The Project Gutenberg eBook, Die Menschen der Ehe, by John Henry Mackay


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Title: Die Menschen der Ehe

Author: John Henry Mackay

Release Date: January 15, 2005  [eBook #14700]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MENSCHEN DER EHE***


E-text prepared by Hubert Kennedy



DIE MENSCHEN DER EHE

Schilderungen aus der kleinen Stadt

von

JOHN HENRY MACKAY







Ich lache nicht ber sie, weil sie so sind, wie sie sind; ich lache
ber sie, weil sie sich einbilden, ihr Leben sei ein Muster und ein
Beispiel, und da es wert sei, zu leben, wie sie leben.

John Henry Mackay



I.

Der Dunst der brennenden Kohle erfllte die Luft weithin. Aus
tausend Schloten qualmte der Rauch, gelb, schwarz, grau und wei,
empor, und all' diese dicken Wolken lsten sich unmerklich auf in
die ungeheure Dunstwelle welche unablssig auf Meilen hin das
Flutal in seiner ganzen Breite beschattete.

Ueber der kleinen Stadt lag sie wie ein dnner Schleier. Zuweilen
lftete diesen Schleier ein frischerer Windhauch, der von Sden das
Tal heraufzog. Aber es dauerte nicht lange und er war wieder
herniedergefallen auf die reizlosen Zge, die er wie in Mitleid
verhllte.

Eigentlich waren es zwei Stdte, die hier zusammenlagen. Aber nur
der Flu, ein trger, gelber Flu, trennte sie, und zwei Brcken
verbanden sie: eine alte massive aus Stein, mit mchtigen Pfeilern
und Quadern, die noch alles lautlos ertragen hatte, was ber sie
hinweggezogen war, und eine neue aus modernem Eisen, welche chzte
und bebte, wenn die groen Lastwagen ber sie hin fuhren, und
grliche Massen Staub unter den schweren Rdern hervorhustete.

Der Fremde, der auf den Hhen des Tales hinwandernd die roten und
schwarzen Giebel zu seinen Fen sah, glaubte nicht anders, als sie
gehrten alle zu dem Bezirke einer Stadt. Aber die, welche unter
diesen Giebeln wohnten, waren anderer Meinung. Und auf sie kam es
doch an.

Seit undenklichen Zeiten lagen die Schwesterstdte einander in den
Haaren. Die kleinen Reibereien endeten nie; die letzten Wahrzeichen
der groen entscheidenden Schlachten aber waren die leeren
Augenhhlen der Gaslaternen auf der "alten" Brcke--: unter den
Steinwrfen der den Alten nachzwitschernden, nein, nachheulenden
Jugend beider Stdte waren sie dahingesunken, unter Wrfen, die ihre
edleren Ziele leider verfehlt hatten.

In Dialogen von gleich klassischer Krze und Schnheit endeten diese
Kmpfe:

"Wart' nur, ich sahns abber meinem Vatter!" der eine.

"Und ich sahns meiner Mutter, die packt dei Mutter!" der andere.

"Aber mei Vatter is strker wie dei Vatter."

"O du Drmel, kumm nure nit dohr . . ."




II.

Die Gesellschaft der Stadt setzte sich leicht erkennbar aus drei
Grundelementen zusammen: aus Grohndlern, Beamten und aus Militr.

Seit sehr langen Jahren saen die Ersteren hier fest. Sie waren der
Urstamm des Brgertums. So lange hatten sie fast nur untereinander
geheiratet, da sie gewissermaen eine groe Familie geworden waren,
welche sich in ererbten Anschauungen und Bruchen so lange wie
irgend mglich fortzubewegen suchte und unter sich mit einem harten
Anklang an den Dialekt der Gegend sprach.

Million zu Million hufend hatten sie hier eine moderne Zwingburg
des Kapitals errichtet, gegen die anzukmpfen eine Unmglichkeit
schien. Noch nie war es versucht worden.

So hatten sie--die unumschrnkten Herrscher dieser Stadt--ihr
lange den Stempel aufgedrckt; den Stempel eines souvernen,
starren, fortschrittfeindlichen Willens.

Das waren die "Alldahiesigen!" . . .

Dann hatte der Staat groe Betriebe errichtet, und eine unzhlige
Schar von Beamten jeder Art war hier zusammengestrmt, aus allen
Teilen des Reiches, neue Sprachen, neue Sitten, neue Kochrezepte mit
sich fhrend. Neues Leben kam mit ihnen nicht. Machtlos zu irgend
einer Initiative hatten sie sich willenlos einzuschmiegen als Rder
in das Werk der groen Maschine Staat, welche sie verbrauchte. Aber
die Luft begann zu schwirren von neuen Titeln, vom Morgengang zum
Bro bis zum letzten--immer sehr spten--Abendschoppen im
"Mnchener Kindl", und die Eingesessenen zogen sich mrrisch mehr
und mehr zurck unter die dicke Haut ihrer sicheren Privilegien . . .

Waren sie zehn Jahre hier gewesen, alle diese Fremden, ohne nach
einer anderen Stadt weiterversetzt zu sein, so wurden sie zu
"Hiesigen". Bis dahin blieben sie, was sie waren--: die
"Hergeloffenen".

Unweit der Grenze lag die Stadt. Seit dem grlichen Kriege mit dem
"Erbfeind" war unablssig Militr ber Militr hergezogen, bis zwei
Regimenter hier festlagen. Ueberall an den sich erweiternden Grenzen
der Stadt entstanden weigetnchte Baracken von Holz und groe,
rote, viereckige Ziegelhaufen von abscheulicher Hlichkeit, hinter
deren Umfassungsmauern die rohen Flche brutaler Unteroffiziere und
die stampfenden Schritte schwerer und keuchender Menschenmassen
hervortnten, und die bis dahin so friedlichen Straen der Stdte
erzitterten unter dem Klirren rasselnder Schleppsbel.

Furchtbarer aber noch waren die Verheerungen, welche diese neue
Macht in den Herzen der Grobrgertchter der Stadt anrichtete, und
murrend nur sahen die Vter, wutschnaubend aber die betrogenen
Vettern der groen Familie eine der lieblichen Blten nach
der anderen gepflckt von der kecken Hand eines adeligen
Sekonde-Leutnants, der die Geldscke nicht nur zu verachten, sondern
auch mit Grazie zu leeren verstand.

Und war es nicht in Ordnung so?--Das Kapital verband sich mit der
Gewalt, welche seine Privilegien schtzte.

Dazwischen lebte ein trges Kleinbrgertum und ein machtloser
Handwerkerstand so hin, von Tag zu Tag, kleine Kannegieer und
schlechte Musikanten. Sie verlangten kaum etwas anderes, als
bestndig ber etwas brummen zu drfen . . .

Das waren die Leute der Stdte.

Von geistigen Bedrfnissen versprte man hier noch nichts.

Drauen aber, dort, wo die Schlote dampften und die Feuer lohten, wo
die Erde bis in ihre Tiefen hinein durchwhlt wurde in rastlosem
Kampfe, dort wo kolossale Arbeitermassen aneinander gekettet durch
den Schwei ihrer furchtbaren Arbeit lagen, dort fielen die Gedanken
der Zeit in den Boden der Fruchtbarkeit.




III.

Mit dem Schnellzug, der um elf Uhr vormittags eintraf, kam der
Reisende an. Er wies die Koffertrger von sich, als er ausstieg, und
trug seine Handtasche selbst die Treppe hinab bis zu dem Ausgang.

Vier oder sechs Portiers nahmen dort die Reisenden in Empfang. Er
berflog die Schilder ihrer Mtzen, und da er den Namen nicht fand,
den er suchte, nannte er ihn selbst: "Zur alten Post".

Man grinste, man sah sich fragend an, indem man mit den Augen
zwinkerte. Endlich sagte der lteste der Leute: "Es gibt hier keine
'alte Post' mehr; sie ist seit sechs Jahren eingegangen. Wollen der
Herr hier gleich am Bahnhof bleiben, dort unten liegt unser Haus,
ganz neu eingerichtet--"

Der Fremde zgerte einen Augenblick, aber als sie nun alle nach
seiner Handtasche griffen, berlie er sie achselzuckend dem
Sprecher, gab ihm den Auftrag, seinen Koffer sofort zu besorgen, und
ging den Weg hinab, der sich in die Stadt hinunterzog. Es war ein
schwler und staubiger Tag. Er war mde, denn er war die halbe Nacht
gereist, und er war bestaubt von der langen Fahrt. Er fhlte Hunger
und Durst, und die Zunge klebte ihm am Gaumen.

Doch nachdem er ein Bad genommen und sich umgezogen hatte, fhlte er
sich frisch und gesund wie immer. Er stieg die Treppe hinab und
schrieb in das ihm vorgelegte Fremdenbuch: Franz Grach. Whrend er
sich fr eine Minute in der Loge des Portiers befand, erkannte er
pltzlich das Haus wieder.

Er vermied die Table d'hote. Die langen, weien Tische mit den
Reihen von schmatzenden und schwatzenden Menschen waren ihm zuwider.
Man deckte ihm in einem Nebenzimmer.

Einmal lie er Messer und Gabel sinken, so schreiend-deutlich stand
pltzlich eine Szene aus seiner Jugendzeit vor seinen Augen, die
sich vor langen Jahren hier in diesem selben Rume abgespielt hatte.

Nicht das saubere Frhstckszimmer eines modernen Hotels, das trbe
Hinterzimmer eines belbeleumdeten Gasthofs zweiten Ranges war der
Raum damals gewesen. Die Mblierung hatte sich gendert, wie der
Wirt und die Gste, und doch wurde dem Fremden alles wieder
lebendig:

Sie waren alle noch jung, kaum einer von ihnen hatte das zwanzigste
Jahr erreicht. Alle hatten sie dieselben Schulbnke gedrckt, und
sich, nun vielfach getrennt den grten Teil des Jahres hindurch auf
auswrtigen Schulen, in den Ferien wieder zusammengefunden zu
lustigen Tagen und ausgelassenen Nchten--eine tolle, von Jugendmut
und Lebenskraft berschumende, zu allen tollen Streichen immer
aufgelegte Gesellschaft, deren Zahl jahrelang auf sieben, acht Mann
beschrnkt blieb . . .

An jenem Abend nun waren sie alle nach einer langen Wanderung hier
herein gestrmt, wie sie wahllos in alle Wirtschaften, wo "noch
Licht war", drangen. Eine dicke Kellnerin war aus dem Vorderzimmer
mit hereingezogen worden, durch die Tr wurde niemand mehr
hereingelassen, und eine jener nchtlichen, dem Dunst des Bieres und
dem Qualm des Tabaks entstiegenen Szenen entrollte sich, die dem
Alter so widerlich, der Jugend so reizvoll erscheinen.

Auch der Einzelheiten erinnerte sich der, vor dessen Auge sie wieder
stand nach so langen Jahren, noch: wie er selbst in eine vorhanglose
Fensternische gepret ihr zugesehen hatte, die Beine heraufgezogen
und das Glas auf einem Stuhle neben sich, damals schon noch in der
Trunkenheit erkennend, was er sah, beobachtend, was ihn umgab, und
Sieger so auch noch ber die Stunde, die ihn mit sich gerissen
hatte: wie der "Dicke" das Klavier bearbeitete und seine schaurigen
Batne in den hellen Jubel und Lrm der anderen mischte; wie die
ganze Bande pltzlich im Kreise um das grobe Frauenzimmer und den
"Kleinen"--einen schmchtigen Menschen mit wasserblauen Augen, voll
Gelehrsamkeit trotz, und voll Schchternheit wegen seiner Jugend,
herumgetanzt war, und die Vermhlung des ungleichen Paares
proklamiert hatte . . .

Die Glser klirrten; die Stimmen schrieen durcheinander; schwere
Fe stampften den Boden; an der Decke lagerte sich der Rauch;
einer, in einer trben Erinnerung an Nana leerte sein Bierglas in
das Klavier; ein anderer ri die rotgestreiften Decken von den
Tischen und hllte darin ein, was ihm unter die Hnde kam, indes die
letzten--mit der zhen Hartnckigkeit der halben Trunkenheit--
nicht ablieen, sondern auf der Erfllung ihrer tollen Idee
bestanden--und bereits war die Grenze berschritten, wo das
Verzeihliche aufhrt, um der Sinnlosigkeit zu weichen, als er mit
einem groen Satze aus seiner Fensternische aufgesprungen war,
mitten unter die Schreienden und sie berrief:

"Aber seid ihr denn ganz verrckt!"

Und er schob die Kellnerin zur Tre hinaus, ungeachtet aller
schreienden Proteste, setzte seinen Hut auf, und ihm nach war die
ganze Gesellschaft gestolpert, einer anderen Kneipe, einer anderen
Torheit zu, die stille Strae mit neuem Singen und Lrmen erfhlend,
da friedliche Brger aus dem Schlaf ihrer Ruhe fuhren und das
trumende Gespons mit der Frage weckten: ob es denn etwa brenne . . .

Nein, es waren diesmal nur die Kinder ihrer eigenen Liebe.




IV.

Sollte er sie aufsuchen, die Genossen jener Tage?--Fast wandelte
ihn die Lust dazu an, wie nun Gestalt um Gestalt vor ihm
emportauchte.

Was war aus ihnen geworden?--Wie waren sie geworden? Wo waren sie
gelandet?

Von den meisten war es nicht schwer, es zu ahnen.

Denn die meisten waren schon damals in ihrer Jugend dazu bestimmt,
ein vorgeschriebenes Leben zu leben: das Leben herunterzuleben, wie
Grach es nannte.

Nachdem ein Examen--ein Tor, welches unwiderruflich passiert werden
mute, wollte man in dieses Leben eintreten--sie gezwungen hatte,
sich den Kopf mit einer unglaublichen Menge modernden Germpels zu
fllen, wurden ihnen einige Jahre gegnnt, ihn von diesem Wuste zu
befreien.

