das hllische Band sich knpfte!

Halt ein, Joconda! rief Bruno entsetzt. Du fluchst Dir und unserem
Kinde dort.

Da war sie mit einem Sprunge hin zum schlafenden Knaben, ri ihn vom
Lager und umschlang ihn fest mit ihren Armen. So stund sie drohend,
der Lwin gleich, die ihr Junges vertheidigt. Nimmer soll dies Kind,
das Deine Blutthat mit dem Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat,
Dich mit dem sen Vatersnamen rufen lernen, den Du mit Trug und Mord
Dir erschlichen; und zuvor mssest Du mich erschlagen wie meinen
Bruder, ehe Deine Mrderhnde je wieder den Knaben berhren oder
mich.

Er wagte nicht, sich ihr zu nhern, noch Antwort zu geben auf ihre
wilden Worte; ihre Blicke schienen ihm wie Blitze, da er nicht zu ihr
aufzusehen vermochte. Aber flehend streckte er seine Arme aus nach
ihr.

Da strzte sie, als litte ein Grauen sie nicht mehr nahe bei ihm, ehe
er's hindern konnte, an ihm vorbei hinaus in die Wildni.

Als er mit Schrecken ihr nacheilte und sie mit Namen rief, wandte sie
sich und rief: Wag's, mir zu folgen, so wird der Abgrund hier zu
meinen Fen mich und das Kind zerschellen.

Und er zweifelte nicht, wie er sie sah, da sie thun wrde nach ihren
Worten. -- Als ob eine neue Kraft ihr verliehen wre, klomm sie
behende, dem gescheuchten Wilde gleich, den Bergeshang hinan, und
droben auf vorspringendem Felsgestein sah sie noch einmal hernieder,
bog ihr Haupt, das wirr das schwarze Haar, vom Winde aufgelst,
umwehte, zurck und reckte ihren Arm abwehrend gegen den Genossen
ihrer Schuld. Dann hub sie das Kind, das sie trug, hoch gegen den
Himmel und war verschwunden.--

Bruno hat Tage und Nchte nach ihr gesucht, gerufen, geweint; aber nur
die Felsenwnde hallten ihren Namen zurck. Er hat sie nie wieder
gesehen, noch erfahren, ob die Beiden in der Einde des Gebirgs
verschmachtet oder den wilden Thieren des Waldes zum Raub geworden
sind, oder ob die Mutter sich und ihrem Kinde eine Ruhstatt gefunden
hat. Da hat auch Bruno seinen Namen erlschen lassen im Gedchtni der
Menschen und fr sein Theil erkannt, sich ganz zu Gott zu gesinden und
sein Herz zur Bue zu kehren, da er der Hlle im Tode entfliehen
mchte.

Die Hhle aber nieden St. Wigbert's Kirchlein mit der Klause, darin
jetzt ich hause, Diether, die ist's, darin sich zutrug, was ich Dir
erzhlte, und hier auf dem Gestein, da wir sitzen, sah Bruno sein Weib
zum letzten Mal mit der Gebrde des Grauens vor ihm und des Flehens um
Erbarmen zu Gott fr ihr Kind. Und der Ring, den Du fandest, ist
Joconda's; sie hat ihn hier von sich gethan, das Siegel und Zeichen
ihrer schuldvollen Gemeinschaft.--

Und nun weit Du, Diether, warum ich Dich bat, der armen Seele vor
Gott zu gedenken, von der Du sagtest, da Du den Reif erblicktest und
das Thierlein daneben.


Allhier endet die von Brun erzhlte Geschichte.


Gnade der milde Christ nach seiner Gtigkeit denen Allen, so in
Unglck gerathen sind -- und uns! sagt' ich, und gar sehr war ich
bewegt im Herzen von der Geschichte, die ich gehrt hatte.

Wohl trieb's mich, noch ferner mit Brun davon zu reden, und von Bruno,
was denn aus ihm geworden, ob er noch lebe und wo er weile. Aber ich
ersah, der Alte wollte ungefragt sein, denn er stund auf und sagte:
Auf, Diether! -- Schon ist Mitternacht vorber, denn sieh, der Mond
neigt sich auf seiner Bahn dort den Bergen zu. Khl hat sich der
Nachtwind aufgemacht und der Thau fllt stark. Lang' schon solltest
Du, junger Knabe, unter Dach geborgen sein.

Und so stieg er mir voran den Bergeshang abwrts. Wie wir schweigend
giengen und ber uns die Wipfel der Tannen rauschten, bald lauter,
bald leiser und sich gegen einander bogen, und unter uns die Wellen
brausten, jetzt heller klingend, jetzt dumpfer murmelnd, war mir's,
als erzhlten auch sie sich in der Sommernacht die traurige Mr' von
dem ewigen Geheimni des Menschenherzens, das whnet, das Paradies zu
gewinnen, und die Schmerzen der Hlle sich bereitet.

Bald lag ich auf meinem Lager drinnen in der Klause. Ich wei nicht,
wie mir da geschah und ob ich schon eingeschlafen war oder just die
Augen zum Schlummer sich senkten: ich sah Brun nahe bei mir stehen und
unverwandt mich betrachten.

Zuweilen beugte er sich hernieder und bewegte seine Hand, mich zu
berhren. Dann wich er wieder ein wenig zurck, als scheute er sich zu
thun, wozu doch sein Sinn ihn zog, oder er frchtete, ich mchte
erschreckt werden und erwachen. Nach einer Weile lie er ab von diesem
Streit. Aber eine grere Unruhe schien in seiner Seele sich
anzuheben. Es war, als ob mein Anblick davon die Ursache wre. Er sah
noch einmal lang' nach mir hin, schauderte dann jhlings zusammen und
sank in seinen Sitz nieder, sein Angesicht von mir gewendet und mit
beiden Hnden verhllend.

Nein, nein, HErr! hrt' ich ihn murmeln. Nicht dieses Bild jetzt
neben die se Erinnerung!

Ein breiter Strahl des Mondes drang durch das dichte Gitter der Bume
drauen und das kleine Fenster und glitt durch den engen Raum hin zur
Wand dem Alten gegenber. Wie es dort hell das Bild der Gottesmutter
umspielte, ward sein Blick, da er sein Haupt wieder erhob, dorthin
gelenkt. Irgend etwas an dem Bilde mute ihn erschrecken. Denn er
erzitterte auf's Neue. Und doch konnt' er nicht widerstehen, dahin zu
blicken, was der lichte Schein ihm wies.

Und Du drohest immer wieder, sagt' er dabei mit Flstern, und ewig
blutet die Wunde?

Da sah ich ihn aufspringen und das Schwert aus der Seite des Bildes
ziehen, darin es stak. Er trat damit in das Licht und lie den Stahl
darin blitzen.

Ja, rief er dann mit leisem Sthnen, sie sind noch immer da -- die
blutigen Flecken, und keine Zeit hat Rost genug, sie zu verzehren!

Und jetzt schwang er die Waffe mit wilder Gebrde, und es hatte das
Ansehen, als wollt' er sie gegen sich selber richten und es schfe ihm
Mhe, davon abzulassen, und ich hrt' ihn dabei klagen: Verloren all'
-- all' verloren!

Hilf, Herr! dacht' ich. Er ist von Sinnen kommen! und richtete
mich in die Hh'.

Da wandt' er sich und wie er mich ersah, schttelte er heftig sein
Haupt, streckte die Arme gegen mich und rief mit drohender Stimme: Du
da? Du bist der Bringer schrecklicher Dinge! Du weckst auf zur
Mitternacht, was mit Mhe begraben war!

Und als ich weiten Auges und sprachlosen Staunens voll nach ihm
blickte, rief er wieder: Sieh nicht so her mit diesen Augen! Es ist
nicht! Es ist Lug auch dies, und nimmer heilt die Wunde!

Aber pltzlich sprang er auf mich zu, und, eh' ich's hindern konnte,
hatte er von meiner Schulter das Linnen gestreift, das ich trug. Als
er, die Waffe in der Hand, sich dicht ber mich beugte, whnt' ich
nicht anders, denn da der Rasende mich morden wollte. Und ich schrie
laut.

Im selben Augenblick aber war er zur Seite meines Lagers in die Knie'
gesunken und seine Arme hielten mich umschlungen. O Gott, o Gott!
rief er mit einer Stimme, weich wie die eines Kindes. Und seine Hand
strich mir kosend ber Stirn und Wangen und seine Thrnen tropften auf
mich nieder. Schlaf, Diether, schlaf! sprach er wieder, kein
Schrecken des Ortes msse Dir nahen, und Engel des Friedens mssen
Dich beschirmen.

Darnach ergriff er meiner Hnde eine und hielt sie an sein Herz, als
wrde von der Berhrung der Sturm sich legen in seiner Seele. Als er
so gethan, beharrte er eine Weile, wie mich duchte, im Gebet,
bekreuzigte dann sich und mich, stund auf und gieng der Thr zu. Bevor
er hinausschritt, kehrte er sich noch einmal zu mir und sagte wieder:
So schlaf denn, Diether! und zrne dem Alten nicht um sein wirres
Wesen, damit er Dich erschreckt hat; Du siehst, es ist vorber.

Aber wie htt' ich nach dem Allen vermocht, jetzt nach seinem Wunsch
zu thun. Mich trieb's dem Alten nach zu seh'n. Ich erblickt' ihn
durch's Fenster, wie er ein nahes Gestein erstieg, unter dem das
Wasser breiter und stiller dahinflo als anderwrts. Dort stund er
eine kurze Weile unbeweglich und warf die Waffe, die er mit sich
genommen, hinab in die Tiefe. Vorgebckt sah er ihr nach, wo sie
versunken war. Dann gieng er festen Schrittes die Hhe hinan. Ich
konnte nicht ersehen, wohin er seinen Weg nahm.

Aber da ich leise das Fenster geffnet hatte und, wie ich mich
hinauslehnte, den ersten bleichen Schimmer des Tages ber die Berge
aufdmmern sah, tnt' es wie ferner Gesang in mein Ohr. Und bald
unterschied ich heilige Klnge und Orgelton.

Da trat ich hinaus.

Laut und lauter ertnte der Gesang und deutlicher erscholl der
Orgelton; und jetzt schwangen sich die Tne auf, wie nchtliche Nebel
aus der Tiefe zu lichten Morgenwolken werden, und ich hrte
vernehmlich den Lobgesang St. Ambrosii. Aus voller Brust stimmt' auch
ich ein und sang die sel'gen Klnge mit. Da schienen mir die
Waldvglein, die davon erwachten, auch mit uns Gott zu loben in ihrer
Weise; und wie ich hinaufsah nach St. Wigbert's Kirchlein, gieng der
erste Sonnenstrahl ber sein Dach, die nchtlichen Schatten entflohen
und ich grte das se Licht.




Sechstes Kapitel.

Widerstreit.


Gewilich ist's nichts Sonderliches, da ein miger Mann den
Sonnenstrahl betrachtet, der durch's Fenster strmt und die Stublein
darin, wie sie hin und wieder schweben. Und ich durfte mig sein in
jener Nachmittagsstunde, da ich im Chor unserer Kirche ins Gesthl
niedersa dem Bilde gegenber, das ich eben vollendet hatte. Es war
die Nachmittagsstunde eines heien wolkenlosen Sommertages, unlange
vor dem Feste St. Johannis Baptistae; auch in der Kirche war die Luft
fast schwl, drauen regte sich kein Laub, und nur das Flattern
gengsteter Schmetterlinge unterbrach die Stille, die durch die Wrme
aus ihren Puppen heute hervorgelockt sein mochten und nun, die
Freiheit suchend, gegen die Scheiben flogen, oder auch, weil sie die
bunten Glser fr leuchtende Blthen hielten. Sonderliches also war es
nicht, da ich malmder Mann der sommerlichen Ruhe rings umher
behaglich mitgeno, die Hnde ineinander gelegt hielt und den
spielenden Sonnenstrahl betrachtete, der drben vom Fenster her hart
neben mir auf das Schnitzwerk am Gesthle gieng. Doch ich betrachtete
ihn und betrachtete ihn auch wieder nicht. Mein Auge blieb daran
haften, aber meine Gedanken thaten nicht also. Er war ihnen wie eine
Brcke, auf der sie die Fahrt nahmen, woher er kam: hinaus in die
Weite. Allda besuchten sie manche wohlbekannte Stelle. Es war, als ob
derselbe Sonnenstrahl sie ihnen beleuchtete, den jetzt meine Augen
hier in der Kirche vor sich sahen.

Zeuch in Frieden zurck in Dein Kloster! hatte Brun gar freundlich
zu mir gesagt zur Letze, da wir schieden, und hatte wie zum Segen
seine Hand erhoben. -- Zeuch zurck, Diether, in Deinen Frieden, und
auch die Erinnerung an all' das, was Du auf Deiner Fahrt hier bei mir
und anderswo erlebt, stre ihn Dir nicht! Jeder Tag hat seinen Ruf zu
gewohnter Pflicht. berhre keinen; und in solchem Gottesdienst wird
Dir allzeit die Gegenwart freundlich bleiben auch im Ernst und in der
Mhe, sie wird Dir nicht verleidet werden durch ungeduldiges
Hinausschweifen in die Zukunft, noch wird, was in der Vergangenheit
hinter Dir liegt, Dein Wnschen und Whnen zu eig'ner Qual gefangen
nehmen! Dann hatt' er mir auch gesagt, ich sollte die Aventiure, so
mir begegnet war, und all' meine Fahrt als das ansehen, wozu sie mir
auch ursprnglich bestimmt gewesen: als etwas, das nicht mich
angienge, mein Sinnen und Meinen, sondern allein nur meine Kunst, mit
ihr desto besser Gott zu dienen.

Nach solchem Rath hatt' ich denn treulich gethan, und mich duchte, er
war mir trefflich gediehen.

Ich hatte mir frgesetzt, von Allem, was sich mit mir zugetragen
hatte, so es mglich wre, gegen Niemand im Convent zu reden: ich
wrde denn gedrungen dazu. Denn ich wute wohl, da dann des Fragens
kein Ende sein wrde, auch des Spottes nicht und des Verdachts. Nur
wie ich vor Abt Albrecht bestehen sollte mit meiner Beichte, wenn er
mich vor sich erfordern wrde zur Rechenschaft von meiner Reise und
von dem, was ich ausgerichtet -- das schuf mir Noth. Mein Bleiben auf
Elzeburg, und da ich mir die Verwechselung so lang gefallen lie, die
Ursach' auch, aus der ich dahin gerathen, meine Gesellung zu den zween
Fahrenden: wie konnt' ich denken, dies Alles dem Gestrengen so
glimpflich frzubilden, auch wenn ich dabei der besten Kunst brauchte,
die ich vermchte, da er darob seine Gunst nicht von mir wendete,
mich hart anlie' und gar in die Geielkammer schickte zur Pn und
Bung.

Damit aber war es mir viel besser gerathen, als ich mich de versehen
hatte. Denn da ich wieder gen Maulbronn kam und in den Klosterhof
trat, und die Brder, eine gute Zahl, mich sogleich umringten, so
Viele meines Kommens wahrgenommen, und ich von allen Seiten hrte:
_Salve, Diethere!_ oder: _Quid novi?_ oder: Heah, Diether, wie hast
Du ein ander Aussehen gewonnen auf der Fahrt! und da beinahe ein
Getmmel entstund von der Menge der Herzulaufenden und dem
Diether-Rufen -- so merkt' ich allsogleich, da es heut an Abt
Albrecht's Regiment fehlen mte, denn es war die Stunde des Tages, da
sonst keiner der Brder, zwingende Ursach' ausgenommen, sich in Hof
und Kreuzgang zeigen durfte. Wie ich denn des Abtes drohende Gestalt
nirgend aus einer Pforte oder zwischen Pfeilern hervortreten sah,
fragt' ich nach ihm. Da thaten sie mir Bescheid, da er, hochwichtige
Rechte unseres Klosters zu verfechten, gen Pforzheim gezogen wre,
allda mit etlichen hohen weltlichen Herren zu handeln, die sich
unterwunden, unseres Stiftes Privilegien anzutasten. Unser Prior, dem
er zumeist vertraute, wre auch mit ihm, und so mcht' ich mich um
deswillen nichts besorgen, sondern unter ihnen bleiben und von meiner
Fahrt erzhlen. Da sagt' ich ihnen, vom weiten Wege wr' ich bermde,
und ob sie nicht wten, da zu dem Willkomm', damit man den Waller
begre, bevor Allem sich die Atzung schicke, die man ihm erbiete.
Und wenn Ihr mir die gegnnt habt, sagt' ich, indem ich dem
Refectorio zuschritt, so seid gefge und lat mir heute die Ruhe, die
ich Wegmder wohl mir verdienet habe. Da meinten Etliche, ich wre
wohl gar stolz worden, die Meisten aber lachten und sagten, man she,
da ich in des Bischofs Pfalz die hfischen Sitten erlernet htte.

Nun ward mir nicht um ein Kleines snftiglicher zu Sinne, da ich
dergestalt heut und morgen des Erscheinens vor des Abtes hellem Auge
berhoben war; und wie ich mich der Brder, sonderlich der Neugierigen
unter ihnen auch ferner erwehrte, ihnen von meinen Aventiuren nichts
zu verrathen, auch dazu ward mir Rath. Denn andern Tages frh,
sogleich nach der Matutin, berkam ich den Befehl, den der Abt fr
mich zurckgelassen hatte: ich sollte, sobald ich von meiner Fahrt
heimgekommen, schier ungesumt mich an mein Malwerk in der Kirche
machen und dasselbige also frdern da die Verzgerung, so ihm durch
mein Abwesen widerfahren, nach Mglichkeit wiederum eingeholt wrde.

Behender, dnkt mich, bin ich nie auf's Gerst hinangestiegen, als
dazumal, und lieber hab' ich nimmer darauf mit Stift und Pinsel
geschafft, noch eifriger. Und das nicht allein darum, weil ich, so
lang' ich droben weilte, vor aller Bedrngni durch lstige Frager
geborgen war; -- denn Niemand durfte mich aus sonderlichem Untersagen
des Abts da heimsuchen, er mute denn zu Hilf' und Handreichung von
mir begehrt sein -- sondern ich erfand auch eben da, wie weise Brun
bei meinem Abschiede mir gerathen. Ja, noch trefflicher wies sein Rath
sich mir aus, als er wohl selbst gedacht hatte. Denn diese Arbeit,
dazu jeder Tag mich rief, lenkte freilich all' meine Gedanken auf sich
und forderte mein Vermgen, es gnzlich daran zu kehren. So wurde mein
Gemth vom unruhigen Schweifen durch sie heilsam zurckgehalten. Aber
da bewies Frau Kunst an mir Unmigem noch eine besondere Tugend. Denn
sie versagt denen, die sie meinen und minnen, nichts von Allem, wonach
sie Herze tragen, und freiet sie doch zugleich von vergeblichem Sehnen
darnach und seiner Unlust. -- Sie lt die Seele der Dinge, daran sie
hngt, genieen, als wren sie bestndig gegenwrtig, und kein Herbst
drohte den Blthen und keines Todes brauchten sie sich zu entsetzen;
damit mein' ich gar nicht, da die, so einer edlen Kunst rechte Jnger
sind und mit solcher Gotteskraft begabt, Leid und Mhe in der bung
solcher Gabe nicht kennen: der Wiederhall von der Menschheit Weh und
Wonne, ja von Himmel und Hlle ertnet wohl lauter in ihrem Herzen als
in anderen; aber das sag' ich, da die Bilder der Dinge in ihrem
Gemth sich spiegeln knnen in all' ihrem unterschiedlichen Licht und
Glanz, und dennoch das Herz davon nicht verwirrt wird, sondern in der
Stille bleiben kann und edlen Freiheit.

Also, ist mein Whnen, geschah auch mir in jenen Wochen nach meiner
Wiederkunft, da ich das Bild malte im Chor vom englischen Gru. Ohne
Absicht gerieth es mir da nach dem Bilde, das ich von den drauen
erlebten Maientagen in der Seele trug, und je eifriger ich allen Flei
zu meiner Arbeit kehrte, desto nher brachte sie mir das Erlebte, und
Vergangenheit und Gegenwart, Thun und Betrachtung flossen in Eins
zusammen und strten sich nicht. Da geschah's auch, da, wie ich die
sel'ge Gottesmutter auf das Bild gebracht hatte, die hehre Fraue
Irmela's Zge an sich trug, und ich hielt's nicht fr sndlich,
sondern setzte mit Freuden die Glorie um's Haupt aus lauterem Golde;
denn ich gedachte, da wir ja auch das Heiligste nicht anders bilden
knnen, als indem wir Gottes Creatur dafr zum Gleichni erkiesen. Ich
malte aber auch unter das Laub, so die heilige Maria berhngt, ein
Gezweig blhenden Flieders und zu der Lilie im Gef that ich ein Reis
mit rthlich schimmernden Apfelblthen. Solches und Anderes fgt' ich
hinzu, nach dem Bildni, das ich von Elzeburg mit mir gebracht hatte.

Als es nun Alles vollendet war, mit grerem Flei und eifrigerem
Trachten das Beste meines Vermgens zu thun, als ich je zuvor an ein
Bild gekehrt, duchte mich's wohl gerathen und ich dachte: Was
gilt's! Schwerlich htte Abt Albrecht dem welschen Bilde, nach dem er
mich ausgesandt, eine bessere Zierde fr unsere Kirche verdankt, als
er nun gewonnen hat!

Mit solchen Gedanken sa ich nieder in's Gesthl an jenem Vormittag
mit dem Behagen Eines, der sein Werk vollbracht hat und nun ganz der
Ruhe geniet. Aber da zog der Sonnenstrahl meine Betrachtung hinweg
vom Bilde und lenkte sie hinaus, und zum ersten Mal nach meiner
Heimkunft, dnkt mich, stieg in mir die Frage auf, ob ich wohl fr
immer von dieser bunten Welt drauen und von Elzeburg und ihrem
Ingesinde sollte geschieden bleiben. Irmela's Zuversicht kam mir in
Gedanken, die sie bezeugte, da sie mir beim Scheiden die Hand bot, da
sie mich um die Sonnenwende zu Speyer wieder zu sehen gedchte, als
ihrem Ohm gesindet. Ich mute auch gedenken, wie sie sagte, sie
verhoffe noch manche Lieder von mir zu hren und frhliche. Wie wird
sie sich verwundern, dacht' ich, wenn sie vernimmt, ich sei
entschwunden, und ich fragte: ob sie dann auch meiner Bitte sich
erinnern wird, die ich that, nimmer schlimm von mir zu halten? Und
ich wnscht' es mir also. -- St. Johannistag ist nahe, dacht' ich
wieder, nun wird das Mgdlein auf sein gen Speyer; leichtlich ist sie
schon allda. In der Kurzweil' und im frstlichen Glanz des Hofes wird
sie die enge Burg am stillen Wiesenthal bald vergessen haben -- und,
eitler Diether, noch blder Dich!

Da wandte ich mich hinweg vom Sonnenstrahl, denn er, so schien's mir,
lockte meine Gedanken auf diese Bahn, und ich beschlo, solchem Sinnen
nicht ferner nachzuhangen. Brun's gedachte ich und seiner Mahnung, da
er mich von sich lie; ich gedachte auch der traurigen Geschichte, die
er mir erzhlt hatte. Wie war er doch selbst von ihr so bewegt worden
und wie eindringlich warnte sie mich! Am Tage nach jener Nacht, da ich
ihn so gar verndert und erschreckend gesehen, hatte er Alles dessen,
was er da gethan und gesprochen, nicht mehr gedacht, als wr' es von
ihm vergessen wie ein Fiebertraum, aber mit viel freundlichen Worten
hatte er meine Lust gelobt in's Kloster zurck und sie gemehrt. Auch
hatt' er mir gesagt: diesmal sollte unser Wiedersehen nicht aufgespart
bleiben, bis ich auf's Neue eine Verwandlung leiden und die Flucht
geben mte, denn dann wrd' er und gewilich ich auch sie nimmer
wnschen; sondern um meinetwillen wollt' er unterweilen aus seiner
Waldestiefe herfrtauchen und mich heimsuchen im Kloster. Einem alten
Waldbruder wrde der Convent den Eingang nicht versperren. Um den
Johannistag wollt' er mich sehen. Dessen gedacht' ich jetzt und wie
belgethan es von mir wre und Zeichen eines unverstndigen Sinnes,
wenn ich des treuen Berathers verge, den ich mir gewonnen hatte, und
auer seiner Gunst von meiner Reise sonst noch etwas mehr begehrte,
als was sie mir droben fr mein Bild eingebracht hatte. -- So will
ich denn, sagt' ich bei mir, in dieser Sommerzeit nur des Alten
harren und sonst nichts suchen zu schauen von Allem, was jetzt das
Sonnenlicht mir gezeigt.

Ich hatte mich wohl kaum erhoben und gedachte die Kirche zu verlassen,
als ich im Laienchor feste und eilige Schritte hrte, und gleich
darauf durch das Lettnerpfrtlein Abt Albrecht und hinter ihm der
Prior sichtbar wurden. Er war immer ein Herr von wenig Worten, und so
mocht' er auch von Andern keins zum berflu hren. So fragt' er nach
kurzem Gru allsogleich, wie's mir mit dem Bilde gerathen wre. Ich
verneigte mich und wies hinauf. Er betrachtete das Werk aufmerksam und
rief dann nach kurzer Weile:

Ei, Diether! Das ist Dir trefflich gerathen, und an dem Eifer, mit
dem Du daran geschafft hast, vermerke ich mit Freuden, wie frdersam
Dir die Reise gewesen ist. Zwar, fuhr er fort,  ich sehe, Du hast
von dem Deinen hinzugethan, aber ausbndig herrlich mu das Muster
sein, nach welchem Dir hier dies Bild unserer lieben Frau gelungen
ist, und nicht zuviel nach meinem Wahn hat man mir die hohe Kunst des
welschen Meisters gerhmt.

Und er betrachtete wieder das Bild.

Wir sind wohl zufrieden mit Dir, sagt' er dann noch, indem er sich
zu mir kehrte -- erwarten nun aber, da Du nicht minder Eifer und
Kunst an dem Werke beweisest, das Dir noch zu thun vorhanden ist.
Hier, weit Du, sollen die heil'gen drei Knige frgestellt werden
(und er zeigte auf die Stelle der Wand), wie sie gezogen kommen, den
Gottessohn anbeten und ihre Gaben opfern. Dies sei das Bild, Diether,
das Du nun angreifest. Und ohne Verzug! Denn wenn Du Profe thust, mu
zu mehrerer Ehre solcher Feier all' diese heil'ge Zier von den Wnden
auf Dich herniedersehen, der durch Gottes Gabe und Gnade sie dahin
gebracht hat.

So eben zur Stunde, ehrwrdiger Vater, sagt' ich bescheiden, hab'
ich das Letzte dort am englischen Gru gethan.

So ruhe heut, sagt' er wieder, und heb morgen mit den heil'gen drei
Knigen an.

Noch wei ich nicht, wie ich's am Besten angreifen mag, und die
Knigliche Pracht frzubilden dnkt mich schwer zu sein, der ich des
ritterlichen Wesens wenig erschaut habe.

Doch mancherlei davon, Diether, ist sonder Zweifel Deinem Auge kund
worden auf Deiner Fahrt, und wie hier am englischen Gru der Gewinn
sprbar ist, den Deine Kunst aus Deiner Wanderung gezogen, so verhoff'
ich, wird auf dem Bild von den Weisen aus dem Morgenlande noch mehr
davon sichtbar werden. -- Wohlauf, Diether! sei Dir heute Freiheit
gewhrt, durch Feld und Wald zu streifen. Brauch' solcher Mue, dem
Werke nachzusinnen, das Dir nun obliegt. Ist es nur erst in Deiner
Seele lebendig, so werden die Hnde bald nachfolgen, es zu gestalten.
Nur zgere nicht und la Deine Kraft nicht erlahmen. Was etwan durch
Dich von Gebhardus Episcopus aus Speyer mir entboten ist, darber
sollst Du mir berichten, wenn ich Dich mit Nchstem darum vor mich
fordere. Denn zur Zeit liegt Anderes zu Recht zu bringen uns hart an.

Damit winkt' er seinem Begleiter, hub zu Gru und Segen die Hand gegen
mich, und als ich aufsah, schritten sie schon das Pfrtlein hinaus,
durch das sie gekommen waren.

Da verlie auch ich die Kirche. Nach des Abtes Rath und dem Antriebe
meines eigenen Herzens eilt' ich die Klostermauern hinter mir zu
haben. Wacker waren meine Schritte, da ich den Weg hinan schritt gen
Bretten, und doch hatt' ich kein Ziel. Mich trieb's nur zur Bewegung,
und zu rasten wr' mir unmglich gewesen. Und ob ich gleich mit allem
Flei mein Gemth dahin zwang, ber das Bild zu sinnen, das ich
allsofort zu malen anheben sollte, so gelang es mir damit nicht, meine
Gedanken zur Ruhe zu bringen und zum stillen Aufmerken, wie meine Hand
das Alles gestalten mchte. Sondern immer wieder schweiften sie hinaus
und zurck in die Welt, der ich ungedacht eine Weile zugesellt gewesen
war. Ja, das Sinnen ber das Malwerk selber, so mir aufgetragen war,
half ihnen heute auf diesen Weg. Denn so oft ich mir die heiligen
Waller frstellte mit ihrer reichen Pracht, und mit ihnen den reisigen
Tro; immer wieder waren es da Gestalten von Elzeburg, die dahin
zogen, zierlich geschmckt, und dann schienen sie mir mit ihren
Fhnlein zu winken, als grten sie herber und riefen: Irmela der
Herrin fahren wir entgegen! Dann war's, als mt' ich selber mich zu
ihnen gesinden und ich she mich da auch unter dem Tro.

Da sprach ich zu mir: Diether, es taugt Dir heut hier auen nicht,
mach' Dich zurck in die Abtei, schleu Dich ein in Deine Zelle, nimm
Kohle und Stift zur Hand, und hefte Dein Auge stracks nur auf's
Papier, so werden die schweifenden Gedanken zur Ruhe kommen! Aber dem
Willen folgte die That nicht, und statt umzukehren, schritt ich
frba, als wrde ich vor mir strker gelockt.

Nun machte der Weg, den ich zog, eine Wende und lenkte zwischen
felsigten Bergen in ein Thal hinein, das mit grnem Wiesenplan gar
freundlich sich vor meinen Blicken aufthat. Hier wandelt' ich zumeist
schon im Schatten, der die Hitze des allgemach sinkenden Sommertages
milderte, inde droben auf den Hhen das rthliche Gestein, von hellem
Grn dicht belaubten Buchenwaldes umgeben, im Glanze der Sonne desto
leuchtender herniedersah. Mir zur Seite flo ein rauschendes Wasser.
Seine Wellen hpften in Sprngen dahin, als lden sie mich ein
auszuschreiten ihnen nach, und wten mir noch Schnes zu zeigen. Und
frwahr! darin trogen sie nicht. Denn nicht gar lange war ich das Thal
hindurchgezogen, da that sich mir ein Bild auf, unmaen lieblich dem
Auge anzusehen. Hier waren die Bergzge noch hher, aber sie stiegen
zu beiden Seiten sanfter hinan und hatten in ihre Mitte, als wollten
sie es beschirmen mit Riesenarmen, ein Drflein genommen. Das hieng an
der Lehne eines waldigen Hgels, aus dem ein Felsen steil
emporstarrte. Auf diesem Felsen ragte eine bethrmte Burg, gar trutzig
ber die Dcher unten hinausschauend in die Ferne, dem wachsamen
Hirten gleich, der sich bewehrt hat, seine Heerde vor dem Wolf zu
schirmen. So friedlich und sicher lagerten sich hier die Huser an den
Bergeshang, der die Burg trug, dicht zusammengedrngt, und nur hie und
da lugte noch ein Dach weiter unten im Thal zwischen breitwipfligen
Nubumen hervor. Rebenpflanzungen und Ackerfelder bis oben an den
Waldrand der Berge, wohlbestellte Grten und fette Weiden um's Dorf
her bezeugten, da es diesem Winkel der Erde nicht am Segen des
Himmels, noch am Flei der Menschenhnde fehlte.