Sie hatten zu vergessen, was sie gelernt hatten. Nach diesen Jahren
einer ungebundenen Freiheit auf der Hochschule aber steckte sie der
Vater unerbittlich in das von dem Grovater gemachte, und von ihm
selbst wohlgewrmte Bett, und "niemals wieder sah sie die Welt."

Sie whlten unter den Tchtern des Landes eine--jeder eine--und
begannen, sich zu vermehren in Zchten und Ehren.

Sie traten in die "Harmonie" oder in die Dilettantengesellschaft
"Urania" ein und tanzten im Winter im "Kasino", solange sie noch
jung waren.

Wurden sie lter, so begann das einzige Gefhl von Wrde, dessen der
Philister fhig ist: ein Brger des Staates zu sein, ihre Brust zu
schwellen, und sie glaubten sich an den Geschicken des Landes
zu beteiligen, wenn sie von Zeit zu Zeit einen Zettel in die
Wahlurne warfen und abends beim Biere endlose Debatten ber die
gleichgltigsten und belanglosesten Fragen innerer und uerer
Politik--dieses Tummelgebietes aller Menschen ohne Geist und Kraft
--fhrten, bis die Stunde schlug, wo die Angst vor der Frau sie nach
Haus und in das gemeinsame Bett trieb . . .

Sie waren _Menschen der Ehe_ geworden.

Nein, er wollte keinen von ihnen wiedersehen. Man wrde sich doch
nur gegenseitig eine traurige Enttuschung bereiten, und in einer so
vernderten Sprache ber Menschen und Dinge reden, da man sich
nicht mehr verstehen wrde . . .




V.

Whrend der Neuangekommene seinen Kaffee trank und die Wolken seiner
Zigarre in die Luft blies, war die flchtige Erinnerung schon wieder
versunken, und andere, dem heutigen Tage angehrende Gedanken
beschftigten ihn.

Ein Brief hatte ihn wieder in diese Stadt gerufen, die er seit
lnger als zehn Jahren nicht gesehen. Auf vielen Umwegen hatte er
ihn erreicht, und nachdem er ihn gelesen, war sein erstes Gefhl
gewesen, ihn in die Ecke zu werfen.

Er lachte erst; dann rgerte er sich.

Aber zugleich dachte er an mancherlei Freundlichkeit, welche er von
der Mutter der Frau--sie war lange tot--, die ihn geschrieben,
empfangen vor langen Jahren und an ihre grte Freundlichkeit: da
sie ihn meist unbehelligt gelassen, und er bema Zeit und Geld, sah,
da beides reichte, und war kurzentschlossen hierhergereist.

Er stand frh allein und wurde, fast noch ein Kind, von einer
entfernten Verwandten aufgenommen, in deren Heim er lange Jahre
lebte, nicht abhngig von ihrer Gnade, aber doch angewiesen auf ihre
Freundlichkeit. Sie hatte eine einzige Tochter, die ihr Abgott war;
er beanspruchte nichts von der sentimentalen Zrtlichkeit, mit der
das verzogene, launische Kind einer kurzen und sehr unglcklichen
Ehe berschttet wurde.

Fast von dem Augenblick an, in dem er diese Stadt verlassen, hatte
sich sein Leben so von Grund aus gendert, waren Kreise und
Beziehungen desselben so andere geworden, da er selten veranlat
worden war, zurckzudenken, um so mehr, als ihm die Mue
behaglicher, lssiger Einkehr und Umschau fast nie beschieden und
kaum ein Tag gewesen war, der ihm Zeit gelassen htte, ihn
einzuspinnen zwischen die weien Trume der Vergangenheit und der
Zukunft.

Zweimal nur noch schrieb er den Namen dieser Stadt auf die Adresse
eines Briefes: das erste Mal, als seine Verwandte gestorben war, und
er der Tochter freundliche Worte des Beileids sagte, das zweite Mal,
als er sie zu ihrer eigenen Verheiratung kurz beglckwnschte.

Dann kam dieser Brief, unerwartet und unerwnscht.

Er lag vor ihm, und noch einmal las er ihn, aufmerksam, Wort fr
Wort.

Von dem blarosa Papier stieg der starke Duft eines eigentmlichen
Parfms auf. Die Schrift, mit der seine vier Seiten bedeckt waren,
war liegend, sinnlich und weibisch-schwach.

Er las ihn zum vierten Male, und zum vierten Male suchte er hinter
den leblosen Worten nach der lebendigen Seele derer, die sie
geschrieben: er fand sie nicht.

Das war es, was sie ihm mitteilte.

Erstens: da sie sehr unglcklich sei; zweitens: da sie so
unglcklich sei da sie es nicht mehr "aushalten" knne; drittens:
da ihr Mann der Grund ihres Unglcks sei; viertens: da sie gehrt
habe, er, ihr Bruder, der "Freund ihrer Jugend", habe ein Buch
geschrieben, in welchem er sich "freisinnig" ber die Ehe geuert
habe; fnftens: da er sie "retten" mge; sechstens: da sie sehr
unglcklich sei; und siebentens: da sie so unglcklich sei, da sie
es nicht mehr "aushalten" knne . . .

Das alles war sehr albern.

Er sagte sich mit Recht, da das Unglck so nicht nach Hilfe ruft.

Aber er sagte sich auch, und er sagte es sich immer wieder, da
Frauen dieser Art nicht imstande sind, einen individuellen Ausdruck
fr ihre Gefhle--und wren es ihre wahrsten--zu finden. Wie sie
gelehrt wurden zu sprechen, so sprachen sie: immer in denselben
Ausdrcken und Redewendungen ihrer spezifischen Kreise, die Mnner
so und die Frauen so und waren sich daher so hnlich, wie immer nur
es mglich ist.

Und daher waren sie meistens auch so langweilig.

Wie sie sprachen, so schrieben sie auch.

Es ist, als frchteten sie sich davor, ein neues Wort zu gebrauchen,
und sorgsam verbergen sie, kommt ihnen einmal, nicht ein neuer
Gedanke, nein, nur eine eigene Anschauung ber irgend Etwas, die
verbrecherische Regung hinter der gewohnten Gewhnlichkeit.

Er wute, da das Unglck ein groer Befreier ist. Und er dachte
weiter, und seine Augen sahen den gegen die Ketten der Tage
ringenden und in diesem Ringen blutenden Menschen vor sich, wie er
schreien will, aber seine ungewohnten Lippen finden nur die alten,
kleinen Worte fr den neuen, groen Schmerz, und das Schreien des
selbstndigen Herzens--es klingt auf dem Mund nur wie das Stammeln
der Unselbstndigkeit und Gleichgltigkeit.

Konnte es so nicht hier sein?

Er strengte die Augen an, um hinter die Worte sehen zu knnen. Was
lag da?--Ein zu Boden gestrztes, mit Fen getretenes Weib?--Oder
eine faule, unzufriedene Frau der Welt, die sich einfach langweilte?--

Fand er denn nicht ein Wort, ein einziges ungefgiges, in seiner
Hilflosigkeit rhrendes, in seiner Einfachheit erschtterndes Wort?--

Er fand keines. Und dennoch folgte er den Rufen dieser platten und
nichtssagenden Sprache.

Es gibt Menschen, von denen wir nie glauben knnen, da sie
unglcklich zu werden imstande sind.

So ging es ihm mit ihr.

Und dennoch kam er hierher.

Er tat es in letzter Linie seiner selbst wegen, um ganz sicher zu
sein vor den Vorwrfen des eigenen Herzens.




VI.

Die letzte Rauchwolke seiner Zigarre verflog an der Decke, und er
sah nach der Uhr.

Es war nach zwei. Ein langer Nachmittag lag jetzt vor ihm. Er ging
daher auf sein Zimmer, warf sich auf das Bett und schlief lnger als
eine Stunde, bleiern und traumlos.

Verwundert fuhr er in die Hhe, als er erwachte. Er mute sich
darauf besinnen, wo er war, und es war mit einem Gefhl des
Mibehagens, da er die Treppe hinunterstieg. Ihm war, als solle er
nun an die Erfllung einer unangenehmen Pflicht gehen, und er
wnschte hinter sich zu haben, was ihm bevorstand.

Dann trat er vor die Tr.

Die Hitze war noch gestiegen. Um diese Stunde des Nachmittags
stockte das Leben.

Eine lange Strae zog sich vor ihm hin--die Hauptstrae der
Schwesterstadt, die lngste und belebteste in beiden Stdten und der
Mittelpunkt des Handels und Wandels beider.

Wie oft er sie als Knabe durchschritten hatte, hinauf und wieder
hinunter, und wieder hinauf!

Wenig schien sich an dem ueren Ansehen der Stadt verndert zu
haben. Einige Lcken, wo frher auf steinigem Rasen Zirkus- und
Karussellbesitzer ihre flchtige Leinwand gespannt, waren ausgebaut
worden, und nur die Nebenstraen noch ffneten sich dem Blicke nach
dem Flusse hin. Die neuentstandenen Huser zeigten das Bestreben,
Schritt zu halten mit modernem Stil. Gesimse und Balkone hingen
berall an ihnen herum, und in ihren Erdgeschossen waren Lden und
Bierhallen entstanden mit hohen Fensterscheiben und lauten
Aushngeschildern, die mit dem leuchtenden Gold ihrer Lettern die
armen, verblaten und altertmlichen Inschriften der alten Firmen
verdrngten . . .

Der Schwindel des Handels, welcher die Arbeit mordet, trieb sein
Unwesen diese ganze Strae entlang.

Arme Arbeiter! Des Sonntags kamen sie, weither aus den Drfern und
Flecken, mit ihren schweren Schuhen, die Mnner mit plumpen Stcken
und die Weiber mit ungeheuren, unfrmigen Parapluies, halb noch
bedeckt mit dem Schweie und dem Staub der Woche, ganz noch erdrckt
unter der Wucht ihrer Sklaverei, kamen sie, um einzukaufen, was sie
brauchten, das heit, drei-, vier-, fnf- und zehnfach verteuert
einzutauschen, was sie selbst erschaffen hatten in anderer Form: die
Arbeit. Verlegen, unsicher, bittend und schchtern traten sie in die
"Geschfte" und lieen sich von schwatzenden Juden, und Christen,
die schlimmer waren als die Juden, das Fell ber die Ohren ziehen,
da es nur so flutschte.

In erschreckender Menge hatten sich die offenen Geschfte in diesen
paar Jahren vermehrt. Gleich aber war der trostlose, nchterne
Eindruck dieser Strae geblieben, und vom Morgen bis zur Dmmerung
glich sie noch immer in ihrem reizlosen, staubigen Grau einem
alternden, ungekmmten und ungewaschenen Weibe.

Grach lie seine Blicke berall hin gehen. Eigentmlich verndert
schien ihm alles--: fremd und doch bekannt. Aber alles war kleiner
geworden, zusammengeschrumpft und, wie alte Leute, in sich
zusammengesunken.

Grer sieht das Kind die Welt, kleiner sieht sie der Mann.

Vor den Lden lungerten die Kommis, an den Brunnen standen die Mgde
und schrieen sich an. Warum schrieen sie so laut? Stritten sie sich?
Nein, es war nur eine "gemtliche Unterhaltung". Aber dieser Dialekt
war breit, geeignet nur zu einem lauten Sprechen, und schwer
verstndlich fr den Fremden. Grach bemhte sich, Worte und Stze
der Vorbergehenden aufzufangen und verstand meist, was sie sagten.
Hatte er selbst frher so gesprochen?

Und wie die Menschen sich grten! Mit bengstigender Sorgfalt
bersphten sie die Strae, knickten, den Arm nach auswrts in einem
spitzen Winkel und zogen oder rissen dann den Hut herab, entweder
steil in die Luft hinaus oder hinunter bis fast auf den Boden. "Ihr
Diener", sagten sie dabei, "Ihr Diener"--und ein langer Titel
folgte.

Die unverhllte Neugier, mit der die Menschen ihn an- und ihm
nachsahen, begann Grach zu rgern. Ihre Blicke wurden ihm lstig,
und er bildete sich ein, von ihnen erkannt werden zu mssen. Er
hatte vergessen, da kein Fremder diesen Blicken entging.

Er ging schneller. Diese Nebenstrae mute ber die Brcke nach dem
jenseitigen Ufer fhren. Er schlug sie ein.

Eine junge Dame kam ihm entgegen. Sittsam die Blicke zu Boden
gesenkt, den Schirm in der Lnge einer kleinen Ulanenlanze gegen die
Brust gedrckt, eingeschnrt und aufgeputzt mit Bndern und
Bauschen, trippelte sie daher, und gegen seinen Willen mute er
lachen, erst heimlich, dann herzlich und offen.

So war, genau so war schon damals alles gewesen: diese ngstliche
Unsicherheit im Verkehr, diese feige Rcksichtnahme auf tausend und
abertausend in Watte sorgsam gehegter Vorurteile, diese engbrstige
Steifheit, die pappedeckelne Wrde--wie kannte er das alles, wie
erkannte er das alles wieder!

Und ber all dies lachte er, hatte er gelernt zu lachen.

Und abermals lachte er, als er ber die Brcke ging, die alte
Brcke, und sah, da alle Scheiben in den Gaslaternen heil und
unverletzt waren.

Wie, wurden sie nicht mehr geschlagen, die Schlachten der Ehre?--
War Waffenstillstand zwischen den erschpften Schwestern
geschlossen?--Oder aber--war Vershnung--Friede--aber nein, es
war ja Wahnsinn, daran zu denken! . . .

Eine komische Stadt! Eine komische, kleine Stadt! murmelte Grach vor
sich hin.




VII.

Auf hohen Terrassen erhob sich vor ihm das "Schlo", ein massives,
altes Gebude mit vielen Anbauten aus neuerer Zeit. Uralter Efeu
hing an den Mauern nieder, von einem Garten in den anderen, bis er
die Dcher der Huser an ihrem Fue fast berhrte.

Das Schlo hatte keine Bestimmung mehr. Seine einzelnen Stockwerke
mit ihren vielen Flgeln und unzhligen Zimmern waren an einige
Familien vermietet, an die reichsten der "Alldahiesigen" und
"Hiesigen", welche keine eigenen Huser besaen.

Der Fremde, der hier nicht fremd war, stieg langsam den steilen Weg
hinauf, der an der alten, dsteren Kirche--sie stand in seltsamen
unterirdischen Gngen, die lngst verschttet waren, mit dem
Schlosse in Verbindung--zu dem weiten, totenstillen Platze hinauf,
der die Flgel des Schlosses gleichsam bis an die Rnder der Anhhe
auseinandergedehnt hatte. Gras, das eine glhende Sonne gelb sengte,
wucherte hier zwischen den plumpen, unregelmigen Pflastersteinen;
nie spielte hier die Jugend der Stadt, auf diesem weiten Platze, der
wie geschaffen war zum Umhertummeln. Zuweilen nur bewegte sich eine
der weien Gardinen hinter den hohen Fenstern, und ein behaubter
Kopf lugte zwischen ihnen durch, um bald wieder zu verschwinden,
denn die leere Oede dieses weiten Raumes wurde selten unterbrochen
durch eine Gestalt, die ihren Weg ber ihn hinweg nahm, um die
andere Seite zu erreichen. Die meisten gingen an den langen Fluchten
entlang, um pltzlich in einer der Tren zu verschwinden, fter
whrend des Tages, in den Nachmittagsstunden geschah es, da Wagen--
moderne, elegante Geschirre mit vortrefflichen Pferden--an den
Toren hielten.

Und wieder mute Grach lcheln, als er diesen weiten, toten Platz
berschritt, auf dem die Sonne ungestrt die Spiele ihrer Schatten
trieb, den er als Kind nie betreten hatte und von dem er nie
geglaubt htte, da er ihn je betreten wrde.

Aber hier mute sie--der Adresse in ihrem Briefe nach--jetzt
wohnen.

Er ging langsam. Und doch war er neugierig geworden auf das
Wiedersehen. So lange war es her, da er keine Blicke mehr in das
Heimwesen deutschen Brgertums getan hatte. Er ein Fremder--und
alles ihm fremd geworden, was von dorther kam . . .




VIII.

Er klingelte an der Tr, von welcher er glaubte, da es die richtige
sei.

Schrill hallte der Klang der Glocke. Dann kamen schlrfende
Schritte, und ein Diener in Livree, aber mit vorgebundener blauer
Schrze, ffnete. Es war keine Besuchsstunde. Aber das war dem
Fragenden jetzt natrlich ganz gleichgltig.

"Ist Frau Boehmer zu Hause?"

"Wen darf ich melden?"

"Ist Frau Boehmer zu Hause?" wiederholte er noch einmal.

"Ja--aber--ich wei nicht--gndige Frau--"

"Sagen Sie ihr, ein Herr wnsche sie zu sprechen."

"Gndige Frau sind im Garten. Ich werde ihr melden--"

Der Diener war vllig auer Fassung und Wrde gebracht durch den
energischen Ton des Besuchers.

"Dann werde ich Frau Boehmer selbst im Garten aufsuchen. Wo ist der
Garten?"

Der Diener wagte keine Einwendung mehr. Er warf seine Schrze fort
und ging voran.

"Hier, bitte."

Sie durchschritten hohe und khle Gnge, ber groe Steinfliesen
hin, mit denen der Boden belegt war, vorbei an breiten und vornehmen
alten Treppen, deren Stufen niedrig und deren Gelnder mit weier,
sauberer Oelfarbe gestrichen waren.

Dann ffneten sich die Terrassen der Grten vor ihnen, die da lagen:
still, wie im Schlummer, in der brtenden Nachmittagssonne, weite
Blicke in das Tal nach Osten und Westen erffnend, wo die Schlote
qualmten und das Leben hmmerte.

Von wohlgepflegten, ppigen Beeten stiegen die Dfte von reifen
Blten empor. Der Kies der geharkten Wege war so fein, da er die
Tritte der Hinschreitenden lautlos aufnahm.

"Ich habe mich anders besonnen," sagte der Fremde pltzlich, "gehen
Sie voran und melden Sie Frau Boehmer, ein Herr wnsche sie zu
sprechen."

Der Diener versagte es sich jetzt nicht, mit den Achseln zu zucken,
aber er ging.

Vor einem Tulpenbeet blieb Grach zgernd stehen und sah nachdenkend
in die purpurnen, weitgeffneten Kelche nieder.




IX.

Der Diener kam zurck.

"Gndige Frau lassen bitten--" schnarrte er.

Aus einer Laube im Hintergrnde des Gartens schimmerte ein weies
Kleid.

Dort, in einem Modejournal bltternd, das sie sichtlich unlustig bei
Seite warf, lag in einen Schaukelstuhl hingestreckt eine junge Frau
von ungewhnlicher Schnheit.

Sie blinzelte dem Nhertretenden zu, aber sie machte keine Miene,
sich zu erheben.

Erst als er ihr die Hand hinstreckte und lchelnd sagte: "Ich habe
deinen Brief erhalten, Clara, und bin selbst gekommen, ihn zu
beantworten"--sprang sie mit einem Ruf der Ueberraschung in
sichtlicher Verlegenheit auf.

"Nein, wie du dich verndert hast, Franz!" rief sie ein paar Mal;
dann aber, nachdem sie sich gesetzt hatten, und whrend sie ihn mit
jener prfenden Neugier, die nur der Frau eigen ist, musterte,
folgte ein Schwall von Fragen, deren Antworten nicht abgewartet
wurden, weil sie gestellt waren, ohne da der Verstand sich etwas
bei ihnen dachte und das Herz das Geringste bei ihnen fhlte.

Bei dem ersten Wort, das sie gesprochen, merkte er, da diese Frau
geistig um keinen Schritt weitergerckt war und--ganz wie frher--
hrte er gutmtig und geduldig eine Zeit lang ihrer Neugierde zu,
beantwortete kaum etwas, und begngte sich damit, hier und da mit
einem Ja oder Nein, oder hchstens einem kurzen Wort sein Schweigen
zu unterbrechen.

So kam es, da sie ihn nach einer halben Stunde nach allem gefragt,
aber nichts von ihm erfahren hatte. Spter pflegte sie sich dann
darber zu beklagen, da sie allen Menschen alles, keiner aber ihr
etwas erzhle.

Dann fiel ihr ein, da sie noch nicht wute, wo er abgestiegen war
--:

"Du wirst doch bei uns wohnen, Franz?--gewi, nicht wahr?"

Sie hatte bisher vermieden, ihn voll anzusehen, nun aber begegneten
sich ihre Augen. Sie errtete leicht, als sie seine Antwort vernahm.

"Unter diesen Umstnden?"--sagte er ernst und fragend zugleich.

Als sie nun, die Hnde erst abwehrend von sich streckend, dann sie
vor dem Gesicht zusammenschlagend in gemachtem Schmerze, in ihren
Schaukelstuhl zurcksank, htte er hundert gegen eins wetten mgen,
da sie sich erst in diesem Augenblicke genauer dessen erinnerte,
was sie ihm geschrieben . . .

Sie kam nicht auf ihre Frage zurck. Ihre Gedanken weilten bereits
bei anderem.

"O la uns jetzt noch nicht davon sprechen, von meinem Unglck--du
bleibst doch lnger hier, nicht wahr?--Einige Tage, einige
Wochen . . . Du mut doch alle wiedersehen, deine alten Freunde und
Schulkameraden, denke dir, die kleine Ehrling, neben der ich in der
Schule sa und die so oft zu uns kam--du mut dich doch erinnern?--
hat einen Landgerichtsrat geheiratet und schon drei Kinder, und dein
dicker Freund Rempe, der mit den vielen Schmissen--doch das weit
du nicht, du kanntest ihn ja nur auf der Schule, und da schlgt man
sich noch nicht, ja, was wollte ich sagen . . . ja, der dicke Rempe
hat die reiche Krger gekriegt, die mit den Simpelfranzen und den
seidenen Kleidern. Ach ja, es hat sich viel verndert hier--"

Sie scheute sich, ihn wieder zu fragen, denn sie frchtete seinen
Blick, seine ernste, fast harte Stimme, mit welcher er eben gesagt
hatte: "Unter diesen Umstnden?"--

Und so sprach sie weiter: Von dem langen Lenz, der sich "--ach ja,
das war es ja, was ich sagen wollte--" wegen einer Frau habe
schieen mssen und eine Kugel in den Unterleib bekommen habe; von
den Schicksalen der groen Familie Neuhaus, wo so viele Shne
gewesen seien--einer habe sich vergiftet, und der andere sei nach
Amerika, denn der Vater sei so hart, aber es sei doch ein rechtes
Elend, wenn die Shne ihren Eltern nicht folgten; und von--und von
--und immer so weiter, ein seichtes, unerquickliches Geschwtz,
das den Zuhrer betubte, ngstigte und seine Nerven folterte.

Der hrte zuletzt berhaupt nicht mehr hin. Whrend sie so vor ihm
sa, in der ppigen Schnheit einer reiferen Frau, dachte er daran,
da er es gewesen war, der die Knospe dieser Blte mit dem ersten
Kusse geweckt hatte.




X.

Ihre Schnheit hatte alles gehalten, was sie versprochen. Schon als
Kind war sie gradezu auffallend gewesen, obwohl dieses Kind weder
grazis und fein, noch von irgendwie eigenartigem Liebreiz gewesen
war. Aber das blonde Haar konnte heute kaum reicher sein, als es
damals gewesen war, und der feuchte Glanz dieser blauen Augen, der
ihm heute nur ein Zeichen trbseliger Langeweile schien, war ihm und
anderen--denn die halbe Klasse war in sie verliebt--damals
schwrmerische Idealitt und echt weibliches Hingebungsbedrfnis
gewesen.

Nicht fr lange.

Aber es gab eine kurze Zeit in seiner Jugend--es war zwei Jahre vor
ihrer Trennung--, da war ihm das stndige Zusammenleben mit seiner
Halbschwester unter den blinden Augen der Mutter sehr gefhrlich
geworden.

Seine Sinne erwachten und verlangten nach ihr. Ihre bestndige Nhe
brachte sie in Aufruhr und hielt sie wach.

Den ganzen Sommer hindurch verbrachte er in qualvoller Aufregung, in
einem bestndigen Zwiespalt, der seiner energischen Natur schwerer
zu ertragen war als alles andere.

Sie war ihm gleichgltig. Alles, was sie sprach, lie ihn kalt. Ihr
Benehmen gegen ihre Mutter emprte ihn mehr als je, wenn er sich
auch niemals ttlich darum kmmerte, was zwischen diesen beiden
Personen vorging. Ihr Kokettieren mit seinen Kameraden, die sich
ber das eitle Mdchen lustig machten, fand er lcherlich--und doch
beschftigte sie ihn. Er trumte von ihr. Er glaubte sie in den
Armen zu halten. Er haschte nach ihrer Hand, wenn sie allein waren,
und er war ruhiger, wenn sie ihm dieselbe nicht entzog. Er war fter
um sie, als je zuvor. Die Mutter freute sich darber, da das sonst
so khle Verhltnis zwischen Schwester und Bruder sich besserte.

Eine unheimliche Glut ging von ihr aus, die ihn wahnsinnig machte.
Tage konnten vergehen, ohne da sie ihm gefhrlich war, aber dann
kam immer wieder eine Stunde, in der er von ihrer Seite aufspringen
mute, weil er es nicht mehr ertragen konnte, sie zu sehen, ohne sie
an sich zu reien.

Er frchtete sich vor sich selbst; aber vor ihr graute ihm.

Ein spter Abend brachte die Erlsung. Sie saen zusammen in der
Laube bei einer trbe brennenden Lampe. Die Mutter hatte sich
ghnend und seufzend zur Ruhe begeben.--Es war ein Abend voll
wunderbarer Weichheit der Luft. Der Glanz der Sterne war feucht und
tief.

Sie wagte es zu bleiben. Sie spielte mit dem Feuer in verzehrender
Neugier.

Er las in einem Buche und hielt den Kopf gesenkt, um sie nicht
ansehen zu mssen. Er hatte noch zu lernen und glaubte, sie wrde
gehen.

Sie aber ging nicht, sondern beugte sich noch weiter vor, mit ihrer
weichen Stimme, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, eine
gleichgltige Frage stellend.

Fast berhrten sich ihre Stirnen. Da ri er ihren Kopf mit einer
jhen Bewegung an sich und bedeckte ihr Gesicht mit unzhligen
Kssen: er kte ihre Augen, ihre Wangen, ihren Mund, ihren Hals.

Sie wehrte sich, aber nur schwach. Whrend sie sich indessen--ein
halb ernstliches, halb freudiges Erschrecken heimlich berwindend--
in der Ueberlegenheit der Frau fragte, ob sie ihn gewhren lassen
solle, fhlte sie, wie er sie pltzlich loslie und von sich stie.

Wenn sie oft nachher--nachdenklich ber diese jhe Vernderung
seines Wesens in dieser Minute--sich einbilden wollte, es sei ein
moralischer Antrieb gewesen, der ihn so pltzlich von ihr gerissen,
so irrte sie sich vllig.