Froh berrascht von dem unerwarteten Anblick hielt ich meine Schritte
an. Noch besser sein zu genieen, klomm ich einen Pfad hinan, der die
Hhe aufwrts fhrte zur Seite meines Weges. Da gewann ich bald vom
Vorsprung eines Felsens ein herrliches Lugaus. Burg und Dorf und
Grten und Wiesen, in vielen Schlingungen vom flieenden Wasser
durchzogen, und weiterhin ringsum die Hhen, hier sanfter
anschwellend, dort schroffer emporsteigend, zumeist herrlich prangend
mit reifenden Saatfeldern und weitstigen Obstbumen, dazu die
mchtigen Waldungen, die oben die Bergrcken bekrnten und auch, wo
Schluchten und Klfte waren, bis unten zur Wiese sich hinabsenkten:
Dies Alles bersah ich nun mit einem Blick und es duchte mich, als
schaut' ich ein Bild, gemalt von des besten Meisters Hnden. Da zog
sich auch der Weg, den ich gegangen war, weiter zwischen Wiesen und
Grten an dem Burgberg vorbei in das Drflein hinein. Drben, wo es zu
Ende war, ward er wiederum sichtbar, wie er zum Thal hinausfhrte, das
da als in einem Bogen sich abschlo. Die Strae theilte sich dort, so
da ein Arm zur Rechten des Wassers blieb und mit diesem zugleich,
sich allgemach krmmend, hinter einem Berge verschwand, der da steil
aus dem Wiesengrunde emporstieg. Quer durch diesen Wiesengrund
linkswrts zweigte sich von dem ersten Weg ein zweiter ab; den fhrte
eine stattliche Brcke ber das Fllein, und darnach schien er in das
Gebirg gen Mittag hinaufzuleiten.--

Wie ich so all' dies mit Mue von meiner Hhe aus betrachtete und
mich recht eine Freude durchdrang ber die stille Herrlichkeit der
Gotteswelt vor mir, da ward mir's gewi: Dies wre mir nicht
vergeblich gezeigt. Knntest Du, sagt' ich zu mir, Etwas ersinnen,
was wohlgeflliger anzuschaun wre und wrdiger, die Sttte
vorzustellen, da die heiligen Knige dem Gotteskinde und seiner Mutter
begegnen -- als hier dies bergumschlossene Gefild? He, Diether! Nun
prge Dir all' diese Augenlust recht tief ein in Dein Gemth nach
Gestalt, Licht und Farbe; denn traun! wenn jetzt der Abendstern schon
erblinkte und schickte seine Strahlen von dort oben: auf eine minder
wonnesame Welt, whn' ich, sh' er nicht hernieder, als damals der
Wunderstern, der ber Bethlehem stille stund. Solches sagt' ich zu
mir und lie meinen Blick ber Alles wandern, was da zur Weide vor ihm
ausgebreitet war. Drben vom Abend her, wo der Weg hinausfhrte aus
dem Thal, quoll zwischen den Bergen, die dort ein wenig
auseinanderwichen, ein breiter Strom goldenen Lichtes herein und
streifte die Baumwipfel des Waldes und traf auch die Zinnen der Burg.
Von da, dacht' ich, sollte nun die reisige Schaar heranziehen, so die
Helden der Gottesminne geleitet, und wie wrden sie voll Freude
jauchzen, wenn sie hier das Ziel ihrer Fahrt ershen. Und wieder
stellten sich die Gedanken von vorhin ein, wie ein erwnschtes Ding es
doch wre, wenn ich selber da heute so mitreiten knnte ber Berg und
Thal, und zge durch die geschmckte Welt zur Sommerzeit.--

Trumt' ich da, oder befieng ein Zauber meine Sinne, der mir zum
Spott vor's Gesicht brachte, was doch nicht war?! Denn siehe! Dort
drben auf dem Wege zum Thal hinein kam's hervor, zuerst nur
undeutlich zu sehen zwischen den Waldbumen, dann glnzend im
Sonnenlicht, ein reisiger Zug, stattliche Reiter voran und, wie ich am
blitzenden Zierrath erkennen konnte, den Mannen und Rosse trugen,
herrlich geschmckt. Wappenherolde schienen die Vordersten zu sein,
denn sie waren reich in Purpur und Gold gekleidet; sie trugen ein
Banner, und von den Huptern ihrer Pferde nickten bunte Federbsche;
ihnen folgten gewappnete Knechte zu Fu und andere reitend auf Rossen,
die auf's Zierlichste aufgezumt waren. Darnach kamen Ritter und
Herren, alle prchtig angethan, nicht gerstet, sondern als htten sie
sich einem Feste entgegengeziert und an Seide, an Sammet und an
kstlichen Fellen und Borten nichts gespart. Unter ihnen war auch
Einer, der sa gemchlich auf weiem Zelter: nach Hut und Gewand sah
er aus wie ein hoher geistlicher Herr; Diener fhrten sein Thier. Nach
diesen kamen Saumthiere, mit allerlei Gezeug und Gerth hochbeladen,
wie zur Lagerung und Hofhaltung, zu Gezelt und Kchenwerk bestimmt,
und letzlich zog ein bunter Haufe allerlei Volks hinterher, wie sich
allweg solcher Leute genug zusammenfinden, wo immer es etwas zu
schauen, vielleicht auch zu gewinnen gibt. So entfaltete sich dieser
Zug, aus dem Walde herfrkommend, und war nun ganz sichtbar auf dem
Wege, den er erfllte.

Schon whnt' ich, sie wrden ihre Fahrt etwan hinein in's Dorf nehmen
und hinauf zur Burg oder an mir vorber; aber da sie an die Scheide
des Weges gekommen waren, wandten sie sich linkswrts zur Brcke und
zogen da die Strae quer durch's Thal in das Gebirg' hinauf. Staunend
ruhte mein Auge auf all' der ritterlichen und lustsamen Pracht, wie
ich zuvor ihres Gleichen nie ersehen hatte, und haftete so viel
mglich an jedem Einzelnen, bis auch der Letzte aus dem Zuge hinter
den Bergen verschwunden war. Das war bald geschehen und drben war mir
der Weg wieder so einsam wie vordem.

Wohl durft' ich mich da fragen, ob's Wirklichkeit gewesen wre, was
ich erschaut oder nur Wahn und Einbildung. Doch solcher Zweifel ward
mir bald benommen, denn ich sah zween Knappen zurckkehren sogleich
darauf, und als solche, die zu einer Botschaft ausgeschickt sind, die
Strae heranreiten, welche in's Dorf fhrte. Sie muten frohe Mre zu
bringen haben und selber frohen Muthes sein; denn Alt und Jung, so auf
der Dorfstrae zusammen kam, durfte die fremden Gste fragen und
gewann, wie ich an dem Winken und Rufen der Leutlein wahrnahm, schier
guten Bescheid. Der eine der Beiden lenkte seitwrts hinan zur Burg,
der andere ritt weiter frba.

Als ich sah, da er den Weg zog, den ich gekommen war, und also an mir
vorber mute, stieg ich behend von meiner Warte hinab, und da er
nahte, schritt ich ihm entgegen, grte ihn mit Zchten und fragte, ob
er mich wohl bescheiden wollte, welcherlei Herren das gewesen wren,
die da mit also stolzer Pracht hindurchgezogen, und was wohl ihrer
Reise Ziel. Auch sagte ich noch dabei: ich hielte wohl, es mten vor
Andern auserlesene Ritter sein, und gewilich war's ein hohes
Freudenfest, dem sie in solchem Schmuck entgegenfhren.

Da erwiederte der Gefragte: Ihr habt meiner Treu mit Beidem das
Richtige getroffen, wenn anders eine Hochzeit ein Freudenfest ist und
ein Bischof und Grafen und Herren ihr Bestes thun, sie stattlich
auszurichten.

Darnach sagt' er mir, da sie von Speyer kmen, dahin die junge Braut
zu geleiten, welche Conrad, dem Neffen des Bischofs Gebhard, bestimmt
wre. Der Bischof selber fhrte ihr den Brutigam zu, und manch' Edler
wre noch in seinem Gefolge. Hier unweit sollte die Begegnung
stattfinden und einen herrlichen Empfang wollte man der Braut und
ihrem Geleite bereiten. Da wird es, schlo er, an Ehr' und
Herrlichkeit nicht fehlen, noch an edler Lustbarkeit und ritterlichem
Spiel, wie es Brauch ist in deutschen Landen, wenn man hfische Tugend
und milde Sitten beweisen will; so wird's auch Euch nicht reuen,
geistlicher Bruder, wenn Ihr anders Euch solchem Weltwesen nicht ganz
widersagt habt, da das Fest mitzuschauen und nach Eurem Theile seiner
Freude mit zu genieen. Gewi! Ihr bringt genug der Erinnerung heim,
davon noch lange zu zehren hinter den Mauern Eures Klosters.

Darauf trieb er sein Ro an und trabte von dannen. Das war mir leid,
denn was er mir berichtet hatte, gieng mir nher zu Herzen, als er's
denken konnte, und gerne htt' ich von ihm noch mehr erfragt.

Aber der ritterliche Zug und was ich von ihm erkundet hatte, das kam
mir auf meinem Heimwege nicht aus dem Sinn. Wieder waren meine
Gedanken nach Speyer gelenkt, wo ich um diese Zeit auch weilen sollte,
wenn ich nicht von den Elzeburgern mich losgerissen htte, und ich
fragte mich, ob Irmela wohl schon allda wre mit ihrem Ohm oder ihr
diese hochzeitliche Fahrt glte. Schalt ich mich dann wegen solchen
Fragens, das mir doch zu nichts diente als zur Mehrung meines
unruhigen Muthes, so half solche Scheltung nichts. Denn immer wieder
sah ich vor mir die Ritter und Mannen und plagte mich mit der Frage:
Ist's Irmela, der sie entgegen ziehen?--

So war denn mein Zweifel und meine Unruhe gro, da ich spt gen
Maulbronn zurckgelangt war, und vor Herzensschwere und Widerstreit in
meiner Seele durchwachte ich diese ganze Nacht. Ich erfand in mir die
heftigste Lust, noch einmal mich aufzumachen und unter dem Volke das
Fest mit zu schauen, ob ich da die Elzeburgerin sehen mchte,
vielleicht als die, der zu Ehren all' diese herrliche Pracht gezeigt
ward. Und ich sagte mir, da es ja nichts Arges wre, das mich triebe,
der Gelegenheit zu brauchen, das Mgdlein unvermerkt wieder zu sehen,
ja, da freilich das Gegentheil verwunderlich sein wrde, und Zeichen
eines blden Sinnes; ich fand auch, da jenes Thal mit der ragenden
Burg noch einmal zu erschauen und dann das ritterliche Fest, mir
weidlich am Bilde zum Guten gedeihen wrde. Hatte mich doch der Abt
selber dahin gewiesen, drauen zu suchen und mich umzuschauen, wie ich
dem neuen Bilde am besten rathen knnte. Wenn mich aber so mein Sehnen
schuldlos duchte und da es nicht noth wre, meinem dahin gerichteten
Gemthe zu wehren, so warnte mich alsdann eine andere Stimme in meinem
Herzen gar ernstlich, als wr' es doch nur eine Versuchung, die mich
hinauslockte, um mich in Schaden und Unseligkeit zu strzen.

Und eine Bangigkeit kam ber mich, als ob es mir bel gerathen wrde,
so ich hinzge. Als es aber lichtmorgen worden war und ich im
Klostergarten der wrzigen Luft geno, da schpfte meine Brust auch,
duchte mich, wieder frischen Lebensmuth, und es schien mir, die
ruhelose Nacht htte mich furchtsam gemacht, und ich sah nichts
Schlimmes in meinem Wunsche.

Zwar an jenem Tage that ich ihm noch nicht Genge. Sondern, wie sie
mir in der Erinnerung lebte, zeichnete ich die Gegend, die ich gestern
mir zum Bilde auserwhlt, mit allem Flei, und auch die heiligen
Wallfahrer mit ihrem Tro entwarf ich auf der Stelle, wo mir der
festliche Zug erschienen war. Unmig war ich den ganzen Tag, da ich
morgen die Versumni mir desto weniger zum Vorwurf zu nehmen
brauchte. Was ich dann an auserlesener Pracht und zierlichem Schmuck
beim Feste sehen mchte, das wollt' ich mir wohl in der Erinnerung
bewahren und fr's Bild verwenden. Denn nur einen halben Tag gedacht'
ich aus zu sein und den nchsten wieder im Kloster meiner stillen
Arbeit obzuliegen. Je fester nun so mein Wille sich dahin kehrte, die
Spiele mit anzusehen, die der Braut zu Ehren sollten gefeiert werden,
und mich des Dinges weiter zu erkunden, und je mehr ich dabei Irmela's
gedachte, ob und wie ich sie wohl wiederfinden wrde, desto heiterer
schien mir die Fahrt, die ich vorhatte, als wr' ich auch zum Feste
geladen, und mich duchte, wenn ich zu Ro da hinauf zge, so htt'
ich das auf Elzeburg also erlernet, da ich keinem der Herren zur
Schande da sein wrde.

In solchem Muthe machte ich mich denn Tags darauf, noch ehe man
Mittags zur Speisung im Refectorio zusammenkam, von dannen. Dem
Pfrtner sagt' ich, meiner Kunst zu Dienst mt' ich aus sein und am
Abend wrd' ich wiederkehren. Da mir solche Freiheit verstattet war,
mehr als den Brdern, de waren sie gewohnt im Convent, und so ward
ich auch heute nicht weiter gefragt und schritt ungehindert durch die
geffnete Pforte.

Drauen in einem der letzten Huser, die um's Kloster gebaut sind,
wohnten alte Leute, die der Abtei hrig waren. Es war ein Ehepaar,
Mann und Weib wohlbetagt. Ihnen gieng ich nie vorbei, ohne einzutreten
in ihre Htte oder wenigstens durch's Fenster sie zu gren. Es
geschah immer zu ihrer groen Freude; denn in meinen jungen
Kinderjahren war ich in ihrer Pflege gewesen, und noch immer hegten
sie eine sonderliche Liebe zu mir. Bei ihnen hatt' ich, da ich von
Brun wiederkam, das kstliche von Irmela mir geschenkte Kleid
niedergelegt. Denn Brun zwar, der mir einen klsterlichen Rock
angezogen hatte, dem hnlich, den ich sonst zu tragen gewohnt war,
wollte, da ich das zierliche Gewand bei ihm fr immer zurckliee.
Aber da ich wnschte, es zu behalten, weil mir zu meiner Malkunst
solch' auserwhltes Kleid leicht noch ntze werden knnte, so willigte
er ein und ich trug's im wohlverhllten Bndlein mit mir. Niemand
htte mir wehren knnen, es mit mir in's Kloster zu nehmen und mit dem
anderen Gerth und den Kleinoden meiner Kunst zu bewahren, aber ich
hatt' es doch fr viel gerathener gehalten, um alles Verdachts desto
lediger zu bleiben, es nicht allsogleich mit hinein zu bringen. Und so
hatt' ich Irmela's Gabe bei den Alten in Verwahrung gethan.

Zu ihnen gieng ich denn hinein, und gerne gaben sie mir, wie ich's
heischte und unversehrt, das wohlverwahrte Kleid zurck. Mir ist's
bestimmt zu tragen, dacht' ich. Zwar die Kunst, mit der ich mir's
verdient zum Lohn, gedenk' ich nicht mehr zu ben; aber wenn je, so
mag es mir noch einmal dienen heute auf dieser Fahrt. Ist ihr Ziel
heimlich, so sichert mir wohl dies Kleid, wenn's Noth ist, meine
Heimlichkeit.

Und so nahm ich's mit mir.




Siebentes Capitel.

Beim Feste.


Es war noch hoch am Tage, denn ich war rstig zugeschritten, als ich
wieder zur Seite des Baches das Thal durchzog, von dem aus ich zum
Dorf gelangen sollte, das so sicher sich lagert um die bethrmte Burg.
Je nher ich dem Orte kam, desto merkbarer ward es, da heut den
Leutlein und der Gegend umher ein seltner Festtag angebrochen war, den
mit zu feiern Keiner versumen wollte, der wohl auf war und gerne
frhlich. Allerlei Volk zog, wie ich wohl sah, demselben Ziele nach
wie ich; und gar am Orte selbst, als ich darkam, fand ich der fremden
Gste viele. Die Lustbarkeit der Herren mute wohl bekannt worden sein
aller Orten ringsum. Da waren Junker und Knechte, Brger und Bauern,
auch fahrende Snger, Luftspringer, Gaukler und Hebrer, und was sonst
Leute dem Gewinne nachgehn, wo miges Volk sich zusammenfindet, das
die Lust an der Kurzweil der Sparsamkeit vergessen lt. Alle zogen
sie hindurch der Brcke zu jenseit des Dorfes, und auch von drben
ward der Haufe durch Gste vermehrt, die den Weg zogen, auf dem ich
die Herren hatte quer durch's Thal reiten sehen.

Ich hatte mich, da ich durch's Dorf schritt, Bauern zugesellt. Von
ihnen erfuhr ich, da heute Morgen die Braut und ihr Geleite unweit
des Ortes angelangt und vom Bischof und den Herren mit ihm herrlich
empfangen worden wre. Alsbald htten die Speyerischen die Ankmmlinge
zum Lustlager gefhrt, das sie zugerichtet, allda zu rasten und die
Begegnung frstlich zu feiern.

Wie die Braut geheien wrde und woher sie kme, konnt' ich nicht
erkunden; doch bezeugten sie, das volle Lob, das edlen Sitten und
prangender Jugend gebhret, wrde von der Sage der Leute ihr
zuerkannt.

Unser Weg fhrte uns im Bogen aus dem Thal eine nicht kleine Hhe
hinan. Weil die Bauern da oben zu ihrem Ackerwerk hinaufziehen muten,
wie sie mir sagten, so war die Strae breit und sanft ansteigend
bereitet und gemchlich aus ihr zu schreiten. Hoher Buchenwald zu
Seiten unseres Weges hinderte den Ausblick. Um so mehr war ich
betroffen von der weiten Fernsicht, die mir sich darbot, da ich auf
dem Scheitel des Berges angelangt war und aus dem Wald in's Freie
trat. Da sah man weithin Gebirg' und Land, und unten vor sich das
muntere Thal mit Burg und Dorf auf und nieder, wie es von den Bergen
anmuthig umkrnzt war. Aber auf dies Alles blieb mein Blick nur einen
Augenblick hingelenkt; denn das Bild, das ich in der Nhe vor mir sah,
nahm all' mein Aufmerken gefangen.

Da lag vor mir weit hingestreckt ein Wiesenplan, der beinahe die
ganze Breite des Berggipfels einnahm. Sonst besuchte diese Sttte wohl
nur der Hirt mit seiner Heerde, wenn er sie hinauf zur Weide trieb,
oder auch die Bauern kamen dahin zur Grummetzeit, und wenn sie auf den
anliegenden Feldern ackern oder ernten wollten. Aber heut' gieng's auf
der Hhe ganz anders, lrmend und frhlich zu. Zu Haufen stunden da
die Menschen umher, thaten sich gtlich und hatten ihre Kurzweil, die
gekommen waren, das Lustlager der Herren und Ritter und was dabei an
Festlichkeiten vorkommen wrde, mit anzusehen. Da verfhrte
mnniglich, wie es zu geschehen pflegt, wenn die Menge mig ist und
in Erwartung neuer Dinge, ein Getse rings um mich her, da ich unter
sie schritt, da es schier in meinen Ohren erbrauste. Ich merkte bald,
da der Meisten Augen und Sinne nach jener Seite gerichtet waren, wo
ich gleich anfangs, da ich die Aue bersah, das Lager der Herrschaften
wahrgenommen hatte.

Da war unter einem Nubaum, der hoch und weit seine dichtbelaubten
ste streckte, und etwas in der Mitte der Bergwiese stund, von seinem
Stamme aus ein berdach aus buntem Gewebe gespannt mit purpurnen
Quasten, das vorne Stbe trugen, die in Gold und Silber erglnzten.
Unter diesem berdach zur Erde waren Teppiche gebreitet mit
schimmernden Borten; darauf stunden Sessel, die auch mit kunstreich
gesticktem Zeuge berdeckt waren; als das Meisterlichste aber in
zierlicher Arbeit und reicher Pracht mute Jedermann die Decken
auserkennen, so von der Hhe des Daches zur Erde niederhiengen und
hinten den Raum abschlossen: sie schienen aus lauter Seide, Purpur und
Gold gewebt zu sein. Als ich mit Staunen all diese edle Kunst
betrachtete und Einen, der mir zunchst stund, fragte, was wohl des
Gezeltes Bedeutung wre, sagt' er mir, das wre fr die Braut
bestimmt, von da aus den Spielen zuzuschauen, die zu ihren Ehren
wrden gehalten werden. Die reichen Decken aber htte der Bischof aus
seiner Hofhaltung von Speyer hergefhrt. Da ich da wieder vom Bischof
Gebhard hrte, schuf mir wenig Freude, und mahnte mich daran, da ich
sicherer anderswo weilte, als wo er mir begegnen knnte oder ich ihm;
doch er kannte mich ja nicht von Person, und wie sollte mich Irgendwer
aus der Menge herausfinden, so ich mich nur klglich hielt. Zudem
wuchs mir heftig die Neugier, da ich von der Braut hrte, ihren Namen
zu erkunden und ob es wohl Irmela wre. So lugt' ich denn mit Eifer
nach vorn, vielleicht da unter den Knechten, die hin und wieder
liefen, einen vom Elzeburger Gesinde zu erkennen. Mit meiner hohen
Gestalt sah ich, wenn ich mich ausreckte, leicht ber die Hupter der
Meisten. So erblickt' ich denn, ungehindert von dem Haufen, der mich
umdrngte, Alles, was da fr die Herren und ihre Gste hergerichtet
war. Ich sah reiche Gezelte und unter grnem Gezweig Tische, das Mahl
zu halten. Seitwrts im Schatten des Waldraines stunden Rosse und
Saumthiere, mit Halftern an die ste der Bume gebunden, oder an
eingezunten Stellen grasend.

Unweit von da waren von Brettern Tische und Bnke fr die Knechte
hergerichtet, und unterschiedliche Rauchsulen, die hie und dort
hinter Bumen emporstiegen, lieen erkennen, da man zum Mahle
rstete; wie denn auch jetzt schon unter einer schattenden Buche ein
Schenke aus einem groen Fa Jedermann, der aus dem Volk da hinzutrat,
den Becher oder Krug fllte. Wiewohl nun da die Geschftigkeit der
Diener um die Zelte und Tische gro war, und auch ritterliche Herren,
in reichem Schmuck gekleidet, sichtbar wurden, so konnt' ich doch aus
der Menge Keinen unterscheiden als einen Solchen, den ich vordem schon
gesehen htte. Aber all' dies Wesen und Leben vor mir erschien meinen
Neulingsblicken doch so werth der Betrachtung, da ich nur immer
unverwandt hinstarrte und mit Herzklopfen nach den Zelten, ob etwan
aus deren einem die Braut schreiten mchte.

So mocht' ich hher denn sonst mich gereckt haben, gar nicht achtend,
ob ich nicht auch selbst ringsum Allen so bemerkbar wrde, als ich
hinter mir eine Stimme vernahm, von der ich gewi war, da ich sie
nicht zum ersten Mal hrte.

     Sieh dort den Mnch, der mit uns briet
     Dein Gnslein, eh' uns Krumholz schied.

Darauf kam die Antwort:

     Wie Dir sein Kleid auch wohlgerieth:
     Ihm liebt nicht mehr, Gesell, Dein Lied.
     Drum fort, da er uns nicht ersieht!

Geschwind hatt' ich mich bei dieser Wechselrede, deren Sinn mir nur
allzuverstndlich war, umgewandt; aber gar eilig befolgte das
ungleiche Paar den Rath des Kleinen, und nur noch einen kurzen
Augenblick sah ich die Beiden, wie sie sich mit Ungestm durch die
Menge hindurch drngten, in der sie sogleich darauf verschwunden
waren. Da mut' ich bei mir lachen, da hier Jemand vor mir die Flucht
gab, dem doch selber nichts mehr Noth that, als unbemerkt zu bleiben
und unerkannt. Und so gedacht' ich hinfort frsichtiger zu sein und
mich sorglicher unter dem Haufen verborgen zu halten.

Aber da geschah es, da, mir zum Wenigsten ganz unerwartet, drben um
die Gezelte eine Bewegung nicht kleine entstund und Diener in bunten
Rcken unterschiedlicher Farben, wie die Sitte ist bei solchen Festen
der Ritterschaft, hervorsprengten und mit Stben, die sie in Hnden
schwangen, die umherstehenden Leute zurcktrieben, da vor uns der
ganze Platz frei wrde. Wie nun von den also Bedrngten der Eine hier
und der Andre dahin lief, und ich, des Dinges ungewohnt, zuerst nicht
wute, wohin ich mich wenden sollte und hernach ftermalen immer
wieder an einen Wrtel gerieth, der mich dann mit Schelten
zurcktrieb, so fiengen die Leute an ber dies Spiel zu lachen, was
mich noch mehr verwirrte, so da ich endlich gar nicht mehr durch die
Vordersten durchbrechen konnte und Allen sichtbar vorn unter den
Ersten stehen bleiben mute.

Doch im nchsten Augenblick waren Aller Augen nur vor sich nach den
Zelten gerichtet, sich nichts entgehen zu lassen, was da vorgieng. Da
traten zuerst die zween Wappenherolde hervor, die ich schon unten im
Thale gesehen hatte, stellten sich an den Eingang des einen sonderlich
geschmckten Zeltes, richteten ihre Banner auf, setzten ihre Hrner an
den Mund und lieen die ertnen, da es ringsum aus dem Wald und
trben von den Bergen wiederhallte. Da ward Alles still, und heraus
traten aus demselben Gezelt der Bischof Gebhardus Spirensis, auf
dessen Ornat ein Kreuz mit Edelsteinen funkelte, das da an gldner
Kette ihm an der Brust befestigt war, und ihm zur Seite ein junger
Ritter, stolzen und strengen Aussehns, ber dessen Schulter nach
frnkischem Schnitt an seidnen Schnren ein Mantel hieng von Sammet
und kstlichem Zobel. Dieser Ritter, so hrt' ich, war Gebhard's
Neffe, reich an Gtern und aus frstlichem Hause; ihm htte der Ohm
selber die Braut geworben, die jetzt gen Speyer geleitet wrde, und
Wunder hrte man von dem Mahlschatz sagen, der ihr bestimmt wre.

Whrend dem schritten die Beiden, die Herolde voran und in ihrem
Gefolge Herren und Junker und dem Zuge zur Seite Knechte mit
Hellebarden oder gezogenen Schwertern, einem gegenber aufgeschlagenen
Zelte zu. Allda machten sie Halt und zween Edelknaben giengen hinein.
Alsbald stieen die beiden Herolde wiederum in ihre Hrner, da es
laut erscholl. Da wurden die Zeltvorhnge zurckgeschlagen und heraus
ward die Braut gefhrt; ihr folgten Dienerinnen. O, ich erkannte sie
wohl und Den, der sie an der Hand fhrte, ob auch gleich, seitdem ich
sie zuletzt gesehen, eine groe Vernderung mit ihr vorgegangen war!
Ihre Schnheit, duchte mich, war strahlender geworden: nicht Dank der
Pracht, welche die Maid da trug; denn Wer mochte noch dem seidenen
Gewande mit den gestickten Borten, dem edlen Gesteine am purpurnen
Grtel und dem sonstigen Geschmuck einen Blick gnnen, wenn er nur
einmal dies Angesicht geschaut hatte, das da vom Schleier umwallt
leuchtete, wie wenn Lilien und Rosen zusammenstehen. Sondern was nach
meinem Whnen ihrer Schnheit zur Erhhung diente, war, da sie all'
der Zier, mit der man sie heute sah, nicht zu begehren noch zu
bedrfen schien, und da sie auf die Herrlichkeit, die sie hier umgab,
kein greres Aufmerken hinkehrte, wie mich duchte, als damals auf
ihre einfache Tracht, in der ich sie in Elzeburg zu sehen gewohnt
gewesen war. Und dies eben schien mir als eine Vernderung in ihrer
Seele, da sie an der gegenwrtigen Pracht keinen greren Antheil
nahm, die doch, als ich whnte, vor wenigen Wochen ber den geringsten
Theil dieser Augenweide der kindlichen Freude viel gezeigt htte.

Als die Maid hervortrat, neigte sich vor ihr Ritter Conrad mit
zierlichem Gru, den sie mit Zchten erwiederte, wie sie auch mit
Ehrerbietung vor den Bischof trat. Da ward von allen Seiten ein
freundlich Gren gethan. Darnach trat der Bischof der Braut zur
Seite, sie zu geleiten, als der die grte Ehre an diesem Tage
gebhrte, und zu ihrem Ohm Eberhard gesellte sich der Brutigam.
Hernach folgten die Andern in ihrer Ordnung. So begaben sie sich
allsammt nach dem Sommerzelt, das am Nubaum ausgespannt war, wo auf
den Sesseln Irmela in der Mitte und ihr zu beiden Seiten der Bischof
und der Graf sich niederlieen. Hinter sie stellte sich Conrad und
sonst zween oder drei der Edelsten aus Gebhard's Gefolge. Die Andern
alle, Ritter, Junker und Knechte, ordneten sich, ein Jeglicher, wie
ihm gebhrte, diesen Herrschaften zur Rechten und zur Linken.

Wie ich das Alles betrachtete, wundert' ich mich, wie wenig doch
Irmela, der zu Genie dies Geprnge bereitet war, die Glckseligkeit
einer Braut sehen lie; wie selten sie des Mannes achtete, der ihr zum
Gemahl erkoren war, und nur wenn er mit ihr redete; wie liebevoll
sorglich aber oft ihr Ohm sich zu ihr wendete und wie freundlich
jedesmal ihr Angesicht lchelte, wenn er's that, als sollt' er nicht
zweifeln, da sie ganz glcklich wre.

Nun gab der Bischof ein Zeichen, die Diener geboten dem Volke Stille
und einer der Herolde trat vor, verneigte sich gegen die Herrschaften
im Gezelte und rief dann, zum Volk gewandt, mit lauter Stimme
folgendermaen:

Nachdem es seiner bischflichen Gnaden geliebt hat, ihren Neffen, den
trefflichen Ritter Conrad, von Gernstein zubenannnt, auf seiner
frhlichen Brautfahrt hierher zu begleiten, haben Sie zu mehrerer Ehre
dieses Tages und zur Erhhung werther Lustbarkeit nach alter Sitte
ffentliche Spiele halten wollen. Und weil denn die vieledle Braut
(hierbei neigte der Herold sich gegen das Frulein) der preislichen
Singekunst sonderlich zugethan ist, lassen Seine bischfliche Gnaden
zuvrderst Alle, die in der Singekunst etwas vermgen und sich de
getrauen, hiermit zum Wettkampf entbieten, darin ihr Bestes zu
versuchen. Ein Kranz und silberner Becher ist der Preis. Die holde
Braut selber wird die Gabe darreichen Dem, den sie als Sieger
auserkennt.