Ein Duft war von ihr ausgegangen, als er an ihren Lippen hing, und
in ihren Haaren whlte, der ihn pltzlich ernchtert hatte. Derselbe
Duft, der ihn betubt hatte in der Ferne und ihn angezogen, stie
ihn ab, als er in nchster Nhe auf seine Sinne wirkte. Es war
direkter Widerwille, der ihn erfate--unerklrlich, aber zwingend.

Eben noch ber alles begehrenswert, war sie ihm jetzt so
gleichgltig, wie nur je zuvor.

Hurtig raffte er seine Bcher zusammen und eilte mit einem schnellen
"Gute Nacht!" in das Haus.

Sie sah ihm nach und verstand ihn nicht.

Ihr Zauber war vllig gebrochen.

Sie merkte es sofort am nchsten Tage.

Sie bot viel auf, um ihn wieder zu gewinnen. Aber nichts mehr gelang
ihr.

Im Laufe der nchsten beiden Jahre, in denen sie wieder
nebeneinander herlebten, vergaen sie fast die Szene dieses Abends.

Auch er wurde ihr gleichgltig.

Sie dachte bereits an ihren zuknftigen Gatten, wenn sie die Mnner
sah, die sich um ihre Schnheit drngten.

Sie whlte sich einen der ltesten unter ihnen und fast den
reichsten.

An ihren Halbbruder dachte sie erst wieder, als die Langeweile ihrer
Tage sie nach neuen Sensationen suchen lie, und die Neugierde neue
Nahrung fr ihre klatschhafte Zunge verlangte.




XI.

Der Zauber war gebrochen.

Sie war ihm nur noch eine Studie, wie sie dort vor ihm sa--: die
kleinen Fe in den eleganten Schuhen vorgestreckt, ermdet durch
Nichtstun, scherzend, liebugelnd mit der Wohlhabenheit ihrer
Umgebung, denn sie fand, da er es doch wenig weit gebracht hatte,
seiner einfachen, fast unmodernen Kleidung nach zu schlieen.

Doch sie begann es zu merken, da auch er sie beobachtete, obwohl er
sie nicht ansah und offenbar nicht hrte, was sie sagte.

Sie wurde unruhig.

"Aber du hrst mir ja gar nicht zu, und ich sitze hier und erzhle
dir alle Neuigkeiten von Bedeutung, die seit zehn Jahren hier
geschehen sind--"

Er sah auf. Und wieder errtete sie unter seinem Blick.

Wieder suchte sie ihn abzulenken.

"Und nchsten Mittwoch ist Harmonie-Abend im Kasino: Musik und Ball,
da wirst du alle wieder sehen, die du kennst, unsere ganze
Gesellschaft--"

Zum erstenmal sprach sie von ihrem Mann:

"Er hat mir zwar verboten, hinzugehen, ersagt, es sei zu viel fr
mich", sie stampfte mit dem Fue auf, "aber jetzt, wo du hier bist,
_mu_ er es mir erlauben, _mu_ es, _mu_ es!"

Sie hielt einen Augenblick inne, etwas erschpft und erhitzt von dem
langen Sprechen, aber schon ging es weiter.

"Oder besser noch, wir geben eine Gesellschaft, eine groe
Gesellschaft dir zu Ehren--" sie klatschte in die Hnde vor
Vergngen und wartete offenbar auf einen hnlichen Ausbruch des
Entzckens bei ihm.

Aber er erkannte jetzt, da es die hchste Zeit war, dieser Komdie
ein Ende zu machen.

Er rckte seinen Stuhl nher und beugte sich etwas vor, so da er
gerade vor ihr sa.

Sie fhlte, nun kam es.

Fast scherzend begann er.

"Ich glaube, du langweilst dich, Clara."

"Ach ja, ich langweile mich--" seufzte sie.

"Nun, so solltest du dir Ttigkeit suchen--"

Sie antwortete nicht. Er lchelte unmerklich und fuhr fort: "Oder
aber Zerstreuung--"

Da sah sie auf und richtete ihre schwimmenden Augen auf ihn.

"Zerstreuung--aber wie?--Was gibt es hier fr Zerstreuung?"

"Reise."

"Reisen--ich kann ja nicht, er hat ja nie Zeit."

"Wer?"

"Nun, er, mein Mann."

"Daran dachte ich nicht. Ich meinte natrlich, du solltest allein
reisen."

"Allein?!" wiederholte sie mit dem Ausdruck des Erstaunens, des
Erschreckens. "Wie kann eine verheiratete Frau allein, ohne ihren
Mann, reisen?"

"Weshalb kann denn eine verheiratete Frau nicht allein, ohne ihren
Mann, reisen?" Unwillkrlich brauchte er dieselben Worte wie sie.
Aber es geschah ganz ohne spottende Absicht.

Er wartete auf ihre Antwort. Sie wich ihm aus.

"Ja, ich wei, da du so seltsame Ansichten ber die Ehe hast. Wie
heit doch dein Buch darber?--Eine Freundin--die Frau von
Redlich, du kennst sie nicht, sie sind erst drei Jahre hier, der
Mann ist Hauptmann--ja, sie hat es mir gesagt. Sie wollte mir auch
das Buch leihen, sie hat es mir ganz fest versprochen, aber sie hat
es mir immer noch nicht gebracht, denn sie mu erst den Professor
Hastrich vom Gymnasium fragen, dem gehrt es . . ."

Grach hatte Mhe, nicht loszulachen.

Da man ein Buch auch kaufen knne, war dieser Frau offenbar noch
nicht bekannt, und sie, die gewohnt war, auf Damast zu schlafen und
von silbernen Schsseln zu speisen, scheute sich nicht, die
schmutzigsten Leihbibliotheksbnde durch ihre weien Hnde gleiten
zu lassen. Auf dem Tische vor ihm lagen einige Exemplare dieser Art.

Die Sonne brannte durch die Bltter der Laube. Ihre Glut hatte die
hchste Hhe erreicht. Ihn drstete. Er bat um etwas Wein und
Wasser. Whrend der Diener es brachte, schwiegen sie. Da sie sah,
da er nicht antwortete, sagte sie: "Knntest du mir nicht sagen,
was du in deinem Buche geschrieben hast ber die Ehe, nur ganz kurz
--ich komme so selten dazu, ein Buch zu lesen--"

Er beugte sich wieder zu ihr hin.

"Ich glaube, da es so viel verschiedene Neigungen und Bedrfnisse
gibt, als es Menschen gibt, und ich wnsche, da jeder Mensch diesen
seinen Neigungen ungestrt nachlebe, aus dem einfachen Grunde, um
selbst ungestrt den meinen folgen zu knnen.

Ich mae mir nicht an, die Menschen zu verstehen. Wir verstehen
berhaupt wenig von einander. Aber frech greifen wir tglich und
stndlich in das Leben unserer Mitmenschen ein, unter dem
lgenhaften Vorgeben, ihnen helfen zu wollen. Ich mchte, da ein
jeder nach seiner Faon glcklich werde hier auf der Erde.

So ungefhr ist der Grundgedanke meines Buches. Du hast es nicht
gelesen; ich mute ihn dir daher schnell herzeichnen.

Wovon man dir aber wahrscheinlich erzhlt haben wird, das ist das
Kapitel, welches ich 'Die Menschen der Ehe' betitelt habe. Ohne
irgendwie zu klassifizieren oder zu schematisieren, habe ich in ihm
die Frage gestellt, ob es nicht einen greren Teil Menschen gbe in
unserer Zeit, auf welche diese Bezeichnung mit Recht sich anwenden
liee; Menschen der Enge im Gegensatz zu den Menschen der Weite;
Menschen, die nie in Konflikt kommen mit ihrer Umgebung, da sie alle
Geschicke--alle, die aus der Menschen Hnde kommen--als von Gott
ihnen auferlegt betrachten; Menschen der kleinen Zufriedenheit, die
ihr Glck finden in den Winkeln des Tages, immer an dem einen Tische
und immer an derselben Brust: Menschen, die nicht wissen, was es
heit, ein Versprechen auf Lebenszeit zu geben, weil sie nicht
wissen, was es heit: zu leben; Menschen der Stagnation, nicht
Menschen der Bewegung; Nummern, aber Nummern, welche zu Zahlen
werden, und welche ich deshalb hasse!--

Menschen der Gewhnlichkeit!--Menschen der Ehe!--"

Er hatte fast langsam, mit Ruhe und ohne uere Leidenschaft
gesprochen.

Aber whrend er sprach, hatte er vergessen, zu wem er sprach.

Als er geendet hatte und es merkte, verdro es ihn. Seit so langer
Zeit war er gewohnt, zu sprechen, wie er wirklich dachte, so da er
es verlernt hatte, seine Gedanken zu modeln nach dem Ohr seiner
Zuhrer.

Es htte ihn nicht zu verdrieen brauchen. Denn er hatte zu tauben
Ohren gesprochen.

"Verzeih," sagte er--er glaubte, sehr lange gesprochen zu haben--
"verzeih, da ich so lange sprach. Ich mchte nicht miverstanden
werden in dem, was ich dir jetzt sagen mu."

Wieder zwang er sie, ohne es zu wollen, zu errten. Er hatte bis
jetzt kaum den Mund aufgetan, sie hatte unaufhrlich geplappert--:
er bat sie um Entschuldigung.

Sie begann ihn zu hassen.

Verstanden hatte sie kaum etwas von dem, was er gesagt hatte. Sie
hatte ihm fast so wenig zugehrt, wie er ihr. Ihre Gedanken waren
jetzt damit beschftigt, wie sie ihn auf die beste Manier loswerden
knne.

Fr sie gab es keine bedeutenden und unbedeutenden Menschen. Fr sie
gab es nur Menschen, die ihr zuhrten. Und die Mnner zumal! Von
denen war sie ja gar nichts anderes gewohnt, als da sie ihr zu
Fen lagen.

Daher beleidigten sie diese Ruhe und Sicherheit.

"Ach, ich bin sehr unglcklich!" rief sie und deckte mit den Hnden
die Augen. "Ich wei nicht, was ich tun soll . . ."

Es war ihr zweites Mittel, mit diesem Manne fertig zu werden. Ihr
drittes und letztes waren die Trnen. Aber zu diesem wollte sie erst
greifen, wenn alle anderen erschpft waren.

"Ja, Clara, wenn du nicht weit, was du tun sollst, wer soll es dann
wissen?"

Sie sah ihn an mit ihren hellen Augen, wie ein hilfloses Kind.

"Du bist doch hergekommen, um mir zu helfen."

Er stand auf. Diese Frau verstand nichts, sie konnte und wollte
nichts verstehen.

Er mute sie zwingen, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, vor denen
sie floh, feig, jammernd und haltlos.

Er blieb vor ihr stehen.

"Nach deinem Briefe mute ich annehmen, da du den unwiderruflichen
Entschlu gefat hattest, dich von deinem Manne auf immer zu
trennen, da du ein Weiterleben mit ihm als unmglich erkannt hast.
In der Ausfhrung dieses Entschlusses, dir zu helfen, bin ich
hergekommen, nicht aber, um dich in deinen Entschlssen zu
beeinflussen. Und auch nicht, wie du dir vorhin glauben zu machen
suchtest, um diese Stadt, die mir ganz uninteressant ist, und alte
Bekannte, von denen ich nichts mehr wei, und die nichts mehr von
mir wissen wollen, wiederzusehen, oder auf eure Blle und in eure
Gesellschaften zu gehen, denn ich verkehre berhaupt nicht in
brgerlichen Kreisen.--Meine Zeit ist sehr bemessen--"

Er ging hastig umher. Sie frchtete sich vor ihm.

"Aber du hast mich gerufen mit dem Schrei nach Hilfe. Lt man den
Sinkenden vor seinen Augen untergehen, wenn man seine verzweifelnde
Stimme vernimmt? Und wenn"--so unterbrach er sich unwillkrlich
lchelnd--"ich dich auch nicht auf dem offenen Meere kmpfen sah,
so sah ich dich doch ringen mit der trben Flut dieses--Teiches."

Er wurde wrmer.

"Deine verstorbene Mutter ist sehr gut gegen mich gewesen. Sie hat
mir, dem Verwaisten, ein Dach und einen Tisch geboten viele Jahre
lang. Und dann haben wir beide unsere Jugend nebeneinander verlebt,
wenn auch nicht miteinander. Das vergit sich nicht so leicht. Darum
bin ich gekommen, nur darum."

Er hatte eine Rose vom Strauch gerissen und zerstreute whrend des
Sprechens ihre Bltter achtlos umher.

"Wie er die Blume behandelt!"--dachte sie. Sie hatte nur noch einen
Wunsch: diese erbarmungslos klare und schneidende Stimme nicht mehr
zu hren. Aber diese Stimme klang weiter.

"Ich komme hierher in dem festen Glauben, dich bereit zu finden, den
entscheidenden Schritt zu tun. Ich finde dich vllig schwankend,
ohne jeden Entschlu--sage mir doch, weshalb du mich eigentlich
gerufen hast?"--

Sie sah sich bis auf den letzten Punkt gedrngt und verlie ihn, um
sich zu retten, indem sie zum Angriff berging.

"Du sprichst so viel", klagte sie, "von den Mistnden in der Ehe.
Willst du mir nicht sagen, wie du dir denn die Ehe denkst?--Wenn du
etwas beseitigen willst, so mut du doch etwas anderes an dessen
Stelle setzen knnen."

Diesen letzten Satz hatte sie einmal irgendwo gehrt, und er duchte
ihr gut und passend, um ihn jetzt anzuwenden. Kein Weib ist ganz
ohne Schlauheit. Auch sie war es nicht.

Grach antwortete sofort.

"Ich kenne nur ein Verhltnis wie zwischen Mensch und Mensch, so
zwischen Mann und Weib, das ich wrdig nenne: das auf gegenseitiger
Unabhngigkeit beruhende; denn es ist zugleich das einzige, das die
gegenseitige Achtung ermglicht. Der Herr verachtet den Knecht, und
der Knecht hat den Herrn."

Mit verstndnislosen Augen sah sie vor sich hin.

"Und in der Ehe?"--fragte sie unsicher.

"Bemitleidet der Mann heimlich die Frau, whrend die Frau ihn
heimlich belchelt."

Verstohlen blickte sie ihn von der Seite an.

Woher wei er das?--war ihr erster Gedanke.

"Es gibt doch so viele glckliche Ehen--"

"Wie viele kennst du?"

"Nein--, aber--"

"Nun, ich leugne es. Es gibt verschwindend wenige. Was Glck genannt
wird, ist Zufriedenheit. Und was Zufriedenheit scheint, ist nur
Gewhnung jene Gewhnung der schwchlichen Ohnmacht, die davor
zurckschaudert, Ketten zu brechen, und in feiger Nachgiebigkeit
Schritt fr Schritt zurckweicht, Stck um Stck ihrer eigenen
Wrde, ihrer eigenen Freiheit und--was das Traurigste ist--ihres
eigenen Glckes opfert, um das zu werden, was eine alberne
Oeffentlichkeit einen guten Ehegatten, ein treues Eheweib nennt."

"Aber wie denkst du dir denn--" begann sie zu wiederholen.

"Das Verhltnis zwischen Mann und Frau in der Freiheit?--Ich
verstehe eine solche Frage kaum. Vernnftige Menschen kommen
zusammen, wenn sie sich lieben und gehen auseinander, wenn sie sich
nicht mehr lieben. Mag sein, da sie bis an ihr Lebensende
zusammenbleiben in Liebe und Einigkeit. Oft wird es nicht der Fall
sein."

Auch sie stand nun auf.

"Aber um Gotteswillen, das ist ja im hchsten Grade unmoralisch, was
du da sagst!" rief sie. "Es ist ja unanstndig!"

Er lachte nur, laut und rcksichtslos.

Er hatte ihr so viel Klugheit zugetraut, da sie ihn fragen wrde,
was aus den Kindern der freien Verbindung werden wrde. Aber er
tuschte sich auch diesmal. Sie rief--wie alle Schwachkpfe--die
Moral zu Hilfe, wo ihr Verstand nicht mehr ausreichte.

Gleichmtig sagte er:

"Ja, ber Anstndigkeit und Ehrenhaftigkeit gehen meine Anschauungen
und die deiner Klasse, welche du teilst, wie ich sehe, weit
auseinander. Ich wei, da es noch viele, viele Menschen gibt, die
eine Vereinigung erst dann fr anstndig halten, wenn sie sich
dieselbe gegenseitig erlaubt haben: Standesamt--Kirche und Pfaffe--
Hochzeitsreise; die es anstndig nennen, wenn zwei Menschen
zusammenbleiben, die sich nicht mehr sehen knnen und die erkannt
haben, da auch das leiseste Gefhl sie nicht mehr zusammenhlt,
sondern nur noch das gegebene Wort. Ich wei aber auch, da es
Menschen gibt, welche jede Umarmung, die aus anderen Grnden erfolgt
als aus gegenseitiger Liebe, gemein nennen, und zu diesen Menschen
gehre auch ich. Und eins mchte ich dir und allen, die die Ehe
verteidigen und unsere Anschauungen der freien Liebe so laut und
emphatisch beschreien, eins Mchte ich euch allen, euch Menschen der
Ehe, sagen: Tut, was ihr wollt, aber zeigt uns durch eure eigenen
glcklichen Ehen, da wir im Unrecht sind und ihr im Recht seid mit
eurer Heiligsprechung der Ehe! Dann werden wir euch vielleicht
glauben, eher nicht!"

Er griff nach Hut und Stock.

"Adieu, Clara," sagte er und gab ihr die Hand, "leb' wohl! Ich habe
gesehen, da du nicht unglcklich bist. Du bist unzufrieden,
natrlich--du bist ja nicht frei. Aber wer kann dir da helfen, wenn
du es nicht selbst tust?"--

Sie war vollstndig verwirrt. Sie wollte ihm noch etwas entgegnen,
sie hatte den glhenden Wunsch, ihn noch zu demtigen, aber sie fand
kein Wort mehr seiner kalten Ueberlegenheit gegenber. Nicht einmal
ihr letztes Mittel jetzt anzuwenden, schien ihr zweckmig. O, wenn
sie das vorher gewut htte, nie htte sie ihm geschrieben!

Und sie kmpfte mit ihren Trnen der Wut und des Zornes, als sie ihm
gegen ihren Willen die Hand geben mute. Er aber ergriff sie und
schttelte sie freundlich. Dann ging er mit seinen schnellen
Schritten den Kiesweg entlang, durch den hohen und khlen Flur an
der weien Treppe vorbei und ber den weiten Platz, der verlassen
lag wie vor einigen Stunden.

Als er in seiner Mitte angelangt war, kam von der anderen Seite her
ein lterer Herr. Er ging schon gebeugt.

Grach sah ihn in die Tr treten, die er soeben verlassen. War das
ihr Mann?

Wenn er mit den Blicken die Wnde htte durchdringen knnen, wre
ihm folgendes Bild erschienen: Frau Clara Boehmer hing am Halse
dieses lteren Herrn, kte ihn strmisch und bettelte ihm die
Erlaubnis ab, am nchsten Mittwoch den Ball im "Kasino" besuchen zu
drfen (--in einem ganz neuen Kleide--), whrend sie in ihrem Innern
beschlossen hatte, ihm frs Erste noch nichts von dem Besuch zu
erzhlen, den sie so schnell und dazu noch auf eine verhltnismig
so gute Art und Weise losgeworden war.




XII.

Grach ging, ohne eigentlich zu wissen, wohin. Whrend er noch in
Gedanken versunken war, die ihm in diesen Stunden gekommen und die
er nun weiter und zu Ende dachte, whrend er so in Gedanken zu Boden
sah, ging er ganz instinktiv die Wege, die zur Hhe des Berges
zwischen den Grten und ihren Mauern hinfhrten, und die er so
zahllose Male als Kind und als Knabe im Spiele gelaufen, lernend,
erzhlend, mit Kameraden und allein, traurig und frhlich gegangen
war.

Er sah nicht, wohin er ging. Nur ins Freie, hinaus, fort aus der
Albernheit dieser Enge, die ihn eben stundenlang umschnrt gehalten
hatte!

Er war wie zerschlagen.

Seit Jahren hatte ihn nichts, keine Unterredung, keine Diskussion,
keine Verhandlung, so ermdet, wie die Unterhaltung dieses
Nachmittags.

Ihm war, als habe er Zuckerwasser trinken mssen, in groen
Quantitten, ein Glas nach dem andern. Ihm war als sei er
umhergetappt in schwlen und haltlosen Nebeln, als habe er etwas
Weiches, Zerrinnendes zwischen seinen Fingern gehalten, etwas, das
formlos war und keine Gestalt annehmen wollte, er mochte bilden, wie
er wollte.

Es war die Moral der Bourgeoisie gewesen, mit der er eben diesen
Kampf gekmpft hatte, diese satte, selbstgefllige, verchtliche
Moral, die keinem Gedanken Stand hielt, an jeder Wahrheit genschig
schleckte und alles, alles, alles herunterzog in den Staub ihrer
Mittelmigkeit. Er hate sie, diese Menschen, er fhlte erst jetzt,
wie sehr er sie immer gehat hatte: ihre Anschauungen, ihre Sitten,
ihre Gewohnheiten, ihr heuchlerisches Weinen und ihr oberflchliches,
humorloses Lachen.

Was wollte denn diese Frau eigentlich?

Hatte sie nicht alles, was ein Mensch nur an uerlichem Glck
begehren konnte?

Sie war schn. Sie war noch jung. Sie war reich. Aber sie hatte
einen Mann, der wohl zuweilen eine eigene Meinung zu haben sich
erlaubte; einen Mann, der sie nicht so befriedigte, wie ihre Natur
es verlangte. Nun, warum ging sie nicht von ihm, wenn sie es bei ihm
nicht mehr "aushalten" konnte?

Nichts hielt sie, als die kindischen Anschauungen ihrer Klasse von
Ehre und Sittlichkeit.

Die Welt lag vor ihr. Warum ging sie nicht hinein, lernte kennen,
was dem Suchenden so interessant, so geheimnisvoll, so neu und so
unendlich reizvoll erscheinen mu?

Weshalb geno sie nicht die Schnheit dieser Welt, von der sie
nichts kannte?

Sie konnte nicht allein sein. Zu flach, um sich selbst auch nur auf
eine Stunde zu gengen, konnte sie auf eine Stunde nicht die
Gesellschaft entbehren, deren Leben ihre Nahrung war. Machtlos, sich
durch ihre eigene Persnlichkeit neue Verbindungen zu schaffen, wre
sie drauen in der weiten Welt gestorben vor Langeweile, verzehrt
von Sehnsucht nach dem kleinlichen Getriebe ihrer frheren Tage.

Deshalb mute sie bleiben, wo sie war, auf dem Platze, auf den sie
ihr eigener freier Wille gestellt, und den zu verlassen sie nicht
die Kraft besa.

Sie mute ihr "Unglck" weitertragen.

Er glaubte nicht an dieses Unglck. In Wirklichkeit hatte er nie
geglaubt, da diese Frau jemals unglcklich werden knne.

Auerdem wrde sie ihren Mann allmhlich besiegen. Eine echte Frau,
die sie war, wrde sie ihn mrbe machen--: langsam, nach und nach,
mit aller Zhigkeit, wrde sie ihm Locke auf Locke seiner Kraft
rauben, bis er willenlos geworden war ihr gegenber.

Der Mann war mehr zu bedauern als sie.

Fr ihn aber war sie eine abgetane Sache. Es war eine Dummheit
gewesen, da er hierher gekommen war. Er gehrte nicht zu den
Menschen, die sich schmen, ihren Dummheiten ins Gesicht zu sehen.
Aber er glaubte doch, nun sagen zu drfen, da er so bald keine neue
machen wrde.

Am liebsten wre er noch heute Abend abgereist. Doch er wute nicht,
wann die Zge gingen. Und auerdem--er war nun einmal hier. Die
Hitze des Tages begann langsam nachzulassen. Er wollte noch einige
Stunden verbringen auf dieser Hhe mit dem Blick auf die Stadt zu
seinen Fen. Irgendwo wrde er schon ein grnes und khles
Pltzchen finden.

Und mit dem charakteristischen Ruck seiner Schultern schttelte er
die Erlebnisse dieses Nachmittages von sich: aus seiner Stirn und
von seiner Brust.

Nun waren sie ihm erledigt fr immer.




XIII.

"Eine komische, kleine Stadt!" hatte er noch vor drei Stunden zu
sich selbst gesagt.

Aber von dieser Hhe aus gesehen schien die Stadt weder klein noch
komisch, und er dachte, es msse grlich sein, in ihr zu leben und
zu sterben.

Gewi--man wute nicht mehr, was der Nachbar kochte und a, aber
was er trieb und lie, man kmmerte sich darum noch immer bis in die
kleinsten Einzelheiten hinein.

Daher wagte sich keiner zu rhren, und bei jeder Handlung, die er
beging, sah er zuerst den anderen an, ob dieser dasselbe je getan
oder je tun wrde.

Es gab Mnner von Genie in dieser Stadt: aber ihr Genie war vllig
einseitig. Es war einzig darauf gerichtet, Geld in mglichst groen
Massen zusammenzuspeichern. Ein schlechterer Gebrauch konnte von
demselben nicht gemacht werden, wie es hier geschah: es blieb oft
einfach liegen und vermehrte sich dann--infolge der Privilegien,
die es schtzten--von selbst. Es zog alle Kraft und alle Energie
dieses ganzen Landes an sich. Es war ein kaltes, grausames,
sinnloses Ungetm, unersttlich und gierig.

Auch denen, die es besaen, gab es nichts. Denn sie hatten keinen
Geist. Sie hatten keine Spur von Geist. Sie machten alle Jahre eine
vierwchentliche Reise und schickten ihre Shne einige Jahre in die
Freiheit des Lebens.

Auerdem gaben sie alle paar Wochen ihrer ganzen Familie groe
Essen, bei denen es hoch herging. Man sprach im heimischen Dialekt
und ergnzte die Familienchronik.

Das war aber auch alles. Fr kein Vergngen feinerer Art hatte man
hier den geringsten Sinn. Man besa kein Theater, keine
Konzerthalle, und man kaufte nie ein Buch. Die Kunst war hier so
heimatlos wie die Wissenschaft.

So war es vor zehn Jahren noch gewesen.

Ob es heute noch so war, wute Grach nicht. Es war ihm auch
gleichgltig. In der Zeitung der einen Stadt--die der einen war
konservativ, die der anderen freisinnig, und sie lagen sich
natrlich bestndig in den Haaren--hatte sich noch kein Wort
gendert gegen frher. Er hatte sie beim Essen durchflogen.

Nein, es war keine komische Stadt, wenigstens nicht fr den, der in
ihr zu leben gezwungen war.

Es war auch eigentlich keine kleine Stadt, denn sie fllte, wie er
jetzt sah, die ganze Breite dieses Tales. Sie hatte sich vergrert.
Man hatte--traurig genug--zu den drei alten noch zwei neue Kirchen
gebaut.