Darauf schwieg dieser Herold und trat zurck an seinen Ort. Da winkte
der Bischof einem Edelknaben, der hinter im stund. Der kam hervor, bog
vor Irmela das Knie und bot ihr in silbernem Gefe, das er in Hnden
trug, ein weies Blatt und Griffel dar. Sie nahm Beides, reichte es
aber hinter sich dem Gernsteiner. Der besann sich nicht lange,
beschrieb das Papier und legt' es wieder in die Schssel. Nun gieng
der Knabe, nahm das Blatt heraus und bergab es dem andern Herold.
Nachdem dieser gethan, wie der erste, entfaltete er das Papier, erhub
seine Stimme und las, was da geschrieben stund:

Woraus die Herzensliebe zumeist Gedeihn gewinnt! Das ist's, worauf
die Singer Antwort geben sollen, wer die beste findet. Wohlauf denn,
wer hoher Ehren begehrt! -- Zum Sinnen ist eine kurze Frist
verstattet!

Dies schien mir nun eine geschickte Zeit, mich von der Stelle hinweg
zu machen, auf der ich stund. Nicht allein des Bischofs wegen, wenn
ihn etwa die Lust ankme, nach dem Klsterling zu fragen und mich vor
sich zu bescheiden, sondern ich scheute mich nicht weniger, in dieser
meiner Tracht von der Jungfrau Irmela erkannt zu werden; und nahe
genug war ich ihr da. Ich sucht' also und fand, da nun eine
Zwischenzeit, bis sich das Wettsingen anheben sollte, gegeben war,
eine Gasse durch die Menge und war bald im Walde ihr entgangen. Aber
vom Schaun der Herrlichkeit wie von der Erwartung, was nun folgen
sollte, war mein Gemth so erregt, da es mir eine Pein schien, dem
Spiele fern zu bleiben. Auch war mir, ich wute selber nicht warum,
Irmela's Anblick hier im festlichen Glanz so leid wie lieb gewesen,
aber ein sehnendes Verlangen zwang mich zurck, sein ferner zu
genieen.

So hieng ich zwischen der Lust, mich wieder hinzukehren, und der
Sorge, durch meine Tracht in Beschwerni zu gerathen. Da vernahm ich
von ferne den Schall der Hrner und den Ruf des Heroldes, da das
Spiel begnne. Alsbald sucht' ich mir einen sicheren Versteck unter
berhngendem Gestein. Daselbst legt' ich meinen Klosterrock ab,
verbarg ihn wohl und kam in der Singertracht herfr, die ich mir in
Elzeburg zum Lohne verdient hatte.

Eilig kehrt' ich nun zurck und mischte mich unter's Volk wie vorhin,
nur da ich so weit wie mglich von meinem ersten Standorte fern blieb
und mich weislich nicht unter die Vordersten drngte.

Schon hatte das Wettsingen seinen Anfang genommen und unter den
Zusehern, acht' ich, merkte Keiner eifriger darauf, als ich. Wie viel
Singer vortraten, ihr Vermgen zu erproben, wei ich nicht. Sie
zeigten Alle ihre beste Kunst. Auch der Lange, mein einstiger
Reisegesell, der mich mit in die Waibstdter Hndel gebracht hatte,
kam, sich Kranz und Becher zu ersingen. Ich bckte mich, da er in den
Kreis trat, denn mir schien, als sh' er sich sorglich um und schritte
nur zgernd hinzu; aber der Kurze hinter ihm, sah ich wohl, trieb ihn
vorwrts mit Ermunterung und Spott. Wohl durfte sich der Fiedler sehen
lassen, denn Frau Aventiure war ihm, nach seinem Kleid, das er jetzt
trug, zu urtheilen, hold gewesen, wenn er's anders seiner Kunst
verdankte. Da die nicht kleine war, ward auch am Spruch offenbar, den
er hren lie. Lautes Lob erscholl, da er zu Ende war.

Derweilen sa Irmela, das Haupt ein wenig auf den linken Arm
sttzend, und regte sich nicht. Ihre Augen waren gesenkt, und nur
selten lie sie einen Blick ber den Singer gehen, der vor ihr stund.
An dem Allen war zu spren, wie aufmerksam sie auf das Gesungene
hrte, und wie sie nachsann ber das, was ihr Ohr vernahm. Doch ihr
Eifer, Alles recht zu erfassen, schien mir kein anderer, als den sie
damals erzeigt hatte, da sie von mir die alten Mren vernahm, von
Sifrit, dem khnen Recken. Sie hatte wohl Freude daran, aber Herz und
Sinn giengen ihr dahin nicht. Sie achtete auf die Kunst, die da
bewiesen ward; aber ihr Gemth, schien es, war nicht vertraut mit dem,
was sie hrte. Da sich das Frulein also erzeigte, duchte mich
verwunderlich und nicht so gethan, wie ich mir's von einer jungen
Braut gedachte, die zu ihrem Trauten Herzenliebe trge.

Nun wuchs aber auch mir unterm Hren der Eifer um die Sache, der sich
da die Singer beflissen. Sie gaben auf die Frage, so ihnen gestellt
war, unterschiedliche Antworten. Der Eine rhmte Ehre und tugendliche
Sitten, als wodurch der Liebe Gedeihn erwchse; der Andere strich dazu
die Freude aus und hochgemuthes Leben; ein Dritter Herzensreinheit und
Treue falschesfreie; ein Vierter glckselige Schnheit und frohe
Jugend. Und zuletzt wandten sie immer ihren Spruch auf das Brautpaar
vor ihnen, als bei dem solche Gaben und Tugenden im berschwang zu
finden wren, und lieen es ihm an keinem Lobe fehlen. Doch davon
schien sich Irmela nichts anzunehmen, nicht zwar aus Stolz, sondern
als wte sie nicht, warum sie solchen Ruhm sonderlich werth halten
sollte.

Da rief der Herold wieder, ob noch Einer da wre, der sich des Singens
unterwinden wollte. Denn so Viele zuerst in den Ring getreten waren,
die hatten nun Alle das Ihre gethan und stunden seitwrts, des
Richterspruches harrend. Wie Alles stille blieb, geschah es, als ich
wahrnahm, zum ersten Male, da Irmela ihre lichten Augen aufhub und
frei umschweifen lie ber die Menge.

Da schlug mir mein Herz hoch auf, denn mir war's in dem Augenblick
nicht anders, als erwartete sie mich zu sehen. Und so that ich ohne
Wahl einen Schritt vorwrts. Wie diese meine Bewegung nun gerade auf
den Ruf des Herolds geschah und nach meiner Tracht die Leute mich wohl
fr einen Singer halten konnten, der zu diesem Feste seinen besten
Schmuck angelegt, so wichen sie seitwrts und riefen den vorn
Stehenden zu, das Gleiche zu thun und mich durchzulassen. Da war auch
schon ein Diener zur Stelle und schuf mir Raum, mich in den Ring zu
geleiten.

Noch stund ich im Zweifel, was ich thun sollte. Aber als ich nach dem
Herrensitz hinblickte und sah, wie Irmela, das edle Kind, mit Freuden
mich gewahrte und mit stummem Grue mir zu winken schien, da htte
keine Scheu und kluge Frsicht mich zurckgehalten; und nur heftiges
Sehnen berkam mich, ihr noch einmal nahe zu sein, wohl zum letzten
Mal, und mit der Kunst, durch die ich ihr werth geworden war und die
ich ihr verdankte, ihr zu gefallen und sie zu gren auf
Nimmerwiedersehn!

So beschlo ich denn, wohl darauf zu achten, da ich mich nicht
verriethe, nahm all' meinen Muth zusammen und schritt, dem Diener
nach, ziemlicher Weise in den Kreis. Vor der Laube angekommen, neigte
ich mich vor Allen und vor der Richterin in diesem Wettspiel
sonderlich. In ihrer Miene las ich freilich ein fragendes Staunen ber
mein pltzliches Verschwinden und meine unerwartete Wiederkehr; aber
war da ein Zweifel, so ward er berglnzt vom freundlichen Willekomm,
das, wiewohl nur leise, mir ihr Auge sagte. Davon gewann mein
hochsteigendes Herz Vertrauen zu meiner Kunst, und wie ich schon zuvor
whrend dem Hren mein Sinnen auf die Frage gelenkt hatte, darauf im
Liede zu antworten war, so fgten sich jetzt Wort und Weise in meiner
Seele selbst zu einander.

Ich lie mir von einem der Singer, die da gesungen hatten, eine Laute
reichen, griff in die Saiten und that ein kurzes Vorspiel. Darauf hub
ich an und sang also:

     Wo tief im Herzen Minne wohnt,
     Als Siegerin darinne thront,
     (Bedenkt es wohl, ihr zarten Kinde!)
     Da ist auch Leid ihr Ingesinde.
     Wahr ist's, was man seit Alters spricht:
     Die Liebe lt vom Leide nicht;
     Und doch ist Lieb' des Leides Feind.
     Vernehmet nun, wie das gemeint!

     Die Rose kehrt ihr Angesicht
     Allzeit empor zum Sonnenlicht,
     Das macht sie also wonnig roth,
     Die Finsterni brcht' leiden Tod.
     Doch streckt sie unter feuchtes Moos
     Die Wurzeln rief in dunklen Schoo.
     Dich lacht sie an mit rothem Munde
     Und haftet doch im finstren Grunde,
     Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:
     Das ist der Liebe Ebenbild!

     Es bringt das Leid der Liebe Pein,
     Doch ohne Leid kann Lieb' nicht sein,
     Es liebt die Lieb' Leid zum Gedeihn.
     Und wird vom Leid ihr Noth geschafft,
     Doch zieht sie Nahrung draus und Kraft.
     Drum, wer der Minne Flug will wagen,
     Der darf dem Leid sich nicht entschlagen;
     Denn will er's auf das Leid nicht wagen,
     Mu er der Lieb' auch sich entschlagen.
     Wer jemals diesen Weg gefahren,
     Lobt meinen Spruch gewi als wahren.
     Ward er von Leid' in Liebe wund,
     Werd' er von Lieb' in Leid' gesund!

Als ich ausgesungen hatte und an den Gebrden Graf Eberhard's, mit
denen er sich zu seiner Nichte hinberneigte, wahrnahm, da ich von
ihm auch wohl erkannt war, gedacht' ich ungesumt in die Menge zurck
zu fliehen und mich so davon zu machen. Ich hatte aber kaum die Laute
Dem wiederum gegeben, aus dessen Hand ich sie empfangen, und suchte
nun durch die Singer, die da stunden, hindurch zu kommen, nachdem ich
mich ziemlicher Maen vor den Herrschaften verneigt: da geschah es,
da allum ein Rufen sich erhub und mnniglich mich bedeutete, da ich
doch stille hielte; denn zur Stunde wrde es verkndigt werden von
wegen des Preises, wer ihn davontragen sollte. Derweilen ertnten auch
schon die Drommeten der Herolde auf's Neue und im Volk entstund eine
freudige Bewegung; Alle winkten mir, hinter mich zu blicken, und da
ich denn mich umsah, war einer der Knechte mir zur Seite und lud mich
ein, mit ihm zu gehen. Es nahm ihn Wunder, wie er sah, da ich
zauderte, ihm zu folgen, und so ergriff er mich am Arme, da er mich
zwnge, weil er nicht anders denken mochte, als da ich mich aus
groer Bldigkeit also erzeigte. Da lachten die Leutlein, wie sie
vorhin ber mich gelacht hatten, und Einer sagte, man she da eine
seltne Tugend, da ein Meister der Kunst begehre, aber ihres Lohnes
nicht. Nun lachten sie noch mehr und hatten so ihre Kurzweil.

Da hub ich mein Haupt empor, und schritt, weil es so sein mute, dem
Diener nach stracks vor mich, zurck in den Ring. Aber wie ich da das
theure Mgdlein ersah, freundlich mir winkend und mit dem Kranze mein
harrend, das wirrte mich nicht wenig, und ich fhlte die Rthe, die
mein Angesicht bergo: die Ehre, die mir bereit war aus ihren Hnden
vor allem Volk, hhete meinen Muth, aber sie drckte zugleich mich
nieder, als der ich ungedacht sie berkam, ich wute nicht wie. So
schritt ich gesenkten Auges vor das edle Frulein hin und bog da in
hfischer Zucht das Knie.

Wie sie mir den Kranz auf's Haupt setzte, streifte von ungefhr ihre
Hand meine Stirn; da erzuckte mir von der leisen Berhrung das Herz
und ich blickte auf zu ihr. Indem lieen Spielleute, die da hinter dem
Gesinde der Herren stunden, ihre Fiedeln und Lauten erklingen, und zum
Saitenspiel schallten Flten und Cymbeln, da es ein helles und
liebliches Getne gab.

Solche Ehre, Meister, dankt Ihr Eurer Kunst, sagte Irmela, indem sie
sich ber mich beugte.

Nein, Herrin, Eurer Gte, so ist sie mir werther, erwiedert' ich,
und Niemand auer uns zween hrte, was da zwischen uns gesagt ward.

Nun trat ein Edelknecht mit dem Kleinode herzu, da die Maid mich
damit begabte. Sie aber sprach zu mir: Diesen Becher will ich Euch
zuvor credenzen, dann sollt Ihr ihn aus meiner Hand empfahn.

Darauf erhuben sich die Herrschaften von ihren Sitzen, da sie zu den
Tischen giengen und sich am Mahle erletzten, ehe die ferneren
Freudenspiele mit Stechen, Laufen und Tanzen angestellt wrden. Ich
aber, als ich wieder aufrecht stund, wute nicht, was ich erwhlen
sollte: Die Klugheit rieth mir von hinnen zu weichen, aber Sinn und
Gemth hielten mich fest an der Stelle. Da nickte auch der Herr
Gebhardus mir gndigen Beifall, und ich sah, da Graf Eberhard sich
anschickte, mit mir zu reden; aber weil just die Herren alle
aufbrachen und der Bischof sich zu ihm wandte, da sie selbander
hinweggiengen, so ward der Graf von mir geschieden und dadurch mein
Herz ein Merkliches erleichtert; denn gewilich wr' ich seines
Forschens wenig froh worden.

Whrend man so sich aufmachte, schritt Irmela unterm berdach der
Laube herfr an mich heran, grte mich und sprach: So ist's denn
doch also geschehen, wie ich sagte, da Ihr von Elzeburg schiedet,
Meister Diether, und Ihr habt uns mit Eurer Kunst gedient.

Ja, vieledle Jungfrau, erwiedert' ich, und am hohen Freudenfeste
Euch zu Ehren, zu dem ich ungedacht gekommen bin.

Und nachdem Ihr von den Elzeburgern ungedacht entwichen seid, sagte
sie hinwieder und lachte.

Da sah ich die Maid inniglich bittend an: O lasset, warum ich's that,
als eine Heimlichkeit meines Herzens verschlossen darinne bleiben, und
wenn ich heut fr immer von Euch scheide, so glaubet, da Euch in
Freuden und Glckseligkeit zu leben Diether ohne Unterla von Gott
erwnschet und dem ganzen himmlischen Heer.

Wohl, sprach sie da, so sei es darum und Ihr mget Eure
Heimlichkeit bewahren; ich will nicht arg von Euch denken, wiewohl sie
gro ist.

Damit hielt sie mir mit Gtigkeit ihre Hand entgegen, da ich sie an
den Spitzen der Finger erfate. Das geschah behende und mit Scheu,
aber mein Gemth gewann davon eine Freudigkeit.

Doch da nahete der von Gernstein. Man harret Euer, sagt' er zur
erkieseten Braut mit hfischer Gebrde, und fhrte Irmela den Tischen
zu; mich aber streifte sein Blick herrisch und unmuthig. Da merkt'
ich, da er berstolzen Sinnes war. Aber die Maid an seiner Seite
schien de nicht zu achten; sie kehrte im Gehen ihr Angesicht noch
einmal freundlich zu mir hin und sagte: Gedenket des Bechers zeitig
genug und kommet, wenn wir zu Tische sitzen, da ich ihn Euch
credenze.

Damit giengen die Beiden hindann und mir schien's, als wre er
unmuthig, da sie mir das Gesprch gegnnt hatte.

Nun erhub sich eine nicht kleine Bewegung um die Tische, wo die
Herrschaften das Mahl halten sollten, und unfern davon, wo den
Knechten die Bewirthung bereitet war. Auch das Volk zerstreute sich
hierhin und dorthin nach Gefallen, die Meisten, um sich zum Imbi zu
lagern, den sie mit sich gebracht, oder der Verehrung nachzugehen, die
der Bischof in seiner Mildigkeit Jedermann spenden lie, der ihrer
begehrte. So kamen auch Viele an mir vorber, wiesen auf meinen Kranz
und preiseten mich ffentlich wegen meiner Kunst und des Lohnes, der
ihr geworden. Manche wunderten sich dabei, da ich da also stille
stund, wie ein Verlassener, und meinten, mich htte die Huld, die ich
genossen, allzu blde gemacht.

Da gedacht' ich daran, da es hochnoth wre, mich davon zu machen,
bevor mich Einer von vorhin wiedererkennte, der mich da im Klosterrock
gesehen hatte. Zudem trieb mich auch der Anblick der beiden Fahrenden
hinweg, die ich unweit gewahrte, wie sie mit Flei auf mich achteten,
als solche zwar, die darber nicht von mir gesehen sein wollten.

Ich sumte also nicht lnger und schritt in den Wald, wo ich das
wenigste Volk wahrnahm. Da wr's gewilich mir das Nthigste und
Frdersamste gewesen, wenn ich sogleich den Versteck aufgesucht htte,
in dem ich vorhin meinen langen Rock verborgen, htte den angethan und
mich davon gemacht. Aber da ich am Waldessaum mich sicher whnte und
unbeachtet, sah ich mich noch einmal um, lie meinen Blick ber all'
das bunte Gewimmel schweifen und lugte ber die Zelte und nach den
Tischen hin, Irmela im Geist noch einmal zu gren. Da fhlt' ich, da
es mir schwer ward, von dem Allen Abschied zu nehmen, und wie ich doch
dieses Mal als ein Anderer in's Kloster heimkehren wrde, als der ich
von dannen gezogen war. So stund ich mit eifrigem Aufmerken der Augen
und doch in vielerlei Gedanken.

Da rief mir, eilend herankommend, ein Diener zu, und sagte dabei, wie
er mich am Gezelte vergeblich gesucht und eine Botschaft an mich
htte. Ich trat herzu und fragte: welche?

Von meinem gndigen Herrn, Herrn Conrad von Gernstein, erwiederte
er, der Euch durch mich entbieten lt, es sei nicht von Nthen, da
Ihr das ersungene Kleinod aus der Hand des Fruleins emphahet, Ihr
mget es Euch von des Bischofs Kmmerer holen, zu dem ich Euch
geleiten soll. Auch wnscht mein Herr Euch nicht ber Tische zu sehen,
sondern begehrt, da Ihr Euch unverweilt von diesem Feste scheidet,
maen es Euch schon genug des Geniees eingebracht habe. Auf da Ihr
Euch aber anderswo desto ba gtlich thun knnet, lt er Euch hier
einen Goldgulden reichen. Damit hielt er mir das Geld dar.

Das krnkte mich, da ich angesehen ward als Einer, der nur blo auf
den Lohn sah, und der Ritter denken sollte, wenn ich nun gienge, ich
htt' ihm um sein Geld den Willen gethan. Darum sagt' ich verchtlich:
Behaltet Euren Gulden, und lat Euren Herrn wissen, mir liegt am
Kleinod alleine nichts und an seinem Gelde noch minder! Und wenn ich
dahinten bleibe, da er mich ber Tisch nicht sieht, wohin das
Frulein mich entboten hat, so bewegen mich andere treffliche
Ursachen.

Das Lob Eurer Kunst, fahrender Bruder, sagte der Knecht spttisch
wieder, macht, da Ihr Euch zu hoch vermet. -- Besinnet Euch:
nehmt's Geld, holt das Kleinod und geht!

Darauf hielt er mir auf's Neue seinen Goldgulden hin und lachte. Da
schwellte der Unmuth mein Herz, zumal ich sah, wie Leute herangekommen
waren und auf uns Acht hatten, und ich stie das Geldstck aus seiner
Hand, also da es zur Erde rollte.

Wie nun der Bote betroffen dastund, denn er hatte sich von mir de
nicht versehen, so ward nun er den Umstehenden zum Gelchter und einer
von ihnen rief ihm zu: Fahrt suberlich, Freund, mit dem
Singemeister, denn er hat die Art nicht, als geliebt' es ihm, mit Euch
zu scherzen!

Dafr trgt er den Kranz, sagte ein Anderer, der gibt ihm also
hohen Muth.

Zu solchen Worten wollte des Gernsteiners Knecht auch nicht mig
bleiben, sondern gedachte sein Botenbrot an mir wohl zu verdienen. Er
griff also nach einem drren Stecken, der da nahe bei einem Baume lag,
sprang damit auf mich zu und indem er rief:

Solch' unartigen Knaben gebhrt die Ruthe, sie bessere Zucht zu
lehren! strich er mich, bevor ich mich wenden konnte, ber den
Rcken. Da enthielt ich meinen Zorn nicht lnger, drang auf den Mann
mit Ungestm, eh er sich bedachte, und strzte ihn mit Wucht zur Erde,
da er sthnend um Hilfe rief.

Er that es nicht vergebens, denn die Menge lief herzu, und darunter
war auch von den Gernsteiner und Speyerischen Knechten ein ziemlicher
Haufe. Wie die nun von ihrem beleidigten Gesellen die Ungebhr
vernommen hatten, die ihm von mir geschehen war, so wr' ich gewilich
ohne Aufenthalt in ihre Hnde gerathen, und snftiglich htten sie mir
nicht mitgespielt, wenn da nicht gegen die Anstrmenden mir eine
unverhoffte Rettung gekommen wre.

Lat Euch rathen und tastet uns den Singemeister nicht an! so hrt'
ich eine Stimme, die ich wohl kannte; und wie ich seitwrts blickte,
woher sie kam, sah ich Helmbolden und Andere mehr vom Elzeburger
Gesinde. Die brachen durch den umstehenden Haufen und drngten die, so
auf mich einwollten, von mir ab, also da mich ihrer Keiner verletzen
durfte. Solches verdro die Gernsteiner und ihre Genossen nicht wenig,
da sie den Schimpf nicht strafen sollten, der ihrem Gesellen
widerfahren war, und sie bedroheten die Elzeburger laut, wenn sie
ihnen nicht Raum gben, mich zu greifen. Die aber wollten auf sie
nicht hren, trutzten ihnen und sprachen mir zu: Diether, frcht'
Dich nit; denn wir gedenken Dir's wohl, da Du vormalen unsrer Sippe
gewesen bist.

Und so waren sie als eine Mauer um mich herum.

Alsbald entstund zwischen diesen Knechten ein nicht kleiner Zank um
meinetwillen und ein feindliches Drngen hin und wieder, wie es die
Streitlust erhht und Brauch ist, wenn es bald zum Hauen und Stechen
kommen soll.

Das war denn sonder Zweifel auch hier ganz nahe, und statt des
Freudenspiels, das sie halten sollten, waren sie dabei, sich hitzig zu
bestreiten. Aber wie der Lrm wuchs und der Haufe der Gaffer sich
mehrte, konnte das Getmmel um mich her auch dem Wahrnehmen der Herren
nicht entgehen. Vielleicht auch hatte einer aus dem Gesinde dem Ritter
von Gernstein Botschaft dessen gebracht, was sich zutrug. Denn just,
als die Knechte auf beiden Seiten das Beste thaten, sich kampflich
anzurennen und des Scheltens und Hhnens bergenug verfhrten: trat
Herr Conrad, dem etliche Ritter zur Seite giengen, eilend zwischen sie
und gebot ihnen mit drohender Stimme, von einander abzulassen. Er und
seine Begleiter hatten Mhe, die Hadernden auseinander zu bringen.
Aber sie durften auf die Lnge den Herren nicht trutzen. Als nun der
rgste Sturm sich gelegt hatte, lie der Gernsteiner seine Leute
zornmuthig an und schwur theuer bei seiner ritterlichen Ehre, an ihnen
den Schimpf zu strafen, den sie da gegen das Gesinde seines werthen
Gastes verbten. Da trat der Bote vor, den der Ritter an mich
geschickt hatte, berichtete mit vielen beweglichen Worten, wie es ihm
ergangen wre, wie unehrerbietig ich des Herrn Verehrung, die mir
zugedacht gewesen, verschmht, den berbringer mit Hohn gereizt und
zuletzt bel zu Boden gestreckt htte. Nun schrieen die Andern wieder,
blo mich htten sie zu greifen begehrt, die ihrem Gesellen von mir
zugefgte Schmach gebhrend zu rchen, und auch meine gegen ihren
Herrn bewiesene Hoffahrt zu strafen. Aber die Elzeburger htten ihnen
ohn' Ursach gewehret und den berdreisten Singer schutzweise umringt.
Da sah sich der Herr Conrad zornigen Blickes nach mir um und zugleich
auch, als wr' es ihm eben recht, da er so eine Sache wider mich
htte, mich in Schmach zu bringen.

Komm heraus da! rief er mit gebietender Stimme mir zu, als er mich
erblickte.

Ich trat festen Schrittes vor und sah ihn gerad an, als ich vor ihm
stund. Seine linke Hand sttzte er gegen seinen Schwertgriff, und mit
seiner rechten strich er gemchlich den Bart ber seinen Lippen, die
er verchtlich zusammenzog.

Das also ist der Meister Nirgenddaheim, den seine berzarte Kunst
durch Hoffahrt zum Narren gemacht hat! sagt' er spttisch lachend.

Herr! sagt' ich darauf, Eure Jungfrau Braut hat den Narren mit
diesem Kranz geziert.

Da ich dergestalt vor ihm Irmela's und ihrer Gtigkeit gegen mich
gedachte, trieb die hellen Zornflammen in des Stolzen Angesicht.

So unwerther bist Du, Lotterbube, ihn zu tragen! rief er voll Grimm
und schlug mit seinem Handschuh mir nach dem Haupte, da der Kranz
herunterfiel und das Haar mir wirr um die Stirn wehte. Drauf streckt'
er seinen Arm aus und rief weiter: Heb' Dich hinweg, und ohne Sumen,
eh' ich noch meinen Knechten gebiete, Dir den Rcken zu bluen, wie
Du's um Dein bermthig Unterfangen verdient hast!

Das war mir unertrglich, da ich so vor Aller Augen von ihm wie ein
Ehrloser geschlagen sein und mit Schmach und Schimpf hinweggetrieben
werden sollte. Und so reckte ich mich hoch empor, sah ihn wild an und
rief ihm wthend zu: Wr' ich bewehrt, Herr, wie Ihr: bei Gott, dem
Hohen! der Schlag sollt' Euch gereuen, mit dem Ihr mich schlugt und
Ihr drftet mir so nicht drohen!

Da griff er nach seinem Schwerte, es zorneifrig wider mich zu zcken.
Als ich's sah, erfate auch mich eine Wuth, da mir Alles gleich galt,
nur nicht ungerochen zu bleiben an seinem berstolz. Ich hub meinen
Arm hoch und drang auf ihn ein.

Wohl sah ich, wie er vor'm unerwarteten Angriff, der ihn bedrohte,
sich zurckbog und hastiger nach mir ausholte; aber das war ihm nicht
mehr von Nthen. Denn schon fhlt' ich mich aufgehalten und von den
Knechten gepackt, die herzugelaufen waren, den Frevel, der ihrem Herrn
bevorstund, zu hindern. So Viele umringten mich, und so sicher waren
ihre Griffe, da wie ich auch mich wand, ich in keinerlei Weise aus
der Gewalt ihrer Fuste mich lsen konnte.

Bindet ihn, befahl da der hart beleidigte Ritter, und bewahrt ihn
wohl, den Gauch, der bereit war, sich an mir zu vergreifen; und im
tiefsten Kerker meiner Burg mg' er verschmachten! Ich wute, da
sein Ha gegen mich tdtlich war, und dennoch wollt' ich ihn nicht um
Erbarmen bitten. Ich htt' es nicht gethan, auch wenn ich da den
grausamsten Tod an der Hand gehabt htte.

Aber Gott verschaffte in dieser meiner hchsten Noth, da eine
Frbitte fr mich laut ward, wie sere mein Ohr nicht vernehmen
konnte. Denn an der Seite des Bischofs war Irmela herzugekommen und
hatte kaum den Jammer ersehen, in dem ich schwebte, als sie an den
Ritter sich wandte, und ich merkte wohl, wie sie bleich war und ihre
Stimme erbebte in mitleidiger Sorge um meinetwillen.

Gilt Euch etwas meine Bitte, Herr Conrad, sprach sie, so begnadet
den Singer, wie schwer auch seine Fehle sein mag, mit der er Euch
erzrnet hat, und lat ihn frei!

Ihr thut Eurer Ehre zu nahe, Werthe! sprach er unwillig, so Ihr die
Macht Eurer Frbitte fr einen Solchen einlegt. -- Kommt! Lat uns
nicht lnger durch ihn das Fest gestrt sein!

Damit winkt' er den Schergen, die mich hielten, da sie mit mir thten
nach seinem vorigen Befehle, und gab den Herren ringsum ein Zeichen,
mit ihm zur Lustbarkeit zurckzukehren, indem er sich zur Braut
gesellte, sie zu den Tischen zu geleiten. Die aber stund noch
unbeweglich: in ihrem Herzen bestritt die maidliche Scheu den
sehnlichen Wunsch, mir zu helfen. Aber wie sollte das geschehen? Noch
einen Augenblick, so war ich in Banden gefesselt und zu jammerhaftem
Ziel hinweggefhrt.

Indem waren Andere bereit, meine Errettung aus des Gernsteiners Gewalt
zu Handen zu nehmen; wie wohl ihnen das bel und mir zu groem Leide
gerieth: nicht die Elzeburger, die noch da stunden; denn sie durften
Angesichts der Ritterschaft nicht wagen, sich fr mich ferner
einzulegen. Aber die zween Fahrenden strmten in Eile herzu und
verlegten dem Bischof, der sich eben zum Gehen anschickte, den Weg.

Wrdiger Herr! riefen sie mit Hast, und so da Einer des Andern
Rede ergnzte, wenn ihm darber der Odem ausgieng, Wrdiger Herr! Ihr
drft nicht leiden, da Dieser weltlichem Gericht berantwortet werde
-- Ihr drft nicht! Der Singer ist nicht, wofr er das Ansehen hat.
Wir knnen's mit Schriften darthun. Er gehrt der heiligen Kirche zu
-- ist dem Kloster zugesprochen -- ist geistlich! Der Abt von
Maulbronn hat ber ihn Gewalt!--

Auf diese Worte entgieng mir aller Trost, meine Kraft verlie mich und
die Scham, da ich so zu Schanden ward, schlug mich nieder. Alle
muten es mir ansehen, da es sich also hielte, was Jene von mir
bezeugten, und als der Herr Gebhardus sich zu mir wendete, mich zu
fragen, ob ich etwas vorzubringen wte wider der Beiden Zeugni,
wagte ich nicht zu antworten, noch die Augen zu erheben. Nur, als ich
den Gernsteiner hhnisch sagen hrte: Ein verlaufener Mnch, Irmela!
zwang mich der Schmerz aufzusehen und ich erbebte, ob ich auch in
ihrem Angesicht nur Unwillen und Verdammung finden wrde, oder ach!
nur ein wenig Mitleid untermischt. Doch als ich flehentlich zu ihr
hinber blickte, kehrte sie sich von mir hinweg, und mit bitterem Weh'
im Herzen lie ich meine Arme wieder sinken, die ich nach ihr erhoben
hatte, und die Sinne wollten mir vergehen vor klglicher Kmmerni.