Dieses Tal entbehrte der Anmut nicht. Der trge Flu durchschnitt
ppige Wiesen, und die Hgel waren bedeckt mit dichtem Tannen und
Laubholz. Aus einer dieser dunklen Kuppen ragten die schlanken
Turmspitzen eines modernen Schlosses in den sonnenheien Himmel.
Dort wohnte der Knig der Gegend. Er wute, da er das war: er
redete seine Arbeiter mit Ihr an und sorgte fr sie, wie "ein Vater
fr seine Kinder." Ihm ging es gut dabei; seinen "Kindern" weniger.
Never mind!--

Und immer wieder wandten sich Grachs Augen nach rechts und nach
links, dorthin, wo an den Grenzen seiner Blicke die Wolken des
Rauches sich ballten zu seltsamen, fremdartigen, formlosen Gebilden.

Ideen schienen es zu sein, die nach Gestaltung rangen. Und er sah im
Geiste den Tag, wo diese Ideen, nicht am hellen Nachmittag in heier
Sonne, nein, am khlen Abend, beim Beginn der Nacht, in ruige,
markige Gestalten verkrpert, von beiden Seiten dieses Tales
herangezogen kamen und diese ganz abgelebte Gewhnlichkeit, dieses
ganze Nest von Aemtern, Titeln und Wrden, diese ganze Uniformitt
der Gesinnung so durcheinander rttelten, da die friedlichen
Schlfer dieser guten Stdte am nchsten Morgen nicht mehr wissen
wrden, auf welcher Seite des Flusses sie eigentlich waren.

Dann wrde er vielleicht endlich geendet sein, der erbitterte Streit
um die Oberherrschaft.

Aber dann wrde es auch zu spt sein.

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Eine komische kleine Stadt!

Nein, es war weder eine komische, noch eine kleine Stadt.

Trotz der Hitze frstelte Grach.

Die Sonne qulte ihn, und seine undankbaren Gedanken qulten ihn
ebenfalls.

Hatte er nicht Grund, dankbar zu sein?

Dankbar dafr, da er nicht mehr hier zu leben brauchte?--

Er wandte sich ab und stieg den Weg weiter hinauf. Ein Blechschild
fiel ihm in die Augen:

"Gartenwirtschaft". Das war, was er suchte. Bume und Schatten und
Stille.

Er stieg eine Treppe empor und durchschritt die Tr. Da stutzte er
pltzlich.

Vor ihm her ging eine Frau.




XIV.

Er erkannte sie sofort.

Nur eine Frau war ihm im Leben begegnet, der dieser feste, stolze
Gang, diese aufrechte, und doch grazise Haltung eigen war: Dora
Syk. Sie mute seine Schritte gehrt haben, denn sie wandte sich um.

Zu gleicher Zeit streckten ihre Hnde sich einander entgegen und
faten sich mit starkem, freundschaftlichem Druck.

Die Freude, sich wiederzusehen, war auf beiden Seiten gleich gro
und ehrlich. Gleich war aber auch bei beiden eine gewisse
Verlegenheit: man war hier auf fremdem Boden und wute im ersten
Augenblick nicht recht, wie man es dem anderen klar machen sollte,
weshalb man hier war . . .

Dort, wo ihre eigentliche Heimat war, in der groen, weiten Welt, in
dem Getriebe der ungeheuren Stadt, in den schrankenlosen
Verhltnissen, deren Physiognomie wechselte wie der schwankende Tag,
in der groen, geistigen Bewegung, waren sie sich zuerst begegnet,
hatten sie sich gesehen, sich gesprochen, waren sie schnell wieder
auseinander gerissen, hatten sich nicht vergessen, aber auch kaum
mehr aneinander gedacht, vielleicht nur deshalb, weil sie keine Zeit
dazu hatten.

Seinen Namen hrte sie oft: er wurde berhaupt viel genannt; ihren
Namen hatte er lange gekannt, ehe er sie sah, denn er war eine
Zeitlang viel genannt worden. Es war gewesen, als sie einundzwanzig
Jahre alt war und ihr erstes Werk Aufsehen erregte. Vor etwa sechs
Jahren.

"Franz Grach"--

"Dora Syk"--

Sich hier wiederzusehen, war fr beide eine ganz auergewhnliche
Ueberraschung, und indem sie nach einem Wort suchten, um dieselbe
auszudrcken, fingen sie beide pltzlich an zu lachen und gaben sich
nochmals die hand, wie um sich zu vergewissern, da sie es wirklich
waren.

"Frulein Dora Syk!" rief er aus. "Also deshalb hrt man nichts mehr
von Ihnen--"

"Es ist sehr eigentmlich, da wir uns hier treffen," sagte sie,
indem sie ihre Hand zurckzog.

"Nicht so sehr, was mich betrifft: bin ich doch hier in der Stadt
meiner Jugend. Ich bin nmlich hier erzogen."

"So. Und ich erziehe jetzt hier."

Er fuhr zurck.

"Das ist schrecklich. Wen erziehen Sie denn?"

Sie lachte herzlich. "Kinder", sagte sie, "Mdchen von zwlf und
dreizehn Jahren."

"In der hheren Tchterschule?"--

"Ja, in derselben", entgegnete sie, und immer noch lag Lachen um
ihren Mund. "Ich bewundere die Treue Ihres Gedchtnisses. Wie lange
waren Sie nicht hier?"--

"Fast ein Jahrzehnt nicht.--Hren Sie:

Der Herr segne Deinen Ausgang und--"

"Und deinen Eingang--ja, so steht es ber dem Tor geschrieben."

"Lachen Sie doch nicht, Frulein Syk! Ich wei, was es heien will,
Lehrerin an dieser Schule zu sein--fr Sie ist es unwrdig."

"Nein," sagte sie schnell und wurde ernst, "es ist nicht unwrdig,
um sein Brot zu arbeiten. Aber eines ist sicher: es ist lhmend,
weil es unntz, total unntz ist. Denn ich bin gehindert, das zu
sagen, was ich sagen mchte, wenn ich auch nicht gezwungen bin, zu
sagen, was ich nicht sagen will . . . Unwrdig?--Nein, das
Schweigen der Machtlosigkeit ist nie unwrdig."

Er sah sie inmitten dieser Gesellschaft, die er kannte--die
Personen konnten sich gendert haben, die Tendenzen nie: der
Direktor ein Pietist, die Lehrer zu halben Weibern geworden in ihrer
falschen Stellung zwischen lauter Unterrcken, die Lehrerinnen alte
Jungfern, verbittert die einen, emanzipiert im unguten Sinne die
anderen--und er hrte nicht auf das, was sie ihm entgegnete.

"Wie knnen Sie hier leben?" rief er fast heftig. "Wie knnen Sie
sich stellen zu diesen Mumien--"

"Sehr gut. Sie hassen mich so, da wir fast nie zusammen sprechen--"

"Ja, was sollten Sie auch zusammen sprechen!" rief er. "Und machen
Sie mir nur nicht vor, da es anders ist mit dieser entzckenden
Jugend, ich kenne sie, diese unreife Gesellschaft, schlimmer als die
Buben sind sie: kokett schon, noch mit der Puppe im Arm, neugierig,
naschhaft, und ganz schon von dieser entsetzlichen Schwatzhaftigkeit
der Alten, dieser Schwatzhaftigkeit der Leere, die nichts zu sagen
wei und immer plappert, plappert--o, ich habe sie eben drei
Stunden lang gehrt!--"

Sie ging ruhig weiter, aber sie antwortete ihm nicht mehr. Ihr
Beispiel, dachte er da, dieses herrliche Beispiel der Kraft und
Gesundheit, der Vorurteilslosigkeit und Schnheit, des Geschmacks
und der Gesundheit der Harmonie, ihr Beispiel, sollte wenigstens
nicht dieses schweigend wirken? Und er fragte sie danach.

Mit einiger Ungeduld lehnte sie seine weiteren Fragen ab. Auch ihr
Beispiel nicht, sie sagte es schon. Es war kein Boden bereitet.

Er merkte pltzlich, da sie litt, und ward still.




XV.

Whrend ihres kurzen Gesprches hatten sie den Garten betreten.
Ueber die ganze Kuppe des Hgels hin erstreckte er sich. Seine Bume
waren herrlich. Sie bildeten dichte und schtzende Dcher ber den
Tischen und Sthlen, die berall auf die ansteigenden Terrassen
gestellt waren.

Eine groe Halle lag auf der hchsten Hhe des Hgels. Sie war roh
aus Holz aufgezimmert und dazu bestimmt, groen Massen bei
schlechtem Wetter Aufenthalt zu gewhren. Denn an allen Sonn- und
Feiertagen belebten Hunderte und Aberhunderte von Menschen die
Stille dieser fast einsamen Hhe; an Wochentagen verlief sich selten
ein Gast hierher. Die reiche Natur konnte ungestrt die Schden
wieder heilen, welche trampelnde Fe, die keiner Wege achteten, und
rohe Hnde, die frevlerisch in dieser grnen Pracht whlten, ihr
schlugen.

Keine Grostadt besa einen greren, in seiner rauhen und nie
gepflegten Wildheit schneren Garten.

Grach breitete die Arme aus vor Freude.

"Das ist herrlich!" rief er.

Sie lchelte.

"Ja, es ist herrlich!" sagte sie auch. "Es vergeht fast kein Tag, an
dem ich nicht die letzten Stunden des Nachmittags hier verbringe.
Hier strt mich kein Mensch. Ich kann sitzen, wo ich will, ich kann
gehen, ich kann lesen, ich kann tun, was ich will. Mir ist, als sei
sie mein, diese ganze Hhe."

An dem Wirtshause vorbei, wo der Besitzer des Gartens mit seiner
Familie wohnte, fhrte sie ihn langsam empor.

"Ueberall knnen wir uns setzen, Grach," sagte sie. "Wollen Sie die
Stadt sehen? Oder wollen wir hier bleiben auf dieser Terrasse, wo es
am khlsten ist?"--

"Hier," bat er, "lassen Sie uns hier bleiben. Hier ist es einsam,
khl und schn."

So setzten sie sich, einander gegenber, an einen der Tische. Ein
Mdchen kam mit einer Flasche und einem Glase. Als sie den gewohnten
einsamen Gast in Gesellschaft eines zweiten sah, malte sich
sprachloses Erstaunen auf dem frischen, jungen Gesicht.

"Kein Bier heute, Kthchen," sagte Dora Syk, "ich habe Besuch heute.
Eine Flasche Rheinwein und zwei Glser."

Das Mdchen entfernte sich nur zgernd.

"Sie ist vllig auer Fassung, die Kleine. In den drei Sommern ist
ihr das nicht vorgekommen. Und, da ich es Ihnen nur gestehe, auch
ich bin etwas verwundert.--Also die Sehnsucht hat Sie einmal wieder
hierhergetrieben? Sie wollten einmal wieder wandeln auf den Fluren
Ihrer Kindheit?"

"Ach was," rief er fast barsch, "ich habe eine Dummheit gemacht,
eine groe Dummheit."

Er erzhlte ihr in hundert Worten, was er soeben erlebt.




XVI.

Der Wein glnzte in den Glsern vor ihnen. Sie stieen miteinander
an.

"Aber ich bin ausgeshnt mit meiner Dummheit--" rief er in ehrlicher
Freude, whrend er sie ansah.

Sie war es wert, angesehen zu werden.

Fest zurckgelehnt in den Stuhl und die Fe gegen den Boden
gestemmt, die Hnde im Schoe gefaltet, sa sie in der unbewegten
Ruhe von Menschen da, die viel arbeiten, und diese Ruhe, derer sie
bedrfen, dann wenn sie ihnen wird, auch wirklich genieen.

Ihren Hut hatte sie abgenommen, und Grach bewunderte die einfache
Kunst, mit der sie ihr dunkelbraunes Haar in einen griechischen
Knoten gebunden trug.

Alle Linien an dieser schnen Gestalt waren gro, khn und frei;
lang und natrlich, durch keine knstlichen Mittel verziert, fielen
die Falten ihres Kleides nieder.

Ihre Hnde, an denen sie keine Ringe trug, waren gro und wei, und
ebenso waren ihre Zhne, keine "Perlen"-Zhne, aber Zhne von
tadelloser Ebenmigkeit.

Das Gleichma der ruhigen, groen Schnheit war in ihr verkrpert.
Und wie es unmglich war, sich dieses Gleichma ihrer Erscheinung
durch irgend etwas: durch eine eckige, unbehilfliche Bewegung, durch
die Wildheit eines fassungslosen Schmerzes, die Raserei einer
zgellosen Leidenschaft, die Unschnheit einer Erniedrigung oder
einer gewaltsamen Ueberhebung gestrt zu denken, so unmglich war es
auch zu glauben, da das Alter jemals diese hohe Gestalt beugen, das
Elend diese einfache Wrde knicken, Krankheit diese verkrperte
Gesundheit brechen knne.

Es gibt Profile, die hingekritzelt scheinen, stmperhafte
Dilettantismen, verzerrte Karrikaturen in die Breite oder in die
Lnge, hingeklatscht von ungebter Hand und dann verwischt durch
Zerknitterung des Papiers; und es gibt Profile, die mit Knstlerhand
schnell entworfen scheinen in verrterisch-schnen Linien voll
Weichheit, Grazie und Liebreiz, oder aber hingezeichnet in einem
groen, wundervollen Zuge in seltener Stunde . . .

Zu den letzteren gehrte Dora Syks Profil. Ein Ansatz, ein khner
Zug, rasch, energisch, meisterhaft--tadellos: so war ihr Profil,
das Grach in erwachender Leidenschaft mit dem Auge sich immer wieder
heimlich nachzeichnete, whrend er es betrachtete.

Nie war ihm frher die bestechende Harmonie ihres Wesens so
aufgefallen, wie jetzt. Der beschftigte Tag hatte damals seinen
Blick getrbt. Nun sa sie vor ihm und sah vor sich hin, whrend er
sprach.

Und mehr als alles bezwang ihn der Ausdruck einer beginnenden
Mdigkeit, die sich ber dies schne Antlitz ausbreitete. Keine Spur
von der Unschnheit der Bitterkeit, nur das ganz allmhliche
Erlahmen  . . .

Ein noch fast unsichtbares Erlahmen.

Aber er sah es.

Dieser schne Mund begann sich zu schlieen in der Herbheit des
Stolzes--wann durfte er einmal sprechen in den Lauten, die er
gewohnt war, den Lauten der Erkenntnis, der Freiheit und des
Verstndnisses der Liebe?--Diese tiefen Augen umschatteten sich
bereits. Gewhnt, in die weiteste Ferne zu schauen, Abwechslung,
Flle, Reichtum alles ueren Lebens zu trinken, fingen sie an sich
zu trben zwischen den Dunstwolken dieses rmlichen Tales, dem
Rauche der Feuerherde dieser erbrmlichen Stadt, der Stickluft einer
ungelfteten Schulstube.

Er dachte an anderes, whrend er ihr erzhlte, weshalb er
hierhergekommen war. Er wurde unruhig.




XVII.

"Menschen der Ehe!" sagte sie, als er geendet hatte. Er sah auf. Sie
hatte also sein Werk gelesen. Er wute nicht, da es seit Jahren
keinen Mann gab, den sie im Stillen seines Mutes und seiner
unerschtterlichen Energie wegen so bewunderte wie ihn.

"Menschen der Ehe!" wiederholte sie, ohne Geringschtzung oder
Verachtung, sondern mit der Ruhe, mit welcher der Forscher das
Objekt seines Studiums benennt. Aber lachen schien sie doch nicht zu
knnen ber Grachs hastige Erzhlung. Dazu war sie diesen Menschen
doch zu nah.

Mehr und mehr berzeugte sich Grach whrend des Gesprches der
nchsten Stunde, wie sehr sie es verstanden hatte, sich allem, was
die Zeit an Gutem, Bedeutendem und Groem leistete, nah zu halten.
Fast nichts war ihr unbekannt geblieben: jedes Buch hatte sie
gelesen, jedes Ereignis mit dem ihr eigenen Scharfblick betrachtet
und beurteilt, jede neue Erscheinung in den Kreis ihres Verstehens
gezogen.

Sie sprachen von allem, wie es ihnen kam. Ueber vieles gingen ihre
Ansichten auseinander, aber ber jedes hrten sie des anderen
Meinung, und ber nichts verschwiegen sie ihm die eigene.

Er forschte sie aus. Aber es war so, wie er dachte: sie stand hier
ganz allein, ohne Freunde, ohne Verkehr, ohne Verstndnis bei irgend
einem Menschen. Sie las viel. Aber sie war die einzige vielleicht in
der ganzen Stadt, die anderes las als Zeitungen und die Romane der
Leihbibliotheken.

Kein Mensch auch wute hier, wer sie war. Eine fremde Erscheinung,
war sie hierhergekommen, und mit scheuer Achtung ging man ihr aus dem
Wege, whrend man ihr nach den ganzen Klatsch der Verstndnislosigkeit
und des Hasses, weil sie "anders war", schttete.

Wer sollte hier auch ihren Namen kennen? Hier waren nur die Namen
berhmt, welche die Schilder der Straen und die Zeitungen des Tages
nannten.

Sie war pltzlich verschollen, und der Laut ihres Namens war schon
fast verhallt. War sie hier untergetaucht in diesem Sumpf, um hier
zu sterben?--Der Gedanke machte Grach schaudern.

Und wieder betrachtete er sie mit den Blicken der Liebe, whrend er
auf den Klang dieser tiefen, schnen Altstimme lauschte. Sie sprach
langsam das Ernste, das sich in ihrem Gehirn bildete, und mit
Nachdruck in jedem Wort. Leicht jedoch und ungezwungen beantwortete
sie seine Fragen nach ihrem persnlichen Leben, mit einem ganz
kleinen Anflug von Spott und Wehmut in ihrer Stimme.

Sie war wohltuend, diese Stimme. Unwillkrlich mute er einmal diese
einfache und schne Sprache mit dem Geplapper vergleichen, das ihn
den ganzen Nachmittag gefoltert. Auch in allen Nebenschlichkeiten
war keine grere Verschiedenheit denkbar, als zwischen diesen
beiden Frauen.

Welche wunderbare Frau! Welche wunderbare Frau! dachte er immer
wieder und lie keinen Blick von ihr. Immer mehr begann er sie zu
verstehen. Tuschte er sich dennoch?--War sie glcklicher hier, als
sie es frher gewesen? Oder war diese Resignation nur die Folge
eines ueren Zwanges.

Nein, er konnte sich nicht tuschen!

Sie litt.

Eine herrliche und fast unerschpfliche Flle von Lebenskraft hatte
sie bisher aufrecht erhalten. Noch war nichts in ihr angegriffen,
geschweige denn gestrt.

Aber der uere Dunst begann sie zu bleichen. Sie verlangte nach
Leben, wie die Pflanze nach Wasser verlangt.

Drei Jahre schon hatte sie keinen Tropfen vielleicht ueren Glcks
genossen--jenes Glckes, welches ein tgliches Bedrfnis ist: fr
Krper und Geist eine Befriedigung.

Und noch immer stand sie aufrecht!--Aber von heute schon auf morgen
konnte sich das erste dieser dunklen Haare bleichen, konnte sich
diesem Munde zum erstenmal ein Schrei der Wildheit: der Wut und der
Klage entlsen und er sich dann auf immer in Schweigen schlieen,
konnte dieser noch so helle und klare Geist sich trben in der Nacht
dieses Lebens . . . Und dann war es zu spt!

Nein, nie durfte das sein!

Er lachte pltzlich laut und bitter.

Sie sah erstaunt auf.

"Weshalb lachen Sie so?"

Alles in ihm schumte auf.

"Dora Syk", rief er, und lachte wieder, wie eben, "Dora Syk--und
zweite Klassenlehrerin in der Schule fr hhere Tchter zu Abdera!--
Nun, wenn das kein Witz ist, ber den man lachen darf, dann wei ich
es nicht!"

Sie erblate erst, dann berzog ein tiefer Unmut ihre Stirn. Zum
erstenmal mischte sich ein Klang von Schrfe in ihre Stimme.

"Sie verstehen meine Stellung vllig falsch, Grach." Sie sah ihn
fest an. "Ich bin nicht nur hierhergekommen, um fr einige Zeit in
sicherer, uerlich sicherer Situation leben zu knnen, sondern ich
bin auch hierhergekommen, weil ich--ich wiederhole: fr einige Zeit
--der inneren Ruhe bedurfte. Und das ist genug Entschuldigung fr
meine Flucht, wenn sie berhaupt einer bedarf."

Aber Grach war so erregt, da er nur halb vernahm, was sie sagte.

"Ach was," rief er ungestm, "eine Frau wie Sie hat berhaupt keine
Entschuldigung! Die einzige, welche es gbe, wre die: da Sie hier
Ihr Leben wirklich leben. Aber zwischen diesen Mumien und
Geldscken, in diesem stagnierenden Haufen mssen sie ja ber kurz
oder lang ersticken!"

Ihre Antwort erfolgte sofort. Sie war erzrnt.

"Sie gehen immer wieder von der unbegrndeten und ganz falschen
Voraussetzung aus, da ich mich auf immer hier vergraben wolle. Ich
denke nicht daran."

Er war aufgesprungen und ging auf und ab.

Sie war wieder vllig ruhig. Auch whrend der letzten Worte hatte
sich keine Linie ihrer ruhigen Haltung verndert.

"Ich wei, was ich zu tun und zu lassen habe. Und wenn Sie es
durchaus wissen willen, nun ja, ich denke, ich gehe bald zurck in
die weite Welt meiner Heimat . . ."

Er stand ihr zur Seite und sie hrte seinen schweren Atem.

"Tun Sie es noch heute!" rief er leidenschaftlich, und mit bebender
Stimme fgte er, kaum hrbar selbst fr sie, hinzu: "Und--tun Sie
es mit mir!" . . . .

Er sah auf sie nieder. Sie rhrte sich nicht. Die leise Dmmerung,
die unter den hngenden Zweigen lag, verhinderte ihn zu sehen, wie
die Farbe ihres Gesichtes wechselte.

Sie antwortete nicht. Seine Hand lag auf der Lehne ihres Stuhles.

Dann sah sie auf seinen Sitz. Er verstand sie und setzte sich
langsam.

Sie nahm das vor ihr stehende Glas und leerte es mit einem Zuge.

Sein Herz klopfte.

Da sah sie ihn an und lchelte. Noch immer entgegnete sie ihm mit
keinem Worte. Aber er wute jetzt, was er begehrte zu wissen.

Er nahm ihre schlaff herabhngende Hand. Er kte sie nicht. Aber
mit beiden Hnden umfate er sie innig, mit einem zarten und
zugleich festen Druck.

"Dora Syk," sagte er leise, und seine Stimme bebte noch immer, "die
Erde ist so arm an Glck in unseren Tagen. Sollten wir nicht einmal
versuchen, zusammen glcklich zu sein?"

Sie sahen sich an. In seinen Augen glhte die heie, stumme,
begehrende Bitte.

Er hatte gesiegt. Er sah es an dem Ausdruck ihrer Augen, dem Lcheln
ihres Mundes, und er fhlte es an der Wrme ihrer Hand, die er nicht
loslie.

Sie zog sie zurck. Sie wollte nicht, da die Stimmung sie
berwltigte.

"Schenken Sie mir noch einmal ein, Grach.--So.--Und nun lassen Sie
uns vernnftig zusammen sprechen, nun, wie Leute, die nicht mehr
ganz jung sind, ber so etwas sprechen sollten."

Ihre Stimme hatte nur uerlich den scherzhaften Klang.

Sie machte noch eine Pause, ehe sie begann.

"Ja" sagte sie endlich. "Sie haben recht. Ich mu fort von hier. Ich
will es selbst. Und auch darin haben Sie recht: es soll bald, es
soll sofort sein.--Meine Ferien beginnen erst in acht Tagen. Aber
ich kann mich vertreten lassen. Es ist das erste Mal, da ich eine
Hilfe dieser Art in Anspruch nehme, und da es auch das letzte Mal
ist, habe ich keine Ursache, eine Zustimmung erst abzuwarten. Es
gengt, wenn ich dem Direktor die Anzeige meines Fortgehens mache.

Auch meine Verhltnisse kann ich sofort ordnen.--Aber bevor ich mit
Ihnen gehe, mssen Sie die folgenden Bedingungen annehmen:

Ich liebe meine Freiheit ber alles, wie Sie die Ihre. Wir werden
also vollstndig, in jeder Beziehung, unabhngig voneinander sein.
Wir werden uns gegenseitig verschonen mit allen lppischen
Zudringlichkeiten an Zeit und Stimmung. Wollen wir einen Weg nicht
zusammen miteinander gehen, so geht jeder seinen eigenen. Und--was
das Wichtigste ist--wir werden uns trennen in der ersten Stunde. in
der wir--anfangen werden, uns miteinander zu langweilen."

Sie beugte sich vor und sah ihn mit ihren schnen, klugen Augen an.

"Wollen Sie auf diese Bedingungen eingehen, Grach, dann geben Sie
mir nochmals die Hand."

Er griff nach ihren beiden Hnden.

"Dora Syk," rief er in jugendlicher Begeisterung, "wei der Himmel,
aber Sie sind doch die herrlichste Frau, die ich je in meinem Leben
kennen gelernt habe!"

Da lachte sie hell auf, und der Bann zwischen ihnen war gebrochen.
Frage auf Frage und Antwort auf Antwort folgten nun in buntem
Wirbel.

Nach Paris wollten sie gehen. Noch heute Abend. Mit dem Schnellzug
um halb elf Uhr. Morgen frh waren sie dort. Er zweifelte, da sie
bis zehn Uhr fertig sein knnte. Gewi, drei Stunden wrden gengen
fr sie. Hatte sie doch von niemand hier Abschied zu nehmen.

Aber lange hier bleiben durften sie dann nicht mehr. Welche Zeit war
es denn? Schon sieben! Ja, es war dunkel schon unter den Bumen.
Einen Abschied aber wollte sie doch noch nehmen: von der Kleinen,
die sie so oft hier bedient, und mit der sie so manches freundliche
Wort getauscht, in der Einsamkeit ihrer vielen Stunden, die sie hier
verbracht.

Sie ging in das Haus und bat ihn, zu warten.

Nach zehn Minuten--zehn Minuten, in denen er wie betubt von seinem
neuen Glck dagesessen hatte--kam sie zurck.

"Armes kleines Ding, sie htte beinahe geweint. Aber ich habe ihr
gesagt, sie solle es so machen, wie ich."

Da hielt er sich nicht mehr und nahm sie in seine Arme. Sie lie es
geschehen, da er sie kte.

Ernst, Wrde, Fassung--Liebreiz, Gte, Harmonie, der Witz der
Feinheit--ein auergewhnlicher Verstand, ein unergrndbares Herz:
wie, alles dies besa er pltzlich, ohne es sich erworben zu haben?--

Das letzte Glas stand vor ihnen. Der gelbe Wein schimmerte in der
Dmmerung.

"Auf unsere Liebe!--Dora!" rief er.

"Nein, auf die Freiheit unserer Liebe, die sie so schn macht!"
sagte sie langsam, bevor sie trank.




XVIII.

Sie verlieen den Garten.

Sie sprachen nicht mehr. Schweigend gingen sie hin.

Aber als sie eine helle Kinderstimme singen hrten--grell und
falsch, doch unbekmmert klang es von den Lippen:



"Nur einmal blht im Jahr der Mai--

"Nur einmal--im Leben--die--Lie--be!--"



sahen sie sich an und lchelten.

"Es ist nicht wahr--" sagten sie sich mit diesem Lcheln,
"hundertmal blhen sie, und immer von neuem, oft zusammen, oft der
eine ohne die andere . . ."