Derweilen hub der Bischof an, mit groer Strenge Befehl zu geben, da
ich, bis der Sache weiter gerathen wre, unten in die Burg in
Gewahrsam gebracht wrde; denn der Herr derselben war des Speyerischen
Bisthums Hintersasse. Das sollte ohne Sumen geschehen, damit das Fest
nicht lnger Verzgerung erlitte; Tags darauf wollt' er das Nthige
vornehmen. Die Fahrenden hie er zu fernerer Bekundung zur Stelle
bleiben.

Als der Bischof Solches ber mich verfgt hatte, begab er sich mit den
brigen von der Ritterschaft, die um ihn waren, hinweg, und auch der
Tro und die Menge verlief sich allgemachsam; aber Wunders hatten sie
genug ber das, was sich mit mir zugetragen.

So ward ich denn als Gefangener des Bischofs von dannen gefhrt, ein
klglicher Mann. Die Leute, so uns auf unserem Wege begegneten,
blieben stehen und beklagten meine Jugend; sie muten denken, ich wr'
als Schcher ergriffen und wrde zur Richtstatt geschleppt; denn
gewilich so war mein Aussehen. Mich reute zu leben, und die Welt vor
mir war verwandelt. Die Luber des Waldes erschreckten mich mit ihrem
Rauschen, der Himmel ber mir hieng wie ein hrener Sack, und als wir
in's Thal hinabkamen, dessen lieblich Bild sich so licht meiner Seele
eingeprgt hatte, lag es vor meinen Blicken wie berdeckt mit einem
schwarzen Schleier.

Im Dorf, als wir hindurchgiengen, that sich manches Fenster auf, und
Mnner und Frauen lugten nach mir aus; sie fragten wohl auch nach
meiner Missethat, welche das wre. Da sagten meine Schergen, um
bermuths willen und Frevels gegen den heiligen Stand wr' ich
gefangen auf des Bischofs Gehei; So gnad' ihn Gott, hrt' ich dann,
nun ist ihm das Pochen und die weltliche Lust vergangen. Kinder, die
auf der Strae spielten, wichen vor mir scheu hinweg und liefen zur
Seite hin zu ihren Mttern, die auf ihren Armen die kleineren trugen.
Sie huben sie wohl dann in die Hhe, da sie mich besser ersehen
mchten, und wiesen auf mich und mahnten ihre Kinder, nicht auch bs
zu werden, auf da es ihnen nicht widerfhre wie mir.

Dies Alles sah und hrt' ich, ob ich gleich meine Blicke tief zur Erde
senkte und meine Ohren vor Allem, was um mich her vorgieng, in dieser
martervollen Stunde zu verschlieen trachtete. Denn des Menschen Herz,
wenn es recht unselig ist und ganz trostlos, hat die Art an sich, auch
wider Willen fr seinen Jammer Nahrung zu suchen, sich um so mehr zu
krnken und zu betrben.

Wir waren zur Wegscheide gekommen, wo der Anstieg zur Burg hinauf sich
abzweigt. Festlich flatterte von des Thurmes Zinne zu Ehren der
Frhlichkeit des Tages das Speyerische und des Burgvoigts Banner. Mich
sahen sie an, wie Fahnen, die in der Krypte um eine Tumba traurig
wehen, und schaudernd lenkte ich meinen Blick hinweg und folgte mit
Seufzen meinen Fhrern den steilen Pfad hinan. Wir waren nur erst eine
kleine Strecke zur Hhe gedrungen, als ich hinter mir vom Wege her
mich laut mit Namen rufen hrte.

Ich wandte mich, und: Brun! ach, Brun! -- mehr konnt' ich vor
inniglichem Leide nicht sprechen.

Er aber stund an seiner Stelle als Einer, der sich ber meinen Anblick
schier entsetzte; seine Brust keuchte und seine Stimme war gedmpft,
wie unter der Last tiefen Grams.

Also mu ich's doch mit diesen meinen alten Augen sehen, was mich so
manchmal im Traum erschreckt hat, und was abzuwenden ich zu Gottes
Gnade in allen meinen Gebeten fr Dich gefleht? Diether, Diether --
was hast Du gethan? Welch' Herzeleid schaffst Du mir?! Ach, ich soll
nicht Frieden finden -- nimmer -- nimmer!

Seine Klagen jammerten meine Schergen, und einer von ihnen hub an und
erzhlte, wie es mit mir ergangen wre; wie ich oben beim Feste vor
allem Volk das Beste im Singen vermocht, wofr mir das Frulein den
ausgesetzten Preis zuerkannt htte; darnach wr' ich in Hndel
gerathen, zuerst mit dem Tro der Herren, sodann htt' ich des
Bischofs Neffen zum Zorn gegen mich gereizt, bis es von Ungefhr an
Tag gekommen wre, da ich dem Kloster entronnen; so htte der Bischof
geboten, mich gefangen hinwegzufhren, da nachfolgends mir mein Recht
geschhe.

Auf diese Worte meint' ich, Brun wrde mit harter Scheltung mich
strafen, wie ich das reichlich von ihm verdiente; aber er that davon
nichts, sondern das Leid, darin ich stak, nahm er auf, als trg' auch
er daran einen Theil der Schuld. O, ich konnt's denken, konnt's
denken! murmelte er etliche Male und strich sich mit seiner Hand in
tiefem Sinnen die Stirn.

Dann rafft' er sich auf und fragte, ob es ihm verstattet wre, noch
einmal mich zu umfahen; und als sie ihn beschieden: Ja, das drfte
geschehen! so stieg er hinan uns nahe, und mich lieen sie los, da
ich ihm entgegen schreiten konnte. Da umfieng er mich mit seinen Armen
ganz liebreich, und ich konnte die meinen nicht um ihn schlingen (denn
sie waren mir rcklings gebunden) und htt' es doch so gern gethan,
ach! nur einen Augenblick: ich Verstoener!

Er aber sprach: Diether, ich gedachte, Du solltest vor diesen
Versuchungen bewahrt bleiben; ich sah, da sie Dir drohten. Nun
erkenn' ich: es sollte nicht sein, da es nach meinem Dnken angienge.
-- Heute war ich in der Abtei, Dich heimzusuchen; man sagte, Du wrest
hauen und da ich Deiner harren sollte. Aber mich trieb's hinweg, und
die Sage der Leute von dem Feste hier lenkte mich her. -- Jetzt kommen
Rath und Warnung zu spt. Gott gnade uns nach Seiner Langmthigkeit
und Geduld! Diether, fahr wohl! Du siehst mich am frohen Tage wieder
oder auf Erden nimmer mehr!

Als er darauf mich kte, fhlt' ich eine Zhre aus seinem Auge auf
meiner Wange; sie hieng da noch, als er schon hinab war und, ohne sich
noch einmal umzukehren nach mir, eilig durch das Dorf frder schritt.
Oft hab' ich spter Gott dem Hohen gedankt um diese Zhre, da ich sie
nicht hinwegwischen konnte mit meinen gebundenen Hnden (vielleicht
htt' ich's sonst gethan) und also nur die Luft des Himmels ihn
berhren durfte -- den gebenedeiten Tropfen, das schmerzlich kstliche
Vermchtni.--




Achtes Capitel.

In Haft.


Droben in der Burg ber dem dstren Eingangsthore war die
Pfrtnerswohnung. Ich erfuhr's, noch ehe wir unter den gewlbten Bogen
schritten. Denn wiewohl die Thorflgel offen stunden, hielten wir doch
vor ihnen mit Gehen still, und einer der Leute, so mich gefangen
fhrten, rief zum kleinen Fenster in der tiefen Mauer hinauf. Auf
seinen Ruf lugte alsbald ein Weib hernieder, so alt und greise, da
man's schier nicht erdenken konnte, sie mchte je jung und glatt
ausgesehen haben; die fragte mit keifernder Stimme, was man schon
wieder begehrte, das Thor wre ja offen und Keiner gehindert, hindurch
zu gehen; ob denn sie allein heute, da Alle ihre Ergtzung htten, der
Ruhe entbehren sollte und nicht ein Wenig stille sitzen.

Wir kommen ja nicht allein, Mutter! sagte der Knecht wieder,
begehren auch nicht Eures Dienstes fr uns. Wir bringen Euch einen
Gefangenen, den Ihr mit allem Flei hten sollt, wie unser gndiger
Herr Euch scharf einbindet; denn der Bischof Gebhard selber hat ihn
hieher verordnet.

So gnade mir Gott und der heiligen Nothhelfer ganzer Hauf', als ich
da nicht unterscheiden kann, ob ein Fremder unter Euch ist. -- Ich
hr' das Muslein rascheln im Thurm, aber meine Augen sind trb.

Nach diesen Worten verschwand sie und eines alten Mannes Gesicht ward
an ihrer Stelle gesehen. Das war nicht minder welk und greis als das
ihrige und verwittert, wie das Gemuer, aus dem es hervorlugte.

So bringt ihn herauf! sagte der Alte mrrisch, nachdem er einen
Blick nach mir gethan, und zog dann seinen Kopf wieder zurck.

Eine hlzerne Stiege auen an der Mauer fhrte in die Wohnung der
Leute. Als wir durch das Thor geschritten waren und ich oben auf der
Stiege ankam, stund die Alte schon in der geffneten Thr.

So jung, so jung und schmuck dazu! sagte sie, indem sie mir
hereinwinkte und mit ihrem Gesichte mich ganz nahe musterte; dann zu
den Knechten gekehrt: Ja, die Augen wollen nicht mehr, aber die Ohren
sind scharf; doch mit meinem tauben Alten zusammen, der sieht wie ein
Luchs: das thut's. Zu diesen Worten verzog sie ihren zahnlosen Mund
zum Lachen.

Indem hatte der Alte mit Mhe eine schmale Thr aufgeriegelt, die auf
mehreren Stufen aus dem Gemach der Alten in einen dunklen Gang fhrte.
Wirklich mut' es wohl wahr sein, was das Weib von ihres Mannes
scharfem Gesicht gerhmt hatte; denn selbiger gieng, nachdem ich
geheien war ihm zu folgen, so sicher seinen Weg da hindurch, da ich,
der ich mit meinen Fen tastete, hinter ihm verzog. Nun schlo er mir
eine zweite Thr auf und ffnete den Raum, der mir zur Haft bestimmt
war. Die Alte brachte mir Brot und Wasser, und dann giengen die
Beiden, ohne ferner mit mir ein Wort zu reden, und schlossen die Thr
hinter sich.

So war ich allein und von aller Welt abgeschieden; selber das kleine
Stcklein Himmel, von dem durch die schmale Mauerffnung drftiges
Licht hereindringen sollte, war durch hufige Spinnweben zwischen den
Eisenstangen mir so verdeckt, da er grau schien und trbe.

In dieser Einde brach mein Schmerz, der so lange stumm gewesen war,
mit aller Macht hervor, und ich wehrte ihm nicht. Ich hub bitterlich
an zu weinen und zu klagen, nannte mich unselig und den Elendesten
unter allen Menschen. Mein waglicher Sinn und mein froher Muth waren
nun gnzlich niedergelegt und gar hin, dagegen Seel' und Leib lauter
Zagheit und Bldigkeit.

Ja, ich war in schwere Snde und Untugend gerathen und darinnen
verharret beinahe vom ersten Tage meiner Fahrt aus dem Kloster bis
hierher. Ich war mit Lug und Trug umgegangen und dessen gewohnet
worden in Elzeburg, ich hatte meine Lust daran gehabt auch hernach und
damals belacht, was ich jetzt so klglich beweinen mute. Dazu waren
Hoffahrt gekommen und eitler Stolz auf meinen Witz und die Kunst, von
der ich nie htte erfahren sollen, da ich sie bese. -- Ach, und
nicht allein mich, sondern alle die, so mir zumeist Gutes gnnten,
denen ich dienen sollte und zur Freude helfen nach Pflicht und allem
Vermgen, hatt' ich bitter gekrnkt und in Leid gebracht; mute nicht
Irmela irre an mir geworden sein und Brun mich verachten und der Abt,
dessen Vertrauen ich so grob getuscht hatte?

Wie wird mir's im Convent ergehen, wenn da meine Missethat auskommen
wird, rief ich, wie wird Albrecht's strenger Eifer fr die Ehre der
Abtei mich treffen, der ich den Namen des Klosters in allen frommen
Ohren stinkend gemacht habe? Und dann trat vor mich der Gedanke an
all' die Schmach, an Spott und Schande, die mein warteten; an des,
dumpfes Gefngni, an Geiel, Kasteiung und Einsamkeit. Dem gegenber
stellte sich wieder die Erinnerung an das bunte Leben der sonnigen
Welt, das mich so frhlich angelacht hatte, und der Wunsch, nach ihren
Ehren zu trachten, und Irmela's ses Bild. Da gedacht' ich auch, da
der Abt selber mich auf den Weg gedrngt htte, wo sich diese Welt mir
aufgethan, da sie mich nach Elzeburg gezwungen hatten und die erste
List mir nothweise aufgedrungen war.

War's nicht doch ungerecht, da ich nun so hart dafr ben und darum
in Schande und Strafe kommen sollte, um was drauen mir Lohn und Lob
gewi war! Und ich dachte des seligen Augenblickes, da ich vor Irmela
kniete und den Kranz empfieng; ich dachte auch der Huld, mit der sie
fr mich bat, und ihrer Traurigkeit zuletzt, da sie es nicht mehr
konnte.

O, da ich sie noch einmal bitten knnte, mir nicht zu hart zu
zrnen, da ich ein Wort nur der Vergebung aus ihrem Munde vernhme!

Aber meine Seufzer hallten von den dumpfen Mauern wieder, die mich
umschlossen, und mir blieb nichts, als mit meinem Jammer wider mich
selbst zu wthen in unmchtigen Klagen.

O, der Seele, die in Nthen schwebt, wird schlecht gelohnt, so sie
sich in Zweifel verfngt und nicht vermag, sich stracks zu Gott zu
kehren.

So wnscht' auch ich, da ich nie geboren wre und zu solchem Unglck
gespart; ich that des klglichen Jammers immer mehr und des Scheltens
und Anklagens, bis ich nicht mehr konnte und schweigend niedersa auf
die bloe Erde, mit beiden Hnden mein Gesicht berdeckend.

Wie lange ich so sa regungslos, wei ich nicht; aber allgemach
wurden meine Klagen stiller und meine Traurigkeit sanfter. Vor meinen
verschlossenen Augen verschwand der trbselige Ort, der mich gefangen
hielt, und meiner Seele wuchsen Flgel, die sie hinaustrugen zurck
in's helle Sonnenlicht, in die freie Welt. Ich sah mich wieder auf der
Hhe, und die Festfreude umgab mich. Irmela's lichte Augen sah ich,
wie sie aufblickten und ich nicht widerstehen konnte, weil's mir war,
als suchten sie mich; vor sie trat ich, zu singen, was mein Herz mir
eingab, und wunderte mich, da ich dazu die Khnheit gewann und wute
doch, sie zu erfreuen, htt' ich Alles gewagt. Und nun tnte der Klang
ihrer sen Stimme wieder mir in den Ohren und sie beugte sich
hernieder, mich mit dem Kranz zu zieren, und grte mich mit gtigem
Wort. Da ich davon hohen Muth empfieng, warum verdachten sie mir das?
Durft' ich den Unglimpf nicht rchen, den sie mir zufgten; durft' ich
ihnen nicht zeigen, da ich ein Vermgen in mir fhlte, und mich nicht
verachten lie; hatte sie mich doch nach allen Ehren belohnt!
-- Gewilich, wenn ich ihr noch einmal nahen, wenn ich ihr offenbaren
knnte, wie Alles sich mit mir begeben hatte: sie wrde mir nicht
lnger zrnen, sie wrde mit Trost mich aufrichten, sie wrde mir, was
ich gethan, zur Unehre nicht anrechnen. Dann drfte mich Niemand
verachten -- nein, auch jetzt nicht.

Jetzt?! Wo war ich denn? Gefangen gelegt, frevlen Truges berwiesen;
und alles Trachten und Whnen, das mich hinauszog: es war nichts
Anderes, als eitles Trumen, vergebliches, ja verbotenes Wnschen!

Ich sprang auf und sah mich um.

Aus der Dmmerung, die hier schon sich verbreitet hatte, starrten die
geschwrzten Wnde fremd und schweigend mich an. Die Erinnerung an den
sich neigenden Tag und die Erwartung der Nacht, die kommen wrde, de,
traurig, lichtlos, erneuerte in mir das Gefhl meines Elends. Es war
mir schier, als knnt' ich's nicht ferner ertragen, so eingesperrt zu
sein und einsam den beln entgegen zu harren, die mir bevorstunden.
Der thrichte Gedanke, als wr' mir ein Entrinnen mglich, ergriff
mich. Ich eilte nach der Thr, stemmte mich gegen die Riegel, hub an
den Angeln, rttelte an den Pfosten; ich lief immer wieder die Wnde
entlang, tastete herum, pochte an's Gestein aus aller Macht, ob etwan
ein verborgener Ausgang zu finden wre, und ich stund stille mit
tiefem Seufzer, als ich erfunden hatte, wie Alles vergeblich war. Mit
sehnendem Verlangen blickt' ich hinauf zur ffnung. Nur ein Wlklein
wnscht' ich zu sehen, vorberschwimmend, wohin der Wind es trieb,
oder eine Schwalbe im Husch durch die Luft streichend: aber da hieng
dster der Vorhang der staubigen Spinnweben und bewegte sich nur etwa
von einem armen Schmetterlinge, der in den Fden gefangen war und sich
nun zu Tode flatterte.

Wenn nur zum wenigsten diese groe Stille nicht wre, die mit der
Dmmerung zu wachsen schien; wenn ich nur einen Laut vernhme, nur
einen! Den Hall einer menschlichen Stimme unten vom Thal her oder den
Ruf eines Vogels aus den Lften! Ich lauschte, aber ich hrte nichts.
Ich erhub selber meine Stimme, aber der Wiederhall von diesen Wnden
klang hohl und erschreckte mich.

Da drckte ich mich in eine Ecke, als knnt' ich mich so vor den
Schrecknissen bergen, die mich umgaben nher -- nher, und versank in
dumpfes Brten. Bald hieng ich zwischen Wachen und Schlafen und merkte
nicht auf die Zeit, wie sie hinschlich, nur da es immer dunkler um
mich her ward, und endlich ganz finster. Dennoch lie ich nicht ab,
meine Augen weit aufzuthun, ob ich gleich wute, es diente zu nichts,
und entri mich der Mdigkeit, um mit allem Flei zu horchen: --
vergeblich -- vergeblich!--

Aber nein! Das war ein Gerusch wie von einem zurckgeschobenen
Riegel, wie von einer in ihren Angeln erknarrenden Pforte. Jetzt
wurden Schritte hrbar, nur leise, aber sie kamen nher; jetzt machte
sich Einer am Schlo der Gefngnithr zu schaffen, dann ward ein
Schlssel darin umgedreht -- ein Lichtschein ward sichtbar -- die Thr
that sich auf.

     Pst, Junker Diether, lebt Ihr noch?

hrt' ich eine Stimme, die im Flsterton zu bleiben trachtete und
doch laut genug schnarrte; ein runder Krauskopf streckte sich durch
die geffnete Thr und eine kurze Gestalt schob sich ihm nach und lie
den schwachen Schein der Leuchte in ihrer Hand im Gefngni
umherwandern.

     Hu, was ein des Jammerloch!

sagte der Kurze dabei und verzog seinen breiten Mund.

Ich konnte mich nicht genug verwundern ber das Alles, da ich vor
Staunen schier wie angewurzelt war und meinen unerwarteten Gast nur
anstarrte. Endlich traf mich der Schein seines Windlichts. Da setzte
er es zur Erde, machte etliche Schritte mir entgegen und kratzte mit
seinem rechten Fu hinten aus, indem er, seinen Hut schwenkend, sich
tief vor mir verneigte.

     Euer Knecht in aller Willigkeit,
     Zu jedem Dienst allzeit bereit,

sprach er und legte die freie Hand auf seine Brust, seine
Ehrerbietigkeit noch deutlicher zu bezeugen.

Ei, ei! sagt' er dann wieder und wies auf den Platz, den ich inne
hatte:

     Wie hat man doch hienacht
     Die Ruhsttt' bel Euch gemacht!

Ach, ja! und 'nem Junker! -- 's ist 'ne Schand! -- Das will ein Bischof
sein und eines Bischofs Voigt?! 's ist 'ne Schand' fr die ganze
christliche Ritterschaft! -- Er sah wieder verchtlich sich um. So
ein Otternloch! So eine Lwengrube!! Es vergeht einem schier das
Reimen, wenn man Euch da sieht, ob sich's gleich mit der Ecken, drin
Ihr hockt, und Verstecken so leicht thun liee!

Ich richtete mich auf, ihm nher zu kommen; da wich er einen Schritt
hinter sich, neigte sein Haupt zur Seite und hub an mit seinen kleinen
Augen mich von Kopf zu Fen zu messen und hinwieder, indem er dabei
eine seiner Hnde ber die Stirn legte.

Ah, rief er dabei, so ein stattlicher Junker, schlank und gerade
-- so fest im Gang, so zierlich in den Hften, so breit in den
Schultern, so stolzen Hauptes! Und er schnalzte mit seinen dicken
Lippen. Ho, ho! So wahr ich Klingsohr heie: Ihr werdet ein wackerer
Ritter und bald noch andere Krnzlein davon tragen, die Euch kein
Gernsteiner herunterreien soll -- ein Prahler, Junker! nichts weiter
-- ah! und schne Frauen und edle (dabei blinzelte er mich an und
schlug sich vergngt auf die feiste Lende) -- schne und edle Frauen
werden Euch die Krnzlein aufsetzen, vor welchen immer es Euch geliebt
hohe Ehren zu erjagen.

Ich achtete seines Geschwtzes nicht, darin ich keinen Sinn erfand,
auch nicht eines Haares breit, und fragte nur, immer noch des Wunderns
voll, wie er hier hereingekommen wre.

Rathet, Junker! gab er zur Antwort. Wem dank' ich's wohl? -- Da
Ihr's wit: meiner Kunst, der Magie, der weien oder schwarzen,
gleichviel!

     Sie fllt Topf und Tiegel,

das wit Ihr schon,

     Aber sie sprengt Schlo und Riegel,

das erfahrt Ihr jetzt. -- Mein Gesell, der Tannhuser -- er versteht
sein' Sach' ausbndig, nicht? -- der htt' sich hierhinein und durch
die Thren nicht gefiedelt und nicht gesungen, beharrt' er gleich bei
seiner Musica bis zum jngsten Tage. Aber die Magie ist in solchem
Handel, wie der Eurige, eine wundertreffliche Kunst, wer ihrer wohl
kann. Seht, Junker, wir machten uns an die beiden Alten im Stblein
berm Thor. Nu, man wird gewitzigt und lernt, wie das anzufangen! 'S
war just nicht leicht, Junker! Denn die magische Kunst, die bei dem
Alten taugte, ihm die Augen zufallen zu machen, verfieng bei seiner
Hex nichts mit dem scharfen Gehr, und so hinwieder.

Und so war verschiedentliche Arzeneiung vonnthen; aber wir machten
die Symptomata bald ausfindig, wie die Medici sagen.

Wisset, Meister, -- nein, Junker Diether: es gibt eine _materia_, die
schlgt Euch in der Welt bei den Menschen allermeist sicher an, ihre
Complexiones und Humores mgen sein, welche sie wollen. Ihr braucht
sie ihnen nur von Ferne zu weisen, so fht sie allbereits zu wirken
an. Das Gold ist diese Materie, _aurum_ nach lateinischer Zunge; aber
wir Magi nennen sie die _essentia quinta_: denn es ist der Vorsprung und
Ausbund aller Elemente. -- Gut! damit versucht' ich's nach _regula
artis_ bei der Alten; ich sagt' ihr vom Alrunmnnlein, wie man von dem
tglich einen Ducaten bekme. -- Ah! der Kder lockte den Vogel, und
sie fragte, wie das anzugreifen wre, da man sich den Unhold zu Wege
brchte. Ich gab ihr Bescheid: Ja, die Johanniszeit wr' wohl
geschickt dazu, ein Wrzlein zu gewinnen, das krftig wre, und von
Ungefhr htt' ich wohl drben auf dem Berge um den Galgen herum eines
gesehen, das aus dem Blut eines mit dem Rade gebrochenen Schchers
gewachsen sein mchte: aber solch' ein Fntlein draus zu bereiten, das
Tugend htte, kostete nicht blo Kunst, sondern auch Eifer und
Unverzagtheit. -- Kurz, Junker, um weidlichen Lohn und auf ihren Eid,
da sie Nichts von der Heimlichkeit ausbrchte, verstunden wir uns
dazu, der Alten den Willen zu thun. Sie steht jetzt unterm Galgen, gen
Mitternacht gekehrt, darf kein Wort sprechen, noch sich umkehren,
dieweil mein Gesell hinter ihr hantiert mit Spruch und Beschwrung um
die Alrune.

Ich aber bin droben geblieben im Stblein; denn ich mute doch die
Salben bereiten, das Galgenmnnlein damit einzureiben, wenn sie's heim
brchten. Aus dem Weinkrug, den sie mir gefllt zurcklie, als sie
gieng, hab' ich auch dem Alten eingeschenkt, dem die geizige Hex das
Na gar selten gnnet, so theuer er es liebt. Er ist davon bald
eingeschlafen und, wie es sich ansieht, fest und lange, wozu etlicher
Maen das Plverlein geholfen haben mag, das ich ihm in den Trunk
geschttet. -- So hab' ich denn gedacht, bis die Alte heimkommt, da
wir ihr die Wurzel feien, knnt' ich eben so gut die Schlssel
brauchen, die da drinnen ob dem Alten an der Wand hiengen, und Euch
heimsuchen, Junker Diether, dessen Herberge ich mir von Eurem Wirth
zufallens hatte sagen lassen.

Darauf lupfte er wieder seinen Hut, neigte sich und sprach:

     So wit Ihr nun das Wo, und wie
     Ich kommen bin zu Euch allhie:
     Durch meine Kunst, durch die Magie.

Dazu rieb er sich vergnglich die Hnde. Doch nun hebt wieder an,
Junker! sagt' er dann und drehte die Daumen um einander.

Womit soll ich wieder anheben? fragt' ich ihn.

Ach, Junker, besinnt Euch! und er wiegte sein Haupt langsam hin und
wieder.

Was meinet Ihr? fragt' ich wiederum.

Junker, Junker!! Weiter erwiedert' er nichts, indem er beide Hnde,
die Finger ausgespreizt und ihren Rcken mir zugekehrt, langsam in die
Hhe hub.

Was nennt Ihr mich immer Junker? rief ich rgerlich, da er die Worte
sonderbarlich in die Lnge zog.

Auf diese Frage wurde er berlustig, sprang mit Lachen hin und her und
sagte dabei: Nu, habt Ihr's endlich gefunden?! Just die Frage ist's,
die ich von Euch hren wollte; just sie. O, was seid Ihr wunderlich!
Lat Euch an sogethane Frage lang' erinnern, und sie war doch so
leicht zu stellen. -- Warum nenn' ich Euch Junker? Dabei stellt' er
sich wichtig vor mich hin und stemmte die Hnde gegen seine Hften:
Ja, freilich! Das ist's! Das ist das _punctum saliens_, wie es die
Grammatici heien, nicht? -- So gebt wohl Acht, da Ihr wohl hret,
was Ihr wissen wollt! Aber zuvor harret noch einen Augenblick!

Bei diesen Worten gieng er hin, wo das Windlicht von ihm hingestellt
war, und rckte es so, da ich wieder ganz in seinem Scheine stund.

Also, warum ich Euch Junker nenne? Das ist die Frage; sie ist klar
und weislich; und das ist die Antwort, nicht minder klar und
gewilich: Weil Ihr's seid, weil Ihr eben dies seid und gar nichts
anderes, als ein Junker; ein ehrlicher, ein wohlgeschaffener, adeliger
Junker, wie nur irgend einer in der Christenheit zu finden ist vom
Aufgang bis zum Niedergang. -- He, nun? Was dnkt Euch davon?! Gewi,
Ihr denket: Was ist's? Klingsohr ist ein Gauch, ihm darf man nicht
trauen, er leugt daran! -- Denket Ihr nicht also, Herr? -- Thut's
immerhin, aber zuvor hrt mich an!

Darauf erzhlt' er in seiner Weise, die Worte nicht sparend und sie
hastig hervorsprudelnd, wie, nachdem ich abgefhrt worden wre, er und
sein Geselle htten dem Bischof Rede stehen mssen ber mich, was sie
von meiner Person und von meinem Stande wten. Darnach htten sich
die Herrschaften zu Tische gesetzt, die Mahlzeit zu halten; dabei wre
Herr Conrad sehr aufgerumt gewesen, aber seine verlobte Braut desto
nachdenklicher und stiller. Als man nun da kaum zu tafeln angefangen,
wre ein alter Mann mit langem, greisen Barte, des Aussehens und
angethan wie ein Siedler oder Waldbruder, herzugestrmt und htte mit
hochbeweglichen Worten den Bischof angerufen, den gefangenen Jngling
frei zu geben, maen der dem Kloster nicht frder angehren drfte.
Denn Diether wre adeligen Stammes, von hochberhmtem Geschlecht, wie
er selber. Der Jngling wre sein Sohn. Das wolle er nach aller Gebhr
darthun und verlange ihn in Kraft vterlicher Gewalt in seine Hnde
aus dem Kloster, darin er bis dahin gesessen, wiewohl er die heiligen
Gelbde noch nicht abgelegt und auf sich genommen habe.

ber solche Rede htten sich Alle nicht genug verwundern knnen. Der
Bischof htte ernst drein gesehen, als machte er sich hart, und der
Gernsteiner finster; auch htte der spttisch sich hinweggewendet, als
dcht' er nicht anders, denn da es Possen wren, die da frgewendet
wrden. Aber wer Graf Eberhard betrachtet htte, der htte spren
mssen, wie nahe dem Elzeburger Herrn des Alten Rede zu Herzen gieng.
Als nun aber Beider Blicke sich begegnet und nach kurzem staunendem
Stillschweigen der Alte gerufen htte: Eberhard, gedenkst Du Bruno's
noch? Schlft in Deiner Seele noch ein Gedchtni unserer Freundschaft
aus lngst verschwundenen Jahren, das aufgeweckt werden kann? als
darauf die Beiden sich umfangen und keines Wortes mchtig unter
inniglichen Zhren sich begrt, da wre Manchem das Herz entbrannt
ber solchen Anblick, und alle htten aufgehorcht, wie er wieder
gesagt: Er ist mein Sohn, Eberhard, mein Sohn! -- Gott hat ihn mir
zugefhrt. Ich wagte nicht, mich zu ihm zu bekennen; der finstere
Schatten meiner Schuld, dacht' ich, sollte auf die friedliche Bahn
seines jungen Lebens nicht fallen; ich, ich trieb ihn in's Kloster
zurck, und wollte selber verborgen bleiben vor ihm, vor der Welt.
Aber nun ruft er mich in sie zurck nach Pflicht und Liebe, und bei
unserer einstigen Waffenbrderschaft bitt' ich Dich: Hilf ihn mir
retten, Eberhard, hilf ihn mir retten!

Auf diese Worte, erzhlte Klingsohr weiter, gnnten wir Alle dem
Alten, da ihm nach seiner Bitte geschhe; denn da er in Allem die
Wahrheit bezeugte, daran zweifelte Keiner, und Graf Eberhard lag dem
Bischof mit starker Frsprach' an, Euch, Junker, herauszugeben und des
Klosters zu entbinden, auch die Ungebhr, damit Ihr Euch versndigt
httet, an Euch nicht ferner zu strafen, sondern selbige dem wallenden
Muth der aufstrebenden Jugend zuzurechnen. Dazu, wiewohl sie bis dahin
wenig sich zu ihrem Brutigam gekehrt hatte, hub auch die edle
Jungfrau Braut herzlich in Herrn Conrad zu dringen an, da er Euch zur
Freiheit hlfe und dazu seinen Ohm bewegte. Aber an der verlangten
Frsprach' hatte, wie es mnniglich kund ward, der Ritter weder Lust
noch zeigte er einigen Eifer dazu, und seine unmilde Gebrde
erschweigte die Jungfrau, da sie traurig ablie, ferner ihn zu
bitten. Desgleichen auch Seine Gnaden, der Herr Bischof, was meint Ihr
wohl, ob seine Antwort gndig lautete? Mein' Treu, nein!

Er zog freilich seinen Worten ein solch' Kleid an, da sie ihm, dem
geistlichen Vater, nicht gar zu bel stunden, noch unhbsch erschienen
und ungelind: aber, glaubt mir, sie hatten die Absage hinter sich, die
harte Absage, nichts anderes. Er sagte -- o, er stellte Euch die Worte
meisterlich! -- er sagte also: Es stnde leider bei ihm gar nicht, der
Meinung seines Herzens nachzugeben, das auf so bewegliches Ersuchen
und so eindringliche Bitten werthester Freundschaft freilich ohne
Verzug ihm die Gewhrung abzwingen wrde; aber er drfte nichts in
dieser Sache wider die Satzungen der heiligen Kirche, und das sei ein
bedenklicher Handel; was dazu von Maulbronn und sonst fr Beweis und
Urkund fr und wider wrde an's Licht gebracht werden -- darauf km'
es an, und bis dahin mte Inculpat allerdinge dem geistlichen Gericht
unterstehen und drfte des Gewahrsams in keinem Wege entledigt werden.
Im brigen wrde er sich die Ehre der Kirche und des heiligen Ordens,
wie das Begehren seiner Freunde und Euer Bestes, Junker, bestndig vor
Augen halten.

Da httet Ihr sehen sollen, Herr Diether, wie starken Kummer Euer
Vater aus solchen Worten sich zu Herzen gezogen hat. Denn er hatte
wohl die Vereinigung mit Euch nher gesehen. Er senkte eine kurze
Weile schweigend sein Haupt. Dann sprach er zum Bischof mit groem
Ernst: Wrdiger Herr! Ich ehre die heiligen Gebote der Kirche. Aber
wehe! wenn sie sich wider Gottes Gebot und Willen setzen. Er begehrt
gezwungnen Dienstes nicht. Er ruft meinen Sohn zu mir. Da ihm
Freiheit werde, diesem Ruf zu folgen, das ist mein Tagwerk; ich mu es
vollbringen!

Alsdann winkt' er dem Grafen zu und sie unterredeten sich, indem sie
ein wenig abseits wichen. Aber nur eine kleine Zeit, so lie Herr
Bruno sich nicht aufhalten, sondern umfieng Herrn Eberhard mit
herzlichen Worten, nahm seinen Urlaub und gieng ungesumt und mit
eilenden Schritten von dannen.

Mu ich sagen, wie mir zu Sinne war bei Allem, was mir Klingsohr
berichtete; wie ich erschrak, als ich zuerst von Brun's Ankunft auf
der Hhe vernahm; wie mir's dann im Herzen aufgieng einem
freudenhellen Sommertage gleich, dessen aufgehende Sonne von jubelnden
Lerchen tausendstimmig begrt wird und in ungezhlten Thautropfen
sich spiegelt, als ich erfuhr, wer Brun war, welch' heilig Band mich
mit ihm verknpfte, und da er mir in Bruno's Geschichte seine eigne
Vergangenheit, die Wunden und Hoffnungen seiner Seele anvertraut
hatte! Mir war's dem Falken gleich, dessen von der Hlle befreitem
Auge man hoch in den Lften das Ziel weist, dem er sich mit freudigem
Geschrei entgegenschwinget. Auch mir winkte nun solch' ein Ziel:
meinem Vater, der mich so und den ich so liebte, nahe zu sein, ihm zu
Trost und Erquickung, ihn der Einsamkeit und jeglichem Trbsinn zu
entreien, ritterliche Ehre von ihm zu erlernen, sie dem Namen, den
wir trugen, zu erjagen und seinen Segen zu erben. -- O, und meine
Mutter! Mich durchschauerte ein froher Schreck, da ich ihn dachte,
diesen Namen: nie bis dahin von mir gerufen: des, schmerz-, aber auch
freudenleeres Leben, wie hatt' ich's nur ertragen mgen! -- Gott!
Gott! Wenn ich auch sie einst fnde, meine arme Mutter; wenn ich ihr
an meiner Hand den Vater zufhren knnte, und in einer Umschlingung
Beide an dies Herz drckend, sprche: Seht, Euer Sohn ist glckselig,
er hat Euch wieder! Seid es nun auch Ihr! -- gewi dann wrden die
alten Wunden sie nicht mehr schmerzen, sie wrden ihrer Schuld
Vergebung glauben und ben, und ich, ihr Sohn, mit dem Mal der blutgen
That gezeichnet, durch deren Kunde die Erschreckte in die Wildni
getrieben ward, hlfe ihnen zur neuen Freude, zur Liebe und zum
Frieden!--

So frohe Bilder leuchteten in meiner Seele auf, und um die Sonne, von
der sie bestrahlt wurden und all' mein Sinn und Muth, stunden selber
schimmernd im himmlischen Glanz die Worte geschrieben: Dein Vater ist
dir gefunden!

Da htten gewilich auch Augen, die mich minder scharf ansahen als die
kleinen blitzenden Klingsohr's, derweilen er sprach, solches
Entbrennen meines Herzens vermerkt. Er aber, als er mit seiner
Erzhlung zu Ende war, trat dicht zu mir und sagte:

     Auf, Junker, sinnt nicht lang also,
     Sagt, macht Euch nicht die Mre froh?

Klingsohr, lieber Klingsohr! gab ich zur Antwort, ist's so, wie Ihr
mir sagt, und ich trage daran keinen Zweifel, so harr' ich der Stunde,
die mir Befreiung bringt, mit zwiefachem Sehnen. O da sie bald
erschiene!

Harren wollet Ihr, harren? fragte der Kleine wieder, und er
schnarrte das Wort spttisch heraus und schlug seine Hnde beide in
einander, als wr' es etwas recht Erstaunliches, was er htte hren
mssen. -- Wie lange, Herrlein, seid Ihr denn bereit und willfertig,
hier zu harren?

Mich dnkt, antwortet' ich wieder, nach Allem, was Ihr mir sagtet,
kann es unmglich anstehen, da meines Vaters Begehren unerfllt
bleibe, dem eine so mchtige Frsprache zur Seite steht, wie die Graf
Eberhard's.

Mich dnkt, mich dnkt, sprach Klingsohr rgerlich nach. -- Was
dnkt Euch denn von +uns+? Whnet Ihr, Meister Tannhuser und hier ich,
der Magus, haben uns oben davon gemacht und seien in dieser Burg bei
den geizigen Alten in harter Arbeit gestanden, ich mit dem Plverlein
drinnen beim griesgreisen Pfrtner, mein Gesell gar mit dem
Alrunzauber bei der scharfohrigen Pfrtnerin allein unter'm Galgen,
allwo er jetztunder noch aushlt, das edle Herz; whnet Ihr, dies
Alles sei von uns gethan, blo da Ihr zeitiger Euren edlen Namen
erfhret und Eure ritterliche Geburt, als es sonst geschehen wre.
Whnet Ihr das wirklich? Ja freilich, 's ist ja eine Zeitung, die man
nicht alltag zubringen kann, da aus einem Singer ein Junker worden
ist, und da einer aus der Abtei und den Regeln St. Bernhard's in die
Herrschaft ber Land und Leute gesetzt werden soll. -- Jedennoch,
Junker, das ist hier die Meinung nicht. Wie? dort die Thr steht
offen, der Alte schlft und sie sucht nach der Alrune -- und Ihr
besinnt Euch noch? Auf, gewinnet Euch selbst die Freiheit, nach der
Euch gelstet! Der Weg ist offen; ich fhre Euch.

Und er nahm sein Windlicht wieder zur Hand.

Aber, sprach ich, tief erregt von dem, wozu er mich ermunterte,
wenn ich's thte und ohn' Urtheil und Recht dem Kloster entrnne, so
brcht' ich mich auf's Neue in Fhrni, und geistlicher und weltlicher
Arm mchte mich bedrohen; ich hinderte die, so meiner Erledigung
gnstig sind, daran, mich zu schtzen, und der Bischof wrde mich, wie
auch unser Orden des geistlichen Standes desto weniger entlassen!

Wie? rief da der Kurze unwillig wieder. -- Dahin steht Euch der
Sinn? -- Als Ihr die Friedsamkeit und Demuth beweisen solltet, die man
Euch im Kloster gelehrt hat, da waret Ihr kampflich gemuthet, und da
es Euch als fahrendem Singbruder viel ntzer gewesen wre, Euch fein
zu ducken, da Ihr heil entschlpfen mchtet, da bewieset Ihr Trutz
und waglichen Widerstand -- aber jetzt, wo Ihr des Ritterthums
genieen sollt, zeigt Ihr ein Herz wie ein Lmmlein! -- O, lieber
Junker, denket doch nicht, wen die Kirche einmal eingethan hat und gar
dem Mnchsstand zugezhlt, den werde sie so bald wieder losgeben; habt
nur wohl Acht, mancher Tag wird vergehen, bis sie sich ber die
geistlichen und weltlichen Rechte verglichen haben werden, dieweil Ihr
in Haft hungert, schwitzt oder frieret, wie es Euch geliebt! Der
Gernsteiner, halt' ich, wird schon dafr sorgen, da Ihr Euch an
solch' Leben gewhnet. Und endlich, seid Ihr wiederum im Kloster,
nimmer mehr daraus zu entwischen----

So rathet Ihr mir --? unterbrach ich ihn.

Ich rathe Euch -- ho! wie sanft das 'nem fahrenden Magus thut, da
er einem Junkerlein rathen darf -- ja, ich rath Euch gut, Herr; traut
dem Bischof nicht, noch seinem Voigt, noch sonst wem auer Euch selber
und der Gunst der jetzigen Stunde, die Euch freien Ausgang verstattet
dank der Kunstbung Eures geringen Dieners und seines Gesellen! -- Ah,
Junker, 's ist wahr: Ihr seid dazumal bel gefahren mit uns, und habt
uns billig darum gescholten -- aber die Noth, Junker, die zwingende
Noth trug die Schuld daran! Drum lat uns jetzt desto ba Euren Dank
verdienen. Hatten wir nicht sogleich am Anfang uns're Freud' an Euch?
Haben wir uns nicht gebrdert? Sahen wir heut' nicht und hrten's, da
an Euch ein meisterlicher Singer verloren wre, und ein wackerer
Ritter dazu, so Euch das Kloster erhielte?

Doch seid Ihr's gewesen, sagt' ich, die mich durch ihr Anzeigen
meines Standes dem Bischof berantworteten!

So brachten wir Euch doch aus des Gernsteiners Gewalt, der Euch wohl
so fest verwahret htte und bel gehalten, da wir mit keiner Kunst
Euch htten erlsen knnen. -- Das sind wir nun zu thun willens worden
und lag uns doppelt hart an, nachdem Eure Ritterschaft an's Licht
gekommen ist. -- Eilet denn, werther Junker! Gewinnet die Freiheit,
indem Ihr sie brauchet! Wie s wird sie Euch eingehen an der Seite
Herrn Bruno's! Wir geleiten Euch, wir Wegkundige, und gewi, wir
werden ihn finden.

Ich hatte sinnend gestanden und wute nicht, was erwhlen; denn ich
fhlte, da ich vor eine groe Entscheidung gefhrt war. Aber der Ruf,
der an mich ergieng, lockte zu laut -- und so folgt' ich dem
Klingsohr, der schon in der geffneten Pforte stund, ungeduldig mein
harrend.

Ohne sonderliche Frsicht schritt er mir den Gang voran. Die beiden
Alten sind noch festgehalten, sagt' er dabei: er vom Plverlein, sie
von der Alrune, und vor anderer Begegnung sind wir sicher allhie!

Also befand sich's auch; der Alte schlief, da wir durch's Stblein
kamen, und wir gelangten unangefochten hinaus auf die Stiege. Von
derselben fhrte ein hlzerner Gang auen zu einem Pfrtlein in der
Mauer des Burghofs, durch das die Alten in einen zur Burg gehrigen
Krautgarten den Zugang hatten. Er war von einer hohen Mauer
eingeschlossen.

Hier knnen wir nicht hinab, sagte mein Geleitsmann leise zu mir;
nur drben, wo der Berg steiler ist und die Mauer drum nicht so hoch,
mgen wir's vollbringen.

Damit drngte er mich weiter, den schmalen Weg voran zur Seite der
Mauer. So kamen wir an's Ende des Grtleins und zu einer Thr, die war
offen, und auf steinernen Stufen traten wir in einen zweiten
Burggarten ein, der aber zur Sommerlust bestimmt war und in lauter
lieblichen Blumen und Ziergebschen prangte. Ja, das that er auch in
dieser Sommernacht, denn obgleich weder Mond noch Sterne schienen, war
sie als zur Johanniszeit hell und wie von einem milden Dmmerlicht
bergossen, in dem man Jegliches umher deutlich sah; und Bltter und
Blthen schimmerten mit einem sanften Lichte, als htten sie etwas vom
Glanze des langen Sommertages zurckbehalten wie einen schwachen
Widerstrahl. Es hatte einen warmen Regen zur Nacht gegeben: noch
hiengen die Bltter tropfenschwer, und die Luft, von keinem Windhauche
bewegt, war weich und feucht; sie war auch voll wrzigen Geruchs und
sen Duftes, der aus ungezhlten neu erfrischten Blthen quoll und
aus solchen, die in dieser wonnigen Sommernacht zum ersten Mal ihren
Kelch erschlossen. Wie sog' ich all' diese stille Herrlichkeit mit
Sinnen und Herzen ein nach der Angst des Gefngnisses, ob ich gleich
an dem Frieden und der Glckseligkeit, die mich umgab, keinen Theil
haben durfte; denn mein Weg war ohne Recht, verhohlen und bedroht.

Leise schritten wir hindann.

Seht Ihr das Fenster dort, von Rosengezweig umrankt? flsterte
Klingsohr.

Ich sah dahin und gewahrte auch dicht dabei eine Pforte, die von der
Burg her in unser Grtlein fhrte.

Des Grafen Eberhard Nichte, Junker, von der Ihr den Kranz empfienget,
wohnt heint allda zur Herberge. Von der Alten erfuhr ich's, die am
Abend das Frulein heraufreiten sah, stattlich geleitet. -- Wenn wir
ihr allhie begegneten, Junker, wie geschwinde liefet Ihr wohl davon?
Dabei kicherte er verhohlen.

Ich sagte nichts; doch sah ich im Gehen hinauf zum Fenster, und ich
fhlte mein Herz strker klopfen.

Da klang ein Ton durch die Stille, fein und leise. Wir hielten mit
Gehen an und horchten auf. Es war das verhaltene Summen einer
menschlichen Stimme, das von drben herkam, wo am Ausgang aus dem
Garten ber der Ringmauer der Burg ein Sommerhaus als ein Thrmlein
gebaut war zum Lugaus hinunter in Dorf und Thal. -- Jetzt vernahm ich,
halb gesungen und halb gesprochen, als wrden sie nur laut gedacht,
die Worte:


     -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
     Dich lacht sie an mit rothem Munde
     Und haftet doch im finstren Grunde,
     Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:
     Das ist der Liebe Ebenbild!
     Es schafft das Leid der Liebe Pein,
     Doch ohne Leid kann Lieb nicht sein,
     Es liebt die Lieb' Leid zum Gedeihn!--

Dieser mein Spruch, den ich vorhin gesungen, da es Kranz und Kleinod
galt -- welch' neue Gewalt hatte er doch jetzt ber mich! Ich erschrak
und erzitterte schier, und doch schwebte mein Herz hoch auf in Wonne;
mir war's, als trumt' ich nur, und sodann wieder, als erwacht' ich
nun erst aus ungewissem Wahn zur Wahrheit und zum Leben.

Irmela! rief ich und eilte, ohne auf Klingsohrs eifrige Gebrden zu
achten, mit denen er mich trachtete zurckzuhalten, hin, woher die
Klnge kamen.

Sie mute den Namen gehrt haben; denn als ich zum Sommerhause kam,
erblickt' ich sie, wie sie am offenen Eingang desselben stund,
regungslos, als sphte sie hinaus.

Irmela! so rief ich wieder und fand vor Freude und Bangigkeit kaum
den Odem zu dem Worte, wie ich nun nahe vor sie trat.

So bist Du's, Diether, und bist frei? Wiewohl ihre Stimme bebte, als
sie das sagte, klang es doch im hellsten Jubelton wie der Ausruf einer
Seele, der unerwartet die Bande schweren Leides gelset sind.

Ein Schauer durchrieselte mein Gebein, als sie in hochgehender Freude
mir entgegen eilte und mit ihren beiden Hnden die meinigen ergriff.
Ich sah ihr in's Angesicht: ihr Mund lchelte und ihre Augen waren
voll Thrnen.

Da konnt' ich mich nicht lnger enthalten, umfieng sie mit meinen
Armen und kte sie.

Ja, flsterte ich, indem ich sie umschlungen hielt, ich bin frei,
und immer selig sei die Stunde, da ich's ward; denn sie offenbarte
mir, Se, Deine und meine Herzensliebe!

Weh! rief sie da mit dem Tone des Schreckens, indem sie mit
Heftigkeit sich mir entri, weh, was hab' ich geduldet! Diether, ich
bin verlobt! Nimmer wieder la mich solch ein Wort hren! Nein, nein!
-- Entweich, wir sind ewig geschieden!

Flehend bat sie so, aber streng zugleich und gebietend stund sie vor
mir, hoch aufgerichtet. Der Gedanke, so von ihr verstoen zu werden,
erfllte mich mit Grauen. Ich sank vor ihr auf die Knie.

Irmela, bat ich, nicht also treibt mich von hinnen! Kein Gefngni
sieht so finster und freudlos mich an, als rings die weite Welt, so
ich Euch mu verloren geben. Ich kann nicht mehr von Euch lassen,
nimmer, nimmer! Die sehnende Herzensliebe hat mich bezwungen! O, auch
Dich, Irmela; lugn' es nicht! Das Leid, das ber mich gekommen ist,
hat ihre Heimlichkeit Dir kund gethan und diese Stunde auch mir. Nie
kannst Du dem Manne folgen, dem Dein Herz nicht zugehrt!

Ich lieb' ihn nicht, sagte sie leise.

Aber hier in meinem Herzen bist Du beschlossen, Irmela, und ich bin's
in Deinem. Ach, wohl gleicht unsere Liebe dem Sturmvogel, der gegen
Wind und Wetter durch zuckende Blitze in mitterncht'ge Wolken fliegt;
aber hinter ihnen, Irmela, glnzt die Sonne und seine Schwingen sind
Adlerschwingen!

Sie schwieg; aber mir war's, als athmete sie schwer und mit leisem
Beben erzitterte sie.

O, sprich nur ein Wort! bat ich wieder. Ein einzig Wort, da ich
wisse, die Rose, die sich mir zur Wonne erschlossen in dieser
Blthennacht, sei nicht auch zugleich entblttert; da mir eine Hoffnung
leuchte auf der dunklen Bahn, die ich beschreite. -- Sprich dies Wort,
Irmela, dies eine Wort, und ich will kmpfen, ringen und nicht ermden,
bis der Tag kommt, da der Bund dieser Mitternachtsstunde vor Gott und
Menschen gesegnet wird!

Da war's, als bewegte sie ihre Hand mir entgegen; ich erfate sie und
drckte sie mit Inbrunst an Herz und Lippen.

Hab Dank, hab Dank, Irmela! sagt' ich, indem ich mich erhub, und fahr
wohl!

Fahr wohl auch Du! sprach sie zum Scheiden.

Indem kam auch schon Klingsohr herbei mit groer Eil und vielem Winken:
Geschwind, Junker, geschwind! Wir drfen nicht lnger sumen. Man ist
uns auf der Spur. Dort den Weg kommen sie, den wir vorhin nahmen. Gewi
ist die Alte heimgekommen, hat das Nest leer gefunden und Lrm gemacht.

Ich wollte mich auf diese Worte frder wenden, mit ihm die Flucht
fortzusetzen, als wir auch schon die, so uns zu suchen ausgegangen, in
der offnen Pforte ersahen, durch die wir in den Garten gekommen waren.

Da drben um's Thrmlein mssen sie sein, so vernahmen wir: dort
hrt' ich flstern, als ich hinaushorchte.

Es war die Stimme der Alten.

Sie werden mich finden! sagte Irmela mit Bangen, was beginn' ich?

Wohl sah ich, da sie ihnen nicht entgehen konnte. Sie konnte sich im
Garten nicht verbergen, den die Leute gewi durchsuchen wrden, und
auch, wenn sie zurck wollte in ihr Gemach, mute man auf sie treffen.

Sollte sie durch mich in Verdacht gerathen und Ungemach? Sollte sie
gepeinigt werden mit Fragen nach mir und ihr reines Gemth zwischen
dem Wunsch schweben, unsere Heimlichkeit mir zum Schaden nicht
auszubringen, und der ungewohnten Nthigung, durch Falschheit sich
heraus zu helfen?

Das durfte nicht geschehen. Die Gewiheit ihrer Herzensliebe zu mir
htte mir jeglich Opfer leicht gemacht. Ich besann mich nicht.

Seid getrost, Irmela! rief ich. Ich gewinn' Euch Zeit. Und bevor
sich Klingsohr de versehen konnte, der allbereits zur Weiterflucht
vorangeeilt war, nicht zweifelnd, da ich ihm folgte, sprang ich den
Weg zurck, den wir gekommen waren, gerade auf die Gartenpforte zu,
den Eindringenden entgegen.

Ich gedachte durch die berraschten hindurchzustreichen, oder doch,
so das nicht gelnge, sie so lange aufzuhalten, bis Irmela hinein
wre, und dann ihnen zu entrinnen. Meine schnellen Fe, hofft' ich,
sollten mich retten, bis ich an einen Ort kme, geschickt zu einem
Sprung die Ringmauer hinab.

Aber was soll ich sagen? So gerieth es mir nicht. Zwar da meine
Verfolger in den Garten eindrangen, verhindert' ich. Denn wie ich nach
der Pforte rannte, wandten sie sich mir Alle zu mit lautem Geschrei.
Doch es waren Ihrer zu viele, als da ich hindurchzubrechen vermochte
oder sie bestreiten konnte, ich Waffenloser. Es whrte nur eine kleine
Weile, so war ich von ihnen umringt und ergriffen, und ein Gefangener
des Bischofs von Speyer, wie vorhin.




Neuntes Kapitel.

Entscheidung.


Wenn im Frhling die schwanken Birkenzweige im ersten Grn erprangen,
wenn der laue Hauch der Luft die glnzenden Hllen von den schwellenden
Blattknospen der Buchen und Linden streift, wenn die Blumen aus dem
Grase dringen und berall wieder das Leben sich regt und schmckt: dann
ist solcher Anblick wohl fr jeglichen Menschen, der sein geniet, eine
Ursach zur Freude, und, sein Muth sei froh oder traurig, ihm sei wohl
oder weh, so vernimmt er in solchem Walten Gottes zur Frhlingszeit
einen Ruf, sein Herz zu strken und jede gute Hoffnung aufschweben zu
lassen, wre sie auch oft schon zu Boden gestoen und gar flgellahm
worden.

Anders, acht' ich, ist's im Herbst, wenn der Schmuck der Erde allgemach
vergeht und von Tag zu Tag die Grten leerer, die Wiesen fahler und die
Wlder kahler werden. Davon mgen die Menschen, je nachdem es ihnen um's
Herz ist, leicht oder schwer, einen gar verschiednen Muth gewinnen. Es
kann sich ganz lustig ansehen, wie so ein gelbes Blatt nach dem andern
vom Baum gelst und tanzend vom Winde hinweggefhrt wird, wenn die
Frchte sicher eingethan sind, die der Baum gegeben hat, und dem Genie
aufbehalten; auch wei sonder Zweifel das Auge des Hoffnungsvollen am
sich entbltternden Baume berall die Knospen wahrzunehmen, darin
Bltter und Blthen wohl verwahrt sind schon fr's kommende Jahr. Ja,
wem daheim der warme Herd in die Mitte der Seinen winkt und zu
willkommener Ruhe nach gethaner Arbeit: wie gern mag der sich von den
rauhen Herbststrmen hinein scheuchen lassen! Krzlich: wem die Wurzeln
seines Lebensbaumes noch fest und krftig genug in der Erde haften,
Nahrung daraus zu ziehen, wer da im Stamm inwendig noch den Saft
aufsteigen wei: der ersieht auch im Winter nur den Vortraum und
Strkungsschlaf fr Leben und Lust des kommenden Lenzes und mag die
kalte Hand, die das Laub entstreift, mit Freuden begren. -- Aber fr
die Meisten freilich hlt der Herbst, wenn er dem Winter die Bahn macht,
eitel Leichensermone; denn unter den Menschen, so zum Nachsinnen ber
sich gekommen sind, wozu Frau Unglck weit besser anleitet, als ihre
ungleiche Zwillingsschwester, sind, wie ich sorge, viel mehrere, welche
von der Zukunft hienieden lieber zu wenig hoffen, als zu viel und darum
die Trauerlieder des sinkenden Jahres berleicht verstehen und
nachsingen.

Dazu war wohl auch ich weidlich geschickt geworden nach meiner
Gefangennahme, seit ich wieder in's Kloster zurckgebracht war, allda
des Ausgangs meiner Sache zu harren. Zwar nur wenige Monate waren
seitdem verstrichen. Aber als ich aus meiner Zelle, die mir zur Bung
abseits von denen der Brder angewiesen war, in den grauen Novembertag
hinaussah, drckten seine tiefhangenden Wolken schier auf mein Herz,
und der Wind, der durch die kahlen ste des Nubaumes vor meinem
Fenster fuhr, seufzte, als wollt' er mir helfen trauern und klagen.

Wie manchen Tag hatt' ich schon vom nmlichen Schemel, den Ellenbogen
auf dem Tisch vor mir gesttzt, durch dies kleine Fenster
hinausgesehen nach dem Nubaum und dem Himmel, so viel davon zu
erblicken war; denn sonst war die Welt meinen Augen versperrt.--

Wenn ich frher ihn betrachtet hatte, wie er so mchtig aus dem
Zwinger emporstrebte, hatt' ich nicht gedacht, wie sehr ich's ihm
einstmal noch danken wrde, da er also hoch gewachsen war, so hoch,
da er mit seinem Wipfel auch ber das kleine Fenster der einsamen
Zelle hinausragte, deren Bewohner nun ich war. -- Wie doch heute
sonderlich die ste sthnten, wenn der Wind sie schttelte und, ihre
Zhigkeit erprobend, sie gegen einander schlug; wie knarrend die
drren Zweige zerbrachen, und wie ngstlich die wenigen gelben
Bltter, die noch am Gezweige saen, sich hin und wieder wendeten, so
oft ein Windsto sie erfate, als strubten sie sich gegen ihn und
riefen um Hilfe!--

Es war doch Alles umsonst; eins nach dem Andern ward abgerissen und
wie zum Hohn wild durch die Luft gefhrt, oder es sank zitternd zur
Erde nieder -- eins nach dem andern! -- Schon konnt' ich die brigen
an den Fingern meiner Hnde zhlen -- dort eins -- dort eins -- und
dort eins!

Ob wohl auch sie heute wrden abgelst und der Baum ganz kahl werden?--

Ach, es war heut ein traurig Ding um ihn und den Himmel dahinter!--

Als ich zuerst hier in diese Zelle hereingefhrt und hinter mir die
Thr verschlossen ward, da ich allein wre (wie war ich's gewohnt
geworden seitdem!) mein Sinnen und Denken abzuziehen vom eitlen Wesen
der Welt und nur auf meine Schuld zu lenken und heilsame Bung: wie
winkte mir da durch's Fenster das dichtbelaubte Gezweig so freundlich
entgegen! Schwellende Frchte, zu Trauben gesellt, schauten daraus
hervor, und blitzendes Licht vom blauen Himmel her spielte zwischen
den grnglnzenden Blttern.--

Das war zur Johanniszeit, am Tage, nachdem ich in's Kloster auf
Erfordern des Abtes und mit Bewilligung des Bischofs war zurckgefhrt
worden. Ich war in den Capitelsaal gebracht, allwo der ganze Convent
sich versammelt hatte, da ich vor den Abt gestellt wrde, mein
Urtheil zu empfahen, wie mit mir zu handeln wre im Kloster. Denn
obgleich meine Erledigung zurck in den weltlichen Stand allerdinge
nach dem Spruch derer, denen die Entscheidung unterstnde, zu erharren
wre, so htte ich doch meine Untugend und all' das rgerni, so ich
gegeben, als dem Cisterzienser Orden zugehrig, verbt, und mte
daher gem der heiligen Observanz und St. Bernard's Regel zum Heil
meiner Seele, zur Befestigung der Guten, zur Strkung der Schwachen,
zur Warnung der Sichern mit mir gethan werden.

Solches Alles ward mir vor den Brdern im Capitel von Abt Albrecht
verkndigt, der dazu eine Rede that, die mir recht das Heimlichste
meines Herzens vor Augen kehrte, da ich sah, wie schwarzer Farbe es
war; denn er war gewaltig in Worten. Er nannte den Tag, da er von
meiner Snde htte hren mssen, den traurigsten von allen, seit ihm
der Abtstab in die Hand gegeben wre; er beschrieb meinen Sinn, wie
schlimm geartet er wre und unwerth, da ich all' sein Vertrauen, das
er zu mir gekehrt, und seine gute Meinung so grblich zu Muthwillen
und Verbung loser Narretheidinge gemibraucht htte; er sagte auch:
wenn der Herr und Weltenrichter schon den unntzen Knecht in die
uerste Finsterni und in die schrecklichen Hllenschlnde verweisen
wolle, darum da der Schalk mit dem einigen ihm verliehenen Centner
nicht gewuchert habe, welche Qual werde sich der verdienen, welcher
hohe und edle Gaben, so er von Gott empfangen, dazu verwende, da er
damit unsers Herrn und seiner heiligen Kirche Ehre, statt sie zu
erbauen, krnke und ganz niederlege!