Und sie sagten sich:

"Aber nie hat sie uns so schn geblht, wie dieses Mal . . ."

Wieder hrten sie die Stimme und die Worte.

"Es ist nicht wahr--"

"Es ist ewig nicht wahr--"

An dem Kreuzwege blieb sie stehen. Laut sagte sie ihm:

"Ich gehe jetzt nach Hause. Ich komme schneller dahin, wenn ich
allein gehe.--Um zehn Uhr bin ich auf dem Bahnhofe."

Sie gab ihm nicht die Hand, sie grte ihn nur mit dem Neigen ihrer
Stirn.

Er verstand sie. Er hatte den Hut abgenommen und er verbeugte sich,
als sie ging. Er verstand sie: es war nicht Feigheit, da sie nicht
in den Gassen der Stadt mit ihm zusammen gesehen sein wollte. Nur
_jetzt_ wollte sie unbehelligt bleiben von den frechen Blicken der
Neugier, deren Worte sie von nun an nicht mehr berhren, deren Taten
sie von nun an nicht mehr hindern konnten . . .

Aber er konnte sich nicht enthalten, ihr nachzusehen. Nur eine ging
so: sie. Ohne das Wiegen der Hften, das Schwanken der Schultern,
ging sie stets mit denselben ruhigen, auch in der Eile, wie jetzt,
noch gleichmigen, festen, khnen Schritten die mehr als alles die
Gesundheit ihres Wesens zeichneten.

Die steile Strae abwrts fhrten sie diese Schritte; dann verbarg
ihren Kopf der hngende Zweig eines Baumes und gleich darauf ein
Haus ihre Gestalt, die der dmmernde Schatten des Abend bereits
verwischte.

So lange seine Augen sie noch faten, sah er ihr nach. Nicht eher
lie er los, was er leibhaftig mit den Sinnen zu fhlen noch
vermochte.

Auch durch die Dunkelheit der Entfernung hin versuchte er ihr noch
zu folgen.

Aber er war bereits lange allein.




XIX.

Er sah nach der Zeit: halb acht Uhr.

Also noch nicht drei Stunden waren vergangen, seit er zuletzt auf
diesem Platze gestanden hatte!--

Fast begann er irre zu werden an der Wirklichkeit seines Glckes.

War es nicht alles ein Traum?

Wie wunderbar: er stand als Mann wieder auf der Sttte seiner
Kindheit. Vor Augenblicken hatte er sie wieder gesehen, nach
Augenblicken sollte sie--und voraussichtlich--fr immer wieder
hinter ihm liegen.

Kurze Augenblicke im langen Leben--: noch die Zeit eines Tages nicht
war vergangen. War sie vorber, so faten ihn wieder die Hnde
_seiner_ Welt.

Alles war wunderbar.

Nur einen Menschen vielleicht gab es in dieser Stadt der Kleinheit,
der Selbstgeflligkeit, der Enge, nur einen einzigen wirklichen,
eigenen, freien Menschen, mit dem er zusammen zu leben vermochte--
und diesen Menschen hatte er gefunden! Seltsamer Zufall!

Hier gefunden--nicht in der Lnge der Zeit, die auf kleinem Rume
alle Menschen, die ihn bewohnen, einmal aneinander vorberzugehen
zwingt, nein, durch den seltensten Zufall der Welt, an den Grenzen
dieses Raumes, in der Freiheit der Natur, in der stillsten Stunde,
die keiner ihnen strte.

Er hatte erkannt, da das Meiste von dem, was die Menschen Glck
nennen, sich erwerben lt in Erfahrung und Ausdauer: Ruhe,
Klarheit, Sicherheit und eine gewisse Unabhngigkeit.

Die groen Zuflligkeiten des Glckes waren ihm nie begegnet und
wenig war, was er sich nicht hatte erringen mssen in eigener Kraft.
Daher fhlte er um so tiefer, wie ungeheuer gro der Zufall dieses
Glckes war, welches ihm hier entgegengetreten war, schimmernd,
blendend aus dunklem Rahmen hervor, dicht vor ihn hin--

Und eine wahnsinnige Seligkeit berkam ihn! . . .

Die Dmmerung nahm zu, und die Khle mit ihr. Aus den Grten kehrten
die Brger mit den Ihrigen heim--zum Nachtessen, danach zur Kneipe.
Lichter flammten zu seinen Fen auf. Ineinander zerrannen die
Umrisse der Huser und Straen, und scharf ragten nur noch die
spitzen Trme der Kirchen, der alten und der neuen, empor. Am
hellsten erstrahlten die Lichter drben am anderen Bergeshang, wo
der Bahnhof lag. Flimmernde Linien liefen von dort aus nach beiden
Seiten und erloschen in den Nebentlern.

An den Enden des Tales aber lohten die mchtigen Brnde der Hochfen
in das Dunkel empor, riesige Feuergarben, dort wo eine Tag und Nacht
nicht rastende Arbeit in siegreichem Ringen lag mit einer
barmherzigen Natur und in fruchtlosem Kampfe mit unbarmherzigen,
ererbten, allmchtigen, verschimmelten Vorrechten.--

Ein Ktzchen in weiem Fell schlich ber den Weg. An einem Kinde,
das auf der Bank vor einem der zerstreuten Huser sa, wand es sich
vorber und dann mit schnellen Sprngen an Grach.

Dieser sah das Kind. Er griff in die Tasche, gab ihm alles, was er
an Geld erfate, hob es in die Hhe und kte das Erschrockene auf
den Mund, gleich als msse er sie stillen, die Erwartung nach seinem
Glck, die er nicht mehr ertrug.

Dann eilte er schnellen Schrittes und wie beflgelt die engen Pfade
zwischen den Grten hin und den Berg hinunter.




XX.

Da war er wieder, der groe, totenstille Platz, jetzt eingehllt in
das Dunkel des Abends, da war sie wieder, die alte Kirche, an der er
jetzt vorbeischritt und die er als Knabe so oft zu betreten
gezwungen war, um ttliche Stunden der Langeweile auf ihren Bnken
zu verbringen, da waren sie wieder, die alte Brcke von Stein und
der alte Flu.

Er stand lange ber das Gelnder gebeugt. Ein Gefhl von Vershnung
begann sich in sein Inneres zu schleichen.

Er hate sie nicht mehr, diese Stadt; er hate sie nicht mehr, diese
Menschen.

Was waren sie ihm denn, da er sie hassen sollte? Nichts.

Mochten sie leben und sterben, wie sie wollten, ihm war es gleich.
Litten sie selbst nicht am meisten darunter, da sie so dicht
aufeinander saen, einer in dem Genick des anderen, und sich so
gegenseitig langsam zu Tode qulten?

Und warum sollte er ihnen nicht das harmlose Vergngen der
Selbstgeflligkeit gnnen? Mehr als ein Lachen war die Eitelkeit
dieser aufgeblhten Kleinheit sicher nicht wert.

Sie hatte hier gelebt und gelitten, drei Jahre lang. Er schmte
sich, wenn er seinen eigenen Unmut ber den einen heutigen Tag
verglich mit ihrer vornehmen, schwermtigen Ruhe und ihrem milden,
starkem Ernst, der diese Menschen nicht ndern wollte, sondern sie
gehen lie, aber sie bei Seite schob, wenn sie ihr lstig wurden.

Arme Stadt! lchelte er vor sich hin. Und er nahm ihr noch ihr
kostbarstes Gut . . .

Noch zwei Stunden. Immer noch zwei Stunden?

Er berschritt die Brcke und bog in die Hauptstrae ein. Dann
betrat er eine groe, ffentliche Wirtschaft und setzte sich still
in eine Ecke.

Er bestellte sich zu essen. Aber als das Fleisch vor ihm stand,
erlosch pltzlich sein Hunger vor dem warmen Geruch, und er schob es
wieder von sich.

Innerlich--er fhlte es jetzt deutlich--war er dennoch aufs
hchste erregt.

Er sah sich um. In seiner Nhe stand ein groer runder Stammtisch,
der sich langsam zu besetzen begann. Mehr als ein Gesicht kam Grach
bekannt vor, und pltzlich fiel es ihm ein: das waren ja--es war
kein Zweifel mehr mglich--die "Schlitzohrigen", die grten Mnner
der Stadt, weise im Rat und vorsichtig in der Tat, die er da vor
sich sah. Weshalb sie die "Schlitzohrigen" genannt wurden, wute er
nicht mehr und hatte es wohl auch frher nie gewut, aber der Name
tauchte wieder in ihm empor mit ganzer Deutlichkeit.

Und doch hatten sie sich verndert, die Zeiten: denn frher hatten
diese Gewaltigen allabendlich im "Nhkrbchen" verkehrt, und jetzt--
welcher Unterschied--saen sie hier im Rachen des "Krokodils"!

Innerlich lachte er heimlich und herzlich. Die Lustigkeit siegte in
ihm. Jetzt konnte er essen, whrend er einzelne Worte auffing, die
von dort zu ihm herberflogen.

Man sprach ber stdtische Angelegenheiten. Natrlich. Grach wute,
ber Politik zu sprechen, war hier verpnt.

Pltzlich hrte er eine Stimme, die er kannte. Er sah schrfer hin.
Kannte er dieses Gesicht?--Nein, es war nicht mglich.

Dieser philistrs aussehende Mann, der in kleinen, bedchtigen Zgen
sein Bier trank und in kleinen, bedchtigen Zgen seine Zigarre
rauchte, der so aussah, als ob er kein greres Glck kenne, als
hier zu sitzen und zuzuhren, dieser Mann mit den schweren
Bewegungen und der zufriedenen Stimme, der offenbaren Hochachtung
vor jedem dieser alten Zpfe, das war nimmermehr sein alter,
lustiger, zu allen Dummheiten stets aufgelegter Fritz, der mit dem
Gebrll seiner Stimme so oft die Gasse erschttert hatte in der
sptesten aller spten Stunden!--

Grach rief die Kellnerin herbei und fragte leise.

"I--e," sagte sie, "das ist der Herr Stadtverordnete Beuer."

Da trank er schnell sein Bier aus, zahlte und verlie das Lokal. Er
hatte pltzlich Angst bekommen, jener mge auch ihn wiedererkennen
und anreden. Und das wre fr sie beide doch zu niederdrckend
gewesen.




XXI.

Er war in seinem Hotel gewesen, um seine Sachen zu packen und seine
Rechnung zu bezahlen. Dann war er zum Bahnhof hinaufgestiegen und
hatte zwei Billets erster Klasse nach Paris gelst. Er wute, wann
er extravagant sein durfte. Heute. Im Wartesaal kaufte er dann noch
von dem alten Zeitungsverkufer,--er erkannte auch ihn wieder--
einem alten Original, Fahrplan und Zeitungen.

Nun ging er auf dem Perron auf und ab mit groen und unregelmigen
Schritten.

Er wute, sie wrde kommen, denn sie hatte es gesagt. Eher ging die
Welt unter, als da sie ihr Wort nicht hielt.

Und dennoch qulte ihn die Unruhe, die Unruhe der Erwartung.

Noch war die zehnte Stunde lange nicht gekommen. Der groe Zeiger
auf der weien Uhr hatte kaum die Sechszahl erreicht. Er wute, da
sie auch nicht frher kommen wrde, als sie gesagt; und doch kehrten
seine unruhigen Blicke immer wieder zu der schwarzen, ghnenden
Oeffnung des Aufstiegs zurck, aus der von Zeit zu Zeit die Menschen
emporstiegen: Beamte, Reisende, Koffertrger, ein buntes
Durcheinander . . .

Der sommerliche Abend lag schwl unter dieser weiten Halle, die das
Drhnen der Zge und hundert Rufe durchtnten und erzittern machten.
Ein und aus rasselten die Zge. Nur das Gleis fr den Exprezug, der
hier drei Minuten halten sollte, blieb frei. Die von den Rdern
abgeschliffenen Schienen glnzten wei.

Grach hatte alles vergessen, was er heute gesehen--auer ihr.

Nur an sie dachte er noch und an sein Glck.

Er nannte nicht viel sein eigen. Jeder seiner Jugendfreunde in
dieser Stadt lebte sicher besser als er, und unter allen diesen
Menschen htte wohl nicht einer mit ihm getauscht.

Und doch war er ein seliger Mann. Denn er war ein freier Mann.

Niemand hatte ihm zu befehlen, und niemandem hatte er zu gehorchen.
Er konnte gehen und kommen, wie er wollte, die ganze Welt war sein.

Nicht zu hassen und nicht zu verspotten, nicht zu beneiden, nein, zu
bemitleiden waren sie, die Menschen dort unten in der Stadt, die nur
ein Glck und nur eine Zufriedenheit kannten: Geld, Geld, Geld
zusammenzuscharren in mhseligem Erwerben, dem alle groe Freude
fehlte: die Freude des echten Genieens! . . .

Und er wandte sich ab von ihnen.

Mit jeder Minute, die der zehnten Stunde nahte, wurde er ruhiger.
Seine Schritte wurden langsamer.

Als der Zeiger auf der Uhr den erwarteten Punkt ereicht hatte,
lehnte er sich mit verschrnkten Armen an einen Pfeiler und lie
keinen Blick mehr von der Treppe des Aufgangs.

Viele und verschiedene Menschen stiegen noch in den nchsten Minuten
vor ihm empor und gingen an ihm vorber. Wohl an die hundert. An
keinem blieb sein Auge haften.

Dann aber sah er sie: langsam und sicher hob sich ihre hohe, stolze,
jetzt in einen grauen Staubmantel gehllte, geliebte Gestalt von
Stufe zu Stufe.

Ihre Blicke waren gesenkt, und noch bemerkte sie ihn nicht.

Er ging ihr entgegen.



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