Darnach fragt' er mich, ob ich etwas zu sagen htte, so sollte mir das
verstattet sein.

Wrdiger Vater! sagt' ich da. Es ist Alles wahr, de Ihr mich
zeiht. Ich habe schwer gesndigt wider Gott, wider Euch, wider den
heiligen Orden. Aber so wahr ich Euch und dem wrdigen Convent hier
von der ewigen Dreifaltigkeit bestndige Genge erwnsche, so
gewilich kann ich Gott im heiligen Stande nicht lnger dienen, habe
nur ein Verlangen, mich zum ritterlichen Leben zu schicken, und bitt'
Euch demthig: Helfet mir dazu!

Durch solche Worte, sagte wieder der Abt, erfnde sich's desto
gewisser, wie vllig mein Herz geblendet wre. Darauf ward ich dem
_Frater poenitentiarius_ zugewiesen, da er die geistlichen Bungen, so
mir aufzulegen, leiten und in Allem meiner armen Seele rathen mchte,
die Bosheit auszuziehen und Gnade zu gewinnen.

Der hatte denn auch das Amt, so er berkommen, an mir mit allem Eifer
angegriffen. Einsamkeit, Casteiung und allerlei Plage sollte meinen
Sinn ndern, dazu stetes Gesprch mit ihm von heiligen Dingen und von
Verachtung der Welt. War ich nicht manchen Tag hinunter in die
Geielkammer gefhrt worden, auch dazu aus dem Schlaf geweckt, allda
das Miserere zu singen und Schlge zu leiden?

Doch wiewohl mir meine groe Fehle, damit ich mich verschuldet hatte,
leid war, so blieb doch mein Muth und Wille hinausgerichtet, wie
anfangs, und die himmlischen Dinge, die mich hinwegziehen sollten von
allem weltlichen Trachten, erlangten diese Gewalt nicht ber mich. Ja,
wenn oft unter den Geielschlgen mein Rcken rnstig ward und ich
dennoch ihnen stille hielt und nicht zuckte; wenn ich jegliche Pein,
mit Wachen und Fasten mir auferlegt, williglich trug und nicht murrte,
so whnte mein Beichtiger wohl, es wre die wahre Zerknirschung und
herzliche Reue, die mich so harte Bue demthig tragen lehrte: aber es
stund viel anders mit mir. Ich htte das Schwerste auf mich genommen
in dem Gedanken, der mir auch all' dies Ungemach leicht machte: da
ich es litte, weil ich mich gefangen gegeben fr sie, fr die Maid,
die mir allzeit im Sinne lag, deren Bild in aller Pn mir winkte.

O, welche Gewalt hat doch eine starke Hoffnung ber des Menschen
Herz! Sie ist allgegenwrtig, wie das Sonnenlicht. All' unser Denken
und Thun, Mhe und Plage, Leid und Noth durchleuchtet sie; sie
durchset die Bitterni und durchblmet selber die Wstenei, die wir
durchwandern mssen.

So hab' auch ich's erfahren in jenen Tagen.

Wie oft, wenn ich einsam in der Zelle weilte, brachte mir die gewisse
Hoffnung, der Tag der Befreiung wrde erscheinen, Strkung und Trost!
Wie malte sie mir mit dem Sonnenstrahle, der an der Wand zitterte,
lichte Bilder hin von Aventiuren, Ehren und ritterlichen Thaten, von
Freiheit und Wiedersehen! Wie hrt' ich ihr Flstern im Rauschen des
Nubaumes, wenn der sanfte Wind das Laub bewegte!

Mit jedem Tage stieg diese Hoffnung; denn jeder brachte ihre Erfllung
nher.

Mit Flei achtete ich auf die grnen Frchte, die mir der Nubaum
durch's Fenster zeigte, wie sie allgemach grer wurden. Eure Schaale
ist bitter, sprach ich oft, und selber dem Anblick wird sie unhold
mit der Zeit. Aber drinnen hegt sie wohlverwahrt den sen Kern; die
Hlle springt, und er tritt an's Licht. So tragen auch diese Tage,
deren Bitterkeit ich schmecken mu, in ihrem Schooe fr mich die
kstliche Frucht der ersehnten Freiheit; noch ist sie mir verborgen,
aber unmerklich reift sie heran.

Doch ach! eine Woche nach der anderen war herumgegangen, und noch
immer hrt ich nichts davon, da drauen meiner gedacht ward.
Jeglichen Morgen sah ich klopfenden Herzens in meines Beichtigers
Angesicht, prfend, ob er die erhoffte Nachricht mir nicht zu
verknden htte. Aber er schwieg davon, und der neue Tag schwand
gleich dem vorigen.

So einfrmig giengen die Tage hin, so geruschlos schlich die Zeit
durch Wochen und Monate, da ich ihrer Zahl und Menge, wie viel ihrer
waren, gar nicht Acht hatte. Aber wohl sah ich, wie die Nsse sich aus
ihren Hlsen schlten, vom Baume fielen und die leeren Schalen
zurcklieen; wie die Bltter sich entfrbten und das Gest allgemach
lichter ward; wie dann der Himmel, der da hindurch blickte, als durch
ein immer weiter sich ffnendes Gegitter, fters trb schien und
seltener in blauer Klarheit glnzte. Ich sah, wie das Sonnenlicht
immer spter meine Zelle besuchte, immer schmaler darin seine goldenen
Streifen zog und nimmer blder daraus verschwand.

Wenn auf trbe Tage wieder ein sonnenheiterer folgte, hatte ich schier
mit Ungeduld geharrt, den Schein zu sehen, ob er wohl merklich wrde
zurckgewichen sein gegen das letzte Mal, da er an der Wand geglnzt;
und als es geschah, da ich wahrnahm, wie die Sonne meine Zelle nicht
mehr erreichte und den letzten Scheideblick des Jahres herein
geschickt hatte in meine Einsamkeit: da war eine groe Traurigkeit
ber mich gekommen, als sollt' ich auch den gldnen Trumen von
Erledigung und Freiheit den Abschied geben.

Aber ich hatt' es nicht vermocht, ich hatte um so sehnlicher gehofft
und war nicht mde darin geworden, wie auch die Bltter immer
zahlreicher fielen und die kahlen Zweige schmucklos zu mir herein
starrten.----

Wie mit Flei ich an dies Alles heut' zurckdachte am strmischen
Novembertage, als ich zum grauen Himmel hinaussah, und wie die letzten
Bltter sich wehrten wider den Wind, der sie zauste, und half ihnen
doch Alles nichts!

Nein, es half auch mir nichts: mein Hoffen und Sorgen, Zagen,
Wnschen und Ungeduld! -- Wenn es der Weltenherr so beschlossen htte,
da mein Leben und die Welt drauen immer geschieden blieben von
einander! Wenn das Gelbde meiner Mutter, da die Gottesminne ihre
Liebe zu mir bezwang und durchklrte und sie mich der frommen Hut des
Klosters bergab, gewilich ach, mit heien Gebeten! im Himmel
versiegelt ward!

Aber konnte das sein? Wre mir dann die Einfalt und der Frieden meiner
Jugend so verwirrt durch Lust und Weh der Welt, durch das Eindringen
ihrer Se und Herbe in mein unerprobtes Herz? Wren dann jene
Versuchungen an mich herangedrungen, um welcher willen, da ich vor
ihnen geborgen bliebe, ich hieher gebracht worden war an diese Sttte
geschtzten Friedens?

Doch wie? Durft' ich mich unterwinden und all' dies, was mich abwendig
gemacht hatte dem heil'gen Stande, ansehen als von dem waltenden Gott
so gefgt? War es nicht vielmehr der Dnkel und Wahn meines
unberathenen Herzens, eigenwilliges Entweichen vom Wege, der mir
verordnet war? O, dann war es ein unmchtiges Ankmpfen, ein
schuldvoller Ungehorsam. Und dies sehnliche Verlangen in mir nach
Ehre, Freude und Glck der Welt, nur darnach? nein! auch nach ihren
Kmpfen, Mhen und Schmerzen: sagte es nicht noch jeden Augenblick Ja!
zu der Hoffahrt und Eitelkeit meiner Seele, bedrohte es mich nicht mit
immerwhrender Unseligkeit, so der Spruch fiele, da ich im Kloster
bleiben mte? Dann wre mir die Erde vergllt und fr die Ewigkeit
meine Seele der finsteren Schaar zugeordnet.--

Ich erschrak vor solchen Gedanken! Ich sah hinweg vom Fenster und
lenkte meinen Blick auf das Buch, so vor mir aufgeschlagen war. Es
waren S. Anselmi Betrachtungen. Mein Beichtiger hatte mir das Buch
hereingegeben zu heilsamem Nachdenken. Tglich mut' ich ein Stck
darin lesen und auf sein Befragen davon Rechenschaft thun, ob ich die
Meinung recht verstanden htte. Ich that es; aber meine Seele war
nicht dabei. Heute zum ersten Mal kehrt' ich allen Eifer dazu. Ich las
von dem Meere des Verderbens, welches wre die Tiefe weltlichen
Begehrens, und vom bodenlosen Schlamme der fleischlichen Lste; ich
las von dem Elend dieses Lebens: wie es gliche einem finstren Thale,
in seinem Grunde voll Martern; darber eine einzige Brcke, sehr lang,
aber nur eines Fues breit; ber diese so schmale, so hohe, so
gefhrliche Brcke gehen mssen, mit verbundnen Augen, also da man
seine Schritte nicht sehen kann, mit rcklings gefesselten Hnden: so
in Furcht und ngsten des Herzens schweben: Das wre dieses Leben.
Ich las vom Tode, wie er alle Schnheit der Gestalt verderbt und die
zarten Glieder der Verwesung und den Wrmern berantwortet; vom Grauen
der Sterbestunde, von den Schrecken des jngsten Tages.

Solches Alles las ich, wie es in der ersten Meditatio des heiligen
Lehrers zu finden ist. Davon berkam mein Gemth groe Pein. Denn wenn
ich es untersuchte, so erfand ich doch darin die Abkehr von dem
vergnglichen Weltwesen nicht erwirkt, noch das Verlangen nach der
himmlischen Freude entzndet; sondern da ich frei wrde und ein
wackerer Held, der Ehren erwrbe Brun zum Trost und Irmela zur Freude:
das war all' mein Verhoffen und mein Begehr, wie vorhin.

Da schickt' ich mich an, zu Gott zu rufen, da Er mir die Verachtung
der Welt in die Seele senken mchte und die vllige Gelassenheit, aber
unvermerkt ward solch' Gebet zur Bitte, die Stunde meiner Losgebung
mchte bald erscheinen -- und Beides zusammen konnte doch nicht
bestehen.

So hub ich denn in also zweifellichem Wahn meine Augen auf und sah
hinaus, wie ich zuvor gethan hatte. Der Wind fuhr noch immer durch die
Zweige und schttelte sie. Hatte er denn schon alle Bltter nun davon
gefhrt, alle? -- Nein, eines hieng noch fest, ein einziges. Ich fat'
es in's Auge und blieb daran haften mit meinem Blick, wie es ohne
Aufhren auf und nieder und zu den Seiten flatterte und doch nicht
abri. -- Du willst, guter Baum, sagt' ich, das Einzige, was Dir
vom sommerlichen Schmuck geblieben ist, nicht lassen; also auch ich
nicht die Hoffnung von daher. Aber das Jahr ist spt und wie lang'
kann Dein Widerstand noch dauern -- und meiner?

Aus solcher trbseligen Betrachtung erweckte mich ein Klopfen an der
Thre. Die kleine ffnung in ihrer Mitte, deren Thrlein aufgethan
ward, lie eine Hand sehen, die ein Papier in die Zelle fallen lie.
Als ich es aufnahm, war schon die Hand wieder zurckgezogen und die
ffnung verschlossen.

Es war ein Brief, erbrochen und durch den Abt mir berschickt -- ein
Brief, mir von Brun geschrieben aus Rom. Wie froh erschrak ich, als
ich den Namen las, und wie fat' ich jeglich Wort, das da geschrieben
stund, zu Herzen!

Gewilich entsnn' ich mich seines Scheidewortes an mich. Ihm wr' es
allzeit lebendig im Herzen geblieben, und Anderes htt' er nicht
erstrebt, als da er mir Befreiung erwrbe und mich in das Erbe seines
Namens und seiner Gter setzte. Er htte manchen Gang darum gethan und
auch Graf Eberhard -- ich kennte doch Adelbert aus Bruno's Geschichte?
-- -- wre ihm eifrig zur Seite gestanden. Auch andere seiner Freunde
aus jungen Jahren htten sich fr ihn eingelegt und selber ihm zur
Hoffnung verholfen, da er Land und Leute, so er einst besessen,
wiederum zu Handen erhielte. Aber es htte sich erwiesen, da
geistliche Rechte wider ihn wren.

Und nun lie er mich wissen, da meine Mutter nach altem Brauch mich
feierlich dem Kloster und geistlichem Orden bergeben, da der
Priester aus ihrer Hand mich auf den Hochaltar genommen und als ein
Opfer und sen Geruch dem Himmelskaiser geweiht htte. Da wre die
Stola um des Knbleins Arm von ihm geschlungen worden und meine Mutter
htte alle heiligen Gelbde, vom Priester ihr vorgesprochen, fr mich
vollbracht. Auch wre darber eine Urkund nach allem Erforderni in
der Abtei niedergelegt. Auf solches Alles htte sich der Bischof
berufen, und zu ihm htten die hchsten Oberen des Cisterzienserordens
gestanden. -- Darum htt' er sich aufgemacht und wre gen Rom gezogen,
dort beim heiligen Stuhl fr mich zu bitten; aber man htte ihn
schlecht an die Entscheidung des Bischofs und des Ordens gewiesen,
darnach mte der Spruch gefllt werden.

Ob ich ihn wohl zu lieben angefangen htte, als das Kind den Vater
soll? Ob ich mir wohl frbilden knnte, wie selig ihm die Stunde
gewesen, da er mich gefunden und wie er seitdem nichts wte, als mein
Bestes zu suchen? -- Dann sollt' ich nicht wider Gott fechten, den
Frieden meiner Seele in Acht nehmen und mich in's Kloster ergeben. Ich
sollte nicht hinaustrachten um seinetwillen, denn er htte aller Dinge
beschlossen, da wir unser Angesicht nicht mehr shen. Es wre besser
so. Er htte ja eine Weile gedacht, der hehre Christ htte seine Bue
angenommen und wollte sein brauchen, Freude fr seinen Sohn zu sen
und ihm die Wege durch die wirre Welt zu ebnen, in denen er selber
sich verloren. Unterweilen htt' er auch einen hellen Traum gehabt,
als mcht' er Joconda wiederfinden. Aber sie wre, wie er erkundet
htte, schon lange in Frieden, wohin dies zeitliche Jammerwesen nicht
reichte, und um mich wr' er solches Glckes nicht wrdig erfunden.
Darum wollt' er von Stund' an seine Bue vollenden und die gttliche
Gte unablssig bitten, da sie meine Seele von allem irdischen
Dichten reinigte und ganz ausleerte von jeglichem Verlangen, das doch
nicht erfllt werden knnte, bis mein inwendiger Geist ganz stille
wrde und offen fr die Se der himmlischen Liebe. Weil er denn
bedchte, da das Band, so mich mit ihm verknpfte, mich sonderlich
stark hinauszge in die Welt, so hielte er es fr wohlgethan, auch
dies Gott aufzuopfern, da ich mich leichter losmachte und, was ich
aufgeben mte, desto minder schtzte.

So scheide ich denn, so beschlo der Brief, mein herzgeliebter
Sohn, hiemit von Dir, nicht nach dem Herzen und nicht fr ewig. Unser
kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald verschwunden. Denke,
da es heut geschieht! -- Die ewige Dreifaltigkeit nehme Deiner in
Gnaden wahr, sie enthebe Dich aller Wirrsal und gebe Dir Freude und
Frieden! Das ist mein Segen. Fahr wohl!--

     Mein Sohn, bitte fr mich!

     Gegeben in Rom in St. Augustini Kloster.

     +Bruno+.

Als ich ausgelesen hatte, entfiel der Brief meinen Hnden und meine
Arme sanken schlaff herab. Fahr wohl, fahr wohl! rief es mir nach.
Fahr wohl, mein Vater! fahr wohl jede se Hoffnung; fahr ewig wohl!
In dumpfem Klageton hrt' ich's so; aber ich fhlte, wenn ich's
aussprche, so mt' ich's hinausschreien, und ich verharrte im
Schweigen. Denn in allzugroem Weh mignnt sich der Mensch auch den
Trost der lauten Klage.--

Eine starke Windsbraut, die mit klatschendem Regen gegen das Fenster
fuhr, schreckte mich auf und ri meinen Blick empor. Die ste
schlugen gegen die Scheiben, also da sie erklirrten, und das letzte
Blatt, von seinem Zweige geschieden, wirbelte durch die Luft; eine
kleine Weile ward es umhergetrieben, dann entschwand es meinen
Blicken.

Fahr wohl, fahr wohl!

Da quoll ein Dunkel auf um mich her, als wollten Wellen eines Meeres
mich verschlingen, und die Sinne vergiengen mir. -- Als ich mich
wiederum besann, fand ich mich auf der Diele liegend; der kurze Tag
war herum und die Zelle ganz finster. Vom Himmel und vom Nubaum war
nichts mehr zu sehen, nur der Wind gieng drauen wie vorhin, und so
oft er die ste gegen das Fenster bog, hrt ich's noch immer rufen:
Fahr wohl, fahr wohl.

Ich wei nicht, wie lange dies whrte, als es geschah, da an der Thr
der Riegel zurckgeschoben ward und gleich darauf Einer aus dem
Convent, nicht der meiner Pnitenz vorgeordnet war, mit Licht in meine
Zelle trat.

So geschlagen ich war in jener Stunde vor groem Leide, wollt' ich
doch nicht, da Solches im Convent offenbar wrde; ich hatte mich also
aufgerafft und trat dem, der mich heimsuchte, so gelassenen Angesichts
entgegen, wie ich's vermochte.

Der aber sprach, mich betrachtend: Diether, wie siehst Du verhrmet
aus! Fasse Muth in's Herz; leichtlich wirst Du bald wieder froh. Denn
so erfindet sich's unselten im Leben, da die besten Tage die bsesten
ablsen.

Darnach sagt' er mir, da Abt Albrecht ihn geschickt htte, mich
allsogleich vor ihn zu fhren, und, wie sich's anshe, htte der fr
mich wichtige Zeitung.

Als ich in des Abtes Gemach trat, sa der, wie er pflegte in Stunden
der Mue, im hohen Gesthl, vor sich ein Buch zu heiliger Betrachtung
und gelehrtem Flei oder, wenn es mit Bildwerk geziert war, auch zu
lustsamer Beschauung bestimmt. Doch er hatte das Ansehen nicht, als ob
er heute sein Nachdenken da hinein tief versenkt htte. Denn kaum
erblickt' er mich, als er mich nher winkte, eine kleine Weile prfend
seine Augen auf mir ruhen lie, seinen Mund aufthat und folgendermaen
anhub:

Wir haben Dir eben heute, Diether, einen Brief zugehndigt, der
billigermaen Dein Gemth beschwert und in Traurigkeit gesetzt hat.
Denn darinnen ist Dir kund geworden, da Du Deines Vaters Angesicht
nicht mehr sehen sollst in dieser Zeitlichkeit.--

Als ich diese Worte hrte, fhlte ich die Trbni, die mich vorhin
berwltigt hatte, wiederkehren, und wiewohl ich mich gedachte fest zu
machen, konnt ich's nicht wehren, da meinen Augen vor bergroem
Leide Zhren entflossen.

Ja, gewilich, sprach er weiter, als er solches wahrnahm, ist
davon Deine Seele hochbewegt; und wir nehmen noch sonst ein
Verstndiger, sogethane Trauer Dir nicht fr bel; denn kindliche
Liebe ist gttlicher Schpfung, und Fleisch und Blut thun nach ihrem
Willen. Doch, Diether, ich verhoffe, die ernstlichen Ermahnungen aus
theurem vterlichem Munde, auch die Erkenntni Deines eigenen Herzens
und de, was ihm das Beste ist, dazu Du mit allem Flei angehalten
worden bist, werden Dir geholfen haben, jene Traurigkeit zu
berwinden, die eitle Herzen unter sich bringt, denen der Welt Lust
versagt ist, darnach sie vergeblich trachten. Ich verhoffe, Du siehest
frder diese Abtei, in der Du auferzogen bist, nicht als ein Gefngni
an, sondern bedenkest wohl, da Du allhie nicht allein der Seele Heil
am ungefhrdetsten erwirken, sondern Gott mit der edlen Kunst, deren
Vermgen Er Dir verliehen hat, am wrdigsten dienen magst. -- Da in
dem Allen Dein Sinn erprobt werde, dazu ist Dir zur Stunde Gelegenheit
geboten.

Ich horchte auf bei diesen Worten und sah ihm mit groer Erwartung zu,
als er eine Schrift, die er zur Seite liegen hatte, in die Hand nahm
und entfaltete.

Wir haben eben heute Briefe empfangen, sagt' er dabei, Deine Sache
angehend, welche darthun, da die, so zuvrderst das Urtheil darber
zu fllen haben, anderen Sinnes worden sind, wie es mit Dir zu halten
sei, als es sich zuvor anlie. Auf dringendes Ansuchen des Bischofs,
dem unsere Abtei untersteht, hat das General-Capitel unseres Ordens
neuerdings verwilligt, da unser Convent Dich losgebe, und Dich des
Gelbdes, einst fr Dich gethan, entbinde.

Als ich diese Worte hrte, berkam mich eine Freude, als drnge ein
heller Sonnenstrahl pltzlich in mein von Traurigkeit ganz
berschattetes Gemth.

So soll ich frei sein, ehrwrdiger Vater? fragt' ich mit Pochen
meines Herzens. Ist es das, was Ihr sagtet -- frei?

Ihm war aus der Hast, mit der ich Solches redete, die Unruhe meiner
Seele wohl offenbar. Mit Verwunderung und auch, als htt' er weiseren
Sinn mir zugetraut, sah er mich an und gab mir weiter Bescheid: Auch
soll von dem liegenden Gute, einstmals Deinem Stamme zugehrig, auf
Verwendung der bischflichen Gnade und mchtiger Freunde so viel durch
Lehenshand Dir wiederum zufallen, als zur ziemlichen Erhaltung
ritterlichen Standes fr nthig erachtet wird; wie Solches die
Schriften hier besagen und urkunden.

So bin ich nicht frder hier zu bleiben gehalten? fragt' ich wieder;
denn mir war's nicht anders, als trumt' ich nur.

Allein Deine Wahl, Diether! sprach der Abt, bestimmen forthin Dein
Bleiben oder Gehen. Mge Gott, Jngling, Dich dazu erleuchten, da Du
Dich recht berathest.

Da konnt' ich mich nicht lnger enthalten, eilte auf ihn zu und, vor
ihm auf die Kniee fallend, ergriff ich mit Ungestm seine Hnde, kte
sie und sprach: Dank, dank, lieber Vater, fr die Kunde, die mir von
Euch geworden ist! Sie macht mich wieder lebendig. Ein schwerer Muth
war ber mich gekommen, als sollt' ich solcher Mre nimmer froh
werden.

So steht Dein Wunsch und Wille noch allerdinge hinweg von uns?
fragt' er mit Strenge und doch auch, als lebte, da ich so beweglich
und nahe zu ihm redete, etwas von seiner frheren Gtigkeit gegen mich
wieder auf in ihm. Nur Freude schafft Dir dies, auch nachdem Du die
Worte Deines Vaters, Herrn Bruno's, vernommen?

Ehrwrdiger Vater! erwiedert' ich, indem ich's wagte und seine Kniee
umfate. Immer spende die gttliche Gnade den Lohn Euch
berschwnglich fr alle Treue, die Ihr an mir gethan habt, und Gott
mit seinem Frieden sei eines Jeglichen Geleitsmann ewiglich, so viel
allhier Eurem Hirtenstabe unterstehen: aber mich leidet's in dieser
Abgeschiedenheit nicht lnger, und mein inniges Trachten ist noch zur
Stunde, wie es vorhin war, hinaus.

Und doch, sprach Albrecht wieder, magst Du leichtlich in der weiten
Welt Dich einsamer und verlassener finden, als hier, wo Du so Vielen
vertraut bist. Denn bedenk' es wohl: Dein Vater harret Dein nicht, und
an welchem Ort er weilet, ist Dir verborgen!

Noch ist ein Ruf, sagt' ich wieder, dem ich folgen mu. O, zrnet
nicht ber das, was ich sage: aber begehrete Herr Bruno zur Stunde
selber von mir, da ich bliebe; so lange die Freiheit zu bleiben oder
zu gehen in meine Wahl gelegt ist, knnt' ich ihm nicht gehorsamen.
Nein, ich knnte und wrde nicht!

Als ich ausgeredet hatte, erhub sich Herr Albrecht mit finstrem
Angesicht, hie mich gehen und selber mit meinem eitlen Dnken mich
berathen.

So von ihm hinweggewiesen zu werden, gieng mir schwer ein. Darum bat
ich ihn und sprach:

Nicht so, ehrwrdiger Vater! nicht so heit mich von Euch geh'n!
Gebt mir ein Wort der Verzeihung und des Segens mit!

Ich sorge wohl, sprach er wieder mit groem Ernst, die Stunde wird
kommen, darin Dir Beides hoch noth sein wird. Mge sie nicht zu
schmerzlich fr Dich sein! Alsdann wirst du unsern Segen nicht
vergeblich suchen. Wisse das, Diether, und geh!

Auf diese Worte, die er mit strenger Gebrde begleitete, durft' ich
nichts erwiedern. Ich verneigte mich vor ihm und gieng.

Was nun im Convent und allerorten in der Abtei fr ein Fragen
entstund, und wie gro das Aufsehen war, als es ruchbar ward, da ich
auszge fr immer; wie Manche mich da berathen wollten, mahnen und
warnen, Andere es nicht hehl hatten, da sie mich neideten, so Viele
auch eine herzliche Neigung zu mir kund thaten und sich mhten, zur
Letze mir zu zeigen, da ich ihnen lieb war; wie sich da, als ich
Abschied nahm, Freud und Leid an der Hand hatten und ganz dicht zu
einander gesellet waren: von dem Allen gedenk' ich nichts zu
vermelden. Denn wer selber einmal eine Sttte hinter sich gelassen
hat, der er gewohnet war und die er nicht wiederum zu betreten
gedachte, der kann sich leichtlich frbilden, wie es sich zutrug mit
meinem Urlaub nach Maulbronn. Ihm ist auch nicht noth zu sagen, wie
mir dabei um's Herze war. Denn er wei, da solche Scheidestunden auch
fr den Menschen, der mit allem Verlangen nach der Ferne strebt, etwas
von jenen sanften und feierlichen Schauern in sich hegen, dergleichen
auch in der letzten Scheidestunde die gottminnende Seele durchzittern
mgen, wenn sie mit Freuden zum Himmel eilt und doch zugleich mit
doppelter Inbrunst liebt und segnet, was ihr auf Erden theuer war.




Zehntes Capitel.

In der Welt.


Schwerlich zog Jemand wanderlustiger seine Strae an jenem
Novembertage als ich, nachdem ich Maulbronn verlassen hatte. Es
mochten seitdem zween Tage verstrichen sein oder drei. Allgemach waren
mir die schweren Gedanken vergangen; die lang entbehrte Freiheit, die
Erfllung sehnlicher Hoffnung und heute das klare rthliche
Sonnenlicht, das die Welt beschien, machten mir das Herz froh und
leicht. Munter schritt ich hindann. War ich nicht auf dem Wege nach
Speyer, allda vom Bischof weitere Vollmacht zu erhalten fr meinen
ritterlichen Stand, und gedacht' ich nicht von dort aus mich an Graf
Eberhard zu wenden, seinen Rath zu erbitten, wie ich mich weiter
hielte, und winkte mir dann nicht noch ein anderes, ersehnteres
Wiedersehen?

Weil mein Blick mit Lust um sich schaute und des freien Umblickes mit
Freuden geno, so hatt' ich der Stunden unterm Wandern nicht geachtet,
wie sie dahin gegangen waren. So brach der Abend herein, und ich wute
noch nicht, wo ich die Nacht zur Herberge liegen sollte; Stadt oder
Dorf waren nirgends ringsum zu sehen. Mein Mundvorrath war zu Ende,
und ich begann die Mdigkeit meiner Glieder zu fhlen.

Indem sah ich durch die Abenddmmerung ber ein blaches Feld ein Feuer
leuchten, das am Fue eines Hgels angezndet war, der die Flamme
etlichermaen vor dem Winde schtzte.

Vielleicht ist's ein Hirt, der dort sich seine Abendkost rstet,
dacht' ich. Er mag Dir wohl auch Rast und Erwrmung an seinem Feuer
und einen Imbi gnnen, so Du ihn darum ansprichst.

So bog ich dahin vom Wege ab.

Als ich nahebei kam, trieb mir just der Rauch in's Angesicht, da ich
nicht wohl aufsehen konnte. Wer aber da der Flamme pflegte, das ward
mir mit dem ersten Gru bewut, den ich hrte:

     Geschwind, Klingsohr, Gesell, Sieh da!
     Er selbst: _lupus in fabula!_

Allsogleich darauf fhlt' ich mich von dem Gerufenen an beiden Hnden
erfat und unter berlustigen Sprngen nher gezogen, indem er sang:

     Nun fiedelen und tanzen wir, heisa, hopei!
     Herr Diether, der Junker, Herr Diether ist frei!

Gelt, mein Tannhuser! sagt' er dann zu seinem Gespons, indem sie
beide eine wollene Decke an die bequemste Stelle neben dem Feuer
spreiteten, das htten wir nicht gedacht, da der werthe Junker uns
die Sach' so leicht machen wrde. -- Ho, ein gutes Glck! Eine
treffliche Conjunctio! wie die Astrologi sagen. -- Mcht' ein
Kalendarium haben, die Zeichen einzusehen, wie sie heute stehen.--
Gewilich im besten Aspect; geschickt zu groer Unternehmung! -- Ah,
Herr Diether! Die bleibt ungethan, und wenn sie uns den Stein der
Weisen zu gewinnen brchte, nun wir Euer theilhaftig worden sind.

Und er schttelte mir wieder die Hand und der Tannhuser auch.

Ihr scheinet meiner gedacht zu haben, fragt' ich, selber schier
erstaunt ber die unverhoffte Begegnung, indem ich, wie sie es
wollten, zwischen ihnen niedersa.

Ob wir des Junkers gedacht haben, Gesell! sprach da der Kurze und
stie den Angeredeten hinter meinem Rcken an. Nur gedacht?!
-- Gesprochen haben wir von Euch, Herr, alltag und heut sonderlich und
eben jetzt wieder! Und, Junker, ich sag' Euch: immer in solcher
Meinung, wie sie treuer nicht sein knnte, wenn Ihr schlecht unser
Kunstbruder wret und nicht hochbrtigen Stammes.

Seid von Herzen bedankt dafr, sagt' ich, aber der Singekunst denk'
ich auch jetzt nicht zu entsagen, habe ich sie letzthin gleich nicht
gebt.

     Die Kunst verbrdert, aber mehr
     Doch scheidet Ansehn, Stand und Ehr,

sprach der Tannhuser dazwischen und war nachdenklich.

     Frwahr! so ist die Welt gericht't,
     Doch unser Junker Diether nicht,

sagte Klingsohr ihn begtigend. -- Nein! Ihr nicht, um den wir uns
gegrmet haben und gesorgt, seitdem sie Euch von uns rissen und wir
trotz all' unserer harten Arbeit und Zauberkunst und Alrune Euch
dahinten lassen muten, wo Ihr zuvor gesessen, eingethan und
versperrt! Ihr nicht!

Ach, Junker, fuhr Klingsohr fort, wie schn hatt' ich Euch
allbereits hinaus, und wie balde wren wir hinunter gewesen, aber das
Frulein -- das Frulein! -- dabei sah er mich von der Seite an und
winkte mit dem Finger. -- Ach, Junker, es war da auch ein Zauber, der
Euch zurckhielt und ein strkrer als meiner, der Euch des
Gefngnisses entledigen sollte.

Und er lachte und schlug, als wt' er genug von derlei Sachen, um
sich ihrer noch zu verwundern, mit seiner Hand scherzweise auf mein
Knie.

     Jungfraunlieb ist fahrend Hab,
     Heut Herzliebster und morgen: schab ab!

sang der Tannhuser, als tht er's in Gedanken.

War ich ber Klingsohr's Rede roth geworden, so verdro mich seines
Gesellen Liedlein. Schweig! gebot ihm der Magus, der meinen rger
wohl vermerkte. Schweig, Gesell, und la mich dem Junker vermelden,
wie wir keine Ruh' gehabt haben, bis wir fr gewi ber ihn
erkundeten, was aus ihm geworden; wie wir endlich berein gekommen
sind, nach ihm zu spren in Maulbronn, mt's selber unter seines
Abtes Bettsponde sein. -- Ach, Junker, wir dachten nicht anders, als
es wr' Euch Luft und Licht versagt und Ihr hrtet auer der Litanei,
die Ihr selber singen mtet, nur die Muslein pfeifen Tag und Nacht.
's ist uns drber, Junker, manches Mal die Lust vergangen am Essen --
und am Trinken auch.

     Daran verloren unterdessen
     Nicht viel die Kehle noch der Bauch,

sagte Tannhuser und winkte abwehrend mit der Hand.

Ah, ah, Junker! sprach Klingsohr wieder; Er red't nur so -- nur
aus Bescheidenheit, sag' ich Euch; nur aus Bescheidenheit. -- Ein
kaiserlich Mahl htten wir uns versagt fr Euch -- und heut, ja heut
mchten wir eins halten fr lauter Freuden, da Ihr wieder heraus
seid. -- Sagt' uns nun, wie ist's Euch gelungen damit, Junker? Aus
einem Thurm Einen von dannen bringen, freilich, ist auch 'ne Sach'!
Aber aus 'nem Kloster sich davon machen, wenn sie erst einen redlich
eingefangen haben und mit Geielung und Pn ihn christlich bedienen --
ha, ha! -- das nenn' ich eine rechtschaffene Kunst. Und er schttelte
sich vor Lachen. Ihr versteht sie, Junker! Ihr versteht sie! Welche
habt Ihr gebraucht? Des Nachts entwischt, he? oder am Tag die Wchter
getuscht, oder Gewalt gebt oder--

Nichts von dem Allen hab' ich gebt, noch sonst keinerlei
Widerrecht, gab ich ihm zur Antwort; sondern nachdem ich des
Klosterlebens entlassen, bin ich nach eigener Wahl gegangen und frei
ffentlich.

     Die Welt ist bse aller Orten
     Und selten gut;
     Gern weilt' ich hinter Klosterpforten
     In sichrer Hut,

sagte der Tannhuser und sah sinnend in's Feuer.

Wie, Junker? fragte Klingsohr und sperrte vor Verwunderung seine
kleinen Augen so weit auf, als er's vermochte, wie? Ihr seid nach
Urtheil und Recht losgegeben?

So ist's, sagt' ich, und anders nicht. Der Bischof selber hat sich
bei des Ordens Oberhuptern fr mich eingelegt, da nach meines Vaters
Willen geschehe. Darnach hat das General-Capitel der Cisterzienser es
verwilligt, und hier bin ich auf dem Wege gen Speyer, allda von Herrn
Gebhard die Vollmachten zu empfahen, und was sonst nthig ist zur
Wiedererlangung meiner ererbten Rechte zu betreiben.

Auf diese Worte schlug der Kleine die Hnde zusammen und rief:

     O Wunder gro! Nun dies geschah,
     Whn' ich, der jngste Tag ist nah!

Was ist da so grlich zu verwundern, fragt' ich wieder, da man
mildiglich handelt und nicht so gar nach dem strengen Recht, so Keinem
dabei zu nahe geschieht?

Herr, Herr! rief der Klingsohr. Ihr kennt der Welt Lauf nicht; Ihr
kennet ihn bis auf's Hrlein nicht, sag' ich, Klingsohr! -- Entweder
die Welt hat sich gendert und die heilige Kirche dazu -- oder Ihr
seid ein Sonntagskind, eine weise Frau hat Euch zur Tauf' gebracht und
ein Nix war zum Gevatterschmause geladen. -- Sonst steckt noch was
dahinter, sag' ich Euch; knnt' ich's nur ausfindig machen.

Dabei lupfte er seinen Hut, strich mit der Hand durch sein Kraushaar
und sah mit gespitztem Munde den entschwebenden Rauchwolken nach.--
Ich wute zu seinem seltsamen Wesen, das er zeigte, nichts zu sagen
und schwieg.

Und was gedenkt Ihr, wenn Ihr beim Bischof Alles nach Wunsch
ausgerichtet habt, fragt' er, sich wieder zu mir wendend, was
gedenkt Ihr hernachmals zu thun, Junker, so man das wissen darf?

Warum nicht, Klingsohr! gab ich ihm Bescheid. Dann gedenke ich
Herrn Eberhards Gunst und Beistand zu suchen--

Wozu? fragte er rasch. Ich war von der Art, wie er das Wort sprach,
ein wenig gewirret; doch fate ich mich und sagte: Zu Vielem; zu
Allem, de ich Neuling in der Welt an Rath und Fhrung brauchen werde,
denn meinen Vater wei ich nicht zu erlangen.

Zu weiter Nichts? Junker, zu weiter Nichts? fragt' er wieder.

Wie wunderlich Ihr seid! sprach ich. Zu was noch sonst? -- Aber
ich mocht' ihn dabei nicht ansehn; denn ich wute wohl, da er mit
seinen Blicken auf mich hielt.

Dann rath' ich Euch, Junker! hub er wieder an -- brauchet Herrn
Eberhards nicht! -- Was wolltet Ihr, da Euch die Flgel losgebunden
sind, noch frder hier herumschleichen, als stnd' Euch drauen nicht
die weite Welt offen? -- Seid Ihr nicht selber gewitzigt genug, Eurer
Sache zu helfen, und werdet Ihr nicht Freunde, Euch beizustehen, bald
genug finden, so Ihr sie weislich prfet? -- Wr' ich, Herr Diether,
an Eurer Statt, ich rstete mir in Speyer alsbald ein hbsch' Pferd
und durchzge die Lande der Christenheit: wo Kurzweil zu finden, Ehre
zu erjagen wre, da macht ich Halt, und, glaubt mir's, Junker! wenn
Ihr so thut, so werden, wenn ein Jahr herum ist, allerorten die
Mnner, so des Ritterthums verstehen, Euch rhmen -- und gar die edlen
Frauen! -- ah, Junker, Ihr seid ein glckseliger Mann, denn die
Frauengunst, Junker--

Was sollt' ich mich nicht zuvrderst zu Herrn Eberhard wenden und die
Elzeburg meiden? sagt' ich, ihn unterbrechend.

Nur allda den Grafen heimzusuchen, Junker Diether? und mir schien's,
als winkte Klingsohr seinem Gesellen, wohl acht zu haben, da er so
fragte.

Nun, ihn und das Frulein auch, erwiederte ich kurz.

Wenn Ihr nur nicht just um sie des Frauenzimmers da zu wenig findet
-- meinte Klingsohr.

Oder aus der Ritterschaft einen zuviel, fuhr der Tannhuser fort.

Ich versteh' Euch nicht! rief ich rgerlich.

Da sang der Lange:

     Gar manchem Mann
     Bleibt's Herz gesund,
     Nur wenn ihm, was ihn nah geht an,
     Nicht wird auch kund.

Wahr, Bruderherz, wahr ist Dein Spruch! rief Klingsohr. Drum sag'
ich:

     Nimm jede Gunst, wie sie Dir ward,
     Und baue nicht auf ferne!
     Du findst zuletzt die Schale hart
     Und Bitterkeit im Kerne!

Nicht zuletzt nur! sagte der Singer wieder und schttelte sein
Haupt, als wr' ihm an All' dem in keiner Weise gelegen:

     Frauengunst,--
     Blauen Dunst
     Ich acht' sie.
     Wer begehrt,
     Was da werth,
     Verlacht sie!

Da mocht' ich dies ihr Rthselspiel, mit dem sie, wie ich wohl
vermerkte, auf mich zielten, nicht lnger ertragen. Ich sprang vom
Sitze zwischen ihnen rgerlich auf, sah sie finstrer Miene an und
sagte: Ich bitt' Euch, Freunde, lasset ab von solchem Gesprch; denn
es ist mir verdrielich zu hren. Sagt mir frei offen, was Ihr wisset
von Elzeburg, das mir Hinderung sein sollte, dorthin mich zu wenden.

Auf solche Worte gab sich der Tannhuser das Wesen, als nhm' er sich
meiner Rede nicht an und mte sein Gefhrte alleine zusehen, wie mir
zu antworten wre.

Der aber stellte sich vor mich hin, blickte scharf in mein Gesicht
und hub also an: Junker Diether, seht Ihr! Euch ist's um des Grafen
Schutz und Beistand allein nicht zu thun! Noch eine andere Gewalt
zieht Euch nach Elzeburg. Schaut nicht weg! Ach, ich verarg's Euch
nicht. Kein Christenmensch darf's Euch verargen, der das Frulein
gesehen hat und was Huld sie Euch erwiesen. Und ich -- wie sollt
ich's, der ich vom minniglichen Abschied wei, den Ihr von ihr nahmet?
O, Herr! so etwas vergit sich nicht. Wie? Zum Wenigsten in Euren
Jahren nicht. Es spinnt seine Fden zart und glden wie Sonnenstrahlen
durch die Werke des Tages und durch die Trume des Nachts -- immer
fester, immer zher -- und um's Herz wickeln sich die Fden, bis es
sich gar darin verstrickt -- und die Einsamkeit ist die Spinnerin.--
Nicht so, Junker, nicht so? Ah, Ihr wagt nicht zu leugnen -- es
braucht's auch nicht gegen den Klingsohr -- es braucht's wahrlich
nicht? -- Nun denn, Junker, hrt wohl zu! -- Aber zuvor versprecht mir
Eins! Lat den Boten seine Botschaft nicht entgelten. 's wr Unrecht;
es wr' gegen uns wahrlich gro Unrecht! Denn so Ihr's heut erfahret,
und Ihr nehmt's auf mit ziemlichem Verstand und als ein Mann, der
seine Fahrt durch die Welt ruhmeswerth und klglich ausrichten will,
so werdet Ihr Euch in's Knftige viel nutzlos Weh und Ach ersparen und
die Sprchlein, die Ihr von uns zur Stunde gehrt habt, werden mit
ihrer Weisheit an Euch nicht verloren sein. -- Wohl! Nein, nicht wohl;
Euch wird's bel dnken, so bel, da Euch die Wiederfahrt gen
Elzeburg gar verleidet wird: und just das ist's, was ich Euch vorhin
rieth. -- Also, Junker, Euer Graf mcht' jetzt fr Euch die Zeit nicht
haben und seine Nichte desgleichen nicht. 'S sind zur Stunde andere
Gste willkommen in Elzeburg. Wir, mein Gesell hier und ich, zogen
vorbei da jngst vor etlichen Tagen. Es geht da hoch her, in lauter
Lustbarkeit. Warum auch nicht? Der Gernsteiner hat seine Braut
wiedergewonnen und ihren Mahlschatz dazu -- so doch Beides, wie es das
Ansehen hatte, ihm eine Weile verloren war. -- Ist nicht erneute Liebe
zwier so hei? Und kann man sich ber die Glckseligkeit, die jetzt
das Frulein neben ihrem Brutigam merken lt, verwundern, so man
bedenkt, er mchte sonst besorgen, sie gedchte Eurer etwan -- und ist
doch schon bereits vier Monde her oder fnf, seit sie Euch nimmer
gesehen. Stellt's Euch nur fr! fnf Monde!!--

     'ne lange Zeit
     fr eine Maid,
     Zweimal eine Ewigkeit.

sagte der Tannhuser dazwischen.

Ja, mein Treu, Junker, das ist's, sagte Klingsohr besttigend. Ihr
seid zu lang ausgeblieben.

Ihr seid unrecht berichtet, rief ich, gewi, Ihr seid es in dem,
was Ihr da von Elzeburg sagt. Ich glaub' es nicht, es kann nicht sein.
Ist aber Eure Rede dennoch nach der Wahrheit, so werd' ich's in Speyer
erfahren. Bis dahin, bitt' ich Euch, lat uns der Sache nicht mehr
gedenken, sondern des Mahles, so Ihr etwas zuzursten habt, da wir
unser Herz strken und dann des Weges weiter ziehen.

So sprach ich. Aber mein Gemth gedachte gar anders. Inwendig war's
mir, da ich diese Zeitung von Irmela vernahm, als erschallte aller
meiner Freude recht das Grabgelute und wre mein froher Muth mitten
in's Herze getroffen. Ich sa schweigend nieder und mochte auch nicht
ferner auf die Beiden merken, wie sie ihr Kchenwerk angriffen.--
Darum war mir's lieb, da sie fragten, ob ich, derweilen sie
zursteten, auf das Feuer Acht haben wollte.

Der Abend war schnell dunkel geworden und die Rauchwolken wirbelten
im rthlichen Glanze weithin sichtbar empor. Ich blickte ihnen nach
unverwandt, wie eine nach der andern sich dahinwlzte und immer wieder
gleich dieser im Dunkeln sich spurlos verlor. Sollte so auch der helle
Glanz der Glckseligkeit, der mir im Herzen aufgegangen war, trb und
trber werden und endlich in Nacht verschwinden? O, ich fhlte, das
knnte nicht sein. Ich fhlte, wenn sie, der all' mein Herz in Treue
zugethan war, mir verloren wre, wenn sie mein vergessen htte, dann
mte mir die Welt immer de bleiben und ich aus ihrem Glck
verwiesen. Aber, sollt' es denn Wahrheit sein, was ich gehrt hatte?
Sollten diese lieblich lichten Blicke, sollte dieser lchelnde,
falschesfreie Mund, sollte der innigliche Druck dieser Hnde mir
gelogen haben? Sollte dies Alles, was mich umgewandelt hatte und mein
innerstes Sinnen und Meinen bezwungen, ihr nur Spiel gewesen sein?
Konnte sie sich von mir kehren und nicht darnach fragen, da die tiefe
Wunde, so ich von ihr empfangen, immer offen stehen wrde? Nein, es
war nicht mglich! Und unmuthig stie ich in die Flamme, da die
Funken mit Geprassel stoben und zuckend in der Luft auf und nieder
fuhren, ehe sie verloschen. Ihnen glichen die Gedanken, die mir jetzt
wild durch's Herz strichen. Wie? Wenn man die Maid wider ihren Willen
zwnge zum verhaten Ehebunde? Wenn unsere Heimlichkeit kund geworden
wre und sie whnte, ich bliebe festgehalten im Kloster und sie harrte
mein umsonst? -- O, dann wollt' ich jeglich Wagni bestehen, sie zu
befreien, und keine Fhrni sollte mich schrecken, gerieth ich gleich
in die Irre und mein Pfad in die Nacht.

Da blickte mich ein theures Angesicht wie aus einem Spiegel traurig
und liebreich an. Immer mit den aufsteigenden Flammen schwebt' es
empor; es winkte und warnte und rief mich leise mit sem Namen.
-- Unser kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald
verschwunden. Denke, da es heut geschieht.

Und ich sa und sah in's Feuer, wie die Flammen zngelten und die
Wolken rthlich dahin zogen, bis die Nacht sie verschlang.--

       *       *       *       *       *

In Speyer, als ich dargekommen war, war es mir mit meinen Sachen wohl
gerathen. Ich hatte die Besttigung meiner Freiheit und meines
ritterlichen Standes erlangt. Das Lehn, in Schwaben gelegen, so mir
zugestanden war, ward mir berantwortet, und was weidliche Leute und
Geschlechter in der Stadt waren, von denen ward ich aufgenommen und
ehrlich angesehen; sie litten mich allenthalben gern und whnten nicht
anders, denn da ich bald zu hohen Ehren kommen wrde. Doch that ich
dazumal Alles mit halbem Herzen; denn die Gewiheit, da Irmela Ritter
Conrad freien wrde, wie mir die Fahrenden das berichtet, hatt' ich
bald nach meiner Ankunft in Speyer erlangt. Davon erstarb mir die
Freudigkeit, und von dem groen Leide, das ich da gewann, konnt' ich
mein Gemth nicht hinwegziehn. Doch schpft' ich noch ein kleines
Trstelein. Denn wie? Ich mut' es ja glauben, was sie Alle sagten,
und glaubt' es doch wieder nicht. Von ihr selbst, dacht' ich, will
ich's erfahren. Hinaufzuziehen gen Elzeburg, de unterwand ich mich
nicht, denn ich besorgte, ich mchte nicht vor sie gelassen werden und
dem Gernsteiner dann begegnen, der dort weilte, wie ich hrte. So
schrieb ich einen Brief an die Maid, darin ich ihr meine Erledigung
aus dem Kloster vermeldete und ihr theuer schwur, meine Treue wrd'
ich ihr ewiglich halten und wie mein Gemth unbeweglich auf demselben
Sinn stnde. Darnach lie ich sie wissen, wie groe Sorge und Zweifel
ich gewonnen htte, da mir die Sage von ihr zu Ohren gekommen wre,
da sie dem Gernsteiner mit Nchstem sollte angetraut werden, und ich
bat sie beweglich mit dringenden Worten, da sie mir doch ihres
Herzens Willen und Meinung kund thte, und ob sie, wie ich wohl
glaubte, zu solchem Ehestande gezwungen wrde. Dann wollt' ich alle
Macht daran setzen, so oder so ihr zu helfen und mir. Nur das +eine+
selige Wrtlein mchte sie mir schreiben, da ihr Sinn und Wille
unverndert wre, gleich wie sie in meinem Herzen beschlossen bliebe
ewiglich.

Solchen Brief gab ich Klingsohr, da er ihn sicher und geheim
berbrchte, auch die Antwort, welche er erlangen wrde, heimlich
hielte. Denn die beiden Fahrenden waren mir gen Speyer gefolgt.

Mit Ungeduld wartet' ich des Bescheides. Es whrte nicht gar lange,
da ich ihn durch Klingsohr erhielt. Es waren nur wenige Worte, die
sie mir berschickte, aber solche, die wie der Frost im Mrzen jedes
noch keimende Blmlein meiner Hoffnung und Zuversicht ertdteten. Sie
bat mich um Gottes Willen, ihr nie wieder mit keinerlei Botschaft oder
Brief zu nahe zu kommen, noch etwa selbst sie heimzusuchen; sie
wnschte mir von Gott und seinem himmlischen Heer alle Genge und
Freude allerwegen; aber wir mten geschieden bleiben forthin, und sie
bte mich, ihrer zu vergessen; denn das sollt' ich wissen: sie reiche
aus keinerlei Zwang dem Gernsteiner die Hand als ihrem Ehegemahl,
sondern willig und aus freiem Erbieten. Der reiche Christ mge meiner
Seele pflegen hier und dort. Dies wre ihr letzter Gru.

Von Stund' an hatt' ich keine Ruhe mehr in Speyer, und alle Lust an
Freud' und Festlichkeit, ihrer mit zu genieen, war mir verdorben. Wo
ich immer weilte, giengen die schweren Nachgedanken mit mir an die
hohe Wonne, die sich in Weh verwandelt hatte, und oft, wenn ich mitten
unter Menschen war, die mich frhlich sein hieen, ward ich etwas inne
von dem, was Herr Albrecht mir gesagt hatte, da man sich auch in der
Welt und ihrem Gerusch einsam fhlen knne.--

Da reichte eine Traurigkeit der andern die Hand; denn der Schmerz um
Bruno, meinen Vater, berkam mich mit neuer Gewalt. Ich schalt mich
unkindlichen Sinnes, da ich mich unbestndiger Frauenliebe htte
trsten wollen und ihr noch Raum gelassen in meinem Herzen, da ich
allein seiner htte gedenken sollen, wie ich ihn wiederfnde und aus
seinem Kummer um mich befreite. So bist du jetzt betrogen, sagt' ich
mir, dieweil du eitlem Glck nachgelaufen bist und hast die chte
Treue nicht genugsam geschtzet. Und wiederum dacht' ich: wenn du ihn
gefunden haben wirst und bekennest ihm das Glck, so du verloren, und
das Leid, so du gewonnen hast: dann wird's dir leichter zu tragen
sein; du wirst wiederum einen guten Muth und Freudigkeit gewinnen,
wenn seine Liebe und sein Lob dich anspornt.

So fat' ich denn nichts Anderes zu Sinne, als Herrn Bruno zu
erkunden, wo er weilte, auf da ich ihn heimsuchte und er meine
Losgebung aus dem klsterlichen Stande erfhre. Ich nahm Urlaub von
Speyer und zog zuvrderst gen Schwaben, daselbst das mir zugetheilte
Erbgut einzunehmen; ich verblieb da nur kleine Zeit, richtete die
nthigen Sachen aus nach erfahrener Leute Rath, wie es whrend meinem
Abwesen gehalten werden sollte, und setzte auch Klingsohr und seinen
Gesellen in ein Leibgedinge, so lange sie lebten, wofern sie des
sehaften Lebens anstatt des schweifenden sich annehmen wollten,
worein, wie es schien, der Tannhuser mit Freuden willigte, aber der
Magus nicht so vllig.

Als ich solchermaen meine Sachen beschickt hatte, richtete ich mein
Angesicht stracks gen Mittag, nach Welschland zu ziehen. Da fhrte
mich mein Weg ber Gebirg und Thal, auf felsigten Pfaden an steilen
Klippen vorbei und durch dunkle Wlder, grne Auen und fruchtbares
Gelnde; ich kam in manche volkreiche Stadt und sah der Menschen Weise
aller Orten, nach ihrer Mh' und Plage, Tugend und Kunst.

Ich nahm der Armuth in den Htten wahr, wie sie um die Nothdurft des
Lebens das ganze Leben hindurch ringet und die Geduld dazu nur von der
Gewohnheit lernet und von der Hoffnung, da sie mit dem Tode erledigt
wird. Ich klopfte auch an das Thor mancher Burg, manches stolzen
Hauses und manches gastlichen Klosters. Weltliche Herren, khn von
Thaten und klug von Rath, Geistliche frommen Wandels lernt' ich
kennen, wie auch ihr Widerspiel. Auch sah ich in deutschen wie in
welschen Landen der wohlgezogenen Maide genug, die schne Huldgestalt
zierte und edle Sitten. Da geschah es mancher Orten, da man mich
nicht allsofort frder ziehen lie, sondern mich zu weilen drngte,
frohen ritterlichen Festen beizuwohnen. Was nur den Augen lustsam zu
schauen war und den Ohren zu hren, wonach das Herz gelstete; das war
mir da zum Genie bereit. Aber wenn ich alsdann auch, da ich nicht
unhfisch erschiene und blden Sinnes, mein Vermgen bewies in derlei
Spielen, wie es der edelbrtigen Jugend geziemt, so war doch mein
Gemth nicht dabei, und man sah mich selten froh.

Sonderlich in Florenz, der Toskaner Stadt, ward ich wohl aufgenommen
und nach Ehren als ein Gast gehalten, der dahin in ein edles Haus
gewiesen war. Ich verblieb in dieser hochberhmten Stadt zur Lenzzeit
zwo Wochen lang, vielleicht auch drei. Dort pflegen sie mchtig des
edlen Gesanges, und was die besten Meister solcher Kunst und
zierlicher Rede sind in Welschland, die sind allda zu Hause; ja, so
hoch angesehen ist die Kunst bei mnniglich, da auch Frsten und
Herren zur Kurzweil nicht zusammenkommen, es sei denn, da sie mit
Liedern und Gedichten mancher Hand sich erfreuen. So wollten sie wohl
auch von mir ein deutsches Lied oder Spruch. Lie ich sie dann derlei
hren, so konnten sie sich nicht genug verwundern, zuvor die Frauen
und Maide, warum ich Junger nicht frhlichere Weisen brchte, und
fragten, aus was Ursach das geschhe. Ich wollte nicht ungefge sein,
sie unbeschieden zu lassen und sang:

     Ihr fraget mich,
     Warum mein Lied
     In Maienluft nicht heitrer klinget,
     Da uns der Lenz der Wonne viel beschied
     Und Rose sich um Rebe schlinget.

     So frag' auch ich:
     Mein Herz, o gib,
     Warum Du traurig so, die Kunde:
     So manche Gunst Dir ja zur Hage blieb,
     Willkomm'ne Gab' beut jede Stunde.

     Wenn +eine+ Wolke nur
     Der Sonne Licht verdunkelt,
     Glnzt auf der weiten Flur
     Kein Halm, der noch im Thau erfunkelt.
     Schwebt auch in Freuden sehr
     Ein Herz: ist ihm Frau Minne
     Ungndig: immer mehr
     Wird dann ihm sorgenhaft zu Sinne!

Darnach lieen sie ab, mich ferner zu fragen.--

       *       *       *       *       *

Sobald es angieng, schickte ich mich zum Urlaub von Florenz und
trachtete eilend gen Rom. Als ich angelangt war in dieser ersten Stadt
der Christenheit, die der Apostelfrsten Gebeine hegt und vieler
Heiligen, die da gemartelt wurden, konnt' ich doch mein Herz nicht
darbringen, so groen Heilthmern nachzugehn, noch sonst die
Herrlichkeiten zu beschauen, die dort zu finden sind, sondern mein
einziges Verlangen stund nach meinem Vater. Je lnger, je heftiger
hatte mein Sehnen nach ihm zugenommen. Von den Augustinerbrdern, zu
denen ich mich begab, erfuhr ich, da er schon vor Winter, da er seine
Sache, die er beim heiligen Stuhl betrieb, zu erlangen verzweifelte,
hinweggezogen wre aus der Stadt, trben Muthes, und Keinem sich
vertrauet htte, nach welchem Ziel ihm sein Sinn stnde. Doch wre
unlange Einer aus des heiligen Franzen Orden, dem Mutterkloster der
Barfer zugehrig, bei ihnen zur Herberge gelegen, der htte ihnen
von einem Deutschen gesagt; das mchte wohl Herr Brun sein.

Alsbald hatt' ich keine Ruh mehr in Rom, lie die Stadt und wandte
mich gen Assisi. Diese Stadt ist zur Seiten des Gebirges gelegen,
selber in stolzer Hhe, reich an Kirchen, Kapellen, Stiftern und
Klstern, mit freiem Ausblick in's Land hinaus, das da mit Thlern und
Hhen, Feldern und Wldern und mancherlei Flssen und Bchen prangt
als ein Garten Gottes. Auch liegt daselbst in seiner Kirche in der
Krypta der seraphische Vater begraben. Im Kloster fragte ich nach
Herrn Bruno, ob sie mir Bescheid geben knnten ber ihn. Sie sagten,
ein Fremder, nach meiner Beschreibung der, den ich suchte, wre im
verwichenen Winter bei ihnen eingekehrt, nach wenigen Tagen aber hher
hinauf in die Einsamkeit der Berge gepilgert. Ob er allda noch weilte,
das knnte ich am fglichsten von einem Eremiten erfragen, der droben
seit vielen Jahren wohnte und der Gegend am Besten kundig wre, wie
auch der deutschen Rede. Zu demselben Einsiedel riethen sie mir zu
gehen, auch wollten sie mich durch einen ihrer Laienbrder dahin
geleiten lassen.

Ich that also, verzog nicht und schritt an der Seite des Bruders, den
sie mir mitgegeben hatten, hindann.

Doch zuvor war ich in des heiligen Franzen Kirche gegangen, sein Grab
zu besuchen und Gott zu bitten, mir auf meiner Fahrt auch ferner
beizustehen, da sie ihr Ziel fnde. Da sah ich auch die Krypta und
oben die Kirche mit Bildern von hochberhmter Meister Hnden herrlich
geschmckt. Von ihrer Beschauung gerieth mein Gemth in groe
Verwunderung: ich hatte nie zuvor gewhnet, da Sichtbares mit also
starker Gewalt himmlische Dinge bezeugen knnte, und ich gedachte:
Glckseliger Mann, der Solches sinnet und bildet! Wie mu er mit
seinem Herzen alles Geschaffene umschlieen, also da keine
Gottescreatur ihm fremde bleibt; und hinwieder, wie sehnet er sich
zugleich aus allem Sinnentrug hinaus und ist in Gottes selige
Geheimnisse versenkt! Ja, zwischen seine Seele und ihren Schpfer darf
das Geschpf nicht scheidend in die Mitte treten, sondern die
irdischen Wesen sind gleich den Sprossen der Jacobsleiter, auf welchen
die Engel des Herrn herniedersteigen und hinauf; und oben siehet er
die Pforte des Himmels geffnet, auch wenn er hienieden kein besser
Lager hat, als das harte eines Steines.--

Der Eremit, zu dem wir uns begaben, hausete in einer Hhle, wie sich
dergleichen dorten im Gebirge hufig finden. Es war ein greiser Mann,
ernsten und milden Angesichts: einer von den Wenigen, welche die
Gebrechen und Leiden, so unser Theil sind, nicht aus eigner Verirrung,
sondern aus tiefer Betrachtung und aus lebendigem Mitleid mit fremden
Schmerzen kennen und darum sie zu verstehen und zu heilen gleich
geschickt sind.

Er grte mich freundlich und fragte nach meinem Begehr.

Darauf gab ich ihm Bescheid, sagte ihm, wer ich wre, und fragte auch,
ob er von meinem Vater wte und ob es ihm wohl gienge.

Da war er verwundert, mich zu sehen, blickte mich nachdenklich an und
sprach also:

Ja, Herr, ich wei von Eurem Vater, und wo er ist durch Gottes
Gnade, geht's ihm auch wohl. -- Er kam in diese Einsamkeit in groer
Herzensschwere, als einer, der des Lebens satt ist und doch vor
schmerzlicher Erinnerung und groen Sorgen in Frieden nicht scheiden
kann. Die Erinnerung galt seiner Schuld und die Sorge Euch, seinem
Sohne. Euer Geschick, Herr, das er nicht hatte wenden knnen, sah er
als eine Strafe an fr seine Snden und als ihren fortwirkenden Fluch.
Er verklagte sich hart, da er beide Mal bel an Euch gethan und nach
fleischlicher Wahl, da er Euch in die Abtei zurckgedrngt und Euch
Eure Geburt verschwiegen und sodann, da er Eure Lossprechung begehrt
htte. Das wre Alles Gott mifllig gewesen und gern wollt' er
zwiefltig dafr ben; nur da sein Sohn, des ersten Friedens
beraubt, mit weltlichem Trachten und heien Wnschen im Herzen hinter
den Klostermauern sein Leben vertrauern und verzehren mte: das wr'
ihm eine allzu schwere Pein, die ihn nicht ruhen liee. Darum htt' er
sich zum Schwersten entschlossen, Euch ganz zu entsagen und Eurem
Anblick; denn einen groen jhen Schmerz berwnde die Jugend
leichter, als eine immer wieder verzgerte und getuschte Hoffnung.

So fand ich Euren Vater. Die Tiefe seiner Traurigkeit, die
Aufrichtigkeit seiner Bue und die Gre seiner Liebe zu Euch machten
ihn mir werth; ich gewann sein Vertrauen und ward sein Berather. Ich
sprach zu ihm von der Liebe Gottes, welche die Seele der Kinder nicht
fr die Missethat der Eltern fordert; da es Seinen Zorn nicht
erwecke, wenn ein Vater seines Kindes Bestes suche, gescheh' es auch
irrender Weise; denn Elternliebe sei gttlichen Ursprungs. Vor Allem
erweckt' ich ihm wieder den Muth zu hoffen fr Euch, Herr! -- Denn wie
das Spinnlein von einem Faden aus, den es befestigt, sein ganzes
Gewebe zieht, also mag auch ein zerstoenes und zerbrochenes Herz an
+einer+ wiederbelebten Hoffnung sich zurckfinden in Licht und Leben.

Ich hie ihn mir von Euch erzhlen oft und viel, auf da seine
Gedanken an Euch, die ihn nie verlieen, sich mit solchen verbnden,
die ich aussprach. Allgemach gewhnt' ich ihn daran, Euch im Kloster
zu denken, ohne da Ihr Euch plagtet mit heftigen Wnschen hinaus, und
nicht in dumpfer, brtender Traurigkeit, sondern, ungestrt durch des
weltlichen Lebens Sorg' und Lust, die hohe Kunst bend und die edlen
Gaben brauchend, so Euch Gott verliehen. Ich bracht' ihn dahin, ein
Vertrauen zu fassen, da seine Gebete fr Euer Glck und Heil, die er
unablssig Gott darbrachte, erhrt wrden im Himmel. Und so stieg auch
seine Seele ber sich, ber ihre Schuld und Fehle, Sorgen und eignen
Werke in die Gelassenheit, die sich gnzlich in Gott ergibt und nichts
Anderes wei und will, als Sein Wohlgefallen, weil sie glaubt: das ist
die Seligkeit. Er ward ruhiger, wenn auch nicht ruhig, er ward
frhlicher, wenn auch nicht froh, getrsteter, wenn auch nicht
trostvoll.

Es gibt Leiden, davon genest die Seele, aber der Leib wird mrb. Ja,
sein Siechthum dienet ihr dazu, da sie ihre Augen desto heller
aufthut, ihren himmlischen Ursprung zu suchen und das ewige Licht zu
erfassen, das aus dem Herzen Gottes leuchtet. So, Herr, ergieng es
Eurem Vater. Habt Ihr vom Demant gehrt, da er die Natur der Sonne an
sich nimmt, deren Licht er eingesogen, und selber leuchtet wie sie? So
man ihn in Finsterni bringt, beweist er solche Tugend. Fr des
Menschen Seele ist Leiden und Todesnhe solche Finsterni. Alsdann
erblindet jeglicher Glast, darin sie sonst stolzirte, blendete und
selbst geblendet war; aber was sie von gttlicher Natur in sich
aufgenommen hat, das tritt herfr: heiligt, trstet, berwindet.--
Wenn er Euer gedachte, geschah's mit Wehmuth, aber ohne nagende
Vorwrfe. Ja, der solche Hoffnung nie gewagt hatte auszusprechen, weil
er meinte, Gott fordere das Opfer gnzlicher Entsagung von ihm, hub
zuletzt an zu gedenken: es mcht' ihm bescheert sein, Euch
wiederzusehn.

O! rief er, wenn mein Sohn wiederum froh wrde und zufriedenen
Herzens, so wollt' ich den milden Christ bitten, da ich noch genesen
mchte und eine kleine Zeit leben. Dann zge ich hin zur Lenzzeit, ihn
noch einmal zu sehen -- nur einmal, ohne da er darum wte. Ich
harrte sein am Wege, wo mich Niemand ershe, bis er kme, und wenn es
Abend wrde, mt' es Mondenlicht sein, da ich sein Angesicht schauen
knnte, ob da keine Spur des frhen Kummers zurckgeblieben; oder ich
lauschte unterm heil'gen Dienst im dunklen Gange seiner Stimme
-- gewi, ich hrte sie bald heraus -- oder kme leise heran und she
ihm unbemerkt zu, wie er seinen hohen Trumen Gestalt und Leben gibt
und seine Augen davon leuchten! Oder ach, ich fnde ihn schlafend
unterm heien Mittag im Garten, da ich ihm sanft das Haupt berhren
und eine Blume auf's Herz legen knnte, und im Gebsch verborgen, wenn
er erwachte, sh' ich ihn froh erstaunen ber die Gabe -- und
lcheln!

Und er lchelte selber, seit wie lange zum ersten Male! und seltsam
war dies Lcheln. Es spielte noch immer um seinen Mund, als er
unbeweglich lag, geschlossenen Auges, und der Odem ihm leiser gieng.
Und dies Bild schien ihm vor der Seele zu bleiben. Nein, nein! rief
er, 's ist nicht vom Dolch, den ich zckte -- Joconda, fliehe nicht!
-- Es ist eine Rose -- Komm -- er ist glcklich -- unser Sohn!--
Alsdann breitete er seine Arme aus und lie sie kraftlos zurcksinken,
betete leise: Gott -- Gott! -- seufzte und entschlief.
Solches sprach der Greis. Als er ausgeredet hatte, nahm er mich an der
Hand und fhrte mich an einen Hgel nahe bei seiner Siedelei.

Als ich da am Grabe meines Vaters stund, hub ich meine Stimme auf und
klagte und weinte ber die Maen sehr.




Elftes Capitel.

Einkehr.


Was ich da empfunden hatte, daran dacht' ich zurck, als ich zum
ersten Mal wieder die Gefilde um Maulbronn erblickte, die mir von
Kindheit her so vertraut waren. Jeden Bergzug, jedes Thal erkannt' ich
wieder, obgleich die frhe Dmmerung stark hereinbrach und Nhe und
Ferne in ihre Schatten hllte. Dennoch wie fremd sah mich Alles an!

Wenn ich so umhersphte, hie eine Stelle zu suchen mit meinen Augen,
daran sich eine Erinnerung meiner Kindheit knpfte, und ich fand sie,
und dort wiederum eine: so war mir's nicht anders, als erschrk' ich
ber die Entdeckung und mt' ich mir erst ein Herz fassen zu meiner
Heimath, mich nicht so sehr an sie, als sie an mich zu gewhnen.

Es war doch kaum mehr als ein Jahr verstrichen, seit ich
hinweggezogen war, auf neuer Bahn das Leben zu versuchen: ich war in
dieser Frist weit und fern geschweift, aber hier war kein Wald
verhauen, kein Feld bereitet inde, Alles noch wie weiland -- und
doch, wie fremd, wie fremd!!

War davon etwan der frische Schnee die Ursach, der heute ber das
wintermde Land seine Decke gebreitet hatte, die noch eben jetzt von
den niederschwebenden Flocken erhht ward? Freilich war es heuer das
erste Mal, da ich die Erde in solchem weien Kleide sah, und immer
war mir diese ihre Verwandlung zu Herzen gedrungen: aber diese Hhen
und diese Thler, wie oft hatt' ich sie so gesehen! Was nun im Bilde
der Erinnerung mir so gegenwrtig war, warum blickte das so fremd mich
an in der Wirklichkeit?!

Schritt ich nicht der Heimath zu, meiner Heimath? -- Ser Name!
-- Nahte ich mich nicht dem Ziele, de ich seit Monden begehrte? -- Und
doch, wo war das freudige Pochen des Herzens, das in der Menschenbrust
der Gedanke an Heimkehr weckt und Wiedersehn? Wo das frohe Erjauchzen
der Seele, das laut wird, wenn die Wipfel der Bume auftauchen sollen,
unter deren Schatten er die ersten Trume seiner Kindheit trumte, und
die Spitzen der Thrme seiner Heimath ihm winken: Willkommen!

Schlich nicht neben der Ungeduld, noch heut unter das Dach der Abtei
zu treten, ein seltsames Erbangen eben davor in meine Seele! War es
mir nicht lieb, da mein Weg so einsam war, die Welt ringsum so
stille, als wre sie schlafen gegangen zugleich mit dem Gestirn des
Tages, und auch mein Schritt durch den weichen Schnee so geruschlos,
als bliebe mein Kommen dadurch um so gewisser und lnger unbemerkt!

Nein, nein! Ich selber war ein Anderer worden, ich selber!

Zwischen dem Diether, der einst hier aufwuchs in Frohsinn und
ungestrtem Frieden, der dann erweckt ward zu neuem unbekanntem Genie
und Drang des Lebens, den die Welt hinauszog mit starken Seilen, die
sich fest um sein glhend Herze wanden, und zwischen dem, der jetzt
durch die stille Dmmerung des Christmondabends schritt: welch' ein
Unterschied! Wenn er sich selbst denn so verwandelt hatte, wenn ihm
die Welt eine ander Angesicht zeigte: was Wunder, da auch nun die
Heimath ihm verwandelt schien!

Ich strich mit der Hand ber meine Stirn -- sie war noch glatt; ber
die Wangen -- sie waren rund und frisch; durch mein Haar -- es wehte
noch lockig und dicht um meine Schlfe. In meinen Gliedern, ich fhlt'
es, wohnte noch ungebrochen die Kraft der ersten Jugend.

Aber das Herz und sein Dichten: das war nicht das alte mehr.

Ach, ihr sanft niederschwebenden Flocken, die ihr so weich jedes
zarte Keimlein einbettet, da seinen linden Schlaf nichts stre; die
ihr so geschftig jetzt jede Spur meiner Schritte zudecket, so ich
heute wandle, da ihrer keine auf diesem Wege zurckbleibt: vermget
Ihr denn nicht auch die Spuren so mancher Stunde aus diesem Herzen zu
vertilgen, die ihre Wonnen und ihre Wehen ihm allzutief eingedrckt
haben, da es wieder schlage wie vorhin und wiederum heimisch werde in
seiner Heimath?

Aber wollt' ich das wirklich? Konnt' ich auch nur wnschen, da
Erinnerung, dies ruhelose Kind von Schmerz und Freude, jemals
eingewiegt wrde durch das Wiegenlied der unermdlichen Wrterin Zeit?
War das die Ruhe, die ich suchte, da ich am Grabe meines Vaters eins
mit mir worden war, in die Stille der Sttte heimzukehren, der ich
jetzt entgegenschritt?

Und ich gedachte an jene bittre Stunde.

Als ich damals den Verlust so treuer und starker Liebe beweinte, als
ich klagte, da auch diese freudespendende Sonne, die meinem Leben so
unerwartet und verheiungsvoll aufgegangen war, in das Dunkel des
Grabes sich gesenkt hatte, ach! so bald und eben zu der Zeit, da ich
mit so feurigem Sehnen in ihren Strahlen meinen gedrckten Muth zu
laben gedachte: da wirkte der gewaltige Schmerz, der mir durch alle
Saiten meiner Seele ri, da jegliche Thatenlust, mich in der groen
Welt zu regen, in mir erstarb. ber mich kam das Gefhl grenzenloser
Vereinsamung, alle Freude und Wonne der Erde erschien mir als Schein
und Traum, all' ihre Lust ein Wahn, all' ihre Hoffnungen Lgen: als
das einzig Wirkliche die berall lauernde Larve des Todes, und vom
Thun der Menschen das Meiste vergeblich, eitel Alles!

Dennoch war es nicht das dumpfe Verzagen am Leben, noch die furchtsame
Flucht vor seinen beln und Mhen, auch nicht das Verlangen nach
solcher Ruhe, deren der Lebensmde begehret, wodurch ich in jener
Stunde mich zurckgetrieben fhlte in die Heimath. Nein, solche Ruhe
sucht' ich nicht.

Zwar jedes Ziel, mit welchem Gunst und Ehre der Welt mir winken
konnten, hatte in jener Stunde der Einkehr in mich selbst seinen
Schein verloren. Die tiefe Trauer, die Hand des bitteren Todes hatten
ihn ausgethan.

Aber siehe! ein ander Ziel war mir in jener Nacht des Grames
aufgeleuchtet: hehr, herrlich und heilig! -- Ihm nachzutrachten, daran
war alles Weh, das ich geschmeckt hatte, keine Hinderung, sondern
Weihe und Antrieb war es dazu. Gab es fr mich nicht noch ein ander
Thun und Wirken als das, so mir nun verleidet war? Hatte mir Gott
nicht die Kunst verliehen, was ich im inwendigen Geist hegte, zu
bilden und so mich ber die Erde zu erheben und des Lebens Noth und
dennoch im Herzen die Freude an Gottes Werken zu bewahren?

Da schauten mich die heiligen, stillen Gestalten, so ich unten in St.
Franzisci Kirche gesehen, wieder grend an; sie sagten mir von einer
Welt, von der die sichtbare um uns her mit ihren langen ngsten und
kurzen Freuden nur ein Gleichni und eine Weissagung ist; von einer
Welt, die nur in den Ahnungen und Hoffnungen der fhlenden und guten
Menschen lebt, aber aus den Bildern der Meister, die Gott mit Kunst
begabt hat, trstend und ermuthigend zu uns herniederwinkt. In ihr
wird kein Leid, das durch ein Menschenherz geht, vergessen, und keine
Zhre in der Menschheit Angesicht wird verachtet, aber auch in jeder
spiegelt sich ein Strahl himmlischen Trostes, und ber alles Weh sieht
man den Glast der ewigen Liebe gebreitet.

Und siehe! wie mein Vater in seiner letzten Stunde mich gesehen
hatte: nicht hinbrtend in trger Ruhe, sondern erglhend von hohen
Trumen, denen in Bild und Ton Gestalt und Leben zu geben die Seele
ringt, und in solchem Trachten, dem alle Creatur Gottes dient, in
verborgner, bescheidner und stolzer Stille verharrend, unbedrftig der
Welt und ihrer Gter: so sah ich mich nun selbst, so wnscht' ich mich
zu sehen.

Und ich war in die Knie gesunken und hatte Gott im Himmel gedankt, da
ich also einen Willen, ja eine heilig ernste Freude zu leben und zu
wirken wieder gewonnen; ich hatte seine groe Gte angefleht, Er
mchte in so gethanem Frsatz mich bestndig verharren lassen und
unwankend erhalten, da ich in solchem Dienst all' mein Gengen fnde;
ich hatte Ihm gelobt, dazu in die Stille und Verborgenheit des
Klosters zurckzugehn, wohin nun Sein Walten, wie das letzte Denken
meines Vaters und das fromme Gelbde meiner Mutter mich wiesen.

Mit solchem Sinn hatt' ich mich aufgemacht und war aus Welschland
wiederum heimgezogen. Ich mied, Denen wieder zu begegnen, die mich
kannten; denn ich wute, Ihrer Viele wrden mich von dem Ziele, das
ich erwhlt hatte, wiederum abzuwenden trachten, als wre nur von der
unmigen Traurigkeit mir dazu gerathen; und es war und blieb doch
mein fester Wille.

Ich hatte auch, da ich wiederum in Deutschland angelangt war, mein
Erbgut aus meinem Besitz entlassen und dabei allen Grundholden, so
darauf saen, eine merkliche Erleichterung in ihren Frohnden und
Lasten erwirkt, auch dafr gesorgt, da ein Stift, das da nahebei
gelegen war, fr festbenannten jhrlichen Scho und Zins mnniglich
von meinen Leuten in Alter und Siechthum pflegen mute und was
prehafte Leute waren, aufnehmen. Desto mehr trugen sie Leide, da sie
meiner als ihres Herrn so geschwind wiederum beraubt werden sollten,
und als ich von ihnen Urlaub nahm, wnschten mir Alle Gottes Geleit
immerdar, und Manche wehklagten um mein Scheiden mit vielen Thrnen;
die beiden Fahrenden aber nicht also, denn sie waren mit dem
wiederkehrenden Lenz davongezogen und hatten lieber ihr Geding als ihr
gewohntes Schweifen missen wollen; doch sicherte ich ihnen ihr
Ausgesetztes, da sie es wiederum erhielten, so sie wiederkehrten.--

So zurckgewendet waren meine Gedanken, da ich zur winterlichen
Abendzeit die Gefilde Maulbronns vor mir liegen sah.

Wenn da die wechselnden Erinnerungen auftauchten und im bunten Gedrng
an meiner Seele vorberzogen, konnt' ich mich wundern, da ich als so
sehr ein Anderer heimkehrte, und da ich de jetzt beim Anblick der
alten Sttten mehr inne ward, als vordem? Doch ich wollte diesen
Erinnerungen nicht wehren, mich zu besuchen, auch ferner nicht. Sie
Alle sollten mir helfen aussprechen, was das Menschenherz zumeist
bewegt und was es ber sich hinaushebt; sie sollten haften in meiner
Seele, bis sie, gereinigt von allen Schlacken, ein verklrtes Leben
wiedergewnnen in den Gebilden meiner Hand.

Sie Alle? Auch die, welche mich in so heitre und hohe Wonnen
zurckrief und zugleich in das Nachgefhl so grausamer Enttuschung?
Schwebte nicht jetzt wieder ihr winkend Bild meiner Seele vor, schn
wie der Mond und prangend in blhender Jugend, aber auch ernst und nur
in Schwermuth lchelnd wie er! O, dacht' ich, so traurigen Blickes
sah ich sie nie, und nur der Wahn malt sie mir in diesem Bilde, als
fhlte sie noch mit mir das Leid, so ich erfahren, und begleitete mich
auf meinen Wegen mit treuem Angedenken, da sie doch ihr eigen Glck
erwhlt und meiner lngst vergessen hat. Und ich wnscht' ihr alles
Gottesheil und setzte mir vor im Geist, in's Knftige nie keinerlei
Unmuth zu hegen darum, da sie mich verstoen hatte; denn ich fand,
ohne solchen Willen htt' ich keine Ruhe des Gemths und Frieden zu
erhoffen. -- Aber ach! dazu war jetzt mein Herz noch nicht geschickt.
Es vermochte nicht ihrer zu gedenken ohne ein anderes Weh als das der
Trauer und gerieth darber mit ihm selber in Widerstreit.

Still, sprach ich, die Abgeschiedenheit wird Dich lehren, auch das
zu berwinden, und alsdann wird auch diese Erinnerung Dich nicht mehr
verwirren. Aber es war, als sprche eine andere Stimme dazu: Nein!
das wird nicht geschehen.

Unter solchen Gedanken hatt' ich die Hhe erreicht, von der aus ich
die Abtei vor mir liegen sah in der Abenddmmerung: es war derselbe
Ort, von wo aus ich einst, als ich zum ersten Mal hinauszog, mich
zurck gewendet hatte, auf die Glocken zu lauschen, die zur Matutin
riefen.

War das nicht auch Glockenklang, den ich jetzt vernahm? Wie anders
duchte mich der, als ich ihn gewohnt war zu hren! -- Gewi, es rief
zur Vesper! Und ich faltete meine Hnde, das _Ave_ zu beten. Doch nein!
Das war nicht das Gelut, das tglich zur Abendzeit ertnt. Auch
dieser Schall war mir nicht unbekannt. Ein Windhauch brachte mir ihn
deutlicher zu Ohren. Ja, es war die Sterbeglocke, die gezogen ward.
Davon kam eine groe Herzensschwere ber mich, und als ich vom
klagenden Schall geleitet hinabschritt, bat ich die gttliche
Erbarmung, doch heut und immer, wenn der Gedanke an Tod und Grab mir
allzuscharf durch die Seele schnitte, mein inwendiges Ohr auch den
Harfentnen aufzuthun, die um Seinen Thron die lichten Schaaren
bestndig erklingen lassen, von solchen Himmelsklngen hier im Dunkel
nur ein Weniges zu vernehmen, nur ganz leise wie im fernsten
Wiederhall!

Der Thorbogen unterm Thurm an der Brcke stund offen, und der Schnee
dmpfte meine Schritte, also da Niemand mich bemerkte, als ich
hindurch schritt. Auch im Klosterhof traf ich auf Niemanden; nur des
Pfrtners Hndlein kam herzugelaufen, hatte mich erkannt und sprang
mit kosender Freude an mir in die Hh', wie dieser Thiere Weise ist;
aber mein Kommen verrieth es nicht.

Ich trat unter die Halle vor der Kirche, Paradies geheien, dann
linkswrts in den berwlbten Gang und durch die ffnung, welche in
die Kreuzgnge fhrt, die hier den Friedhof umgeben. Zgernd schritt
ich vorwrts, und die nun nahe ber mir erdrhnenden Schlge der
Glocke erschreckten mich seltsam. Nun sah ich, zwischen den Pfeilern
stehend, den berschneiten Friedhof und dort drben die Brder, einen
gedrngten Haufen.

Es brauchte nicht des dumpfen Gerusches der hinabrollenden
Erdschollen, das zwischen dem Rufen der Glocke an mein Ohr schlug, um
mir kund zu thun, da man da einen Leichgang gehalten, die Feier
soeben beendet hatte und nun die Gruft zuschaufelte. Sie hatten Alle
nur Acht auf ihr traurig Thun, und Ihrer Keiner hatte mein Nahen
gewahrt. Auch barg mich das Dunkel des Kreuzgangs. Wo es am tiefsten
war, da trat ich hin und sah hinber. Wie manches Mal hatt' ich als
Kind schon diesen Anblick gehabt und da des Rechts genossen, das
allein die Kinder mit den Gottesengeln theilen, auch vom Anblick des
Todes nicht gestrt zu werden in ihrer schuldlos spielenden Freude,
weil beide seine bittere Erfahrung nicht kennen. Aber welch' herbes
Weh durchzuckte mich heute!

Nun verstummte das Gelute, und die Brder erhuben nach Gewohnheit den
Gesang:

     _Flens ego sum genitus, celebrantur funera fletu,
     transacta innumeris vita fuit lacrimis,
     O miserum mortale genus lacrimabile semper,
     quod factum ex cinere est, solvitur in cinerem._

     (Weinend erblickt ich die Welt, mit Weinen begrbt man die Todten,
     Unter viel Thrnenergu schwindet das Leben dahin;
     Sterbliches armes Geschlecht, wie bist du beweinenswerth immer!
     Was genommen von Staub wandelt sich wieder in Staub.)


Dann ward eine kleine Stille, und der Priester sprach: Lasset uns
beten: Herr, schenke ihr die ewige Ruhe! Und die Brder antworteten:
Und das ewige Licht leuchte ihr!

Darnach hub der Priester wiederum an: Lse, HErr, die Seele Deiner
Dienerin Irmela von allen Banden der Snde, auf da sie in der
herrlichen Urstnde unter Deinen Heiligen und Auserwhlten wieder
auflebe. Und der Abt betete: Leite auch, Herr, unsern Diether an
Deiner Hand, und so er erfhrt von diesem Begrbni, so sei's ihm zum
Heil und Segen! Darauf sprachen sie Amen! und wandten sich zu gehen,
denn die Finsterni war hereingebrochen.

Ich wollte hinzueilen, aber die Kraft entgieng mir und ich sank zur
Erde.

Hilf Gott! Diether, armer Diether! hrt' ich rufen, als mir die
Sinne wiederkehrten. Da winkte Herr Albrecht den Andern, da sie von
mir ablieen, richtete mich auf und leitete mich an das frische Grab.

Daselbst schluchzte ich bitterlich an seinem Halse, und er litt es
ganz vterlich.

Droben in seinem Gemach, dahin er mich geleitet hatte, wollt' er nicht
leiden, da ich ihm berichtete von meiner Fahrt und wie es mir damit
gerathen wre, sondern zuvor gab er mir eine Schrift, die wre fr
mich bestimmt, sagt' er, sie zu lesen, -- trstete mich mit lindem
Wort und lie mich allein.

Es war die Geschrift von einem guten Pfaffen geschrieben, dem die
selige Maid ihre letzte Beichte gethan hatte mit dem Gehei, so sie
verschieden sein wrde, solch' ihr Wort mit nach Maulbronn zu geben,
da es mir, wenn es Gott so fgte, zu Handen kme: denn dort wollte
sie begraben werden.

Er soll wissen, hie es darin, da meine Treue gegen ihn alle Zeit
unwankend geblieben ist und ich keine grere Glckseligkeit wute im
Leben, als mit ihm unzertrennlich verbunden zu sein. Aber ich ersah
bald, da das nimmer geschehen wrde, sondern da allerdinge ber ihn
beschlossen war, in seine Losgebung nicht zu willigen, und da, was
man von meiner Herzensneigung zu ihm gesprt hatte, um so mehr zur
Ursach' ward, ihn im Kloster zu behalten. Da war's mir ein groes
Leid, wider seinen Willen ihn da verschlossen zu wissen sein Leben
lang, und ich willigte in die mir bestimmte Ehe; aber ich begehrte
dafr, da Diether's Losgebung vom Bischof erwirkt wrde. Ich wute,
da ich mich damit von Glck und Freude schiede fr immer; aber es war
mir ein ser Trost, mit meinem Leide seine Freiheit zu erwerben. Doch
da ich ihn nie wiedersehen drfte, noch er je erfahren, durch wen er
seine Losgebung erlangte, sondern im Wahn verbleiben, als htt' ich
ihn verstoen und die Treue gebrochen, da ich auch gegen den, der
mich zum Gemahl erkieste, die Heimlichkeit in meinem Herzen bewahren
mute: dies nagte an meinem Leben allzusehr, und ist Ursach' worden,
da eine andere Hochzeit fr mich vorhanden ist, als die, fr welche
man mich ausersehen hat. Ich danke Gott im Himmel dafr. Die reinste
Wonne, so die Erde gibt, hab' ich erfahren; sie kann nur kurz sein.
Ich bin zufrieden, abzuscheiden; nur um meinen Ohm ist's mir Leid. Die
ewige Dreifaltigkeit mg' ihn trsten!

Mein Gebein aber soll an der Sttte der Urstnde harren, die
Diether's Heimath war. Ihm mge Gott des Lebens Glck bescheren und
hernach die ewige Seligkeit. Nie soll ihm die Erinnerung an mich
hinderlich an einer Freude sein. -- Kommt er aber einst zurck nach
Maulbronn, weil die Drner rauher Wege, die er gefhrt ward, seine
Fe zu hart verletzt haben, so schpfe er aus diesem meinem letzten
Gru eine Linderung.

Einstmals zur Maienzeit, als der Wind unter'm Schall der Nachtigall
weie Blthen ber mich schttete, wnschtest Du mir, Diether, es
mchte nie kein anderer Schnee in die sorglosen Tage meiner Jugend
fallen, als dieser. Es ist anders worden mit mir! Aber wenn auch Dir
der Winter manchen Schmuck des Lebens verdirbt und Du ber allzufrh
verwelkte Blumen trauerst, alsdann denke, da nicht blo auf jeden
Lenz ein Herbst, sondern auch auf jeden Herbst ein Lenz folget.--
Gott und Sein Heer lasse mich den gewinnen, der ewig blht!

     (Allhier endet Diether's von ihm selbst erzhlte Geschichte.)




Beschlu.


Diether schwieg eine Weile, als er mit Erzhlen zu Ende war, und auch
die beiden jungen Gesellen, die ihm zugehrt hatten, wagten nicht, das
Wort zu nehmen.

Das ist nun die Aventiure, die Ihr zu hren begehrtet, sagte der
Alte dann und stund auf vom Steinsitz unter der Halle, als wollt' er
hineingehen der Pforte zu.

Es war zum dritten Male in der Pfingstwoche, da der Abend die Drei um
den Steinbrunnen versammelt hatte am Kreuzgang, der im Viereck den
Friedhof der Abtei umgibt, und fr den Erzhler wie fr seine
zuhrenden Schler blieb die abendliche Stille ungestrt; denn nur
sanft rieselte das Wasser und nur leise rauschten zuweilen die
Blthengebsche ber den Grften.

Heut hatten sie lnger drauen verzogen denn sonst, und als Diether
sich anschickte, zu gehen, sah er schon den Silberglanz des
Mondenlichts auf dem Dach der Kirche flimmern und in den Garten
herabgleiten, wo er die Wipfel eines dichtbelaubten Flieders mit
sonderlicher Helle bestrahlte.

Der Alte blieb stehen und richtete dahin seinen Blick.

Wie heint die Blthen leuchten! sprach er vor sich und schritt durch
das Gras langsam der Stelle zu.

Nun stund er dicht am berhangenden Gezweig, der wrdige Meister, ihm
zur Seite gesellt die Jnglinge.

Da zog eine Wolke wie ein goldumsumter Schleier ber des Mondes
leuchtend Angesicht, und ein behendes Dunkel flog von ihr her ber das
Dach der Kirche und beschattete Garten und Kreuzgang.

Sie ist sogleich vorber! sagte Diether und blickte hinauf.

Als der Glanz wiederkehrte, sahen die Drei zu ihren Fen einen
Grabstein, von weien Blthen ganz berdeckt.

Der Alte bckte sich bedchtig und strich sie leise mit der Hand zur
Seite. Da ward, eingegraben auf dem moosigen Steine, eine Lilie
sichtbar und eine Inschrift. Die Augen der Jnglinge hatten sie bald
entziffert.

_Irmela virgo_, lasen sie.

Der Alte sprach's nicht nach; doch wandte er seinen Blick nicht weg
von den halbverwischten Zeichen.

Lat uns gehen, sagte er dann. Der Thau fllt khl und die Nacht
ist bald herum.--

Den Grabstein aber und seine Inschrift findest Du in Maulbronn noch
heutigen Tages.--

       *       *       *       *       *

Gebauer-Schwetschke'sche Buchdruckerei, Halle a. S.



       *       *       *       *       *



Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen
in der Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

     S. 61: Urthel --> Urtheil

     S. 65: vorauf --> voraus

     S. 108: den Krug, (Komma ergnzt)

     S. 124: zwischem --> zwischen

     S. 139: Nimmer soll dies Kind, das Deine Blutthat mit
     den Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat ...
     --> mit dem Kainsmal

     S. 171: ihr folgten Dienerinnnen --> ihr folgten Dienerinnen

     S. 193: (denn sie waren mir rucklings gebunden) --> rcklings

     S. 228: verschwad --> verschwand

     S. 231: Komma nach 'guter Baum' ergnzt

     S. 231: Komma nach 'sommerlichen' entfernt

     S. 233: wollte sein brauchen (Nach 'sein' fehlt Wort)

     S. 236: Als ich diese Worte hrte, berkam ich eine Freude,
             --> berkam mich eine Freude

     S. 270: geschickt. es vermochte nicht --> geschickt. Es vermochte
     nicht

     S. 272: solvitur in cinerem. Anfhrungszeichen ergnzt.

Das Wort Herr wird im Originaltext einheitlich HErr geschrieben (wenn
es sich auf Gott bezieht).

Ae, Oe und Ue wurden durch ,  und  ersetzt.


Formatierung:

Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt.
Text in Antiqua (nicht in Fraktur)
wurde mit Unterstrich _ gekennzeichnet: _Text_
Gesperrt gedruckter Text wurde mit + gekennzeichnet: +Text+

berschriften sind im Original hervorgehoben. Diese Hervorhebungen
wurden in der Transkription nicht bercksichtigt.







End of the Project Gutenberg EBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen

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received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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